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Zeitschrift 



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der 



Historischen Gesellschaft 

für die 

Provinz Posen, 

zugleich 

Zeitschrift der Historischen Geseilschaft für 
den Netzedistrikt zu Bromberg. 



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Herausgegeben 

von 

Dr. Rodgero Prümers. 
Achtzehnter Jahrgang, ^^ f a « r. Erster Halbband. 




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(iolio, 



Alle Rechte vorbehalten. 



Zeitschrift 



der 



listorischen Gesellschaft 

fOr die 

Provinz Posen 

zugleich 

Zeitselirift der Historisehen Gesellsehaft 

fttr den 

fletzedistrikt zu Bromberg. 



Hi«rausg«g«b«n 



Or. Hodgero Prütners. 



Aehtz«hnt«f ^aKrgang. 



ügentom der Gesellschaft. — Vertrieb durch Joseph Jolowicz. 
Posen 1903. 



Alle Rechte vorbehalten- 



Inhalts -Verzeichnis. 






Sdle 

I. Das HanUnder-Dorf Goldan bei Posen. Ein Beitrag znr 
Wirtschaftsgeschichte Gross-Polens im i8. Jahrhundert. 
Von Dr. Clemens Brandenburger zu Posen ... r 

2L Bchrige zur Geschichte der Gerichts-Organisation fOr die 
Provinz Posen. Von Oberlandesgerichtsrat Karl 
Martell zu Posen 51 

3. Eostachins Trc|^ca. Ein Prediger des Evangeliums in 

Posen. Von Lic. Dr. Theodor Wotschke, Pfarrer 

zu- Santomischel 87 

4. Emigc Mitteilungen Ober die Pilze unserer Provinz. Eine 

Skizze. Von Professor Dn Fritz Pfuhl zu Posen . • 145 

5. Ober Friedrichs des Grossen burleskes Heldengedicht ^Lbl 

gnerre des conf^6r^8''. Von Gymnasial-Oberlehrer 

Dt. Gereon P eiser zu Posen i6x 

^ Fianccsco Lismanino. Von Lic. Dr. Theodor Wotschke, 

Pfarrer zu Santomischel 313 



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301 



Das Hauländer-Dorf Goldau bei Posen. 

Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Gross-Polens 
im i8. Jahrhundert. 

Von 
Dr. Clemens Brandenburger. 




L Die Gründung. 

)oldau, im äussersten Nordosten des Kreises 
Posen- West gelegen, führt seinen jetzigen Namen 
erst seit 1899. Am 19. Oktober 1898 hatte 
nämlich der Schulze auf einstimmigen Beschluss der 
Gemeindevertretung bei dem zuständigen Landratsamte 
den Antrag gestellt, dem Dorfe den Namen „Gk)ldthal" zu 
geben. Daraufhin wurde am 6. April 1899 die ministerielle 
Genehmigung zur Ftlhrung des Namens „Goldau" er- 
teilt Früher hiess das Dorf Zlotkowo-Hauland^). 

Mit dem Beinamen „Hauland" ist die Entstehungsart 
des Dorfes gekennzeichnet; denn emerlei, ob man „Hau- 
land' von der erstmaligen Besetzung solcher Kolonien 
durch eingewanderte Holländers), oder davon ableiten 
will, dass die Ansiedler erst den Wald hauen mussten (also 
Hauland gleich — »rod" in deutschen Ortsnamen), soviel 
steht jedenfalls fest: diese Dörfer bilden eine ganz be- 
sondere Gattung unter den Ansiedelimgen. Eine durchaus 
zutreffende Schilderung von Ansiedelungen, die im 18. Jahr- 
hundert auf Waldboden angesetzt wurden, gibt Chlebs in 
seiner kleinen, anon5an erschienenen Schrift „Über Ur- 



^ Poln. zloto- Gold; owo eine Ortsnamenendang. 

*) In lateinischen Urkunden heissen die Bewohner „Holandi", 
im Polnischen ^Ol^dry* und „Olendry*. Diese Ansicht wird gegen- 
wärtig- von den meisten vertreten. 

ZcHscbrift der Htst Ges. fOr die Prov. Posen. Jahr;. XVIII. 1 



2 Clemens Brandenburger. 

Sprung und Verbreitung des Deutschthums im Gross- 
berzogthum Posen ** (Berlin: Mittler & Sobn 1849) aui 
Seite 32 ff. 

„Sie erhielten entweder einen bestimmten Wald- 
distrikt nach Hufen zugemessen oder es wurde ihnen — 
was bei der damaligen Wertlosigkeit der Wälder nicht 
verwundern darf — im allgemeinen, ohne nähere Be- 
stimmung des Distrikts gestattet, eine bestimmte Anzahl 
von Hufen zu roden, wo ihnen solches beliebte. Jeder 
einzelne erhielt seinen Besitzstand in einem, oft aber auch, 
je nach der Güte des Bodens, in vielen zerstreuten Stücken 
hutfrei, häufig mit dem vom Gutsherrn bewilligten Holze 
umzäimt, und baute sich in der Mitte seines Besitztums 
auf, so dass die Etablissements der Hauländer oft regel- 
los in den Wäldern zerstreut liegen. Wenigstens war dies 
die Regel, obgleich auch geschlossene Hauländerdörfer 
sich vorfinden^). 

„Ihre Leistungen, in Geld- und Naturalzins und nur 
wenigen Diensten, meist zu bestimmten wirtschaftlichen 
Zwecken, als Bauten, Holzfuhren etc. bestehend imd erst nach 
vielen Freijahren eintretend, waren im ganzen massig; ihr 
Besitz in der Regel freies Eigentum, nur hin und wieder 
durch den herrschaftlichen Konsens zum Verkauf be- 
schränkt. Dabei genossen sie häufig Befreiung von öffent- 
lichen Lasten, als Kopfgeld, Einquartienmg etc., und in der 
Regel sehr ausgedehnte Hütungs-, Streu-, Mast- und Holz- 
gerechtsame, auch Hülfe bei Brandschäden und andern 
Unglücksfällen. Einkaufsgeld wurde selten gefordert. 

„Da sie überdies gleich aUen übrigen deutschen An- 
siedlem persönlich frei blieben, so konnten sie bald zu 
einem gewissen Wohlstande gelangen. Zwar hat der 
Übelstand, dass viele dieser Hauländereien auf zu leichtem 
sandigen Waldboden und ohne Wiesen angesetzt sind, 
ihr Gedeihen häufig gehindert. Auch hatten sie in höherem 
Grade, als die älteren Ansiedler, von der Willkür ihrer 
Erbherrn zu leiden, die ihnen nicht selten die verheissenen 



1) Goldau gehört zu den letzteren. 



in' 



Das Haal&nderDorf Goldau bei Posen. 3 

Privilegien ganz vorenthielten, oder die erteilten später 
<hireli Erhöhung ihrer Lasten und Entziehung mancher 
Oerechtsame zu ihreoL Nachteile veränderten. Obgleich 
meistens in Kommunen mit einer ähnlichen Gemeindever- 
fassung wie die älteren, in grösseren Massen zusammen* 
gedrängten Kolonnen vereinigt, waren sie doch wegen 
ihrer isolierten Lage weniger als diese imstande, nüt Er- 
folg g^en solche Willkür anzukämpfen, und mussten sieh 
manche Beeinträchtigung gefallen lassen, für die sie sich 
dann wohl hin und wieder durch Einroden, Ausdehnung 
ihrer Waldgerechtsame imd andere Eingriffe in das mangel« 
haft beaufsichtigte Eigentum ihrer Grundherren zu ent* 
schädigen suchten. Daher die vielen, bis in die neueste 
Zeit herüber gekommenen Prozesse^), in welche sie mit 
ihren Grundherren verwickelt wurden, und die eben nicht 
geeignet waren, ihren Wohlstand zu fördern. 

«Indessen haben sie sich trotz dieser ungünstigen 
Einwhrkungen überall in ihrem Besitztum zu erhalten ge- 
wusst und bilden noch heute einen sehr zahlreichen und 
achtbaren, durch Betriebsamkeit und Tätigkeit ausge- 
zeidmeten Teil der deutschen Bevölkerung hiesiger Provinz, 
-der sich selbst auf düritigem Boden durch Bau von 
Handelsgewächsen, namentlich Hopfen, und durch allerlei 
Nebengewerbe, als Schiffahrt, Fuhrwesen, Brettschneiden 
etc. gut ernährt 

^Wir finden diese Hauländereien besonders in den- 
jenigen Kreisen verbreitet, die damals noch weniger kul- 
tiviert und waldreicher waren, wie in den Kreisen Birnbaum, 
Meseritz, Bomst, Buk, Schrimm, Schroda, Gnesen, Mogilno, 
wogegen sie in den damals schon kultivierteren Kreisen 
Fraustadt, Kröben, Wirsitz und ßromberg fast gar nicht 
vorkommen." 

Allein in den bei der ersten Teilung Polens (1772) 
in Besitz genommenen Landesteilen zählte man über 400 
solcher Hauländerdörfer, deren Grösse mitunter sehr be- 
trächtlich war. 



*) Vergl. darüber weiter unten, Abschn. III. 



4 Clemens Brandenburger. 

Dass auch Zlotkowo auf einer zu rodenden Stelle 
angesetzt wurde, ergibt sich aus dem Wortlaute des unter 
abgedruckten Vertrages; denn dort wird das Land aus- 
drücklich als „zarosami zarosly^ (von Dickicht überwuchert] 
bezeichnet Doch geht aus der Wahl des Ausdruckes her- 
vor, dass Ztotkowo insofern von der Regel abweicht, als 
es nicht auf einem beliebigen Platze im Walde angelegt 
wurde, sondern an einem Orte, der früher urbar gewesen 
und dann aus irgend welchen Gründen ausser Kultiu* ge- 
kommen sein muss. Das ergibt sich auch daraus, dass 
der Ort schon „antiquitus" Zlotkowo hiess (siehe den 
Vertrag). 

Über dieses frühere Zlotkowo habe ich nur eine 
einzige Nachricht gefunden, eine Resignation^), 1450 vor dem 
Posener Grodgericht verhandelt, in welcher ein Edelmann 
Nikolaus Glynyeczky*) sein Gut Zlotkowo, „im Posener 
Distrikt belegen*, seinem Verwandten Nikolaus Morawsky 
auflässt®). Seit jenem September 1450 sind die Geschicke 



1) Res. Posn. 1450 BI. 96, im Posener Staatsarchiv. Liber 
resignationum ist ein bei dem Grodgericht geführtes Register, das 
hauptsächlich für Auflassungen bestimmt ist, aber auch, namentlich 
während der wenig geordneten Zustände der älteren Zeit, oft 
andere Urkunden enthält. 

^ Glinno-Glinienko und Morasko sind unmittelbar an Zlotkowo« 
anschliessende Güter, die sich also um 1450 mit Zlotkowo zusammen 
in der Hand einer Familie befanden. 

^ Nachstehend der Wortlaut der auch wirtschaftsgeschichtlich, 
nicht uninteressanten Urkunde: 

Actum Poznanie die dominica proxima post festum nativitatls- 
beate Marie virginis (13. September 1450). 
Szlothkowo 

Ibidem veniens nobilis Nicolaus filius olim nobilis Stanislai 
Glynyeczsky cum patruis suis et awnculo germano non compulsus 
etc. totam ipsis villam Slothkowo sie nuncupatam in districtu Poz- 
naniensi sitam cum omni jure, dominio et proprietate, prout solus 
tenuit, habuit et possedit, cum agris etc., nihil juris, dominii et pro- 
prietatis ibidem pro se aut suis legittimis successoribus penitus re- 
servando, nobili Nicoiao olim Morawsky, patruo ipsius germano, pro 
centum raarcis latorum grossorum monete Prahensis etc. causa vere 
et perpetue divisionis dedit et ab eadem hereditate seu villa Slotkowo^ 
perpetualiter recessit et ratione huiusmodi divisionis recepit easdem. 



Das Hanlftnder-Dorf Goldau bei Posen. 5 

des Gutes durch drei Jahrhunderte in Dunkel gehüllt. 
Als es dann, als Ödland, wieder auftaucht, befindet es 
sidi im Besitze eines Magnaten aus lu-alter grosspolnischer 
Senatorenfamilie, des Andreas Wyssogota Zakrzewski, 
Kastellans von Kaiisch und Ritters des Stanislausordens^). 
Es ist ihm ein lästiger Besitz, denn es bringt ihm nicht 
flor nichts ein, sondern sein Gut Golenczewo^ muss sogar 
für die Wüstenei die Kopfsteuer^ entrichten; da, wie aus 



ccBtnm marcas et propter hoc eandem villam Slothkowo dicto patruo 
SSO conun nobis rite et rationabiliter juxta terre consuetudinem im- 
perpetnam restgnavit presentibus ibidem quibas supra. 

Bemerkung zu der Angabe des Verkaufspreises „centum marcae 
btoram grossorum monetae Prahensis'' : i Mark Silber ist gleich 48 
(ffoschcn, der Prager Groschen = 3,717 gr. fein, also 100 Mark 
Sflbor = 17841. 6 gr. fein oder ungefähr 1072 Taler (Vgl. Pieko- 
^aski, O monecie i stopie menniczej w Polsce w XIV. i XV. wieku. 
(Über Münze und MOnzfuss in Polen im 14. und 15. Jahrhundert). 
Knkan la^a 

*) Ober die Zakrzewski vom Wappen Wyssogota: Theodor 
ZychliAski, Zlota Ksi<:ga Szlachty Polskiej. (Goldenes Buch des 
pobischen Adels), i. Jahrg. S. 347 ff., und Jan Nep. Bobrowicz, 
Herbarz Polski Ks. Kaspra Niesieckiego S. J. (Polnisches Wappen- 
bach des P. Kaspar Niesiecki S. J.) S. 36. 

^ Gründungs- Vertrag § 8 (Beilage i). 

*) Die Kopfsteuer, poglowne, ursprtUiglich nur in Zeiten all- 
gemeiner Gefahr des Vaterlandes, besonders in Türken- und Tartaren- 
kriegen ausgeschrieben, wurde seit 1717 eine dauernde Hauptsteuerart. 
Das gewahrt auch einen gewissen Anhalt für den Zeitpunkt der 
Vcrwtkstong Zlotkowos. Da nämlich verlassen daliegende Ländereien 
bei der Einführung der Kopfsteuer nicht in Anrechnung gebracht 
^nuden, so muss Zlotkowo 1717 noch besiedelt gewesen sein. Es 
^vorde dann entweder zwischen 1717 und 1719 (Waffenstillstand mit 
Sdiweden) oder während des Polnischen Thronfolgekrieges (1733 — 
1737) uid der darauf folgenden inneren Unruhen verwüstet. Der 
Umstand, dass erst „Dickicht'' das Land überwucherte und es noch 
kerne Bäume trug (Vertrag § i), scheint für die letztgenannte Mög- 
tidikeit zu sprechen. 

Ähnliches bietet die Klage über die Kopfsteuer im Kontrakte 
^ Stadt Posen von 1719 mit den „Bambergem" in Luban. Dort 
I^^ es m § 8: ,,Da ntm das Kopfgeld, welches laut der Constitution 
<lie Stadt Posen halbjährig zu entrichten hat, sehr drückend ist und 
lach dem Taryff die Summe nicht zusammenbringen kann, daher nun 
«ich die noch lebenden für die schon verstorbenen zahlen müssen» 



6 Clemens Brandenburger. 

dem Vertrage (§ 8) ersichtlich ist, die Kopfsteuer für Jahr 
und Hufe 4 Gulden 20 (Kupfer) Groschen betrug, Zlotkowo 
aber 11V2 Hufen zählte, so hatte die Herrschaft Golenczewo 
jährlich 53 Gulden 20 Groschen^) für das Ödland aufzu-^ 
bringen. Begreiflich, dass der Kastellan den Verlust in 
Gewinn umzuwandeln suchte, und zwar auf jene Art und 
Weise, die damals, wie zu allen Zeiten, für die slavischen 
Grossen die bequemste und ertragreichste war: durch 
die Ansetzung deutscher Bauern. 

Der Gründungsvertrag datiert vom Palmsonntag, den 
26. März 1752, aber die Ansetzung erfolgte spätestens um 
die Mitte des Jahres 1751, wie aus dem ausdrücklichen 
Hinweis im Vertrag (§ 2) hervorgeht, dass die Hauländer 
fast schon ein Jahr in Zlotkowo sässen. Woher sie ge- 
kommen, war urkundlich nicht festzustellen. Im Dorfe 
selbst erfuhr ich aus dem Munde der Leute, dass ihre 
Vorgänger (nicht „Vorfahren**) aus Brandenburg, Pommern 
und Schlesien eingewandert sein sollen. Die Familien- 
namen widersprechen dem nicht, sind vielmehr zum Teil 
ausgesprochen niederdeutsch. Beachtenswert erscheint ein 
änderer Umstand : in den Urkunden der Schulzengerichts- 
barkeit aus dem 18. Jahrhundert weist das mehrfache 
Vorkommen des Ausdruckes „Sterke" für „junge Kuh**,, 
der sich von Oldenburg bis Livland findet, dem ober- 
deutschen Sprachgebiete dagegen fremd ist, auf Branden- 
burg, Pommern, Preussen hin, kaum auf Schlesien. 

Aus der Mundart von heute kann man in dieser Be- 
ziehung ebensowenig Schlüsse ziehen, wie aus der 
Tracht; beide bieten keine Besonderheiten mehr, und 
selbst wenn das der Fall wäre, würde ich in Hinblick 
auf die bei der steten Zuwanderung fehlende Familien- 
überlieferung Bedenken tragen, irgend etwas daraus 
folgern zu wollen. 



wie es auch theils die Stadt thun muss, so geben wir den Lubonschen 
Leuten hiermit auf" etc. (Abgedruckt bei Bftr, Die Bamberger bei 
Posen. Anlage i). 

1) Der polnische (Silber-)Gulden galt ungefähr 50 Pfennige 
(genauer 0,486 M) und zerfiel in 30 (Kupfer-)Groschen. 



Das Hauländer-Dorf Goldau bei Posen. 7 

Der Grund dafür, dass nicht sofort bei der An- 
siedelung ein schriftlicher Vertrag abgeschlossen wurde, 
ist wohl darin zu suchen, dass die neuen Ansiedler zuvor 
Gel^enheit haben sollten, die Verhältnisse kennen zu 
lernen und zugleich ihre Brauchbarkeit zu erweisen, ehe 
man zum endgiltigen Vertragsabschluss schritt. Dass aber 
von vornherein mündliche Abmachungen getroffen 
worden waren, erhellt der § 2 des Vertrages zur Genüge. 

Das zur Gemarkung Ztotkowo gehörige Land um- 
fasste elf Hufen und 16 Morgen. Gemeint sind polnische 
Hufen zu 30 Morgen (zu 300 Geviert-Ruten), auf Grund- 
lage der alten kulmischen Hufe (28 Morgen 291 Geviert- 
Ruten = 16,81 ha) ausgebildet, aber etwas grösser als 
diese, nämlich 17,955 ha. Damach betrug die Gesamt- 
fläche der Gemarkung Zlotkowo 206,105 ha oder 346 poln. 
Moi^en (zu 59,85 ar), wovon 14V2 Morgen oder 8,68 ha 
für die Schule ausgeschieden wurden, sodass nur noch 
iV« Morgen über 11 Hufen hinaus übrig blieben. Nun 
zählt aber das Verzeichnis zu Eingang des Vertrages nicht 
II, sondern 12 Ansiedler auf, nämlich: 

1. Johann Bachmann, 7. Paul Hirschmann, 

2. Johann Möller, 8. Michael Kiembein, 

3. Witwe Kurzmann, 9. Christoph Schultz, 

4. Gottfried David Krüger, 10. Peter Pachotek, 

5. Schmied Bleschke, 11. Friedrich Laube, 

6. Johann Christoph Korn, 12. Matthias Binder. 
Es waren also von vornherein 10 Ganzhufner und 

2 Halbhufner vorgesehen. Der eine Halbhufner wird 
sogar im Vertrage angeführt, wenn auch nicht mit Namen. 
In § 4 heisst es nämlich, dass eine halbe Hufe „frei" sein 
solle (von den in dem vorhergehenden Paragraphen auf- 
gezahlten Lasten) für denjenigen, der die Schenke über- 
nehme. Wer der andere Halbhufner war, ist nicht er- 
sichtlich. 

Übrigens ist zu bemerken, dass die Hufen in Wirk- 
lichkeit nicht genau 30 Morgen gross waren, wenigstens 
nicht alle, denn sonst könnte im Vertrage nicht die Rede 
davon sein, dass die Hauländer den von jeder Hufe zu 



8 Clemens Brandenburger. 

entrichtenden Zins nach Anzahl der einem jeden ge- 
hörenden Morgen unter sich repartieren sollten (§ 2), und 
dass der Kastellan sich verpflichte, die noch unvermessene 
Grenzwiese denen zuzuteilen, denen noch etwas zur 
Hufe fehle (§ 7). Auch Besitzungen von mehr als 
30 Morgen kommen vor. So wird z. B. in dem in Beilage 2 
mitgeteilten Einzelprivileg gesagt, dass dem Johann Möller 
30 Morgen und 32 Ruten zugewiesen wurden. Es ist ja 
natürlich, dass die Bedürfnisse des Wirtschaftslebens 
mathematische Genauigkeit nicht zuliessen, und dafür, dass 
hierdurch keine ungerechte Bevorzugung einzelner entstand, 
ist durch die erwähnte proportionale Verteilung der Ab- 
gaben in billiger Weise Sorge getragen. 

Hervorzuheben ist, dass den Goldauem das Bauholz 
nicht unengeltlich überlassen wurde, wie es sonst bei der 
Ansetzung von Hauländem zu geschehen pflegte, dass 
vielmehr jeder einen Goldgulden für das vom Erbherm 
zu liefernde Holz zahlen musste (§ i). Das erklärt sich, 
wie auch der Vertrag hervorhebt, daraus, dass es in der 
Gemarkung keine Bäume gab. Infolgedessen konnte auch 
nicht, wie anderwärts, bei der Instandsetzung der Acker 
das nötige Holz gewonnen werden. 

Eine andere Eigentümlichkeit des Vertrages ist die 
hohe Zahl der Freijahre, hoch in Anbetracht des Um- 
standes, dass es sich doch nur um die Wiederaufnahme 
einer während weniger Jahrzehnte unterbrochenen Kultur 
handelte. Den 6 Freijahren für Goldau stehen z. B. nur 
3 Freijahre für die unter ganz ähnlichen Verhältnissen an- 
gesiedelten Bamberger in Luban^) und ein Freijahr für 
die Bamberger in Rataj^) gegenüber, während in dem vom 
Grafen Leon Raczynski 1755 für Kopaszyn ausgestellten 
Privileg3) Freijahre überhaupt nicht erwähnt werden. 

Auch die übrigen Bedingungen des Vertrages sind 
äusserst liberale, wie die umstehende vergleichsweise 



*) Bär, Die „Bamberger" bei Posen. Posen 1882. Beilage i,§3. 
^ ebendaselbst Beilage 3, § a. 

3) Abgedruckt bei KrasiAski, Bauernverhältnisse in Polen 
1. S. 161 ff. 



Das Hanländer-Dorf Goldao bei Posen. 



Nebeneinanderstellung der Vertragsbedingungen von Gol- 
daUf Luban und Kopaszyn dartut 

Vergleichende Gegenüberstellung der Bedingungen des 
Ansiedlungsvertrags dreier deutscher Dörfer. 



Goldau 



Lttban 
1719 



Kopaszyn 
1755 



Freijahrc: Sechs. 

Viehhaltung: Gross- 
vieh und Ziegen an- 
beschrankt^5Schafe 
anf die Hnfe. 



Hntnng: Im Walde 
von Golenczewo ; 
Nachhutung auf Wie- 
sen xuidFeldem dort- 
selbst DicHerrschaf t 
hat dieses Recht 
anf Goldaner Ge- 
markung aber nicht. 

Verfassung: i) Re- 
ligionsfreiheit, Schul- 
zenwahl. 

2) Stellenverkauf ge- 
gen Entrichtung von 
I Taler für die 
Hufe durch jeden 
Kontrahenten. 
3) 

Abgaben: i) Der 
Kirche laut Spezial- 
veru^. 



2) Kopfsteuer mit 4 
Gulden 30 Groschen 
ffir Jahr und Hufe. 



Drei. 

Unbeschränkt. (Die 
Stadt Posen hatte 
natürlich kein In- 
teresse an einer 
Beschränkung der 
Wollerzeugung.) 

Müssensich die Hutung 
des Posener Viehes 
gefallen lassen,o h n e 
Gegenleistung. 



i) Katholisch, Schul- 
zenwahl. 

2) Stellenverkaufgegen 
Abgabe des V i e r t e n 
Teils des Ver- 
mögens. 

3) Beschränkungen im 
Erbrecht. 

i) Maien zu Pfingsten 
und Fronleichnam 
in die Pfarrkirche. 
Weitere kirchliche 
Lasten nicht genannt 

a) Kopfsteuer für das 
Jahr: der Wirt 4 
Gulden, die Frau 4 
Gulden, der Knecht 
3 Gulden, das Kind 
2 Gulden. 



Grossvieh und Ziegen 
unbeschränkt, auf 
der Scholtisei 300 
Schafe, sonst keine. 



i) Religionsfreiheit, 
Erbschulze. 

2) Stellenverkauf ge- 
gen Entrichtung von 
10 M. 



3) 

i) Wie seit alters an 
die Kirche, 



2) Nicht angeführt, 
musste aber zweifel- 
los bezahlt werden, 
weil öffentlich-recht- 
lich. 



lO 



Clemens Brandenburger. 





Goldau 




Luban 


Kopaszyn 




1752 




1719 




3) Gnindgeld mit 60 


3) Grundgeld: der 


3) Grundgeld mit ao 


Tymft 


en für Jahr imd 


Ganzbauer jAhrlich 


Tymfen für Jahrond 


Hufe. 






SoTymfe, der Halb- 
bauer 25 Tymfe. 


Hufe. 


4). . 


.... 




4) Steuer der „Hyber- 
na*' zusammen 100 
Gulden jährlich. 


4) 


5). • 


» • • • 




5) 


5) I Gans und 2 Hennen 
für Hufe und Jahr. 


Dienste: i) Für Hufe 


i) Jede eigene Haus- 


i) 4 Tage Spanndienste 


und 


Jahr I 


Tag 


haltung bis zu 6 


für Hufe und Jahr, 


Hand 


- und I 


Tag 


Tagen Handdienste» 


ausserdem nach 


Spanndienst. 




ausserdem jeder 


Wahl der Herrschaft 








Wirt 3 Tage Spann- 


noch I Tag Hand- 








dienste, jeder Ein- 


oder Spanndienst. 








mieter noch 3 Tage 










Handdienste. 




a). . 






2) 


a) a Getreidefuhren für 
Hufe und Jahr nach 
Bromberg oder Po- 
sen oder für die 
Fuhre 5 Tymfe. 


3). . 


• • • • 




3) Dürfen andere 
Dienste nicht 
verweigern. 


3) Dürfen andere 
Dienste nicht 
verweigern. 



Die den Hauländem zugestandenen Rechte waren 
folgende: 

i) Sie erhielten die ihnen zugeteilten Ländereien zu 
erblichem und frei verkäuflichem Besitz (§ 15 
der Gründungsurkunde). 

2) Es wurden ihnen 6 Freijahre bewilligt, ablaufend 
mit dem 11. November 1757 (§ 2). 

3) Sie erhielten Hutungsrecht im Golenczewer 
Walde (§ 10). 



Das Hanlftnder-Dorf Goldau bei Posen. II 

4) Sie durften auf jeder Hufe 25 Schafe halten, aber 
mehr nicht^ (§ 11). 

5) Sie hatten die Hutung auf den Golenczewer 
Stoppelfeldern imd Wiesen nach dem Mähen 
und nachdem vorher die Herrschaft die Vor- 
hutung daselbst geübt hatte (§ 12). 

6) Es stand ihnen freie Schulzenwahl zu (§ 9). 

7) Sie durften ihre Religion frei ausüben (§ 6). 

8) Sie durften einen eigenen Friedhof anlegen (§ 5). 

9) Sie durften eine eigene Schule unterhalten, zu 
der Dienstland lastenfrei angewiesen war. 

10) Sie hatten das Schankrecht für den Ort, eben- 
falls mit lastenfreiem Krugland, und durften den 
Krugwirt selber bestimmen (§ 4). 

Dem standen folgende Verpflichtungen gegenüber: 

1. Sie mussten die Bestätigung der Herrschaft nach- 
suchen a) für den gewählten Schulzen (§ 9), b) für den 
gewählten Krugwirt (§ 4). 

2. Sie mussten von Hufenverkäufen die Herrschaft 
in Kenntnis setzen (§ 15), wahrscheinlich, damit ge- 
gebenenfalls diese Widerspruch gegen den Käufer er- 
heben konnte. 

3. Sie mussten sich verpflichten, bei Verkauf ihrer 
Hufe je einen Taler Gebühr sowohl seitens des Ver- 
käufers wie seitens des Käufers an die Herrschaft abzu- 
führen (§ 15). (Man vergleiche damit die Gegenüber- 
stellung). 

4. Sie durften niemals Ziegen im Golenczewer 
Walde hüten, desgleichen hatten sie das Vieh von den 
Schonungen sorglich fem zu halten (§ 10). 

5. Sie mussten sich verpflichten, allen Schaden, der 
auf Golenczewer Gemarkung von ihren Herden etwa an- 
gerichtet werden sollte, gemäss der Abschätzung durch 
den Schulzen zu ersetzen (§ 13). 

^) Damit die Bauern nur Wolle für den eigenen Bedarf er- 
zengten und dem Gutsherrn keine Konkurrenz im Wollverkauf, einer 
seiner wichtigsten Einnahmequellen, machten. Vergl. Schottmüller, 
Handel und Gewerbe in der Provinz Posen. Posen 1901* 



12 Clemens Brandenburger. 

6. Sie durften Wachs niemals anderswohin ver- 
kaufen als an die Herrschaft, die einen Gulden für das- 
Pfund zu geben hatte (§ 14). 

7. Sie mussten sich verpflichten, den beim Kastellan 
mit dem katholischen Pfarrer von Sobota abzuschliessen- 
den Vertrag über die jener Kirche zustehenden Abgaben 
innezuhalten (§ 6). 

8. Die Zlotkower Kopfsteuer, die bisher von Golen- 
czewo getragen worden war, hatten sie nach Ablauf der 
Freijahre mit halbjährlich 2 Gulden 10 Groschen für die 
Hufe selbst zu entrichten (§ 8). 

9. An Lasten gegenüber der Gutsherrschaft hatten 
sie zu leisten: während der Freijahre zwei Handtage für 
Hufe imd Jahr in der Erntezeit (§ 3), später für Hufe und 
Jahr: je einen Tag Hand- und Spanndienste (§ 3) und 
60 Tymfen*) in Geld (§ 2). 

Ebenso freiheitlich wie diese Bemessung von Rechten; 
und Pflichten war auch die Gemeindeverfassung. 
Während man anderwärts zu jener Zeit die Besiede- 
lung oft noch in der von alters beigebrachten Weise 
vornahm, dass man sich mit einem „locator** in Ver- 
bindung setzte^, dem für sich und seine Rechtsnachfolger 
das Schulzenamt verliehen wurde, wofür er dann die 
nötigen Ansiedler zusammenzubringen hatte, war in 
Goldau der Schulze frei wählbar, nur dass die Herrschaft 
sich das Bestätigungsrecht vorbehielt Dem Schulzen 
stand die niedere Gerichtsbarkeit zu, d. h. diejenige für 
Übertretungen, die also mit Geldstrafe zu sühnen waren; 
es ist das aus dem alten jus teutonicum herübergenommen. 
Da jedoch bestimmt wxirde, dass alle Strafgelder an die 
Herrschaft abzuführen seien, während nach dem jus 
teutonicum ein Drittel davon dem Schulzen zufiel, so 
kam jegliches Interesse an häufigen und hohen Strafen 
in Fortfall. Gegen das Urteil des Schulzen stand Appel- 
lation an die Herrschaft zu, die seit 1523 höchster Ge-^ 



1) Etwa 36 Mark. 

^) So auch in Kopaszyn. 



Das Hattlftnder-Dorf Goldau bei Posen. 13 

richtshof für ihre Hintersassen war. Weitere Be- 
stimmungen scheinen bei der Gründung nicht getroffen 
worden zu sein. Man wollte sich offenbar den Ansiedlern 
m<Vglichst entgegenkommend erweisen, indem man ihnen 
überliess^ sich nach dem Brauche ihrer Heimat einzu- 
richten. Ja man ging in diesem Entgegenkommen so 
weit, dass man die Abschätzung und Aburteilung von 
Flurschäden auf der Gutsgemarkimg Golenczewo nicht, 
wie doch zu erwarten gewesen wäre, der Herrschaft vor- 
behielt, sondern dem Schulzen übertrug, also einem von 
<ienen, die den Schaden zu bezahlen hatten! 

Ich bin geneigt, den Grund für diese auffallende 
Erscheinung nicht etwa in einem besonderen Wohlwollen 
<ies Kastellans gegenüber den Hauländem, sondern darin 
zu suchen, dass er derartige Lockmittel für nötig 
hielt, um Ansiedler zu gewinnen. Die Herrschaft war ja 
oberstes Gericht für den Bauern, konnte also, wenn sich 
-die Vertragsbestimmungen später als lästig erwiesen, die- 
selben einfach abändern oder ignorieren, wie es ander- 
wärts auch Sitte war. In der Tat ist das binnen 
iveniger Jahre eingetreten! 

Vorläufig aber nahm und gab Herr Andreas 
Wyssogota Zakrzewski, Kastellan von Kaiisch und Erb- 
herr von Zlotkowo, die Versicherung, dass die Satzung 
vom Palmensonntag 1752 für ewige Zeiten bindend und 
:zu Recht bestehen solle. Damit war das Hauländerdorf 
Zlotkowo rechtlich begründet. 

II. Aus polnischer Zeit 

Das erste Lebenszeichen der neuen Gemeinde, dem 
wir nach Vollziehung des Gründungsaktes begegnen, ist 
<lie Eintragung der Gründungsurkunde in die Bücher des 
Posener Grodgerichtes am Karmittwoch, den 29. März 
1752. Diese Eintragung war zur rechtlichen Gültigkeit der 
Gründungsurkunde nicht erforderlich, wurde jedoch fast 
immer vorgenommen, weil die Abschrift in den Grodr 
büchem vor Gericht dieselbe Beweiskraft hatte, wie das 



14 Clemens Brandenburger. 

Original, was bei Verlusten oder Fälschungen des Originals 
von Bedeutung war. Der Kastellan hatte deshalb im Ver- 
trage versprochen, für die Eintragung der Urkunde Sorge 
zu tragen. Merkwürdigerweise erfolgte die Eintragung^ 
aber nicht auf seine Veranlassung, sondern auf Antrags 
dreier Abgesandter der Hauländer, die in der Einleitung 
zu der Grodgerichtsverhandlung namentlich aufgeführt 
werden: Johannes Bachmann, Friedrich Laube und 
Christoph Schultz. Diese drei handelten etwa nicht als 
Beauftragte des Kastellans, sondern, wie es in der Ver- 
handlung ausdrücklich heisst : „suis et aliorum Holandorum 
nominibus.*^ Ob diese Abweichung vom Vertrage auf 
einer mündlichen Abmachung mit dem Erbherm beruhte 
oder ob die Hauländer es für sicherer hielten, wenn sie 
selbst die Eintragung überwachten, muss ich dahingestellt 
sein lassen. 

2 V* Jahr nach der Gründung erfolgte der erste ^ 
urkundlich auf uns gekommene Besitzwechsel. Johann 
Möller verkauft seine Hufe mit allem Zubehör an einen 
gewissen Christoph Hirschfelder, wozu der Kastellan 
am I. Juni 1754 seine Bewilligung gab '). Diese Ein- 
willigung ist auf dem Privileg des Johann Möller aus- 
gestellt und überträgt ausdrücklich alle Rechte und 
Pflichten des bisherigen auf den neuen Privileginhaber. 
Es war das bei dem Fehlen von Grundbüchern in der 
polnischen Rechtspflege der einfachste Weg, den Neu- 
erwerber zu legitimieren und sicherzustellen. Mit Hirsch- 
felder kam diejenige Familie nach Goldau, die sich einzig 
und allein von allen Familien aus polnischer Zeit im 
Mannesstamme bis heute im Dorfe erhalten hat. Alle 
anderen Namen aus jenen Tagen sind durch Erlöschen 
des Mannesstammes oder durch Wegzug verschwunden. 
Gewiss ein merkwürdiger Umstand, wenn man bedenkt,, 
dass in den Bamberger -Dörfern die alten Familien fast 
durchweg erhalten blieben. Das Aussterben des Mannes- 
stammes ist natürlich nicht erklärlich. Wohl aber lassen 



1) Siehe Beilage a. 



Das HaulAnder-Dorf Goldau bei Posen. 15 

sich Gründe dafür beibringen, dass der Wegzug in Goldau 
häufiger war, als er in den Bamberger-Dörfem gewesen 
sein kann: In Goldau war nämlich die Abwanderung 
fast iinbeschränkt frei; denn die Abgabe von einem Taler 
ist kaum als eine Beschränkung zu betrachten. In dem 
Bambei^er-Dorf Luban dagegen war die Abwanderung 
fast unbeschränkt unterbunden; denn die Abgabe von 
25^/0 des ganzen Vermögens musste prohibitiv wirken. 

Stärker noch als die leichte Wegzugsmöglichkeit 
wirkte aber unzweifelhaft die schnell eintretende Ver- 
schlechterung der persönlichen Lage auf den häufigen 
Wechsel der Goldauer Wirte hin. Die Bambei^er, ob- 
wohl von Anfang an viel schlechter gestellt als die 
Goldauer, waren im Grunde genommen doch besser daran, 
weil ihre Verhältnisse rechtlich viel gesicherter waren. 
Sie standen in Diensten der Stadt Posen, also einer 
juristischen Person, während die Goldauer auf dem Lande 
eines Einzelnen sassen. Die Aufsicht über die Bamberger 
war nicht in Händen eines Mannes, sondern des Kollegiums 
der Kämmerer, die kein Interesse an einer Ausbeutung 
hatten, und gegen die stets die Berufung an den Magistrat 
offen stand, während den Goldauem der Gutsherr zugleich 
oberster Gerichtsherr war, dessen Anordnungen befolgt 
werden mussten, falls er die Macht hatte sie durchzusetzen. 
Die Lage der Bamberger konnte also stets die gleiche 
bleiben, die der Goldauer musste sich natumotwendig 
verschlechtern, sobald sich der Gutsherr Vorteil davon 
versprach. 

Dieser Fall trat bereits 1757 ein. Am 6. Februar 
jenes Jahres wurde den Hauländem seitens des Gutsherrn *) 
ein neues Privileg aufgedrängt, das den Bauern die Ver- 
pflichtung auferlegte, jährlich für die Herrschaft sechs 
Fuhren nach Thom zu tun oder für jede Fuhre 32 
Groschen poln. zu zahlen und anstatt des im Gründungs- 

^) Ob noch Andreas Zakrzewski damals Gutsherr war oder 
bereits Karl Nieiychowski, habe ich nicht feststellen können. Viel- 
eicht war es bereits der letztgenannte, der 1762 auch eine Dorf- 
Ordnung erliess. 



l6 Clemens Brandenburger. 

Privileg festgesetzten einen Hand- und einen Spanntages 
jährlich deren zwölf zu leisten. Natürlich weigerten sich 
die Wirte, das neue Privileg anzuerkennen, weil sie „bei 
diesen Diensten in ihrer Wirtschaft nicht bestehen 
könnten"^) und weil sie nicht zur Feststellung desselben 
hinzugezogen worden seien. Aber die Weigerung half 
nichts. Wer nicht gutwillig leistete, der wurde mit Stock- 
schlägen oder mit Exekution in sein Vermögen mürbe 
gemacht. In einem Falle wurde der Bauer sogar auf die 
Weise gezwungen, dass ihm der Gutsherr die Wahl Hess, 
ob er leisten oder sein Haus in Flammen sehen wolle. 
Eine Berufung gab es nicht. Unterwerfung oder Verkauf 
war die Alternative. Von dieser letzteren Möglichkeit 
scheint, wie auch aus der Zusammenstellung am Ende 
dieses Abschnittes hervorgeht, so häufig Gebrauch gemacht 
worden zu sein, dass es der Gutsherr am i8. September 1775 
angebracht fand, wiederum ein neues Privileg zu erlassen, 
das eine Abgabe von 10 % bei jedem Verkaufe einführte, 
an Stelle des „für ewige Zeiten" garantierten Talers von 
der Hufe. 

Zwischen diese beiden Privilegien aber fällt die 
Einführung einer Dorfordnung. Am 20. Dezember 176a 
erliess Karl Niezychowski, der neue Besitzer von Golen- 
czewo, eine „wilkerliche und geburchliche Gerechtigkeit" '^), 
damit unter den „gutten ehrlichen Leuthen — gutte Ordenung, 
auch Friede und Einigkeit gestifftet, darnebst der geburchliche 
Gehorsam erhalten werde." 

Die Dorfordnung ist ein äusserst bedeutsamer Beleg 
für den tiefgehenden Einfluss, den das jus teutonicum in 
Polen gewonnen hatte, indem sie sich in vielen Stücken 
ganz eng an dasselbe anschliesst, obwohl doch die alten 
deutschen Kolonien, mit denen einst das jus teutonicum 
ins Land gekommen war, längst polonisiert waren und 
eine Überlieferung kaum mehr bestand. 



1) Aus dem Tribunals-Erkenntiiis der siXdpreussischen Regierung 
vom II. August 1798. 

2) Siehe Beilage 3. 



Das HatüÄnder-Dorf Goldau bei Posen. 17 

Was zunächst die Dorfobrigkeit angeht, so be- 
-stimmte die Ordnung, dass die ^Nachbarn'' (d. h. die 
Vollberechtigten, die Wirte, nicht auch die Haussöhne^ 
Einmieter u. s. w.) einen Schulzen und etliche Beisitzer 
wählen sollten, die des Dorfes Bestes sollen helfen fort- 
setzen, die zwistigen Händel, so vorfallen, mittein und 
^ scheiden, über dieser — Anordnung halten, die verwirkten 

Strafen einfordern und jährlich den Nachbarn Rechnung 
thun sqllen. Offenbar hatten jährlich Neuwahlen statt- 
I zufinden, denn es sollten diese nachfolgenden Punkte den 

[ Nachbarn zweimal des Jahres vorgelesen werden, 

erstlich stracks nach gehaltener Kür, zum andern 
' auf Michael, damit sich niemand mit Unwissenheit zu 

^ entschuldigen habe^). Die Bestätigung, oder, wie es im 

Original heisst, die „Bekräftigung" der Wahl stand dem 
, Gutsherrn zu, eine Bestimmung, die sich ja schon in der 

f Gründungsurkunde findet Sonderbarerweise wird die Zahl 

I der zu wählenden Beisitzer in der Ordnung nicht fest- 

gesetzt Doch geht aus den erhaltenen Urkunden hervor, 
' dass ihre Zahl stets drei betrug, so dass der Gemeinde- 

] vorstand sich zusammensetzte wie folgt: i. Der regierende 

Schulze, 2. der älteste Gerichtsmann, zuweilen auch Ge- 
meindeältester genannt, 3. der Nachbarschulze, auch Bei- 
sitzer genannt, 4. der jüngste Gerichtsmann. 

A. Stellung der Dorfobrigkeit. 
I. Die Befugnisse 
lassen sich etwa folgendermassen zusammenfassen: 

a) Der Schulze konnte die Wirte zusammenbieten 
oder zusammenbieten lassen. Wer ohne triftigen Grund 
fem blieb, hatte 5 Groschen Strafe zu zahlen (§ i). Seinen 
Anordnungen war unbedingte Folge zu leisten (§ 2, § 3, 
§ 17 u. a. mehr), einerlei ob er sie persönlich oder durch 
Beauftragte erteilte (§ 4). Doch konnte jeder, der sich 



I *) Auch in Luban musste die „Verordnung" zweimal jährlich 

I vorgelesen werden, zu Ostern und Michaelis, damit sie ^in gutem 

•Gedächtnis bleibe." (Bär a. a. O. Beilage i § 23). 

Zeitschrift der Hist. Ges. fOr die Prov. Posen. Jahrg. XVIII. 8 



i8 Clemens Brandenburger. 

dadurch oder durch Rechtsentscheidungen beschwert ver- 
meinte, an die Herrschaft appellieren. Allerdings wurde 
„freventliche und mutwillige* Berufung mit einer „guten 
Mark* gestraft (§ 38). Insonderheit wurde festgesetzt^, 
dass die Nichtbefolgung von Anordnungen zu des Dorfes^ 
Bestem, als da sind: die Treiben zu bessern, die Grenzen 
zu verfertigen, die Wassergänge und Gräben zu krauten 
und auszuräumen, mit 2 Mark und nach einer erfolg- 
losen Frist von 8 Tagen mit dem doppelten zu bestrafen 
sei (§ 17). 

b. Der Gemeinde vorstand hatte Funktionen sowohl 
der Rechtspflege wie der Verwaltung auszuüben. Er besass 
die Rechte einer öffentlichen Urkundsperson, indem 
Testamente und Kontrakte unter seiner Mitwirkung aus- 
zufertigen waren (§ 36), und war Gerichtsbehörde in allen 
Fällen, die nicht unter die Kriminalgerichtsbarkeit fielen. 
Letztere war der Herrschaft vorbehalten (§ 37). Die Bei- 
sitzer allein hatten keinerlei Befugnisse auszuüben, sondern 
stets nur in Gemeinschaft mit dem Schulzen, ausgenommen^ 
dass der Gemeindeälteste oder der Nachbarschulze den 
Schulzen im Behinderungsfalle zu vertreten hatte. 

Die Verwaltungsrechte des Kollegiums erstreckten 
sich vor allen auf die Verwahrung imd Verwendung der 
Strafgelder und Gebühren. Diese Gelder wurden in einer 
besonderen Lade beim Schulzen aufbewahrt, zu der die 
Schlüssel sich in Händen der Beisitzer befanden. Betreffs 
der Verwendung war bestimmt, dass das Geld nicht 
„verschlemmt" werden dürfe, sondern zu Ausbesserungen 
und Neuanlagen im Interesse des Dorfes verwendet 
werden müsse, und zwar immer mit Vorwissen der Wirte 
(vgl. Einleitung der Dorfordnung). Durch dieses System 
mehrfachen Verschlusses der Lade und öffentlicher 
Kontrolle der Verwendung war Veruntreuungen und Unter- 
schlagungen nach Möglichkeit vorgebeugt 

Von den besonderen Strafen bei Vergehungen gegen 
die Mitglieder des Gemeindevorstandes wird weiter unten 
die Rede sein, wenn ich den Schutz von Person, Eigentum 
und Rechten zu behandeln habe. 



Das HanUnder-Dorf Goldan bei Posen. 19* 

2. Die Pflichten. 

Ein grosser Teil der Befugnisse war ohne weiteres. 

mit dementsprechenden Pflichten verknüpft, die aus der 

obenstehenden Aufzählung leicht ersichtlich sind, sodass^ 

es einer nochmaligen Hervorhebung nicht bedarf. Es, 

braucht also nur auf die in der Dorfordnung ausdrücklich 

genannten Verpflichtungen eingegangen zu werden. 

I a) Der Schulze war gehalten^ Kriminal- oder hals- 

peinigliche Vergehen sofort der Herrschaft anzuzeigen^ 

damit dieselbe in die Möglichkeit versetzt wurde, ihre 

Gerichtsbarkeit auszuüben (§ 37). 

I b) Das Gesamt kollegium war verpflichtet, alle 

14 Tage am Dienstag Gerichtssitzung abzuhalten, nach 

j Anhörung von Klage imd Verteidigung die Händel zu 

' schlichten und auch den Fremden zu ihrem Rechte zu 

I verhelfen, damit nach göttlichen und weltlichen Rechten 

' einem jedweden, sowohl einem Einheimischen als Aus- 

I ländischen ^), widerfahre, was recht und billig ist imd sich 

I niemand mutwillig zu beschweren habe (§ 34). Doch 

durften bei 5 Groschen Strafe Weiber, sofern sie verheiratet 

und ihr Mann ortsanwesend war, nicht vor Gericht er- 

I scheinen (§ 5), und Klagen waren nur anzunehmen, wenn 

die klägerische Partei den Verklagten spätestens am Tage 

1 vorher zur Verantwortung geladen hatte (§ 34). Die ver- 

) hängten Strafen waren unablässig einzufordern (§ 34). 

Ganz besonders hatten Schulze wie Ratsleute darüber 

zu wachen, dass die Dämme und die Wasserläufe in 

i Ordnung waren, und zu sorgen, dass vorkommende Schad- 

I haftigkeiten sofort ausgebessert wurden. Wurden sie hierin 

lässig befunden, so sollten sie nach Erkenntnis der ganzen 

Gemeinde gestraft werden. 

Im Schluss der Dorfordnung wm-de das Kollegium 

dann noch im allgemeinen streng verpflichtet, über die 

I Ausführung aller Bestimmungen der Ordnung, Satzung^. 

Konstitution mit Ernst zu halten, wofern es nicht selbst 

die jeweils festgesetzte Strafe doppelt verwirken wollte. 

1) Mit den ^Ausl&ndlschen' sind die von den Gütern anderer 
Herren stammenden Leute gemeint. 



20 Clemens Brandenburger. 

3. Die Einkünfte und Gefälle. 

a) An regelmässigen Bezügen hatte der Schulze 10^ 
die Ratsleute 15 Groschen von der Hufe zu beanspruchen, 
die jährlich bei der Wahlversammlung unter Strafe der 
Verdoppelung zu entrichten waren (§ 6). 

b) Bei allen Reisen, die sie im Interesse des Dorfes 
machen mussten, waren ihnen die Unkosten zu erstatten, 
und zwar wurde die Summe durch Umlage nach Land- 
besitz aufgebracht (§ 7). 

c) Für die Besichtigung eines Grundstückes zwecks 
Schadenabschätzung hatte das Gericht 12 Groschen zu 
beanspruchen (§ 29), ebensoviel für die Gerichtsver- 
handlung von jedem, der Recht begehrte, und da hierbei 
dem Schulzen ausdrücklich 4 Groschen zugesprochen wurden 
(§ 35)» so ist anzunehmen, dass ihm auch bei der Schaden- 
abschätzung 4 Groschen gehörten. 

d) Dem Schulzen allein standen zu: die Gebühren 
für Klage wegen Grenzverletzung mit 10 Groschen 
<§ 18), von Blut- und Blauschlägen 8 Silbergroschen 
nebst der gerichtlichen Gebühr (d. h. 4 Groschen) (§ 37) 
und von der Viehpfändung der dritte Pfennig (§ 25). 

B. Regelung des Zusammenlebens im Dorfe. 
1. Kauf und Verkauf. 

a) Kaufverträge über Mobilien galten als ab- 
geschlossen, wenn ,,gewiss Bier darüber getrunken worden" 
war. Hielt dann der eine Kontrahent den Vertrag nicht, 
so war er gehalten, zwei Tonnen Bier zu geben (§ 9). 

b) Landverkäufe durften nicht heimlich abge- 
schlossen werden, sondern waren bei dem Schulzen an- 
zumelden. Die Kaufsumme musste bei ihm hinterlegt 
werden, und nach Abschluss des Vertrages hatte die 
„ganze Nachbarschaft**, d. h. alle Wirte, Anspruch auf 
eine Tonne Bier (§ 39). 

Wollte aber jemand sein Land an einen Dorffremden 
verkaufen, so hatte der Schulze die Wirte bei einer von 
<lem Verkäufer zu liefernden Tonne Bier zu versammeln 



Das Hauländer-Dorf Goldan bei Posen. 21 

und Umfrage zu halten, ob vielleicht einer der Wirte das 
Land kaufen möchte. War das der Fall, so stand dem 
Betreffenden der Verkauf vor dem Fremden zu. Meldeten 
sich mehrere, so hatte der mit Acker und Baustelle an- 
grenzende den Vorzug. Allen voran aber gingen die 
freunde", d. h. die Anverwandten des Verkäufers. Auf 
Übertretung dieser Bestimmungen stand eine Strafe von 
lo guten Mark an die Herrschaft und von einer Tonne 
Bier an die Nachbarschaft (§ 40). 

Der Umstand, dass für die häufigen Mobilien- und 
die nicht seltenen Immobilienverkäufe gerade die Abgabe 
einer Tonne Bier als Grundbedingung festgesetzt wurde, 
mag teilweise in der Sitte begründet sein. Anderseits 
aber hat sicherlich mitbestimmend gewirkt, dass in Golen- 
czewo eine herrschaftliche Brauerei bestand — in Polen 
hatte jede Herrschaft ihre eigene Brauerei, wenn nicht 
sogar mehrere^) — , die für den Absatz ihres Bieres 
natürlich in erster Linie auf die Bauern angewiesen war. 
Anderwärts, z. B. in der mehrfach erwähnten Urkunde 
von Kppaszyn, wird ausdrücklich bestimmt, dass die 
Bauern das Bier nur aus der herrschaftlichen Brauerei 
holen, dass im Dorfkrug kein anderes ausgeschenkt 
werden dürfe. Daher überall bei der Gründung die Für- 
sorge für einen Krug, die Ausstattung desselben mit 
Land, die Besserstellung des Krugwirtes in bezug auf 
Dienste und Abgaben! Da auch in Goldau der Krug 
mit Land ausgestattet war (siehe oben!), so ist füglicher 
Weise anzimehmen, dass der Zwang im Bierbezug eben- 
falls bestand. 

2. Pfändung, 
a) Wenn jemand Vieh pfändete, so durfte er es 
nicht in seinen eigenen Stall treiben, sondern musste es 
beim Schulzen oder den Ratsleuten imterstellen, bei 
Strafe einer guten Mark (§ 24). Die Sorge für Tränken 
und Füttern lag jedoch dem Pfänder ob, der für jeden 
Schaden haftbar blieb (§ 22). Die Bestimmung, dass das . 

>) Vei^I. n. A. Schottmaller a. a. O. 



^2 Clemens Brandenburger. 

Vieh bei einer Gerichtsperson unterzustellen sei, wurde 
vor allem wohl deshalb getroffen, damit der Pfänder nicht 
in Versuchung käme, das gepfändete Vieh zu seinem 
Vorteil auszunutzen. Die Dorfordnung verbot ausdrücklich 
jedem, die gepfändeten Kühe zu melken, die gepfändeten 
Pferde zu reiten, ebenfalls bei i Mark Strafe (§ 28). 
Auch wurde die Aufsicht der Pfändungen, die Verfolgung 
willkürlicher Pfändungen erleichtert, die Hinterziehung 
^es dem Schulzen zustehenden dritten Pfennigs ver- 
hindert Wurde das Vieh auf fremdem Grunde und 
Boden betreten, so durfte sich der Besitzer der Pfändung 
nicht widersetzen. Jeder Versuch zum Widerstand kostete 
I Mark Strafe (§ 26). War das Vieh in Gerichtsverwahr 
gebracht, so hatte der Schulze es dem Gepfändeten so- 
fort anzusagen. Löste der sein Vieh nicht desselbigen 
Tages aus, so hatte er 5 Groschen Stallgeld für jedes Tier 
zu zahlen. Die zweite Nacht kostete 10, die dritte 20, 
<lie vierte 40 und die fünfte 80 Groschen für das Tier. War 
<ias Vieh auch bis dahin noch nicht eingelöst, so wurde 
-es, der gnädigen Herrschaft in den Hof getrieben, 
also Eigentum des Gutsherrn (§ 23). Die Auslösung 
geschah, indem der Pfänder den ihm erwachsenen 
Schaden durch das Gericht, dem für die Flurbesichtigung 
12 Groschen zustanden, abschätzen liess und die ab- 
geschätzte Summe von dem Gepfändeten als Lösegeld 
iorderte, dazu die Besichtigungsgebühr. Doch konnte 
^r sich, und bei geringen Schäden wird er es natürlich 
immer getan haben, mit dem gewöhnlichen Pfand- 
gelde von i Groschen für jedes Tier begnügen (§ 29). 
Wollte jemand sein Vieh sofort wieder los haben, 
und konnte der Schaden nicht mehr am Pfändungstage 
abgeschätzt werden, so musste er Bürgen stellen, die 
tiem Schulzen genügend erschienen und die sich für das 
doppelte Pfandgeld, also für 2 Groschen für das Tier, ver- 
bürgten (§ 25). Dann konnte er sein Vieh sofort wieder 
mitnehmen und die Auslösimg später erledigen, eine 
Massregel, die den wirtschaftlichen Bedürfnissen durch- 
aus Rechnung trug. 



I Das Haaländer-Dorf Goldau bei Posen. 23 

I 

b) Gänse und Enten dagegen sollten nicht ge- 

' pfändet werden, wahrscheinlich in Anerkennung des 

I -alten Wahrspruches, dass die Ndmberger keinen hängen, 

-ehe sie ihn haben, und ausserdem in der Erwägung, dass 

I man bei dem schwer zu beaufsichtigenden Geflügel aus 

f Pfandungsstreitigkeiten gamicht herausgekommen wäre. 

i Hier durfte sich jedermann sein Recht selbst schaffen, 

indem er das Federvieh totschlug oder totwarf, doch 

musste er die getöteten Tiere dem Eigentümer ins Haus 

I schicken (§ 30). 

3. Brandschäden. 

a) Brach ein Brand aus, so hatte sich selbstver- 
ständlich jeder an den Lösch- und Rettungsarbeiten zu 
beteiligen; Zuwiderhandlungen wurden mit 3 guten Mark 
bestraft (§ 11). Wer dabei zu fremden Werkzeugen, als 
Äxten, Beilen, Hacken a s. w. griff, der durfte dieselben 
nach Bewältigung des Feuers nicht nach Hause nehmen, 
sondern hatte sie bei einer Mark Strafe unverzüglich zum 
Schulzen zu bringen, damit sie von Amtswegen dem 
Eigentümer wieder zugestellt wurden (§ 12). 

b) Dem Abgebrannten sollte mit einer „christlichen 
Beisteuer** geholfen werden, und zwar je nach der Grösse 
des Schadens mit einem Groschen von der Hufe. Auch 
jnusste ihm Holz, Sand u. s. w. zum Wiederaufbau her- 
beigefahren und sonst nach Möglichkeit Beistand geleistet 
werden (§ 10). 

4. Vom Gesinde. 
a) Der Gedanke der Einigkeit, der in der soeben 

angeführten Beihilfe bei Feuerschäden zum Ausdruck 
kommt und der später noch einmal beim Diebstahl wieder- 
kehren wird, findet sich auch im Gesinderecht, indem 
niemand einen Gärtner oder Einlieger ohne Vorwissen 
und Zustimmung der anderen Wirte annehmen durfte, 
bei Strafe einer Tonne Bieres (§ 33). Es sollten keine 
Leute ins Dorf kommen, die Anlass zu Misshelligkeiten 
geben und das gute Einvernehmen der Einwohner stören 



24 Clemens Brandenburger. 

konnten. Dem suchte man durch diese Bestimmung vor-^ 
zubeugen. 

b) Wer einem anderen die Taglöhner ausmietete^ 
ehe sie entlohnt und entlassen waren, der sollte eine 
Mark Strafe zahlen (§ 20). Wer aber einen Knecht 
oder eine Magd dem Dienstgeber abspenstig machte,, 
dem wurde die Strafe verdoppelt, und ausserdem musste 
er den Dienstboten wieder zu dem alten Herrn zurück- 
kehren lassen (§ 21). 

5- Schutz von Leib und Leben und Ehre*. 

a) Verleumdung und Ehrabschneidung, durch 
2 untadelhafte Zeugen bewiesen, wurde mit 2 Mark be- 
straft. Ausserdem war der Verurteilte zum Widerruf 
gezwungen (§ 15). Lief jemand vor eines anderen Tür^ 
um ihn mit Scheltworten herauszufordern, so büsste er das 
mit 3 guten Mark (§ 13). 

b) Da die Vergehen wider Leib und Leben vor 
das Gericht des Gutsherrn gehörten, so bleiben sie in 
der Dorfordnung unerwähnt, mit Ausnahme des Wege-^ 
lagems. Wer dieses Vergehens mit 3 unversprochenen 
Zeugen überführt wurde, war der Dorflade 4 Mark ver- 
fallen, ohne damit der gebührenden Leibesstrafe zu ent- 
rinnen (§ 14). 

c) Mit besonderem Schutze waren die Gerichtsver- 
handlimgen und die obrigkeitlichen Personen ausgestattet. 
Das war durchaus notwendig, denn einerseits war gerade 
vor Gericht und den Gerichtspersonen gegenüber die 
Versuchung zu Ausschreitungen am häufigsten und grössten,. 
anderseits musste nirgend so strenge Ordnung und Achtung 
gefordert werden wie gerade hier. 

Wer einen andern vor Gericht mit Scheltworten 
anfuhr oder der Lüge zieh, der musste es mit 5 Groschen 
büssen, wer sich aber gar zu Tätlichkeiten hinreissen 
Hess, hatte das Doppelte zu zahlen und durfte ausserdem 
das Gerichtslokal nicht eher verlassen, als bis er sich mit 
seinem Gegner vertragen hatte (§ 31). Schickte der 
Schulze jemanden in des Dorfs Gerichtsgeschäften aus^ 



Das Hauländer-Dorf Goldau bei Posen. 25 

und wurde dieser Beauftragte beschimpft oder geschlagen^ 
so hatte der Angreifer 2 gute Mark zu zahlen, weitere 
Strafe nach Erkenntnis des Gerichtes zu leisten (§ 4). 
Kam jemand schimpfend oder mit „scharfem Gewehr" ins 
Schulzen- oder Gerichtshaus, weigerte er sich dem Verhör, 
so war er ohne weiteres mit 2 Mark zu strafen. Vergriff 
er sich aber an den Gerichtspersonen, so war durch 
besonderen Gerichtsspruch gegen ihn zu erkennen (§ 2). 
Und wenn mit Zwang gegen ihn vorgegangen werden 
musste, dann hatte er Schläge und Wunden seinem eigenen 
Verschulden zuzuschreiben (§ 3). 

6. Schutz des Eigentums. 

a) Ich habe schon oben (B 4) vorwegnehmend 
bemerkt, dass der Solidaritätsgedanke bei der Bestimmung 
über den Diebstahl wiederkehre. Es waren nämlich alle 
Wirte verpflichtet, an der Suche und Verfolgung des Diebes 
teilzunehmen (§ 19), Diese Verpflichtung findet sich 
übrigens unter dem Namen „^lad** auch schon im ältesten 
polnischen Recht. 

b) Das Befahren eines bestellten fremden Ackers 
verpflichtete zu einer Mark Strafe und zu Schadenersatz 
(§ 16). Ebenso wurde schadenersatzpflichtig, wer fremdes 
Vieh schlug oder warf (mit 3 Mark) (§ 27) und wer durch 
Grenzgräben und unberechtigte Abzäunungen den Nach- 
bar in der Bestellung seines Landes hinderte und störte 
(jedesmal mit 10 Groschen Schulzengebühren) (§ 18). 

c) Mass und Gewicht hatten sich nach Posener 
Brauch zu richten. Vorsätzliches und betrügerisches 
Zuwiderhandeln wurde laut besonderem Gerichtsspruch 
bestraft (§ 32). 

d) Für die Beschädigung von Ackern und Wiesen 
durch fremdes Vieh konnte sich jeder vermittelst der oben 
ausführlich behandelten Pfändung schadlos halten (B 2). 

7. Erb gang. 
Hinsichtlich des Erbganges ist aus den uns er- 
haltenen Dokumenten der Schulzengerichtsbarkeit ^) ersicht- 

1) Vgl Gemeinde-Akten von Goldau, Nr. 25, 33, 21, 36, 34, 38, 35. 



20 Clemens Brandenburger. 

lieh, dass keine Realteilung vorgenommen wm*de, dass- 
vielmehr der älteste Sohn, unter Umständen auch die 
wiederverheiratete Witwe oder ein Schwiegersohn, die 
Wirtschaft übernahm und die übrigen Erbberechtigten mit 
Geld, Vieh, Aussteuer abfand, wobei der Übernehmende 
stets bevorzugt war. Die Abfindung erfolgte bei minorennen 
Erben erst nach erlangter Grossjährigkeit, bei Töchtern 
gewöhnlich erst gelegentlich ihrer Verheiratung. 

Ich möchte nicht unterlassen, hier einige Beispiele 
solcher Auseinandersetzungen anzuführen, da sie die wirt- 
schaftliche Lage der Hauländer recht gut beleuchten. 

a) Am 2. November 1776 heiratete Johann Redel die 
verwitwete Frau Anna Katharina Schweife, wobei Haus,, 
Hof und Hufe auf ihn überging, wogegen er versprechen 
musste, den 3 Stiefsöhnen nach erlangter Grossjährigkeit 
je 5 Taler (zu 6 Gulden) auszuzahlen, jedem 2 fünfjährige 
Rinder, den beiden ältesten einen halben Wagen und dem 
jüngsten nach Wahl auch einen halben Wagen oder aber 
einen Pflug zu geben. Die Töchter sollten bei ihrer 
Verheiratung 2 Kühe, einen Kessel, ein aufgebettetes Bett 
und ein Brautkleid bekommen, auch wurde ihnen die 
Hochzeit frei ausgehalten. Ausserdem bekam jedes der 
Kinder 3 Schafe und einen Bienenstock. Der Anteil eines 
etwa minorenn Verstorbenen fiel den andern zu (Gemeinde- 
Akten, Inv. Nr. 21). 

b) Am 16. November 1783 verkaufte Johann Gottlob- 
Korn seine Hufe Land an seinen Schwager Christian 
WiUert für 300 Gulden mit der Verpflichtung, der einen 
Schwester des Verkäufers die Hochzeit auszurichten und 
eine Kuh zu geben, während der Verkäufer selbst die 
gleiche Verpflichtung für die andere Schwester eingfing 
(Inv. Nr. 34). 

c) Am 24. April 1785 übernahm Johann Kraft die 
Wirtschaft seines verstorbenen Vaters mit der Auflage,, 
seine drei noch ledigen Schwestern ebenso auszustatten,, 
wie der Vater die verheiratete Tochter ausgestattet hatte,, 
nämlich ihnen zu. geben: 12 Mutterschafe, 7 Jungschäfe 
und 6 Lämmer, zusammen 25 Stück, ein einjähriges Schwein,. 



Das Haulftnder-Dorf Goldau bei Posen. 27- 

zwei Kühe, zwei Gänse, ein Bett mit vier Kissen und 
einer Lade darunter. Ausserdem musste er für ihre Er- 
ziehung sorgen, sie mit Kleidung imd bei der Verheiratung 
mit Aussteuer versehen und jeder 10 Reichsthaler geben. 
Doch hatte jedesmal zwischen den Leistungen mindestens 
ein Jahr zu liegen, damit der Bruder mit seiner Wirtschaft 
in Ordnung blieb. Zum Vergleich mit der Abfindung im 
vorhergehenden Falle möchte ich noch bemerken, dass diese 
Wirtschaft 8 Jahre vorher für 800 Gulden an Johann 
Kraft senior übergegangen war (Kaufpreis bei Nr. 2 nur 
300 Gulden). 

d) Am 26. April 1787 musste Michael Brauer ver- 
sprechen, seinem Stiefsöhnchen aus der Hinterlassenschaft 
des Vaters zu geben: 15 Reichstaler (zu 6 Gulden), ein 
Paar Rinder von 4 Jahren, 10 Stück Schafe, ein Pferd 
imd einen Pflug. Dieser Vertrag erhält besondere Be- 
deutung dadurch, dass in ihm Taxen angegeben sind^ 
nämlich 10 Taler für das Pferd, 5 Taler für das Rind^ 
I Taler für das Schaf, während der Pflug 18 Gulden 
wert sein sollte (Inv. Nr. 35). 

8. Besitzwechsel. 
Ich habe, soweit die Unterlagen noch vorhanden 
sind, für die Zeit von 1752 bis 1793, von der Gründung 
bis zur preussischen Besitzergreifung, 19 Fälle von Besitz- 
wechsel durch Verkauf oder durch Wiederverheiratung 
einer Witwe mit einem Dorffremden feststellen können. 
Da 1793 nur noch Johann Hirschmann aus einer der 
ersten Ansiedlerfamilien als Wirt aufgeführt wird, der 
wahrscheinlich noch auf der Scholle seiner Väter sass, 
so verteilen sich die 19 Fälle auf 11 Wirtschaften, von 
denen also mehrere ihren Besitzer öfters gewechselt 
haben müssen. Hiervon fallen mindestens 7 Besitzwechsel 
(für eine ganze Anzahl Hess sich das Jahr nicht fest- 
stellen) auf die Zeit nach 1775. Das schon erwähnte 
Privileg vom gleichen Jahre, das der Gutsherrschaft den 
zehnten Groschen beim Verkauf zusprach, vermochte 
demnach den Wegzug der ersten Ansiedler nicht auf- 



28 Clemens Brandenburger. 

zuhalten. Der Grund lag in der fortwährenden brutalen 
Rechtsverletzung seitens der Herrschaft, die das wirt- 
schaftliche Emporkommen erschwerte und nicht geeignet 
^ar, Leute zum Bleiben zu veranlassen, die, unter 
preussischem Szepter geboren, an die Verhältnisse eines 
geordneten Rechtsstaates gewohnt waren, die wussten, 
dass seit 1772 in Westpreussen und im Netzedistrikt Recht, 
Ordnung und Wohlstand unter der Regierung des grossen 
Königs ihren Einzug gehalten, dass man dort Bauern 
suchte, um das entvölkerte Land zu besiedeln und die 
dem Wasser abgerungenen Strecken in Kultur zu nehmen. 

9. Kirchliche Ordnung. 
Kirchlich gehörte Goldau zur Kreuzkirche in Posen. 
Da die Gründung aber in die Zeit des sogenannten 
Posener Kircheninterregnums fällt, während dessen die 
Kreuzkirche infolge der Herrschaft der Posener Jesuiten 
geschlossen war, und die Protestanten nach dem 11 Kilo- 
meter entfernten Schwersenz zur Kirche mussten, so finden 
wir Namen von Goldauer Bauern erst seit der Wieder^ 
eröffnung, 1779, in den Kirchenbüchern. Wo die Goldauer 
in der Zwischenzeit ihren kirchlichen Bedürfnissen genügten, 
wer ihre Kinder taufte, ihre Brautpaare einsegnete, ihre 
Toten begrub, habe ich nicht ermitteln können. Die 
Schwersenzer Kirchenbücher habe ich vergeblich darauf- 
hin durchgesehen. Die Auskunft, die ich im Dorfe selbst 
erhielt, war dürftig. Danach sollen die Taufen meist in 
•der katholischen Kirche zu Sobota stattgefunden haben; 
im übrigen sollen die Leute die Kirche in Revier (Kreis 
Wongrowitz, nahe der Posener Bezirksg^renze) besucht 
haben. Aus der handschriftlichen Chronik des Lehrei-s 
Dalchau, die sich auf die Berichte einiger inzwischen ver- 
storbener, sehr alter Dorfbewohner stützt, ergiebt sich, 
dass jeden zweiten Sonntag Gottesdienst in der Schule 
stattfand, bestehend aus gemeinsamem Gesang und aus 
dem Verlesen einer Predigt durch den Lehrer, der infolge- 
dessen „Verleser" hiess. Wahrscheinlich haben auch die 
Begräbnisse auf dem Gemeinde-Friedhof nur unter Be- 
gleitung des Lehrers stattgefunden. 



\ Das Hauländer-Dorf Goldan bei Posen. 29^ 

10. Schule. 
Von der Erlaubnis, eine Schule zu errichten, machten 
' die Goldauer schon früh Gebrauch. Das Schulhaus war, 

wie alle anderen Häuser, aus Lehm und Fachwerk auf- 
i geführt und mit Stroh gedeckt. Es enthielt nur eine 

' Stube, eine Kammer und einen Anbau zur Unterbringung- 

( der Kuh. Der Unterricht fand in der Wohnstube statt. 

Die Kinder sassen um einen Tisch herum; wer keinen 

Platz fand, musste dem Unterricht stehend beiwohnen. 
I Natürlich war der Lehrer nicht das, was wir heute unter 

I diesem Namen verstehen, sondern irgend ein Handwerker, 

I der zur Not lesen, schreiben und rechnen konnte. Seine 

f Bildimg kann man leicht ermessen, wenn man die Kauf- 

\ und Ehekontrakte durchliest, die sämtlich von des Lehrers 

Hand geschrieben sind. Die Besorgung der Schreib« 
l arbeit für den Schulzen war überhaupt die wichtigste 

I Aufgabe des Lehrers, denn unter den Bauern war keiner,. 

\ der auch nur seinen Namen zu schreiben verstand. 

C. Rückblick auf die polnische Zeit. 
Darüber kann kein Zweifel obwalten: Die zurück- 
bleibenden Bauern wären innerhalb eines halben Jahr- 
hunderts unfehlbar in den Zustand völliger Hörigkeit 

^ versunken — trotz ihrer „für ewige Zeiten** bestätigten 

Freiheiten und Rechte — , wenn die polnische Herrschaft 
länger gedauert hätte. 

* Es ist das die gleiche Erscheinung, wie sie uns drei 

Jahrhimderte früher bei den alten Dörfern deutschen 
Rechtes begegnet, die auch in sehr kurzer Frist aus dem 

' Zustande der Erbfreiheit in den der Hörigkeit verfielen. 

) Fragen wir nach den Ursachen, so lässt sich un- 

schwer erkennen, dass auch diese beidemal dieselben sind. 
Die Grundlage bildet die imbeschränkte Herrschaft der 
Adelsrepublik, die im 18. Jahrhimdert noch stärker aus- 

■ gebildet war als zur Zeit der Jägiellonen. Der polnische 

Adel hatte weit ausgedehntere Rechte als die Grundherren 
der ostdeutschen Territorialstaaten, ja man kann be- 
haupten, dass er wirklich, wenn auch nicht rechtlich die- 



:30 Clemens Brandenburger. 

selbe Stellung einnahm, wie die reichsständischen Feudal- 
herren. War er so mit unbeschränkter Gewalt über 
Leben und Tod, über Freiheit und Eigentum seiner Guts- 
untertanen ausgerüstet, eine Gewalt, gegen die es keine 
Berufung, keinen Schutz gab, so bedurfte es nur eines An- 
stosses, um ihn zur Durchführung derselben zu veran* 
lassen und die dem Recht nach freien Bauern zu Hörigen 
herabzudrücken. Diesen Anstoss hatte im 15. Jahrhundert 
die durch den neuerschlossenen Zugang zur Ostseeküste 
ermöglichte freie Getreideausfuhr gegeben, die den Adel 
zur Ausdehnung seiner Anbaufläche reizte. Im 18. Jahr- 
hundert finden wir den gleichen Beweggrund. In Polen 
hatte ein ausgedehntes System von Berechtigungen zu 
Privatzollerhebungen bestanden, das durch die Steuer- 
reform des Convocations-Reichstages von 1764 aufgehoben 
und durch einen „GeneralzoU** ersetzt wurde. Dieser 
Generalzoll war jedoch durchaus nicht allgemein, vielmehr 
standen dem Adel weitgehende Privilegien^) zu, indem 
I. alle land- und forstwirtschaftlichen Erzeugnisse, die auf 
adligen Fuhren zum Markt oder für den Eigengebrauch 
auf andere Güter gebracht wurden, abgabenfrei waren, 
und indem 2. alles Vieh von einem Gute zum anderen 
steuerfrei durchgelassen wurde. Damit war der ganze 
innere Verkehr, besonders nach den städtischen Märkten, 
der bisher unter den Privatzollschranken schwer gelitten 
hatte, für den Adel bezw. seine Beauftragten freigegeben, 
was natürlich sofort eine stärkere Produktion hervorrufen 
musste. Aber auch für den Export wurden dem Adel 
bedeutende Erleichterungen zu Teil, indem i. sein Ge- 
treide nur 2 polnische Gulden Ausfuhrzoll für die Last^) zu 
zahlen hatte und indem 2. seine „necessaria" zollfrei ins 
Land gelassen wurden. Welcher Antrieb zur Erhöhung 
der Produktion und der Ausfuhr in der Vereinigung dieser 
beiden Privilegien lag, bedarf wohl keiner weiteren Aus- 

1) Vgl. Krasinski, Geschichtliche Darstellung der Bauern- 
Verhältnisse in Polen (Krakau 1898) ü. S. 12 ff. — Henryk Schmitt, 
Dzieje Polski w 18 i 19 wieku (Krakau 1866-«) H. S. 65 ff. 

2) I Last = 30 Scheffel zu 120,6 Liter = 3618 Liter. 



Das Haniftnder-Dorf Goldau bei Poseo. 31 

ftthning. Zu gesteigerter Produktion bedurfte man er- 
höhten Arbeitsaufwandes, also einer grösseren Zahl von 
Arbeitern. Da diese, wie Stenger^) in seinem Aufsatze ganz 
richtig bemerkt, als landwirtschaftliche Lohnarbeiter in 
[ jener Zeit nicht zu haben waren, so zwang man die 
^ Bauern zu ungerechtfertigten Dienstleistungen. Damit 

^ hängt es auch zusammen, dass von den Goldauern jährlich 

6 Fuhren nach Thorn verlangt wurden. Nach Thom 
brachte man das Getreide, um es von dort zu Schiff 
oder auf Flössen nach Danzig zu bringen. 
^ So verband sich die ungeordnete Rechtslage des 

Landes mit den wirtschaftlichen Bedürfnissen des Adels, 
\ um den freien Bauern in die Hörigkeit zu zwingen. Als 

I aber seit dem Einmarsch der Preussen die Idee des 

Rechtsstaates ziun Siege gelangte, da waren die wirtschaft- 
[ liehen Bedarfnisse der bisher herrschenden Klasse nicht 

I mehr mächtig genug, um sich diesem Prinzip gegenüber 

durchzusetzen. Die Folge war, dass die Bauern wieder 
in ihren alten Stand gesetzt wurden. 

IIL Bei der Krone Preussen. 

Doch auch für Goldau sollte die Stunde der Erlösung 
schlagen. Am 23. Januar 1793 schloss Friedrich Wilhelm II. 
mit der Kaiserin Katharina II. die Petersburger Convention, 
-die ihm neben Thorn und Danzig auch das alte Gross- 
polen überantwortete. Am 24. Januar überschritten die 
Truppen des Generals von Moellendorf in der Gegend von 
Schwerin a. W. die polnische Grenze. Die Aufnahme 
der militärischen Besitzergreifung, die über Erwarten glatt 
von statten ging, war in den verschiedenen Landesteilen 
und bei den verschiedenen Volksschichten nicht dieselbe. 
In einem Bericht des Ministers von Hoym, datiert Breslau, 
II. Februar 1793, heisst es hierüber: 

„Was die Stimmung der Polen bey den jetzigen 
Umständen anbetrifft, so ist der ohneweit der diesseitigen 
Grenze befindliche Adel dabey ziemlich ruhig und in- 

1) S. folgenden Abschnitt. 



32 Clemens Brandenburger. 

different; je entfernter und je tiefer derselbe in Gross- 
Pohlen ist, desto unzufriedener ist derselbe und fast bis 
auf die Raserey über die ihm bevorstehende Veränderung 
gebracht, dahingegen der Bürger und Bauer durch- 
gängig den Augenblick segnet, in welchen Ew» 
Majestät jene Distrikte in Dero Besitz nehmen lassen,, 
indem er dadurch von derSclaverey und von dem 
Druck befreyet wird, unter welchem er zeither 
vergebens geseufzet hat"^). 

Nachdem die militärische Besitznahme vollendet war,, 
wurde am 25. März das Notifikationspatent ^ erlassen, das 
erstemal, dass der König öffentlich zu seinen neuen Unter- 
tanen sprach. Der König verhiess darin, ,,das gantze 
Land dergestalt zu regieren, dass der vernünftige und 
wohldenkende Theil der Einwohner glücklich und zufrieden 
sejm kann und keine Ursache haben soll, die Veränderung 
in der Landesherrschaft zu bereuen." Zugleich wurdea 
Anordnungen für die Erbhuldigung getroffen, die am 
Dienstag den 7. Mai 3) stattfand. 

Zu dieser Huldigungsfeier entsandten die Goldauer 
ihren derzeitigen Schulzen Martin Schmidt mit nachstehen- 
der Vollmacht:*) 

„Wir Endesunterschriebne Einwohner des im Posni- 
schen Distrikt gelegnen Dorfes Zlotkowa, ertheilen hiermit 
unserm Schnitzen Martin Schmidt Vollmacht, in unserm 
Nahmen bei der Sr. Königl. Majestät von Preussen auf 
d. 7. Mai in Posen zu leistenden Huldigung zugegen zu 
seyn und den zu leistenden Huldigungs Eid in unsre 
Seele zu schwören, unter der Erklänmg, dass wir diese 
Eidesleistung also ansehen wollen, als ob sie von uns 
allen persönlich geschehen wäre. Zlotkowa d. 6. Mai 
1793." (Folgen die Unterschriften). 



J) Brcslaucr Staatsarchiv, M, R. V. 10 Vol. XVI. Ausführlich 
ist jene Zeit behandeh in Prümers etc., Das Jahr 1793. Posen 1895. 
Sonder- Veröffentlichung der Historischen Gesellschaft. 

^ Abgedruckt bei Prümers etc. Das Jahr 1793 S. 4a ff. 

3) Prümers etc. a. a. O. Seite 13. 

^ Gemeinde- Akten, Inv. Nr. 3. 



Das Hauländer-Dorf Goldau bei Posen. 33 

Die Einverleibung Grosspolens in den preussischen 
Staat hatte fast überall zur Folge, dass die Bauern der 
Gutsherrschaft die aufgezwungenen und ungerechten 
Dienste verweigerten, sich vielfach sogar mit Gewalt wider- 
setzten. So heisst es schon in einem Bericht Moellendorfs 
an das Kabinetsministerium vom 12. April 1793 aus Petri- 
kau:^) „Dass die Unterthanen hin und wieder anfangen, 
ihren Grundherrschaften den bisher geleisteten Dienst zu 
versagen. Verschiedene Herrschaften haben daher bey 
mir angesucht, die Unterthanen durch militärische Exe- 
cution zu ihrer Schuldigkeit zurückzuführen, oder ihnen 
zu erlauben, sich durch Aufsitzen selbst ihr Recht zu ver- 
schaffen. Beide Mittel scheinen mir bey gegenwärtiger 
Lage der Dinge nicht zulässig zu seyn, ersteres würde 
den gemeinen Mann wieder uns aufbringen, und letzteres 
scheint mir mit Gefahr der Aufopferung der Ruhe ver- 
bunden zu se}^!. Ich habe daher vernünftige Unteroffizier 
nach diejenige Oerter hingeschickt, wo Unruhen obwalten, 
und habe den Unterthanen unter Androhung militairischer 
Execution ermahnen lassen, ihren Grundherrschaften weder 
den Dienst noch Gehorsam zu versagen, sondern solchen 
solange unweigerlich zu leisten, bis dass neue Justitzhöfe 
errichtet seyn würden, vor welchen sie sodann ihre Be- 
schwerden anzubringen und nach Befinden der Umstände 
Hülfe zu gewärtigen hätten". 

Aber die „Ermahnungen" der „vernünftigen Unter- 
offizier** scheinen den gewünschten Erfolg nicht gehabt 
zu haben, denn am 12. Juli desselben Jahres 1793 sah sich 
die südpreussische Regierung zu Posen veranlasst, ein 
„Publicandum an die sämtlichen Gemeinden der Mediat- 
städte und Dörfer**^ zu erlassen, das „an allen Kirch- 
Thüren, Rat-Häusern und Dorf-Krügen zu affigieren war**: 
Der König habe höchst missfällig vernommen, dass 
Dero Landesväterliche Absicht, dass jedermann ohne 

^) Geh. Staatsarch. Berlin, R. 7 C Nr. 1 betr. die Besitznehmung, 
Vol II Bl. 26 ff. Abgedruckt bei Prümers a. a. O. Seite 48 ff. 

>) In der Ediktensammlung des Posener Staats-Archives. Die 
Verordnung ist deutsch und polnisch gedruckt. 

Zeitschrift der HisL Gel. fOr die ProT. Posen. Jahif. XVITI. 8 



34 Clemens Brandenburger. 

Unterschied der Person und des Standes Recht verschafft 
werden solle, von vielen Gemeinden der Mediat-Städte 
und Dörfer dahin unrecht ausgelegt worden, als ob sie 
ihren Herrschaften und deren Beamten die schuldige 
Achtung und Gehorsam nicht mehr leisten dürften, und 
als ob ihnen frey stünde, ihre bisherigen Schuldigkeiten 
zu verweigern und sich Hütungen und andere Vorteile 
eigenmächtig anzumassen, welche sie bisher nicht zu 
geniessen gehabt. 

„Ein solches Verfahren streitet gegen alle gute 
Ordnung, welche Se. Königliche Majestät bevestigt wissen 
wollen, und welche allein der W^eg ist, auf welchem einem 
jeden zu seinem Rechte geholfen werden kann. 

„Seine Königliche Majestät werden besondere Kom- 
missiones anordnen, welche alle Schuldigkeiten der Unter- 
thanen, imgleichen die Vortheile, so diese von ihren Grund- 
herrschaften zu fordern haben, gründlich untersuchen und 
reguliren werden. Ein so wichtiges Werk erfordert aber 
Zeit und muss ruhig betrieben werden. Es werden daher 
alle und jede Einwohner in den Städten und Dörfern 
hiermit ernstlich erinnert, bis dahin, dass ihre Gerecht- 
same und Schuldigkeiten durch gütlichen Vergleich oder 
einen richterlichen Ausspruch festgesetzt sein werden, 
nicht nur alle ihre Abgaben und Dienste, so wie sie solches 
in dem letzten Jahre vor Sr. Königlichen Majestät von 
Preussen Besitznehmung geleistet, fernerhin ohnweiger- 
lich zu leisten und sich an Hütungen und andern 
Nutzungen ein mehreres nicht anzumaassen, als sie biss 
dahin genossen haben. 

„Sollte wider Verhoffen eine oder die andere Grund- 
herrschaft, deren Pächter oder Beamten von ihren Unter- 
thanen mehrere Dienste oder Abgaben fordern, als sie 
zur Zeit der Königlichen Besitznehmung geleistet, oder 
denselben Vortheile entziehen wollen, so sie bis dahin 
genossen haben, so steht den Unterthanen frey, ihre Be- 
schwerde darüber bey der Königlichen Regierung anzu- 
bringen, und diese wird dieselben bey dem vorigen Besitz 
bis nach völliger Regulirung der Sache zu schützen wissen, 



I Das Haalftader-Dorf Goidau bei Posen. 35 

dagegen werden diejenigen, welche sich beygehen lassen, 
die ihnen abgeforderten Abgaben und Dienste eigen- 
mächtig zu verweigern, oder sich selbst in den Besitz der 
ihnen von der Herrschaft untersagten Nutzungen zu setzen, 

, als Störer der Ruhe angesehen und mit empfindlicher 

( Strafe belegt werden. 

„Da auch dadiu-ch, dass ein jeder Stand in den ihm 
von Gott angewiesenen Schranken bleibt, die allgemeine 
Glückseeligkeit befördert wird, so wird allen Einwohnern 
der Mediat-Städte und Dörfer so gnädig als ernstlich an- 
befohlen, ihren Herrschaften und denen die Stelle derselben 
vertretenden Pächtern und Beamten die gebührende 
Achtung und Gehorsam zu beweisen und sich solcherge- 
stalt der allerhöchsten königlichen Gnade und Schutzes 
TvOrdig zu machen." 

Wenn aber Dr. Meisner (der Verfasser der Abhand- 
lung „Gerichtsorganisation imd Rechtspflege" in dem 
mehrfach erwähnten Prümers'schen Sammelwerke „Das 
Jahr 1793") betreffs der zahlreichen Prozesse, in denen 

( die Hauländer ihre Privilegien geltend machten, behauptet:^) 

^In den deshalb ergangenen Entscheidungen wurde aber, 
50 sehr auch der Rechtsweg in Polen erschwert war, 

i doch nicht angenommen, dass den freien deutschen 

) Bauern das rechtliche Gehör geradezu versagt gewesen 

sei, und es wurde hiemach der Anspruch der Hauländer 
etc. auf Ermässigung ihrer Leistungen auf Grund der 
za Gunsten der bestehenden Verhältnisse eingewendeten 
Verjährung abgewiesen" — so widerspricht dem nicht 

i nur der Wortlaut des obigen Publicandums, sondern vor 
allem das Erkentnnis der südpreussischen Regierung „in 
Sachen der Hauländer-Gemeinde zu Ztotkowo, Appellanten 
und Beklagten, wider den Grundherrn Dominikus von 
Przanowsld, Appellaten und Kläger '*^, d. d. Posen, den 
II. August 1798. 

\ Die Goldauer hatten sich nämlich nicht nur in dem 

Jahre 1793, sondern bereits 1791 und 1792, als der Ein- 

1) a. a. O. S. 327. 

*) Gemeinde-Akten Inv. Nr. 5. 



36 Clemens Brandenburger. 

marsch der Preussen schon zu erwarten stand, geweigert^ 
die ihnen 1757 auferlegten Fuhren nach Thorn zu leisten^ 
und waren dieserhalb, sowie wegen der Leistung von 12 
Spanntagen und dem zehnten Groschen vom Gutsherrn 
verklagt, am 12. Dezember 1795 in erster Instanz auch . 
verurteilt worden. Dieses Urteil aber hob die süd- 
preussische Regierung als Appellationsinstanz auf und setzte 
die Hauländer wieder in Genuss ihres ursprünglichen 
Privilegs von 1752, indem sie in der Begründung aus- 
drücklich sagte: „Es ist bekannt, dass zu polnischen 
Zeiten den Unterthanen keine zuverlässige Rechts- 
pflege gegen ihre Grundherren angediehen ist,, 
mithin kann nach der Rechts-Regel: contra agere non 
valentem non currit praescriptio, von einer Praescription 
nicht die Rede seyn". 

Richtig ist allerdings, dass viele Staatsdiener, Richter 
sowohl wie Verwaltimgsbeamte, sich zu Ungerechtigkeiten 
gegen die Bauern hinreissen Hessen, einerseits, um sich 
den polnischen Edelleuten gefällig zu erweisen, anderer- 
seits aus Ärger über die häufigen und langwierigen 
Prozesse, durch die sie aus ihrem gewohnten Schlendrian 
herausgerissen wurden. Typisch für diese Art von Leuten 
ist der Kronzeuge Meisners, Stenger-Unruhstadt, der in 
den „Jahrbüchern der preussischen Monarchie", Jahrgang^ 
1798 II, einen Aufsatz „Von den Hauländem in Süd- 
preussen" veröffentlichte. Da dieser Aufsatz neben den 
zahlreichen Anerkennungen, die den Hauländem zu jener 
Zeit von anderen Beamten zu Teil wurden, voll des un- 
freiwilligen Lobes von einer ihnen feindlich gesinnten 
Seite ist, so möchte ich ihn hier wenigstens auszugsweise 
wiedergeben : 

„Die Hauländer machen in Südpreussen einen sehr 

wichtigen Teil der Einwohner aus 

Wenn man dazu nimmt, dass sie entweder gar kein oder 
ein äusserst unbeträchtliches Grundgeld (Kaufpretium) 
bezahlten, so ist nicht zu leugnen, dass sie auf vor- 
teilhafte Art zu nicht selten sehr beträchtlichen Besitzungen 
kamen. 



Das Haaländer-Dorf Goldau bei Posen. 37 

„Der bessre Teil der deutschen Nation verliess mit 
den Vorfahren unsrer jetzigen Hauländer sein Vaterland 
gewiss nicht; denn mögen wir auch weiter unten Gründe 
auffinden, warum sie schlechter geworden, so lässt sich doch 
ihre jetzige Verderbtheit nicht wohl erklären, wenn sie gute 
Sitten imd Charakter mitbrachten. Fleiss und Industrie 
als Kinder der Not waren gewiss ihre einzige Mitgift; 
mögten sich diese nur wenigstens ganz erhalten haben! 
Der Hauländer ist nicht einfältig, aber auch nichts weniger 
als klug. Er ist verschmitzt, wenn er einen Angriff be- 
fürchtet, und klebt so an alten Vorurteilen und Gewohn- 
heiten, dass er seinen offenbaren Vorteil nicht sieht, den 
triftigsten Vorstellungen kein Gehör giebt, weil angebome 
Furcht gegen alles, was neu ist, ihn taub macht. Er ist 
äusserst misstrauisch, der Mann traut seinem Weibe nicht, 
der Vater nicht dem Kinde, aber alle vereinigen sich, wenn 
es auf Misstrauen gegen den Herrn oder Vorgesetzten 
überhaupt ankommt. Er ist äusserst halsstarrig, wider- 
setzlich . . . und undienstfertig, thut nichts gerne, was er 
nicht thun muss; er hat endlich keine Religion. Ich würde 
diese harte Beschuldigungen nicht niedergeschrieben 
haben, wenn ich einerseits nicht von der Wahrheit der- 
selben überzeugt und andrerseits eben so bereit zur Ent- 
schuldigung der Leute wäre. 

„Vorzüglich nach der preussischen Besitznahme hatte 
der Geschäftsmann und ganz insbesondere der Richter in 
der Provinz Gelegenheit, diese Hauländer von der ge- 
schilderten Seite kennen zu lernen. 

„Wir haben bereits der Privilegien imd ihres Haupt- 
inhalts erwähnt Dieser war ganz der Zeit angemessen, 
zu der sie gegeben wurden, aber tempora mutantur etc. 
So ging es auch in Polen« Die Gutsbesitzer sahen sich 
bald, durch Not gedrungen und durch gute Beispiele aus 
der Nachbarschaft aufgemuntert, veranlasst, auf Erweiterung 
und Veredlung ihrer Wirtschaften zu denken. Die Unter- 
thanendienste wollten nicht mehr hinreichen, Lohnarbeiter 
waren entweder nicht zu bekommen oder zu kostspielig. 
Man sprach die Hauländer um Hülfe an, sie thaten es anfangs 



38 Clemens Brandenburger. 

auf Bitte ^), und am Ende ward freilich ein Recht daraus. 
Den Hauländem blieb nichts übrig, als sich zu gratulieren, 
wenn nur nicht zuviel von ihnen verlangt wurde. Es 
ward preussisch von den Kanzeln und überall 
publiziert, dass ein jeder bei seinen Rechten und Privi- 
legien geschützt werden solle. Dies erhitzte die Köpfe 
der Hauländer auf einmal zu schnell; in Strömen eilten 
sie den Gerichtshöfen zu, ihre Privilegien wohl eingepackt 
auf der Brust Das Nachsuchen rechtlicher Hülfe — wer 
könnte es tadeln? Aber damit verband nun der Hau-^ 
länder eine so unwiderlegbare Renitenz, dass er nicht 
nm- in der Meinung, es sei schon genung, sein Privilegium 
blos vorgezeigt zu haben, plötzlich zu dienen aufhörte, 
sondern auch oft durch alle nur möglichen Vorstellungen 
nicht zu der Überzeugung zu bringen war und noch 
nicht ist, dass er nicht selbst sein eigener Richter sein, 
sich selbst sein Recht nicht nehmen könne. Nein er 
lässt lieber zu 14 Tagen bis 3 Wochen militärische Exe- 
kution das seine aufzehren, um dann doch noch wenigstens 
zu schelten: was ist das für Gerechtigkeit! .... Über- 
haupt pflegt der Hauländer sich gerne recht arm und 
dürftig zu nennen und zu stellen; er ist im Ganzen nicht 
reich, aber auch nichts weniger als arm; jedoch seine Furcht, 
sein Misstrauen lassen ihn überall Gefahren ahnden. Dazu 
kommt seine grosse Geldliebe, ich sage absichtlich nicht 
Geiz ; denn geizig möchte ich ihn nicht nennen, wenigstens 
da nicht, wo es auf Befriedigung seines Stolzes vmd seiner 
Eigenliebe ankommt. 

„Mögt es Gemeinsinn sein, aber ich muss es leider 
Gemeindestolz nennen, der diese Leute auszeichnet 
Man sehe einmal solche Hauländergemeine unter dem 
Präsidio ihres Schulzen und ihrer Gerichtsleute — ich 
weiss nicht gleich, womit ich diese Scene am schicklichsten 
vergleichen könnte! Gottlob, dass noch Nüchternheit so 
ziemlich unter ihnen herrschend ist Ich meine, dass sie 



i) Wahrscheinlich ist das ein Zeichen der Halsstarrigkeit, von 
der Stenger spricht! 



Das Haulflnder-Dorf Goldau bei Posen. 39 

dem Trünke nicht ergeben sind, denn übrigens lässt der 
Hauländer sich am guten Leben nichts abgehen, und die 
vielen Jahrmärkte in den vielen kleinen Städten Süd- 
preussens tragen vorzüglich dazu bei, ihn zum Wohlleben 
geneigt zu machen und seinen sinnlichen Geschmack zu 
verfeinem. Die Kirche besucht er, wenn er nicht zu weit 
davon entfernt wohnt, fleissig genug; aber dies ist auch 
die einzige Art seines Gottesdienstes, und so segnend 
und heilsam sie sonst ist, so ist sie es doch für den 
Hauländer nicht, weil er nicht vorbereitet genug das 
Gotteshaus besucht" . . . und so fort! 

Der Stimmung, die aus dem Aufsatze hervorleuchtet, 
entspricht es auch, dass die Goldauer Bauern in der 
ersten Instanz kostenpflichtig abgewiesen wurden, denn 
die Untergerichte waren ja zum grossen Teil mit über- 
nommenen Polen und mit engherzigen Bureaukraten 
vom Geiste Stengers besetzt. Eine Erneuerung, eine Er- 
ziehung zti preussischem Rechtssinne konnte nur nach 
und nach, nur durch Leute wie den Herrn von Steudener 
erfolgen, unter dessen Vorsitz die südpreussische Re- 
gierung ihr freisprechendes Urteil erliess. 

Mit diesem Erkenntnis vom 11. August 1798 trat 
Goldau in ruhige, rechtlich geordnete Verhältnisse ein, 
die einer dauernden Störung nicht mehr unterworfen 
wurden. Die Episode des Grossherzogtums Warschau 
war zu kiu-z, der Geist der „Freiheit, Gleichheit, Brüder- 
lichkeit" auch in Polen damals zu mächtig, als dass eine 
ernstliche Verschlechterung der Lage erfolgen konnte. 

Nach Niederwerfung des Korsen und der Zer- 
trümmerung seiner Staatengebilde wurde Goldau, unter 
preussische Herrschaft zmlickgekehrt, des Segens der 
Stein-Hardenbergischen Reformen teilhaftig, womit es 
aus der Sonderstellung eines Haulandes heraustritt. 



40 Clemens Brandenburger. 

Beilage I. 

Gründungsvertrag von Goldau (Übersetzung). 

Andreas Wyssogota Zakrzewski, Kastellan von Kaiisch, Erb- 
herr der Güter Przetoczna, Sorge, Eichl-Vorwerk. Zychtychfier 
(Sieh-dich-für), Golenczewo, Ztotkowo u. s. w. 

Allen insgesammt und denen insbesondere, die es angeht, 
thue ich kund und zu wissen: Da ich eine Landfläche erblich 
besitze, vor alters Zlotkowo genannt, von Dickicht überwuchert, 
so verkaufe ich dieses ganze Land erblich den Hauländern, die mit 
mir die unten genannten Bedingungen eingegangen sind. Die 
Bedingungen für sie sind diese: Das Land ist bereits genau ver- 
messen mit Ausnahme einiger Morgen auf der zwischen Sobota and 
Ztotkowo belegenen Grenzwiese; besagte Morgen werde ich sofort 
nach den bevorstehenden Osterf eiertagen i) vermessen lassen und 
dann sogleich ihren Hufen zuteilen. Die Zahl dieser Hufen beläuft 
sich auf elf, und i6 Morgen. 

Die Hauländer, die von mir Satzung nehmen, zähle ich hier 
in der Satzung zunächst auf: Jan Bachmann, Jan Meiler, die nach- 
gelassene Witwe des Mälzers Kurczmann, Godfryd Dail Krüger (im 
Original mit „Karczmarz" ins Polnische übersetzt), der Schmied 
Bleszko (— Bleschke), Jan Krzysztof Korn, Pawel {— Paul) Hersz- 
mann (= Hirschmann), Michal (== Michael) Klembeim, Krzysztof 
Szultz (- Schultz) Piotr (— Peter) Pachoiek, Frydrych Laube, Matys 
Binder. 

Und es soll ihnen erlaubt sein, einem anderen zu verkaufen, 
jedem von ihnen einzeln; darum bekommen sie einzeln für soviel 
Morgen, als sie erhalten haben, Privilegien 2) von mir ausgestellt. 

Für die Schule sind 14 Morgen und 150 Ruten angemessen, 
die einzig und allein für die Unterweisung der Kinder sein sollen. 
Diese Morgen für die Schule gehen frei, d. h. ohne Lasten, aus- 
genommen ein für allemal das Grundgeld. 

Dies aber ist der Wortlaut der Kondition oder der Satzung, 
die allen zusammen gegeben ist mit der Verpflichtung, sie bis aufs 
kleinste zu erfüllen und zu beobachten: 

i) Da es dort keine Bäume giebt, und sie sich welche zum 
Bauen kaufen müssen, so giebt jeder von ihnen einzeln von jeder 
Hufe jetzt gleich einen Goldgulden, worüber ich ihnen mit gegen- 
wärtiger Satzung quittire. 

2) Ich habe ihnen sechs Freijahre bewilligt, und da sie vor 
Annahme dieser Satzung, das ist der geschriebenen Bedingungen, 
schon fast ein Jahr dort gesessen haben, so haben sie, angefangen 



*) Ostern fiel im Jahre 1753 auf den a. Apdl. 
*) Ein solches Einzelprivileg in Beilag^e a. 



Das Hauländer-Dorf Goldau bei Posen. 41 

von St Martinitag *) dieses gegenwärtigen Jahres 1752, noch 5 Frei- 
jahre, also bis Martini des Jahres 1757, das Gott uns schenken möge. 
Nach Ablauf der Freijahre hat jeder einzelne alljährlich von seiner 
Hufe 60 Tymfen *) zu bezahlen. Diese 60 Tymfen sollen sie unter 
sich nach der Anzahl Morgen, die jeder hat, umlegen und zum 
Schulzen bringen; der Schulze aber soll sie, nach dem er sie von 
ihnen in Empfang genommen hat, zu meinen Händen abliefern. 

3) Bevor die Freijahre abgelaufen sind, soll jeder von ihnen 
zwei Tage auf die Hufe nach Golenczewo zum Mähen kommen, 
nach Ablauf aber jeder einen Tag im Jahr mit Gespann, einen Tag 
zur Handarbeit 

4) Eine halbe Hufe ist frei ftlr denjenigen, der den Bier- und 
Branntweinausschank Qbemimmt, von der Gemeinde eingesetzt und 
von mir genehmigt 

5) Einen Kirchhof zur Bestattung der Toten sollen sie selbst 
auf ihren Hufen, auf ihrem eigenen Grund und Boden, auswählen 
und abzäunen. 

6) Was die kirchenrechtlichen Verpflichtungen anbelangt, so 
wird ein Vertrag mit dem hochwördigen Herrn Pfarrer von Sobota 
hier bei mir abgeschlossen, um dessen Bestätigung durch den hoch- 
wtlrdigsten Herrn Bischof von Posen ich mich bemühen werde. 

7) Und da einige Morgen auf der Grenzwiese zwischen Sobota 
nnd Zlotkowo noch nicht vermessen sind, so werde ich sie gleich 
nach dem Osterfeste vermessen lassen und denjenigen, denen es 
noch zu den Hufen fehlt, hinzugeben, und ich will gleich in der 
gegenwärtigen Satzung festsetzen, dass jene nach der Ausmessung 
nnd Zuteilung zu den Hufen proportional für die Morgen bezahlen ^) 
sollen, die sich herausstellen werden. 

8) Weil das Gut Golenczewo für das Wüstland Zlotkowo 
bisher die Kopfsteuer bezahlt hat, so sollen künftig die auf jenem Lande 
angesetzten Hauländer nach Ablauf der Freijahre die Kopfsteuer 
entrichten, jeder von seiner Hufe 2 Gulden 10 Groschen an jedem 
der beiden Zahlungstermine, was also jährlich 4 Gulden 20 Groschen 
auf die Hufe ausmacht 

9) Den Schulzen dürfen sie sich selber wählen, seine Bestä- 
tigung steht mir zu. Die Geldstrafen, die der Schulze verhängen 
wird, sollen an die Herrschaft gehen. Wenn aber jemand mit dem 
Schulzennrteil nicht zufrieden ist, so steht ihm die Berufung an die 
Herrschaft zu. 



1) ZI. November. 

*) Der Tymf enUpricht dem spateren (Silber-) Gulden, steht aber im Werte 
hAber (etw« 60 Pfennig). Beide MOnzen kommen in dem Vertrage neben einander vor, 
was den tatsiddichen MftnzenTerhIltnisaen jener Zeit entspricht. 

*) Nlmlich das in § 9 festgesetzte Orandgeld, das ja nur nominell nach Hufen 
bcrcchttct wird, in Wirklichkeit aber nach Morgen erhoben werden soll. 



42 Clemens Brandenburger. 

lo) Die Hutang im Golenczewoer Wald gestatte ich ihnen, 
sofern sie bei Strafe es unterlassen, dort Ziegen zu ziehen, des- 
gleichen Vieh zu weiden, wo sich Schonungen befinden oder 
angelegt werden. 

ii) Schafe dtlrfen sie auf jeder Hufe 25 Stück züchten, mehr 
nicht, bei Strafe; zugleich ordne ich an, dass sie nur von ausge- 
wachsenen Bäumen Aeste abhauen dürfen ^), damit sie mir für ihre 
Schafe nicht die jungen Bäumchen verderben. Und weil sie sich 
über die Dörfer Kludowo (Chludowo, Kreis Posen Ost) und Drogo- 
szewo ^ beklagen, dass diese ihre Ziegen im Golenczewoer Wald 
hüten, so werde ich genannten Dörfern das Hüten der Ziegen 
verbieten. 

12) Auf den Golenczewoer Stoppelfeldern, sowohl den Winter- 
ais auch den Sommerfeldern, sollen sie dann weiden dürfen, wenn 
jenes Gut dort zuvor seinen Viehbestand gehütet hat; das heisst 
also, dass sie nicht gleich nach dem Garbenbinden hüten sollen; 
und das gleiche versteht sich auch für das Abmähen der auf 
Golenczewoer Gemarkung belegenen Wiesen. 

13) Wenn aber der Ztotkowoer Schäfer oder Ziegenhirt irgend 
welchen Schaden auf Golenczewoer Gemarkung anrichtet, so soll 
der Schulze die Tat aburteilen und den Schaden abschätzen, den 
die Hauländer bezahlen müssen. 

14) Und für den Fall, dass sie Bienen halten werden, darf 
keiner, der Bienen züchtet, bei Strafe anderswohin verkaufen als an 
die Herrschaft: ich verspreche für jedes Pfund einen Gulden poln. 
zu geben. Wer es aber nicht zu der angegebenen Taxe an die 
Herrschaft liefert, sondern anderswohin verkauft und verschachert^ 
soll dem Schulzengericht verfallen sein. 

15) Wer aber nach der hiermit gegebenen Satzung seine 
Hufe verkaufen will, sei es mit den Baulichkeiten, sei es ohne die- 
selben, der soll es mit meinem bezw. meiner Rechtsnachfolger 
Vorwissen tun, imd sowohl der Verkäufer wie der Käufer soll, 
jeder einzeln, einen Taler von der Hufe an mich oder meinen 
Rechtsnachfolger zahlen. 

Diese Satzung soll nicht nur den Holländern, die sie jetzt von 
mir annehmen, sondern auch ihren Rechtsnachfolgern für ewige 
Zeiten dienen, und sie mitsamt ihren Rechtsnachfolgern sollen die- 
selbe halten und genau erfüllen. Ich aber, und zwar auch mitsamt 
meinen Rechtsnachfolgern, versichere sie der Innehaltung, und 
zur besseren Wertung und Beglaubigung unterschreibe ich mich 
mit meiner eigenen Hand und füge mein Familiensiegel anhängend 



1) WahracheinUcb, um SdiAlhQrdcn henostcUen. 

*) Ein Ort Drofosiewo existiert in jener Gc^nd nicht. Wahrscheinlich ist 
Drogoszyn gemeint, ein polnisches Dorf rwischen Knischin und Golencsewo, das 1868 
mit dem Ausksuf des letzten Bsncm durch den Besitzer yon Knischin und Morasko, 
einen Herrn von Treskow, verschwand (Mitteilunf des Lehrers Dalchau ia Goldau). 



Das Haoländer-Dorf Goldau bei Posen. 4J 

hinzu. Zugleich übernehme ich es, für die Eintragung in die Bücher- 
dcs Posener Grodgerichtes Sorge zu tragen. Ausgefertigt zu Kiekrz- 
am 2s6. März 1) im Jahre 1752. Andreas Wyssogota Zakrzewski^ 
Kastellan von Kaiisch m. p. 

Das Siegel, in rotem Wachs, befindet sich in einer Metall- 
Kapsel Auf der Rückseite des Pergamentes steht ein Vermerk 
Ober die Eintragung in die Grodakten: „Inductum per oblatam in 
acta castren. Posnan. feria tertia post dominicam Ram. Palmarum 
quadragesimalem (also am 29. März) a. dni. 1752. Suscepit Chmielewski.'^ 
Die Grodgerichtseintragung hat nachstehende Einleitungs- bezw. 
Schlussbemerkung: „Ad officium et acta praesentia castrensia 
Posnaniensia personaliter venientes honesti Johannes Bachmann^ 
Fridericus Laube et Chrystoforus Szulc^), Holandri in fundo 
Zlodkowo locati, suis et aliorum Holandorum infra specificatorum 
nominibns obtulerunt officio praesenti ad acticandum et actis hisce 
inscribendum Privilegium illustiis magnifici Andreae Wyssogota 
Zakrzewski castelJani Calisiensis ratione infra scriptorum sibi offeren- 
tibos aliisque Holandis inferius expressis in pargamano datum et 
collatum, manu propria ejusdem illustris magnifici castellani Calisiensis 
sigilloque ejus gentilitio pensili subscriptum et communitum, cujus^ 
privilegii tenor sequitur ejusmodi:" — (Vertrag wie oben. Am- 
Schluss:) 

„Locus sigiUi pensilis gentilitii in rubro cero expressi, cujus 
quidem privilegy modo praemisso acticati et ingrossati originale- 
iidem offerentes denuo ad se receperunt et recepto officium et 
cancellariam praesentem quietarunt quietantque praesenti.* 



Beilage IL 

Obersetzung eines für jeden Hauländer besonders 
ausgestellten Privilegs. 

Privilegium, dem ehrsamen Meier 1752 ausgestellt. 
Andreas Wyssogotta Zakrzewski, Kastellan von Kaiisch (u. s. w.)^ 
Indem ich mich auf die Satzung beziehe, die ich den in: 
Zlotkowo angesiedelten Hauländern für die ganze Gemeinde im 
allgemeinen gegeben habe, und indem ich diese auch in den. 
geringsten Punkten und Bedingungen in ihrer Gesamtheit wie Be- 
sonderheit in allem bekräftige und festhalte, verleihe ich dem 
ehrsamen Jan Meier die Gerechtsame auf eine Hufe und 3a. 
Ruten, die auf Ztotkowoer Gemarkung für ihn ausgemessen sind^. 



<) Am PalmsonntAf . 

*) Ein Beispiel dafür, wie die Schreibweise deutscher Namen polonisiert wird.. 
Im Vertrag wird Schultz «Sznltz'* geschrieben, hier schon .Szulc* 



44 Clemens Brandenburger. 

Diese sollen ihm und seinen Rechtsnachfolgern zugleich mit den 
von ihm auf gedachtem Grundstück angelegten Gebäuden und Gärten 
für ewige Zeit erblich zu Diensten sein, wofür ich mich mitsamt 
meinen Rechtsnachfolgern verbürge und verbinde. Er hingegen mit 
seinen Rechtsnachfolgern verpflichtet sich, die Leistungen zu erfüllen, 
wozu die Zlotkowoer Hauländer im allgemeinen sich heute durch 
Vertrag schriftlich verpflichtet haben. Was ich zur besseren Wertung 
und Beglaubigung unter Beidrückung meines Familiensiegels mit 
eigener Hand bestätige und unterschreibe zu Kiekrz am a6. März 
im Jahre des Herrn 1752. Andreas Zakrzewski K. K. m. p. 
D. 34. July 1753 bezahlte Jan Meier das ordnungsmässige Grund- 
geld mit 13 Tymfen und 1 Sechser, worüber ich ihm quittire. 
Andreas Zakrzewski, K. K. m. p. 

Weil der ehrsame Jan Meier, ehemals Einwohner zu Zlotkowo, 
seine Hufe mit allem Zubehör an den ehrsamen Krysztof Hirsz- 
felder, seinen Nachfolger in dieser Stelle, verkauft hat, so approbiere 
und ratifiziere ich obige Gerechtsame, die Jan Melier besass, gegen- 
wärtigem Krysztof Hirszfelder und seinen Rechtsnachfolgern und 
erkläre, dass ich sie ihm in allem halten werde, wie auch jener 
Hirszfelder sich verpflichtet, seinen Verpfüchtungen, die für alle 
Hauländer in Zlotkowo in der Generalsatzung niedergeschrieben 
sind, zur Genüge nachzukommen. Was ich, damit es ihm als 
Gerechtsame diene, durch eigenhändige Unterschrift bestätige. Datum 
Kiekrz d. i. Juny 1754. Andreas Zakrzewski K. K. m. p. 



Beilage III. 

Wilkerliche und geburchliche Gerechtigkeit in Siotkawe. 

Ich Carol (Niezychowski) thue kund hirmit jeder manniglich, 
insonderheit denen zu wissen von Nöhten, nachdem ich mein Dorf 
Siotkawe genandt, gutten ehrlichen Leuthen, ihnen und ihren Nach- 
komlingen, umb eine gewisse Summa Geldes verhandelt und ver- 
kaufft und umb einen jahrlichen Zinss aussgethan, damit aber unter 
ihnen gutte Ordnung, auch Friede und Einigkeit gestifftet, darnebst 
der geburhliche Gehorsam erhalten werde, habe ich vor hochnöhtig 
zu sein erachtet, etliche nothwendige Puncta aussfassen zu lassen, 
dabei ich bei Vermeidung ernster Straffe und verleibter Busse jeder- 
zeit steif und feste wil gehalten haben. Und umb merere Aufsicht 
sollen die Nachtbam (vollberechtigten Wirte) unter ihnen einen 
Schnitzen, auch etliche Personen zu Beisitzern wählen, dieselbige 
auch von mir bekräfftiget, welche des Dorffes Bestes sollen helffen 
fordtsetzen, die zwistige Händel, so vorfallen, mittelen und scheiden, 
Ober dieser meiner Anordenung halten, die verwürcketen Straffen 



Das Hauländcr-Dorf Goldau bei Posen. 45 

einforderen, und jahrlich den Nachbarren Rechnung thun sollen. Ich 
wü auch, das die gedachte Geldtstraffe in eine Lade getan, welche 
bei den Schnitzen stehen muss, und die Beisitzer die Schlüssel dar- 
zu haben sollen, wohl verwahrt und nicht ihres Gefallens nach ver- 
schlemmet, sondern zur Reparirung und Besserung des Dorffs 
angewendet werden, welches dan jederzeit mit der Nachtbarren Vor- 
wissen gesehen soll. Und sollen diese nachfolgende Puncta den 
Nachtbaren zweimahl des Jahrs vorgelesen werden, erstlich stracks 
nach gehaltener Ktkhr, zum andern auff Michael, und damit sich 
niemandt mit Unwissenheit zu entschuldigen habe. 

i) So der Schnitze die Nachtbaren verboth (entbietet) oder 
verbohten last, sollen sie zu ihn kommen undt gehorsam sein, so 
aber jemandt einheimisch (ortsanwesend) wäre und nicht in eigener 
Person kftme, soll er auff 5 Groschen gestraft werden. 

2) So jemand von den Nachtbahren den Schnitzen oder Rath- 
leuthen mit unhof fliehen oder mit Schimpf fwordten oder gar mit 
scharffen Gewehr wiederstrebendt ins Schnitzen- oder Gerichthauss 
komme und keinen Gehör geben wolte, der sol ohne einige Wieder- 
rede auf 2 gutte Marckt gestraffet werden. Da er es aber sonst 
gröber macht und mit Schlägen anlauffen wolte, sol er nach Gelegen- 
heit seiner Übertretung nach Erkäntnis des Dorffesgerichte höher 
gestraffet werden. 

3) Da jemandt frefendich sich wieder den geordneten Schnitzen 
und seine Beisitzer setzte und begangene Missetaht nicht wolle ge- 
horsam sein oder sich gefangen geben, würde er darüber geschlagen 
oder verwundet, es wäre bei Tage oder Nacht, sol darüber keine 
Busse noch Recht ergehen. 

4) So emer oder mehr von Schnitzen in des Dorffs Gerichs- 
gcschäfften geschickt würde, undt jemand sich mit übrigen Schelt- 
wordten oder Schlägen vergriffe, der solt verfallen sein zwei gutte 
Marckt und nach Erkäntnis der Ältesten (Dorfobrigkeit) gestraffet 
werden. 

5) Wen der Schnitze mit seinen Ratsleuthen zu Gerichte sitzet, 
sol kein Weib, es sei den, dass sie vor ihre eigene Person zu klagen 
hätte, imdt ihr Man, wo sie einen hate, nicht einheimisch wäre, 
für Gerichte kommen bei 5 Groschen Straffe. 

6) Ist bewilliget, das den Schnitzen sein Lohn, von der Hufe 
IG Groschen und bei den Rathsleuthen 15 Groschen, sol gegeben 
werden, alle Jahre, wenn die Kühr gehalten wirdt, bei Straffe doppelt 
abzulegen. 

7) Wenn die Schnitzen oder Rathsleutten ausser dem Dorfe 
und vegen des Dorffs Bestes verreisen würden, sollen die Unkosten 
bezahlet werden nach Hufenzahl. 

8) Sol Schnitze und Rathsleutte auf das Dorf fleissige Achtung 
haben, so etwas an Tamme oder Wassei^änge oder sonsten, das 
dem Dorf schädlich wäre, sollen sie dahin trachten und anschaffen,. 



•4^ Clemens Brandenburger. 

damit das [ . . . ] ^) gemacht und gebessert werde. Da aber Schnitzen 
and Rathsleutte hirinnen (zu läs]sig befunden würden, sollen sie 
nach Erkäntnis der gantzen Gemeine gestrafft (werdejn. 

9) Wo Kauff oder Verkauffe gesehen, es sei Getreide Viehe 
oder Pferde, wie es Nahmen haben mag, und ist gewiss Bir darüber 
getrunken worden: wer den andern den Kauff nicht hält, der sol 
verfallen sein zwei Tonne Bir. 

10) Da Gott behüten vor wolle: durch Gottes Wetter oder 
•sonst durch böse Leuthe einen irgendts sein Hauss abbrennen würde, 
so sol man ihn mit einen christlichen Beisteuer zu Hilffe kommen, 
von der Hufe ein Groschen polnisz, darnach der Schade gross be- 
funden wirdt, auch Holtz undt anders führen, hülffliche Handt und 
Beistandt zu leisten. 

ii) Wo ein Feuer, da Gott behüte, auskämme, wer alssdan 
einheimmisch wäre und nicht retten und leschen hülffe, der sol ver- 
fallen sein 3 gutte Marckt. 

12) Wer in Brande fremde Gefässe (Gerätschaften) ergreifft 
«s wäre an Äxten, Beilen, Hacken oder wie es auch Nahmen haben 
möge, der sol es zum Schnitzen bringen und nicht mit sich nach 
Hausse nehmen oder tragen, auf das es wieder abgegeben werde, 
wem es gehört, bei Straffe einer gutten Marckt. 

13) Niemand sol den andern vor seiner Tühr lauffen mit 
Aussforderung. Wer das thun wirde, der sol verfallen sein drei 
gutte Marckt 

14) So einer den andern würde wegelagern in den Dorffe 
oder auff den Felde, und er könte solches bezeigen oder beweisen 
durch oder mit 3 un(ve]rsprochenen Männern, der so[ll verfallen 
sein 4 gutte Marckt und dam[it] der gebürlichen Leibesstraffe nicht 
entgehen. 

15) Wenn ein gutt Man den andern oder eine gutte Frau die 
^mdere übel ausfhujdelt und an ihren Ehren angreiffet, und konte 
solches bezeigen mit 2 untad[el]hafftige Zeigen, der oder dieselbige 
«ollen verfallen seyn der Nachbarschaf[t inl die Lade zwei gutte 
Marckt und solche Schimpf f reden einander darthfun] oder einander 
ein ehrlich Zeigniss geben nach gerichtlichen Gebrauch und Gebühr. 

16) So [einer! den andern über seinen Acker fahret, welcher 
besäet ist, der sol verfallen sein (i gujtten Marckt und den Schaden 
entrichten. 

17) So auss Befehl des Schnitzen gehöhten würde, die Treiben 
^u bessern, die Gräntzen zu verfärtigen, die Wassergange und 
Graben zu krauten und ausszuräumen oder sonst, was dem Dorfe 
:zum Besten gereichet: wer solches nicht verrichtet, sol verfallen 
sein zwei gutte Marckt und bei 8 Tage alles fertig zu haben bei 
doppelter Straffe. 



^) Das Ori^nal beichldigt. 



l Das Haoländer-Dorf Goldau bei Posen. 47 



f 



18) Sol ein Nachtbar den andern seine Gräntze nicht graben 
und zdunen nach Gelegenheit des Landes halten; welcher das nicht 
thnn wirdt und einen hirüber Schaden gesehen wirdt, so sol der- 
selbige den Schaden richten und so offte er darüber angeklaget 
*wirdt, der sol den Schnitzen verfallen 10 Groschen. 

19) So jemand ein Pferdt oder sonsten etwas gestohlen würde, 
^ sollen die Nachtbaren nach Hufezahl solchen helffen nachzutrachten 
1^ und zu Ende zu förderen. 

ao) Niemandt soll den andern ohne Consens und Bewilligung 
seine angenommene Arbeiter, welche er angenommen und ehe er 
sie al^dohnet und nicht mer brauchet, abspenssdig machen und 
auf einige Arbeit nehmen bei Straffe i gutten Marckt. 

3i) So sich jemandt unterstehet, seinen Nachtbar seinen Knecht 
oder Magd ausszumihten, der solches thut, der sol verfallen sein 
12 gutte Marckt, und gleichwohl den Dinstbohten seinen Herrn in 
Dienste folgen zu lassen schuldig sein. 

22) So jemand seines Nachbaren Viehe pfändet, der sol es 
tränken lassen, damit es nicht verschmachte und umbkomme; sonst 
sol er ihn den Schaden erstatten. 

:q) So jemandes Viehe gepfändet würde, und der Schnitze 
«s denselbigen ansägen lisse, derselbige aber sein Viehe im Gerichte 
stehen lisse, so sol er die erste Nacht von Stück 5 Groschen, die 
andere 10 Groschen, und also doppelt bis zur 5-ten Nacht erlegen, 
nnd so dass Viehe nicht abgehollet und ausgelösset wird, so sol es 
<ler gnädigen Herrschafft in den Hof getrieben werden. 

34) Niemandt soll sich unterstehen, seines Nachbarn Viehe, 
so das es gepfändet wirdt, in seine Pfändung nehmen oder in seinen 
Behausung zu verwahren, sondern bei den Schnitzen oder beim 
Rathsman stracks uberantwordten bei Straffe i gutten Marckt. 

35) Den Schultzen sol von den gepfändetten Viehe der dritte 
Pfennig gegeben werden; wer auch sein Vieh loss haben wil, sol 
Bürgen setzen, damit der Schnitze zufrieden ist, auf doppelt 
Pfandtgeldt. 

flS) So jemandt, deme sein Viehe zum Schultzen getrieben 
würde, sich entgegen setzet und dasselbige mit Gewalt zurücke 
halten wolte, der sol i gutten Marckt ablegen. 

37) Wer eines andern Viehe schlägt oder wirfft, das es 
Schaden davon bekomet, der sol den Schaden erstatten und zur 
Straffe drei gutte Marck verfallen sein. 

a8) Niemandt soll gefändete Kühe melcken oder Pferde, so 
gepfändet, reitten; wer hir wiederhandelt, der sol ohne alle Wieder- 
rede I gutte Marckt Straffe erlegen. 

29) Wer eines andern Viehe in Getreide pfändet oder anff 
den Wiessen, der sol den Schaden durch die Gerichten schätzen 
lassen; wo er aber solches nicht thun wil, so sol er sich an ge- 



48 Clemens Brandenburger. 

wöhnliglichen Pfändtgelde gnügen lassen, als ein Groschen voxk 
Stück. Von der Besichtigung sol den Gerichten 12 Groschen ge« 
geben werden, und wer den Schaden thut, von den sol er es wieder 
fordern. 

30) Gänse und Endten sollen die Freiheit haben, wen die 
einen Nachtbar oder den andern zu Schaden gehen, soll man sie 
todtschlagen, und den sie gehören, nach Hausse schicken. 

31) Wer einen vor Gerichte mit unhöfflichen Wordten anfahret 
oder Lflgen straffet, sol solches mit fünf Groschen büssen; trauet 
er ihnen aber zu schlagen, so sol er Gehorsam halten und zehn 
Groschen ablegen, auch soll er nicht ehre aussgelassen werden, er 
habe sich den mit seinen Nachtbar vortragen. 

32) Scheffel und Birmass soll redfertig nach der umbliegenden 
Stadt Maass gemessen werden, damit niemanden Unrecht geschehe ; 
wer vorsetzlich darwider handelt und seinen Nächsten damit be- 
trüget, soll nach Erkäntniss des Schnitzen und der Rathsleutte ge- 
straffet werden. 

33) Niemandt soll Macht haben, einen Gärtner oder Haussman 
bey sich einzunehmen oder auf sein Landt zu setzen, ohne Vor- 
bewust und Bewilligung der gantzen Nachtbarschafft, bei Straffe 
einer Tonne Birs. 

34) Der Schultz und Beisitzer sollen schuldig sein, alle 14 Tage 
auf den Dinstag den Nachtbam Recht sitzen, auf Klage und Antwordt 
die parteischen Händel schlichten und vertragen, die verwiirckte 
Straffen unablässig abfordern, jedoch, das eine Parth die andern 
den Tag zuvor zeitig lade oder bestelle lassen solle. Den Fremden 
aber sollen sie jederzeit nach Erlegung der Gebühr verhelffen, damit 
nach göttlichen und weldtlichen Rechte einen jedweden, sowohl 
einen heimischen alss ausländischen, wiederfahre, was recht und 
billig ist, undt sich niemandt mutwillig zu beschweren habe. 

35) Vor der Zusammenkunft aber soll ein jeder, der dass 
Recht begeret, 12 Groschen ablegen, davor den Schnitzen 4 Groschen 
gebühret. 

36) So mögen sie auch gerichtliche Testamenta Contraeta 
aussfertigen. 

37) Wil ich mir vorbehalten haben, das der Schnitze gutte 
Achtung haben sol, damit an criminal oder an halsspeinigliche 
Straffen nicht verschweigen sole, sondern mir jederzeit angemeldet 
werden soll; was aber andere Sachen anbelanget, lasse ich solches 
alles solches den Dorffe zum Besten zu richten, jedoch gehöret dem 
Schulzen jederzeit von Blutt- oder Blauschlägen 8 Silbergroschen 
und den gerichtlichen Gebühr. 

38) Wen einer, so sich von Schnitzen und seinen Beisitzern 
beschweret vermemet, seinen Beruff an die gnädige Herrschafft zu 
nehmen, soll ihn solches jederzeit vergönnet werden und zugelassen ; 



Das Hauländer-Dorf Goldau bei Posen. 49 

vircr aber frcfentlicher und muthwilliger Weise appeliret, der soll 
ablegen i galten Marckt 

39) Dafem ein Nachtbar den andern oder je einen Fremden 
sein Landt verkauffet, sol solches erstlich bey den Schnitzen ange- 
meldet werden, und es nicht heimlicher Weisse verkauffen, jederzeit 
die Kauffsuma bein Schnitzen ablegen, und der ganzen Nachbarschafft 
«ine Tonne Bir ablegen. 

40) Dafem aber einer ausserhalb des Dorffes ein Landt ver- 
kanffte, so sol den Schnitzen gebührend umb Ratht und Frage halten 
onter den Nachtbaren bey der Tonne Bir, ob irgend ein Nachtbar 
sdbiges Landt an sich kauffen wolle, und dafeme einer wäre, soll 
ihn solches für den Fremden zugelassen werden, so mit seiner 
Grftntze und Baustelle an nächsten wäre. Jedoch sindt die Freunde 
die allernächsten; wer sich dawieder setzet, soll Straffe ablegen an 
die gnädige Herrschafft lo gutte Marck und der Nachtbarschafft 
«ine Tonne Bir. 

Befehle demnach Schnitzen und Rathsleutten ernstlich, wofern 
sie sich der einverleibten Straffe nicht selbst theilhafftig machen 
nnd dieselbige doppelt ablegen wollen, über dieser meiner Anordnung, 
Satzmig und Constitution mit Ernst zu halten und darwieder zu 
handelen zu thun nicht gestatten. Zur Uhrkundt und mehrere Be- 
kräfftigung habe ich es eigenhändig unterschrieben, auch mein wohl 
angebohmes adliches Signet wissentlich darauff drücken lassen. 
Gegeben in meinen Erbdorffe w Golenczewie Anno Christi 1762 
d. ao. Decembris Karol Nieiychowski mp. 




Zeitschrift der Hisl. Ges. fflr die Prov. Posen. Jslux. XVIII. 




v^— ^^ 



Beiträge 

zur 

fiescbichte der BeriGhts-Organisation fOr die Provinz Posen. 



Von 
Karl MartelL 




I. 
1816/17. 

o lange die heutige Provinz Posen einen Teil der 
polnischen Republik bildete, gab es ein für alle 
Klassen der Bevölkerung geltendes, geschriebenes 
Recht nicht. Nur für die Rechtsverhältnisse des Adels 
und der Geistlichkeit war teilweise durch Konstitutionen 
gesorgt. Die Königl. Städte waren auf deutsche Rechts- 
quellen: das Kiilmische, Sächsische, Magdeburgische Recht 
i'erwiesen. Einzelne von ihnen förderten durch ihre 
Statuten die sich an diese Quellen anlehnende Rechts- 
entwickelung. Von den Mediatstädten hatten nur wenige 
eine Anlehnung an die deutschen Rechtsquellen. Vielfach 
wurden ihre Einwohner in ihrer Rechtsstellung andern 
Untertanen der Grundherrn gleichgestellt. Zwar hatten einige 
dieser Mediatstädte vom Grundherrn ausgestellte Vertrags- 
instrumente, sogenannte Privilegien. Aber der Grundherr war 
schliesslich Gerichtsherr, und gegen ihn konnte ein Rechts- 
gang mit Aussicht auf Erfolg kaum eingeschlagen werden. 
Von den Landbewohnern hatten zwar die Hauländer in 
ihren Dorfgerichten eine rechtsprechende und die freiwillige 
Gerichtsbarkeit verwaltende Behörde. Aber auch bei ihnen 
entschied der Grundherr in zweiter und letzter Instanz. 



52 Karl Martell. 

Der grösste Teil der Bevölkerung, der Bauer, entbehrte 
aber jedes gesicherten Rechtsschutzes. Er war dem Er- 
messen, d. h. dem willkürlichen Gutdünken der Grund- 
herrn Preis gegeben. Wie der Adel den Einwohnern 
der Mediatstädte und den Bauern gegenüber die Gerichts- 
barkeit übte, so hatte die Krone die Gerichtsbarkeit über 
die Bauern der Krongüter. Der Adel nahm Recht vor 
den Grodgerichten, bezüglich seiner Besitzungen vor den 
Landgerichten. Von den Grod- und Landgerichten ging 
der Rechtszug an die Tribunale, von den Stadtgerichten 
an das Assessorialgericht, von den Dorfgerichten wie 
erwähnt an den Grundherrn. Die Mitglieder der Tribunale 
und Assessorialgcrichte entbehrten zum grössten Teile 
einer wissenschaltlichen Vorbildung für ihren Beruf. Diese 
galt für unnötig. Denn nach weit verbreiteter Ansicht 
war jeder polnische Edelmann nicht nur geborener Soldat 
sondern auch geborener Jurist. Die Republik war so in 
Gesetzgebung und Rechtspflege auf dem Standpunkte 
stecken geblieben, den die deutschen Staaten und Terri- 
torien seit dem Ausgange des Mittelalters überwunden 
hatten. Als Folge des unvollständigen, imgewissen, nur 
notdürftig durch Herkommen und Gerichtsgebrauch er- 
gänzten Rechts und als Folge der wesentlich auf ständischer 
Grundlage ruhenden Gerichtsorganisation ergab sich in 
Verbindung mit der Besetzung der Gerichte mit mangel- 
haft ausgebildeten und wenig gewissenhaften Beamten — 
die grösste Unordnung und Unzuverlässigkeit. Überdies 
waren Bestechungen an der Tagesordnung, so dass der 
damalige Geheimrat Zerboni di Sposetti 1793 berichtete: 
Bestechungen sind unerhebliche Ereignisse, über die kaum 
gesprochen wird. 

Im Netzedistrikt hatte Preussen gleich nach der 
Besitznahme Ordnung zu schaffen gesucht. Durch das 
Notifikationspatent vom 28. September 1772 und die In- 
struktion für die westpreussische Regierung vom 21. Sep- 
tember 1773 wurde das ostpreussische Landrecht von 
172T zur Rechtsquelle bestimmt und als Gericht II. Instanz 
ein Hofgericht in Bromberg eingesetzt Als dann 1793 



Gerichts-Organisation für die Provinz Posen. 53 

Südpreussen an den preussischen Staat fiel, war dies 
Ereignis die Veranlassung zu umfangreicher Gesetzgebung. 
Nunmehr wurde das Allgemeine Landrecht, die Allgemeine 
Gerichts-Ordnung, dieH5rpotheken-Ordnung, die preussische 
Kriminal-Ordnung von 1717, später die Kriminal-Ordnung 
von 1805 mit Geltung für die ganze Provinz in Kraft 
gesetzt An Gerichtsbehörden wurden, wie in den andern 
Provinzen der Monarchie Patrimonialgerichte eingeführt, 
neben denen städtische und königliche Untergerichte bestellt 
wurden. Zu Gerichten IL Instanz wurden die Regierungen 
in Posen, Kaiisch, Warschau bestimmt und diese delegierten 
wegen der Unzuverlässigkeit der zur Verwaltung der 
Patrimonial- und Untergerichte Berufenen sog. Kreisjustiz- 
Kommissare. Sei 1796 wurden neben den Untergerichten 
für die Strafgerichtsbarkeit Inquisitoriate unter der un- 
mittelbaren Aufsicht der Obergerichte eingerichtet. Diese 
Inquisitoriate bewährten sich. Die Einleitung der Kriminal- 
Ordnimg von 1805 erkennt die Wirksamkeit dieser Be- 
hörden aufrichtig an und verheisst, dass nach ihrem 
Muster gleiche Einrichtungen in der ganzen Monarchie 
eingeführt werden soUen, was denn auch später wenigstens 
zum Teile geschehen ist So hat die Ajigliederung der 
polnischen Provinzen nicht nur zur Publikation des A. L. R., 
sondern auch zur Schaffung der Inquisitoriate für grosse 
Teile der Monarchie den Anstoss gegeben. 

Die stramme preussische Zucht, die Hingebung der in 
dies Land neu hineingezogenen Beamten an ihr Amt hatte 
verstanden, das Vertrauen der Bevölkerung zu erwerben, 
und hatte einen leidlichen Zustand der Rechtspflege herbei- 
zuführen vermocht. Insbesondere ist dieser Zeit die Ftlr- 
sorge für das Hypothekenwesen zu danken, eine Fürsorge, 
die zur polnischen Zeit ganz unbekannt bleiben musste. 
Es war gelungen, die Hypothekenbücher der Domänen und 
adligen Güter bis auf einen Restbestand von 29 Be- 
sitzungen zu regulieren, als der Tilsiter Frieden vom 
9. Juli 1807 die Provinz von der Monarchie abriss. Nun- 
mehr erfolgte ein völliger Umsturz des Rechtswesens. 
Als bürgerliche Gesetzbücher wurden 1809 an Stelle des 



54 Karl Martell. 

A. L. R. der code Napoleon und der code de commerce 
eingeführt An Stelle der A. G. O. trat der code de proc6dm-e 
und damit ein mündliches und öffentliches Verfahren in 
Civilsachen. Für jeden Kreis wurde ein Friedensgericht, 
für jedes Departement ein Civiltribunal erster Instanz, für 
zwei Departements ein Kriminalgerichtshof, wie die 
Inquisitoriate benannt wurden, eingerichtet Höchste 
Spruchbehörde wurde das Tribunal in Warschau. In dem 
Organisationstatut wurden die Gerichte für unabhängig 
erklärt, der Absetzbarkeit der Richter enge Grenzen ge- 
gezogen. Fortbestehen liess das Statut die Geltung des 
preussischen Kriminalrechts, während die Kriminalordnung 
durch ein öffentliches Verfahren modifiziert wurde. War 
dieser Umsturz des erst kürzlich geschaffenen Rechts- 
zustandes die Ursache grosser Verwirrung, kam z. B. 
die Ordnung des Hj^pothekenwesens völlig ins Stocken, 
so traten andererseits auf dem Gebiete der Provinz Posen 
neue Erscheinungen ins Leben, die in den alten Provinzen 
der Monarchie erst viel später zur Geltung kamen. In 
diese Zeit der Geltung des französischen Rechts fällt zu- 
nächst die Aufhebung der Patrimonialgerichte. Das Gross- 
herzogtum Warschau wandelte die Friedens- und Land- 
gerichte zu staatlichen Organen um. Es beseitigte ferner 
den persönlichen eximierten Gerichtsstand der Beamten 
und Adligen, die zur preussischen Zeit bei dem Hofgericht 
in Bromberg und der Regierung in Posen ihren persön- 
lichen Gerichtsstand gehabt hatten. Es verwies also alle 
Untertanen vor dieselben Gerichte. Im Grossherzogtum 
wurde ferner an Stelle des preussischen schriftlichen Prozess- 
verfahrens ein mündliches Verfahren in Geltung gesetzt und 
im Strafverfahren konnte das Prinzip der Öffentlichkeit sich 
Einfluss verschaffen. Wir können ohne weiteres annehmen, 
dass alle diese Reformen, so gross auch ihre Wirksamkeit 
bei langer Friedensdauer hätte sein können, trotz aller 
Feierlichkeiten, mit denen die Einführung der Konstitution 
imd der neuen Gesetze begrüsst wurde, inhaltlos geblieben 
sind. Schon den preussischen Gesetzen werden grosse 
Teile der Bevölkerung verständnislos gegenüber gestanden 



Gerichts-Organisation für die Provinz Posen. 55 

haben. War doch das A. L. R erst 1796 und zwar nicht 
in das Polnische^ sondern in das Lateinische übersetzt. Und 
bei dem mangelhaften Personale, mit dem die preussische 
Verwaltung bei den Untergerichten grösstenteils zu arbeiten 
hatte» wird die Vermutung nicht fehl gehen, dass vielen 
richterlichen Beamten das Verständnis der preussischen 
Gesetze im Grossen und Ganzen verschlossen geblieben 
ist Den französischen Gesetzbüchern werden die Beamten 
des Grossherzogtums noch viel verständnisloser gegenüber 
gestanden haben. Denn mit rücksichtsloser Energie 
waren alle die preussischen Beamten aus ihren Ämtern ent- 
fernt, die die frühere preussische Verwaltung aus den alten 
Provinzen herangezogen hatte. Damit beraubte sich aber 
das Grossherzogtum gerade derjenigen Elemente, die für 
die Justizkarriere wissenschaftlich und beruflich vorgebildet 
waren. Zu diesem Umsturz der Rechtsquellen und der 
Entfernung des tüchtigsten Teils des Beamtenstandes trat 
nun aber die Geissei des Krieges. Das Land wurde als 
Kriegsdepot behandelt und ausgesogen. Polen war für 
Napoleon nur ein untergeordnetes Glied in seinen welt- 
umspannenden Plänen, nur ein Kompensationsmittel und 
eine Quelle der Bereicherung für seine Generale. So blieben 
bei den unruhigen öffentlichen Verhältnissen die Gesetze 
französischen Ursprunges, welche in Friedenszeiten einen 
ungeheuren Fortschritt hätten herbeiführen können, un- 
ausgeführt Sie bestanden tatsächlich nur auf dem Papier 
zü Recht, und Preussen fand, als es noch vor Abschluss 
der Wiener Kongressverhandlungen wieder in den Besitz 
des Netzedistrikts imd eines Teils von Südpreussen kam, 
die gesamte Rechtspflege in der grössten Unordnung. 

Es ist aus der allgemeinen Geschichte bekannt, wie 
sehr im Jahre 1815 Preussen unter dem Einflüsse Russlands 
stand, wie sehr insbesondere König Friedrich Wilhelm III. 
trotz aller Unzuverlässigkeit, die Kaiser Alexander 1806/7 
an den Tag gelegt hatte, auf die Stimme des Czaren Wert 
legte. Auf den Einfluss des Czaren, der daran ging, in 
dem ihm überwiesenen Teile des zur Auflösung bestimmten 
Grossherzogtums Warschau sich ein nur lose mit der Czaren- 



56 Karl Martelh 

kröne verknüpftes Königreich zurechtzuzimmern, ist auch wohl 
jener unglückliche Zuruf vom 15. Mai 1815 zurückzuführen^ 
in welchem der König leicht misszuverstehende Worte an 
die unter sein Szepter zurückkehrenden Bewohner der 
Provinz richtete, Worte, die der kommandierende General 
von Grolmann 15 Jahre später nicht anstand, für törichte 
Stellen in den Traktaten und Besitznahmepatenten zu er- 
klären. Schon vor Erlass dieser Patente hatte der König 
unter dem 3. Mai 1815 von Wien aus bestimmt: in der 
neuen Provinz sind nicht wie in den andern Provinzen Unter- 
gerichte vorhanden. Es soll dabei (also bei den staatlichen 
Friedensgerichten) verbleiben. Die vorhandenen Tribunale 
sollen zu Landgerichten umgestaltet werden. Die Appellation 
soU von einem Landgericht an das andere Landgericht 
gehen. Dritte und letzte Instanz soll das Oberappellations- 
gericht in Posen sein. Die Direktoren und Vize-Präsidenten 
der Landgerichte und des Oberappellationsgerichts müssen 
die preussische Justizkarriere gemacht haben. Zu Präsi- 
denten der Gerichte sind Einheimische vom Adel zu be- 
stellen. In materieller Beziehung sind die preussischen 
Gesetze wiedereinzuführen. Im Prozessverfahren soll das 
mündliche und öffentliche Verfahren mit Modifikationen 
beibehalten werden. 

Zugleich ernannte der König den Stadtgerichtsdirektor 
Schoenermark zu Berlin zum sdlgemeinen Organisations- 
Kommissar und zum Vizepräsidenten des Königl. Ober- 
Appellationsgerichts. Mochten der Staatskanzler Hardenberg 
und der Justiz-Minister Kircheisen auch nicht mit allen 
Befehlen des Königs einverstanden sein, jedenfalls mussten 
sie dem Königlichen Willen nachzuleben bestrebt sein 
imd sind das zu tim auch in vollstem Masse bestrebt ge- 
wesen. Schoenermark trat sein Amt alsbald an. Auf 
seinen Vorschlägen, eingereicht am 10. Mai 1816 
beruht in der Hauptsache das Patent vom 9. No- 
vember 1816 und die Verordnung vom 9. Februar 181 7^ 
betreffend die Ordnujig der Gerichte, die Wiederein- 
führung der preussischen Gesetze und die Regelung des 
Prozessverfahrens. 



Gerichts-Oi^anisation für die Provinz Posen. 57 



Aufgehoben wurden durch diese Gesetze das ganze 
1809 eingeführte französische Civilrecht und das franzO- 
I sische Prozessverfahren. Dafür wurden wieder das Allg. 

i Landrecht, die Hypotheken-Ordnung und die Allg. Gerichts- 

^ Ordnung in Kraft gesetzt, jedoch mit der Abänderung^ 

' dass der persönliche eximierte Gerichtsstand der Adligen 

und Beamten beseitigt blieb, und der Grundsatz der 
Mündlichkeit, welcher im französischen Prozessverfahren 
^ Geltung hatte, mit Modifikationen aufgenommen wurde. 

Für Strafsachen brauchte besondere Fürsorge nicht ge- 
troffen werden. Das Grossherzogtimi Warschau hatte es 
bei dem preussischen Strafrecht des Landrechts be- 
* lassen. In Geltung geblieben war in der Hauptsache auch 

1 die preussische Kriminal-Ordnung von 1805 und das In- 

quisitoriat. Insoweit war also das Rechtswesen der 
i Provinz mit den Einrichtungen der altländischen Provinze» 

in Einklang. 

Eingerichtet wurden 7, später nach anderer Sprengel- 
einteilung 4 Landgerichte, 34 später 60, dann 70 Friedens- 
gerichte und ein Obergericht, das Oberappellationsgericht 
in Posen. Dabei blieb hinsichtlich der Friedensgerichte 
das Prinzip gewahrt, dass auch die unterste richterliche 
Behörde eine staatliche Behörde war, während in den 
alten Provinzen der Monarchie noch die Patrimonial- 
gerichte der Städte imd Grossgrundbesitzer fortbestanden- 
Was die Zuständigkeit der Gerichte anlangt, so waren 
die Friedensgerichte in der Hauptsache Sühnegerichte,. 
Schiedsgerichtsinstanzen. Sie sollten die Parteien zum. 
Vergleiche zu bringen suchen, ehe zur Klage geschritten 
werden durfte. Zu ihrem Geschäftskreise gehörten alle 
Prozesse unter 50 Talern, Injurien-, Holzdefraudations- 
und Possessoriensachen. In Vormundschafts- und Nach- 
lasssachen hatten sie bei einem vormundschaftlich zu ver- 
waltenden Vermögen oder einem Nachlasse bis zu 
aoo Thalem einzuschreiten. In Kriminalsachen sollten sie 
die Verhaftungen und ersten Vernehmungen vomehmea 
> Berufungs- und Beschwerdegericht war ihren Entscheid 

\ düngen gegenüber das Landgericht 

\ 



58 Karl Martell. 

Die Landgerichte waren bei grösseren Objekten die 
erste Instanz. In Vormundschafts- und Nachlasssachen 
erstreckte sich ihre Zuständigkeit auf Objekte bis zu 
2500 Talern. Ihnen lag die Führung der Hypotheken- 
bücher ob. Jedoch war die Führung der Grundbücher 
über die Domänen und die adligen Güter den Land- 
gerichten in Posen und Bromberg allein übertragen. In 
Kriminalsachen waren die Landgerichte, bei einfacheren 
Straftaten die Spruchbehörden. Hinsichtlich des Instanzen- 
zuges waren der Königlichen Ordre gemäss die Land- 
gerichte wechselseitig Appellations- und Beschwerdegerichte. 
So standen Krotoschin und Fraustadt in wechselseitigem 
Instanzenzuge. In allen übrigen Sachen, also bei Ver- 
mögensobjekten über 2500 Talern trat die Zuständigkeit 
des Oberappellationsgerichts als erstinstanzliches Gericht 
ein, und dies war auch bei den wichtigeren Kriminalsachen 
der Fall. Berufungen und Beschwerden gegen die Ent- 
scheidungen des einen Senats gingen zur Nachprüfung 
an den andern Senat des Oberappellationsgerichts. Be- 
züglich der Gerichtssprache wurde dem Königlichen Zurufe 
gemäss bestimmt, dass die polnische Sprache neben der 
deutschen bei allen Verhandlungen in gleicher Geltung 
stehen sollte. 

So trat nun diese Gerichtsverfassung ins Leben, in 
der die neuen Rechtsgedanken Aufnahme gefunden hatten, 
dass alle Preussen vor dem Gesetze gleich seien, d. h. ohne 
Ansehen der Person vor demselben Richter Recht zu 
nehmen hatten, dass alle Richter staatliche Beamten seien, 
und dass im Prozessverfahren die Mündlichkeit zu- 
gelassen war. Erst nach Jahrzehnten haben diese Grund- 
sätze in das Rechtsleben der übrigen altländischen 
Provinzen Aufnahme gefunden. 

Sehr viele Mühe verursachte die Besetzung der 
Gerichte. Aus den altländischen Provinzen Hessen sich 
juristisch vorgebildete Beamte nur schwer heranziehen. 
Das einheimische Personal aber war schwach, sehr 
schwach. Das Grossherzogtum Warschau hatte, so klagte 
Schoenermark am 31. Oktober 1815 dem Minister Kirch- 



Gerichts-Organisation fflr die Provinz Posen. 59 

^isen, nach Entfernung der alten preussischen aus andern 
Provinzen herangezogenen Beamten die eingerichteten 
Tribunale mit Mitgliedern besetzt, die in der früheren 
polnischen Zeit vor 1793 tätig gewesen, also ohne wissen- 
schaftliche und ohne zureichende berufliche Qualifikation 
waren. Zu den Stellen der Kassierer, Sekretäre, Regi- 
stratoren habe man Leute berufen, die gar keine 
Befähigung für solche Ämter erworben imd nachgewiesen 
hätten. Für die Annahme solcher Leute sei einzig das 
Ermessen der Vorsteher der Gerichtsbehörden massgebend 
gewesen. Tröstend antwortete ihm der Justizminister auf 
diese Klagen: Bei der gegenwärtigen Organisation kann 
man im Sinne der Kabinets-Ordre vom 3. Mai 1815 keine 
grossen Anforderungen machen, da die Absicht, die vor- 
handenen Beamten in Aktivität zu erhalten, imverkennbar 
ist Bei den jungen Polen wird es wünschenswert sein, 
dass sie auf deutschen Universitäten studieren, dass sie 
ihre Laufbahn in deutschen Provinzen antreten, dort ihr 
Examen machen und zu Ämtern in den deutschen Provinzen 
geschickt gemacht werden. Wie wenig kannte der Justiz- 
minister Kircheisen den Charakter der damaligen polnischen 
adligen Jugend, wenn er solche Erwartungen hegte! 

Dem Königlichen Befehle gemäss ging die Verwaltimg 
an die Berufung Einheimischer vom Adel zu den ersten 
Präsidenten der Kollegialgerichte. Mit Mühe wurden ge- 
eignete Persönlichkeiten ermittelt Denn es musste doch 
wenigstens darauf gesehen werden, dass zu diesen Vor- 
steherstellen Männer mit einiger juristischer Vorbildung 
berufen wurden. Zum ersten Präsidenten des Königlichen 
Oberappellationsgerichts wurde nach langwierigen Verhand- 
lungen der frühere Tribunalsrat von GorzeAski ernannt. 
Seine feierliche Einführung erfolgte am i. März 1817. 
Gestern fand, so berichtet der frühere Geheimrat, jetzt 
zum Oberpräsidenten ernannte Zerboni di Sposetti am 
2. März 181 7 dem Staatskanzler, die feierliche Einfühnmg 
der neuen Grerichtsverfassimg imd des Herrn von Gorzenski 
zum Amte eines Ersten Präsidenten des Königlichen 
Oberappellationsgerichts statt Dem Herrn von GorzeAski 



6o Karl MartelL 

traten bei der Feierlichkeit die Tränen in die Augen, 
Es ist doch merkwürdig, wie es in dieser Provinz weniger 
auf die Sache, als auf den Moment und die Form ankommt. 
Wir haben hierin ein besonderes Unglück und kommea 
nicht selten in den Fall, unsere guten Friedrichsdors für 
rote Pfennige wegzugeben. 

Verstand der Oberpräsident unter der Bemerkung,^ 
dass es hier in der Provinz weniger auf die Sache als 
auf die Form ankomme, dass die Ernennung der Vorsteher 
der Gerichte aus der Zahl der Einheimischen vom Adel 
eine reine Formensache, die Berufung zu einem Scheinamt 
sei, so traf seine Bemerkung völlig zu. Diu-ch eine um- 
ständliche Instruktion grenzte der Vizepräsident Schoener- 
mark die Befugnisse der Ersten Präsidenten dahin ab^ 
dass diesen Herren im wesentlichen die Repräsentation 
verblieb, das ganze Schwergewicht der Verwaltung aber 
den Direktoren der Landgerichte imd dem Vizepräsidenten 
des Oberappellationsgerichts zufiel. Also dafür, dass die 
Inhaber dieser übrigens mit erheblichen Entschädigungs-^ 
geldem ausgestatteten Ehrenstellen keinen materiellen 
Schaden anrichten konnten; sorgte die Beamtenbureaukratie. 
Aus der Erkenntnis der völligen Überflüssigkeit dieser 
Ehrenpräsidenten ist denn auch wohl die Bemerkung zu 
verstehen, dass diese Ämter den Wert roter Pfennige 
hätten, und es wohl besser gewesen wäre, die guten 
Friedrichsdors im Kasten zu behalten. 

So trat nun je nach dem Fortschreiten der Einrichtung 
der neuen Gerichte und ihrer Besetzung das neue Ver- 
fahren in Übung, und eine gewisse Rechtssicherheit begann 
in die Provinz einzuziehen. Aber es war für die preussischen 
Beamten eine dornenvolle Zeit. Die Bevölkerung, d. h. 
der grundbesitzende polnische Adel konnte nicht zufrieden 
gestellt werden. Obwohl der Königlichen Verheissung^ 
gemäss bei allen Verhandlungen die polnische Sprache 
neben der deutschen volle Geltung hatte, liefen Beschwerden 
über diese Ordnung der Gerichtssprache ein. Und doch 
führte die Vorschrift, dass Verhandlungen in polnischer 
Sprache zu führen seien, zu den grössten Unzuträglich- 



Gerichts-Organisation für die Provinz Posen. 6l 

keiten, als junge Leute polnischen Stammes sich nicht 
<lazu bequemten, die preussische Justizlaufbahn einzu- 
schlagen, d. h. sich wissenschaftlich und beruflich zu den 
Justizämtem vorzubereiten, und andererseits die neu in 
4ie Provinz hineingezogenen Beamten die polnische Sprache 
sich nicht aneigneten, auch nicht aneignen konnten. Wo 
immer ein Aktenstück in polnischer Sprache geführt wurde, 
da war es für die Aufsichtsbehörde mangels der Fähigkeit, 
die Verhandlungen nachprüfen zu können, so gut wie nicht 
vorhanden. Schwer haben unter solchen Verhältnissen 
die Geschäfte gelitten. 

Kaum war die neue Verfassung ins Leben getreten, 
als schon 1818 beim Staatskanzler eine Beschwerde von 
vier polnischen Grundherrn einlief, in welcher über Zurück- 
setzung imd Beschädigimg der Nationalität Klage geführt 
wurde. In umfangreicher Breite beriefen sich die Be- 
schwerdeführer auf die Traktate und Besitznahmepatente 
xmd liessen es auch an Selbstlob nicht fehlen. 

Trotz der Treulosigkeit, mit der die polnischen Soldaten 
und Offiziere 1806/7 ^^^ preussischen Fahnön verlassen 
hatten, trotzdem Südpreussen gleich nach der unglücklichen 
Doppelschlacht von Jena und Auerstädt seinen Abfall 
-erklärt, und der polnische Adel Napoleon in Posen und 
Warschau als Befreier begrüsst hatte, wagten die Be- 
schwerdeführer von der Treue der polnischen Nation zum 
Herrscherhause zu sprechen. Es war wohl eine Konzession 
an ihr Gewissen, wenn sie dabei den charakteristischen 
Zusatz machten, „sofern nicht höhere Pflichten in Frage 
kamen." Unwillig berichtete Schoenermark auf die ihm 
zugefertigte Beschwerde, dass der polnischen Sprache 
durch die neue Verfassung und in täglicher Gerichtspraxis 
das weiteste Entgegenkommen erwiesen würde. Derartige 
Klagen seien ihm nicht neu.' Er habe in .einem Lande 
zu tun, in dem es zur Nationalität gehöre, unzufrieden zu 
sein. Dabei wies er darauf hin, dass Beschwerdeführer 
die tatsächlichen Nationalitätsverhältnisse der Provinz ganz 
ausser Augen liessen. Denn die Provinz zähle doch Vs 
Deutsche, und deren Vorhandensein imd deren Recht, 



62 Karl Martell. 

in der Justizverfassung berücksichtigt zu werden, werde 
in der Beschwerde ganz ausser Augen gesetzt Als in 
den folgenden Jahren der Staatskanzler von Hardenbergs 
geneigt schien, den Klagen der Beschwerdeführer nach- 
zugeben, und die Einsetzung einer Justizimmediat- 
Kommission in die Wege leitete, trat ihm der Justiz- 
minister Kircheisen unter dem 3. Oktober 1821 mit einem 
gehamischten Berichte an den König entgegen. 

Es komme, so schreibt er, nicht auf die Wünsche der 
Mehrheit der Bevölkerung an, sondern auf die Bedürfnisse 
des Landes und des Staates. Was nützlich sei, darüber 
sei man bei der Veränderlichkeit menschlicher An- 
schauimgen beständig wechselnder Meinung. Was für das 
Land imd den Staat zweckmässig und notwendig sei^ 
darüber habe die Regierung zu entscheiden. Und da 
sei es ntm staatliches Bedürfnis, dass ein gleichmässiger 
Organismus im Staatsleben wirke. Denke man schon 
jetzt an eine Änderung, so sei es besser, dass die neue 
Provinz sich im Justizwesen an die aitländischen Provinzen 
anschliesse, als dass die alten Provinzen zur Aufnahme 
noch nicht bewährter Neuerungen herangezogen würden. 
Bei der kurzen Dauer der erst vor einigen Jahren ein- 
geführten Verfassung sei es jedenfalls am besten, der- 
selben noch Zeit zur Bewährung zu lassen. 

Dem stimmte nun auch der König bei, imd damit 
blieb es fürs erste bei der von Schoenermark vorge- 
schlagenen und zur Einführung gebrachten Verfassimg. 
Diese erhielt nur insofern einen Bruch, als 1821 dem 
Fürsten von Thum und Taxis eine besondere Gerichts- 
barkeit für sein Fürstentum Krotoschin bewilligt wurde. 
Diese Fürstentumsgerichte gab der Grundherr aber schon 
1833 um so lieber ab, als die Unkosten für die Ehre^ 
eine selbständige Gerichtsbarkeit zu haben, zu gross 
wurden. 

Schoenermark brachte die neue Justizverfassung schritt- 
weise zur Durchführung, so wie es die Beschaffung von 
Beamten und Lokalitäten gestattete. Erst 1824 sah er 
seinen Organisationsauftrag als erfüllt an und gab ihn in 



\ Gerichts-Organisation für die Provinz Posen. 63 

[ die Hände des Justizministers zurück, der ihm in wannen 

1 Worten für die mühevolle Arbeit dankte. 

Unzweifelhaft litt die durchgeführte Organisation an 
mancherlei Gebrechen. Die Abgrenzimg der Zuständigkeiten 
nach dem Werte der Angelegenheiten, die mangelhafte 
Ordnimg des Instanzenzuges, die Bestellung der Friedens- 
gerichte zu Sühneinstanzen hatten mancherlei Bedenken 
gegen sich« Dazu kam, dass ein polnischer Bauernstand 
sich zu entwickeln begann, die gutsherrlich-bäuerlichen 
Regulierungen dem bisher landlosen Ackerbauer Eigentum 
verschafften, der Handel sich hob und durch die kultur- 
befOrdemden Massregeln der neuen Regierung die Be- 

^ dürfnisse der Provinzbewohner sich änderten. Wenn 

die Unzufriedenen es übersahen, dass in der Besetzung 
der Friedensgerichte mit unzureichendem Personal der 
Kernpunkt der Klagen lag, so wird man ihnen dies 
kaum verdenken. Ist es doch in der menschlichen Natur 
begründet, die Organisationen und nicht die Menschen, 
für Unebenheiten der Geschäfte verantwortlich zu machen. 
Schon der erste Landtag, welchen der König 1827 der 
Provinz bewilligt hatte, brachte Klagen über die Justiz- 
verfassung. Die Landstände beantragten, den Friedens- 
gerichten eine grössere Kompetenz bis zu 300 Talern zu 
geben und ihre Zuständigkeit in Vormundschafts- und 

^ Nachlasssachen auf Objekte bis zu 4000 Talern zu er- 

weitem. Im Prozessverfahren baten sie um Beseitigung 

l' des wechselseitigen Instanzenzuges bei den Landgerichten 

und um weitere Ausdehnung des mündlichen Verfahrens. 

f Ihren Anträgen trat der zum Bericht aufgeforderte Prä- 

sident Schoenermark nur zum kleinsten Teile bei. Auch 

} er befürwortete die Aufhebung des wechselseitigen In- 

' Stanzenzuges, befürwortete jedoch nur die Erweiterung 

f der Zuständigkeit der Friedensgerichte in Vormundschafts- 

und Nachlasssachen bis zu einem Vermögensbestande von 

1 500 Talern. Den weitergehenden Anträgen gegenüber 

verhielt er sich ablehnend. Auch nicht einmal sein Vorschlag 
erhielt die Königliche Genehmigung. Vielmehr ordnete 
der König nur die Beseitigung des wechselseitigen In- 



^4 Karl Martell. 

45tanzenzuges an. Vom i. Juli 1829 ab hörte demgemäss 
die Berufung und Beschwerde von einem Landgerichte 
an das andere auf, und es wurde der IL Senat des Ober- 
appellationsgerichts die Berufungs- und Beschwerdeinstanz 
für die Entscheidungen der Landgerichte, während der 
L Senat des Oberappellationsgerichts in III. Instanz end- 
gültig entschied. 

Auf erneuten Antrag des Landtags von 1829 erhielt 
1830 der Justizminister den Auftrag zu Vorarbeiten für 
-eine allgemeine Reform der Justizverwaltung. Zu den 
Beratungen im Staatsministerium über Vorschläge des 
Ministers wurde auch der Kronprinz zugezogen. Auf des 
Kronprinzen Antrag, so meldete der Justizminister von 
Kamptz dem seit dem 9. Dezember 1830 in sein neues 
Amt berufenen Oberpräsidenten von Flottwell am 14. No- 
vember 1831, wurde in der Sitzung des Staatsministeriums 
vom 17. November 1830 zur Beratung gestellt, ob es nicht 
ratsam sei, verschiedene Gerichte für die deutschen und pol- 
nischen Einwohner der Provinz zu bilden. Diesen Vorschlag 
habe der Kronprinz zwar auf das Votum des Justizministers 
fallen lassen. Dafür aber habe er wenigstens die Tren- 
nung der Obergerichte nach Nationalitäten befürwortet. 
Aber auch solcher Trennung habe Schoenermark wider- 
sprochen und dabei bemerkt, dass Wünsche nach solcher 
Trennung gamicht bekannt geworden seien. Der Vize- 
präsident Schoenermark habe sich auch darüber aus- 
gelassen, dass die Friedens- und Landgerichte sich bisher 
das Vertrauen der Eingesessenen zu erwerben nicht ver- 
mocht hätten. Schoenermark habe den Grund für diese 
Erscheinung darin gefunden, dass diese Behörden noch 
zu viel polnische, nicht beruflich vorgebildete Mitglieder 
in ihren Reihen zählten. Mit Rücksicht auf die Sprach- 
kenntnis seien noch immer viel zu viel junge Leute an- 
;genommen, die bei den Landgerichten ihren ersten ju- 
ristischen Ausflug machten. Flottwell werde um Äusserung 
ersucht 

In seinem Antwortschreiben vom 13. November 1831 
stimjnt Flottwell ganz in Schoenermarks Klagen ein. Das 



Gericbts-Organlsation für die Provinz Posen. 65 

Publikum, so lässt er sich aus, beklagt sich nicht über die 
Organisation, sondern über das Verfahren und die Be- 
lastung der Gerichte, über die mangelnde Aufsicht und die 
mangelnde Direktion. Die Geschäfte seien in Unordnimg. 
Insbesondere klage das Publikum über die geringen Fort- 
schritte in der Regulierung der Grundbücher. Die Forti- 
fikation in Posen wolle schon seit Jahren die Ent- 
schädigungen für das zu ihren Bauten verwendete Land 
zahlen, es sei aber die Legitimation der Eigentümer bei 
den Grundakten nicht zu beschaffen. Der Grund für die 
Klagen liege also in der schlechten Besetzung der Gerichte. 
Bei denselben sei auch eine Veränderung insoweit ge- 
boten, als gar keine Veranlassung vorliege, die Ehren- 
Präsidenten bestehen zu lassen. Warum stelle man nicht 
statt derselben sachgemäss vorgebildete Beamte mit Ver- 
pflichtung zu positiver Arbeit an! Im Geschäftsverkehre 
müsse man auch von den Vorschriften der Ordnung vom 
9. November 1816 abgehen und auf die polnische Sprache 
keine Rücksicht nehmen. Aus dem ganzen Berichte 
spricht der neue Geist, der in die Provinz eingezogen war 
und einige Jahre darauf auch für die Verfassung der 
Gerichte von grösster Fruchtbarkeit werden sollte. 



II. 
1834. 

Der verdiente Organisator des Justizwesens in der 
Provinz Posen, der Vizepräsident des Oberappellations- 
gerichts von Schoenermark — er war inzwischen geadelt 
— war am 21. Jimi 1832 in Berlin, wo er Heilung von 
einem Lungenleiden gesucht hatte, gestorben. Gleich nach 
seinem Tode wandte sich der Oberpräsident Flottwell 
an den Justizminister von Muehler mit der Bitte, die eigen- 
tümlichen Verhältnisse der Provinz bei Ernennung des 
Nachfolgers mitzuberücksichtigen. von Muehler setzte 
sich mit dem zweiten Justizminister v. Kamptz in Ver- 
bindung, imd beider Wahl fiel auf den Vizepräsidenten 
des Königl. Appellationsgerichts zu Breslau, v. Frankenberg- 

ZeitBchrift der Hist. Ges. fOr die Ptot. Posen. Jahxg, XVQI. 6 



66 Karl Martell. 

Ludwigsdorf. Zur Vorbereitung für die nachzusuchende 
Königliche Bestätigung wandte sich von Muehler an den 
Generalleutnant von Lottum, Mitglied des Staatsrats. 
^Ich habe", so schrieb er demselben, „die Überzeugung, 
dass im ganzen Lande kein zweiter geeigneter Mann 
aufzutreiben ist. Er bringt ein grosses Opfer. Die Beru- 
fimg zum Chefpräsidenten in Breslau könnte ihm seiner 
Zeit kaum entgehen. Er wird keine papierene Kontrolle 
führen, sondern mit eigenen Augen sehen. Es wird 
übrigens viel geschehen müssen, lun den gräulichen 
Zustand zu beseitigen, der überall herrschen soll." von 
Lottum meldete dann später die Ernennung von Franken- 
bergs dem Oberpräsidenten Flottwell und drückte die 
Hoffnung aus, dass sich zwischen diesem und dem neuen 
Präsidenten des Oberappellationsgerichts ein recht voll- 
kommenes Einverständnis bilden möge. Diese Hoffnung 
ist voll und ganz in Erfüllung gegangen. Nach voll- 
zogener Bestätigung gratulierten unter anderen Würden- 
trägern auch der Justizminister von Muehler und der seit 
dem Eintritte Flottwells in die Provinz nach Berlin ver- 
zogene Statthalter des Grossherzogtums, Fürst Anton 
Radziwill. Ersterer schrieb u. a.: „Finden Sie, dass das 
dortige Verfahren in Civilsachen, also die Verbindung 
des schriftlichen und mündlichen Verfahrens verdient in 
die alten Provinzen eingeführt zu werden, so werde ich 
Ihnen geeignete Leute schicken, die sich darin einarbeiten 
sollen." Und weiter: „ein sehr grosser Übelstand in der 
Provinz ist, dass die Beamten so viel die Weinhäuser 
besuchen. Das werden Sie als etwas Unanständiges ganz 
untersagen müssen. Übrigens scheint es mir notwendig, 
das Polnische allmählich aus den Gerichten zu verdrängen, 
so dass in 20 Jahren nur Deutsch verhandelt werden 
braucht Doch das sind alles Ideen, die Sie zu etwas 
Brauchbarem werden verarbeiten müssen." 

Aus einer ganz anderen Tonart klang das Glück- 
wunschschreiben des vormaligen Statthalters vom 21. Juli 
1832. Die Kenntnis der polnischen Sprache, schrieb er, 
ist bei der hohen Stellung, welche Sie bekleiden, weniger 



Gerichts-Organisation für die Provinz Posen. 67 

notwendig. Ich zweifele nicht, dass bei der Unparteilich- 
keit, welche Sie auszeichnet, dies ein Grund mehr für 
Sie sein wird, darauf zu achten, dass einem jeden Unter- 
tan des Königs in dieser Provinz in der Sprache wird 
Recht gesprochen werde, die er versteht. 

So wurde v. Frankenbergs Eintritt in die Provinz mit 
entgegengesetzten Erwartungen begleitet Dem Justiz- 
minister lag vor allem an Verbesserung der Rechtspflege, 
mochte auch dabei eine sprachliche Zurückdrängung des 
Polnischen im Gerichtsgebrauch stattfinden. Der Statt- 
halter hatte kein Verständnis für die Notwendigkeit einer 
Verbesserung. Ihm kam es auf Erhaltung der Herrschaft 
der polnischen Sprache in den Gerichten an. 

Aus dem obigen Schreiben von Muehlers können 
wir entnehmen, dass er nicht, wie sein Vorgänger von 
Kircheisen im Jahre 1821, auf dem Standpunkte stand, 
dem mündlichen Verfahren im Prozesse weitere Ver- 
breitung zu imterbinden. Er ist vielmehr der Fortbildung 
des mündlichen Verfahrens geneigt Was die Klage des 
Ministers über den schlechten Zustand der Rechtspflege 
und des ungehörigen Verhaltens der Justizbeamten in der 
Provinz angeht, so schildert auch der kommandierende 
General von Grolmann in seiner Denkschrift vom 
25. März 1832 beides mit schwarzen Farben*). 



^) V. Conrady: Leben und Wirken des kommandierenden Gene- 
rals V. Grolmann Bd. III S. 289. Dieser Punkt — nämlich das 
Jostizofficiantentum ist der schadhafteste in der Provinz, wenig- 
stens was die Friedens- und Landgerichte betrifft .... Es werden 
hier mehr polnische und polonisierte deutsche Officianten angestellt 
als in den anderen Zweigen der Verwaltung, und man kann sagen, 
dass sich die ganze Gerechtigkeitspflege in polnischen Händen 
befindet Die Polen bemtühten sich die Beamten herabzuwürdi- 
gen und sie durch Luxus, Spiel und Trunk in ihre Netze zu bringen, 
und leider ist ihnen dies grösstenteils gelungen. Es ist ganz gewöhn- 
lich, dass der Pole, der einen Prozess hat, den Tag vor dem Ter- 
mine in die Stadt kommt, seinen Richter zum Gastmahl einladet, wo 
der Wein fliesst, und Spiel und andere Vergnügungen zur Ent- 
würdigung des Richters angewandt werden; ein solches Bachanal 
heisst in der dortigeir Kunstsprache der Vortermin. 

6« 



68 Karl Martell. 

V. Frankenberg trat sein neues Amt im Sommer 
1832 an. Die erste Tätigkeit des neuen Präsidenten 
bestand darin, dass er, wie der Justizminister richtig 
gemutmasst hatte, sich mit eigenen Augen über den 
Zustand der Gerichte unterrichtete. Da fand er nun, dass 
die 70 Friedens-, die 4 Landgerichte und die 7 Inquisi- 
toriate allerdings viel zu wünschen übrig Hessen. Mit 
schnellem Blicke erkannte er auch die Wurzel des Übels 
im Einzelrichtertum. Gleich sein erster Generalbericht 
für das Jahr 1832 regt eine Umformung der Gerichte an. 

Mit der Verfassung vom ^ p^K ^q^ berichtete er, „kann 

ich mich nicht einverstanden erklären." Die Friedens- 
gerichte als Vergleichsbehörden, wie sie gedacht waren^ 
bewähren sich nicht. Es herrscht grosse, nicht abzu- 
stellende Unordnung. Diese ist besonders gross im Hypo- 
thekenwesen. Schon sind 54000 unregulierte Hypotheken- 
Folien vorhanden und mit der fortschreitenden Regulie- 
rung der gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse ist eine 
Vermehrung der anzulegenden Folien notwendig ver- 
bunden. Zwar ist seit 1829 der wechselnde Instanzen- 
zug unter den Landgerichten beseitigt. Doch ist dies 
ohne Einfluss auf die Nachteile, die das Einzelrichtertum 
mit sich bringt. Unter diesen Umständen liegt es nahe, 
die Friedensrichter zu kollegialen Behörden zusammen- 
zuziehen und für jeden der 26 Landratskreise (die etwa 
40,000 Seelen im Durchschnitte haben) ein Kollegialgericht 
zu schaffen, welches man, so schlägt er im Oktober 1833 
vor, Kreisgericht benennen mag. Diesen kann dann das 
ganze Hypothekenwesen einschliesslich der Buchführung 
über die Domänen und adligen Güter übertragen werden. 
Die Konzentration der Folien über diese Güter bei den 
Landgerichten in Posen und Bromberg ist von Übel. 
Diese Güter, 1065 beim Landgericht Posen und 565 beim 
Landgerichte Bromberg, haben bis auf 29 regulierte Folien. 
Durch die Zusammenfassung der Folien dieser Güter 
entsteht eine durch nichts gerechtfertigte Konzentration 
des Kreditwesens in beiden Städten. Der grosse Johannis- 



Gcrichts-Organisation für die Provinz Posen. 69 

termin in Posen schlägt für viele Besitzer zum Unsegen 
aus. Die Ordnung des Kreditwesens muss dezentralisiert 
werden, und es wird mit der Zuteilung der Hypotheken- 
blätter an die neuzuschaffenden Kollegialgerichte die 
Regelung der Kreditbedürfnisse auf die Kreisstädte ange- 
bahnt werden müssen. In demselben Berichte nimmt 
V. Frankenberg auch gleich die Besprechung des Kosten- 
punktes auf. Er berechnet den Jahresetat eines Kolle- 
gialgerichts im Durchschnitt auf etwa 13000 Taler und weist 
darauf hin, dass der Verbrauch dieser Summe bei der 
Armut der Städte in der Provinz immerhin ins Gewicht 
falle. Den gesamten Etat für die Justiz berechnet er 
im Falle der Einrichtung derselben nach seinem Projekte 
^"^ 393000 Taler und kommt so dahin, dem Minister 
vorzustellen, dass der neue Etat sich dem bestehenden 
gegenüber noch um 2000 Taler niedriger stellen würde. 
Übrigens, so bemerkt er, kann auf den Kostenpunkt 
keine Rücksicht genommen werden angesichts der zu 
erwartenden Vorteile und der Betrachtung, dass die Justiz- 
pflege in dieser Provinz mit geringeren Kosten als in 
den älteren Provinzen bestritten wird. 

Aber mit diesen Vorschlägen fand der neue Präsident 
im Ministerium keinen Anklang. Das ist leicht erklärlich. 
War doch damals im übrigen Preussen die Gerichts- 
organisation vornehmlich auf Patrimonialrichtern als 
Einzelrichtem aufgebaut 

Es ist nun ungemein reizvoll, den Kampf zu be- 
trachten, den von Frankenberg führen musste, ehe es 
gelang, seinen Gedanken zum gesetzgeberischen Ausdrucke 
zu bringen. Darin zwar war auch der Justizminister von 
Muehler mit von Frankenberg einig, wie aus dem vor- 
gedachten Glückwunschschreiben erhellt, dass die von 
Schoenermark in den Jahren 1816/17 ins Leben gerufene 
Organisation, wie gewaltig auch die Verbesserung den frü- 
heren Verhältnissen gegenüber gewesen war, einer Um- 
formung bedürfe. Dieser Ansicht schloss sich auch das 
Staatsministerium an, und es ist schon der regen Anteil- 
nahme des Kronprinzen an den Beratungen über die 



^o Karl Martell. 

Reformvorschläge gedacht Aber der Justizminister be* 
vorzugte entsprechend der Verwaltung der Rechtspflege 
in den altländischen Provinzen das Einzelrichtertum. In 
seinem Votum vom 3. Februar 1833 sprach er sich daher 
für eine Vermehrung der Friedensgerichte aus und wollte 
durch Neuschaffung von zwei oder drei Oberlandesgerichten 
eine verstärkte Aufsicht über die Untergerichte herbeiführen. 
Namentlich der Kostenpunkt schien ihm bedenklich. Er 
hielt von Frankenbergs Etatsansätze für viel zu niedrige 
meinte, dass sein Plan zahlreiche Bauten notwendig machen 
würde, und warf das Bedenken auf, dass viele Beamte 
in den Kreisstädten nicht die geeigneten Wohnungen 
finden würden. 

Damals war infolge der Unruhen, die der Aufstand 
der Polen jenseits der Grenze im Jahre 1830 auch für 
die Provinz Posen zur Folge gehabt hatte, eine besondere 
Immediatkommission aus den Ministern der Finanzen, der 
Polizei und Justiz bestellt, welche unter Zuziehung des 
kommandierenden Generals von Grolmann und des Ober- 
präsidenten Flottwell Vorschläge über die Reform der 
allgemeinen Staatsverwaltung in der Provinz aufstellen 
sollte. An diese Kommission gingen von Frankenbergs 
Vorschläge mit dem Gutachten des Justizministers.. 
V. Frankenberg suchte den Oberpräsidenten für seinen Plan 
zu gewinnen. Am i. März 1833 schrieb er ihm nach 
Berlin. Ich bin mit der Organisation von 1816 nicht ein-^ 
verstanden. Damals hätte es so nahe gelegen, die Ge- 
richte zusammenzuziehen. Dazu ist es auch noch nicht 
zu spät So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben. Der 
unregulierte Zustand der Hypothekenbücher führt im- 
geheure Verluste herbei. Auch das Prozessverfahren wird 
viel wirksamer durch Erweiterung des Prinzips der Mündlich-^ 
keit ausgestaltet werden müssen. Übrigens werden aber alle 
Verbesserungsvorschläge ohne Erfolg bleiben, wenn es bei 
der Bestimmung verbleibt, dass ganze Aktenstücke polnisch 
geführt werden. Diese Akten können gamicht kontrolliert 
werden. Die Regierung hat alles getan, um polnische 
jimge Leute zum Studium aufzumuntern und um deutsche 



Gerichts-Organisation für die Provinz Posen. ^l 

junge Leute zum Erlernen der polnischen Sprache zu 
drängen. Es ist aber die Erfahrung gemacht, dass der- 
jenige Teil der Einwohner, welcher der polnischen Sprache 
zugehört, zwar schreiend den Gebrauch der polnischen 
Sprache bei den Gerichten verlangt und sich auf die 
AViener Kongressverhandlungen zu berufen pflegt, selbst 
aber nichts dafür tut, dass in der Nation die Neigung für 
den Staatsdienst wächst Der Adel hält es unter seiner 
{ Würde, sich dem Unbehaglichen der Erlernung des 

' Dienstes und ernster Anstrengung zu unterwerfen. So 

' wie bisher geht es mit dem Gebrauch der polnischen 

1 Sprache bei den Gerichten nicht weiter. Ich habe schon 

l wiederholt vorgestellt, dass der Zuruf des Königs an die 

Bewohner der Provinz nur den Gebrauch der polnischen 
Sprache neben der deutschen verheisst, die Bestimmungen 
der Verordnimg vom 9. Februar 181 7 aber darüber hinaus 
zu einer vollständigen Verdrängfung der deutschen Sprache 
in vielen Angelegenheiten geführt haben. 

Trotz dieses Appells an Flottwell und obwohl von 
4 Frankenberg auch versucht hatte, den kommandierenden 

General von Grolmann für seinen Plan zu erwärmen, 
schloss sich doch die Immediatkommission unter Ablehnung 
der von Frankenberg*schen Pläne in der Sitzung vom 
^ 16. März 1833 dem Gutachten des Ministers an. Dabei 

kam im Schosse der Kommission jetzt auch der Vor- 
schlag zu Tage, dem Friedensrichter einen wissenschaftlich 
vorgebildeten Aktuar zur Seite zu setzen, so dass dieser 
den Friedensrichter jederzeit zu vertreten in der Lage 
wäre. Femer sprach sich die Kommission für Erweiterung 
der Zuständigkeit der Friedensgerichte und für ihre Ver- 
mehrung aus und befürwortete die Überführung der 
Hypothekenblätter der Domänen und adligen Güter an 
das Oberlandesgericht. 

Als jetzt auch das Plenum des Staatsministeriums 
am 30. April 1833 sich für die Vorschläge des Justiz- 
ministers aussprach, schien von Frankenberg mit seinem 
Vorschlage endgültig unterlegen zu sein. Denn es schien 
wenig wahrscheinlich, dass der König gegen die überein- 



f 



i 



72 Karl Martell. 

Stimmenden Gutachten seiner obersten Ra tgeber entscheiden 
werde. 

V. Frankenberg selbst gab seine Sache noch nicht 
verloren. Er wandte sich in drei Briefen vom 25. April 
2. Juni und 7. Juli 1833 an seinen alten Freund, den Ge- 
heimen Staatsrat Staegemann, in dessen Hand die 
wichtigsten Angelegenheiten dieser Provinz behufs Vor- 
bereitung der Königlichen Entschliessung zusammen 
liefen. „Mein Antrag", schrieb er ihm, „20 — 25 kleine 
KoUegiatgerichte zu schaffen, hat leider keinen Anklang 
gefunden. Die Theoretiker der heutigen Zeit gehen 
davon aus, dass die Gerichtspflege mehr dem Einzelnen 
als Kollegien anvertraut werden muss. Aber ich habe 
in meiner früheren Stellung und vornehmlich hier aus 
der Praxis heraus das Unerträgliche dieser Verfassung 
kennen gelernt Ich habe einen Zustand gänzlicher Er- 
schlaffung und grenzenloser Verschleppung vorgefunden, 
den ich nur für kurze Zeit habe beseitigen können. 
Insbesondere das Hj'pothekenwesen und das Kriminal- 
wesen liegt ganz im Argen. Übrigens sind auch die 
Beamten vielfach untauglich. Unter denen, die entfernt 
werden müssen, sind zahlreich gerade diejenigen, welche 
allein aus Rücksicht auf die Sprache angestellt sind. Ich 
muss mich auch ganz entschieden gegen die Idee aus- 
sprechen, die sachliche Kompetenz der Friedensgerichte 
zu erweitern. Bleibt es bei Friedensgerichten, so muss 
deren Zahl erheblich vennehrt, es darf aber ihre Zu- 
ständigkeit nicht enveitert werden. Dann muss aber auch 
eine lebendige, tätige Aufsicht vorhanden sein und solche 
kann, selbst wenn die Oberlandesgerichte vermehrt werden, 
durch dieselben nicht geübt werden. 

Es ist eine sehr delikate Sache,, wenn man mit 
seinem vorgesetzten Minister über Grundsätze nicht ein- 
verstanden ist. Er ist immer sehr freundlich gegen mich. 
Ich will aber der Pflicht und meiner Überzeugung, selbst 
wenn dieselbe reiferem Urteil sich beugen muss, folgen. 
Übrigens ist der Oberpräsident ganz mit mir einver- 
standen, und auch der vortragende Rat im Ministerium 



Gerichts-Organisation für die Provinz Posen. 73 

Stimmt jetzt ganz mit mir überein und bedauert nur, sich 
nicht gleich anfänglich meinen Vorschlägen angeschlossen 
zu haben. Leider verzögert man im Ministerium diese 
so äusserst wichtige Sache. Jetzt im Juli ist erst das 
Protokoll über die Sitzung des Staatsministeriums vom 
30. April 1833 ins Bureau gekommen und sind dadurch 
zwei kostbare Monate verloren gegangen. In der Ver- 
messenheit meiner geheimsten Gedanken scheint es mir 
fast, dass unsere regierenden Häupter zwar einen grossen 
Respekt vor Geldbewilligungen, aber keine Achtung vor 
Zeitverlust haben." 

Und dem Justizminister selbst trägt er in wieder- 
holten Berichten^) vor: „Gerade die Zusammenziehung 
der Einzelrichter zu kleinen kollegialen Behörden stützt 
die einzelnen, weckt den Ehrgeiz, gewährleistet eine gute 
Aufsicht und eine sachgemässe Verteilung der Geschäfte 
nach der Arbeitskraft der einzelnen Richter. Dabei 
werden die kleinen in den Kreisstädten zusammen- 
gezogenen Gerichte diesen Städten selbst aufhelfen. Sie 
werden dazu beitragen, dieselben in Flor zu bringen und 
in denselben einen guten Geist zu verbreiten. Wenn 
mir entgegengehalten wird, dass die Friedensgerichte 
sich bewährt haben, so muss ich demgegenüber auf 
meiner entgegengesetzten Meinung verharren. Ich habe 
die einsichtsvollsten Mitglieder des mir unterstehenden 
Gerichtshofes befragt. Dieselben sind alle meiner Mei- 
nung. Das Projekt des Ministers erwartet zu viel von den 
Friedensrichtern. Eine Jurisdiktion über 10 bis 15000 
Seelen können sie nicht leisten. Und dann hebe ich 
immer wieder hervor: Der alleinstehende Friedensrichter 
wird der Gefahr der leichteren Zugänglichkeit, die hier 
immer gross war, ausgesetzt bleiben. Die mehreren Ober- 
gerichte, die als Zwischenglieder zwischen den Frie- 
densrichtern und dem Oberappellationsgerichte gedacht 
sind, werden eine sachgemässe Aufsicht auf keinen Fall 
leisten können." 



*) Vom 16. März, 3. April, 3. und 6. Juli 1833. 



74 Karl Martell. 

So gingen nun das Votum des Justizministers, die 
Beschlüsse der Immediatkommission und des Staats* 
ministeriums und das entgegengesetzte Gutachten des 
Präsidenten v. Frankenberg in das Königliche Kabinet zur 
Entscheidung der Vorfrage, ob die Untergerichte aus 
Einzelrichtern bestehen sollten oder — die kleineren 
Sachen, die Bagatellsachen . natürlich ausgenommen — 
kollegialen Behörden anzuvertrauen seien. 

Es ist ein hohes Verdienst und zeigt von dem 
ernsten Willen einer gründlichen eigenen Prüfung, dass 
der König nun nicht kurzweg dem Votum seiner höchsten 
Ratgeber folgte, dass er vielmehr noch weitere Erörterung 
forderte. „Ehe ich mich entscheide", erklärte der König 
in seiner Ordre vom lo. August 1833, »möchte ich 
wissen, ob mit dem Präsidenten Flottwell in Ver- 
bindung getreten ist Dies ist um so notwendiger bei 
den eigentümlichen Verhältnissen der Provinz, den po- 
litischen Ereignissen der jüngsten Zeit, bei der grossen 
Zahl der erforderlichen einzeln stehenden Richter, die 
nicht ohne den erheblichsten Einfluss auf die Verwaltung, 
namentlich in poHtischer Beziehung und insonderheit 
dann bleiben wird, wenn die Richter aus den Ein- 
geborenen polnischer Abkunft bestellt werden. In dieser 
Hinsicht scheint die von dem Präsidenten v. Frankenberg^ 
vorgeschlagene Einrichtung den Vorzug zu verdienen.*^ 

Mit dieser Ordre hatte der Präsident v. Frankenberg 
den höheren Instanzen gegenüber obgesiegt, und nicht 
mit Unrecht giebt der Künstler, welcher das Bildnis des 
Präsidenten für das Geschäftszimmer des Oberlandes- 
gerichtspräsidenten gemalt hat, dem Dargestellten die 
Kabinets-Ordre vom 10. August 1833 in die Hand, 
Sobald V. Frankenberg von der Königlichen Ent- 
Schliessung in Kenntnis gesetzt war, schrieb er wieder 
d d. Carlsbad den 3. September 1833 an den Ober- 
präsidenten Flottwell: „Infolge der Königlichen Ent- 
schliessung werden Sie angefragt werden. Die beiden 
vortragenden Räte im Ministerium, die diese Angelegenheit 
bearbeiten, freuen sich über die Wendung der Sache. 



Gerichts-Organisation für die Provinz Posen. 75 

I Selbst der Minister ist nicht abgeneigt, auf meinen Vor- 

) schlag einzugehen. Er hat nur noch Bedenken wegen 

* des Kostenpunktes und wegen einer ungerechtfertigten 

I Belastung der Kreiseingesessenen durch die weite Entfernung 

[ derselben vom Gerichtsorte. Aber in ersterer Beziehung 

' treffen seine Bedenken nicht zu. Und in letzterer wird 

i man den Eingesessenen durch Gerichtskommissionen und 

Gerichtstage entgegen kommen können. Kommt es zur 
^ kollegialen Verfassung, so wird man den neuen Gerichten 

, auch die Führung der Hypothekenbücher über die Do- 

1 mänen und adligen Güter, also über alle in ihrem Be- 

( zirke liegenden Besitzungen übertragen können. So 

} kommt vor allem Einheit in die neue Schöpfung, und es 

\ eröffnet sich die Aussicht, mit diesen Gerichten auch die 

Strafsachen später verbinden zu können. Dann ist auch 
. eine sachgemässe Aufsicht durch die Vorsitzenden der 

I Kollegien und durch das Oberappellationsgericht gewähr- 

I leistet Die Richter werden unter ständiger Aufsicht 

[ bleiben und werden in den kleinen Städten femer nicht 

untergehen. Sie werden auch in politischer Hinsicht be- 
aufsichtigt werden können. Kurz, ich hoffe, durch eine 
Reform nach meinen Vorschlägen wird der Rechtsgang 
imd wird das materielle Recht gewinnen." 

Der der Königlichen Ordre gemäss zum Berichte 
aufgeforderte Oberpräsident Flottwell stellte sich mit 
grösster Entschiedenheit völlig auf v. Frankenbergs Seite. 
Er erklärte Einzelrichter geradezu für gefährlich, weil die 
Vermögensangelegenheiten der Untertanen der Willkür, 
Trägheit, Sorglosigkeit des Einzelrichters zu sehr preis- 
gegeben seien, ein Schaden nicht rechtzeitig abgewehrt 
und Ersatz nicht erlangt werden könne. Auch er wies 
darauf hin, dass der Beamte und der Richter nach Lage 
der Dinge auf eine Gesellschaft angewiesen sei^ die oft der 
polnischen Nationalität angehöre, und dass es für den einzeln 
stehenden Richter schwer sei, auf die Dauer sich dem 
Einflüsse derselben zu entziehen. Auch er erklärte die 
Kontrolle des Einzelrichters durch das Oberappellations- 
gericht oder durch ein Oberlandesgericht für eine leere 



^6 Karl Martell. 

Form. Dabei trat er scharf für das Prinzip ein, dass alle 
Untertanen demselben Richter unterworfen seien. „Der 
politische und moralische Einfluss des Prinzips, dass alle 
Menschen vor demselben Gerichte ihren Gerichtsstand 
haben", schreibt er „ist überall wesentlich kulturfördemd, 
namentlich aber hier, wo es, wie in allen slavischen 
Landen, nur Herren und Knechte gibt In einem solchen 
Lande kann es nicht genug Einrichtungen zur Förderung 
sittlicher und geistiger Bildung und zur Belebung einer 
zweckmässigen Tätigkeit der unteren Staatsbehörden 
geben.. In dieser Richtung werden kleine Kollegial- 
gerichte ganz anders wirken, als Einzelrichter." Im wei- 
teren Verlaufe des Berichts spricht er sich, ähnlich wie 
der Präsident v. Frankenberg, dagegen aus, dass dem 
Oberappellationsgerichte die dritte Instanz genommen 
und diese nach Berlin an das Geh. Obertribunal über- 
tragen werde, und er motiviert sein Votum ebenso wie 
V. Frankenberg damit, dass die Rechtsstreitigkeiten viel- 
fach auf polnische Akten und Urkunden zuiückgingen 
und von diesen Urkunden der polnischen Sprache 
kundige Richter selbst Einsicht nehmen müssten. Für 
den Fall, dass seinem Votum zuwider es bei Einrichtung 
der Friedensgerichte verbleiben sollte, schlägt er die 
Errichtung von vier Oberlandesgerichten mit dem Sitze in 
Posen, Bromberg, Meseritz und Krotoschin vor. Aus 
diesem Berichte atmet das volle, lebendige Interesse, 
welches der Oberpräsident allen kulturfördernden Be- 
strebungen entgegen bringt, geht hervor, wie sehr ihm vor 
allem die Hebung des Bildungs- und des Wohlstandes der 
Bevölkerung am Herzen lag und wie er von v. Franken- 
bergs Plane eine Förderung dieser Bestrebungen' erhofft. 
Seine Ausführungen decken sich mit denen des Prä- 
sidenten V. Frankenberg durchweg, übertreffen sie aber 
an Schärfe des Ausdrucks. In Anerkennung der hohen 
Bedeutung von Frankenbergs, beantragte er damals in 
diesem Berichte, demselben als einem Kommissar des 
Justizministers den Rang eines Oberpräsidenten zu 
verleihen. 



Gerichts-Organisation für die Provinz Posen. 77 

Den ihm vom Oberpräsidenten in Abschrift mitge- 
teilten Bericht benutzt hierauf v. Frankenberg zu einem wei- 
teren kräftigen Verstoss. „Ich bitte" schrieb er dem Minister, 
„jetzt meinem Projekte keinen Anstand mehr zu geben. 
Ich überzeuge mich immer mehr von den materiellen 
und formellen Gebrechen der hiesigen Justizverfassung. 
Den neuen Gerichten bitte ich den Namen Kreisgerichte 
zu geben und ihrer Zuständigkeit alle Eingesessenen ohne 
Rücksicht auf ihre Person zu unterwerfen." Einig mit 
Flottwell darin, dass es auf die Hebung des Kulturzustandes 
in der Provinz ankomme, weist auch er von neuem 
Kollegialgerichten in dieser Hinsicht einen grossen Einf luss 
zu und betont mit dem Oberpräsidenten, dass schon aus 
diesem Umstände der Staat für die Justiz keine Unkosten 
scheuen dürfe. Mit Rücksicht auf die Armut der Provinz 
warnt er, die Sporteltaxe gelegentlich der Reorganisation 
zu erhöhen und teilt dem Minister die diesem wahrscheinlich 
w^enig erfreuliche gewesene Tatsache mit, dass zur Zeit ein 
Sportelrückstand von 617,000 Talern vorhanden sei, von 
welchem höchstens ein Drittel einziehbar sein würde. Auch 
er bittet, dem Oberappellationsgerichte die III. Instanz zu 
belassen oder die Abtrennung der III. Instanz wenigstens so 
lange hinauszuschieben, bis eine Verminderung von in 
polnischer Sprache geführten Akten und aufgenommenen 
Urkunden ersichtlich sei. 

Jetzt beschloss nun auch das Staatsministerium in 
seiner Sitzung vom 5. November 1833, im Grossherzogtum 
Posen, wie es noch immer offiziell hiess, 26 Untergerichte 
als Kollegialgerichte L Instanz einzuführen. Aber wiederum 
wurden in einem sehr wichtigen Punkte Anstände erhoben. 
Obwohl 'nun schon seit dem Jahre 1809 in der Provinz 
derselbe persönliche Gerichtsstand für alle Kreisein- 
gesessenen bestand, unterbreitete das Staatsministerium 
die EntSchliessung darüber, ob für Beamte und Adlige 
der eximierte Gerichtsstand einzuführen sei, der König- 
lichen EntSchliessung. Sobald v. Frankenberg diesen An- 
stand erfuhr, wandte er sich wieder an seine Verbindungen.. 
Am 15. November 1833 ^^^ ^^ ^^^ Generaladjutanten 



78 Karl MartelL 

von Witzleben, sich bei seiner Majestät gegen die Ein- 
führung des eximierten Gerichtsstandes auszusprechen. 
„Es bedarf," schreibt er ihm, „der Abgrenzung der Zu- 
ständigkeiten der Gerichte nach Sachen, nicht nach 
Personen." Auf seine Veranlassung sprach sich denn auch 
der kommandierende General v. Grolmann in demselben 
Sinne aus. Dies zeigte v. Frankenberg wiederum seinem 
guten Freunde Staegemann an und diesem gegenüber 
äusserte er sich auch vertraulich über die Ministerkonferenz 
vom 9. Dezember 1833, indem er ihm schreibt: „Das 
Protokoll über diese Sitzimg ist so seicht abgefasst, dass 
ich die Gründe, welche der Einführung der Exemption ent- 
gegen stehen, vor der allerhöchsten Person nicht imerwähnt 
lassen möchte." 

V. Frankenbergs Bestrebungen konnten nicht unbe- 
kannt bleiben. Namentlich unter den Richtern der Provinz 
entwickelte sich ein lebhafter Meinungsaustausch über die 
in Vorschlag gebrachte Reform. Auch der Provinziallandtag 
zog die in Aussicht stehende Reorganisation in den 
Kreis seiner Erörterungen. In seinem Beschlüsse vom 
8. Februar 1834 sprach sich der Landtag für kollegiale Unter- 
gerichte, gegen die Einführung des eximierten Gerichts- 
standes und gegen die Übertragung der III. Instanz von 
dem Oberappellationsgericht auf das Geh. Ober-Tribunal 
aus. Beweglich tönt dabei die Klage der Ständever- 
sammlung: „Die übrigen Provinzen erfreuen sich seit 
40 Jahren derselben Justizverfassung. Hier hat in derselben 
Zeit fünfmal ein gänzlicher Umsturz derselben stattgefunden. 
Hierdurch haben viele aus den alten polnischen Zeiten 
herrührende Rechtsangelegenheiten durch den ganzen 
Zeitraum hindurch nicht beendet werden können." 

Viel zu lange für v. Frankenbergs Feuereifer Hess 
die endgültige Entschliessung des Königs auf sich warten. 
Schon im März 1834 erklärt er dem Justizminister, dass 
mit Unruhe in der Provinz auf die bevorstehende Ver- 
änderung gewartet werde. Er selbst fühle sich durch die 
Ungewissheit überall gelähmt und könne nur mit provi- 
sorischen Massregeln aushelfen. Und obwohl er seine 



i 



Gerichts-Organisation für die Provinz Posen. 79 

I Kollegialverfassung noch nicht unter Dach hatte, unter- 

l breitet er bereits dem Minister den Gedanken, die In- 

j quisitoriate aufzuheben und mit den neu zu schaffenden 

( Kollegialgerichten zu verbinden. Endlich, nachdem in- 

I 2:wischen v. Frankenberg noch einmal unterm 20. April 

Jen Minister um baldige Entschliessung gebeten hatte, 
erging unter dem 16. Juni 1834 die Verordnung über die 
y Einrichtung der Justizbehörden im Grossherzogtum Posen. 

Dieselbe gliederte die für die Provinz in Frage kommenden 
I Cerichtsbehörden in 26 Land- und Stadtgerichte je für 

' einen Landrats-Kreis, belässt es bei den Inquisitoriaten, 

^ verordnet, dass an entfernten Orten der Kreise Gerichts- 

tage abgehalten werden, erhebt also in diesen Richtungen 
^ V. Frankenbergs Vorschläge zum Gesetz. . Sodann wird 

neben dem Oberlandesgericht in Posen ein zweites Ober- 
landesgericht in Bromberg bestellt, das Fortbestehen des 
Oberappellationsgerichts angeordnet, das Geh. Ober- 
^ Tribunal in Berlin aber als III. Instanz für Revisions- und 

^ Nichtigkeitssachen bestellt. Die letzte Bestimmung zeigt 

schon, dass die Provinzialbehörden mit ihrem Vorschlage, 
-die ni. Instanz bei dem Oberappellationsgericht zu belassen, 
nicht völlig durchgedrungen waren. Dies galt auch von dem 
-weiteren die Hj^jothekenbücher der adligen Güter und der 
Domänen betreffenden Antrage. Während v. Frankenberg 
<lie Führung der Hypothekenbücher über diese Güter den 
Land- und Stadtgerichten zugewiesen wissen wollte, über- 
trug die Verordnung diese Führung den Oberlandes- 
gerichten in Posen und Bromberg. So gingen nun die 
Grundbücher über die 1065 adligen Güter des Regierungs- 
bezirkes Posen und über die 565 adligen Güter und 
Domänen des Regierungsbezirkes Bromberg von den 
Landgerichten zu Posen und Bromberg auf die Ober- 
landesgerichte über. Daraus ergab sich nun auch, dass 
beide Obergerichte den dinglichen Gerichtsstand für diese 
Güter bildeten, und ihnen die Instruktion und Entscheidung 
in 1. Instanz in allen Prozessen zufiel, in welchen der 
<iingliche Gerichtsstand eintrat. Ihnen fiel denn 
auch die Bearbeitung aller Vormundschafts-, Nachlass-, 



8o Karl MartelL 

Konkurs- und Subhastationssachen zu, wenn ein solch adliges 
Gut einen Teil des Nachlasses oder der Versteigerungs- 
masse ausmachte. Dem persönlichen Gerichtsstande der 
Oberlandesgerichte wurde die Instruktion und Entscheidung 
aller Prozesse, die einen Streitgegenstand über 500 Taler 
betrafen und die Bearbeitung aller Vormundschafts- und 
Nachlasssachen überwiesen, wenn der Nachlass 2500 Taler 
oder mehr betrug. Ihnen fiel die Entscheidung in I. Instanz 
zu, wenn ein Inquisitoriat die Untersuchung geführt hatte, 
und in II. Instanz, wenn das Erkenntnis I. Instanz voa 
einem Land- und Stadtgericht ergangen war. Dem Ober- 
appellationsgerichte wurde die 11. Instanz in Civilsachen und 
in denjenigen Strafsachen zugewiesen, welche in I. Instanz 
von den Oberlandesgerichten entschieden waren. Dadurch 
nun, dass den kollegial eingerichteten Land- und Stadt- 
gerichten die gesamte den Oberlandesgerichten nicht 
vorbehaltene Gerichtsbarkeit überwiesen wurde, sie also 
alle Prozesse bis 500 Taler, sofern nicht der dingliche 
Gerichtsstand in Frage kam, zu übernehmen hatten,, 
und dadurch, dass sie in Strafsachen die nicht den 
Inquisitoriaten vorbehaltenen wichtigeren Untersuchungen 
zu führen und in diesen Sachen die Entscheidung zu treffen 
hatten, d. h. sie auch in Strafsachen für den weitaus 
überwiegenden Teil der Straftaten zuständig waren, kam 
die gewünschte Einheit in die gesamte Schöpfimg. Es 
war in Wirklichkeit die Abgrenzung der Zuständigkeit 
nach dem Werte des Streitgegenstandes oder dem Werte 
des zu schützenden Gutes erfolgt, und die im altländischen 
Rechte vorhandene Trennung nach Personen im Wesent- 
lichen überwunden, somit den andern Provinzen gegen- 
über ein gewaltiger Fortschritt auf dem Wege neuzeitlicher 
Rechtsentwickelung erzielt. Der volle Durchbruch des 
V. Frankenberg vertretenen Gedankens erfolgte dann 
erst 15 Jahre später im Sturm der Verfassungskämpfe. 
Erst das Gesetz vom 2. Januar 1849 über die Aufhebung 
der Patrimonialgerichtsbarkeit und des eximierten Gerichts- 
standes, sowie über die anderweite Organisation der Gerichte 
brachte v. Frankenbergs Plan völlig zu Ehren. Damals im. 



Gerichts-Organisation für die Provinz Posen. 8l 

Jahre 1834 brachte der Gesetzgeber den Land- und Stadt- 
gerichten noch nicht völliges Vertrauen entgegen. Noch war 
die Zeit nicht gekommen, in der für sämtliche Richter der 
Nachweis derselben Befähigung, das Bestehen derselben 
Prüfung gefordert wurde. Vielmehr beschränkte die Ver- 
ordnung das Bestehen der dritten richterlichen Prüfung auf 
die Mitglieder der Oberiandesgerichte und des Ober- 
appellationsgerichts und begnügte sich für die Mitglieder 
der Land- und Stadtgerichte, sowie der Inquisitoriate mit 
der Qualification, wie sie für die übrigen Untergerichte der 
Monarchie gefordert wurde. Das mündliche Verfahren 
in Civilprozesssachen, wie es seit der auf Schoenermarks 
Vorschlägen beruhenden Verordnung vom 9. Februar 1817 
in Obimg war, wurde durch die neue Gerichtsorganisation 
in der Hauptsache gamicht berührt Es hatte inzwischen 
allgemeinere Anerkennung gefunden, sodass der Gesetz- 
geber sich veranlasst gesehen hatte, nach ihrem Vorbilde 
in der Verordnung vom i. Juni 1833 ein siunmarisches 
Verfahren für die andern Teile der Monarchie einzuführen, 
in welchem die Allg. Ger. Ordnung Kraft hatte. Nur be- 
züglich des Bagatell- und Mandatsprozesses und hinsichtlich 
der Lijuriensachen wurde das geltende Prozessverfahren jetzt 
den Vorschriften der gedachten Verordnimg unterworfen. 
Aber dem Drängen von Frankenbergs imd Flottwells 
gemäss enthielt die neue Verordnung eine tiefgreifende Be- 
stimmung hinsichtlich des Gebrauches der polnischen 
Sprache, hidem sie bestimmte : Wenn eine Verhandlimg in 
polnischer Sprache aufgenommen oder eine Verfügung in 
solcher Sprache erlassen ist, oder eine Vorstellimg in 
derselben zu den Akten kommen soU, muss derselben 
eine deutsche Übersetzung zur Seite stehen, wofür jedoch 
keine besonderen Kosten erhoben werden dürfen, gab sie 
zu dem sich bald einbürgernden Gebrauche Anlass, die 
Verhandelnden zu befragen, ob sie auf Abfassimg eines 
polnischen Nebenprotokolls Wert legen oder auf dessen 
Anfertigung verzichten wollten. 

v. Frankenberg begnügte sich nicht damit, dass das 
Gesetz publiziert wurde. Li umfangreicher Darstellung 

Zeitoduift der Hist. Ge; fOr die Prov. Posen. Jahrf. XVIII. 6 



82 Karl MartelL 

legte er in der Instruktion vom 3. Oktober 1835. die 
Hauptgedanken der Organisation dar und bahnte die 
Entscheidung einer Reihe von Zweifelsfragen an. Dann 
sorgte er für neue Instruktionen für die Sekretariate und 
Exekutiv-Inspektionen, für ein neues Reglement betreffend 
das Depositalwesen vom 7. März 1835 und endlich durch 
umfangreiche, eingehende Verfügungen für den glatten 
Übergang der Geschäfte von den sich auflösenden 
auf die neu sich bildenden Behörden. Nicht das 
kleinste Verdienst war es, dass es v. Frankenberg gelang, 
einen ziemlich grossen Baufonds für die Provinz flüssig 
zu machen. 100 000 Taler, in dem damals armen Preussen 
eine gewaltige Summe, bewilligte der König zur Erbauung 
neuer Kreisgerichte und stellte diesen Fonds nicht 
dem Minister, sondern dem Präsidenten des Ober- 
Appellationsgerichts zur Verfügung. Natürlich musste der 
preussischen Staatspraxis entsprechend der Präsident 
die Städte, die zum Sitze der neuen Behörden aus- 
gesucht wurden, zu Beitragsleistungen für die Bauten zu 
bewegen suchen. Dabei liess er sich aber von der 
Leistungsfähigkeit der Städte . mitleiten. „Mich hat^S 
schreibt er dem Regierungspräsidenten in Bromberg, 
„die Rücksicht nicht verlassen, dass es nicht in der Ab- 
sicht der Staatsregierung liegen kann, von den Städten 
dieser Provinz, welche zum Teil sehr arm sind, un- 
verhältnismässige Opfer zu begehren." 

Und nun begann eine emsige Bautätigkeit in der 
Provinz. Es war für den südlichen Teil der Provinz 
etwas Neues, dass der Staat zu derselben Zeit in vielen 
Städten als Bauherr auftrat. Mochten auch eine Anzahl 
früherer Gebäude für Friedens- und Landgerichte den 
neuen Verhältnissen entsprechend eingerichtet werden 
können, immerhin mussten 8 Landgerichtsgebäude imd 
die zu denselben gehörigen Nebenräimüichkeiten und 
Gefängnisse völlig neu erbaut werden. Dies Bauen des 
Staates regte denn auch die Privatbautätigkeit an, imd sie 
schuf alsbald für die vielen neu zuziehenden Beamten 
die erforderlichen Wohnungen. Je nach Fertigstellimg 



Gerichts-Organisation für die Provinz Posen. 83 

der Bauten traten dann die einzelnen Landgerichte ins 
Leben, als eines der ersten das Land- und Stadtgericht 
in Posen am 6. Juni 1835. Sehr schnell änderte der 
Minister v. Muehler seine bisherige Zurückhaltung gegen- 
über den neuen Kollegialgerichten. Schon am 21. Mai 1835 
erkannte er ihre Zweckmässigkeit an. Bald drang auch 
der Ruf der neuen Schöpfung in die andern östlichen 
Provinzen. Schon im Jahre 1835 baten das Oberlandes- 
gericht in Marienwerder, dann das in Breslau, Ratibor, 
Glogau, Insterburg um Mitteilung der zu der Verordnimg 
vom 16. Juni 1834 erlassenen Instruktionen, zum Teil 
mit dem ausdrücklichen Bemerken, dass die durch die 
Verordnung ins Leben gesetzte Verfassung auch in ihren 
Bezirken einzuführen beabsichtigt werde. Auch v. Franken- 
berg selbst war mit dem Geschaffenen zufrieden. „Mit 
Zaghaftigkeit'^, schreibt er in seinem Jahresberichte für 1835, 
«ging ich daran, eine Verfassung imizugestalten, die seit 
15 Jahren 1200 Beamten Beschäftigung, Ausbildung und 
Unterhalt gewährt hatte. Jetzt steht das Werk, das zu 
den Unmöglichkeiten gezählt wurde, vollendet da und 
wird reichliche Früchte tragen, sowohl für den Verkehr, 
die Wohlfahrt und Sicherheit, als auch für die Civilisation 
einer grossen Bevölkerung, in der sich unter den Be- 
schwernissen vieler Wechselfälle und einer rein aristo- 
kratischen Verfassimg nicht einmal ein Mittelstand ent- 
wickeln konnte. Das Werk, welches die jetzige Generation 
in Bewunderung für Ew. Excellenz Tatkraft anerkennt", 
— so lehnt er seine Vaterschaft der neuen Schöpfung ehr- 
erbietig ab — „wird später geschichtlich in seinen Glanz- 
punkten hervortreten. Eine günstige Folge der neuen 
Organisation ist die Beschleunigung und gründliche Be- 
arbeitung der Prozesse imd die schnell fortschreitende 
Anlegung der Hypothekenfolien. Im Laufe von iVa Jahren 
sind 14 000 neue Blätter angelegt, und ist jetzt nur noch 
em Bestand von 40000 imregulierten Folien vorhanden. 
Insbesondere für die Strafrechtspflege ist ein neuer Stern 
aufgegangen, und man wird zur Aufhebung der Inquisi- 
toriate und deren Verbindung mit den Landgerichten 



84 Karl Martell. 

schreiten können." Dies ist denn auch durch die Kabinets- 
Ordre vom 12. Januar 1837 geschehen. Und im Jahre 1836 
berichtet er: „Die neue Verfassung hat sich bewährt Ich 
bin in drei Oberlandesgerichtsbezirken alt geworden, bin 
selbst Patrimonialherr imd kann mir daher ein Urteil er^ 
lauben. Ohne Vorliebe darf ich versichern, dass bei einer 
Vergleichung der hiesigen Rechtspflege mit der in deni 
älteren Provinzen des Reichs, wo noch das Patrimonial- 
gerichtswesen die Oberhand hat, der hiesigen kaum wird 
der Vorzug versagt bleiben können. Die Beamten werden 
besser. Die alten verderblichen Gewohnheiten des Trunkes 
sind im Abnehmen. Überall macht sich reger Fleiss be- 
merkbar. Die Anlegung der Hypothekenfolien schreitet 
schnell vorwärts. Die Strafsachen werden gut und schneit 
bearbeitet Bei den Straftaten tritt besonders das Ver- 
brechen der Widersetzlichkeit und der Beamtenbeleidigung 
hervor. Das kann aber in einer Gegend nicht Wunder 
nehmen, in welcher seit jeher imter den höheren Ständen 
die Neigung zur Gewalttätigkeit vorhanden war. Eine 
Verminderung der Verbrechen wird sich übrigens nur 
von der Zimahme der Kultur, der notwendigen Ver- 
besserung der katholischen Geistlichkeit, der Umgestaltung 
des Judentiuns, der besseren Verteilung des Grundbesitzes 
xmd der Entwöhnimg von dem übermässigen Genüsse 
erhitzender Getränke erwarten lassen." 

Und wiederum ein Jahr später lässt er sich dahin 
aus: „Der Sinn, welcher den preussischen Justizbeamtea 
auszeichnet, war früher hier fast imtergegangen. Das- 
Ganze war nicht dazu angetan, vaterländische Sitte und 
Liebe zu der Verfassung des Staates zu erhalten und zu 
erwecken, dessen erste Grundpfeiler sich in einem ge- 
ordneten Rechtszustande finden. Es fehlte den Beamten der 
feste Zusammenhalt In ihrer Vereinzelung unterlagen sie 
äusseren Eindrücken. Die Revolution im Nachbarreiche 
hatte schlechten Einfluss geübt Jetzt, nach kaum drei- 
jährigem Bestehen der neuen Organisation, zeigt sich 
überall eine Besserung. Ich hoffe, dass diese Provinz 
nicht mehr gegen andere zurücktritt, vielleicht schoa 



Gerichts-Organisation für die Provinz Posen. 85 

hervortritt Es ist ein anderer Geist in die Verwaltung 
{gekommen. Es ist eine redliche und unabhängige Rechts- 
pflege hergestellt, diese Zierde unserer vaterländischen 
Verfassung, welche die Anhänglichkeit an Thron und 
Vaterland in den Herzen begründet Die neue Organisation 
wird segensreiche Folgen haben, auf Bildung, Gesittung und 
Sprache mächtig einwirken durch das acht preussische 
Prinzip gewissenhafter, keine Persönlichkeit kennender 
Redlichkeit Sie wird Vertrauen, die Anhänglichkeit für 
den Thron und die vaterländische Verfassimg begründen 

imd befestigen. In dem Generalberichte vom ??' i^^^ ^o^ 
^ ao. Januar 1039 

Stellt er besonders den segensreichen Einfluss, welchen 
die Organisation auf die persönliche Führung der Richter 
und Beamten gehabt hat, den früheren Verhältnissen gegen- 
über: Jich fand 1832 unerhörte Geschäftsunordnungen, 
grenzenlose Verschleppungen, Unwissenheit, gefährdete 
Integrität der Richter und Trunkenheit vieler Beamten 
vor. Ein grosser Teil der Richter war mangels genügender 
Aufsicht moralisch und wissenschaftlich untergegangen. 
Die Rechtsverwaltung hatte in den unteren Instanzen 
den Charakter der Willkür angenommen. Jetzt ist ein ganz 
anderes Bild da. Der Tempel der Themis ist wieder eine 
Stätte des Vertrauens geworden. Übrigens haben die in der 
Provinz amtierenden Richter eine schwierige Stellung. 
Ihre Versuche, in freundschaftliche Beziehungen zu den 
benachbarten polnischen Gutsbesitzern zu treten, haben 
fast überall fehlgeschlagen. Mangels anderer, zum Ver- 
kehre geeigneter Personen sind sie fast ganz auf sich 
selbst angewiesen.* ^^Die katholische Frage, so hebt er 
einige Jahre später, als das Verfahren gegen den Erz- 
bischof Dunin schwebte, hervor, hat diese Trennung von 
Neuem befestigt 

Ich kann nur die Vorsehung preisen — führt er 
weiterhin aus — für das viele Gute, das sie hier gedeihen 
liess. Ein tiefbegründetes Dankgefühl erfüllt mich für die 
hiesigen Beamten, welche sich allen drückenden An- 
ordnungen willig fügten und Grosses vollbrachten. Den 



86 Karl Martell. 

Beamten gebührt mehr als gewöhnliche Anerkennung^ 
Die Gerichte sind wahrhaft bemüht, gewissenhafte und 
prompte Justiz zu üben. Das Pflichtbewusstsein und das. 
Bewusstsein des Zweckes ihrer Existenz hat bei allea 
Gerichtsbehörden eine feste Begründung erfahren." 

Und einige Jahre später, nachdem mit dem Re- 
gierungsantritte König Friedrich Wilhelms IV. und der Ab- 
berufung des Ober-Präsidenten Flottwell eine neue 
Politik für die Provinz inauguriert war, drückt der 
Präsident im Berichte für das Jahr 1843 wiederum seine 
Freude über den Erfolg der Organisation aus. „Bei einer 
Vergleichung mit den Gerichtsbehörden anderer De- 
partements, zu welcher ich im vergangenen Jahre Ge- 
legenheit hatte, verweile ich gern bei der musterhaften 
Ordnung, die sich bei den hiesigen Gerichten befestigt 
hat Richter und Beamte tun durchaus ihre Pflicht 
Ihre ausseramtliche Führung ist gut imd sittlich, und dies 
ist umsomehr anzuerkennen", setzt er im folgendea 
Jahre zu, „als fast alle Beamten mit den Drangsalen des. 
Lebens zu kämpfen haben, Wohnungen, Lebensmittel,. 
Schulen schlecht und teuer sind." 

War von Frankenberg mit seiner Schöpfung zu- 
frieden, so noch weit mehr das unmittelbar von derselben 
betroffene Beamtentum und vor allem die Einwohnerschaft 
der Provinz selbst Durch seine Organisation ist auch 
ein im preussischen Sinne denkendes und arbeitendes 
Justizbeamtentum herangezogen und dieses hat nicht 
zum wenigsten dazu beigetragen, polnisch - nationalem 
Sondergeist zu bekämpfen und zurückzudrängen. Reichlich 
sind auch die Hoffnungen in ErfüUimg gegangen, die mit 
der Gerichts-Verfassung für die Rechtssicherheit, den 
Wohlstand und die Beförderung von Kultur und Sitte in 
der Provinz verknüpft wurden. Die Zeiten der kollegialen 
Gerichtsverfassung, der Kreisgerichtsverfassung, stehen bei 
vielen Einwohnern der Provinz noch heute in guter Er- 
innerung. 




Eustachius Trepka. 

Ein Prediger des Evangeliums in Posen. 

Von 
Lic* Dr. Theodor Wotschke. 




'ie Nachrichten über diesen protestantischen 
Theologen und Schriftsteller und Posener 
evangelischen Prediger fliessen in der Literatur 
sehr spärlich. Der gründliche Durchforscher der Posener 
Archive und Geschichtsschreiber der Posener evan- 
gelischen Gemeinde Lukaszewicz vermag in seinen Nach- 
richten über die Dissidenten in der Stadt Posen^) über 
ihn nur mitzuteilen: „Wengierski zählt ihn imter die 
ersten Reformatoren Posens. Aus Posen ging er nach 
Lithauen und von dort nach Königsberg**. Werners Ge- 
schichte der evangelischen Parochien unserer Provinz^ 
weiss aus den Beiträgen zur Reformationsgeschichte von 
Friese^ dem nur hinzuzufügen, dass Trepka der Verfasser 
einer polnischen Postille sei. Besser unterrichtet zeigt 
sich Joh. Sembrzycki in seiner Abhandlung: die Reise 
des Vergerius nach Polen 1556 — 1557*), wie es scheint, 
auf Grund des Artikels „Trepka" in der polnischen Ency- 
klopädie von Sobieszczanski. Aber die Irrtümer dieses 

1) Darmstadt 1843, S. 92. 
*) Posen 1898, S. 276. 
8) n, I, S. 69. 

^ In der Altpreussischen Monatsschrift Königsberg 1890, S. 513, 
aber Trepka siehe S. 551—554- 



88 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

Artikels hat er trotz seiner grossen Kenntnis der pol- 
nischen Reformationsgeschichte nicht berichtigen können, 
im Anschluss an Wi^niewski ^) auch Trepka mit dem 
Lycker Superintendenten Johann Maletius verwechselt 
imd ihn, den Freund Seklucyans, zu seinem Gegner 
und Kritiker gemacht. Unabhängig von Sembrzycki 
werden im Archiv für die Geschichte des deutschen 
Buchhandels^) über Trepka einige wenige Nachrichten 
aus den Schätzen des Königsberger Archivs gegeben. 
Auf Studien in demselben Archive beruht auch die 
folgende Skizze. 

Eustachius oder Ostaphy, wie er sich kleinrussisch 
auch zu schreiben pflegte, Trepka ist der Spross einer 
weitverbreiteten, noch heute blühenden polnischen Adels- 
familie. Ein Trepka war 1526 der Gesandte des jugendlichen 
Königs Ludwig von Ungarn nach Krakau, um freilich 
vergebens seines Oheims König Sigismunds Hilfe gegen 
den Erbfeind der Christenheit zu erbitten; er starb noch 
in demselben Jahre auf Mohacz blutiger Walstatt den 
Heldentod^). Und als 1767 der evangelisch - polnische 
Adel sich aufraffte, lun die auf dem Warschauer Reichs- 
tage im verflossenen Jahre gegen die Evangelischen er- 
lassenen Gesetze zu stürzen, gehörten die Trepka zu den 
ersten Familien, welche zm- Thomer Conföderation zu- 
.sammentraten. 

Wahrscheinlich um das Jahr 1510 ist Eustachius ge- 
boren. Seine wissenschaftliche Ausbildung erhielt er auf 
der Lubranskischen Hochschule in Posen. Von seinen 
Lehrern hat der Leipziger Christoph Hegendorff den 
grössten Einfluss auf ihn ausgeübt Nicht nur führte er 
ihn in die humanistischen Wissenschaften ein, erschloss 
er ihm besonders die Kenntnis der griechischen Sprache, 
vor allem gewann er sein Herz für die Reformation und 
gab dadurch seinem Denken, seiner Arbeit, seinem Leben 
die bestimmte Richtimg. Auf seine Empfehlung hin nahm 

1) Historya literatury polskiej VI, S. 557. 

«) Leipzig 1896, S. 58. 

') Vergl. Samicias, Annalcs, über VII c, X. 



Eustachius Trepka. 89 

Andreas Gorka ihn als Hofmeister seiner Söhne Lukas, 
Andreas und Stanislaus in sein Haus. Verschiedene 
Reisen mit seinen Schülern führten Trepka auch ins 
Ausland. 1542 finden wir ihn in Wittenberg^), wo 
er im Juli unter dem Rektorate des sprachenkundigen 
Hebralsten Matthäus Aurogallus inskribiert wurde. Nach ^^^A^/- 
seiner Rückkehr nahm er sich der verwaisten evan- 
gelischen Gemeinde in Posen, die ihren treuen Seklu- 
cyan schon 1541 hatte müssen scheiden sehen und nur 
im September und Oktober 1543 noch wenige Wochen 
von ihm Gottes Wort hatte hören können, auf das 
redlichste an. Er vermochte es um so eher, als er 
seine Präceptorstelle aufgab und in ein wenig arbeits- 
reiches Sekretäramt bei dem General von Gross- 
polen aufrückte. Sein Nachfolger in der Hofmeister- 
stelle war der Hirschberger Jakob Kuchler*), der später 

*) Albtmi Academ. Viteberg. ed. Förstemann S. 199. Etwas 
Näheres über sein Wittenberger Stadium habe ich leider nicht er- 
mittehi können. 

2) Er schickt unter anderem wahrscheinlich in den ersten Tagen 
des Januar 1549 folgenden Stossseufzer aus seinen schulmeister- 
lichen Nöten an den herzoglichen Rat Balthasar Gans, Edlen zu 
PuditZy nach Königsberg: „Was meyne Person belangend, wil ich 
euch nicht beiden, das ich noch immerzu bey dem Hern von Posen 
meyn Aufenthaldt hab vnd noch seiner Gnaden Söne vnder meyner 
Disciplin hab, weyl aber die jungen Hern nu fast gewachsen sonder- 
liche Lust fortmehr zum studiren nicht haben, sich auch nicht 
ganz regiren lassen, wil meyner Gelegenheit seynn, mich nicht 
ferner allhyr auffzuhalden, den ich merke, das es meinen Studien 
nicht zntreglich vnd nützlich mich allhy im Landt zu Polen bey 
diesem Hoffleben lenger eynzulassen, darumb wo mir irgent eyn 
andere erliche Condition vorhanden stysse, wer ich nicht vbel ge- 
smnt dieselbe anzunehmen. Derhalben ist meyn gantz freuntliche 
Bitt, ihr wolt neben anderen ewren gutten Freunden mir hirin 
beholffen seyn, ob ich irgend im Landt zu Preussen in eyner fryen 
Stadt Dienst bekommen mochte, wil auch davon mit dem Hern 

Doctor Sabino mich vnderreden Ich habe stets im Willen 

gehabt, das ich mich wiederumb ken Leypzigk oder ken Witten- 
bergk begeben wolt, mich hat aber der Vnfride in diesem Vor- 
nehmen bisher verhindert" Als Knchler am 28. Januar 1549 ein 
Carmen gnitnlatorium auf Herzog Albrechts Hochzeit nach Königs- 
berg schickte, klagt er gleichfalls, „dass er mit den jungen Herren 



90 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

gleichfalls als Sekretär noch über ein Jahrzehnt im 
Gorkaschen Hause blieb und Trepka in seiner reforma-^ 
torischen Arbeit kräftig unterstützte. Lukaszewicz und 
die, welche ihm gefolgt sind, lassen Herzog Albrecht 
gelegentlich einer Reise von Posen nach Preussen 1545 
Trepka auf Gorkas Empfehlung mit nach Königsberg- 
nehmen und diesen von dort später nach Lithauen über- 
siedeln. Dies ist nicht richtig. Nachdem in den letzten 
Tagen des Jahres 1545 Albrecht auf der Heimkehr von 
seiner Reise nach Deutschland Posen ohne Trepka verlassen 
hatte, sah er die Mauern dieser Stadt nicht wieder^ 
Vermutlich hat Lukaszewicz nur aus dem Er- 
scheinungsort der Trepkaschen Schriften auf einen, 
längeren Aufenthalt in Königsberg geschlossen, imd 
die Widmung der Trepkaschen pobiischen Über- 
setzung von Ochinos Tragödie von der Messe an den 
Fürsten Nikolaus Czamy Radziwill liess ihn an eine 
Tätigkeit Trepkas in Lithauen denken. 

Nur Posen ist das kirchlich-reformatorische Arbeitsfeld 
Trepkas gewesen. Des Tages arbeitete er in der Gorkaschen 
Kanzlei, des Abends sammelte er hin und her in den Bürger- 
häusern eine Schar heilsdürstender Seelen um sich, und 
des Sonntags hielt er im Gorkaschen, gelegentlich auch im 
Tomickischen Palaste öffentlichen Gottesdienst. Andreas. 
Gorka war ihm in herzlicher Freundschaft verbunden,, 
und die evangelische Gemeinde sah zu ihrem begabten 
Prediger und treuen Seelsorger mit Verehrung empor.. 
Über seinen Einfluss bei der Aufnahme der böhmischen 
Brüder habe ich nichts Positives ermitteln können, wie 
überhaupt für seine zweifellos nicht ungünstige Stellung 
zu den Brüdern kein sicheres Zeugnis vorliegt. Im. 
Dezember 1549 schickt ihn Gorka mit einem besonderen 
Auftrage zum Herzog Albrecht Das Credenzschreiben, 
welches Gnesen den 10. Dezember datiert ist, sagt über 

gross Müh vnd Arbeit vnd allerley molestias habe". Er bittet 
Balthasar Gans sein Gedicht vom Rektor der Universität Sabinus: 
durchsehen zu lassen, alsdann es in seinem Namen dem Herzog 
zu überreichen, dainit dieser ihn in seinen Dienst nehme. 



Eustachins Trepka. 91 

diese Mission leider nichts Näheres^). Wir sind deshalb- 
auf Vermutungen angewiesen. Gedrängt von der Geist- 
lichkeit hatte König Sigismund August sich gegen die 
Aufnahme der böhmischen Brüder ausgesprochen, als 
Albrecht imd Gorka zu den Beisetzungsfeierlichkeiten des 
alten Königs in den ersten Tagen des August in Krakau 
weilten. Die Nichtachtung seines Wortes musste ihn er- 
zQmen, und er hatte mit seinem Unwillen nicht ziulick- 
gehalten. Am 29. Juli 1549 schreibt deshalb Albrecht an 
ihn: „Eure Königl. Ma^ schreiben, das ich Rom. Keys, 
vnnd Königl. Ma^ widerwertige in meinem Land nicht 
leiden solle, Nhun weiss ich mich solcher gnädigen 
Warnung vnnd was ich darauff geantworteth woll zu er- 
innern, binn auch derselben biss dahero nachkommen, 
vnnd ist meines Wissens niemant inn meinem fürstentumb^ 
der hochgenanten Keys, vnd Königl. Ma* widrigk vnnd 
feindlich. Dann ob ich woll vonn Rom. Königl. Ma^ aus 
Bohemen des Glaubens halbenn arme einfeltige vertriebene 
Leuth inn meynen Stetlein sich niederzulassenn vergunnt, so 
seint doch dieselbenn jrer Königl. Ma* feintlich nicht ent- 
gegen, seint auch von jrer Königl. Ma* aus Bohemen ver- 
trieben, vor welchenn jre Königl. Ma* sich nicht zu be- 
sorgen. Ich wolt auch jnen keinesweges etwas wider jre 
Königl. Ma* furzunhemen gestatten". Auch Gorka hatte 
wegen Aufnahme der Brüder, vor allem aber wegen seines. 
Einspruchs gegen des Königs Vermählung mit Barbara. 
Radziwill^, die volle königliche Ungnade erfahren und sich 



') .Dedi mandata huic nobili Eustachio Trepka, secretario meo, 
at nomine meo ad 111»™ D«» V«*»« verba faceret. Ad cuius. 
sennonem ut benignam mentem adferat et ea, quae proferet, a me 
profecta credat, plurimnm rogo et oro, quod Vrun niam D«« 
factnram minime dubito. -^ 

2) Mittwoch den ai. November 1548 schreibt der herzogliche 
Rat Ahasvems Brandt vom Petrikauer Reichstage: „Im montage 
seint die schtende vnd bott alleine ane den Konig bey einander ge- 
wesen. Die schtimmen, höre ich, sollen vast alle dahin gangen sein^. 
das man das verheiraten des Königs nicht lobe, bis auf den von Posen^. 
der solle mit seinen hefftichen worten dem vas den boden gar aus- 
gestossenn haben, gesagt, es were nicht genüg, das mans nicht lobe 



-92 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

<leshalb gewiss mit Herzog Albrecht verständigen wollen. 
Auch mögen in Fortsetzung der Verhandlungen des ver- 
gangenen Jahres, da auf die Mahnung des Königs von 
Frankreich der deutsche Fürstenbimd durch Herzog 
Albrecht den polnischen König für eine Koalition gegen 
Karl V. zu gewinnen gesucht hatte ^), Graf Gorka und 
Herzog Albrecht sich über weitere Massnahmen, am 
Krakauer Hofe gegen den Kaiser Stimmung zu machen, 
geeinigt haben. Albrecht weihte Trepka in die grosse 
Politik ein, gab ihm Briefe seines Krakauer Bericht- 
erstatters Ludovicus Montius aus Mantua zu lesen und 
entUess ihn mit dem Auftrage, den Inhalt dieser Briefe dem 
General von Grosspolen mitzuteilen und die Antwort, die 
dieser vom Könige erhalten würde, ihm sofort zuzusenden. 
Am 15. Dezember verpflichtet sich Trepka in einem 
Schreiben von seiner Herberge aus, alle Aufträge auf das 
gewissenhafteste zu erfüllen.^) 

und hemmmer ginge wie der handt vmb den breyen, sunder es 
were öffentlichen am tage, das nicht allein sie in irem mittel, die 
öffentlichen stehen, das es nicht zu loben, sunder die burger vnd 
pauem verschtunden es, das es ein grosser merklicher verterb des 
ganzen Königreiches, darumb weren sie alle schuldig darzu zuthun, 
den schaden vnd nachteil zu wenden, sollte an im auch kein mangel 

geschpürt werden Dan dis seint ire argumenta, der Konigk 

habe sich ane wissen vnd willen der eitern auch des gantzen reichs zu 
Verderb vnd vndergang der Cron vorheiratet, welchs er als publica 
persona vermöge irer schtatuta nicht thun könne, so sey es mit 

buberey vnd zeberey zugangen Der von Posen solle in 

vorgehendem tage auch öffentlich vorm Konige gesagt haben, wie 
er verschtendiget, so hätte sie Kön. Maj<it schände halber nicht 
nehmen dtlrffen, het wol ires gleichen vberkommcn, reichtnms halber 
das hette auch ein mas, schtammes vnd nahmens halber were auch 
xes gleichen zu vberkommen gewesen, was zucht, tugend vnd 
erbarkeyt anginge, die were da, wie er bericht, sere wenigk.'' 

1) Vergl. Kiewning: Herzog Albrechts von Preussen Anteil 
am Farstenbunde gegen Karl V. Königsberg 1889, S. 17 ff. 

*) Gewiss wird Trepka auch Aufträge an Gorka erhalten 
iiaben fOr den Empfang von Herzog Albrechts Braut, der Prinzessin 
Anna Maria von Braunschweig und Lauenbnrg, der fronmien,.treff- 
4ichen Herzogin Elisabeth Tochter. In Begleitung ihrer Vettern, der 
Jilarkgrafen Johann und Wilhelm von Brandenburg, ihres Stiefvaters, 



Eustachius Trepka. 93: 

1551 sehen wir Trepka an seii^es Herrn Kranken- 
lager, und sein tröstlicher Zuspruch aus Gottes Wort macht 
am 3. Dezember das Sterbebett zu einer Siegesstätte imd 
zu einem Zeugnis evangelischer Heilsgewissheit Wie dem. 
Vater diente Trepka hinfort den Söhnen, seinen ehemaligen» 
Schülern. Am 16. Dezember 1552 sendet ihn Graf Luka& 
von Samter aus nach Königsberg, um ein Darlehn von 
1000 Talern dem Herzoge zurückzuzahlen. 

Schon seit Jahren war Herzog Albrecht bemüht, ge-^ 
bildete evangelische Polen nach Preussen zu ziehen, um« 
die heilige Schrift, evangelische Lehr- und Erbauungs- 
bücher von ihnen ins Polnische übertragen zu lassen. Als 
im Juni 1553 der Gorka'sche Kanzler Matthias Poley^) ia 

des Grafen Poppo von Henneberg, und vieler Edelleate traf sie am. 
23. Januar 1550 in Zielenzig unfern der polnischen Grenze ein. Am 
folgenden Tage war sie in Meseritz und reiste nach Posen weiter.. 
Drei Tage dauerten hier die ihr zu Ehren von Gorka veranstalteten 
Festlichkeiten. Am 5. Februar war sie an der preussischen Grenze 
angelangt und wurde von dem greisen samländischen Bischof. 
Georg von Polentz empfangen. 

^) Nach Lasicius : Historiae de origine et rebus gestis fratrum. 
Bohcmicorum über octavus (1570 geschrieben, 1649 von Amos 
Comenius herausgegeben) S. 241 hat Poley, der aus Schweidnitz 
stammte, früher in Böhmen gelebt, ist dann nach Polen gegangen^ 
und In die Dienste des Andreas Gorka getreten. Ob er 1540 vom 
diesem nach Wittenbei^ gesandt worden ist, um Luthers Ansicht 
über die böhmischen Brüder einzuholen, und 1548 dorthin die. drei 
Söhne Gorkas begleitet hat, wie Lasitius berichtet, ist fraglich. 
Nach der Matrikel hat er 1538 in Wittenberg studiert, und ist sein- 
Sohn Christoph am 10. Mai 1554 zugleich mit dem Grafen Stanislaus 
Gorka ins Album der Universität eingetragen. Ich habe femer ge- 
funden, dass er 1554 durch Trepka den Herzog Albrecht gebeten* 
hat, ihn unter seine Räte aufzunehmen. Am 28. November ant- 
wortet dieser ablehnend. Posen, den 17. März 1561 berichtet Poley 
dem Herzog: „Gnedigster Herr, jnn Vnderthenigkeitt gebe jch 
E. F. G. hiermit zu wissen, dass der Botte, welchen E. F. G. aha 
den Herrn von Rosenbergk abgesand gehabtt, allhier zu Poseiv 
semen Geist jnn grosser Gedultt aufgegeben vnd jn freiem Felde^ 
(dar jme des Antichristi Haiungken, dieweill ehr von Kunigsbergk; 
gewest vnd für einen Lutteiischen Kettzer gehalten, aufs Geweitte 
nicht annehmen wolten) begraben worden." Am 25. Mai erhält er 
die Antwort: Wir lesen, das vnser Diener vnd Bothe von dem. 



*94 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

Königsberg weilte und Albrecht von seiner Absicht, die 
Reformation in Polen durch gute polnische Schriften 
fördern zu wollen, zu ihm sprach, lenkte er des Herzogs 
Aufmerksamkeit auf seinen Freund Trepka. Die Vor- 
bereitungen zur Reise nach Krakau hinderten Albrecht, 
^er Berufung Trepkas näher zu treten. Als er aber einige 
Wochen später im August Matthias Poley bei den Hochzeits- 
feierlichkeiten in Krakau wieder traf, gab er ihm den 
Auftrag, seinen Freund für seine Dienste zu gewinnen. 
Um nicht der Posener Gemeinde ihren Seelsorger zu ent- 
ziehen, wollte er eventuell mit einem ferneren Wohnen 
Trepkas in Posen einverstanden sein. Nach seiner Rückkehr 
richtete Poley seinen Auftrag aus, und mit Freuden ging 
Trepka auf das Anerbieten ein. Am 17. September 
schreibt er dem Herzog: „Der edle Matthias Poley, der 
-erlauchten Grafen Gorka Kanzler, hat mir bei seiner 
Rückkehr aus Krakau E. F. G. Aufträge überbracht und 
mitgeteilt, dass es E. F. G. gleichgiltig wäre, ob ich in 
Königsberg oder Posen wohnhaft meine Dienste leiste. 
Habe ich auch nichts vorzuschreiben oder zu bestimmen, 
sondern einzig die Befehle E. F. G. auszuführen, so denke 
ich doch das letzte, wenn E. F. G. Güte es erlaubt, vorziehen 
-ZU müssen, nämlich dass ich in Posen lebe und hier 
meine Dienste leiste. Für einen hohen Vorzug erachte 
ich es, zu E. F. G. Schutzbefohlenen und Beamten zu ge- 
hören, und ich möchte kein Bedenken tragen, dieses Glück 
jenem vorzuziehen, welches die Königin von Saba von 
der Dienerschaft König Salomos rühmt, dass sie um einen 
-solchen König sein und seine Weissheit hören könne. 
Weiss ich doch, dass E. F. G., die mich zu Ihren Diensten 
erwählen, der vortrefflichste, weiseste und frömmste Fürst 
der Christenheit ist, dessen Milch und Brust, wie der 

lieben Gott aass dieser Vergengkligkeit abgefordert, auch das die 
Geistlichen jnen aufs geweyhete zu begraben nicht gestadten wollen. 
Vnd weil es denn der almechtige Gott mit vnserm Bothen also ge- 
schickt, das er von dieser Welt abgeschieden, können wir dawider 
nicht, sonder müssens seiner Almacht bevelen und hinstellen. Hören 
aber gerne, das er ein selig Ende genohmen vnd hoffen, dass ime 
.zu seliger Auferstehung dis Begräbniss kein hinderung thun solle.* 



Eostachius Trepka. 95 

Prophet sagt,^) einen grossen Teil der zerstreuten, alternden 
heimatlos umherirrenden Kirche ernähren. Femer erachte 
ich es für die grOsste Güte, dass E. F. G. mir edelmütig 
ein Jahrgeld bewilligen, und vermag ich meinen Dank 
dafür nicht in Worte zu fassen. Aber ich verspreche 
K. F. G. Treue, Eifer, Dienstbeflissenheit in jeder An- 
gelegenheit Sollte ich einmal lässig sein und E. F. G. 
Erwartung nicht entsprechen, so möge E. F. G. in Betracht 
ziehen, dass ich als Mensch tausend Unfällen und Ver- 
sehen unterworfen und ein armer schwacher Sohn Adams 
bin. Die Aufträge E. F. G. auszuführen bin ich bereit 
-und erwarte E. F. G. Anordnungen. Da ich aber oft mich der 
Hin- und Rückreise nach Königsberg werde unterziehen 
müssen, und dies mein Jahrgeld beeinträchtigen würde, 
falls mir nicht von E. F. G. weitere Vergünstigungen ge- 
ivährt werden, so bitte ich E. F. G. inständig, mir gnädigst 
zu den 100 Gulden noch 20 Gulden zuzulegen. Bei 
solchem Einkommen könnte ich ohne Schaden meinerseits 
mich der Reisen unterziehen. Ich hege die festeste 
Hoffnung, E. F. G. werden in Ihrer ausserordentlichen 
Güte und hochberühmten und allbekannten Freigebigkeit 
diese Bitte mir nicht versagen. Gott der Herr, der Vater 
unseres Heilandes imd Erlösers, welcher den Königen 
Heil gewährt und der Fürsten Beschlüsse lenkt, möge 
auch über E. F. G. seine Hand breiten, sie unversehrt 
und in voller Kraft seiner Kirche und dem Staate er- 
halten." Schon unter dem 7. Oktober antwortet ihm der 
Herzog in einem freimdlichen gnädigen Handschreiben. 
In der beigelegten Bestallung verpflichtet er ihn, er solle 
in Posen lebend alles, was ihm zu dem Zwecke über- 
geben würde, in gutes Polnisch übertragen, damit es in 
Königsberg gedruckt werden könne. Zur Korrektur der 
Schriften soll er in Königsberg selbst gegenwärtig sein. 
Femer soll er alle ehrenwerten Dienste in Rat und Tat leisten, 
wie es einem Edelmanne und getreuen Diener gebühre, 
Nutzen fördern, Schaden verhüten und, was er Wissens- 
wertes erfahren, nicht verbergen. Für diesen Dienst, der 
») Vgl. Jcs. 60, 16. 



96 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

beiderseits auf halbjährliche Kündigung steht, soll er 
jährlich zu Michaelis 120 Gulden aus der herzoglichen 
Rentkammer in Königsberg gezahlt erhalten. Weiter ver- 
sichert ihm der Herzog, dass er gern das Jahrgeld er* 
höht habe, damit er ohne Einbusse nach Königsberg* 
reisen könne. „Haben wir die Treue, den Eifer, die 
Sorgfalt imser Diener erkannt, so halten wir mit unserer 
Gnade nicht zurück. Wir möchten, dass Ihr Euch hiervon 
überzeugt, wie auch wir uns hinwiederum von Euch alles 
Guten versichern." 

Dieses Jahrgeld sicherte Trepka eine freiere un- 
abhängigere Stellung, wenn er auch aus dem Dienst der 
Gorka noch nicht ganz schied, und liess ihn seine Kräfte 
fast ganz seiner Gemeinde und seinen evangelischen Lands- 
leuten überhaupt widmen. Oft unternahm er Reisen in 
imserer Provinz und suchte die zerstreuten Bekenner zu 
stärken imd zu sammeln. Diese Tätigkeit führte ihn be- 
sonders mit Stanislaus Ostrorog zusammen, der allmählich 
seinen Glaubensgenossen den verstorbenen Andreas Gorka 
ersetzte imd der Schutzherr der Lutheraner wurde, wie 
sein Bruder Jakob der Beschützer der böhmischen Brüder. 
Das freundliche Einvernehmen zwischen diesen beiden 
reformatorischen Kirchen war einer Verstimmimg ge- 
wichen, und diese verschärfte sich von Jahr zu Jahr. Es. 
kam zu offnen Zwistigkeiten imd, mn eine Verständigung* 
anzubahnen, sandte deshalb Stanislaus Ostrorog im Au- 
gust 1554 Trepka zu Herzog Albrecht ^), in dessen Lande 
Lutheraner und Brüder friedlich zusammen wohnten. 
Zugleich sollte er in Königsberg auch Rat und Hülfe 
gegen den Italiener Francesco Stancaro erbitten, der mit 
seiner christologischen Häresie, mit seinen Schmähimgen 
und Verdächtigungen Melanchthons*), gegen den er vott 
Scharfenort aus schrieb, die lutherische Kirche aufs tiefste 
beunruhigte imd indirekt den Übergang vieler polnischer 
Magnaten zu den böhmischen Brüdern veranlasste. 

1) Der Credenzbrief ist Grätz, den 5. August datiert. 

2) Vergleiche Melanchthons Brief an den Pfarrer von Schwiebu& 
vom 16. April 1554. Corp. Refor. Vin, 6.267. 



Eastachius Trepka. 97 

Als Trepka im September nach Posen zurückkehrte, 
traf er noch rechtzeitig ein, um am 18. September des 
Bischofs Izbinski erfolgloses Ketzergericht an Paul Organista, 
dem Apotheker Jakob und der Nonne Praxeda mit 
anzusehen. Er schreibt hierüber noch an demselben 
Tage nach Königsberg: ,,Als heute einige Posener Büi^er 
vom Posener Bischöfe schädlicher Ketzerei schuldig 
erkannt imd dem weltlichen Gerichte überwiesen wurden 
und sie schon ihr Vermögen, ihren guten Namen, ihr 
Leben zu verlieren glaubten, sind sie von vielen Grafen, 
Baronen, Senatoren und Adligen fast mit Gewalt befreit 
worden. Viel wurde gegen den Bischof und in sata- 
nicissimum camalium ordinem mit grösstem Freimut ge- 
sprochen, und der Rechtsfall dem Reichstag überwiesen^ 
kurz die Grafen Gorka und Ostrorog, die vier Senatoren 
und die grosse Schaar von Baronen und Edlen, die 
niemand zählen konnte^), gingen aus dem ganzen Handel 
als Sieger hervor. Der Edle Melchior aus Böhmen wird 
EL F. G. dies alles ausführlicher erzählen, als ich es aus 
Mangel an Zeit vermag^. Bezüglich seiner Mission schreibt 
er: „Hier sind alle des Lobes über E. F. G. voll, weil 
E F. G. als ein christlicher und wahrhaft guter Fürst 
mit höchstem Eifer für die Ehre Christi wirken und, ohne 
Mühen und Kosten zu scheuen, die unglücklicher Weise 
auch hier ausgebrochenen, langwierigen und durch Hass 
verschärften Religionsstreitigkeiten beilegen und die aus- 
fallende Sprache der Prediger zügeln. Alle flehen, es 
möchte von Erfolg und Bestand sein. Auch die Unseren» 
der Adel imd die Bürger, welche ihre Bestrebungen 
E. F. G. empfehlen, fördern kräftig die Sache der Re- 
ligion.* Leider hören wir nichts Näheres über das 
Friedenswerk; eine Einigung ist jedenfalls nicht erfolgt 
Als im Februar 1555 die Lutheraner eine Synode in 
Posen abhielten, standen die Brüder und die wenigen 
Anhänger Calvins abseits und suchten im März in Go- 

^) Leider werden keine Namen genannt Wengierski l&sst 
nur Lukas Gorka nnd Stanislans Ostrorog an dem Rettungswerke 
beteiligt sein. 

Zcslidirilt der Hist Ges. fOr die Fror. Posen. Jshrc. XVHI. 7 



98 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

luchow bei Pleschen mit den Kleinpolen zusammen zu 
gehen. Und doch wäre eine Union der Evangelischen 
angesichts ihrer fortgesetzten Verfolgungen von Seiten 
der römischen Kirche so nötig gewesen. Am a6. De- 
zember hatte Herzog Aibrecht an Stanislaus Ostrorpg 
geschrieben und um neue Zeitungen gebeten, besonders 
auch um Mitteilimg, ob näheres über die Pläne der Hie- 
rarchie, über deren Vorhaben in Preussen die ver- 
schiedensten Gerüchte in Umlauf wären, bekannt sei. 
An seiner Stelle antwortet Trepka^) und zwar erst am 
13. Februar. Ich vermute, dass diese Verzögerung ihre 
besondere Ursache hatte und Trepka jener Bote der 
evangelischen Gemeinden unserer Provinz war, den wir 
in der letzten Woche des Januar 1555 bei Melanchthon 
sehen, und der dessen Rat für den Kampf gegen Francesco 
Stancaro und in anderen Fragen, mit denen sich die Po- 
sener Synode im Februar beschäftigen sollte, einzuholen 
hatte ^. Kurz vor Beginn der Synode erst zurückgekehrt, 
antwortete er am 13. Februar in Ostrorogs Namen, und 
diese Verschiebung hat wohl zur Folge, dass wir anstatt 
der erbetenen Auskunft einen allgemeineren Bericht er- 
halten. »Der erlauchte Graf Stanislaus von Ostrorog, 
Kastellan von Meseritz®), hat diesen Brief an E. F. G. 

1) Ende Oktober 1554 war Trepka in Scharfenort, wenigstens 
zeigt ein von dort den 30. Oktober datiertes Ostrorogsches Dank- 
schreiben für übersandte Falken an Albrecht seine Handschrift 
Ein Brief Trepkas vom 19. Dezember 1554 nach Königsberg hat 
für uns kein weiteres Interesse. Schon am 4. Mai hatte Herzog 
Albrecht die Grafen Gorka um drei leichte Pferde und einen Wagen 
gebeten, wie ihn die Polen bei schnellen Reisen zu gebrauchen 
pflegten. Die Besorgung hatte sich verzögert, weil Lukas und 
Andreas Gorka nach Lithauen gereist waren. Am 19. Dezember 
erfolgte sie endlich durch Trepka im Auftrage der Gorka. 

^ Von einem acervus quaestionum spricht Melanchthon in 
seinem Briefe vom 28. Januar an Fabricius. Corp. Ref. VIII S. 419. 

8) Castellanus Miedzirzecensis heisst es. Bis 1557 ist aber 
Nikolaus Myczkowski, der seinem Bruder Stanislaus gefolgt war, Ka- 
stellan von Meseritz gewesen. Das Königliche Edikt, welches nach 
dem Tode des Nikolaus Myczko^'ski die Starostei Meseritz Stanislaus 
Ostrorog überträgt, ist erst Wilna, Ostern 1557 datiert. Vielleicht 
hat Trepka in der Eile Meseritz mit Birnbaum verwechselt. 



Eosuchias Trepka. 99 

zu schreiben mir ttbertragen, und ohne Pflichtverletzung 
kann ich mich dieser Aufgabe nicht entziehen, teils wegen 
seiner herrlichen Charaktereigenschaften, teils wegen der 
Wohltaten, mit denen er uns, die wir auf j^e Weise die 
reinere christliche Lehre zu fördern suchen, erfreut So- 
bald als möglich werde ich den Brief durch einen eigenen 
Boten £. F. G. zusenden. Hier ist der erlauchte Herr 
Ostrorog voll der grössten Ergebenheit gegen E, F, G., 
in allen Versammlungen des Adeb spricht er mit den 
grössten Lobeserhebungen von E. F. G. und schätzt 
E F. G. höher denn die anderen Fürsten unseres Zeit* 
alters. Im Notfalle ist er bereit für E. F. G. sein 
Vermögen einzusetzen und sein Blut zu vergiessen, er 
verdient es, dass E. F. G. ihm hinwiederum gnädiges 
Wohlwollen zuwenden. Die an uns Briefe vom Hpfe 
sandten, hoffen, dass Kön. Majestät nach dem Osterfeste 
den Reichstag zu Petrikau halten werden. ^) Wollte er 
uns doch einigen Nutzen bringen, bis jetzt haben wir es 
durch kein Flehen erreichen können. Ich denke von 
unseren Reichstagen, wie einst der Grieche Gregor von 
Nazianz von den Synoden der Bischöfe, noch habe er 
von ihnen niemals einen guten und erwünschten Ausgang 
gesehen. Je zahlreichere und erbittertere Gegner das reine 
Evangelium findet, um so kräftiger erhebt und breitet es 
sich durch Gottes Gnade aus, und des Hilarius Wort be- 
wahrheitet sich: „Verfolgungen schwächen nicht die Kirche, 
sondern stärken sie.*" In diesen Tagen hat der Sohn einer 
berühmten Familie, der angesehene Kanonikus Lutomirski^), 



^) Am a8. April begann der Reichstag. Die evangelischen 
Magnaten verlangten völlige Religionsfreiheit, im besonderen das 
Recht, beliebig Geistliche anstellen zu können, die Aufhebung der 
bischöflichen Jurisdiktion und ein Nationalkonzil unter dem Vorsitze 
des Königs zur Schlichtung der Religionstreitigkeiten. Nach wochen- 
langen Verhandlungen kam man unter dem Proteste der Bischöfe 
fiberein, dass der König eine allgemeine Landessynode berufe; die 
bischöfliche Jurisdiktion sollte bis dahin suspendiert und die Ein- 
tracht gewahrt werden. 

*) In Wittenberg, wo er (vergl. Album Akademicum Vite- 
bergense S. 166) unter dem Rektorat des Professors der Medizin 

7* 



lOO Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

der Kön. Majestät Sekretär, dem Antichrist und seinem 
Betrug (ür immer entsagt, dies Babel und Sodom ver- 
wünscht und sich Christo und seiner Lehre von ganzem 
Herzen zugewandt Ihn predigt er auch — vergebens 
knirschen die Häupter der Hierarchie — freimütig und 
bekennt ihn mit Worten und Schriften öffentlich vor 
Konigen und Magnaten. Schon wurde er auch von 
Pharisäern, Sadduzäem und den übrigen Dienern des 
Fleisches offen und im geheimen angegriffen, aber der 
Herr, welcher seine Kirche in seinem Schiffiein leitet und 
in seiner Hand hält, stand ihm wunderbar bei und erhielt 
ihn zimi Staunen der Schwankenden unverletzt In der 
Verteidigung der reinen Lehre lässt er es an Festigkeit und 
Ausdauer in nichts fehlen, sondern strebt vorwärts mit 
Paulus durch gute und böse Gerüchte imd erfüllt seinen 
Beruf. Obwohl er auf Gott vertraut imd nicht auf mensch- 
lichen Schutz, so wird er doch auch von diesem nicht 
verlassen sein. Der erlauchte Palatin von Wilna Radziwill^ 
die Herren Ostrorog und sehr viele andere Senatoren 
bieten ihm ihren Einfluss imd Dienst für alle Fälle an. 
Wir halten gegenwärtig eine Synode, um bezüglich der 
Übereinstimmung in Lehre und Ceremonien in unseren 
Kirchen zu beraten und flehen zu Gott, dessen Sache 
es gilt, dass er uns erkennen lasse, was zu seiner 
Ehre und der Kirchen Eintracht dient Unser Herr Jesus 
Christus, welcher Königen und Fürsten Heil gewährt,, 
möge auch E. F. G. unversehrt imd im vollsten Glücke 
erhalten, und wie er und der Vater eins sind, möge auch 
E. F. G. mit allen den Ihrigen eines Sinnes sein.* Seinem 
Briefe legte Trepka ein Huldigungsschreiben seines 
Freundes, des bekannten Posener Arztes Stanislaus Niger^ 



Aogustin Schürf, Bruders des bekannten Rechtsgelehrten Hieronymur 
Schürf, 1537 als Student inskribiert wurde, erhielt er die ersten re- 
formatorischen Anregungen. Mit Trepka war er befreundet und 
stand mit ihm in Briefwechsel. Als er sich später den reformierten 
Kleinpolen zuwandte, erkaltete die Freundschaft und erlosch, al& 
Trepka 1558 in Posen Lutomirskis Schwiegervater Joh. a Lasko ent- 
gegentrat. 



Eostachius Trepka. lOI 

bei« der eins der treusten Glieder der evangelischen 
Gemeinde war^). 

Schon im Jahre 1554 hatte Trepka seiner Bestallung 
gemäss mit der Übertragimg evangelischer Schriften be- 
gonnen. Unter den deutschen Reformatoren stand der 
Schwabe Brenz dem Herzog Albrecht mit am nächsten. 
Als er 1548 auf der Flucht vor den spanischen Schergen 
Karls V. heimatlos umherirrte, hatte der Herzog ihm 
durch den treuen Veit Dietrich in Nürnberg, Luthers 
ehemaligen Famulus, eine Zufluchtsstätte in Pfeussen an* 
geboten und ihm Winter 1550/51 sogar das Bistum Sam- 
land zugesichert Gern las er in seinen Schriften, beson- 
ders schätzte er die grosse Brenzsche Katechismusaus- 
legung, die er auch in seine Silberbibliothek d. h. in die 
Zahl der zu seinem persönlichen Gebrauch in Silber ge- 
bundenen Bücher aufgenommen hatte. Und in der Tat ist 
dieses Buch des Württembei^er Reformators die gediegenste 
Katechismuserläuterung des 16. Jahrhunderts^ und noch 
heute von Wert*). Ihre Übertragung ins Polnische war 
Trepkas erste Aufgabe. Daneben arbeitete er aber auch 
an der Herausgabe der polnischen Postille des Pinczower 
Rektors Gregor Orsatius, der später leider in die Netze 
des Stankarus geriet und mit seinen reichen Gaben der 
evangelischen Kirche verloren ging. Im Spätsommer 1555 
waren die polnischen Manuskripte fertig gestellt und nach 
Königsberg gesandt; aber die Drucklegung verzögerte sich, 



1) In welcher Gunst dieser Niger beim Könige stand, zeigen 
zwei Eintragungen im Posener Grodbuch vom Jahre 1557, nach 
denen der König ihn durch ein Mandat vom 15. März 1549 von 
allen Abgaben befreit und durch eine Urkunde vom Sonntag Jubilate 
1556 ihm ein Haus schenkt Am 21. September 1557 wurde er in 
den Rat der Stadt Posen und im folgenden Jahre zum zweiten 
B&iigermeister gewählt Als am ai. September 1567 die Stadtwahlen 
trotz aller Anstrengungen der Gegner mit einem völligen Siege der 
Evangelischen endeten, ward er erster Bürgermeister. L. Cwilinski: 
Leben und Schriften des Stanislaus Niger Chrosciewski, eines Posener 
Hnmanisten nnd Arztes des 16. Jahrhunderts, Lemberg 1900, schweigt 
von Nigers religiöser Richtung vollständig. 

*) Vergleiche Wotschke: Brenz als Katechet, Wittenberg rgoo. 



102 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

weil man nicht ohne den Verfasser an den Satz gehen 
wollte. Im Auftrage des Herzogs schrieb deshalb unter 
dem i6. Dezember ein unserem Trepka befreundeter her- 
zoglicher Rat an ihn und bat ihn, möglichst bald nach 
Königsberg zu kommen oder einen geeigneten tüchtigen 
Stellvertreter zu senden. Das Interesse der wieder auf- 
blühenden Kirche fordere, dass vor allem der Brenzsche 
Katechismus möglichst schnell zur Ausgabe gelange* 
Noch ehe das Schreiben in Posen eintraf, hatte Trepka 
die Stadt verlassen und die Reise nach Königsberg an- 
getreten*). Einige Jünglinge, unter ihnen der Sohn des 
wohlhabenden evangelischen Posener Bürgers Matthias 
Woliniecz^, begleiteten ihn, teils um in Königsberg zu 
studieren, teils um bei der Drucklegung in der Daub- 
mannschen Offizin behülflich zu sein. Wie gewöhnlich 
stieg er bei seinem Freunde Seklucyan ab. Sogleich 
Hess er mit dem Druck des Katechismus beginnen, 
aber imerwartet sah er sich plötzlich den grössten 
Anfeindungen ausgesetzt und seiner Arbeit die 
verschiedensten Hindemisse in den Weg ge- 
legt Fünf Jahre spaltete bereits der unselige Osian- 
dersche Streit Königsberg in zwei feindliche Heerlager 
und erbittert wie in den ersten Tagen standen sich die 
feindlichen Parteien gegenüber. Mit kleinlichen Waffen 
wurde auf beiden Seiten gekämpft. In seinem von Herzog 
Albrecht erbetenen theologischen Gutachten über Osianders 
Rechtfertigungslehre hatte Brenz sich nicht ungünstig 
über seines alten Freundes Standpunkt ausgesprochen und 
dadurch die erbitterste Feindschaft der Antiosiandristen 
sich zugezogen. Sie verdächtigten die Orthodoxie dieses 
treusten Schülers Luthers und schmähten besonders 



^) Der Empfehlungsbrief des Grafen Lukas Gorka ist Posen ^ 
den 9. Dez, 1555 datiert. . 1 

*) Woliniecz war Schöffe in Posen und hat als solcher am j 
2. Juni 1540 neben dem Probst Jakob von Obomik im Auftrage des 

Rats das Schreiben unterzeichnet, welches den der Reformation | 

günstig gesonnenen polnischen Prediger Stanislaus von Przebisla'w i 

an die Pfarrkirche Maria Magdalena rief. \ 



Eustachios Trepka I03 

seinen weit verbreiteten und viel begehrten Katechismus 
ohne jede Berechtigung ein schismatisches Buch^). Es zu 
unterdrQcken galt in den Augen dieser Eiferer als ein 
gutes Werk. Schon ehe Trepka nach Königsberg kam, 
war er ihnen verhasst, als er endlich eingetroffen war, 
Hessen sie ihn imd seine Gehalfen bei jeder Gelegenheit 
ihre Feindschaft fühlen; letztere, welche mit dem Gesinde 
des Burggrafen Christoph von Kre3rtzen beköstigt werden 
soUten, wurden geradezu aus dem Schlosse vertrieben. 
Am 13. Februar 1556 sieht sich deshalb Trepka zu 
folgendem Schreiben an den Herzog genötigt: „Wie un- 
würdig einige von dem Beamten E. F. G. meine Schreiber, 
die in der Druckerei E. F. G. dienen und bei dem Burg- 
grafen freien Tisch erhalten sollten, behandelt haben, mit 
wie heftigen und schmähenden Reden sie mich in meiner 
Abwesenheit und obwohl ich ihnen unbekannt war, ver- 
folgt haben, möge E. F. G. lieber von dem vortrefflichen 
Arzte Andreas Aurifaber ^ vernehmen, als dass ich E. F. G. 
belästige. Wenn nicht die Ausgabe des Katechismus, 
welche ich betreibe, mich gehindert hätte, wäre ich selbst, 
um Klage zu führen, zu E. F. G. geeilt. Ich wundere mich, 
dass hier einige uns, die wir in E. F. G. Dienst stehen 
und gegen E. F. G. voll Ergebenheit und Treue sind, mit 
solchem Hasse begegnen. Sobald E. F. G. befehlen, werde 
ich an die Ausgabe der Postille herantreten, und wenn 
es E. F. G. gefällt, mich an die Bibelübersetzung machen. 
Wenn ich nur einen deutschen Gelehrten zum Mitarbeiter 
hätte, könnte sie über Erwarten schnell erscheinen." 
Seinem Briefe, der wohl einen Tag liegen geblieben 
ist, legt er ein Probeexemplar der Postille bei und 
gibt ihm den Nachtrag: „Das Format der Postille 
und ihre ersten Exemplare sah bereits der vortreffliche 



1) Ver^ Wotschke, Brenz als Katechet S. 61 U. 

2) Andreas Aurifaber, Herzog Albrechts einflussreicher Leib- 
arzt und Professor der Medizin, war der entschiedenste Anhänger 
Osianders, dessen Tochter Agnes er in zweiter Ehe zur Frau hatte. 
Dezember 1559 sollte er in politischer Mission zum Könige Sigismund 
August nach Wilna reisen, als er plötzlich starb. 



I04 Lic. Dr. Theodor Wotschkc. 

Doktor Aurifaber. Ihren Druck werde ich fortsetzen, 
wenn es E. F. G. befehlen. Ich wohne und habe die 
Beköstigung bei Seklucyan und lebe sehr einfach, um 
nicht E. F. G. grosse Kosten zu verursachen. Deshalb ist 
es mir sehr unangenehm, dass meine Gehalfen auf dem 
Schlosse schlecht behandelt und vertrieben jetzt am Tische 
Seklucyans speisen, welcher bereits ohne Mittel ist und 
um Ersatz für den täglichen Aufwand bittet" 

Schon am i6. Februar antwortet der Herzog mit 
dem Ausdruck des Bedauerns über die Anfeindungen, 
den Burggrafen habe er bereits angewiesen, 20 oder 30 
Mark an Seklucyan zu zahlen. In Bezug auf die Postille 
schreibt er: „Das gesandte Probeexemplar hat ims ge- 
fallen, wenigstens was den Druck (caracteres) betrifft, das 
Papier scheint uns aber zu schmal gewählt zu sein. 
Beim Zusammenbinden und Beschneiden der Blätter zur 
Quartform seitens des Buchbinders ist kaum ein finger- 
breiter Rand geblieben. Entweder muss das Papier etwas 
länger und breiler gewählt werden, oder falls solches in 
grösserem Format nicht zu haben ist, müssen einige 
Zeilen entfernt werden. Aber über dieses und anderes 
nächstens mündlich das weitere." 

Das Interesse des Herzogs für die Postille, wohl auch 
die Machenschaften der Antiosiandristen bewirkten, dass 
der erst bis zur Hälfte gediehene Druck des Brenzschen 
Katechismus unterbrochen wurde ^) und die Postille an 
erster Stelle zur Ausgabe gelangte. Leider scheint sie 
heut bis auf das letzte Exemplar verschollen zu sein; 
meine Anfragen bei den verschiedensten Bibliotheken 
waren erfolglos, imd die Bibliographien geben auch keine 
sicheren Nachrichten. Nach der Vorrede des bekannten 
Thomer Pfarrers und gründlichen Kenners der evangelisch- 

*) Am 25. April schreibt Seklucyan in dem Brief, den er 
anlässlich der Zurackstellung seiner Postille an den Herzog ge- 
richtet hat: Ulm« v» Ceis.<io nollam trahens rationem neque laborum 
meorum neqae sumptuum neque senectutis et meritis meis iussit 
obici alium nescio qualem librum concionum et prelo exprimendum 
priori llbro catechismi Brentii nondum ad mediam partem absolnto. 



Eustachins Trepka. 105 

polnischen Literatur Oloff zur Dombrowskischen Postille 
(Leipzig 1728) muss sie auf dem Titelblatt oder in der 
Vorrede neben Ostaphus Trepka seinen jüngeren Mit- 
arbeiter und Posener Freund Sebastian Woliniecz als 
Herausgeber genannt haben. 

Sogleich nach der Postille erfolgte der weitere Druck 
des polnischen Brenzschen Katechismus; bereits am 3. Juni 
kann der Herzog Albrecht seine Fertigstellung nach 
Württemberg melden ^). Er ist in Quartformat erschienen 
und trägt den Titel: €cAtiifx\mva \ Sjo xtft pipeina nonha | 
dQn^£0ricn0ha prfeB JANA BREN | CIVSZA j pisma JOro- 
TocMtgo ilpoM I fkiego jnxtfxona^ htor^ mofef; hobtit mala 
Citblta I tiopoar. Movoitm io rofigfsiko m \obxt bofla | teqnte 
foiDtera^ ro xtft aoxqommn tu | pamhim \lowxt tiloxüxtkoxox \ 

Umkßmano w tixoiexDcn ^Orushim | prjee Slonu Donbrnanou 
JSofcu I yianskirgiO MDLVI. Die Ostaphi Trepka unterzeich- 
nete Vorrede ist Königsberg, Himmelfahrt 1556 datiert; ge- 
widmet ist die Übersetzung dem Herzog Albrecht. Die 
Vorrede und der vorgedruckte kleine Brenzsche Kate- 
chismus sind unpaginiert, der grosse zählt CCCXCV Blätter. 

So lange Trepka in Königsberg weilte, vermittelte er 
auch die Korrespondenz imd alle Verhandlungen zwischen 
Albrecht und Stanislaus Ostrorog. Aus Grätz schreibt 
letzterer am 31. März 1556: „Das Weitere übermittle ich 
meinem treuen Freunde Herrn Eustach Trepka, welcher 
in meinem Namen mit E. F. G. hierüber konferieren wird", 



1) J. Voigt: Briefwechsel der berühmtesten Gelehrten des Zeit- 
alters der Reformation mit Herzog Albrecht Königsberg 1841 S. 56. 

^ „Catechismus d. i. vollständige christliche Lehre durch Joh. 
Brenz ans den prophetischen und apostolischen Schriften zusammen 
getragen, welche man kleine Bibel nennen kann. Denn sie enthält 
alles, was einem im Worte Gottes lebenden Menschen zu wissen 
nötig ist" Die Übersetzungen dieses ursprünglich lateinisch ge- 
schriebenen Katechismus ins Mittel- und Niederdeutsche, ins Nieder- 
ländische, Italienische und Französische habe ich in meiner Licentiaten- 
schrift ^ßTt!az als Katechet" Wittenberg 1899 S. 22 ff. namhaft ge- 
macht Die polnische Übersetzung war mir damals entgangen. 



Io6 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

und in seiner Antwort vom 14. April verweist auch 
Albrecht auf die Trepka mündlich gegebene Erklärung. 

Endlich konnte Trepka heimkehren; drei oder vier 
grosse Frachtwagen seiner Bücher brachte er zum Verkauf 
nach Posen mit sich und hier, wo man sie längst erwartet 
hatte, wo man ihre Gediegenheit diu-ch ihren Heraus- 
geber gewährleistet wusste, fanden sie reissenden Absatz; 
bald waren sie vergriffen, ohne dass auch nur im 
entferntesten die Nachfrage gedeckt war, und Trepka 
musste um eine weitere und grössere Sendung die 
Daubmannsche Druckerei ersuchen. Das Domkapitel 
glaubte dieser Verbreitung evangelischer Schriften nicht 
ruhig zusehen zu dürfen; in der Sitzung am 8. Juni be- 
schäftigte es sich mit Trepka^), wagte aber nicht, irgend 
welche Massregeln wider ihn zu ergreifen. 

In den ersten Tagen des Juli hatte Trepka die 
Freude, den kampfesfrohen Gegner der römischen Kirche, 
den ehemaligen päpstlichen Legaten und Bischof von 
Capo d'Istria, Paulus Petrus Vergerius, der auf seiner 
Reise nach Königsberg und Wilna zum Fürsten Nikolaus 
Radziwill den Weg durch unsere Provinz nahm^), in 
Posen begrüssen zu können. So gut es bei der Kürze 
der Zeit möglich war, weihte er ihn in die polnischen 
Verhältnisse ein, Hess sich von ihm auch zu gemeinsamer 
Arbeit in Königsberg gewinnen, im besonderen zur 
Übersetzung der Streitschriften, mit denen Verger von 
dort aus der polnisch-katholischen Kirche entgegenzutreten 



1) Acta Xn fol. a8. „De Trepka, cive Posnaniensi, qui novos 
libros pestiferos cerebri sui vendere praesumit Posnaniae etc., super 
quo mandata regia sunt" Wie mir Herr Domkapitular Dr. Jedzink 
mitzuteilen die Güte hatte, findet sich in den Akten des Domkapitels 
kein weiteres Protokoll über jene Sitzung. 

*) Auch 1559 gelegentlich seiner zweiten Reise nach Königsberg 
und Wilna hatte Verger den Weg über Posen geplant. In Gross- 
Polen auf den Edelsitzen der Ostrorog, Gorka und des Raphael 
Leszczynski gedachte er einen Teil des Winters zuzubringen. Da 
er aber zuvor noch den Herzog von Mecklenburg besuchte, änderte 
er seinen Plan und reiste über Stettin (25. Nov.), Danzig, Marien- 
burg (10. Dez.) nach Königsberg. 



Ettstachios Trepka. 107 

gedachte. Am liebsten hätte Trepka seinen neuen Freund 
sogleich nach Preussen begleitet, allein die Krankheit, 
dann der Tod seines Schwiegervaters hielten ihn zurück. 
Während Verger schon am 11. Juli, am 34. Tage nach 
seinem Aufbruch von Stuttgart, in Königsberg eintraf, 
finden wir Trepka noch am 28. Juli in Posen. Durch einen 
gewissen Broniowski, der in Preussen Kriegsdienste 
zu nehmen gedachte, schickte er das Manuskript des 
zweiten Teils der Postille, der die Predigten für die 
Heiligentage enthielt, dem Herzoge. In seinem Begleit- 
schreiben drückt er unter anderem seine Verwunderung 
aus, dass ihm die Katechismen, welche so sehnsüchtig 
erwartet und fort und fort begehrt würden, noch nicht 
gesandt seien. Die Verzögerung seines Kommens bitte 
er mit Rücksicht auf den Trauerfall zu entschuldigen; 
bald hoffe er erledigt zu haben, was ihn noch fest halte, 
und die Reise antreten zu können. Sehnsüchtig erwartete 
ihn Verger in Königsberg. Durch Sabinus, der als bran- 
denburgischer Gesandter auf der Rückreise von Wilna 
nach Berlin einige Tage in Königsberg weilte und von dort 
am 25. Juli nach Posen aufbrach^), Hess Verger Trepka 
bitten, seine Reise nach Preussen möglichst zu be- 
schleunigen. Um den 15. August, wo wir Sabinus in 
Posen begegnen, wird er seinen Auftrag ausgerichtet 
haben. Näher traten sich beide Männer indessen nicht. 
Sabinus der Humanist, der ohne die Gunst der Grossen 
und ihre Ehrengeschenke nicht leben konnte, weilte mehr 
im bischöflichen Palaste, als in Trepkas Hause. Die tiefe 
Verstimmung, die sich des Posener Predigers hierüber 
bemächtigte, sollte im März nächsten Jahres zu Frank- 
furt a. d. Oder zum Ausbruch kommen. 

In Königsberg wartete seiner ein herber Schmerz; 
sein jüngerer Freund aus Posen Sebastian Woliniecz, 



1) Sabinus kürzte seinen Königsberger Aufenthalt ab, um 
«inige Tage den Bischof Hosius in Heilsberg besuchen zu können. 
Derselbe gab ihm einen Brief an seinen Posener Berichterstatter 
Stephan Mikanus mit. Vergleiche Hosii Epistolae II, 1657. Sabini 
Poemata. 1563 S. 189 f. 



Io8 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

uns als Mitarbeiter bei der Herausgabe der Postille des 
Orsatius bekannt, wurde mit einem anderen Polen 
in einem Streite erstochen. Den näheren Hergang kennen 
wir nicht; es scheinen aber die beiden nicht ganz schuld- 
los an ihrem Tode gewesen zu sein. Denn obwohl 
Trepka alles versuchte, um eine strenge Bestrafung der 
Täter zu erwirken, auf seinen Anlass am 22. September 
und sonst des öfteren Lukas Gorka in dieser Sache an 
Albrecht schrieb, desgleichen am 23. September der Rat 
der Stadt Posen, endlich am 24. Dezember sogar der 
König ^), wurden die Täter freigesprochen. Trepka liesß 
aber nichts unversucht, um eine Wiederaufnahme des 
Prozesses zu erreichen, und schliesslich erklärten sich 
die Mörder bereit, „Vergelt" an den Vater des getöteten 
Sebastian zu zahlen. 

Wie wenig indessen die Trauer um den Freund 
Trepkas Tätigkeit hat beeinträchtigen können, zeigt ein 
Blick auf seine literarischen Arbeiten in jenen Monaten. 
Im September hatte Verger seine Streitschrift: „De Gregorio 
papa eins nominis primo, quem cognomento Magnum 
appellant et inter praecipuos .ecclesiae Romanae doctores 
annumerant,* fertig gestellt, und sofort übertrug sie Trepka 
ins Polnische. Ich vermag allerdings kein polnisches 
Exemplar dieses Buches nachzuweisen, aber in der la- 
teinischen, Oktober 1556 bei Daubmann erschienenen 
Ausgabe heisst es in der Ansprache an den Leser, das 
Buch sei zugänglich gemacht „tam Italis quam Germanis,. 
Gallis etiam atque adeo Polonis ac Sclavis ipsis. Eam 
Italice F. Niger, Germanice Jacobus Andreas Fabri, Gallice 



1) Der gebeugte Vater Matthias Woliniecz reiste von Posen 
nach Warschau, um durch den König eine Verurteilung der Mörder 
seines Sohnes zu erreichen. In seinem Bittgesuch vom la. Dezem- 
ber 1556 giebt er eine kurze Schilderung des Vorgangs : Sebastianu& 
Woliniecz, filius meus, Ill™o D. Principi Prussiae in Hbris corri- 
gendis, qui Regiomonti iussu Suae Illi"«« Cel°" excudebantur, 
profitebatur ac dum ibi commoratur diutius et hospitium in civitate 
habet, quattuor Germani, genus nomint nostro infestissimum, eum 
in hospitio proprio aggrediuntur et crudelem in modum confossum^ 
trucidant una cum nobili quodam Pilieczki, qui ibidem habitavit. 



Eustachias Trepka. 109 

F. Hotomanus, Polonice Dominus Eustachius Trepka, 
Sclavice^) vero Primus Truberus vertit, singulari pietate 
atque eruditione viri**. 

In wie weit Trepka an des Vergerius anderer Schrift 
Duae Epistolae bezw. an den den Briefen folgenden 
Epigrammen und Gedichten als Mitarbeiter beteiligt ist, 
lässt sich nicht genau feststellen, da überhaupt der Anteil 
der verschiedenen Freunde Vergers an diesem Büchlein 
im einzelnen ungewiss ist. Zweifellos ist aber von Trepka 
das Begleitwort an den redlichen christlichen Leser am 
Schluss der beiden Briefe, welches unter dem Pseudonym 
Eustathius Theophilus geschrieben ist. In der dann fol- 
genden Elegie „de sacrosancti Evangelii in ditionis regis 
Poloniae post revelatum Antichristum origine, progressu 
et incremento* hat sein Freund Andreas Tricesius, der Ende 
September mit einem Briefe Nikolaus Radziwills an Herzog 
Albrecht von Wilna nach Königsberg gekommen war, 
ihm ein Denkmal gesetzt in den Versen: 

„Hunc sequitur merito Constantis^ nomine dictus 
TREPCA meus, nitido nobilis eloquio. 
Promovet hie patrio scriptis sermone libellis 
Egregiae fidei dogmata pura sacrae". 
In Königsberg hatte Verger ferner die schöne christ- 
liche Kinderlehre des evangelischen Spaniers Juan de 
Valdes ins Lateinische übersetzt und unter dem Titel 
„Lac spirituale" herausgegeben; es zeugt von Trepkas 
Bemühung um eine christliche Unterweisung seines Volkes, 
dass er dieses wertvolle Büchlein sofort ins Polnische 
übertrugt). „IfponiinBk, kton; IPergeriuß 3afnemu pami | 

1) D. i. slovenisch. Primus Trüber, der Reformator Krains, 
ist bekannt als Begründer der slovenischen Literatur. Seine Bibel- 
übersetzungen, Katechismen, Lehr- und Gesangbücher sind die ersten 
slovenischen Druckschriften. Wie die evangelisch-polnischen Er- 
bauungsbücher des 16. Jahrhunderts sind sie fast sämtlich der Ver- 
folgungswnt der Jesuiten zum Opfer gefallen. Kaum dass hier wie dort 
einige Unica von der ehemals blühenden Literatur heut noch zeugen. 

*) Nur hier wird Trepka der Vorname Constans beigelegt. 

*) Einen Neudruck dieser polnischen Übersetzung Trepkas 
bieten Böhmer: Instruccion cristiana para los ninos por Juan de Valdes. 



HO Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

JHUiolaioist OsiDtetoitego ^ma: Mikolnta ttoI^Ua, fidq{tcta 
10 ®ltce 9 SPninstDtcIn Vioxtxoobjf ttOtlenskUgü rc* Siynoxox 
pierwlfemn poflal n ffiimü IIL (Andenken, welches Ver- 
gerius dem hohen Herrn Nikolaus, dem ersten Sohne des 
durchlauchtigen Herrn Nikolaus Radziwill, Fürsten von 
Olika imd Nieswiei, Wojewoden von Wilna etc. gesandt 
hat) Auf der Rückseite folgt dann der eigentliche Titel : 
Mixtkß Sm^oton^ 01a hormunia ij m^r^oiDoma Cirqesnon- 
fkt^r^ Dnoteh | kn ij^roalt ßoBkxtu (Geistliche Milch. Zur 
Ernährung und Erziehung christlicher Kindlein zum Lobe 
Gottes). Das Büchlein umfasst nur 24 unpaginierte Blätter 
in klein Octav, hinten Mifrifmal | Äieranier Äugqieikg | ro 
tiTokroai ^miak^nu ttohu ponehtego 1556* Auf dem dritt- 
und vorletzten Blatte befindet sich ein Nachwort Trepkas: 
Üo izgo kto btt\xt qtbL (8)flapt)i| (KrephtL In demselben heisst 
es^): „So reiche und kostbare göttliche Speisen besorgt dir 
Vergerius, der Mann Gottes und Diener Christi, (um dessen 
willen er Vermögen und Würden verlassen hat und lieber 
mit Moses arm und niedrig in der Kirche des Herrn sein 
wollte, denn in gottlosen Palästen wohnen xmd an allen 
Sachen Überfluss haben) mit grossem Bemühen und Fleiss. 
Daher gebührt und ziemt es dir, ihm alle Dankbarkeit 
zu erweisen und alle seine gottesfürchtigen und christlichen 
Unternehmungen Gott mit innigen Bitten zu empfehlen". 
Als Verger in der zweiten Hälfte des Monats Oktober 
zur zweiten Reise nach Wilna zum Fürsten Radziwill 
sich anschickte, verliess auch Trepka Königsberg, um 
zu seiner Gemeinde zurückzukehren. Das Letzte, was 
wir aus Preussen von ihm hören, ist, dass er am 
14. Oktober Herzog Albrecht bestimmt, wie dem 
Zborowski in Adelnau, dem Tomicki in Rogasen, dem 
Job. Krotowski in Inowrazlaw und den Brüdern Ostrorog 
auch den drei Grafen Gorka Jagdfalken zu senden. In 
Posen arbeitete er den Winter über fleissig an der pol- 
nischen Übersetzung der Postille des Reformators von 

£n ocho lengnas. Bonn und London 1881 und J. Kartowicz in den 
Pracc filologiczne I, S. 403 — 33, Warschau 1886. 
1) Ich eitlere nach Sembrzycki S. 553. 



{ Eiistachius Trepka. III 



( 



Calenberg-Göttingen Antonius Corvinus, welche zu den 
begehrtesten Erbauungsbüchern des i6. Jahrhunderts ge- 
hörte und Trepka von Herzog Albrecht besonders warm 
anempfohlen war. Am 17. Januar 1557 erhält er die 
Aufforderung, zur Drucklegung der Obersetzung nach 
Königsberg zu kommen. Allein unmöglich konnte er jetzt 
Posen verlassen, wo täglich des Vergerius Ankunft zu 
erwarten stand. Kursierte doch schon am 12. Dezember 
in der Stadt das Gerücht, Verger werde am folgenden 
Tage in Posen eintreffen^). Sein Kommen verzögerte sich; 
wohl brach er bald nach dem 15. Januar von Soldau^, 
wo er während des Warschauer Reichstages geweilt 
hatte, auf, aber anstatt direkt nach Posen sich zu wenden, 
reiste er über Warschau und Krakau. Hier, im Hause des 
Kastellans von Biecz Johann Bonar, aber auch in dem drei 
Meilen entfernten Jwanowice traf er mit Joh. a Lasco und 
Lismanino zusammen, disputierte mit jenem, versicherte 
diesen des Wohlwollens und der Unterstützung Herzog 
Albrechts, setzte dann, wohl an demselben Tage, an dem Laski 
und Utenhoven nach Wilna aufbrachen, also am 23. Februar 
seine Reise fort und traf endlich, nachdem er noch einige 
Tage in Goluchow bei Pleschen bei Raphael Leszczynski 0) 
geweilt hatte, in Posen ein. Im Palaste der Gorka, also 
an der gottesdienstlichen Stätte der evangelischen Ge- 

1) Der Arzt Stephan Micanus schreibt aus Posen an Hosius 
am 12. Dez.: „Vergerium cras habebimus hie, de quo si venerit 
statim R»»» D«»«» Vrwn faciam certiorem. Ep. Hosii II p. 77. 

*) Die Stadt Jaldow, welche Gindely : Geschichte d. böhm. 
Brüder I, 401 als den Aufenthaltsort Vergers nennt, ist mit Soldau 
identisch. Wie mir der Gelehrte der Brüdergemeinde Herr Pastor 
Joseph Müller mitteilte, wird im polnischen Totenbuch der 
böhmischen Brüder der Ort Dzialdow genannt. 

^ Raphael Leszczynski, der reichste evangelische Magnat 
unserer Provinz, zu dessen Schuldnern selbst Herzog Albrecht ge- 
hörte, scheint Verger damals in seine Dienste zu ziehen versucht 
und ihm Goluchow als Wohnort angeboten zu haben. 1560 schreibt 
dieser nftmllch an die Brüder, als er sie um Aufnahme in ihre 
Unitat ersuchte: „Magnificus D. Raphael Lenczewsky obtulit mihi 
ante paucos annos satis luculentam conditionem''. Fontes Rerum 
Austriacarum 2. Abt. XIX, 255. 



112 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

meinde, dann aber auch einer Einladung Stanislaus 
Ostrorogs folgend in Grätz^) versammelten sich evan- 
gelische Magnaten unserer Provinz, einige Geisdiche und 
die vornehmsten Gemeindeglieder, imter ihnen der Arzt 
Stanislaus Niger, um mit dem gewandten, weitschauenden 
Italiener über den Ausbau der Kirche und einer Union 
mit den böhmischen Brüdern zu beraten. Aufs wärmste 
empfahl Vergerius eine Verbindung mit diesen, die er im 
vergangenen Dezember und Januar in Soldau kennen 
und schätzen gelernt hatte und deren Glaubensbekenntnis 
er auch in Tübingen neu herauszugeben gedachte, ohne 
indessen bei den Lutheranern grossen Anklang zu finden. 
Aber ebenso entschieden sprach er sich auch gegen die 
dogmatische Richtung der Kleinpolen, im besonderen gegen 
die ihres gegenwärtigen geistigen Führers Joh. a Lasko 
aus 2). Da er wusste, dass nichts so sehr eint als tätige 

1) In Grätz arbeitete Trepka mit Lutomirski, der in den fol- 
genden Wochen in unserer Provinz für eine zu gründende evan- 
gelische Schule und für den geächteten Lismanino koUektierte, 
einige Religionsartikel aus. Stephan Mikanus schreibt Posen den 
23. Mai an Hosius: ^Articulos novatoruni in hac praeterita quadra- 
gesima consutos in oppido magnifici Stanislai Ostrorog nomine 
Grodzysko Rev™*« Dq» V*"»« mitto videndos. Interfuit his consuendis 
et Lutomyrski et Trepka, sicut didici. Hoc tempore habitat Trepka 
Regiomonte nescio quid in S. Paulum ruminans non contentus 
prioribus, quorum plaustra huc allata fuerunt". Hosii Epist. II, 
Nro. 1765. 

*) In seiner warm geschriebenen Biographie des Joh. a Lasko 
spricht Dalton S. 522 ff. von einer unterminierenden gefährlichen 
Tätigkeit des Verger in Polen. Die objektive Geschichtsschreibung, 
die Licht und Schatten bei dem Polen Laski wie bei dem Italiener 
Verger wahrnimmt, muss anders urteilen. Wer unterminiert? Der, 
welcher wie Laski ernten will, wo er nicht gesäet hat, eine dreissig- 
jährige reformatorische Entwicklung seinen eigenen theologischen 
Anschauungen zu lieb in andere Bahnen zu zwängen versucht und 
den Führer der Gegner Stanislaus Ostrorog von seinen Freunden 
mit Bekehrungsbriefen überschattet werden lässt, oder der, welcher 
wie Verger die bisherige gedeihliche Entwicklung der Reformation 
in Polen in ihrer alten Richtlinie weiter zu fördern unternimmt? 
Eins hat Lasko erreicht; die anfänglich durch Vermittlung der 
Krakauer deutschen Bürger von den Strassburger Theologen Hedio 
und Bucer beeinflussten Kleinpolen haben sich nicht den Witten- 



Eostachius Trepka. II3 

) Liebe, und gegenseitiges Dienen die Gegensätze mildert 

und endlich aufhebt, interessierte er die lutherischen 
I Magnaten für den Märtyrer der Brüdergemeinde, ihren 

• Senior Augusta, der nun schon neun Jahre in schwerer 

Kerkerhaft schmachtete, und bewog die Gorka und 
Stanislaus Ostrorog zugleich mit einigen Herren vom 
polnischen Brüderadel, einen Gesandten an seinen 
Herzog Christoph von Württemberg abzuordem, damit er 
sich für den armen Augusta bei dem böhmischen Könige 
verwende. Noch für einen anderen Plan gewann er die 
9 Grossen -in ^\>sen. Wie schon dem Fürsten Nikolaus 

Radziwill in Wilna stellte er ihnen vor, welchen Vorteil 
es für die Reformation in Polen bedeuten, und welche 
' Aussicht auf Gewinnung des Königs sich eröffnen würde, 

; falls eine offizielle Gesandtschaft der deutschen evangelischen 

j Fürsten bei Sigismund August für das Evangelium ein- 

treten würde. Er scheint hierbei die Nebenabsicht gehabt 
) zu haben, die polnisch-evangelische Kirche fest mit der 

deutschen lutherischen zu verbinden, auch an sich als 
künftigen Gesandten mag er im stillen gedacht haben. 
Denn der unermüdliche Mann, den ein rastloser Taten- 
drang erfüllte, kannte nichts Schöneres, als von einem 
Unternehmen zum andern zu eilen. Auch diesem Vor- 
schlage stimmten die Magnaten bei und beschlossen durch 
Vergerius Herzog Christoph und Pfalzgraf Ottheinrich zu 
bitten, die Initiative zu ergreifen^). Um eine Kirchen- 

bergem, sondern in den Jahren 1556 und 1557 endgültig den 
Schweizern zugewandt. Ob dies aber von Segen für die refor- 
matorische Kirche in Polen gewesen ist? 

1) Leider fehlt folgendes wichtiges Akten-Faszikel, welches 
zweifellos auch über die Posener Verhandlung Auf schluss geben würde, 
schon seit vielen Jahren im Stuttgarter Königl. Staatsarchiv: ^»Schriften, 
betreffend die ev. Lehre in Polen; wie mehrere polnische Herren, 
insonderheit Fürst Radziwill auf Anleitung des Vergerius an Pfalz- 
graf Ottheinrich und Herzog Christoph geschrieben und gebeten, 
eine Legation an den König von Polen abzufertigen, damit er die 
Angsb. Confession in seinem Reiche gestatten möchte, welches nach 
gehabten Deliberationen beide Fürsten bewilligt und neben andern 
auch den Vergerius dahin zu schicken vorgeschlagen, womit sichs 
jedoch wegen allerhand Hindernisse verzogen, bis inmittelst ein 

Zeitschrift der Hist. G^s. fOr die Prov. Posen. Jahr^. XVIII. 8 



114 Lic. Dr. Theodor Wotschkc. 

Ordnung zu entwerfen, konnte der Polemiker Vergerius 
sich selbst nicht für geeignet halten; nach langen Ver- 
handlungen kam man endlich überein, Melanchthon nach 
Polen einzuladen und ihn zu bitten, wenigstens für kurze 
Zeit nach Posen zu kommen und seine Kraft der polnisch- 
evangelischen Kirche zu widmen. Trepka ward die 
Aufgabe, die Einladung seinem verehrten alten Lehrer 
zu überbringen. Mit Vergerius reiste er ab ^), in Meseritz 
begrüssten sie die evangelischen Seelsorger der Stadt 
Martin Fechner und den schon halb blinden Gurge (Georg 
Träger), dann ging es über Frankfurt, wo sie Melanchthons 
Schwiegersohn Sabinus wiedertrafen und aus Unwillen 
über seinen fortgesetzten Verkehr mit den Gegnern der 
Reformation seine Differenz mit dem Senate der Königs- 
berger Universität zur Sprache gebracht zu haben scheinen ^> 
nach Wittenberg. Trepka übermittelte Melanchthon die 
Wünsche und Bitten der Posener Lutheraner. Wie hatten 



Calvinist Laski eingedrungen und endlich die Sache auf einen 
Reichstag verschoben worden 1556/59 Nro. 1—78". Aber durch 
andere Nachrichten wissen wir, dass im April 1557, als noch der 
Brüderbote Rokyta in Stuttgart weilte, die Sendung einer Gesandt- 
schaft tatsächlich beschlossen und Vergerius, der auf seiner Rück- 
reise nach Württemberg verschiedene Fürstenhöfe besucht und für 
die Gesandtschaft Stimmung gemacht hatte, für sie in Aussicht 
genommen wurde. Am aß. Dez. 1557 schreibt er von Tübingen 
nach Posen an Rokyta: Bellum Livonicum impedivit, quominus venerim 
cum legatione, cui te praesente destinabar. Principes adhuc sunt in 
eadem sententia et credo eos missuros. Allein im folgenden Jahre 
zerschlug sich der Plan infolge der Bedenken Maximilians von 
Böhmen. Vergl. Schott und Kausler : Briefwechsel zwischen Christoph 
von Württemberg und Vergerius. Tübingen 1875, 160 ff. 

1) Wahrscheinlich am 12. Mftrz; wenigstens ist ein dem Herzog 
Christoph am 19. April eingehändigtes Schreiben des Grafen Lukas 
Gorka Posen, den 12. März datiert, und es ist fast selbstverständlich^ 
Vergerius als den Überbringer des Briefes anzusehen. Der Posener 
Brüdergeistliche Rokyta, welcher das Bittgesuch der polnischen 
Magnaten für den Senior Augusta Herzog Christoph überbrachte^ 
reiste über Prerau in Mähren, da er noch Aufträge des Seniors 
Johann Cemy (Nigranus) einzuholen hatte. 

2) Vergl. Toppen: die Gründung der Universität zu Königs- 
berg 1844 S. 288. 



Ettstachius Trepka. II5 

sich die Verhältnisse in den letzten 20 Jahren geändert^ 

seitdem Krzycki, wie Cochläus schreibt, „durch grosse 

Versprechungen, Geschenke und Briefe voll Schmeichel- 

worten" Melanchthon nach Plozk und Gnesen zu lockeni 

versucht hatte! Als evangelischer Theologe erhielt er von 

evangelischen EdeUeuten die ehrenvolle Einladung, dorthia 

zur Oi^anisation der evangelischen Kirche zu kommen, 

wohin ihn als Verleugner seiner Überzeugung einst der 

römische Bischof zu führen gedacht hatte. Wir könnea 

es verstehen, dass der alternde durch Streitigkeitea 

ermüdete Reformator, auf dessen Schultern ohnehin eine 

übergrosse Arbeits- und Sorgenlast ruhte, den Ruf nach 

Posen ablehnte^). In längeren Gesprächen entwickelte er 

aber seinem früheren Schüler seine Ansichten über eine 

Kirchenordnung für die polnischen Gemeinden, übergah 

ihm verschiedene Bücher, die sie als Norm gebrauchen 

sollten, vor allem wohl das Augsburger Bekenntnis, die 

sächsische Kirchenordnung und das Examen Ordinandorum.. 

In einem Palmsonntag, den 20. März datierten Briefe an 

die drei Grafen Gorka*), den er Trepka einhändigte, gab 

er gleichfalls kurz die Richtlinien für eine reformatorische 

Kirchenordnung an und verwies auf die Trepka über- 

gebenen Schriften und die mündlich ihm erteilte Belehrung. 

Am folgenden Tage, dem Montage in der Charwoche,. 

trennte sich Trepka von Verger®), der die folgenden Tage 

^) Noch einmal richtete in den folgenden Monaten ein evan- 
gelischer Magnat unserer Provinz, der allerdings mehr zu den 
böhmischen Bradem sich hielt, Raphael Leszczynski, der Schaler 
Hegendorfs, an Melanchthon die Bitte, nach Polen zu kommen. 
Vergl. Lukaszewicz: Geschichte der Kirchen helv. Bekenntnisses ini 
Kleinpolen, Posen 1853 S. 176. Auch auf der Brüdersynode zu Leipnik 
in Mähren (37. Okt. 1558) machten die kleinpolnischen Abgeordneten 
den Vorschlag, Melanchthon zu berufen. 

^ Der Brief steht ohne Adresse und unter falschem Datum 
im Corpus Reformatorum Bd. IX S. 781. Richtig ediert hat ihn 
K^trzynski in der Altpreussischen Monatsschrift VI S. 273. Auch 
haben ihn die Herausgeber der Briefe des Hosius, Hipler und 
Zakrzewski im Anhange zum zweiten Bande abgedruckt 

•) Da Ch. H. Sixt in seiner Biographie des Vergerius über 
seine Rückreise aus Königsberg nichts zu berichten weiss, ihn 

8« 



il 



Il6 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

noch benutzte, um freilich vergebens eine Verständi- zh 

gung zwischen Melanchthon und Flacius herbeizuführen, ^| 

xmd reiste nach Posen ziulick. Nachdem er an die : ; 

Grafen Gorka Melanchtons Aufträge ausgerichtet hatte, ir? 

eilte er nach Scharfenort zu Stanislaus Ostrorog und 5 

von dort nach Königsberg, um endlich dem Rufe Herzog i 

Albrechts Folge zu leisten^). In der zweiten Hälfte des l-j 

Monats April und im Mai erfolgte der Druck des zweiten i^ 

Bandes der Postille des Orsatius sowie der von Trepka irj 

selbst verfassten Streitschrift gegen die römische Kirche. r? 
^n^sht tpt fhtb I xüix%io poqqteh sbtOD bo|e | a htora | xzft 
nego poioaptosc j ttj| t^nt xoko \ fiapte|adj (Sijjcodf 

i$XDxtiJjöi I 9 con I cxlxa^ h^txitc mamij \ xitcftf \ tgäj qafotD* :: 

baqopotr I ;ebnr | Si^sfteflpr^batt | poc|etijDoktorotDfiofctoia :. 

u I ;boru bofego | ob poqqtku | sxoxata \ asfbo ttfdj \ qasoto -j 

(Bücher, woher das Wort Gottes seinen Anfang nahm -. 

und welches sein Wert ist, auch was wir von den Päpsten, > 
heiligen Vätern und Conzilien halten sollen, Dinge, die dieser . 

Zeit not tun. Auch ist eine Aufzählung von Doktoren der •, 

Kirche und Gemeinde Gottes von Anfang der Welt bis heute v 

hinzugefügt.) Gedruckt in Quart, alphabetische Paginierung . 

bis Xiiij; hinten Ba rofkqamm a | ttaklobem 3tQ0. Dtlesct .,, 
Jixoit I da JOniljkiBgo ®(lap^ Ärepka prjelofti | A 3cm 
CattbmantJtct»nal lüÄroletDCuPrufkttn bttta nx]. ÄotfuMDLVII. 

{Auf Befehl und Kosten Sr. Gnaden des preussischen ^ 
Fürsten herausgegeben von Ostaphus Trepka, gedruckt 
bei Daubmann in Königsberg am 22. Mai 1557). Das ^ 

Buch ist „dem edlen und hochmächtigen Herrn Lukas ^| 
von Gorka" gewidmet. Ende Juni kehrte Trepka nach 

Posen zurück. Seine Schrift, von der er viele hundert I, 
Exemplare verkaufte, eins dem Bischof Hosius über- 
Seite 419 auch schon Mitte Januar in Stuttgart eintreffen lässt, auch 

Schott und Kausler: „Briefwechsel Herzog Christophs mit Verger" 1 

das Datum seiner Rückkehr nicht kennen, bemerke ich, dass Verger ^ 
am 18. oder 19. April in Stuttgart eingetroffen sein muss; am letzteren 

Tage überreichte er nämlich dem Herzofe Christoph die Briefe des j 

Orafen Lukas Gorka und Stanislaus Ostrorog. 1 

1) Der Empfehlungsbrief des Stanislaus Ostrorog für Trepka \ 
anöden Herzog ist Ostrorog (Scharfenort), den 12. April 1557 datiert. 



Enstachins Trepka. II7 

sandte, machte ungeheures Aufsehen in der Stadt wie in 
der ganzen Provinz. Wie der ermländische Bischof am 
21. Juni dem KOnigl. Sekretär Stanislaus Kamkowski 
schreibt^), ist es die Tendenz des Buches nachzuweisen^ 
dass bis zur Reformation die Polen überhaupt keine 
Christen gewesen seien, und seit 600 Jahren die pohlische 
Kirche nur eine Summe äusserlicher leerer Formen ge- 
wesen sei. In der Beweisführung zeigt sich Trepka als 
scharfer Denker von einem reichen dogmengeschichtlichen 
Wissen und als Polemiker deckt er rückhaltlos die Schäden 
auf, an denen das römische Kirchenwesen krankte. 

Nur kurze Zeit währte diesmal sein Posener Auf- 
enthalt; die Ausgabe der polnischen Postille des Corvinus 
erheischte seine Gegenwart in Königsberg *). Dort schreibt 
er am 14. August, an dem Tage, da Chrysostomus aus 
seinem Bistum Constantinopel vertrieben ward und starb,. 
die Vorrede zu dem Buche, das er seinem Gönner „dem 
hochedlen Herrn Stanislaus Ostrorog, Castellan von 
Meseritz," widmete. |)tn0f;a tfesi ^oftxlk \ So upt fiofcmto: 
na <Eptflol9 | S^wxtitgo ^awla | Xtdordtgo ®oruhta io{ttta [ 
hto I la ma b^c pxixtma ho Wtoreif qtm ptfeMtm f 
^x^amx\io I xDti^ ^ofAlit locftmonetr 9 ptitio\omg \ (Erster 
Teil der Postille, nämlich Predigten über die Episteln des 
heiligen Paulus von Antonius Corvinus, welcher dem 
anderen Teil, der vorher aus der Postille des Orsacius ge-^ 
fertigt und ausgelegt ist, hinzugefügt werden soll), ©ru* 
komtmo w firolemcn Prnfhtm pxizs \ 3axia Üavibmatta ISohtt 
|)on0ktcgo | 1557. Fol. CCXI Blätter. 

Im Herbste 1557 wollte Laski, um die Lutheraner 
zu sich herüberzuziehen, in unserer Provinz ein CoUoquiiun 
halten. Schon auf der Versammlung zu Wlodzistaw am 

^) Stanislai Hosii epistolae Xu Nro. 1785. 

^ Der gelehrte Buchdrucker Bernhard Wojewodka schreibt am 
25. Mirz 1547 an Herzog Albrecht, dass er die Übersetzung der 
Postille des Corvinus abgeschlossen habe. Hat nun Trepka eine 
neue Übersetzung geliefert oder die des Wojewodka herausgegeben? 
Leider nennt Wojewodka in seinem Briefe nicht den Vornamen des. 
Corvinus. Sollte er vielleicht ein Buch des Krakauer Prediger» 
W. Corvin Neoforensis übersetzt haben? 



Il8 Lic. Dr. Theodor Wotschkc. 

17. Juni ward es geplant, auf der Synode zu Pinczow -: 

am 16. August weiter erwogen und Goluchow bei Pieschen si 

als Ort der Zusammenkunft in Aussicht genommen; noch Ti 

-von dieser Synode aus schrieb Laski an Stanislaus Ostrorog, i] 

um ihn zu dem CoUoquium einzuladen. Herzog Albrecht i: 

befürchtete eine Schädigung der lutherischen Kirche und 'Ti 

.•suchte die polnischen Magnaten in ihrem Luthertum zu r^ 

-Stärken und an dem Augsburger Bekenntnis fest zu halten. «5 

Trepka ward die Aufgabe, die Mission auszurichten. Am 5 

30. November schreibt er seinem herzoglichen Herrn: :i 

„Mit welcher Sorgfalt ich die Aufträge E. F. G. ausgeführt ^ 

Tind der mir übertragenen Mission nachgekommen bin, 
brauche ich nicht zu erwähnen, da ich hierüber bereits .^ 

E. F. G. Leibarzt Andrea Aurifaber berichtet habe, welcher 2 

zweifellos E. F. G. hiervon in Kenntnis gesetzt haben ^ 

^rd. Die erlauchten und edlen Magnaten, welche der ^^ 

Augsburger Confession zugetan sind, haben mit der ge- ^ 

ziemenden Ehrerbietung E. F. G. Ermahnung gehört und ^ 

ihr zu gehorchen zugesagt. Auch zur Verbreitung und t 

:zum Verkauf der Bücher versprechen sie E. F. G. ihre ^s 

Dienste. Dass Daubmann die Bücher solange in seiner ^ 

Druckerei behält und um ihre Verbreitung sich nicht .^ 

müht, wundert mich sehr. Hier verlangen viele sehn- ^^ 

-Süchtig nach ihnen ; Reussen und das Krakauer Land be- ^ 

gehren Postillen und Katechismen, welche bis jetzt dort- > 

hin noch nicht gelangt sind. < 

Dass ich bis dahin nach Königsberg noch nicht 
zurückgekehrt bin, bitte ich nicht als Nachlässigkeit zu 
erklären, sondern meinem kränklichen Befinden zuzuschrei- 
ben. So sehr hat mich dieses geschwächt und fühle ich 
mich angegriffen, dass ich das Haus nicht verlasse und 
beständig mit Ärzten zu tun habe und Arzneien gebrauche. 
Möge E. F. G. mir aus diesem Grunde Ihr Wohlwollen 
nicht entziehen, sondern Ihre Gnade mir auch fernerhin 
bewahren und mich zu Ihren treuesten und ergebensten 
Dienern zählen. Niemals werde ich die Erwartung E. F. G. 
täuschen, wenn auch vielleicht von Missgünstigen Übles 
über mich berichtet wird; nie werde ich meinen Neidern 



Eustachius Trepka. II9 

in Treue und Aufrichtigkeit gegen E. F. G. nachstehen. 
Sobald ich durch Gottes Gnade wiederhergestellt sein 
werde, werde ich nicht versäumen, zu E. F. G. zu eilen 
und mich der Übersetzung widmen, welche E. F. G be- 
stimmen werden. Eine Übersetzung der heiligen Schrift 
würde E. F. G. den höchsten Ruhm und nicht geringen 
Vorteil bringen; wider Erwarten schnell könnte sie fertig 
gestellt und gedruckt werden, falls ich niu- einen gelehrten 
Mitarbeiter hätte. Aber ich dränge meine Ansicht nicht 
auf, sondern imterwerfe mich dem Urteil und dem Auf- 
trage E. F. G. und der Königsberger Universität Caprinus*) 

1) Ober diesen Posener Magister der freien Künste und Freund 
Trepkas habe ich in der Literatnr nirgends eine Nachricht gefunden, 
es liegt mir aber sein allerdings fast inhaltsloser Briefwechsel mit 
Herzog Albrecht vor. Gewiss ist er wie Gregorius Paulus Lehrer 
an der Pfarrschule von Maria Magdalena oder an dem Lubranski'schen 
Gymnasitmi gewesen, das erst seit 156a eine Stätte der Gegen- 
reformation wurde. Als Trepka Ende März 1558 nach Königsberg 
ging, empfahl Caprinus sich und seine Studien dem Herzog Albrecht 
und bat um eine Unterstützung. Durch Trepka erhielt er (das 
herzogliche Schreiben ist Königsberg, den 22. April datiert) 10 Gulden 
fiberwiesen. Am 8. April des folgenden Jahres sendet er von Posen 
dem Herzog sein polnisch geschriebenes Buch Prognosis, meldet 
ihm seinen Entschluss, seiner Studien wegen nach Italien reisen zu 
vrollen, und bittet um Empfehlungen an fromme und gelehrte 
Männer. Als am 5. Mai Georg Sabinus im Auftrage des Kurfürsten 
von Brandenburg über Posen nach Königsberg reiste, benutzte Caprinus 
die Gelegenheit, eine erneute Bitte an den Herzog zu richten. Am 
27. Mai antwortet ihm dieser, er habe ihm als Reisestipendium 
50 Taler bewilligt, welche er von dem Thomer Kaufmann Bernhard 
Bolmann sich könne auszahlen lassen; Gelehrte der freien Künste 
in Italien aber, denen er ihn empfehlen könne, seien ihm nicht 
bekannt Er möge ihm die nennen, an welche er Empfehlungsbriefe 
haben möchte. Anfang des Jahres 1560 muss Caprinus geklagt 
haben, dass ihm das bewilligte Geld noch nicht ausgezahlt sei; denn 
am a8. Februar drückt ihm Albrecht deshalb sein Bedauern aus, er 
habe an Bolmann eine neue Anweisung geschickt und sende ihm 
zur Reise nach Italien, zur Fortsetzung und Vollendung seiner 
Studien seine Glückwünsche. 

Nachtrag: Nach der Frankfurter Universitätsraatrikel (Publi- 
kationen aus den Staatsarchiven Bd. 32) S. 113 stammte Caprinus 
ans Buk. Er studierte in Krakau, erwarb dort die Magisterwürde 
and wandte sich dann nach Frankfurt a. d. Oder, wo er im Sommer- 



I20 Lic. Dr. Theodor Wotschkc. 



^ 



hatte an £. F. G. seine Prognostika gesandt, an ihrer 
Übergabe zweifelt er nicht und bittet, dass ihm einige 
schon gedruckte Exemplare derselben geschickt werden 
und E. F. G. seine Arbeit gnädig beachten. Der edle 
Herr Stanislaus Ostrorog entbietet E. F. G. seinen freu- ^ 

digsten Gehorsam und verspricht jeden Dienst bei jed- ^ 

weder Gelegenheit und bittet, seiner mit Wohlwollen und ^ 

Güte zu gedenken. In der Förderung der Religion ist "^ 

er eifrig und voll Ausdauer. Die Ermahnungen E. F. G. ^ 

schätzt er hoch und lässt sich nicht von jedem Winde ^ 

der Lehre treiben. Aus der Rentkammer E. F. G. erhalte ^^ 

ich noch die Hälfte meiner Besoldung, nämlich loo Mark. ^ 

Ich bitte inständig, sie meinem Diener, den ich sende, ^ 

aushändigen zu lassen; durch Arzneikosten und sonstige ^^^ 

Ausgaben von allem entblösst, werde ich es als eine grosse ^ 

Wohltat betrachten. Gott, den ewigen Vater unseres t 

Herrn und Erlösers Jesu Christi, bitte ich von ganzem 
Herzen, dass dies neue Jahr für E. F. G. glücklich imd 
segensreich anbreche und daraus für die Kirchen, die 
Schulen und die grosse Zahl der Armen und Landes- 
vertriebenen, die durch E. F. G. Güte unterhalten werden, 
Segen fliesse. Posen, am Tage des heil. Andreas 1557." 
Tatsächlich ist auch die geplante Synode in Goluchow 
nicht zustande gekommen. Trotz seiner Krankheit hätte 
der unermüdliche und für seine kirchlichen Pläne zu 
jedem Opfer bereite Laski sie wohl abgehalten, wenn 
sie bei der ablehnenden Haltung der Lutheraner — 
Stanislaus Ostrorog unternahm, lun allem zu entgehen, 
eine Badereise — nicht von vornherein aussichtslos er- 3 

schienen wäre. Laski aber erkannte die Bedeutung des * 

Herzogs Albrecht für das grosspolnische Luthertum, dass ' 

er ohne ihn dieses zu sich herüberzuziehen nicht hoffen 
dürfte, und suchte mm ihn für sich imd seine reformierten | 

Anschauungen zu gewinnen. Seinen Plan teilte er den \ 

Semester 1550 immatrikuliert wurde. Estreicher fahrt in seiner Biblio- j 

graphie XIV, 53 von ihm das Buch an: ludicinm astrologicum, 1 

Cracoviae 1542. Laut der Krakau den orj. September 1542 datierten. | 
Vorrede ist es dem Bischof Samuel Maciejowski gewidmet. 



Enstachios Xrepka. lai 

ihm befreundeten Grosspolen mit; mit Raphaei Leszcq^ski 
hatte er in Goluchow am i8. März 1558 imd in den 
folgenden Tagen eine . persönliche Besprechung und über- 
gab ihm die Bekenntnisschrift der kleinpolnischen Ge- 
meinden, damit er sie in Grosspolen umlaufen liesse und 
besonders den Lutheranern zur Annahme empfehle. Am 
23. Mflrz berichtet er von Konin ^) aus, wo er bei seinem 
Freunde, dem Pfarrer Stanislaus Lutomirski, seinem 
spateren Schwiegersohne, weilte, Melanchthon von seinem 
Vorhaben und bittet ihn zugleich aufs dringendste, seine 
Arbeit zu unterstützen, besonders an den Meseritzer 
Castellan Stanislaus Ostrorogzu schreiben; denn viel ver- 
m<^e sein Wort bei ihm, und alle Lutheraner^ Polens 
würden jenem Magnaten folgen^). Natürlich war Laskis 
Unternehmen nicht verborgen geblieben, vielleicht auch, dass 
direkt Einladungen zum Königsberger G>lloquium ergangen 
waren, kurz, in denselben Tagen, da Laski von Goluchow 
aufbrach, reiste Trepka in Ostrorogs Auftrag nach 
Preussen^). Über seine Beteiligung am G>lloquium der 
Königsberger Theologen mit Laski am 14. April und 
seiner Mitarbeit an der Responsio Mimstrorum in Ecclesiis 
Prutenicis ad scriptum de coena Domini exbibitum ipsis 



1) VergL: Dalton Lasciana, Berlin 1898 S. 361. 

*) Sie standen anch unter dem Einflnss der in den Sommer- 
monaten 1557 in unserer Provinz allenthalben verbreiteten Schrift 
des Hamburger Eiferers ftU* die genuine lutherische Abendmähls- 
lehre Joachim Westphal : Justa defensio adversus insignia mendacia 
loannis a Lasco, qnae in epistola ad Serenissimnm Poloniae Regem 
contra Saxonicas ecdesias spersit, cuius exemplar» ut aequus lector rei 
vcritatem facilius quam ex antithesi colligere possit, Westphali scripto 
sub fincm adiecimus. Argentorati 1557. 

>) Ob Melanchthon der Bitte nachgekommen sein mag, weiss 
ich nicht Für die Geschichte unserer evangelischen Provinzial- 
kirche ist es tief zu bedauern, dass von dem Briefwechsel Me- 
lanchthons mit Stanislaus Ostrorog noch nichts aufgefunden bezw. 
Terftffcntlicht worden ist Wie wir ans gleichzeitigen Nachrichten 
entnehmen, behandelt er wichtige Fragen der Kirchenordnung und 
unterrichtet Ober die weite Verbreitung des Augsburgischen Be- 
kenntnisses in Polen. 

*) Sein Credenzbrief ist Grfttz, den ax. MArz datiert 



1) Die ungünstige Meinting, die Dalton von allen Gegnern 
Laskis hegt, Iftsst ihn vermuten, dass dessen Lehrschreiben über 
das heilige Abendmahl von den preussischen Theologen unerwidert 
und unwiderlegt geblieben sei. Die Antwort findet sich im Königs- 
berger und Herrnhuter Archiv. 



122 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

a Reverendo et Maghifico viro D. I. a Lasco die XV ^r^ 

Aprilis 1558^) habe ich nichts ermittefai können. Jeden- :^ 

falls war Trepka, als er sieben Tage nach Laski Königsberg ^ j 

verliess, im Besitze dieser responsio. Ausserdem führte ^j 

er mit sich die Antwort, welche der Herzog auf die »ig 

Laskische Denkschrift über die Förderung der Re- ^ 

formation in Polen erteilt hatte. Das überreichte pol- -^ 

nische Bekenntnis, das zur weiteren Prüfung erst an ^i^ 

deutsche Theologen gesandt werden müsse, würde viele j. 

neue Streitigkeiten erregen, könne auch zu dem bevor- ,^ 

stehenden Reichstage noch nicht aus Deutschland zurück ^ 

sein. Das beste und allein richtige sei die Annahme der ,^ 

Augsburger Confession, die von den Päpstlem oft be- J 

stritten, aber noch nie widerlegt sei. Er müsse dies zur 
Vorbedingung weiterer Unterstützungen machen, werde J 

auch nur in diesem Falle seine Theologen nach Posen ;^ 

zum CoUoquium senden, da sonst ihre Beteiligung ganz ^ 

nutzlos wäre. Um des lieben Friedens willen und infolge 
der Hochachtung und Wertschätzung, deren sich trotz ^ 

der Verschiedenheit der religiösen Anschauungen Laski .^ 

beim Herzoge erfreute, wollte dieser anfänglich seine 
zurückweisende Antwort nicht in weitere Kreise dringen 
lassen und befahl seinen Räten, sie geheim zu halten. ^ 

Da kam die Kunde nach Königsberg, Laski habe in 
Danzig das Gerücht verbreitet, er habe mit dem Herzoge 
eine Einigung erzielt und ihn für seine Sakramentslehre 
gewonnen, auch Briefe dieses Inhalts an den Fürsten 
Nikolaus Radziwill und den Krakauer Bm-ggrafen Bonar 
gesandt Zur Berichtigung dieses irreführenden Gerüchts 
liess der Herzog jetzt Trepka ein Exemplar seiner 
Antwort einbändigen, jedoch mit dem Auftrage, sie 
keinem grösseren Kreise zugänglich zu machen. 



Enstachias Trepka. 123 

Trotz des Königsberger Misserfolges gab Laski es 
nicht auf, die grosspolnischen Lutheraner zur Annahme 
seines Bekenntnisses zu bewegen. Vielleicht hoffte er^ 
durch die Überlegenheit seines Geistes die Posener Pre- 
diger leichter zu seiner Ansicht zu bekehren als die 
preussischen Professoren, vielleicht auch dass sein Bekennt- 
nis, welches seit Ende März in unserer Provinz kxuTsierte,. 
manche Zustimmung gefunden hatte. An welchem Tage 
des Mai das Colloquium in Posen gehalten wurde, verraten 
die Quellen nicht; jedenfalls sah Trepka, durch Laskis 
Dialektik in die Enge getrieben sich veranlasst, auf die 
Responsio der preussischen Theologen und Herzog 
Albrechts Antwort auf die Denkschrift zurückzugreifen,. 
seinen Gegner als von den Königsberger Professoren 
widerlegt und von dem Herzoge zurückgewiesen hinzu- 
stellen. In mehreren Exemplaren Hess er die beiden 
Schriften imter den polnisch-evangelischen Magnaten umlau- 
fen. Laski sah sein Unternehmen gescheitert^) und zog 
sich enttäuscht, dazu von seinem alten Leiden gequält^ 
nach Lenschitz zurück. Von hier schrieb er am i. Juni 
an den Herzog und beklagte sich bitter über Trepka 
und sein Vorgehen. In Insterburg erreichte der Brief 
den Fürsten, der darauf am 26. Juni folgendes unwillige 
Schreiben an Trepka sandte: „Der hochwürdige Herr 
Job. a Lasko hat in diesen Tagen an uns geschrieben und 
uns mitgeteilt, dass über 20 Exemplare unserer Antwort 
auf die Denkschrift, welche er uns neulich in Königs- 
berg überreicht hat, in Posen verbreitet seien. Da wir 
niemandem dieses Ortes unsere Antwort übergeben haben 
als dir, so vermuten wir, dass sie von dir ausgegangen sind 
Dass du in dieser Angelegenheit nicht klüger und vor- 
sichtiger gehandelt hast, wimdert uns sehr, zumal wir 
nur unter dieser Bedingung dir ein Exemplar unserer 



1) Vcrgcr berichtet am 5. August von Tübingen aus dem 
Herzog Christoph: Ex Polonia habeo literas nempe ab ipsomet 
(L Stanislao Ostrorogo, qui scribit dominum a Lascho fuisse in 
maiori Polonia et fere nihil obtinuisec, tantum scruisse discordiam. 
Schott und Kausler: Briefwechsel S. 181. 



124 Lic- Dr. Theodor Wotschke. 

Antwort eingehändigt haben, dass sie nicht weit und il 
breit unter die Leute komme. Du wirst dafür sorgen, Ti 
dass unsere Antwort wie die Schrift unserer Theologen ö 
nicht noch anderen in die Hände gelangen." Dieser s 
herzogliche Brief kreuzte sich mit folgendem Berichte « 
des Posener Theologen vom 29. Juni: ^E. F. G. fromme, :: 
kluge und massvolle Antwort, welche Laski bei seinem 3 
Fortgang aus Königsberg erhielt, haben hier alle die §j 
Unsrigen gut geheissen, auch mit grosser Freude gelesen t 
imd ihre Entschlüsse nach derselben gerichtet Ausserdem ^ 
billigen sie die Schrift der Theologen E. F. G., durch x 
welche die Argumente Laskis in der Abendmahlslehre 
glücklich und einfach zurückgewiesen werden. Nichts- ^ 
desto weniger fördert Laski den Zwinglianismus und hat >; 
in unserer Sprache ein Bekenntnis herausgegeben, das ^ 
ganz den Züricher und Genfer Geist atmet Infolgedessen h 
ist grössere Feindschaft, Streit und Zwietracht und Meinungs- ^ 
Verschiedenheit unter unseren Pastoren und Theologen aus- 
gebrochen, der Fortschritt des Evangeliumus wird gehindert, ^ 
grösseren Hass gegen das Evangelium bekunden die - 
Gegner, freuen sich imd verachten uns* *). Und als Trepka ^ 
den herzoglichen Brief erhalten hatte, antwortete er am < 
6. August: »Herr von Laski wagt zu behaupten, dass 
hier mehr als 20 Exemplare der Antwort verbreitet und ] 
unter die Leute gekommen seien, während doch nur die y 
Bekenner der Augsburger Konfession, nämlich die Gorka, ] 
Stanislaus Ostrorog, Kaczkowski^ und einige Diener ; 



1) Weiterhin berichtet er im Briefe von dem Wirken des 
kurbrandenborgischen Gesandten Georg Sabinus nnd des preussischen 
geheimen Agenten Horatius Curio im Interesse der Mitbelehntmg 
Joachims n. mit Prenssen. Vergl. hierzn Paal Karge: ^Kurbrandenbarg 
und Polen. Die pokiiache Nachfolge nnd prenssische Mitbelehnong 
154S— 63*, in den Forschungen zur Brandenbnrgischen und Preossichen 
Geschichte. XI. 8. 103 ff. 

^) Es ist Kaspar Kaczkowski, Andreas Gorkas Feldhauptmann, 
der treue Anhänger der Reformation, der in den Sommermonaten 
1546 in unserer Provinz Hilfstmppen sammelte, um sie den deutschen 
protestantischen FQrsten in ihrem Kampfe wider Karl V. zuzufahren. 
Nach Andreas Gorkas Tode 1551 ward er Vormund der drei jungen 



Enstachius Trepka. 125 

£. F. G. sie gesehen, gelesen und mit grosser Freude 
b^rüsst und die Widerlegung der Sakramentslehre Laskis 
gebilligt haben. Aber veröffentlicht ist sie nicht worden, 
denn ich beachte aufs strengste E. F. G. Aufträge. Ent- 
weder hat Herr von Laski in H3rperbeln gesprochen, oder 
ich habe gegen meinen Auftrag gehandelt; in diesem Falle 
entziehe ich mich keiner Strafe, im anderen bitte ich E. F. G* 
fussfällig, mich nicht ohne Verhör der Unvorsichtigkeit 
und des Vertrauensbruchs schuldig zu erachten. Falls 
meinem Briefe nicht wie dem Laskis Glauben beigemessen 
wird, will ich mich in Königsberg rechtfertigen, wenn 
E. F. G. es befehlen. Wohl wäre es von dem höchsten 
Werte gewesen, E. F. G. Antwort wie auch die Schrift 
der Theologen über das heil. Abendmahl zu veröffentlichen,, 
zumal hier bei uns, da einige von den Anhängern Laskis- 
viele zu überreden suchen, sie hätten E. F. G. als An* 
hänger und Förderer ihrer Ansicht u. s. w.^ 

Der Streit mit Laski hat Trepkas literarischer 
Tätigkeit keinen Eintrag tun können. Schon im Winter 
1557/58 sehen wir einige polemische Schriften des ehe- 
maligen Kapuziner-Generals Bemardino Ochino in seinen 
Händen, und im Sommer ist er mit ihrer Obersetzung und 
Drucklegung beschäftigt Wir sind überrascht, in den 
Händen des Posener Theolc^en die Bücher eines sa 
femwohnenden Mannes zu finden. Die italienischen Ein- 
flüsse beschränkten sich doch auf Kleinpolen und waren in 
Posen wenig zu spüren. Ich vermutete anfänglich, dass 
Trepka auch diese Schriften von den preussischen Theo- 
logen empfangen habe, zumal der Königsberger Hofprediger 
Funk die Obersetzimg einer Predigt Ochinos der Herzogin 

Gntfen und Hess als solcher am 7. Juli 1553 einen Schuldbrief des 
Kurfflrsten von Brandenburg Joachim II. über 45000 Taler in das 
Posener Stadtbuch eintragen. Ihm und seinen beiden Brüdern hat 
Andreas Trzycieski in dem Ruhmeskranze, den er in seiner Elegie 
den evangelischen Geschlechtem Polens geflochten, ein ehrenvolles. 
Blatt gewidmet: 

Atqne adeo iuvenum GORCANA est quisquis in aula, 
Quae semper magnis splendet adaucta bonis, 

Sic et KACKOVn Martis tria fulmina fratres. 



lSi6 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

Anna Maria gewidmet hat. Allein eine andere Erklärung ip 

liegt viel näher. Seit Anfang August 1557 weilte der o 

ehemalige Minoritenprovinzial von Polen und Beicht- 9 

irater der Königin Bona Francesco Lismanino in unserer i: 

Provinz, wo er in Tomice (unfern Buk, Kreis Posen-West) ti 

bei Johann Tomicki eine Zufluchtsstätte gefunden hatte. rs 

Stanislaus Ostrorog bot dem um des Evangeliums willen «a 

Geächteten auf seinen Gütern eine Wohnung an, doch % 

«r zog es vor, in Tomice zu bleiben^). Natürlich ist er ^^ 

aber trotzdem des öfteren mit Stanislaus Ostrorog und ^ 

Trepka zusammengekommen, ja als Trepka Ende März r 
nach Preussen zog, nahm er einen Brief Lismaninos nach 
Königsberg mit, und Ostrorog empfahl ihn der Gunst des 

Herzogs. Lismanino aber stand in enger Verbindung mit ^ 

Ochino. Als er Sommer 1555 in Zürich weilte, hatte er ^ 

ihn näher kennen gelernt, Ochinos „Prediche^ sollen ihn * 

nach einer Nachricht sogar zum endgültigen Bruche mit ^ 

Rom geführt haben ^. Nach seiner Rückkehr nach Polen ^ 
bUeb er im Briefwechsel mit dem hochberühmten Italiener, 
und unter dem a8. November 1555 widmete dieser ihm 
sogar seinen „Dialogo del Purgatorio.* Gewiss wird Trepka 
-durch Lismanino die verschiedensten Schriften Ochinos 

'S 

«erhalten haben; welche unter ihnen konnte aber grösseren 
Eindruck auf ihn machen als die Tragödie oder der Dialog 
von der angemassten Herrschaft des Bischofs zu Rom? 
,,Sie ist**, sagt der Biograph Ochinos, „eine polemische [ 

Schrift gegen das Papsttum, so wuchtig und so in sich ' 

geschlossen, dabei so meisterhaft in der Anlage und so 
vorzüglich in der Ausführung, dass sie den hervor- ' 



1) Vergl. den Brief Joh. Tomickis an Cerwenka, Tomicc, den 
II. September 1557 datiert, bei Gindely: Geschichte der böhmischen 
Brader I, S. 590. 

2) Lismanino, der am ag. Dezember 1556 Georg Israel in Iwa- 
nowice seine Bekehrungsgeschichte erzählte, erwähnt freilich Ochino 
nicht. Die heimliche Lektftre der Schriften Luthers hätte ihm die 
Irrlehren Roms gezeigt, noch klarer habe er sie aus Calvins In- 
stitutionen erkannt, aber erst das Bekenntnis der böhmischen Brüder 
habe ihn aus dem Kloster getrieben. 



i; 



Ettstachius Trepka. 127 

ragendsten Erzeugnissen der deutschen Reformations- 
literatur ebenbürtig zur Seite tritt Der Eingang des 
ersten Gespräches ist dramatisch grossartig und erinnert 
an Hiob und Faust Lucifer hat seine lieben treuen 
BrQder in der HMle versanunelt Obwohl ich weiss, redet 
er sie an, dass eure Arbeit in der Welt schwierig und 
wichtig ist, so habe ich euch doch hierher berufen, um 
euch eine bedeutungsvolle Mitteilung zu machen. Ihr 
wissty wie Gott, unser Feind, es uns munöglich zu machen 
sucht, die Menschen zu beherrschen; ihr wisst, dass er 
sogar seinen Sohn in die Welt gesandt, um unser Reich 
zu zerstören. So will ich denn auch meinen Sohn in die 
Welt senden, auf dass die Menschen mit List bezwungen 
werden. Er soll ein neues Reich errichten, ein Reich des 
Aberglaubens und des Götzendienstes, des Irrtums und 
der Falschheit, kurz ein Reich, in welchem alle Schlechtig- 
keiten geschehen, — und doch sollen die Christen glauben, 
dass es ein geistliches Reich sei, heilig und gut^ ^). 

Der Druck dieser scharf polemischen Schrift brauchte 
nicht mehr in Königsberg zu erfolgen. Der Böhme Au- 
gezdecki, der Seklucyans spätere pohlische Schriften zu 
drucken pflegte und auch, wie wir sahen, Trepkas Über- 
setzung der Christlichen Kinderlehre Juan de Valdes her- 
au^egeben hatte, muss Ende 1556 oder Anfang 1557 
mit seiner vorzüglichen Druckerei Königsberg verlassen 
haben und nach Mähren zurückgezogen sein. Sommer 
1558 druckte er in Prossnitz die Erklärung der Brüder 
gegen Adalbert von Pemstein. Da er aber in den Län- 
dern Kaiser Ferdinands sich nicht sicher fühlte, begab 
er sich noch in demselben Sommer nach Posen, wo ihn 
Lucas Gorka freundlich aufnahm, ihn in seine Dienste 
zog^ und in seinem Schlosse zu Samter seine Druckerei 



1) K. Benrath: Bemardino Ochino von Siena. Leipzig 1876. 
S. 217 ff. 

*) »Typographns mens, quem in arce alai et alo hodie adhuc^ 
schreibt von ihm Lucas Gorka in einem Samter, Pfingsten 1561 da- 
tierten Briefe an den Senior der bömischen Brüder Joh. Cemy, und 



laß Lic. Dr. Theodor Wötschke. 

aufstellen Hess. Als Graf Andreas Gorka seine Hochzeit 
feierte, druckte Augezdecld am 20. Oktober hier das 
Hochzeitsgedicht Die durch ihn veröffentlichte polnische 
Obersetzung Trepkas hat den Titel: fientorbhm Okina 
§ Ami m^ borifo ttcfottego i fomeso« • fminiifmtd |)a- 
pitikief imb wfjgtXkm toiotem keftkdoAMm. CrogeMa 
krotoil|tDibta ttanki ktfesdotbliiet barbp potcftbnti popieshie 
ffdse dkofitfqcti t bsrncri pefno* W iS^oaurtnioflf 1558 in 8®^. 
Gewidmet hat Trepka diese Arbeit dem Hort des Evan- 
geliums In Lithauen, dem edlen Nikolaus Radziwill. 

Noch eine andere Schrift Ochinos hat Trepka im 
Spätsommer 1558 übersetzt, die gleichfalls Nikolaus 
Radziwill gewidmet ist, die aber erst zwei Jahre nach seinem 
Tode 1560 in Pinczow erschien, unter dem Titel Sraiebqor 
M^tg (Tragödie von der Messe). Ich kenne das Buch 
nicht, finde auch unter den Werken Ochinos keine Schrift 
dieses Titels. Vermutlich hat Trepka den zweiten Teil 
der Disputa di M. Bemardino Ochino da Siena intomo 
alla presenza del Corpo di Giesü Christo nel Sacramento 
della Cena, der sechs Abhandlungen gegen die Messe 
enthält, polnisch herausgegeben. Den Sätzen, welche 
Benrath S. 279 als Probe mitteilt^, entspricht ganz der 



Angezdecki nennt in dner dem böhmischen Kanzional vom Jahre 
1561 beigedmckten Zuschrift den Grafen seinen gnädigen Herrn 
nnd Wohltäter, der ihn mit seinen Geholfen nnd seinem Gesinde 
treulich versorgt habe. Wahrscheinlich 1564 nach dem Tode Kaiser 
Ferdinands hat Augezdecki Samter verlassen und ist nach seiner ahen 
Heimat Leitomischl znrflckgekehrt 

^) Bernhard Ochin von Siena, der hochgelehrte und würdige 
Mann: Von der päpstlichen Herrschaft über die ganze christliche 
Welt. Eine interessante Tragödie der christlichen Lehre sehr not- 
wendig, um die päpstliche LOge darzutun und zu zerstören 
Samter 1558. Ich kenne leider nur den Titel dieses Buches, das als 
Unicum in der Krasinskischen Bibliothek zu Warschau sich befindet, 
und vermag deshalb nicht zu sagen, ob und inwieweit Trepka die 
Tragödie, die auf englische Verhältnisse im 7., 8. und 9. Gespräche- 
Bezug nimmt, modifiziert haben mag. 

*) «Kaum ist die Messe aus satanischem Samen und aus dem* 
Schosse der römischen Kirche geboren, so stellt ein Astrolog ihr 



Eostachitts Trepka. 129 

Titel «Sroitb^a JHffe^'^ Wahrscheinlich hat Lelio So- 
zini, der Sommer 1558 von Zürich nach Polen reiste, 
das Manuskript oder Buch der Abhandlung Ochinos 
Lismanino und Trepka überbracht ^). 

Das Auftreten Laslds in Grosspolen und die Zu- 
stimmung, die sein Glaubensbekenntnis selbst bei einem 
Teile der Lutheraner gefunden hatte, zeigte die Notwendig- 
keit eines engeren Zusammenschlusses der einzelnen 
Gemeinden und einer festen Organisierung der lutherischen 
Kirche; vor allem musste endlich auch bezüglich der 
Ceremonien und der Formen des Gottesdienste^ eine 
Ordnung getroffen werden. Man erkannte die Notwendig- 
keit, der Mahnung zu folgen, die Melanchthon im ver- 
gangenen Jahre in seinem Briefe an die Grafen Gorka 
ausgesprochen hatte: „Ich wünschte, dass fromme imd 
einsichtsvolle Männer bezüglich der Ceremonien sich be- 
rieten und nicht anstössige oder lächerliche auswählten, 
in einer und derselben Gegend keine grosse Verschieden- 
heit der Riten herrschen Hessen und über ihre Bedeutung 
das Volk belehrten, damit nicht die Meinung von der 
Heilsnotwendigkeit der Ceremonien fortbestehe.** Am 12. 
und 13. September traten in Posen unter dem Vorsitz des 
Stanislaus Ostrorog viele lutherische Magnaten und (20 



die Nativität. Sie wird mehr einnehmen an Geld und Kostbarkeiten, 
als alle Fürsten der Erde zusammengenommen, und wenn sie nicht 
zahBose Faulenzer zu em&hren hätte, so würde sie bald alle Schätze 
der Erde ansammeln. Sie wird den Ruhm aller andern mensch- 
lichen Einrichtungen verdunkeln, ja selbst den Ruhm des Evan- 
geliums und des Reiches Christi. Aber ihr Ende wird ein jämmer- 
liches sein, und ihr Tod wird mit dem Untergange des ganzen 
Papsttums zusammenfallen." 

1) Ich habe mich hier J. Lukaszewicz angeschlossen, der in 
seiner Geschichte der reformierten Kirchen in Lithauen S. 9 Anm. 9 
die Tragödie von der Messe von Trepka abersetzt und von ihm dem 
Festen Radziwill gewidmet sein lässt Nachträglich finde ich bei 
Jocher: Obraz m, N 9759 den vollständigen Titel des Buches und 
einen Teil der Vorrede abgedruckt Demnach ist die Übersetzung 
von Lismanino herausgegeben und von diesem dem Fürsten 
Radziwill gewidmet. 

Z«itsclirift der Hisl. Ges. fOr die Fror. Posen. Jahr;. XVin. 9 



IJO Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

polnisch sprechende?) Pastoren zu einer Synode zusammen. 
Zuerst ward über ein Glaubensbekenntnis verhandelt. Einige 
Geistliche, vor allem wohl der Meseritzer Petrus Lanzki^) 
und der Kumiker Martin Czechowicz, neigten sich Calvin 
und Laski zu, aber den Beweisgründen der Königsberger 
Theologen gegen die reformierte Abendmahlslehre, mit 
welchen Trepka gegen sie argumentierte, konnten sie sich 
nicht entziehen, und schliesslich ward einstimmig und 
feierlich die Augsburger Konfession als Glaubensbekenntnis 
angenommen. Dann schritt man zur Beratung über eine 
Kirchenordnung. Man erkannte die Notwendigkeit einer 
einheitlichen Form des Gottesdienstes und einer Gleich- 
heit der Ceremonien in den verschiedenen Gemeinden, 
und dass die neue Kirchen-Ordnung zugleich in deutscher 
und polnischer Sprache herausgegeben werden müsste, 
aber zu einer wirklichen Verständigung über einzelne 
Fragen kam es nicht. Da lenkte Trepka das Augenmerk 
der Synode auf die Kirchen-Ordnung, an welcher man 
damals in Preussen arbeitete, und deren Entwurf von den 
Theologen zu Wittenberg, Tübingen und Strassburg 
bereits für christlich, der heiligen Schrift und der Augs- 
burgischen Konfession gemäss erklärt war. Auch von 
dem Segen einer engen Verbindung der grosspolnischen 
Kirche mit der preussischen sprach er. Seine Aus- 
führungen fanden Anklang; man beschloss, die Einführung 
der preussischen Kirchen-Ordnung in Aussicht zu nehmen 
und den Herzog Albrecht um Übersendung besonders 
polnischer Exemplare derselben zu bitten. Nach Be- 



1) Trotz seines Studiums an der lutherischen Universität 
Frankfurt a. d. Oder im Jahre 1542 war Lanzki in Kleinpolen ein 
entschiedener Anhänger Calvins geworden. In Meseritz setzte ihn 
noch der Starost Nicolaus Myskowski neben den beiden lutherisch 
gerichteten Predigern Fechner und Träger zum Stadtpfarrer ein. 
Sein reformiertes Bekenntnis brachte ihn bald in Gegensatz zu 
seiner lutherischen Gemeinde und er sah sich Anfang des Jahres 
1560 veranlasst, sein Amt aufzugeben und durch Stanislaus Ostrorogs 
Vermittlung Johann Caper als seinen Nachfolger einzusetzen. Ver- 
dienste hat sich Lanzki in Meseritz um die Schule erworben. 



Ettstachios Trepka. 131 

endigung der Synode am 14. September schrieb ihr Vor- 
sitzender, am folgenden Tage auch Trepka an den 
Herzog ^), 

Am 6. Oktober schickte er im Auftrage Ostrorogs 
Herzog Albrecht einen Brief des Vergerius aus Tübingen 
und berichtete über eine der Reformation freundliche 
Äusserung des Krakauer Bischofs. Es sollte sein letzter 
Brief sein. Schon im Herbst des vergangenen Jahres war er 
fort und fort kränklich gewesen. Die vielen Reisen scheinen 
seine Kräfte aufgerieben zu haben. Nachdem er einige 
Tage über Schmerzen in der Seite geklagt hatte, machte 
am 17. Oktober ein Schlaganfall seinem tätigen, arbeits- 
reichen Leben ein Ende. Trauernd standen die Witwe 
und fünf unerzogene Kinder an dem Totenbette ihres Er- 
nährers, die evangelischen Bürger Posens an der Bahre 
ihres treuen Pastors. In die Vorbereitungen zur Hoch- 
zeitsfeier des Grafen Andreas Gorka fiel mit der Trauer- 
kunde ein düsterer Schatten. Tief war der Eindruck, den 
sie in der ganzen Stadt machte und den der Brief des 
Niger deutlich wiederspiegelt; auf der einen Seite die 
dumpfe Trauer der evangelischen Gemeinde, die sich 
ihres selbstlosen, hochbegabten Predigers beraubt sah, auf 
der anderen die triumphierende Freude der Gegner, die 
in dem plötzlichen Tode ein Gottesurteil erblickten und 
das Ende der Reformation in Posen herbeigekommen 
wähnten. Am 19. Oktober erhielt Stanislaus Ostrorog in 
Birnbaum die Todesnachricht. Noch an demselben Tage 
schreibt er nach Königsberg und bittet den Herzog um 



^) Hier sei noch mitgeteilt, dass der Protest der preussischen 
Stände gegen die osiandrisch gescholtene Kirchen-Ordnung vom 
Jahre i^ und die kirchlichen Wirren inPreussen die Übertragung 
der Kirchen-Ordnung ins Polnische und ihre Drucklegung verzögerten. 
Erst am 14. August 1560 konnte Herzog Albrecht Stanislaus Ostrorogs 
Bitte erfttllen. Das Buch, das er ihm sandte, trug den Titel: Kptaioa 
oibo poTfßf^ iäoMüxajs toko flQ w JUtftmit yrusktm naucfanfem 9 cere- 
numiamf, 9 iimemi rfeqatnt ktore ku pomnofitxda rj lortjoioanin nr^^bn 
^fnohfitgMtqo, 9 povißf>kn bobre^ü potqebnt {actjotoona fnotou pqeijqami 
9 na ioiof^ nnybmtg» Hoku itar. Pon« M. D. LX. Hinten Dmkoroano tu 
€ioUiDni |)ni0him u lona Danbtnana H. V* ^S^- 

9* 



132 Lic. Dr. Theodor Wotschkc. 

Aufträge, falls er aus dem Nachlass Trepkas etwaige 
Geheimpapiere zurück haben wolle ^), dann eilt er zum 
Begräbnis nach Posen. Gern hätten die Grafen Gorka 
ihren heimgegangenen Lehrer und Seelsorger in ihrer 
Familiengruft im Dom beisetzen lassen; da es nicht 
möglich war, erbat sich Stanislaus Ostrorog den Leichnam, 
und in der Grätzer Pfarrkirche ward er zur letzten Ruhe 
bestattet 

Ob Trepka eine offizielle Stellung an der Spitze 
unserer Kirche gehabt, etwa das Amt eines Seniors der 
grosspolnischen lutherischen Kirche bekleidet hat wie der 
Meseritzer Johann Caper im sechsten Jahrzehnt des Re- 
formationsjahrhunderts, vermag ich nicht zu sagen, jeden- 
falls ist er aber seiner Zeit der einflussreichste und be- 
deutendste, der gelehrteste und kenntnisreichste evan- 
gelische Pastor imserer Provinz gewesen, dem nicht ein- 
mal ein Georg Israel von der böhmischen Brüdergemeinde 
als ebenbürtig zur Seite gestellt werden kann. Nur die 
Gleichgültigkeit unserer Provinzialkirche gegen ihre 
eigene Geschichte hat ihn so ganz der Vergessenheit 
anheimfallen lassen, während er es verdient, als einer 
ihrer Väter gewürdigt zu werden. In ihrem Mangel an 
jeglichem historischen Sinn hat sie die Zeit fast jede 
Spur ihrer ältesten Geschichte verwischen lassen und es 
dadurch verschuldet, dass die vorliegende Biographie von 
allem, was der Verbindung Trepkas mit Königsberg fem 
steht, fast nichts zu berichten weiss. Sein seelsorgerisches 
Wirken in Posen, seine Bemühung um den Aufbau seiner 
Gemeinde, sein Bestreben, durch Synoden die einzelnen 
lutherischen Gemeinden Grosspolens zu sammeln, sein 
Briefwechsel und Gedankenaustausch mit evangelischen 



I 



1) Non sine magno animi dolore 111™»"» Viun Cel°«m certiorem 
facio, pium et emditum virum Eustachium Trepkam diem suum obiisse 

idque repentino. Ut autem eius mors omnibus piis magnum dolorem^ ( 

ita hostibus Evangelii sammam laetitiam et voluptatem attulit. > 

Hoc lll«n*e Vrae Ccini pro meo officio significandum duxi, ut si vcl 1 

literarum et aliarum rcnim 111«*« V»^*« Cel«"« penes ipsum faisset^ I 

repeti curaret etc. \ 



Eastachiud Trepka. I33 

Theologen Deutschlands und Polens wird wohl nie mehr 
näher erschlossen werden können. 

In treuer Fürsorge nahm sich Herzog Albrecht der 
armen Witwe und ihrer Kinder an. Gelegentlich hören 
wir, dass er für sie am 14. Juni 1559 an Stanislaus 
Ostrorog 100 Taler sendet, eine nicht unbeträchtliche 
Summe für jene Zeit. Februar 1560 reist die Witwe in 
Begleitung des Gorkaschen Kanzlers Mathias Poley nach 
Königsberg, um ihren ältesten Sohn Andreas dem Herzog, 
der für seine Erziehung zu sorgen versprochen hatte, zu 
Obergeben. 

Am 25. Juni 1566 bittet Lukas Gorka, Andreas 
Trepka, den Sohn des frommen Eustachius Trepka, seines 
geliebten Herrn und Vaters seligen wohlgeachten Dieners, 
den der Herzog zur Ehre Gottes, zur Tugend und allen 
Sitten bis auf den heutigen Tag habe erziehen lassen, 
nun, nachdem er das Fundament ziemlich begriffen, den 
Edelknaben des Erbherzoges Albrecht Friedrich ein- 
zuordnen, damit er seine Studien fortsetzen könne. 

Schliesslich haben wir noch eines Rechtsstreites zu 
gedenken. Im Auftrage des Herzogs hatte Trepka die 
oben genannten Bücher ins Polnische übertragen und 
hierfür sein Jahrgehalt bezogen. Mit dem Verleger seiner 
Übersetzungen Daubmann war er dann in Geschäfts- 
verbindung getreten, hatte von ihm seine eigenen Schriften 
in mehreren tausend Exemplaren bezogen, an Buchhändler 
in Posen und Polen überhaupt weitergegeben, viele auch 
selbst verkauft und verschenkt. Da Trepka mit der Be- 
gleichung seines Schuldkontos zögerte — er hatte im 
ganzen nur 100 Mark von seinem Jahrgehalt dem Drucker 
aus der herzoglichen Rentkammer zahlen lassen — wandte 
sich dieser an den Herzog, der seit dem Juni 1558 in 
verschiedenen Briefen Trepka mahnt, Daubmann zu be- 
friedigen. Das Geld, welches er noch schulde, schreibt 
dieser darauf am 17. September, würden die Buchhändler, 
die von ihm Schriften bezogen hätten, zahlen. Über dem 
Streit ist er dann gestorben. Sobald Daubmann von 
Königsberg sich losreissen konnte, Ende November, reiste 



134 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

er nach Posen, Krakau, Tamow iL s. w., teils um selbst 
Bücher zu verkaufen, teils um von den dortigen Buch- 
händlern das Geld für die Schriften, die sie durch Trepka 
bezogen hatten, einzukassieren. Letzteres glückte ihm trotz 
der Empfehlungsbriefe, die er vom Herzog an Lukas Gk>rka, 
den Kastellan von Krakau Johann Tamowski und Polens 
Grosskanzler empfangen hatte, nicht an allen Orten. Er ver- 
langte deshalb von der Witwe die Begleichung der Schuld. 
In ihrer Ratlosigkeit wandte diese sich an den Herzog. 
Dieser setzte, als sie Februar 1560 nach Königsberg ge- 
kommen war, eine Kommission ein, der die Räte Wenzel 
Schack imd Balthasar Gans präsidierten, in der ein Eustachius 
Libas und der KOnigsberger Stadtsekretär Barthel Richau 
das Interesse Daubmanns, der pokiische Prediger Johann 
Seklucyan und ein nicht näher genannter Verwandter 
Trepkas das Interesse der Frau Anna vertraten. %Ihre 
Arbeit war aber vergebens, da die Witwe es bezweifelte, 
dass ihr Mann wirklich soviel Bücher bezogen habe und 
einen sicheren Beweis für die Schuld, die Daubmann auf 
273 Mark berechnete, verlangte. Es war nicht leicht, diesen 
Beweis zu erbringen, da der Diener des Druckers, dem 
der Transport der Bücher nach Posen anvertraut war, 
Königsberg verlassen und nach dem fernen Hof im heu- 
tigen Bayern übergesiedelt war. Der unermüdlich tätige' 
Daubmann liess aber durch den Rat dieser Stadt seinen 
früheren Gehilfen eidlich vernehmen imd überreichte die 
eidliche beglaubigte Aussage dem Posener Magistrate. 
Albrecht selbst verwandte sich am 20. Oktober 1562 in 
einer Fürsprache für seinen Drucker bei Lukas Gorka 
und dem Posener Rate; letzterem schrieb er, dass sein 
Untertan bereit wäre, die etwa noch nicht verkauften 
Bücher, „vio sie zu ihren vorigen Würden und wieder zu 
verhandeln tüchtig sein würden", zurückzunehmen. Da 
starb auch Frau Anna. Die letzte Nachricht über den 
Streit ist ein Brief des Herzogs vom 7. Januar 1564 an 
den Posener Rat, die Erben Trepkas endlich zur Zahlung 
der erwiesenen Schuld an Daubmann veranlassen zu 
wollen. 



Enstachios Trepka. 135 

Beilagen: 
I. Eustachius Trepka — Alberto seniori duci Prussiae. 

niustrissiroe princeps et domine domine longe cle- 
mendssime. Deditissimum obsequium V^* 111."»*« Cel> 
defero. Petimt nostrae ecclesiae a V™ Ill°»* Cel^* libellos 
polonicos reformationis et caeremoniarum, quibus utuntur 
ecclesiae dicionis V™* Hl"»* Cel"». Volunt enim omnia 
sua ad eorum exempla et praescriptum attemperare. 
Quare rogo, ne haec ipsis denegentur, sed per hunc vere- 
darium, quem illustrissimus dominus Ostrorog isthuc 
mittit, suppeditentur. — Erant hie aliquot ministri, qui in 
sententiam Calvini et Lascanam in causa sacramentaria 
propendebant, sed gratia deo scripto theologonun V™* 
Ill~* CeV^*j quo Lascana argumenta refelluntur, revocati 
et confirmati sunt — Debentur mihi ex thesauro V™« 
lU"^ Cel°^» reliquiae stipendii, hoc est, quinquaginta floreni 
pro festo divo Michaeli sacro. Rogo itaque, ut mihi extra- 
dantur et hinc cursori seu alicui, qui certo ad me per- 
feret, committantur, quod V"*" lU"»" Cel°*° confido serio 
esse demandaturam et meae tenuitatis oeconomiaeque 
benignam rationem esse habituram. Daubmanus hactenus 
mihi debitum non solvit neque de eo mecum composuit 
Dominus Deus V™" lUmwn Cel°*" salvam et florentem 
diutissime servet Dat. Posnaniae die 15. Septembris 
anno 1558. Deditissimus servus et beneficiarius Eustachius 
Trepka. 

2. Eustachius Trepka — Alberto seniori principi Prussiae. 

Illustrissime princeps, domine domine clementissime. 
Nolo V'"» Hl»»" Gel"*" longa scriptione obstrepere, tan- 
tum idem ago et flagito, quod per litteras, quas dedi ma- 
gnifici domini Ostrorog veredario, egi, rogoque diligenter 
et obsecro, ut dimidium stipendii mei, quod mihi pro feriis 
Michaeli sacris debetur, huic loanni Czarlinski, illustris 
d. Lucae a Gorca palatini Lencicnensis servitori, detur, 
qui bona fide curabit ad me perferendum. Sanctissimus 
seu satbanicissimus papa, angelus abyssi et rex locu- 




136 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

Stamm, mittit ad comicia nostra camalem cardinalem de 
Pisis, qui prorsus more Davi perturbabit omnia et motus 
aliquos excitabit atque evangelium eiusque professores 
cum toto raso et vecto satellicio (quod in verba papae 
iuravit) opprimere conabitur, sed qui habitat in ooelis irri- 
debit eos et Ahitophelonum consilia dissipabit. Dolendum 
est nostros tantopere dissidere et contra tarn infestos 
hostes dei, imperii et omnium regnorum coniunctis viri- 
bus et consentientibus animis et sententiis seriores non 
agere. Profecto vereor, ne in tanta animorum exacerba- 
tione et dogmatum varietate succumbamus. Dominus 
Deus V^^ ni"**"* Cel°*" ecciesiae salvam et florentem diu 
servet. Dat. Posnaniae 17. Septembris 1558. Deditissimus 
servus Eustachius Trepka. 

Nachtrag I. Illustrissimus dominus Lucas comes 
a Gorca, palatinus Lencicnensis, nunc equis indiget. Quare 
magno beneficio eum affecerit et multum rebus eins 
prospexerit, si eum equo uno aut altero iuverit, quod dili- 
gentissime promerebitur. 

Nachtrag IL Quod responsionem, quam d. a Lasco 
a V^ 111"* Gel"* retulit, et scriptum, quo opiniones eius 
de sacramento refelluntur, non divulgavi, sed tantum ea 
legenda quibusdam nostris, praesertim vero illustribus 
d. Gorkanis et Ostrorogis et nonnullis ministris commu- 
nicavi, satis prolixe videor mihi antea ostendisse, si Por- 
phirius litteras reddidit Et Daubmani impudenciam et 
malevolentiam velim retundi, qui cum mihi centum marcas 
debeat, me nescio cuius debiti reum agit Habet hie 
libros accipietque, quando libuerit, pecuniam etiam, quam 
illi debent bibliopolae pro libris, quae non excedit summam 
40 florenorum, me adiutore extorquebit neque unius oboli 
iniuria afficietur, quod ideo iterum atque iterum scribo, 
ne me V*^* Hl*" Cel^° talem existimet, qualem me invidi 
et malevoli apud V™™ ni°**" Gel"*"* pingunt. 

3. Trepkas Witwe an Herzog Albrecht. 
Durchlauchtigster hochgeborener Fürst, gnedigster 
Herr. Ewern F. G. seind mein elendes betrübtes vnd armes 



EosUchins Trepka. 137 

Gebett gegen den Almechtigen vmb E. F. G. langwieriges 
Leben vnd gutte Gesundheitt jn tifster Demut zuvor. 

Gnedigster Fürst vnd Her, jch betrübtes Weib füge 
E. F. G. jn hechstem Elende zu wissen, das E. F. G. 
vnderthänigster Diner vnd mein geliebster Eheman 
Eustachius Trepka den Montag für 2 Ure, welcher gewest 
der 17. Tag des Monats Octobris, nach dem ehr ettliche 
Tage die lingken Seitten geklagtt, doch nicht lagerhaft 
worden, vmb 23 Uhr gantz vnuorgesehens seine Sehle 
Gott aufgegeben vnd durch den leiblichen Tod von dieser 
Weld abgesondertt worden, mich mit fünf kleinen Kindern 
]nn grossem Betrübtnis hinder sich vorlassen. Des Leib 
wir aus Vorsehung seiner G. des Hern Stentzlawen von 
Ostrorogk vnd auch jrer G. der Grafen von Gorka Be- 
willigung, nachdem die Feinde Christi jme alhier zu 
Posen keine Stelle vergönnen wollen, zu Grätz zur 
Erden bestatten lassen. Da aber nicht mir betrübten 
alleine, sonder viell hoen Personen der Cron woll wissend 
mein geliebster Eheman seliger, für den auch E. F. G 
Gnad vnd Gunst gehabtt, der jch samptt meinen armen 
Kinderlin mit genossen, so gelangtt ahn E. F. G. nach- 
mals meine demuttigste Bitte, E. F. G. geruhen mich be- 
trübtes Weib vnd meine arme Kinderlin jnn fürstlichen 
Gnaden zu ehrhalten vnd vnsser gnedigster Fürst vnd 
Herr zu sein vnd zuuorbleiben, dafür werden E. F. G. 
Belonung von Gott empfahen, jch aber sampt meinen 
Kinderlin wollen die Zeitt vnseres Lebens vmb E. F. G. 
langwirige Gesundheitt vnd glügkliches Regiment den 
Almechtigen zu bitten nicht vnderlassen, jn welcher 
E. E. G. Gnad vnd Gunst jch mich vnd sie ehrgebe 
Dat. Posen, den 21. tag des Monats Octobris Anno 1558. 
Ewer F. G. vnderthenigste Dinerin Anna, Eustachii Trepka 
arme vorlassene Widfraw. 



4, Der Arzt Stanislaus Niger an Herzog Albrecht. 

Post subiectissimam servitiorum commendationem 
incolumitatem et foelicia omnia. 



138 Lic. Dn Theodor Wotschkc. 

lUustrissime ac prudentissime princeps. Trepciu$ 
ille pius ac optimus ecclesiae minister puriorisque eius 
doctrinae interpres ex hac misera et fragili vita ad im- 
mortalem illam et aetemam hora vigesima tertia die decima 
septima mensis huius concessit, cuius mors praematura et 
inopina adeo hie pios omnes percelluit, ut prae stupore 
vix tandem ad se multi redierint et sese recollegerint 
admirati scilicet in tarn hominem temperatum, sobrium, 
pacatum et modestum tam atrox genus morbi citra ullam 
procathorticam causam recidisse. Non sine igitur singulare 
divino iudicio hoc ipsimi evenisse autumant, sed utrimque 
tandem sal, ego arcanum hac in re dei iudicium non 
scrutabor, naturales autem mortis huius causas et si 
pressius ex animo circumspicio, nondum tamen mihi 
opinanti satisfacio, praecipue cum praesens utpote tum 
illustris domini ab Ostrorog negotiis agendis Posnania 
evocatus non adfuerim. Sentio tamen primum ab 
imXr]ipla prostratum, tandem inonXr^ijLa necatmn esse, qui 
morbi, cum raro modestis accidant hominibus, sentire et opi- 
nari cum multis cogor fatis Trepcium fidissimum servitorem 
nobis ereptum esse. Luget igitur tota ecclesia, quod 
tam diligenti et docto ministro orbata sit, non quod desperet 
defuturos sibi operarios, sed tamen cimi videat, hie tepere 
multos in promovenda doctrina Christi, dolet ereptum sibi 
virum, qui in sola Christi causa ferendus erat, cum in 
aliis friguisse videretur. Dolent illustres comites a Gorca,. 
scribam ademptum sibi, qui expediendarum litterarum ad 
cuiusvis statum et condicionem hominum admirandus 
artifex habebatur. Quanto cum dolore concutiatur dominus 
meus ab Ostrorog ex litteris, quas meis adiunctas Tuae 
111"*« Cel"^ mitto, facile cognoscet Sed cum haec rerum 
humanarum sit conditio, ut nihil stabile ac firmum hie 
nobis polliceri possimus, ferendum alioqui, quod divinitus 
nobis accidit. Quia tamen ego non ignoraverim, apud 
Tuam 111»™ Cel°*" Trepcium magni factum fuisse, non 
dubito hanc officiosam animi mei erga te voluntatem 
Tuam lU»" Cel***" boni consulturam esse, qua Uli mortem 
illius viri praematuram et subitam (intra enim unius horae 



Enstachins Trepka. 139 

spatium interiit) aperio, cuius Celsitudini me dedo et 
subido. Dat Posnaniae, 21. Octobris anno a nato 
Christo 1558. V^^ Ill°^* Gel«»* deditissimus S. N. doctor 
medicus. 

Das Siegel des Briefes zeigt im Wappenschild einen 
Schwan, darüber die Buchstaben S. N. 

Beilage: In tanto animi mei maerore vel potius stupore 
debitus eram uxoris Trepcii meminisse, quae, cum 
luctuosissima mulier sit, inops omnino omnium est Precatur 
itaque, ne V'* 111*» Cel^ se deserat, sed omnino in tutelam 
et patrocinium suscipere dignaretur suum. Reliquit ille 
iberos parvulos quinque, opes vero nuUas. Quia autem credit 
V«m nimam Cel*" non mutaturam suam erga olim fida 
servitia Trepcii benevolentiam, ideo sese et liberos suos 
iUi humillime et devotissime sub tutelam commendat 



5. Albertus - Stanislao Nigro, Doctori Posnaniensi. 

Salutem ac benevolentiam nostram. Eximie ac praeclare 
nobis dilecte. Accepimus litteras vestras, quibus obitus 
nobilis et pii viri Eustachii Trepca fideliter nobis dilecti 
immaturus commemoratur. Etsi autem casus iste impro- 
visus eius viri, qui ecclesiae Christi, rei publicae, si vita 
suppeditasset, utiliter servire potuisset, non mediocrem 
nobis dolorem attulit, tamen litterae vestrae ideo nobis 
gratae fuerunt, quod totius quasi actus plenam et diligentem 
explicationem etquomorbigenere,uti existimatis, interemptus 
sit, continebant Feramus igitur, quod deo et fatis visum 
est quodque mutari non potest, toleranter Deumque ro- 
gemus, ut eius loco alios operarios in vineum suum ex- 
tendat et non modo huius pii viri manibus sit propicius 
molemque faxit quietem, sed nobis etiam exinde omnibus 
suo cuique tempori foelicem vitae exitum in viva et con- 
stanti fide ad dominum servatorem et mediatorem nostrum 
Jesum Christum clementissime concedat Quod ad relictam 
Trepka viduam pupillosque attinet, habebitur eorum, quoad 
recte fieri poterit, ratio; propter enim mariti ex parvulis 



140 Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

pietatem ac servitia enint nobis commendati. Bene feli- 
citerque valeatis. Dat. Regiomonti VI. Novembris. 

6. An des Trepken nachgelassene Witwe. 

Wir haben euer Schreiben bekommen vnd daraus 
eures lieben Ehegaten tödlichen Abgang, der sich vnver- 
sehens ganz plözlich zugetragen, mitleidlich verstanden. 
Tragen mit euch dieses geschwinden Falles vnd vnzeitigen 
Todts auch gemeiner Christenheit halben ein gnedigs 
Mitleiden. Dann einmahl euer lieber Eheman von dem 
lieben Gott dermassen begnadet gewesen, dass er gemeiner 
Christenheit, wenn ime lenger zu leben vergont, nützlich 
vnd fruchtbarlich hat dienen mögen. Dieweil wir aber auch 
wissen, das aller Menschen Leben vnd Wesen in des 
allmechtigen Gottes Handt stehet vnd das ein jeder, wenn 
inn Gott aus disem vergenglichen Leben vnd Jammerthal 
ruffet, vnvorztiglich fort muss, so zweifeln wir gar nicht, 
das also sein Stündlein kommen sey, darin Gott ihn ab- 
gefordert, der auch seiner Sehlen vnd unser aller, wenn 
wir zu seiner Zeit gefordert werden, gnedig vnd barm- 
herzig zusein geruhe. Souil euer Bitt anlanget, wollen 
wir euch sampt euren Kindern in gnedigem Beuelich zu 
halten nicht nachlassen. Dat. 7. Novembris 1558. 

7. Trepkas Witwe — an Herzog Albrecht. 

Gnedigster Fürst vnd Herr. Demnach E.F.G. nuhemer 
für lengst meines lieben Ehemans Eustachii Trepka todtlichs 
Abgangs berichtet, welcher mich mit funff kleinen Kindern 
hinder sich elend vorlassen, so habe ich in Ehrwegung 
der hoen Gnade, welche gedachter mein Ehemann bei 
E. F. G. zu ider Zeitt miltiglich empfunden, diese Hoffnung 
geschepfet, es werden E. F. G. nach gegen mir vnd seinen 
vorlassenen kleinen vnehrtzogenen Kindern der zu üben 
nicht vnderlassen. Und gelangtt ahn E. F. G. mein 
demuttigste Biette, dieselbe geruhe mein vnd meiner 
armen Kinderlein gnedigster Fürst vnndHerr zu sein vnd 
aus fürstlichen Gnaden mir armen verlassenen gnedigste 



Eostachias Trepka. 141 

Hülfe ires Gefallens betzeigen, damit ich sie zur Ehre 
Gottes, Ehrbarheit vnd Thugend desto mehr vnd volkom- 
lieber zuehrtzien haben mochte. Der liebe Gott, ein. 
milder Vergelder aller Guttathen, wird E. F. G. dasjenige,, 
so dieselbe bei mir armen vnd meinen Kinderlein thunwerden^ 
hier vnd dort reichlich vorgelden, meine Kinderlein aber 
sampt mir wollen für E. F. G. langes Leben vnd allerseits 
glüglichen Zustand den Allmechtigen hertzlich vnd trew* 
Kch zu bitten die Zeitt vnsers Lebens nicht vorgessen. 
In tiefster Demutt bittend mein vnd meiner armen Kinder- 
lein gnedigster Herr zuuorbleiben. Dat. Posenn, den 
29. Aprilis Anno 1559. E. F. G. arme Dienerin Anna 
Eustachii Trepka vorlassene Wittfraw. 

8. An Frau Anna Eustachii Trepka seligen verlassenett 
Witwe zu Posen, den 7. Juni 1559. 
Wir haben euer Schreiben Posen, den 29. Aprilis 
datirt bekommen, Inhalts lesende eingenohmen vnd da- 
raus verstanden, wess ir eures gotseligen Mannes todt* 
liehen Abganges, derhalben irer 5 kleinen vnerzogeneni 
Kinderlein halben, so er hinter ime verlassen, schreiben 
vnd bitten thut Nun ist vnss solch Abgang eures- 
Mannes, wie wir auch deshiebeuor, alsbaldt wir desselben 
abgang erfahren, diu-ch vnser Schreiben berichtet, ganz: 
miüeidich, vnd ist nicht ohne, wir eurem Manne mit allea 
Gnaden zugethan gewesen. Damit ir mm gleichwof 
spuren vnd befunden muget, das wir solche vnsere gnä- 
dige Gewogenheit auch an euren Kindern scheinen zu 
lassen nicht vergessen, seint wir in Gnaden gewilligt, 
euren ehesten Sohn, so fem ir vnss denselben zuschickea 
woltet, an vnseren Hof zunehmen vnd inen mit aller 
Notturfft zu unterhalten, auch zur Ehre Gottes erziehen 
zulassen, vff das er künftig euch vnd den eiu^en trostlich 
und nutzlich sein möge. Wess wir aber itzo euch za 
Gnaden thun» werdet ir von dem Herrn Ostrorogk, der 
vnss eurethalben auch fleissig angelanget, vernehmen*)* 

^) Stanislans Osu-orog hatte Herzog Albrecht im Juni in. 
Königsberg besucht, dei Herzog aber bei Ostrorogs plötzlicher Ab- 



14^ Lic. Dr. Theodor Wotschke. 

9. Witwe Anna — Herzog Albrecht 

Illustrissime princeps et domine domine clemen- 
tissime. Ill"*** V"* Cel"^ pedes manusque summa cum 
reverentia exosculor. 

Quod 111** V** Cel^** tantum clementiae in filium 
meum exserit, gratias dignas agere nunquam possum. 
Sed aetemum patrem domini nostri Jesu Christi arden- 
tibus votis precor, et quoad vixero, precabor, ut 111"** 
V'** Cel°^* filio vicissim eiusmodi tutores et patronos lar- 
giatur, cuiusmodi 111°^*» V*"*" Cel"^" meo orphano filio 
dare dignatus est. Nam ego misera orphana et omnibus 
contumeliis et iniuriis exposita vidua tantum abest, ut 
meis filiis et filiabus considere possim, ut vix misereque 
me ipsam parce et duriter victum quaerendo sustentare 
queam. Hoc tantiun ab 111"* V™ Cel*** demisse et suppli- 
citer contendo, ut Hl"* V™ Cel^^ candidam, praeclaram et 
vere patemam illam suam clementiam ergo filium meum 
conservare dignetur. Ego Deum perpetuis precibus fati- 
gabo, ut Hl«*« V™" Cel°*" una cum filio eiusdem diu 
salvam et superstitem conservet et tueatur. Dat Posna- 
niae Calendis Februarii 1562. 111"** V^**^ Cel**^* manci- 
pium Anna vidua, olim uxor Trepcae. 

Das Siegel an den Briefen Trepkas und seiner 
Gattin zeigt eine Streitaxt im Wappenschilde und da- 
rüber die Buchstaben E T. 

IG. Albertus — Lucae comiti a Gorka. 20. Oktober 1562. 

Joannes Daubman typographus noster exhibito 
supplici libello nunc et antea quoque aliquoties subiec- 
tissime nobis exposuit, Eustachii Trepka, civis Posna- 
niensis, relictam viduam pro libris in Polonica et aliis 
etiam Unguis scriptis, quos dictus Trepka eo accepti, 
marcas prutenicas 273 debere. Cumque de solutione post 
mariti obitu saepenumero a creditore admonita fuit, pri- 

reisc vergessen, ihm Geld für Trepkas Witwe nach Posen mitzu- 
geben. Am 14. Juni sendet er deshalb einen Eilboten mit 100 Talern 
-dem Grafen nach. 



Ettstachius Trepka. 143 

muin debiti convinci, cum id negaret, voluit. Cum 
antem servitor t3rpographi, per quem libri Uli Posnaniam 
deportati sunt, in civitate Hoff interea temporis conse- 
disset, petiit nos humillime, ut ea de re ad senatum eius 
civitatem, qui testimonium gestae rei ab eo requireret, 
scriberemus, quod nos, cum aequum nobis petere vide- 
retur, denegare ei non potuimus. Habet igitur eius rei 
praefatae senatus evidens testimonium, ut eo debito nisi 
solutione facta nuUa fallacia se liberare vidua possit 
Unicum hoc hac in re restare videtur, ut ad solutionem 
fadendam serio adigatur« quod cum quam primum fieri 
actori multis de causis praesertim vero propter rem fami- 
liärem valde sit necesse, isque literis nostris intercessoriis 
se apud Mag.*™ V™" iuvari obnixe rogaverit Mag*"V*^" 
amanter petimus, ut eum, cum quod iustam causam foveat 
tum etiam quod nos pro eo intercedamus, quo tanto fa- 
cilius id, quod iiu-e sibi debetur, consequeretur, benigne 
sibi commodatum habere et negotium eius apud senatum 
Posnaniensem promovere velit. 

II. Albertus — senatui Posnaniensi VII. Januarii 1564. 

Certiores redditi sumus a praesentium exhibitore ty- 
pographo nostro loanne Daubmanno, quid vos anno su- 
periore ad negotium ipsius, quod habet cum relicta et 
nunc defuncta vidua Eustachii Trepka, responderitis. Cum 
autem responsum id tale fuerit, ut ipse debitum suum 
consequi non potuerit, ideoque qua ratione hoc negotium 
inter dictam viduam et typographum nostrum actum sit, 
perscribendum vobis esse existimamus. Constituti primum 
fuerunt utrimque arbitri, qui causam hanc amicabili tracta- 
tione componerent, consiUarii nostri Wencezlaus Schack 
et Gans secretarii nostri una cum aliis ad illam trans- 
actionem deputatis, nempe cum Bartholomaeo Richaw, 
secretario civitatis nostrae Regiomontanae, et Eustachio 
Libas a parte typographi nostri, Joannes Seclutianus vero 
concionatur polonicus et N., affinis viduae civis Posna- 
niensis, a parte altera. Frustra autem ista tractatio tentata 



144 Lic. Dr. Theodor Wotschkc. 

fuit; ipsa enim vidua dubitans maritum suum tot libros 
accepisse postulavit ab ipso typographo nostro, ut a ser- 
vitore suo, qui istos libros marito suo tradidisset, eiiis rei 
testimoniiim aliqiiod siifficiens afferat, recipitque, qiiidquid 
is suo iuramento eniintiasset se marito Trepka tradidisse, 
id se bona fide soluturam esse. Cum itaque istud ser- 
vitoris sui testimonium non levibus sane impensis (quod 
is multis ab hinc miliaribus consederit) typographo nostra 
fuerit petendiun, solutio tamen non sine magno ipsius 
detrimento longius differtur, idcirco clementer gratioseque 
petimus, velitis haeredibus de iure serio iniungere, ut 
typographo nostro citra longiorem procrastinationem ex: 
sententia testimonii satisfaciant Facturi rem iustitiae 
convenientem et a nobis gratia clementiaque nostra com- 
pensandam. 





Einige Mitteilungen 
über die Pilze unserer Provinz. 

Eine Skizze. 

Von 
Fritz Pfuhl in Posen. 

it ihren geheimnisvollen Fäden umspinnt die 
Sage im Waldesdunkel des Famkrautes rätsel- 
haftes Wesen. Wie unendlich ist die Zahl 
seiner winzigen Samen, aber keine Blüte, der sie doch 
sonst ihre Entstehung verdanken, verrät sich dem Auge 
des Sterbfichen. Doch der Mund des Volkes erzählt dem, 
der es glauben will, dass zur Zeit der Sonnenwende, in 
der Johannisnacht, wenn die Natur strotzt in der Voll- 
kraft ihres Schaffens, dem von Glück begünstigten Men- 
scbenkinde die Blüte sich zeigt, und wer des Augenblicks 
Gunst und Gelegenheit zu ergreifen versteht, erlangt mit 
ihr einen Talisman von nie versiegender Kraft. 

Wohl weiss das elegante Blattgefieder des Farns die 
Sage auf sich zu lenken — das ungeschickte Pflanzen- 
wesen dicht daneben versteht es nicht, obgleich es viel 
mehr dazu berechtigt wäre, denn in welcher Menge 
kommt diese absonderliche Pflanze hier im Walde vor — 
wie reichlich muss sie sich vermehren, und sie zeigt nicht 
einmal den braunen Staub, der die Famwedel unterseits 
bedeckt Es ist das ein Pilz: auf dickem Stiele ein kreis- 
runder Hut Die Zierlichkeit der Form, die Pracht der 
Blüten, womit sonst liebreich sorgend Flora ihre Wesen 
schmückt, suchen wir vergeblich. Die schlechte Behandlung, 
welche diesem Geschlechte der Pflanzen ihre Schutzgöttin 



Zciuchrift der Hist. Ges. fOr die Prov. Posen. Jahrg:- XYIII. 



10 



146 Fritz Pfuhl. 

angedeihen lässt,beeinflusst denn natürlich auch die Priester, 
welche das Heiligtum dieser Göttin zu pflegen und zu ver- 
sehen haben, — auch die Botaniker wollen meist nichts 
mit diesen absonderlichen Gesellen zu tun haben. 

So ganz vernachlässigt sind die Pilze denn aber doch 
nicht, sehen wir sie uns nur mal genauer an. Wie aben- 
teuerlich schon sind diese Pflanzenwesen manchmal gestaltet: 
Proteus selbst scheint an der Wiege dieses Geschlechts 
Gevatter gestanden zu haben. Da sieht die eine Art wie 
eine Keule aus, genau wie ein Hasenohr eine andere, 
wonach sie dann auch benannt ist, der Erdstern liegt mit 
10, mit 20 Strahlen dem Erdboden an, ein Hirschgeweih 
im Kleinen täuscht uns eine andere Form vor, bei jener 
endlich glauben wir ein Gänseei auf dem Waldboden 
liegen zu sehen: wieder ist es ein Pilz! 

Auch eine Art von Blütenflor können die Pilze 
hervorzaubern. Mit leuchtendem Gelb bedeckt der 
schlaffe Trichterling in Scharen den Boden des feuchten 
Waldgrundes im Cybinatale bei Malta, dicht daneben 
stehen einzelne in zartes Rosa gekleidete Pilze, — eine 
Art des Helmlings, — und die vielen hellgrünen Pilze 
geben sich die grösste Mühe, auch den Duft der Blüten 
vorzuzaubem. In Anerkennung dieser freundlichen Absicht 
nennt der Botaniker sie denn auch Clitocybe odora, d. h. 
den duftenden Trichterling; doch schiessen sie dabei nun 
wieder über das Ziel hinaus, denn der Geruch ist zu 
kräftig, etwa an Anis erinnernd, Blütenduft ist so stark 
nicht, weshalb denn ein anderer namengebender Botaniker 
die Art Clitocybe anisata genannt hat Übrigens ist ge- 
rade diese Sorte von Parfüm bei den Pilzen sehr beliebt; 
an den alten Weidenbäumen vor dem Eichwaldtor z. B. 
wachsen wieder andere Anispilze, weisslich gefärbt, von 
klumpiger Gestalt Noch kräftiger jedoch kann das 
duftende Prinzip zum Ausdruck gebracht werden: unter 
dem Namen Musseron wird ein kleiner Pilz mit hom- 
artigem, dunkelbraunem Stiel imd schmutzig-weissem 
Hute auf den Wochenmarkt gebracht und in Mengen 
gekauft, denn die Hausfrauen wenden ihn mit Vorliebe 



Einige Mitteilungen über die Pilze unserer Provinz. 147 

an, um manchen Fleischspeisen und Saucen einen 
kräftigen CJeschmack zu verleihen. Der erinnert sehr 
an denjenigen, welchen die Arten der Blütenpflanze 
„Lauch* wozu Schnittlauch, Knoblauch, die Zwiebel und 
andere kulinarischen Gewächse von erschütterndem 
Dufte gehören, aufweist, und deshalb nennt man den 
Musseron auch Lauchpilz. Doch wissen die Pilze hin- 
sichtlich des Duftes sich auch in sehr dezenten Grenzen 
zu halten. Ein Spaziergang durch das Schillingsglacis 
lässt im Oktober, November robuste Pilze mit grossem, 
kräftigem Hute von schwach röüich-grauer Farbe be- 
merken. Zu dem selbstbewussten, markigen Auftreten 
stimmt denn auch so recht der Gattungsname „Ritterling". 
Dieser Pilz, der übrigens auch auf dem Markte erscheint, 
besitzt einen sehr angenehmen, zarten Duft nach Orangen- 
blüten; andere wieder wollen Veilchen herausriechen und 
haben die Pflanze danach den Veilchen-Ritterling benannt 
Doch die Pilze täuschen nicht nur die Blüten der be- 
vorzugten Kinder der Flora in Duft und Farbe vor. Mehr! 
Wie den Blüten, so dienen auch sie der Vermehrung, sor- 
gen auch sie dafür, dass das bittere Gesetz der Ver- 
gänglichkeit, welches alles Lebende beherrscht, — wenn 
auch nicht aufgehoben — so doch gemildert wird. Sie 
entwickeln Fortpflanzungskörper, und in welcher 
imgeheuren Menge! Bringe man von einem Spazier- 
gange irgend einen Pilz mit nach Hause, lege ihn mit 
der Unterseite seines Hutes auf ein Stück blaues 
Papier, z. B. auf einen Aktendeckel. Nach einigen 
Stunden macht sich mm auf dem blauen Untergrunde 
ein Fleck bemerkbar: weiss oder braun oder rosa, viel- 
leicht auch schwarz oder violett, je nach der Art des 
Pilzes — ein Fleck, der aus einem ausserordentlich feinen 
Pulver besteht. Und wenn nun die UnvoUkommenheit 
des menschlichen Auges durch das Mikroskop ausge- 
glichen wird, so wird durch eine 200- oder 300-fache 
Vergrösserung dieser Staub in ganz winzige Körperchen 
aufgelöst, von kugeliger oder länglicher Gestalt, nur we- 
nige /u lang und breit ^i ist nämlich das Normalmass 



148 Fritz Pfuhl. 

für mikroskopische Messungen. Was dem Geographen 
das km ist, dem Astronomen sein Lichtjahr, d. h. eine 
Strecke von 365 X 24 X 60 X 60 X 300 000 km, nämlich 
der Weg eines Lichtstrahles während eines Jahres, — das 

ist dem Mikroskopiker das fi, d. h. eines Millimeters. 

Sieht man sich nun den Sporenfleck auf dem blauen 
Papier genauer an, so bemerkt man eine eigentümliche 
Figur: grade Linien, welche von der Mitte strahlenförmig 
ausgehen — das Spiegelbild der unteren Fläche des Hutes^ 
an der sich speichenartig gestellte Blätter befinden. Am 
Rande derselben müssen sich also jene Körperchen ab- 
gesondert haben, an ganz feinen Stielchen sassen sie. 
Sporen nennt man diese Fortpflanzungs-Gebilde, nicht 
Samen, weil sie sich nämlich ohne Zutun von Blüten ent- 
wickelt haben, wie ja auch der Farn und der Schachtel- 
halm Sporen entwickeln. Doch wir ahnen nicht, was für 
Kopfzerbrechen dem Botaniker diese Sporenbildung der 
Pilze bereitet hat und noch immer bereitet Überall sonst 
nämlich, wo eine Pflanze Fortpflanzungskörper hervorbringt 
— einige wenige Ausnahmen kommen dabei nicht in Be- 
tracht — da sind es immer zweierlei Gebilde, welche dies 
bewirken, also z. B. der Blütenstaub einerseits, andrer- 
seits die Samenanlagen. Bei den Pilzen nun, welche 
imsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ist derartiges noch 
nicht beobachtet worden, trotz all' der Mühe, welche man 
sich gegeben hat, auch diese Sonderlinge in das allgemein 
gültige Schema hineinzuzwängen : sie sind eben 
„Kryptogamen" in des Wortes eigentlichster Bedeutung. 

Nach der Farbe der Sporen, welche von den Blättern 
abgesondert werden, stellt der Botaniker Gruppen^ 
Gattungen her, ein sehr „künstliches" Merkmal, ein Not- 
behelf zunächst, aber die Wissenschaft hat es auf diesem 
Gebiete eben noch nicht weiter gebracht, für vei*wandt- 
schaftliche Beziehungen triftigere Gründe aufzufinden. 
Jedenfalls jedoch bietet die Sporenfarbe ein ganz prak- 
tisches Hilfsmittel, sich in der Fülle der Formen 
zurechtzufinden. So sondert ein weisses Sporenpulver ab 



Einige Mitteilungen über die Pilze unserer Provinz. 149 

der Ritterling, von dem schon die Rede war, ein solches 
von rosa Farbe der Pflaumenpilz, ein guter Speisepilz, der 
bei uns zwar nicht auf den Markt zu kommen scheint, 
von bräunlich-gelber Farbe ist es bei dem in der Provinz 
so hoch geschätzten Reizker, von violetter beim Cham- 
pignon und von brauner beim Krämpelpilz, der in den 
Wäldern der Provinz in grosser Menge vorkommt, haufen- 
weise auf dem Markte erscheint und trotz seines matschigen, 
schmutzig braunen Aussehens gern gekauft wird; schwarz 
endlich sind die Sporen des Tintenpilzes. Warum gerade 
das Blau von den Pilzsporen vermieden wird, hat die 
Wissenschaft noch nicht ergründet, sie weist uns da nur 
auf entsprechende Fälle in anderen Verwandtschaftskreisen 
hin. Auch unter den so vielen Pflanzen unserer Provinz, 
welche zu den Doldengewächsen und zu den Kreuzblütlern 
gehören, gibt es wohl Arten, welche mit weisser, mit 
gelber, mit rosa und roter Farbe blühen, aber nicht eine 
einzige zeigt eine blaue Blüte. Warum gibt es unter 
den recht zahlreichen einheimischen Veilchenarten solche 
mit weisser, mit gelber, mit blauer und violetter Blüte, 
während das Rot vermieden wird? Und wer gar mal eine 
blaue Lilie finden sollte, den beglückt die Sage mit dem 
höchsten Gute, — Zufriedenheit soll ihm schon auf Erden 
zu teil werden. 

Aber wie konnte nur bei der Aufzählung der Bei- 
spiele für die Sporenfarbe der wohlschmeckenden wohl- 
schmeckendster, der Edelpilz an sich, der Herren- 
pilz, der Steinpilz vergessen werden? Doch sehen wir 
uns den Hut auf seiner unteren Seite an und wir merken, 
er gehört einer andern Verwandtschaftsreihe an, er zeigt 
dort statt der Blätter ganz andere Gebilde, an denen sich 
die bräunlichen Sporen absondern: zarte, dicht gedrängte 
Röhren. Und der Habichtsschwamm, der im Hochsommer 
niemals auf dem Pilzmarkte fehlt, zeigt an jener Stelle 
stumpfe Stacheln, und der Pfefferling, auch Hähnchen, 
auch Eierschwamm genannt, besitzt Falten, an denen sich 
die weissen Sporen absondern. Andere Pilze, welche 
auch geschätzte Vertreter auf den Posener Markt senden, 



150 Fritz Pfuhl. 

verzichten auf den Hut, der gegen Regen und heisse 
Soimenstrahlen für die Nachkommenschaft ein vorzügliches 
Schutzmittel abgibt.' So sondert an zweigartigen Veräste- 
lungen die Sporen der Ziegenbart ab, welcher in sehr 
verschiedenen Formen in der Provinz heimisch ist. Gar 
seltsam aber macht es ein Pilz, welcher z. B. im Walde 
von Krummfliess und auf dem Annaberge häufig ist Die 
Hülle eines weissen länglichen Sackes — der sieht genau 
so aus wie ein Gänseei, und Hexenei wird er genannt — 
reisst auf, und daraus erhebt sich eine etwa 20 cm hohe 
Säule mit einem ganz eigenartigen Kapital, welches im- 
gefähr an orientalische Motive erinnert. Es bedeckt sich 
mit zähem Schleim, in welchem die Sporen eingebettet 
sind. Der grässliche Aasgeruch lockt allerhand Fliegen- 
geschmeiss heran, welches nun die Sporen verbreitet, 
während sonst meist der Wind dieses Geschäft den 
Pilzen leisten muss. Die Boviste, welche auch wie weisse 
Eier auf dem Boden der Kieferwälder z. B. liegen, sondern 
die Sporen in ihrem Innern ab; durch Bersten des 
kugeligen Gebildes treten sie ins Freie. In welch unend- 
licher Menge das der Fall sein muss, lässt der Riesen- 
Bovist ahnen, der die Grösse eines Kürbisses erreicht^ 
imd dessen Inneres gefüllt ist mit diesen winzigen, nur 
4^/2 /* grossen Sporen. Drei Pfund fast wog ein noch 
nicht völlig entwickeltes Exemplar, welches im Kreise 
Schrimm das Licht der Welt erblickt hatte. Wolken von 
Sporen verbreitet es durch die Luft; jedes einzelne 
Stäubchen kann wieder einen Riesen-Bovist hervorbringen, 
tut es aber glücklicher Weise nicht, denn sonst würde 
binnen weniger Jahre die ganze Erdoberfläche aus nichts 
anderem als aus Riesen-Bovisten bestehen. 

Es ist ein das gesamte Reich des Lebens beherrschen- 
des Gesetz: ist die Existenz einer Art irgend wie be- 
droht — einer Art, denn das Einzelwesen spielt im 
Ratschluss der Natur eine gar geringe Rolle, — so ist die 
Vermehrung eine überaus bedeutende. Die Taube, welche 
hoch oben im schützenden Gipfel des Baumes ihr Nest 
anlegt, sichert das Fortbestehen ihrer Art schon durch 



Einige Mitteilungen über die Pilze unserer Provinz. 1^1 

ein Gelege von zwei Eiern; das Rebhuhn aber, dessen 
Nest in der Furche des Feldes so vielen Gefahren aus- 
gesetzt ist, fühlt sich durch jenes Naturgesetz zu einem 
Gelege von einer ganzen Mandel Eier veranlasst. Welche 
Unmenge von Eiern befindet sich im Rogen des Herings, 
des Hechts oder des Karpfens; der Stichling jedoch kommt 
mit viel weniger aus, denn der baut ein Nest zwischen 
Wasserpflanzen und schützt heldenhaft seine Nachkommen- 
schaft selbst gegen den grimmigen Zahn des Hechts. 

Bei den Pilzen nun muss wegen der ungeheueren 
Anzahl von Sporen, welche das Einzelwesen hervorbringt, 
irgendwo ein locus minoris resistentiae gegen das eherne 
Gesetz der Vergänglichkeit vorhanden sein. Wo aber 
befindet sich diese schwache Stelle? Vielleicht schützen 
sie nicht hinreichend ihre Nachkommenschaft, wie der 
Stichling das in so aufopfernder Weise tut? Doch nein 
— da kann der Mangel nicht gesucht werden. Auf der 
Unterseite des Hutes sind die Sporen gegen alle möglichen 
schädlichen Einflüsse der Witterung sicher geborgen. 
Sind die Sporen noch jung, also besonders empfindlich^ 
so ist der Hut wie ein Regenschirm nach unten geklappt, 
und manche Pilze, wie z. B. der Champignon, der schon 
aus kulinarischen Gründen seine Art reichlich fortzu- 
pfanzen hat, verbinden in der Jugend den Rand des Hutes 
noch durch eine Haut, den Schleier, mit dem Stiele. 
Beim Ausbreiten des Hutes reisst dann der Schleier und 
bleibt als „Ring" am Stiele sitzen. Die Trüffel, die in 
der Provinz jedoch nicht heimisch ist, birgt sogar unter 
der Erde ihre Nachkommenschaft, imd ebenso machen 
es manche andere Pilze, welche trotz ihres widerlichen 
Geruches auf die Märkte der Provinz gebracht werden. 

Für den Schutz der Nachkommenschaft ist bei den 
Pilzen also in umsichtiger Weise gesorgt, hier kann der 
locus minoris resistentiae sich nicht befinden, wo aber 
befindet er sich dann ? Nun, Fragen, welche man an die 
Natur richtet, beantwortet man durch Beobachtungen, 
oder wenn die Natur irns die Antwort in widerspenstiger 
Weise vorenthalten will, dann stellt man einen Versuch 



152 Fritz Pfuhl. 

an — hier also mit dem Vermehrungskörper einer Pflanze, 
welche sich hinsichtlich der Menge der Nachkommen- 
schaft in viel engeren Grenzen hält. 

Lassen wir auf feuchter Erde ein Weizenkom keimen : 
aus dem einen Ende entwickelt sich das junge Pflänzchen 
mit seinen Würzelchen und einem grünen Laubblatte. 
Aber der grösste Teil des Weizenkoms wurde dabei (wie 
es scheint) gar nicht in Anspruch genommen. Je weiter 
nun aber die Entwickelung der jungen Pflanze fort- 
schreitet, umso mehr lässt sich jener andere, scheinbar 
überflüssige Teil zusammendrücken — er hat also dem 
jungen Wesen für die ersten, schlimmen Tage des Lebens 
Nahrung geliefert, bis die neue Pflanze selbständig für 
ihr Weiterkommen sorgen kann. Solch einen Nahrungs- 
vorrat, man nennt ihn „Eiweiss" nach dem Nahrungsstoff 
für das werdende Vögelchen, einen solchen Vorrat enthält 
ein jeder Same: Roggen, Hafer, Hanf, Erbse, Bohne, Linse. 
Und die Pilzspore? Nun, bei dieser winzigen Kleinheit 
von vielleicht nur ^/jooo eines Millimeters, wodurch die 
Verbreitung allerdings sehr begünstigt wird, kann ein 
Eiweiss nicht mit auf den Lebensweg gegeben werden. 
Vom ersten Augenblick an muss das Pilzpflänzchen also 
für sich selbst sorgen, und wieviel junge Existenzen 
werden da wohl untergehen. 

Aus diesem Grunde schon ist eine reichliche Ver- 
mehrung erforderlich, erforderlich noch wegen einer 
anderen Absonderlichkeit der Pilze: 

Wenn der Winter im gleichem Tanze der Hören 
wieder dem Frühling weicht, dann kleidet sich Baum und 
Strauch und Kraut in liebliches Grün. Dieses herrliche, 
langersehnte Kleid, mit dem das Zauberwort des Lenzes 
die Erde schmückt, hat aber nicht nur den ästhetischen 
Zweck, des Menschen Herz zu erfreuen, es hat eine gar 
reale Aufgabe zu erfüllen: es muss Rohstoffe für die 
Nalirung der Pflanze aufnehmen und sie bereiten. In 
einem einzigen Laubblatte des Veilchens, der Tulpe, des 
Maiglöckchens befinden sich Millionen kleiner, sehr kleiner 
Körnchen von grüner Farbe; der Physiologe nennt sie 



Einige Mitteilungen Über die Pilze unserer Provinz. 153 

„Chlorophyllkömer**. Die nehmen aus der Luft die Kohlen- 
säure auf, und in geheimnissvoller Weise — das „Wie" 
hat die Wissenschaft noch immer nicht ergründet — be- 
reiten sie daraus den Pflanzen notwendige Nahrung. Die 
Kraft und das Vermögen dazu gibt ihnen das Licht, das 
Licht der allerhaltenden Sonne. 

Und die Pilze? Nun, wie es auch unter den Menschen 
Sonderlinge gibt, denen der Frühling vergeblich winkt, 
vergeblich die hohe Offenbarung der Wiedergeburt 
predigt — so auch die Pilze. Sie hassen das herrliche 
Grün, mit dem die Natur sich jetzt schmückt, und wenn 
sie ja mal versehentlich grüne Töne annehmen, so sind 
diese doch ganz unähnlich denen des Blattgrüns, „freudig 
grün" sind sie nie. Darum auch sind sie verflucht. Der 
Fluch der Natur lastet auf ihnen : niemals dürfen sie sich 
selbständigen Daseins erfreuen, wie die anderen Pflanzen, 
welche aus Wasser, Luft und Erde sich rechtschaffen die 
Nahrung bilden, in Ewigkeit sind sie dazu bestimmt, Kost- 
gänger zu sein bei anderen Lebewesen. Und so ergibt 
sich denn für den Botaniker die Definition für die Pilze : Es 
sind Pflanzen, welche sich i) ohne Entwickelung von 
Blüten durch Sporen vermehren, 2) kein Blattgrün be- 
sitzen, demnach sich von unorganischer Nahrung nicht 
ernähren können, sondern auf lebende oder vermodernde 
Pflanzen oder Tiere angewiesen sind. 

Wie viele Millionen von Sporen trägt der Wind, 
gleichgültig um das Schicksal seiner Schutzbefohlenen, 
auf einen Boden, wo sich keine organischen Stoffe be- 
finden: dort müssen sie zu Grunde gehen. Das Fort- 
bestehen der Art, worauf es der Natur nur anzukommen 
scheint, gegen das Einzelwesen ist sie herzlos, kann also 
nur gesichert werden, wenn die Sporen in unendlicher 
Zahl gebildet werden. 

Wegen dieser Ernährung durch Kostgängerei brauchen 
die Pilze aber auch das Licht nicht, welches den Pflanzen 
mit grünen Teilen die Kraft verleiht, den unorganischen 
Stoff zu bemeistem. Ja sie hassen es und fliehen es: 
unter der Erdoberfläche kriechen die zarten, feinen Fäden 



154 Fritz Pfuhl. 

der Pilzpflanze — Mycel nennt sie die Botanik — umher, 
vermodernde Stoffe aufzxinehmen und in lebende Substanz 
wieder umzusetzen. Sind diese verbraucht, dann ist es 
mit ihrem Dasein hier an dieser Stelle vorbei, sie müssen 
weiterziehen, um neue Nahrung zu finden — fahrendes 
Volk, das wird nicht sehr geachtet Die Fruchtkörper, 
die Sporenträger, d. h. den Teil, den der Mund des 
Volkes „Pilz" nennt, treibt die Pflanze in periodischen 
Zwischenräumen nach oben. Tritt keine Störung ein, 
durch Steine z. B., welche sich in der Erde befinden, 
oder durch Wurzehi, so rückt das Mycel unterirdisch 
in immer weiterem Kreise vor, in Kreisen bringt es 
die Fruchtkörper hervor, welche bald wieder nach Aus- 
streuen der Sporen zu Grunde gehen, den Boden 
düngen und einen üppigen Graswuchs in immer weiteren 
Kreisen veranlassen. Eine sehr auffallende Erscheinung, 
welche seit alters die sagenbildende Volksseele be- 
schäftigt hat: dort führen die Elfen den nächtiichen Reihn — 
und Elfentanzplatz, Feenringe, Hexenringe nennt man 
diese Pilzkreise. Schon manchmal ist darauf hingewiesen, 
wie viel Naturbeobachtung sich in Shakespeares Dramen 
zeigt. Die eben erwähnte aus der Physiologie der Pilze 
hervorgehende Tatsache ist ihm schon bekannt, wie aus fol- 
gender Stelle (Sturm V) hervorgeht. 

Ihr Elfen . . . halbe Zwerge, die ihr 
Bei Mondschein grüne, saure Ringlein macht. 
Wovon das Schaf nicht frisst, die ihr zur Kurzweil 
Die nächtigen Pilze macht . . . 
In unserer Provinz scheinen die Hexenringe selten 
zu sein. In den Waldungen zwischen Marienberg und 
dem Gurkasee wächst solch ein Pilz, der zu diesen 
magischen Spielen Neigung zeigt. Ein Trichterling ist es, 
Clitocybe vibecina sagt die Botanik, bei uns ist er häufig, 
im benachbarten Schlesien scheint er zu fehlen. 

Weil nun bei den Pilzen die eigentliche Pflanze, d. h. 
das Wesen, welches die Ernährung besorgt, sich unter 
der Erde befindet, so können die Sporenträger auch in 
so kurzer Zeit hervorspriessen, wie ja auch beim Kirsch- 



Einige Mitteilungen über die Pilze unserer Provinz. 155 

bäum sich die Blüten, die schon längst vorher angelegt 
sind, so schnell entfalten können. „Wie die Pilze aus der 
Erde wachsen", ist ja zum geflügelten Wort geworden. 

Staimend erzählte mir mal ein bekannter Herr sei» 
Erlebnis, welches ihm in irgend einer kleinen Stadt der 
Provinz auf einer Revisionsreise passiert war. Im Gast* 
hause, wo er abgestiegen, war gerade grosses Scheuerfest 
gewesen, und die Dielen noch etwas feucht. Am andern 
Morgen, er traute seinen Augen kaum, war der Fussboden 
bedeckt mit in geraden Reihen aufmarschierten Pilzen,, 
von der Höhe eines Fingers. Sie waren alle über Nacht 
aus den Ritzen der Dielen hervorgewachsen. Hättea 
übrigens meinem Bekannten seine dienstlichen Pflichten 
nur noch einige Zeit zu weiterer Beobachtung gegönnt, dann, 
hätte er auch wahrnehmen können, von welch' vergänglicher 
Art diese Pilzherrlichkeit ist: wie bald schwindet Schön- 
heit und Gestalt Diese eben noch so stramm dastehenden 
Hüte wären in wenigen Stunden zu schwarzer Tinte zer« 
flössen; die Sporen sind nämlich schwarz. Deshalb 
spielte der Pilz früher als Kulturträger eine Rolle, da man 
ihn zur Herstellung einer Schreibtinte benutzte. Den 
„Haus-Tintenpilz" nennt man diesen Pilz, der sich ia 
den Wohnräumen der Menschen solche überraschenden 
Scherze erlaubt 

Aber nicht nur aus dem Vermodernden nimmt das 
Pilzmycel seine Nahrung, auch das Lebende greift der 
Pilz an, besonders dann, wenn es sich Blossen giebt 
Wie oft schon sind uns beim Besuchen eines Waldes 
an den Baumstämmen in grösserer oder geringerer Höhe 
konsolartige Auswüchse aufgefallen. Es sind dies die 
Sporenträger von Pilzen — Verwandten des Steinpilzes,, 
unterseits wie dieser mit zarten Röhren bekleidet — ,. 
welche die Mycelfäden tief in den Holzkörper hineinschicken. 
Zu Nutz imd Frommen des Waldbaumes dient das natürlich 
nicht, und so mancher kraftstrotzende Stamm, ein Stolz 
des Forstmannes, ist diesem Feinde schon erlegen. Die 
besonders grossen Auswüchse, die im Eichwalde z. B. be- 
obachtet werden können, werden durch den unechten 



156 Fritz Pfuhl. 

Feuerschwamm gebildet. Doch auch der echte Feuer- 
-schwamm, den Linn6 1755 Ochroporus fomentarius ge- 
nannt hat, findet sich ab und zu, z. B. in auffallender 
Menge in den ausgedehnten Waldungen nördlich von 
Radojewo. Der Pilz war früher mal ein Kulturträger 
ersten Ranges. Machte er doch Prometheus die Palme 
streitig; zwar gab er das Feuer den Menschen 
nicht, aber er ermöglichte es ihnen doch, den Funken in 
einer für die damalige Zeit bequemen Weise aufzufangen. 
Das Innere dieses hartrindigen Pilzes besteht aus einem 
weichen, porösen Stoffe, der durch Klopfen erheblich noch 
an Weichheit gewinnt Als Feuerschwamm, Zündschwamm 
oder Zunder wurde er früher in grosser Menge, heute 
nur noch sehr spärlich, in den Handel gebracht — die 
Botanik wird verdrängt durch die Chemie — , er hat dem 
Schwefel und Phosphor weichen müssen. Übrigens heisst 
fomentum nicht nur Zunder, sondern auch Umschlag für 
Wunden, und noch heute wird der Feuerschwamm zum 
'Stillen des Blutes benutzt. 

Es erfordert jedoch nicht erst einen weiten Ausflug 
in einen hochstämmigen Wald, um den Kampf zwischen 
lebender Pflanze und Pilz beobachten zu können. In 
Scharen sitzen da an manchen Bäumen unserer Plätze 
und Promenaden honiggelbe Pilze, welche an ihren Blättern 
weisse Sporen absondern. Besonders im Winter machen 
sie sich bemerkbar: der tut ihnen nichts; wie sie sich 
denn überhaupt des üppigsten Daseins erfreuen, wohl 
infolge der von ihnen befolgten Lebensregel : Fuss warm, 
Kopf kühl. Denn nur den unteren Teil ihres Stieles um- 
hüllen sie mit einem dunkelbraunen Filz, woraufhin ihnen 
denn auch der Botaniker den Namen velutipes „Fuss mit 
Hülle versehen" gegeben hat. Zu deutsch heisst der Pilz 
„Rübling". Mit Recht, denn eine unter günstigen Ver- 
hältnissen sehr bedeutende rübenartige Verlängerung des 
Stieles lässt sich manchmal bis tief in das Innere des 
morschen Baumes verfolgen. 

Femer: Die gelben und braunen und schwarzen 
Flecken auf Blättern, an Stengeln, an Blüten oder Früchten 



Einige Mitteilungen über die Pilze unserer Provinz. 15T 

bei den verschiedensten Pflanzen werden meist durch 
Pilze veranlasst, die sich aus dem lebenden Wesen die 
Nahrung holen, welche sie nicht der Luft entnehmen können^ 
Und somit sind es denn auch trotz ihrer vom Champignon,, 
vom Feuerschwamm, vom Steinpilz so sehr abweichenden 
Gestalt Pilze ; denn sie fügen sich der Definition, sie ver- 
mehren sich durch Sporen, und sind Kostgänger bei 
anderen Lebewesen. Der Flugbrand und der Rost des Ge- 
treides, gefürchtete Krankheiten der Kartoffelpflanze und 
des Weinstocks werden diu*ch Pilzmycel hervorgebracht. 

Aber auch den Herrn der Schöpfung, den Menschen, 
verschonen die Pilze nicht Wie gar manchmal schon ist 
die Unsitte verhängnisvoll geworden, die Ähren von 
Gräsern, von der Gerste z. B., in den Mund zu nehmen.. 
Die scharfen Grannen verletzen die Schleimhaut der 
Lippen, und die Sporen des Strahlenpilzes, „Actinomyces" 
sagt der Botaniker und der Mediziner, können nun in. 
den Körper eindringen, wo sie — zuweilen erst nach 
langen Monaten — fürchterliche Verheerungen durch das 
weithin sich verzweigende Mycel anrichten. Und nun der 
Cholera-, der Typhus-, der Schwindsuchtspilz und das 
andere pathogene Pilzgesindel ! Sind denn das aber auch 
Pilze? Gewiss! Denn auch sie sind der Definition unter- 
worfen : erstens, von Mineralstoffen allein können sie sich 
nicht ernähren imd zweitens, vermehren sie sich nicht 
durch Blüten — , wenn nur zugegeben wird, dass es sich 
dabei um Pflanzen handelt. Da ist wieder solche 
Achillesferse der Wissenschaft: sie ist nicht im Stande, 
zwischen Tier und Pflanze zu unterscheiden und wird in 
manchen Fällen auch nie im Stande sein, eine scharfe 
Grenze zwischen Tierpflanzen und Pflanzentieren zu ziehen. 
So hat Linnes Ausspruch: Natm-a non facit saltus, die Natur 
macht keinen Sprung, auch heute noch Gültigkeit, ja mit noch 
weit mehr Recht als zu der Zeit, wo das Wort entstand. 

Doch nicht nur diese winzigen Pilze, welche im 
Blute der Menschen und Tiere ihr Unwesen treiben, ent- 
wickeln lebengefährdende Gifte, auch die grossen Pilz- 
körper, welche der Volksmund Schwämme nennt, leisten 



158 Fritz Pfuhl. 

<iarin ganz hervorragendes. Nun ja, so hört man oft, 
•das sieht man ihnen doch auch gleich an, die gütige, 
iürsorgliche Natur hat ihnen doch das Kainszeichen 
der Nichtswürdigkeit aufgeprägt: ein Pilz, der so 
grünspanig aussieht, der mit solchem missfarbigen 
Schleim bedeckt ist, das ist gewiss einer der schlimmsten. 
Doch nein, dieser Pilz, welcher im Eichwalde, im Cybina- 
grunde z. B- in Menge vorkommt, ist ein ganz harmloses 
Wesen, ein sehr naher Verwandter des Champignons. 
Aber nicht weit entfernt, unter den Kiefern, macht sich 
ein anderer Pilz sehr auffallend bemerkbar. Er liebt es, 
sich in weiss zu kleiden, weiss der Stiel, weiss der Hut, 
zuweilen auch etwas gelblich oder grünlich, weiss meist 
auch der Ring am Stiel; und wenn man den Hut um- 
dreht, dann lächelt uns auch dort die Farbe der Un- 
schuld mit der grössten Harmlosigkeit entgegen. Und 
<ioch ! es ist das der giftigste Pilz, den unsere Provinz birgt, 
es ist wahrscheinlich der Pilz, der in jedem Jahre seine 
Opfer fordert, und der oft schon das Glück einer Familie 
jäh zerstört hat Gift-Wulstling nennt man ihn; sein 
Stiel bildet nämlich dicht am Erdboden oder innerhalb 
der Erde eine meist sehr auffallende knollige An- 
schwellung. Er ist wohl vielfach mit dem Champignon 
"verwechselt worden; dieser zeigt aber bereits in dem 
jungen Zustande, in welchem der Hut mit dem Stiel 
durch den Schleier verbunden ist, schwach rötliche 
Blätter (ganz kleine Exemplare kommen für die Küche 
nicht in Betracht) später werden sie braunviolet. Es 
wurde eben bemerkt, dass der Gift-Wulstling „wahr- 
scheinlich" die meisten Opfer in unserer Provinz fordert. 
Es ist nämlich ganz überraschend, wie wenig sicher man 
unterrichtet ist über die Art der Pilze, welche den Ver- 
giftungsfall hervorgerufen hat, z. B. schon deshalb, weil 
Pilze kennen nicht Jedermanns Sache ist. Daher kommt 
es denn auch, dass die Pilzbücher bei nicht wenigen 
Arten den so unsichern Zusatz „verdächtig** machen. 

Die Hausfrau aber beherzige: nicht ein 
^silberner Löffel und auch nicht eine Zwiebel 



Einige Mitteilungen über die Pilze unserer Provinz. 159 

welche zusammen mit den Pilzen gekocht werden, 
können das Vorhandensein von Gift verraten. 
Einzig und allein die Kenntnis der Pilze schützt 
vor der Vergiftungsgefahr, und nur die Pilze darf 
die Hausfrau in den Kochtopf bringen lassen, die 
sie kennt 

In der Zeitschrift der naturwissenschaftlichen Abteilimg 
der Deutschen Gesellschaft wurde mal eine kurze Auf- 
zählung der Merkmale für die giftigsten Pilze, welche in 
unserer Provinz Leben und Gesundheit bedrohen, veröffent- 
licht Diese mag an dieser Stelle wiedergegeben werden. 

Man hüte sich vor Pilzen, welche 

A. keinen Hut haben, sondern 

i.^) knollenförmig sind; sie sind schädlich oder übel- 
schmeckend, — 

B. einen Hut haben und 

2. auf der Unterseite des Hutes Röhren mit roter 
Mündimg besitzen; sie sind giftig, — 

C auf der Unterseite des Hutes speichenartig gestellte 
Blätter zeigen und 

3. beim Zerbrechen oder Zerschneiden des Hutes einen 
Milchsaft austreten lassen, der anders als gelbrot 
gefärbt ist, denn unter diesen befinden sich mehrere 
giftige Sorten, — 

4. Blätter haben, die in der Mehrzahl vom Rande 
bis vollständig zum Stiel gehen, von denen also 
mehrere unmittelbar l)enachbarte gleich lang 
sind; das sind die Täublinge oder Reizker, von denen 
mehrere Arten stark giftig sind, — 

5.^ am weissen (zuweilen im oberen Teile schwach 
gelblichen) Stiel eine ringförmige Haut, den Ring, 

^) Der so beliebte Champignon (und einige andere Pilze) 
besitzt im Jugendzustande eine knollenartige Gestalt, da der Hut 
dann noch nicht ausgebreitet, sondern dem Stiel eng angedrückt ist 
Beim Durchbrechen machen sich jedoch die Blätter auf der Unter- 
seite des Hutes schon bemerkbar, und äusserlich ist die Grenze 
zwischen dem Stiel und dem angedrückten Hute zu erkennen. 

*) Einige harmlose Pilzsorten, welche häufig auf den Markt 
gebracht werden, besitzen ebenfalls einen mit einem Ringe ver- 



l6o Fritz Pfuhl. 

tragen und am Hute weisse (zuweilen schwach 

gelbliche) Blätter besitzen, denn diese Pilze sind 

überaus giftig. 

So scheint denn wirklich das Geschlecht der Pilze 
von der Natur mit einem Fluche belastet zu sein, bestimmt 
dazu, das Leben zu bedrohen und zu bekämpfen. Aber 
so scheint es nur; der Fluch verwandelt sich in Segen 
für den, der da sehen kann. Unendlich ist der Segen, 
den die Pilze allem, was da existiert, bringen; wäre doch 
das Leben auf der Erde nicht möglich ohne sie, es 
müsste erlöschen, erstickt würde es unter Haufen von 
Leichen. Das tote und abgestorbene wird durch die 
Pilze wieder hineingezogen in den lebendigen ^Wirbel 
der Metamorphosen, sie bewirken, dass, was irgendwo 
auf der Erde verwest, wieder auferstehen muss. Wo 
der Eskimo mit Schnee sein Renntier tränkt, wo die 
Sonnenstrahlen senkrecht scheinen und das Wasser der 
Cisterne aufzusaugen streben, schaffen die Pilze, die 
grossen und die kleinen, für den Kreislauf in der Natur. 
Verkannt und unterschätzt, verachtet sogar und verab- 
scheut, ein Opfer der äussern Erscheinimg, fühlen sie sich 
getragen durch die Bedeutung ihres Wesens und ihres 
Wertes. Im Besitze uralter Weltweisheit — reicht doch 
ihr Stammbaum viel, viel weiter zurück in der Ahnen- 
reihe der Formen als der der prangenden Rose oder der 
prunkenden Lilie — , haben sie sich zu der philosophischen 
Erkenntnis durchgekämpft: 

Die Tat ist alles, nichts der Ruhm. 

sehenen Stiel: der Schirmling, der Hallimasch und der 
Champignon. Der Stiel des Schirmlings ist jedoch mit grau- 
braunen Schuppen bedeckt (oder doch bräunlich gefärbt), ist also 
nicht weiss, und ebensowenig ist der des Hallimasch weiss gefärbt, 
sondern er zeigt mehr oder weniger eine bräunliche Färbung, wie 
auch seine Blätter nicht rein weiss gefärbt sind. Auch der Champignon 
unterscheidet sich mindestens durch seine Blätter, welche in der 
Jugend schwach rötlich, später mehr oder weniger tief violettbraun 
gefärbt sind, leicht von den unter 5) charakterisierten Giftpilzen. 



Von Arbeiten, welche in früheren Jahrgängen der Zeitschrift der 
Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen veröffentlicht wurden, 
sind folgende auch im Sonder-Abdruck erschienen und durch den Vor- 
stand der Gesellschaft oder die Buchhandlungen zu nachstehenden 
Preisen zu beziehen : 

R. Jonas: Ein Deutsches Handwerkerspiel, nach einer hand- ^^ 
^ schriftlichen Cberlieferung aus dem Kgl. Staats-Archiv zu 

Posen herausgegeben. 53 Seiten, 1885 1,00 

A. Warschauer: Die Chronik der Stadt'schreiber von Posen. 

XLV und 171 Seiten. 1888 5,00 

R. Roepell: J. J. Rousseaus Betrachtungen über die polnische 

Verfas-^ung.* 24 Seiten. 1888 0,80 

E. Hoff mann: Hundertjährige Arbeit auf Gebieten des Wr- 

kcbrswocns i. d. deutschen Ostmark. Mit i Karte. 26 S. 1890. 1,20 
Fr, Schwanz: Die Provinz Posen als Schauplatz des sieben- 

jälirigen Krieges. 52 Seiten. 1890 1,20 

M. Beheim-Sch vvarzbach : Das V. Armeekorps im histo- 
rischen Volksliede des Krieges 187071. 24 Seiten. 1891. 0,50 
R. Roepell: Das hiteiTegnum, Wahl und Krönung von 

Stanislaw August Poniatowski. 173 Seiten. 1892 1,50 

Ph Bloch: Die General-Privilegien der polni-vhen Juden- 
schaft. 120 Seiten. 1892 2,5p 

M. Kirmis: Handbuch der poln. Münzkunde. XI u. 268S. 1892. 6,o<> 
J. LancNber^er: Beitrai-e y.ur Siaii-«tik Pilsens. 30 S. 1803. ^^^ 
William Bar '^tow v. Gurn i her. Ein LchtMisbild. 18S. 1804. j,oo 
A. Warschaut-r: 1 )ic Pu^-ciier CjoId>chmie(ll"annlie Kamyn. 26 

Seiit-n. Mit 6 Tatcln Al)l)ililuimcn. 1894 t.so 

G. Adler: Da-^ g!-<)^>poln. Elcischergcwcrbe vor^oo Jahren. [894. 2,80, 
H. Kiewiiinu: Seidenl)au und Seidcnindu>irie nn Nei/cdistrikt 

von 1773 bis 1805. 1Ö96 ^.50^. 

H. Klein Wächter: Die Inschrift einer Po^ener Messing- 

schü-sel. 16 Seiten. Mit einer Tafel Abbildungen. 1897. i, — 
G. KnoU: Der Feldzuü geaen den polnischen Auf.-^tand im 

Jahre 1794. 126 .Seilten. 1898 3, — 

F. Guradze: Der Bauci* in Pi).-en. I. Theil 1 1772— 1815). 100 

Seiten. 1808 1,50 

J. Kohte: Da< liaucnihaus in der Provinz Po^en -Mit 2 Tafeln 

und 5 AI)I)il'lungcn. 16 S. 180Q i,— 

J. Kvai'ala, D. E. Jablon^ky und (^iros<polcn 154 ■"*>. iQOi. 1,50 
R. P]-ümer>. 'raueburh Adam .Samuel Hanmaiin^. lMai*rer> zu 
I.i-sa i. P. iiher seine Kollekienrei<e <lni*ch Deutschland, 
die Xu-derlaiulr, Eimland und Frankreiih m tlen Jahren 
1 057—165,9. 279 S. J901 3,— 

G. M i n cl e - 1' 9 n e i ^ Kunstpflege in Posen. 80 .S iqoj . . j.20 
G. Pei^er: ('bei- Friedrichs des Gro^.-cn buric-ki--. Helden- 
gedicht „Ea guene c\c> confcdere^. 52 S. 1903. . . 1.20 '< 

Au>^^e|•drnl erMhienen im X'erlage d. Hi-tori>cht:n Gesi llschafi : 
A. \\*ai'-i'h anc!-; Stad.tbuch von i'osen. I. Band: Die nnttel- 

ahcrliche Magi-trat-li^te. 1 )ie iiliesten Protokollbiicher und 

Rrchnimiicn. Posen 1802. Roy. 8". 198 u. 527 S. (I. Wd. 

dei" Son(lci'\-err>ffenlIi«;himL'en) . . 12, — 

O. Knoop: Sauen u. Erzählunaen a. d. Prov. Pf»-en. P(»en 1803 

Roy. 8". ^(y^ S. (II. Bd. der Sonderverülfentli(Mmns:(Mi). 7,00 

gebunden 8,00 
Das Jahr 170.5. Erkunden und Aktenstücke zur Geschichte 

def < )i-L'ani->ation Siidpreussens. Mit 4 Portraits Enter 

der Keiiaktiun von Dr. R. Pi'ümer.--. I'o^en 1895. Roy 8". 

X u. 840 S. (III. Bd. der Sonderverr>ffentlichungen>. . . . 12, — 




H..n.uchdriirlu'ici W. iM'ckrr \- Co.. I'. 




Historischen Gesellschaft 

für die 

Provinz Posen, 

zugleich 

Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für 
den Netzedistrikt zu Bromberg. 



IleraiL^gegeben 

von 

Dr. Rodgero Prümers. 



Achtzehnter Jahrgang. » er d o Zweiter Halbband. 




JIC{(Ü2_ 



\ 



Alle Rechte vorbehalten. 




Friedrichs des Grossen burleskes Heidengedicht 
„La guerre des confederes". 

Von 
G. Peiser. 

?oii jenen Adelsverbindungen, welche durch das 
wundersame Staatsrecht der polnischen Republik 
geradezu legalisiert waren, hat keine so tiefe 
Spuren in der Geschichte Polens und Europas überhaupt 
hinterlassen, wie die Konföderation von Bar. Am 
24. Februar 1768 hatte ein ausserordentlicher Reichstag, 
russischer Gewalt nachgebend, die Gleichstellung der 
polnischen Dissidenten, das heisst der Protestanten, Re- 
formierten und nicht unierten Griechen, mit den römischen 
Katholiken ausgesprochen. Die Männer, die sich fünf 
Tage darauf in dem kleinen podolischen Orte Bar kon- 
föderierten, entfesselten den religiösen Fanatismus zur 
Wiederherstellung der Vorrechte der katholischen Kirche. 
Ihr Endziel aber war die Beseitigung des Königs Stanislaus 
August, der seit 1764 als russischer Vasall in Warschau 
residierte, und die Abschüttelung des russischen Joches 
überhaupt^). In dem jahrelangen Kampfe, der sich nun 
entspann und das unglückliche Land allen Greueln eines 
Guerillakrieges überlieferte, war die öffentliche Meinung 
Europas, soweit sie im Banne der Aufklärung stand, auf 



1) vgl. u. A. Beer: Die erste Teilung Polens. Wien 1873. I 
S. 226 ff. 

Prowe : Polen in den Jahren 1766— 1768. Berlin 1870. S. 56 ff. 
Rulhiere: Historie de l^anarchie de Pologne II S. 304. ff. 

ZciUcfanft der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XVIil. 11 



102 G. Peiser. 

Seite der Russen. Der Wortführer der Partei, Voltaire, 
gab auch hier den Ton an, indem er die Kaiserin 
Katharina als die Vorfechterin religiöser Toleranz feierte 
und die Konföderierten als Narren verhöhnte oder als 
Verbrecher brandmarkte^). Niemand aber hat ein härteres 
Verdammungsürteil über die Konföderierten von Bar aus- 
gesprochen als Friedrich der Grosse, der sie in seinem 
komischen Epos : „La guerre des conf6d6r6s" dem Spotte 
und der Verachtung preisgab. 

Nur einige Vertraute Friedrichs haben zu seinen 
Lebzeiten das Werk kennen gelernt. Am i8. November 
1771 schickte er Voltaire als „Probe" die beiden ersten 
Gesänge. In dem Begleitbriefe^ spricht er sich zugleich 
über die Umstände, unter denen das Werk entstanden 
ist, des Näheren aus. Er habe einen sehr heftigen Gicht- 
anfall gehabt; Hände und Füsse seien ihm wie geknebelt 
gewesen. „Kaum aber hatte ich die Bewegungsfähigkeit 
meiner rechten Hand wiedererlangt, als mir der Gedanke 
kam, Papier zu bekritzeln, nicht um das Publikum und 
Europa, welches seine Augen sehr offen hält, aufzuklären 
und zu unterrichten, sondern um mich zu amüsieren. 
Nicht die Siege Katharinas habe ich besungen^), sondern 
die Torheiten der Konföderierten ; der Scherz passt besser 
für einen Rekonvalescenten als die Herbheit des 
majestätischen Stils. Die Unterwerfung der Moldau, 
Walachei und Tartarei müssen in einem andern Tone 
besungen werden als die Dummheiten eines Potocki, 
Krasinski, Oginski und jener ganzen imbecilen Menge, 
deren Name auf ki endigt" Das Werk sei bereits 



1) Voltaire an Friedrich vom 18. Oktober und 6. Dezember 1771. 
und 15. Februar 1775. (Oeuvres XXIII 229, 233 und 354.) 

Vgl. Janssen: Zur Genesis der ersten Teilung Polens. Frei- 
burg 1865, S. 98. 

Arnold: Geschichte der deutschen Polenliteratur. Halle 1900 

I S. 59. 

2) Oeuvres de Fr. !e Gr. XXm S. 232. 

3) Voltaire hatte die russischen Siege im Türkenkriege in 
mehreren Oden gefeiert. 



fl'lj?^''/*'* 



Friedrichs d. Gr. „La guerre des confdd^rds". 163 



völlig fertig; die fünfwöchentliche Krankheit habe ihm 
Zeit gelassen, ganz gemächlich zu reimen und zu 
verbessern ^). 

Ähnlich äussert er sich in dem Schreiben, mit welchem 
er d'Alembert am 30. November 1771 die beiden ersten 
Gesänge übersandte^. Er rühmt die natürliche Heiterkeit 
der Franzosen, die mit einem Liedchen, einem Bonmot sich 
allen Missmut hinwegzuscherzen wüssten. Er mache es bei 
seinem Gichtleiden ebenso. Kaum sei er seine grossen 
Schmerzen los geworden, so habe er sich über die pol- 
nischen Konföderierten lustig gemacht. Es habe ihn amü- 
siert, sie nach dem Leben zu zeichnen. Beim Lesen bittet 
er d'Alembert zu bedenken, dass es Verse eines Kranken, 
eines Sechzigjährigen seien, und dass sie als Heilmittel 
gegen seine Schmerzen hätten dienen sollen. 

War somit die Absicht des königlichen Autors ur- 
sprünglich nur darauf gerichtet, sich in seinen Schmerzen 
zu zerstreuen, so ist ihm doch später der Gedanke ge- 
kommen, sein Werk auch politisch zu verwerten. 

Im Jahre 1773 übersandte er es dem Grafen Solms, 
seinem Gesandten in Petersburg, mit dem Auftrage, es 
die Kaiserin, den Minister Panin, den Fürsten Repnin und 
andere hervorragende Persönlichkeiten des Petersburger 
Hofes lesen zu lassen. Man kann nicht daran zweifeln, 
dass er damals überhaupt den Gedanken gehabt hat, die 
Schrift dem Publikum zu übergeben. Es waren, wie be- 
stimmt versichert wird, lediglich die Vorstellungen des 
Grafen Solms, welche den König zu dem Entschlüsse ge- 



1) Friedrichs Dichtung hat Vohaire zur Abfassung seines 
Dramas „Les lois de Minos'* angeregt, (s. Voltaires Brief an 
Friedrich vom 8. Dezember 1772. Oeuvres XXIII S. 260.) König 
Teucer ist kein Anderer als Poniatowski ; auch die Grossen in Kreta 
haben das Recht des liberum veto. Als Teucer dem Hohepriester 
eine Kriegsgefangene entreisst, die dieser Jupiter opfern will, kommt 
es zum Konflikt Im Kampfe siegreich, zerstört der König das 
Heiligtum zu Gortyna, wo die Menschenopfer dargebracht werden, 
und erlangt die höchste Gewalt im Lande. 

2) Oeuvres XXIV S. 611. 

11* 



164 G. P eis er. 

bracht haben, von einer Veröffentlichung Abstand zu 
nehmen. Friedrich billigte, wie es heisst, die Gründe 
seines Gesandten, lobte dessen Eifer und liess sich das 
Manuskript zurückschicken. Welcher Art diese Vor- 
stellungen gewesen sind, erhellt aus einem Briefe Friedrichs 
vom 2. März 1775 ^). Er lehnt hier die Aufforderung 
Voltaires, das Werk im Drucke erscheinen zu lassen, mit 
der Begründung ab: „Es ist darin von vielen Personea 
die Rede, die noch leben, imd ich darf imd will niemanden 
verletzen.^ 

An diesem Entschlüsse hat er denn auch für die 
Folgezeit festgehalten. Als eine Abschrift — man sagt: 
durch eine Indiskretion Voltaires — Beaumarchais in die 
Hände fiel, der sie einem Hamburger Buchhändler ver- 
kaufte, hat Friedrich den Druck inhibieren lassen, übrigens 
nicht, ohne dem Buchhändler seine Kosten zu erstatten ^. 
So ist denn das Werk erst nach dem Tode Friedrichs, 
als Supplement zu seinen Oeuvres posthumes, veröffent- 
licht worden®). 

Die Dichtung hat bisher eine eingehende Würdigung^ 
nicht erfahren. Das vernichtende Urteil, das Friedrich 
von Raumer im Jahre 1832 über das Epos gefällt hat*)^ 
— er nennt es weniger komisch als frivol imd eines so 
grossen Geistes, wie Friedrich war, imwürdig — hat 
Johannes Janssen nur eben wiederholt % Auch Arnold ®) 
hat in seinem vortreff heben Werke „Geschichte der 
deutschen Polenliteratur** der Schrift nur eine kurze Be- 
sprechung widmen können. So mag denn der Versuch 



1) Oeuvres XXHI S. 360. 

^) Denina: La Prussc littdraire sous Frtfd^ric IL Berlin 179a 
t. II. S. 80 und 

Denina: Essai sur la vie et le r^gne de Fröd^ric TL, Berlin 1788. 
SS. 341 u. 420. 

8) Auf dieser Edition beruht — da das Manuskript nicht mehr vor- 
handen ist — auch die Ausgabe von 1850: Oeuvres XIV S. 213 — 273. 

*) Raumer. Polens Untergang. Historisches Jahrbuch Bd. m. 
S. 466. 

^) Zur Genesis der ersten Teilung Polens. S. 98 fg. 

«) I S. 62. 



Friedrichs d. Gr. „La guerre des confdd^r^s". 165 

nicht ungerechtfertigt erscheinen, einmal den Gedanken- 
gang des Gedichtes ausführlicher darzulegen, seine 
historischen Angaben auf ihren Wert zu prüfen und wo- 
möglich seine Bedeutung in das rechte Licht zu setzen. 
Wie in seiner schriftstellerischen Tätigkeit über- 
haupt, so folgt Friedrich auch in seinem „Konföderations- 
kriege** den Spuren Voltaires, der seiner Zeit als der 
Meister des komischen Epos galt Schon einmal hatte er 
dies Gebiet betreten. In seinem burlesken Heldengedichte 
das „Palladitun" hatte er die Pucelle nachgeahmt. Das 
Werk, das ebenfalls nicht für die Öffentlichkeit bestimmt 
war, behandelte ein Abenteuer seines Vorlesers Darget, 
der im Jahre 1745 an Stelle seines damaligen Herrn, des 
französischen Gesandten Valori, von den Österreichern 
gefangen genommen worden war. Bei seinem zweiten 
Versuche schwebte Friedrich offenbar der Gedanke vor, 
ein Werk im Stile von Voltaires „Guerre civile de 
Gendve" ^) zu verfassen. Mit funkensprühendem Witze 
hat hier der Schlossherr von Femey die Parteikämpfe 
seiner Nachbarn, die Intoleranz der Genfer Prädikanten, 
die Herrschsucht des städtischen Patriziats und eine da- 
durch hervorgerufene Erhebung der unteren Stände ge- 
schildert. Daneben hat er die Schwächen seines alten 
Gegners Jean Jacques Rousseau, insbesondere seinen 
Wankelmut in religiösen Dingen, zur Zielscheibe seines 
rücksichtslosen Spottes gemacht. Friedrichs Werk be- 
gegnet sich mit dem seines Lehrmeisters hauptsächlich 
in der allgemeinen Tendenz, die Unduldsamkeit der 
Priester zu geissein. Doch finden sich auch hie und da 
direkte Anlehnungen, auf die wir an den betreffenden 
Stellen hinweisen werden. Die Leichtigkeit und Anmut, 
mit der Voltaire Vers und Reim behandelt — es sind die 
üblichen sfüssigen Jamben, bei denen die Reime künst- 
lich verschlungen sind — vermag der Nachahmer natür- 
lich nicht zu erreichen. Wie hätte das auch bei einem 



1) Oeuvres compldtes de Voltaire (Garnier fröres) 1877. ^ ^ 

s. 515—552. 



l66 G. Peiscr. 

Werke möglich sein können, das unter solchen Umständen 
verfasst ist! Es gleicht einem leicht gezimmerten Ge- 
bäude, das überall die Spuren der Eile zeigt, in der der 
Baumeister es aufgeführt hat Die Ungleichheit des Stils 
erklärt Friedrich einmal — natürlich mit einer gewissen 
Übertreibung — damit, dass er keinen festen Plan habe^ 
sondern seiner Feder freien Lauf lasse imd niederschreibe^ 
was ihm gerade einfalle ^). 

Schon die Widmungsepistel, die dem Werke voran- 
geht, — sie ist in vierfüssigen Jamben abgefasst — kenn- 
zeichnet den Geist, der in der Dichtung überhaupt herrscht. 

Voltaire hatte einst seinen Mahomet dem Papste 
Benedikt XIV. übersandt, „dem Oberhaupte der wahren 
Religion eine Schrift gegen den Stifter einer falschen und 
barbarischen** und vom Papste, „le bonhomme Lambertini,"^ 
wie er ihn zum Danke nennt, ein heiteres Antwortschreiben 
erhalten. 

Auch Friedrich widmet sein Werk dem regierenden 
Papste. Es war Clemens XIV. aus dem Hause Ganganelli, 
derselbe, der im Jahre 1772 den Jesuitenorden aufge- 
hoben hat Aber im Gegensatze zu Voltaires Widmung, 
die demütig und devot abgefasst ist, war die Friedrichs 
durchaus nicht geeignet, in die Hände des Adressaten zu 
gelangen: „Da ich ja doch als Ketzer ein für alle Mal 
exkommuniziert bin," schreibt er an Voltaire, „habe ich 
den Blitzen des Vatikans Trotz geboten" ^). Die Epistel 
ist die höhnischste Satire, die man sich überhaupt 
denken kann. 

„O Stellvertreter Gottes" (vice Dieu) — redet er 
den Papst an — „heiliger Lotse des Schiffleins, das einst 
Petrus, der glaubenseifrige Apostat, führte, aber noch 
ohne ein Chorhemd zu tragen, ich bringe Dir ein heiliges 
Werk, worin Deine Kirche gut geschildert ist. Mit frommem 
Stifte zeichne ich Deine Hierarchie vom Prälaten mit 
Krummstab und Bischofsmütze bis herab zum niedrigsten 
Priester, ihre Politik, ihre Grundsätze, ihre Scheinheiligkeit,, 

*)p. »44. 

2) 18. November 1771. Oeuvres XXIII S. 232. 



Friedrichs d. Gr. „La gucrre des conf^d^res". 167 

ihren erhabenen Eifer für den Irrtum, für seine Heiligen, 
für Dich." Das Werk, bei dem er keinen andern Ruhm 
als den eines glaubenseifrigen Christen gesucht habe, sei 
so verdienstlich, dass er hoffe, dafür in seiner letzten 
Stunde den gleichen Ablass zu erhalten, wie er beim 
Jubiläum des Papstes gespendet werde ^). „Gib ihn mir, 
ich habe ihn nötig; denn Sanssouci ist weit entfernt von 
Rom/ Die Beichte des Dichters sei in dem Gedichte 
selbst enthalten; wenn der Papst es lese, werde er daraus 
ohne Mühe Friedrichs Sünden kennen lernen. Demütig 
nenne er sie alle; denn er wisse, dass dem Teufel ver- 
fallen sei, wer nicht dem Charon^) sein Glaubensbe- 
kenntnis überreiche. Der Papst werde sich vielleicht 
darüber lustig machen, dass der Dichter hier Charon 
nenne, also Mythologie und Theologie durcheinanderwerfe. 
Aber das könne ihm leicht begegnen; denn sein Gehirn 
sei halb heidnisch, und die Fabel eines Ovid gelte ihm 
ebensoviel wie die eines Apostels. 

An den Stufen des päpstlichen Thrones hingestreckt^) 
wiederhole er seine Bitte um Absolution. Wenn er sie 
erlange, werde er demnächst dem Papste — „in Babylon" 
schiebt er spöttisch ein — den heiligen Sporn küssen. 
„Und nun, meine Verse, marschiert los und zeigt eure 
Karrikatur. Der heilige Vater, der verständig ist, segnet 
eure Schelle und schützt euch vor Verbrennung." 

Mit homerischer Feierlichkeit eröffnet Friedrich nun- 
mehr den ersten Gesang seines Werkes: „Ich will die 
Taten der Krieger besingen, welche Polen bewundert. 
Aber — fährt er fort — diese grossen Helden haben 
oft Disteln statt Lorbeeren gepflückt. Kein Rektor, kein 
Achilles war unter diesen Bastarden der bürgerlichen 



1) Das vorhergehende Jahr war ein solches Jubeljahr gewesen. 

2) s. Guerre civile de Geneve S. 533, wo Rousseau mit Charon, 
Bcinc Freundin mit Megära verglichen wird. 

^ Je me prosteme aux pieds du tröne, oü siege le divin magot 
S. 215. Vgl. Guerre civile de Geneve S. 533, wo Rousseau eben- 
falls als Magot (Ölgötze) verspottet wird. 



l68 G. Peiser. 

Zwietracht. Hochmütig bei ihren Debatten, waren sie 
nicht schwer zu besiegen.* 

Von Stolz trunken, von Fanatismus verblendet, hätten 
die Palatine den Bürgerkrieg heraufbeschworen, der den 
Untergang Polens angekündigt habe. „Möge jedes auf- 
geklärte Volk*, mahnt er, „daraus lernen, die polnischen 
Possen und die Zwietracht zu verachten!* 

Wie Homer die Muse, so ruft Friedrich nun die 
Göttin der Torheit an, ihn zum Gesänge zu begeistern. 
„Du stiftest Narren und Toren zu Dummheiten an, ver- 
schönerst die Geschichte und lieferst uns dadurch Stoff 
zu Bonmots. Lass die Schellen deiner Narrenkappe er- 
klingen und erzähle mir, wie du die Köpfe der polnischen 
Magnaten verwirren konntest! Man sagt freilich, ich 
glaube aus Bosheit, dass die Arbeit schon vorher getan 
war, und dass du dabei nicht soviel Mühe hattest Der 
Boden war für deine Saat so geeignet, dass alles, was 
du damals sätest, herrlich aufging. Höret nun, wie die 
Verwirrung begann!* 

Nach dieser Einleitung beginnt die eigentliche Dar- 
stellung. Sie nimmt ihren Ausgangspunkt vom Tode 
König Augusts IIL von Polen am 5. Oktober 1763. Welchen 
Stoff für Friedrichs Satire bot dieser König, seine geistlose 
Schönheit, seine Unzertrennlichkeit von seiner Frau, die man 
als die hässlichste Fürstin ihres Jahrhunderts bezeichnete^) ! 
Der Dichter führt sogar Augusts III. Tod auf diese blinde 
Ergebenheit zurück. „Dieser vortreffliche König*, sagt 
er, „der niemals einen Gedanken gehabt hat, ging in die 
dunkle Nacht, um dort seine Gemahlin wiederzufinden, die 
ihm im Tode vorangegangen war*. Tisiphone nennt Friedrich 
sie mit dem Namen einer der Furien, ihr reizendes Gesicht 
sei der Meduse getreu nachgebildet gewesen. 

Die Verwirrung, die in Polen während des Inter- 
regnums eintrat, wo es von Thronkandidaten wimmelte^, 

1) Rulhi^rc I S. 176. 

2) Roepell : Das Interregnum, Wahl und Krönung von Stanislaus 
August Poniatowski. Jahrgang VI dieser Zeitschrift. S. 255—342 
und VII S. I— 115. 



Friedrichs d. Gr. „La guerre des conf^d6r6s". 169 

wird nun ganz ergötzlich geschildert Offenbar hat 
Friedrich dabei jene Scene aus der Guerre civile de 
Genfeve vorgeschwebt, wo die Genfer Aufrührer sich bei 
der Göttin Inconstance Rat holen. „Um Augusts III. 
Stelle würdig auszufüllen", — erzählt der Dichter — 
,ybrauchen die Polen einen neuen König. Immer eigennützig 
wollen sie in ihrer Habsucht einen Verschwender wählen; 
nicht bloss einen durchlöcherten Korb (wie die Franzosen 
einen solchen nennen), sondern ein wahres Danaidenfass^). 
Eines Morgens erfährt man durch den niederrheinischen 
Courier, den Hornbläser, der der Fama als Stallmeister 
folgt^, dass die Göttin Sottise sich auf die Reise begeben 
habe. Es lässt ihr keine Ruhe, dass sie schon so lange 
nicht mehr die Länder besucht hat, welche der Gross- 
türke knechtet, und die, welche der Pole, ihr Lieblingskind, 
bewohnt Mit Vergnügen sieht sie, dass Polen noch in 
demselben Zustande ist wie bei der Schöpfimg: roh, 
stupid und ohne Unterricht — Starosten, Juden, Leibeigene, 
betrunkene Palatine, — alles Lebende ohne Scham. Ich 
erkenne mein Volk, ruft sie entzückt und segnet es; dann 
schüttelt sie ihr Kleid, und alsbald senkt sich ein dichter 



^) Die gleiche Auffassung findet sich in einem Briefe Friedrichs 
an d*Alenibert vom 26. Januar 177a (Oeuvres XXTV S. 617). Ihr 
Hass gegen diesen Fürsten (Stanislaus Poniatowski) rührt einzig davon 
her, dass er nicht reich genug ist, um ihnen soviel Jahrgelder zu- 
zuwenden, als ihre Habsucht wünschte; darum würden sie lieber 
einen fremden Prinzen auf dem Throne sehen, der von seinem Privat- 
eigentum ihre Habsucht unterstützen könnte. 
*) S. 219. 

Tout juste alors on apprit un matin 

Par le comeur qni suit la R^nomm^e 

Son ^cuyer le Courrier du Bas-Rhin. 



Vgl Guerre civile de Gen^ve. S. 540. 

Comme il parlait, passa la R^nomm^e 

Son ecuyer, 1* astrologue de Liöge, 
De son chapitre obtint le privildge, 
D*accompagner Terrante d^it^. 



170 G. Peiscr. 

Nebel auf das Land herab. Eine Verwirrung entsteht, 
wie beim Turmbau zu Babel. So erscheinen die Polen 
auf dem Reichstage, wo ihr Geschrei einen neuen König 
wähltet 

Hören wir nun, wie der Dichter die Wahl Stanislaus 
Poniatowskis erzählt! 

„Jeder Deputierte nennt einen andern Namen. Die 
Verwirrung würde schliesslich ganz Polen im Unordnung 
gestürzt und seine Vernichtung herbeigeführt haben, wenn 
nicht Katharina, Polens erhabene nordische Nachbarin, 
in ihrer Güte seinen Untergang verhindert hätte. Die 
Weichsel sieht an ihren Ufern eine erlauchte Gesandt- 
schaft russischer Helden ankommen; man feiert sie mit 
Bällen und Serenaden. In ihrem Namen empfiehlt Repnin 
der Versammlung, einen Einheimischen zu wählen. „Warum 
wollt ihr euch einen König aus der Fremde holen? Warum 
soll nicht ein Starost, ein Pole das Scepter tragen und euch als 
König beweisen können, dass ihr mit Recht ihn gewählt 
habt?" Aber er predigt tauben Ohren. Da bedient er sich, 
um seine Rede der verblendeten Menge besser zu 
erklären, des Advokaten der Könige, des groben Ge- 
schützes^). Kaum schiesst es, so rufen alle Palatine ein- 
stimmig Poniatowski aus ; es ist der König, den Katharina 
ihnen mit vollem Rechte durch eine Kanone bezeichnet hat". 

Wir müssen bei dieser Stelle, die ich fast wörtlich 
herüber genommen habe, einen Augenblick verweilen, 
weil sie für die in dem Gedichte herrschende Auffassung 
überaus charakteristisch ist 

Der Fürst Repnin, der uns in dieser burlesken Scene 
entgegentritt, war von Katharina im Dezember 1763^) 
als ausserordentlicher Gesandter nach Warschau geschickt 
worden, lun die Wahl ihres Günstlings durchzusetzen. 
Er und Poniatowski kannten sich von den lustigen Peters- 



1) Wohl eine Anspielung auf die bekannte Inschrift der Kanonen 
Ladwigs XIV.: Ultima ratio regum. Auch Friedrich 11. hat übrigens 
1742 auf seinen Kanonen die Worte anbringen lassen: Ultima ratio 
regis. Vgl. Oeuvres XI S. 134 und Anm. 

«) Rocpell S. 284. 



Friedrichs d. Gr. „La gucrre des conf^d^rös". 171 

burger Tagen her. Auf die freundliche Aufnahme, die er 
bei dessen Parteigenossen fand ^), beziehen sich wohl die 
Worte bal et s6r6nade. Auf dem sogenannten Konvo- 
kations-Reichstage vom 7. Mai 1764 wurde, mehr durch 
Einschüchterung als durch Gewalt, unter dem Drucke der 
russischen Truppen, die sich in imd bei Warschau befanden, 
jeder Widerstand gebrochen. Die einmütige Wahl Ponia- 
towskis erfolgte am 7. September auf dem Wahlreichstage. 
Friedrich hat beide Reichstage in einen zusammengezogen 
imd auch den Gewaltakt Repnins auf den Wahlreichstag 
verlegt Dass Repnin Kanonen gegen den Sitzungssaal 
habe richten oder wohl gar habe feuern lassen, ist sonst 
nicht überliefert; dagegen hat er bei der Gründung der 
Konföderation von Radom sich tatsächlich dieses brutalen 
Mittels bedient^). 

Friedrich hat die Wahl Poniatowskis noch in einem 
andern Werke dargestellt und zwar in seinen Anfang 1775 
verfassten „M6moires depuis la paix de Hubertusbourg 
jusqu' ä la fin du partage de Pologne"^). Auch hier sind 
die Vorgänge ungenau erzählt. Er hält zwar richtig die 
<irei Reichstage auseinander, welche ziu- Einsetzung eines 
neuen Königs erforderlich waren, — ausser den beiden 
schon genannten fand noch ein Krönungsreichstag statt — , 
bezeichnet aber irrtümlich schon den ersten als Wahl- 
reichstag. Die Bedrohung der polnischen Deputierten 
durch Repnins Kanonen erzählt er an einer anderen Stelle, 
wo sie aber ebensowenig beglaubigt ist : bei der Tagung 
<ies Reichstages von 1767^^). — Vor allem aber tritt in 
den Memoiren eine ganz andere Auffassung zu Tage. 
Während in dem Gedichte alles das Werk Repnins, seiner 
Helden und der Kaiserin ist, wird in den Memoiren ganz 
richtig auf die sehr starke Einwirkung auch des preussischen 



1) Ruihidre U S. 148. 

2) Rulhidre H S. 396 fg. 

*) Oeuvres VI S. 14. Vgl. Preuss: Die erste Teilung Polens 
imd die Memoiren Friedrichs des Grossen. Kap. II § 11. 
^ Memoiren S. 20. 



172 G. Pciser. 

Gesandten zu Gunsten Poniatowskis hingewiesen ^). „Der 
erlauchte Gesandte" wird in den Memoiren als brutaler^ 
hitziger und anmassender Mensch geschildert^. Katharina 
selbst erscheint unbeugsam entschlossen, ihren Willen^ auch 
wo Friedrich zur Mässigung rät, in Polen durchzusetzen; 
in dem Gedichte dagegen ist sie die gütige Fürstin, der 
nur das Wohl des Nachbarreiches am Herzen liegt. Es. 
ist dies die Auffassung, in der sie zu erscheinen liebte; 
pflegte sie doch in ihren öffentlichen Äusserungen gern zu 
betonen, dass Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit 
allein die Triebfedern ihrer Handlungen seien ^. 

Kurz: die Darstellung in dem Gedichte zeigt er- 
sichtlich das Bestreben, das Auftreten der Russen bei 
der Wahl Poniatowskis in möglichst günstiges Licht zu 
setzen. 

Fahren wir nun in der Analyse des Fridericianischen 
Epos fort! 

Der Dichter wendet sich zur Schilderung der Oppo- 
sition des katholischen Klerus gegen den neuen König. 
Wieder setzt er den epischen Apparat in Bewegung, 
und diesmal ist es der Teufel, der auf der Bildfläche 
erscheint. „Polen hätte in der Wahl Stanislaus Augusts 
geeinigt, glücklich und ohne Parteikampf der Segnungen 
eines ewigen Friedens sich erfreuen können, wenn nicht der 
Teufel diesen Augenblick für geeignet gehalten hätte, eine 
grosse Rolle in der Welt zu spielen. Ihr kennt seine 
Schliche; er ist immer tätig und voll verderblicher Pläne".. 
Um seine Ziele zu erreichen, bediene er sich der Mönche 
und Priester, die, wie Friedrich im Stile Voltaires sagt, 
seine zahlreiche Familie bilden. Auf der Kanzel sprächen 
sie den Namen Beelzebubs nur mit Schaudern aus, ins- 
geheim aber bedecke sich ihre Seele mit schwarzer 



^) S. 14: les fortes recommandations et Tappul des ambassa- 
deurs russes et pnissiens. 
2) Memoiren S. 20. 
») Rulhi^re II S. 151. 



Friedrichs d. Gr. „La gaerre des conf^d^rös". 173 

Sünde. Ihr Mund fliesse von Liebe über, doch sie ver- 
standen meisterhaft, Komplotte und Intriguen anzustiften. 
Schon auf dem Wahlreichstage beginnt der Teufel 
sein Spiel ^). Er hüllt sich in das Gewand eines Jesuiten 
lind nimmt die demütige, unterwürfige Miene eines heiligen 
Antonius oder eines Anachoreten an. „Die Arme hat er 
auf der Brust gekreuzt; mit seinem schiefen Kopf, mit 
seinem wohlberechneten Mienenspiel musste man ihn für 
-den heiligsten aller Jesuiten halten.* So tritt er vor den 
Bischof von Kiew, der als ein konfuser Kopf, als eitel, fana- 
lisch und geckenhaft bezeichnet wird. Er hält den Besucher 
{flr seinen ehemaligen Beichtvater und umarmt ihn herz- 
lich. Aber der falsche Jesuit bricht sofort in bittere 
Klagen aus: „Welcher Schmerz für einen Polen, für 
•einen glaubenseifrigen Bürger, dass die schismatischen 
Russen uns mit despotischer Hand einen König geben''! 
Das Wort „Schisma" verfehlt seine Wirkung auf den 
Bischof nicht Er gerät in grosse Aufregung und ver- 
wünscht den Senat, die Russen und die „erhabene" 
Wahlversammlimg. JPoniatowski", ruft er, „ist nicht mehr 
mein König. Gib mir meine Schwüre und meinen 
Olauben wieder**. — „Schreien genügt nicht**, meint der 
Teufel „Um Throne zu stürzen, braucht man ein zahl- 
reiches Gefolge". — „Bin ich nicht**, entgegnet ihm 
I der Bischof, „der Herr der Domherren, Mönche und 
I Priester? Diese heiligen Werkzeuge wollen wir benutzen, 
um das Volk aufzureizen**. Der Teufel durchwandert nun 
die Parochien und Klöster und führt in kurzem eine 
grosse geistliche Versammlung in den Salon des Bischofs. 
„Meine lieben Kinder, wahre Stützen der Kirche" — 
so beginnt der Bischof seine Ansprache — „die Zeit ist ge- 
kommen, wo der ganze Klerus einen Schimpf rächen 
nniss, über den Gott sich entrüstet. Ein Schismatiker, 
ein elender Russe macht zu unserm König einen Habe- 
nichts von Starosten, der im Herzen selbst ein halber 
Grieche ist imd uns mit seinem ruchlosen Glauben be- 



1) Or, ^outez comment notre ennemi adroitement sut troabler 
cette di^e. (8. 222). 



174 G. Peiscr. 

flecken wird.*' Er erinnert sie an das Beispiel der Leviten^ 
welche 'sich nicht gescheut hätten, ihre eignen Brüder 
umzubringen; sie sollten wie diese handeln und bedenken, 
dass sie Gott bei seiner Rache dienten, wenn sie hier 
unten sein Haus reinigten. „Schaudert, wenn man euch das 
Wort Schisma nennt! Denn Ketzerei ist gleichbedeutend 
mit Atheismus**. Christus habe sie an seine Stelle gesetzt,, 
indem er ihnen die Gabe verliehen, das gemeine Volk 
nach ihrem Gefallen zu leiten. Ihre Hand teile Strafen 
oder Gnaden aus durch die Absolution. „Die Herzen der 
Menge sind in eurer Gewalt; euch kommt es also zu^ 
ihre Pflicht zu regeln. Möge unverzüglich eure Stimme 
sie aufreizen gegen die Russen und gegen diesen Schma- 
rotzerkönig, den wider unsem Willen unsere Nachbarn 
uns aufzwingen"^)! 

Der Klerus setzt sich mm im Beichstuhl fest und 
träufelt imvermerkt den Gläubigen der Weisung des 
Bischofs gemäss das höllische Gift der Unzufriedenheit 
ein. Durch diesen Kanal verbreitet es sich im ganzen 
Lande und reizt die friedliche Bevölkerung zur Empörung. 
Keine der Plagen des alten Orients, sagt der Dichter^ 
habe jemals in so kurzer Zeit solch reissende Fortschritte 
gemacht, wie diese Predigt, welche den Untergang des 
Staates vorbereitete. Lachend kehrt jetzt der Teufel in 
die Unterwelt zurück. „Der Hof aber hält sich für voll- 
kommen sicher, amüsiert sich bei Tische und berauscht 
sich in Freude*. 

Der Bischof von Kiew, der in dieser Scene geschildert 
wird, ist Joseph Andreas Zaluski, der zusammen mit 
Soltyk, dem Bischof von Krakau, auf dem Reichstage von 
1767 in vorderster Reihe gegen die Gleichberechtigung 
der Dissidenten gekämpft hat Es mag also nicht unge- 
rechtfertigt erscheinen, wenn Friedrich ihn als den Führer 
der geistlichen Opposition bezeichnet, der freilich wieder 
von den Jesuiten vorwärts geschoben wird Aber Friedrich 

^) Ein Gegenstück zu dieser Ansprache ist, wenn ich nicht 
irre, die Rede, die Voltaire dem Hohepriester Phards in seinem 
Drama „Les lois de Künos" (Akt I Scene II) in den Mund legt 



Friedrichs d. Gr. „La guenrc des conf^dör^s". 175 

lässt nur die eine Seite seines Wesens hervortreten, 
seinen starren Glaubenseifer. Seiner umfassenden ge- 
lehrten Bildung, seiner unermüdlich eifrigen Förderung 
aller wissenschaftlichen Bestrebungen in Polen gedenkt 
er nicht Ich möchte, um ein richtiges Bild von Zaluski 
zu geben, das unparteiische Urteil eines anderen deutschen 
Zeitgenossen anführen. Er bezeichnet ihn als einen Mann 
von ^vortrefflichen Eigenschaften, grosser Gelehrsamkeit, 
wiewohl vielleicht allzugrossem Eifer. Er ist gottesfürchtig- 
katholisch, ein grosser Freund der Wissenschaften, ein 
steifer Anhänger der allgemeinen Uneinigkeit, welche, wie 
die Polen sagen, die einzige Quelle aller besonderen 
Einigkeit sei, eine starke Stütze und Pfeiler aller polnischen 
Gesetze ^y 

Drei Vorwürfe sind es, welche der Dichter den 
Bischof gegen den König erheben lässt: dass er ein un- 
bedeutender Starost sei, ein russischer Vasall imd dass 
er im Herzen dem Schisma zuneige. Auf das Dritte, das 
religiöse Motiv wird das Schwergewicht gelegt. Der Dissi- 
denten wird dabei nicht ausdrücklich Erwähnung getan, 
obwohl nur sie gemeint sein können, wenn von den er- 
mordeten Brüdern der Leviten die Rede ist. 

Erst am Anfang des folgenden Gesanges wird die 
Dissidentenfrage berührt, aber in einer Weise, welche 
wiederum für die in dem Gedichte vorwaltende Tendenz 
sehr bezeichnend ist. 

„Ist es schicklich", — mit dieser Frage eröffnet 
Friedrich den zweiten Gesang — „einen stupiden Menschen 
zu täuschen, mit dem ein Betrüger machen kann, was er 
will? Welche Ehre kann es also für einen Parteiführer 
sein, ein Volk zu verführen, das in tiefer Dinnmheit ver- 
sunken ist und sich nie im Leben die Mühe gegeben hat 
nachzudenken? Ich würde mich schämen, wenn ich der 



1) Geschichte des gegenwärtigen Krieges zwischen Russland| 
Polen and der ottomanischen Pforte. Sechster Teil. Frankfurt und 
Leipzig 1771 S. 39. 

Vgl. auch Janocki: Lexikon derer itzlebenden Gelehrten in 

Polen, n S. as fg. 



176 G. Peiscr. 

Lüge meine Fortschritte zu verdanken hätte. Aber so 
zart empfindlich sind weder Priester noch Teufel* 

Die Gemüter, heisst es weiter, sind durch die Prälaten 
und Beichtväter so gut vorbereitet, dass die Unruhe die 
Revolution ankündigt „Aber Katharina denkt in ihrem 
Palaste nur an Frieden; ihr edles Herz ist von Wohl- 
wollen erfüllt Sie predigt den Polen Toleranz. „Seid 
einig," sagt sie ihnen, „und duldet eiu-e dissidentischen 
Brüder!*' Diese Worte versetzen die Priester in Wut 
Ihre Entrüstimg macht sich in wildem Geschrei, in 
Seufzern und Klagen Luft Sie jammern: „Es ist um 
das Vaterland geschehen.* Die Magnaten, Starosten und 
das niedere Volk, 'von diesem Gaukelspiel aufgeregt und 
plötzlich von heiligem Fanatismus erfüllt, rufen wie sie: 
„Lasst uns das Schisma ausrotten!" Jeder Pole müsse 
sich konföderieren, wenn er nicht sein Seelenheil verlieren 
woUe." 

Wenn man diese Darstellung liest, so muss man 
glauben, dass Katharina für die Dissidenten lediglich die 
religiöse Toleranz gefordert habe, und zwar in der Absicht, 
dadurch die Einigkeit unter den Polen wiederherzustellen ; 
ihre Einmischung habe jedoch den religiösen Fanatismus 
nur noch mehr erregt, der sich dann in der Erhebung von 
1768 gewaltsam entlud. Von anderen als religiösen Motiven 
ist hier überhaupt nicht die Rede ^). 



1) Ähnlich äussert sich Friedrich über die Beweggründe der 
Konföderation von Bar in dem Schreiben an d'Alembert vom 
a6. Januar 1772 (Oeuvres XXIV S. 617), welches die Sendung des 
dritten und vierten Gesanges begleitete. d'Alembert hatte erwähnt, 
dass einige Philosophen 'die Konföderierten bemitleideten, in der 
gutmütigen Voraussetzung, dass diese nur für die Freiheit ihres 
Vaterlandes stritten. 

»Ich sehe aus Ihrer Antwort," erwidert Friedrich, „dass es 
viele Dinge gibt, die durch die Feme gewinnen, dazu dürfte auch 
wohl die polnische Konföderation gehören. Wir als Nachbarn dieser 
rohen Nation kennen die Individuen sowohl wie die Häupter der 
Partei und halten sie höchstens des Auspfeifens wert. Diese Kon- 
föderation dankt ihren Ursprung dem Fanatismus." 



Friedrichs d. Gr. „La guerrc des conf^d^rtfs". 177 

Will man aber den wahren Sachverhalt kennen 
lernen, so braucht man wiedermn nur zu Friedrichs 
Memoiren zu greifen. 

Hier wird das ganze Auftreten der Russen in Polen 
seit 1764 beleuchtet und offen als Despotismus l?ezeichnet 
(S. 17). „Soviel Akte der Souveränität, welche eine 
fremde Macht in Polen ausübte," — heisst es ein ander- 
mal — (S. 20) „reizten schliesslich alle Gemüter zum 
Aufstand. Der Stolz, die Härte und der Hochmut des 
Türsten Repnin waren nicht geeignet, sie wieder zu 
Ijesänftigen.* 

Auch die Dissidentenfrage erscheint hier in ganz 
anderem Lichte. Als den „Keim aller Wirren und Kriege, 
•die daraus folgten*, bezeichnet Friedrich den Antrag der 
Russen, den Dissidenten nicht nur religiöse Duldimg, 
sondern auch Zulassimg zu allen Ämtern zu gewähren 
*{S. 16). Mit unverhohlener Missbilligung schildert er die 
brutalen Gewaltakte, durch welche die Russen auf dem 
Reichstage von 1767 ihren Willen durchsetzten (S. 20). 
In seiner Dichtung dagegen gleitet er, wie wir sahen, 
mit wenigen Worten über die Dissidentenfrage hinweg, 
imd was er sagt, gestaltet sich zu einer Huldigung für 
die edle wohlwollende und tolerante Fürstin — wiederum 
:ganz im Stile ihrer eigenen Auslassungen. Hatte sie doch 
ihr Eintreten für die Dissidenten damit begründet, dass 
sie sich aus Liebe zu Freiheit und Gleichheit der Unter- 
drückten annehmen müsse ^). 

Die Gründung der Konföderation von Bar, die Ver- 
handlungen ihrer Häupter und die Wahl der Anführer 
werden nun vom Dichter in kleinen Abschnitten erzählt 
Er verfährt dabei mit solcher Freiheit, hält sich so wenig 
.an die chronologische Ordnung, dass es schwer ist, in 
seiner Darstellung die wirklichen Begebenheiten zu er- 
kennen. 



^) Beer L S. ap5. 

Zehschrift der Hist. Oes. fOr die Prov. Posen. Jahr^. XYIU. IM 



178 G. Peiser. 

Zuerst wird eine grosse Anzahl Herren des hohen ^> 
und niederen Adels zusammengeführt Unter den Führern 
werden namentlich erwähnt Michael Krasinski, der General- 
marschall der Konföderation, ein Potocki und ein 
Malachowski, die, wie Friedrich boshaft hinzufügt, obgleichi 
Helden, noch niemals in ihrem Leben ein Lager oder 
einen Kampf gesehen hätten. Krasinski fordert die An- 
wesenden auf, ihre Husaren zu sammeln. Jeder Pole, der 
die Taufe empfangen habe, müsse sich morgen auf dem 
Schlachtfelde einfinden. Potocki fragt, woher man Geld 
und Nahrung für eine solche Menge nehmen wolle^ 
Krasinski errinnert ihn an die schon von Jan Sobieski 
befolgte Methode, zu plündern oder richtiger gesagt: „auf 
Kredit zu leben", und jubelnd stimmen ihm alle bei. 

Dass diese Zusammenkunft fingiert ist, geht schon, 
daraus hervor, dass Friedrich auch den Bischof von Kiew 
an ihr teilnehmen lässt Er spendet den Anwesenden für 
alle Sünden, die sie in diesem Gott wohlgefälligen Kampfe 
begehen würden, im voraus völlige Absolution. 

Bischof Zaluski war jedoch, als die Konförderation, 
sich bildete, bereits seit mehreren Monaten Gefangener 
der Russen. Nachdem er am 12. Oktober 1767 auf dem; 
Reichstage in einer heftigen Rede gegen die Dissidenten 
aufgetreten, war er in der Nacht darauf von Repnin ver- 
haftet und mit Soltyk, dem Bischof von Krakau, und zwei 
weltlichen Grossen nach Kaluga gebracht worden*). 

Ebensowenig begründet wie diese Rede in Bar ist^ 
was Friedrich zur Charakterisierung des Bischofs hinzu- 
fügt: Er habe keine Bibliothek besessen, aber dafür eia 
Gemälde der Bartholomäusnacht 



1) Friedrich bezeichnet den Hochadel hier als Towargis: 
(Towarzisz) (Genossen). Diesen Namen fahrte ein adliges Korps 
der schwereq polnischen Kavallerie, in dem jeder den Rang einesr 
Offiziers hatte. Sonst finden sich in dem Gedichte nur noch zwei, 
polnische Worte: pachotek (Diener) und pancemys (Panzerrciter).. 

2) Herrmann: Geschichte des russischen Staates V S. 42^ 

In seinen Memoiren gibt Friedrich irrig an, die Gefangenem 
seien über Moskau nach Sibirien gebracht worden. 



Friedrichs d. Gr. „La guerre des conf6d6r6s". 179' 

Niemand hat diesen Vorwurf weniger verdient als 
Zahiski, der unter Aufopferung seines Vermögens eine 
grosse öffentliche Bibliothek in Warschau errichtet hat^). 
Er war geradezu ein Büchernarr und ging in seiner 
Sammelwut so weit, dass man ihn in den Warschauer 
Salons als Zaiuski la bibliothdque verspottete. Auch 
d'Alembert hat übrigens an dieser Stelle Anstoss ge- 
nommen imd bei Friedrich angefragt, ob sie auf Tatsachen 
beruhe oder eine blosse poetische Fiktion sei^. Friedrichs 
Antwort ist für die Beurteilung des Gedichtes von hohem 
Wert Ein Gedicht sei doch keine geometrische De- 
monstration — erwidert er etwas spöttisch — ; er habe 
geglaubt, hier seiner Phantasie freien Spielraum lassen 
zu dürfen^. 

Die Palatine — heisst es mm in dem Gedichte 
weiter — begeben sich aus Furcht vor Vergewaltigung^ 
sämtlich fort, um imter sich zu beraten und Anführer zu 
wählen^). Aber von all diesen Magnaten will sich keiner 
selbst der Gefahr aussetzen. Ihrer Anschauimg gibt 
Radziwill unumwunden Ausdruck: „Ein Palatm regiert,, 
aber der Krieg geht uns nichts an. Ahmen wir Gott 
nach; wenn er einen Staat strafen will, schickt er einen 
untergeordneten Engel, der mit einer Handbewegung ein 
Volk in den Staub wirft Hüten wir uns also, das Un- 
gemach des Krieges auf uns selbst zu nehmen ! Schicken 
wir unsere Diener und Vasallen aus und stellen wir einea 
verwegenen Haudegen an ihre Spitze. ** 

Dieser knappen Darstellung liegt wohl die Tatsache 
zu Grunde, dass die Häupter der Konföderation seit Ende 
1768 ihrer Sicherheit halber ihre Beratungen auf der 

1) Janocki, Band n S. 33. ^ 

^ Oeuvres XXTV S. 614 fg. 
>) a6. Januar 177a. Oeuvres XXTV S. 617. 
^ Choisir des chefs pour mener leur poullenz, 
Faits pour guider la masse pl^b^ienne, 
Dom ils voulaient opprimer la prussienne. 
So die Ausgabe der Akademie von 1850. Aber statt prussienne 
ist wohl russienne zu lesen, was allein hier einen Sinn gibt — 
Friedrich übersetzt ymssisch" abwechselnd mit russe und russien. 

12« 



l8o G. Pciscr. 

-österreichischen Grenze abhielten. Im August 1769 erschien 
in Teschen auch Fürst Karl Radziwill, der vielberufene 
panie kochanku (er hatte die Konföderationsakte im Früh- 
jahr unterzeichnet^)) und erklärte in einer Anwandlung 
von Enthusiasmus, er wolle nach Polen zurückkehren und 
dort in den Reihen der Konföderierten mitkämpfen. Die 
übrigen Magnaten stellten ihm jedoch vor, dass dies seiner 
nicht würdig sei, und dass man von ihm andere Leistungen 
erwarte als die eines gemeinen Soldaten. So liess er 
3ich denn bald von seinem Vorhaben abbringen^. 

Während nun die meisten Palatine (fährt der Dichter 
fort) auf Reisen gehen, versammeln sich die Häupter 
der Partei in Eperies an der ungarischen Grenze und 
bilden dort mit „grossem Pomp"^ den Generalrat der 
Konföderation, um von ferne die Bewegung zu leiten, 
die Russen zu verjagen und den guten König zu entthronen. 
Pulawski und Zaremba werden unter Trompetenschall 
zu Anführern ausgerufen. Wiederum tritt der Bischof von 
Kiew in Aktion; er heftet seinen Weihwedel an eine 
Kreuzesstange — wohl eine Anspielung auf die Haupt- 
standarte der Konföderierten, die mit einem Kruzifix ge- 
schmückt war*). 

Friedrich nennt den Vornamen Pulawslds nicht, imd 
es könnte daher auf den ersten Blick fraglich erscheinen, 
von welchem der Pulawski hier die Rede ist, ob von 
Joseph, dem Mitbegründer der Konföderation und dem 



1) Rulhidrc m S. laa. 

^ Herrmann: Geschichte des russischen Staats V S. 467. 

^ Dass Friedrich nicht mit Unrecht das Gebahren der Mit- 
glieder des Generalrats als pomphaft bezeichnet, geht aus dem Be- 
richte des Obersten Dtmiooriez hervor, der im Juli 1770 im Auf- 
trage der französischen Regierung nach Eperies kam. Anstatt 
patriotischer Staatsmftnner und Krieger fand er — wie er meldet 
— eine Gesellschaft grosser Herren mit asiatischen Manieren vor, 
die obgleich auf fremden Boden, gleichsam im Exil lebend, sich 
keine ihrer gewöhnlichen Vergnügungen versagten : pr&chtige Feste, 
stundenlange Mahlzeiten, Tanz und Pharaospiel schienen sie einzig 
2U beschäftigen. (S. Raumer hist. Jahrbuch m S. 441.) 

4) Beer I S. 296. 



Friedrichs d. Gr. „La guerre des confödör^s". l8r 

Verfasser ihrer ersten Manifeste, oder von seinem Sohne 
Kasimir, der später als der bedeutendste Führer der Kon- 
föderierten hervortrat Da aber Joseph Pulawski schon 
Ende 1768 oder Anfang 1769 im Kerker zu Konstantinopel 
starb, — sein eigener Genosse Joachim Potocki hatte ihn 
den türkischen Verbündeten verdächtig gemacht — ^), und 
Friedrich überhaupt nur einen Pulawski erwähnt, so 
kann nicht zweifelhaft sein, dass auch hier schon 
Kasimir gemeint ist. 

Pulawski kommt bei Friedrich noch weit schlechter 
fort als . 2^luski. Hören wir, wie bereits sein erstes Auf- 
treten geschildert ist!^ 

Er und Zai;emba durchstreifen jedes Gehölz, halten 
jeden, der ihnen begegnet, an und fragen ihn, wo die 
Feinde sind. Plaudernd kommen sie an offenes Gelände 
und stossen dort auf die russischen Truppen, die von 
Drewitz befehligt werden. Wenn ein grosser Heiliger, 
sagt Friedrich, den Teufel sieht, besprengt er sich 
schnell mit etwas Weihwasser und flieht rasch, sein 
Pater noster hersagend. So geht es auch unsem beiden 
Helden. Bleichen Antlitzes sagt Zaremba: „Siehe unsere 
Soldaten an! Die meisten haben nur mit Eisen be- 
schlagene Stöcke; nur wenige besitzen Flinten und alte 
Säbel. Wie sollen wir da dem Feinde trotzen?* — 
„Auch ich fürchte, dass es uns schlecht gehen wird", 
antwortet Pulawski. „Es ist, denke ich, der Wille des 
Schicksals, dass heute kein Blut vergossen werde, sondern 
dass unser hitziger Mut für ein anderes Mal aufgespart 
werde.* Das grobe Geschütz der Russen entlädt sich. 
Fluchend und schreiend suchen die Konföderierten das 
Weite und denken in ihrem Schrecken, dass ihnen die 
russischen Kanonen wieder einen neuen König verkünden. 
Nun werfen sich die Kosaken auf die Polen; aber sie 
machen nicht so schnell Gefangene, wie sie denken; 
„denn ein Pole, dem man auf den Fersen ist, kana 



1) Rttlhiöre m S. 121. Beer I S. 242. 

^ S. 230: il faut voir comme il (Pulawski) va debuter. 



l82 G. Pciscr. 

ebenso schnell reiten, wie er trinkt" Sie jagen davon 
wie einst die Parther vor Krassus, nur mit dem Unter- 
schiede, spottet Friedrich, dass die Flucht der Polen 
keine verstellte ist; sie fliehen wirklich — freilich nicht 
aus Furcht oder Feigheit, sondern einzig aus Liebe zu 
ihrem anarchischen Vaterlande, für das sie das nächste 
Mal glücklicher zu kämpfen hoffen. 

Die Schilderung des Kampfes ist, wie man sieht, so 
allgemein gehalten, dass schwer zu entscheiden ist, 
welches von den zahllosen Gefechten, in die sich der 
Konföderationskrieg auflöste, hier erzählt ist. In der Aus- 
gabe der Akademie ist an einen Sieg des Obersten Drewitz 
am I. August 1770 gedacht. Aber wenn es auch Friedrich, 
wie wir nun schon wissen, mit der Chronologie durchaus 
nicht genau nimmt, so würde er doch wohl kaum so weit 
gegangen sein, dies Treffen als das erste Auftreten 
Pulawskis zu bezeichnen. Vielleicht ist hier das Gefecht 
bei Radom im April 1769 gemeint, wo Drewitz den Kon- 
föderierten eine schwere Niederlage bereitet hat Der Sieg 
der Russen erscheint in gleichzeitigen Berichten als eine 
Schlächterei ^), wie denn überhaupt Drewitz seinen Namen 
durch Handlungen wilder Grausamkeit gebrandmarkt hat ^. 
Einem Lauffeuer gleich — wird erzählt — habe sich die 
Kunde von dieser Schlacht durch ganz Polen verbreitet 
und überall Entsetzen erregt Doch möchte ich es auch 
nicht für unmöglich halten, dass Friedrich hier überhaupt 
nicht an ein bestimmtes Ereignis gedacht hat, sondern 
nur das unzweifelhafte Übergewicht der russischen Waffen 
im ersten Abschnitt des Konföderationskrieges hat dar- 
stellen wollen. Kein Name aber war geeigneter, diese 
Überlegenheit darzutun, als der des Drewitz, der sich den 
Polen von Beginn des Krieges an furchtbar machte. 
Den Russen erschien er als eine Art von Heros, und 
es entspricht der Auffassung, die wir schon früher in 
dem Gedichte hervortreten sahen, dass auch Friedrich 



1) Bei Herrmann V S. 463. 

2) Rulhidre ü S. 145 fg. 



Friedrichs d. Gr. „La guerrc des confdd^r^s", 183 

Ihn in dieser Beleuchtung zeigt, während er für die 
Führer der Konföderation nur Worte der Missachtung 
übrig hat 

Zaremba mag diese Geringschätzung verdient haben, 
— er hat sich später selbst durch feige Unterwerfung 
entehrt ^) — nicht aber Kasimir Pulawski. Kühn und ver- 
wegen im Kampfe, listig und verschlagen, wenn es galt, 
der feindlichen Übermacht auszuweichen, von seinen Leuten 
enthusiastisch verehrt, aber unfähig, sich einem andern 
unterzuordnen, war er der echte Typus eines Freischaren- 
führers»). 

Auch bei Friedrich fehlt ihm übrigens der Schimmer 
der Romantik nicht ganz; in den Armen der Liebe lässt 
-er ihn jedes Missgeschick vergessen. Wie er seine Geliebte 
raubt, schildert Friedrich in einer Scene, von der ich nicht 
weiss, ob ihr irgend etwas Tatsächliches zu Grunde liegt. 

Nachdem die Konföderierten Drewitz entronnen sind» 
kommen sie an eine grosse Burg und machen sich als- 
bald daran, sie auszuplündern. Der Schlossherr beschwört 
sie, ihn, der ein eifriger Katholik sei, doch nicht wie 
einen Dissidenten zu behandeln. Seine Gattin und seine 
Kinder suchen durch Tränen die Konföderierten zu 
rühren; aber vergebens. „Pulawski würde in seiner Wut 
über seine Niederlage sogar seinen eigenen Vater und 
seine Grossmutter ausgeraubt haben, wenn er ihnen 
unterwegs begegnet wäre." Er erklärt, auch die junge, 
schöne Schlossherrin mitnehmen zu wollen, damit sie ihn 
über seine Niederlage tröste. Der verzweifelte Gatte 
leistet Widerstand; ^ber seine Bauern werden von den 
Konföderierten geschlagen, und Pulawski schleppt seine 
Beute in die Berge, wo er vor plötzlichen Überfällen 
sicher ist 

Nachdem Friedrich an diesem Beispiel den Jammer 
des Konföderationskrieges geschildert hat, in dem es für 
niemanden mehr Sicherheit der Person oder des Eigen- 



1) Rulhidrc IV S. 247. 
«) Rulhi^re IV S. 106. 



184 G. P eisen 

tums gab, apostrophiert er den König. Die Freunde der 
Aufklärung hatten sonst nur Augen für die liebenswür- 
digen Seiten des schwachen Fürsten, den sie zu ihren. 
Parteigängern zählten. Hier jedoch blitzt der Widerwille 
des grossen Königs gegen den Mann auf, der allezeit ein 
Spielball in den Händen ränkesüchtiger Geliebten war^): 
„Aber Du, mein König, um dessentwillen sich alle herum- 
schlagen, was tust du, mein gütiger Stanislaus? Betest 
du an deinem Hofe, fem von jeder Schlacht, irgend- 
welche jugendlichen Reize an? Auf Bällen und beim 
Spiel verbringst du deine Tage und lassest dem Schicksal 
ruliig seinen Lauf, wie es Drewitz imd dem lieben Gott 
gefällt!" — So schliesst der zweite Gesang, in welchem 
die erste Phase des Konföderationskrieges, die Erhebung 
und ihr anfänglicher Misserfolg geschildert ist 

Schon im Herbste 1768 schien die Konföderation 
ihrem Erlöschen nahe; nicht nur in Podolien, von wo sie 
ausgegangen war, auch in den westlichen Teilen Polens 
waren die Russen ihrer beinahe Herr geworden. Da trat 
ein Ereignis ein, welches den Mut der Konföderierten 
von neuem belebte. Am 4. Oktober 1768 erklärten die 
Türken den Russen den Krieg. 

Dem Ausbruch dieses Krieges ist der dritte Gesang 
unseres Epos gewidmet Wir hören jedoch nichts von 
den politischen Erwägungen der Pforte, welche nicht 
gleichgültig zusehen konnte, wie das Nachbarreich in 
einen russischen Vasallenstaat verwandelt wurde, nichts 
von dem unmittelbaren Anlass zur Kriegserklärung: der 
Verfolgung geschlagener Konföderierter auf türkisches 
Gebiet Alles ist scharfe und rücksichtslose Satire gegen 
die katholische Kirche, die sich mit dem Halbmond 
verbindet 

Schon die allgemeinen Betrachtungen, mit denen der 
dritte Gesang eröffnet wird, gipfeln in einer Spitze gegen_ 
den Papst 



1) Vgl. über den Hof Stanislaus Augusts : Rulhidre m S. 301^ 



Friedrichs d. Gr. „La guerrc des confederds". 185 

Die Schulweisheit sage, die Menschen seien ver- 
nünftige Wesen ^). Aber sie lüge; die Welt sei ein Haufe 
von Narren. In manchem grossen Staate würde ein 
Aretino den reichsten Stoff für seine Satire finden. Er 
— Friedrich — hüte sich freilich sorgfältig vor solchen 
Schilderungen, weil er den Zorn der Mächtigen fürchte. 
Wenn es sich aber um Staaten handle, die ein Abtrünniger 
des Hippokrates leite, — Papst Clemens XTV. war der 
Sohn eines Arztes — wer könne da seinen Ernst be- 
wahren? Wenn der Dichter lange genug den Menschen 
anatomisch studiert habe, sage er oft: ,,Seitdem Peking 
in Rom ist, ist der gesunde Menschenverstand nicht mehr 
so gesund, wie viele Leute sich den Anschein geben, zu 
glauben". Die Schilderung des Verhaltens der römischen 
Curie im Konföderationskriege werde den Beweis für 
diese Behauptung erbringen. 

Der Fortschritt der Erzählung wird von dem Dichter 
wieder an den Namen des Drewitz geknüpft. 

„Die Fama", heisst es, „welche das, was sie weiss, 
und das, was sie nicht weiss, austrompetet, verkündet 
überall das burleske Abenteuer Pulawskis, der durch eine 
einzige Kanone in die Flucht geschlagen worden ist Das 
Gerücht wächst, jeder fügt beim Wiedererzählen etwas 
hinzu, und bald spricht man in der ganzen Welt in Prosa 
und in Versen von der glänzenden und denkwürdigen 
Waffentat des Drewitz, die alle Erwartungen übertroffen 
habe. Die Kunde davon dringt schliesslich auch zu den 
Ohren der Sottise. Der Palast, den sie bewohnt, ist die 
katholische Kirche". 

Man kann sich nach einem solchen Leitsatze schon 
denken, was uns in der breiten Schilderung des Hof- 
staates der Sottise, die nun folgt, erwartet! Auch hier 
hat Friedrich, wenn ich nicht irre, eine Voltairesche Stelle 



1) S. 235: Qu* on est heureux, quand on est raisonable! 
L'^colc dit que nous le sommes tous. 
Vg^. Gucrre civile de Gcn^ve S. 525, wo der philosophische Apotheker 
seine Ansprache an die Aufrührer mit den Worten beginnt: 
Messieurs .... vous 6tes n^s tous sages. 



l86 G. Pciscr. 

vorgeschwebt^); aber er hat sie zu einem ganz masslosen 
Angriff auf Papst und Kirche umgewandelt. 

Die Gestalten der Inkonsequenz und der Unvernunft 
werden ims vorgeführt. Neben ihnen steht der tolle Aber- 
glaube, dem die Augen verbunden sind, die Leichtgläubig- 
keit, die sich von Lügen und Fabeln nährt, und der 
Schrecken, der den Teufel erfunden hat. In ihrer Mitte ist 
der Thron der Sottise errichtet. Ihr Auge ist stair, ihr 
Mund weit geöffnet; entzückt betrachtet sie ihr edler 
Hofstaat, der sich unaufhörlich hin und her wiegt*). „Sie 
ist es" fährt Friedrich fort, „die einst die Macht und den 
Ruhm der Päpste gegründet hat. Ihr habt ihr zu danken,. 
Bonifaz, stolzer Gregor, dass die Könige eure Befehle^ 
eure dreisten Bullen entgegennahmen". 

Als die Göttin hört, dass die Konföderierten, „ihre 
lieben Kinder", ohne Hoffnung, ohne Hilfe und ohne Asyl 
sind, erbleicht sie und bricht in zornige Klagen aus: 
„Hund von einem Russen, willst du meine geliebten Polen 
vernichten?" Aber sie fasst sich bald wieder; die Russea 
sollten nicht zu früh triumphieren: sie werde ihren Kindern 
am Nil, am Pontus, an den Ufern des Euphrat einen Ver- 
teidiger suchen. 

Unverzüglich macht sie sich auf die Reise nach Ungarn 
und steigt im Schlosse Eperies nieder, wo, wie wir wissen^ 
der Generalrat der Konföderation seinen Sitz aufgeschlagen: 
hat Sie findet die Palatine in wilder Verzweiflung; sie 
beklagen das Unglück ihres Vaterlandes und ihrer Re- 
ligion. „Was soll aus der Kirche werden?" jammern sie^ 
„die Hölle ist losgelassen und will ihr durch einen schis- 
matischen Arm ihre einzige Stütze, die Verfolgung, nehmen 



1) Vgl Guerre civile de Gcnevc, S. 528 den kleinen Excurs- 
über die Macht der Inconstance. 

2) S. 237. Et dandinant sans cesse sur la plante 

De ses deux pieds sa noble cour Tenchante. 
Vgl. Guerre civile de Gen^ve S. 528, wo die Genfer Aufrührer der 
Göttin Inkonstanze für ihre Ratschläge danken: On s'agenouille, ont 
toume ä son autel, La ddit^, tournant comme eux sans cesse . . . 



Friedrichs d. Gr. „La guerre des conf^d^r^s". 187 

Russische Heilige wird künftig das Volk verehren, und 
unsere Prälaten werden nichts mehr zu essen haben".. 
Tief gerührt tritt die Sottise unter sie. Sie schlägt ihnen 
vor, sich an die Türken .zu wenden, damit sie die Kirche 
verteidigen. „Muhamed", sagt sie, „liebte das Christentum^. 
wie jeder weiss, der den Koran kennt, und Mustapha^ 
dieser edelmütige Sultan, schaudert vor dem Schisma imd 
verflucht die Russen". Die Palatine rufen Beifall, und 
die Prälaten danken ihr knieend für ihren klugen Rat.. 
Die Sottise aber entzieht sich allen Dankesbeteuerungen 
und verschwindet in einem dichten Nebel. Sie eilt dem 
Gesandten der Konföderation nach Konstantinopel voraus, 
wo man sie seit langer Zeit kennt ; denn Mustapha richtet 
sich in allen Stücken nach ihr. 

Der Dichter lässt Michael Krasinski — er und 
Joachim Potocki waren die Unterhändler der Konföderierten, 
bei der Pforte — sein Hilfegesuch immittelbar im Namen 
des Papstes vorbringen. 

Der christliche Mufti habe geruht, ihn an die Pforte- 
zu senden, um ihren mächtigen Beistand zu erflehen. 
Wären die Russen erst mit den Polen fertig, so würde 
die Reihe bald an die Türken kommen. Jetzt wollten die 
Russen die heilige Jungfrau von ihren Altären verdrängen 
und russische Heilige an ihre Stelle setzen; bald würden 
sie auch Muhamed aus Mekka zu verjagen suchen. „Unter- 
stützt also, noch ist es Zeit, den heiligen Vater! Wenn 
die päpstlichen Schlüssel und der Halbmond sich vereinigen^ 
werden sie überall Schrecken erregen, und mit eurer- 
Hilfe wird die Kirche triumphieren". 

Der ganze Divan stimmt diesen Gründen gewichtig 
bei, und unverzüglich wird der heilige Krieg beschlossen. 
Die gewaltigen Rüstungen der Türken für den Feld- 
zug des nächsten Jahres — denn erst am 26. März 1769 wurde 
in Konstantinopel die Fahne des Propheten entrollt^) — 
werden anschaulich geschildert Von Ägypten, aus dem 
Herzen Asiens, von den Ufern des Pontus und aus Arabien 



1) Herrmann V S. 609. 



l[88 G. Pciscr. 

strömen die Völker zusammen. Mit ihnen vereinigen sich 
<iie schwarzen Bogenschützen Libyens, die Bostandschi, 
Janitscharen und Spahis. Das gewaltige Heer — seine 
Zahl wurde auf 300000 angegeben — wälzt sich unter 
Führung des Grossveziers, ohne Widerstand zu finden, 
bis an die Ufer des Dnjestr. 

Die Nachricht, dass der Halbmond sich im Felde 
jzeige, übt auf die Konföderierten eine gewaltige Wirkung 
aus. Mut und Zuversicht kehren ihnen zurück. Pulawski 
fühlt sich bereits als Sieger und sagt die Vernichtung des 
Drewitz voraus. König Stanislaus aber gerät dadurch in 
grösste Bedrängnis (auch ihm hatten die Türken auf 
Betreiben Krasinskis und Potockis im Frühjahr den Krieg 
erklärt^). „Er ist in Warschau eingeschlossen" — die Haupt- 
stadtwurde unaufhörlich von Konföderierten umschwärmt — ^) 
„und weiss nicht, ob er noch König ist, und wie er den 
gordischen Knoten, den der Verrat geschürzt hat, ent- 
wirren soll. In seiner Not nimmt er zu Katharina seine 
Zuflucht, und die tapferen Russen kommen ihm alsbald 
ZM Hilfe.*' 

Jetzt erst, meint der Dichter, hätten die eigentlichen 
Kämpfe begonnen. Es habe sich nicht mehr um die tollen 
Prahlereien, um den Mummenschanz eines Pulawski, sondern 
um Helden, denen wirkliche Soldaten folgten, gehandelt 
Aus dem kleinen Funken, den der falsche Glaubenseifer 
entzündet, sei allmählich ein grosser Brand entstanden. 

Die Konföderierten vereinigen sich mit ihren tür- 
kischen Verbündeten nicht. Sie überlassen ihnen die 
Aufgabe, die polnischen Streitigkeiten zum Austrag zu 
bringen, und operieren selbständig. Jeder Trupp wählt 
eine andere Strasse, und Mord und Verwüstung bezeichnen 
den Weg, den sie nehmen. Die Sottise aber sieht aus 
Himmelshöhen freundlich auf ihr Treiben herab und 
spendet ihnen ihren Segen. 

Am Schlüsse des Gesanges tritt der Dichter selbst 
vor sein Auditorium. Er ist des trockenen Tones, den er 

1) Herrmann V S. 611. 
«) Beer I S. 242. 



Friedrichs d. Gr. „La guerre des conf^ddr^s". 189 

zuletzt angeschlagen, satt: „Ich Schwätzer, dem die Gicht 
alle zehn Finger knebelt, muss ich nicht über die Aus- 
geburten meiner dichterischen Phantasie erröten ? Meine 
Schmerzen sind die Strafe dafür, dass ich euch im Stile 
der Zeitungen ebenso törichtes Zeug wie diese erzähle. 
Morgen aber werde ich zu eurer Unterhaltung etwas 
bringen, woran ihr Freude haben werdet". So werden 
wir auf den Inhalt des nächsten Gesanges vorbereitet, in 
dem Friedrichs Satire ihren Höhepunkt erreicht 

Die Launenhaftigkeit des Schicksals ist das Thema, 
welches in der Einleitung zum 4. Gesänge behandelt 
wird. Wer wüsste nicht schon, wie bunt das Bild des 
Lebens sei durch den raschen Wechsel des Glückes? 
Welche Lehre könne man also daraus ziehen, wenn 
Fortunas Gunst auch einmal einem Dummkopf lächle? 
Nur eben die, dass es auf die Dauer langweilig sei, immer 
wieder zu hören, dass rohe und niedriggesinnte Kriegs- 
knechte, denen tausend andere Narren folgten, auch im 
Kampfe feige seien und von Misserfolg zu Misserfolg 
taumelten. Es habe daher nicht viel zu bedeuten, wenn 
ein sarmatischer Räuber sich für einen Augenblick eines^ 
Vorteils rühmen könne. 

Damit kehrt die Erzählung zu Kasimir Pulawski 
zurück. Er ist von seinen letzten Erfolgen berauscht; 
stolz streicht er seinen schmutzigen Schnurrbart, wenn 
er an den Sieg über die Bauern und an die reizende 
Frau denkt, die er dem Schlossherm entführt hat Aber 
weit und breit ist das Land verwüstet und alles Vieh 
fortgetrieben. Allmählich beginnen die Konföderierten 
selbst Not zu leiden. Da schlägt Zaremba, müde die Ebene 
zu dxu-chstreichen, vor, sich in dem Kloster Czenstochau 
festzusetzen. „Wir brauchen*, sagt er, „einen befestigten 
Ort, wo wir unserer Haut sicher sind, und wohin wir 
aus weiter Nachbarschaft unsere Beute zusammenbringen 
können. In Czenstochau wird die heilige Jimgfrau sich 
und uns schützen und die Angriffe der Kosaken zu 
Schanden machen." Der Vorschlag wird gebilligt und 
alsbald der Marsch angetreten. 



J[90 G. Pciser. 

Dicke Mönche kommen ihnen zur Begrüssung ent- 
gegen; man sitzt im Refektorium nieder und trinkt den 
Klosterwein. Aber als der Rausch ihre Sinne verwirrt 
hat, bricht um die Geliebte Pulawskis Streit aus; jeder 
will sie in seine Arme ziehen. Wütend reisst Pulawski 
-seinen Säbel aus der Scheide und haut auf die Mönche 
ein. Da stürzt bleich und verstört ein Knecht herein und 
ruft sie zu den Waffen: die Russen sind im Anmarsch; 
sie werden von Drewitz geführt, der immer auf der 
Lauer und von allem, was vorgeht, unterrichtet ist. Er 
iennt seine Leute und weiss genau, dass man im Refek- 
torium trinkt und in den Gassen sich schlägt In einem 
Augenblick ist die Festung umzingelt und eng einge- 
schlossen. Die Streitenden lassen Pulawskis Geliebte 
fahren und stieben auseinander; in einem Winkel der 
Festung hocken sie nieder und wagen nicht, auch nur 
die Nasenspitze über die Mauer zu stecken, aus Furcht, 
dass man sie ihnen abschneide. 

Fast ohne Übergang werden wir hier aus dem Früh- 
jahr 1769 in den Winter 1770 geführt. Der burlesken 
Klosterscene, die Friedrich schildert, liegt villeicht der 
Widerstand zu Grunde, den die Mönche bei der Besetzung 
ihres Klosters geleistet haben. Czenstochau war stark 
befestigt und durch eine Garnison geschützt; so hofften 
die Mönche, gleichsam neutral bleiben und sich sowohl 
der Russen wie der Konföderierten erwehren zu können. 
Nur durch einen Handstreich gelang es Pulawski, 
Czenstochaus sich zu bemächtigen ^). 

Bei der Beschreibung des nächtlichen Sturmes, die 
nun folgt, hat Friedrich vielleicht an einen Bericht Benoits, 
seines Gesandten in Warschau, vom 16. Januar 1771 ^ 
gedacht „Nach dem Rapport des Obersten Drewitz — 
meldet Benoit — hat dieser, nachdem er seine Bomben 
verbraucht, in der Nacht vom 8. auf den 9. einen Sturm 
versucht; dabei zeigten sich jedoch die Leitern um einige 



1) Rulhidre IV S. 102 fg. 

2) Geh. St. A. Berlin Rep. 9. Nr. 27. 



Friedrichs d. Gr. „La guerre des confed^r^s". 191 

Toisen zu kurz, so dass alle Anstrengungen, den Platz 
zu ersteigen, fruchtlos waren." 

Was hat nun aber Friedrichs Satire, die auch in 
religiösen Dingen vor nichts zurückschreckt, aus diesen 
ivenigen Worten gemacht! 

„Wird die heilige Jungfrau," fragt der Dichter 
emphatisch, „dulden, dass ruchlose Schismatiker ihr 
Heiligtum erstürmen, sie beschimpfen und daraus ver- 
treiben?" Maria, die Königin des Himmels, weiss genau, 
was Drewitz beabsichtigt; entschlossen, sein Vorhaben zu 
vereitehi, bittet sie Christus um seinen Beistand. Mit den 
Werkzeugen, die einst Joseph gebraucht habe, möge er 
seiner Mutter helfen, die Russen abzuwehren. Christus 
nimmt Hobel und Säge, und beide schweben hernieder. 
Es ist dunkle Nacht, und Drewitz nähert sich mit seinen 
Soldaten, welche Sturmleitern tragen, der Festung. Aber 
Christus sägt die Leitern durch, und als sie angelegt 
iverden, reichen sie kaum bis zu halber Höhe. Zu gleicher 
Zeit kommt ein so lebhaftes Feuer von den Schanzen, 
dass Drewitz sich zurückziehen muss. Pulawski glaubt 
in seiner Einfalt, dass die Rettung Czenstochaus sein Werk 
sei; aber die Mönche erfahren bald durch Inspiration 
den wahren Sachverhalt, und in kurzem erzählen sich 
alle Frommen im Lande, dass die Jungfrau für ihr Heilig- 
tum ein Wunder getan habe. Auch die Konföderierten 
halten jetzt für ratsam zu verkündigen, dass Gott selbst 
für sie streite, und Pulawskis Geliebte zündet der Jung- 
frau eine Kerze an, weil sie sie vor den Russen bewahrt 
habe. 

Noch sind die Konföderierten voll Freude über ihren 
wunderbaren Erfolg, da kommt vom türkischen Kriegs- 
schauplatz eine Nachricht, die sie aus allen Himmeln 
stürzt. Der Grossvezier und sein gewaltiges Heer sind 
von Galizin geschlagen worden; die Russen haben einen 
vollständigen Sieg davongetragen. Mit einem Schlag ist 
die Situation gänzlich verändert. 

Es ist der Sieg des Fürsten Alexander Michailowitsch 
Galizin bei Chocim am 18. September 1769, der hier 



192 G. Peiser. 

berührt wird. Bei dem Versuche des Grossveziers^ 
Moldawandschi Ali Pascha, sein Heer über den Dnjestr 
nach Podolien zu führen, riss der hochgehende Strom 
die leichtgebaute Brücke fort 10 — 12000 Türken, welche 
den Fluss bereits überschritten hatten, waren dadurch von 
den übrigen abgeschnitten und Mmrden von den Russen 
mit leichter Mühe niedergemetzelt. Der osmanischen 
Hauptarmee aber, die den Untergang ihrer Brüder nicht 
hatte verhindern können, bemächtigte sich ein so panischer 
Schrecken, dass sie in wilder Flucht der Donau zueilte 
und auch jenseits derselben nur zum kleinsten Teil wieder 
gesammelt werden konnte ^). 

Natürlich weiss Friedrich ganz genau, dass die 
Nachricht von dieser Niederlage längst nach Polen ge- 
drungen war, ehe Pulawski sich in Czenstochau festsetzte. 
Wenn er Galizins Sieg trotzdem erst jetzt erzählt, so 
mag die Rücksicht auf eine — ich möchte sagen: drama- 
tische Wirkung ihn dazu veranlasst haben. Er will uns 
die Konföderation, die durch den Ausbruch des Türken- 
krieges in eine neue, glücklichere Phase trat, erst in ihrem 
höchsten Triumphe zeigen, ehe er den Rückschlag 
schildert, der mit der Schlacht bei Chocim begann. 

Friedrich verweilt bei der Beschreibung des russischen 
Sieges nicht. Die Versuchung dazu weist er mit ähnlichen 
Worten zurück, wie in jenem Briefe an Voltaire vom 
18. November 1771, der die Sendung der beiden ersten 
Gesänge begleitete. „Verstünde ich, die Trompete zu hand- 
haben (d. h. im Stile des ernsten Epos zu schreiben), so 
würde ich diesen Galizin feiern, den Sieger über die 
Türken. Aber ich bin nicht so dreist, mit meiner scharfen 
Pfeife das schöne Solo einer so herrlichen Waffentat vor- 
tragen zu wollen. Nur das Lächerliche gehört zu meiner 
Kompetenz.* 

Er wendet sich also sofort der Schilderung des ge- 
waltigen Eindrucks zu, den der russische Sieg in ganz 
Europa hervorgerufen habe. Alle, welche den Russen 



^) Vgl. Herrmann V S. 612. 



Friedrichs d. Gr. „La gaerre des conf^dtfr^s*'. 193 

günstig gewesen seien, hätten sich gefreut, dass die 
Feinde der Künste und Wissenschaften bei Chocim 
ihren Lohn empfangen hätten. Die Gregner der Russen 
aber seien ganz bestürzt gewesen. Sie hätten das Gleich- 
gewicht, welches erforderte, dass Mustapha unabhängig 
und frei sei, für bedroht gehalten und ihn im Geiste 
schon aus seinem Serail vertrieben gesehen, — offenbar 
eine spöttische Anspielung auf den Fürsten Kaunitz, zu 
dessen politischen Axiomen es gehörte, dass das Gleich- 
gewicht der Mächte im Osten um keinen Preis gestört 
werden dürfe. 

Nim vergleiche man aber damit wiederum Friedrichs 
Memoiren! 

Wie weit ist doch der. Ton, den er hier (S. 26) an- 
schlägt, von der Bewunderung entfernt, die er in dem 
Gedichte zur Schau trägt! „Die Generäle Katharinas", 
spottet er, „verstanden kaum die Grundbegriffe der Lager- 
kimde imd Taktik, aber die Generäle des Sultans waren 
noch imwissender und unter Blinden ist der Einäugige 
König.« 

Den grossen Eindruck der Schlacht leugnet er natür- 
lich auch in den Memoiren nicht, gibt aber unumwunden 
zu, dass die raschen Erfolge der Russen Preussen nicht 
weniger beimruhigt hätten als Österreich und die übrigen 
europäischen Mächte: Preussen hätte fürchten müssen, dass 
sein Verbündeter zu mächtig werden und ihm mit der 
Zeit ebenso Gesetze vorschreiben würde wie den Polen. 
Der in der Dichtung herrschenden Tendenz entspricht 
es, dass in ihr solche Besorgnisse weit zurücktreten, und 
nur die reine, imgemischte Freude über den russischen 
Sieg zum Ausdruck kommt 

Vor allem schwelgt der Dichter in der Schilderung 
der Bestürzung, welche die türkische Niederlage bei dem 
Papste imd bei den Konföderierten hervorruft Der ganze 
Rest des Gesanges ist ihr gewidmet. 

In den Mauern Roms — erzählt Friedrich — herrscht 
Klage und Verzweiflung: der Papst ist so entsetzt, als wenn 
der Blitz den Vatikan in Flammen gesetzt hätte. Er sieht in 

Zeitschrift der Hist. Ges. fflr die Prov. Posen. Jahr^. XVIII. 18 



194 G. Peiscr. 

der Niederlage der Türken die Hand des Teufels und 
lässt gleich am folgenden Tage Prozessionen veranstalten 
und an allen Altären für die Sache seiner Verbündeten 
beten. Selbst der plötzliche Tod Clemens* XIII. wird von 
dem Spötter auf den Schreck über die Unglücksbotschaft 
zurückgeführt, obwohl der Papst schon einige Monate früher 
— am 2. Februar 1769 — gestorben ist 

Nicht minder drastisch ist die Trauer der Polen ge- 
schildert „Wieviel Tränen vergossen die armen Kon- 
föderierten! Ihren Händen droht die Waffe zu entsinken. 
Einst, klagen sie, waren die Türken unsern Ahnen 
furchtbar; aber als sie unsere Bundesgenossen wurden, 
haben die Russen sie zerstreut, wie der Wind den Sand 
verweht Die Palatine in Eperies sind ganz ratlos. Der 
Erfolg Pulawskis ist aus ihrem Gedächtnis wie weg* 
gewischt; kummervoll fragt einer den andern: „Was können 
wir nun noch tun? Was bleibt uns übrig?* Doch keiner 
weiss Antwort zu geben.** 

König Stanislaus dagegen, zu dem die Erzählung nun 
zurückkehrt, ist über die plötzliche Wendung der Dinge 
hoch erfreut Er ist ruhig in Warschau gebUeben und 
sagt jetzt vergnügt: „Man schlägt sich vortrefflich für 
mich an den Ufern des Dnjestr und in der Moldau; diese 
guten Russen lassen für mich ihr Leben. So bin ich König 
und werde es bleiben!" 

Als Friedrich diese Zeilen schrieb, war die Liebe 
Katharinas zu Poniatowski längst einem Gefühle der 
Missachtung gewichen. Sie hatte ihn aufgefordert, sich 
zu der Armee zu begeben, die gegen die Türken 
auszog; aber wie hätte der genusssüchtige Mann sich 
plötzlich in einen Kriegshelden verwandeln können? In 
cynischer Selbstverspottung fragte er den russischen Ge- 
sandten mit einem Citat aus Boileau: „Ist dir ein Gott 
bekannt, der solch ein Wunder tut^)? 

Der Hinweis auf dieses jämmerliche Scheinkönigtum 
bildet den — freilich etwas sprunghaften — Übergang zu 

1) „Connais — tu an dieu, qui fasse tel prodige?* Rulhi^reHI 
S. ia8. 



Friedrichs d. Gr. „La guerrc des confddörds". 195 

den Betrachtungen, welche den folgenden Gesang einleiten. 
Es sind melancholische Reflexionen über das vermeintliche 
Glück der Fürsten, wie sie Friedrich in den Jahren zu- 
nehmender Vereinsamung nicht selten aussprach^). 

i^Wenn von einem Fürsten die Rede ist, wünscht ein 
jeder: „Wäre ich doch an seiner Stelle!* Armer Tor! 
Wenn du es wärest, würdest du bald erkennen, wie sehr 
der Glanz dich getäuscht hat ^ . Was wäre denn dein 
Vorteil, wenn man eines Tages dein Haupt mit einer 
Krone beschwerte? Würdest du darum fetter oder besser 
genährt sein, ein tüchtigerer Zecher oder ein rüstigerer Ehe- 
mann? Würdest du darum gesünder sein? Freund, glaube 
mir, die Menschen sind gleich! In jedem Stande erfährt 
man in richtiger Mischimg den Wechsel des Guten und 
Bösen. Was liegt also an der Maske, die du trägst, 
wenn das Schicksal treulos seine Woltaten in Heim- 
suchungen verwandelt? Freude und Tränen sind immer 
die gleichen*. 

Glücklich preist der Dichter den, dem ein bescheidenes 
Los zuteil geworden. Wer kenne ihn, wer wisse, dass 
er atme; das Dunkel seines Standes schütze ihn vor bös- 
willigem Neid. Niemand zerfleische ihn in spöttischen 
Versen. Aber die Regenten eines grossen Staates 
seien gute und schmackhafte Bissen; wie Raben 
stürzten sich auf sie die tintenklecksenden Satiriker. 
„Ein König ärgert sich darüber, und verwünscht diese 



1) Vgl. z. B. die poetische Epistel an d'Alembert vom 22. Ok- 
iober 1776. Oeuvres XIV S. 113, welche den gleichen Gedanken 
folgendermassen variiert: „Als idi König wurde, wollte ich meinen 
Namen unsterblich machen, ohne zu bedenken, dass die Menge, die 
im Schmutze verdummt ist, Lob und Tadel nach Willkür spendet. 
Arbeit und Sorgen füllten mein Leben aus. Die Kunst des Regierens 
wurde mein vornehmstes Studium. Ich glaubte, dass em Genie, wenn 
es seine Anstrengungen verdoppelte, wenn es alle Möglichkeiten 
kombinierte, das Schicksal meistern könnte. Aber dieser Rang, 
diese Macht hindern sie, dass wir Menschen bleiben, Sklaven des 
Schicksals? Ob wir in Purpur gehüllt sind oder in grobes Tuch, 
das Unglück verschont uns nicht. Der eine weint auf dem Throne, 
der andere in seiner Hütte". 

18* 



196 G. Peiser. 

Hallunken. Du in deiner Hütte lachst bei Tische 
darüber; du kennst deine wahren Freunde. Verwandte 
und Nachbarn lieben dich ohne Hintergedanken. Aber 
ein König ist von unterwürfigen Höflingen umgeben, deren 
falscher Eifer ihn belästigt; sie lieben ihn nicht, sie beten 

nur sein Glück an Höre also nicht auf die 

Sirenenstimme, die dich nur gegen das allen Menschen 
gemeinsame Schicksal erbittern will, wenn sie dir den 
Prunk der Welt verführerisch schildert! Mache es wie 
Odysseus, setze ruhig deinen Weg fort!* 

Jetzt erst kehrt Friedrich zu dem Ausgangspunkte 
seiner Betrachtungen zurück, aber nur, um neuen Spott 
über das Haupt des armen Stanislaus zu ergiessen. 
„Wenn Dir** — redet er den Leser an — „meine Aus- 
führungen übertrieben erscheinen, so richte die prüfenden 
Blicke auf Stanislaus, den traurigen König von Polen 
Wie leidet er unter Verdriesslichkeiten, wie wird er von 
Arbeit erdrückt! Kann man ihn in Wahrheit glücklich 
nennen?" 

So hatte Friedrich geschrieben, als ihm am 13. November 
eine Depesche Benoits überreicht wurde, welche, in 
frühester Morgenstunde des 4. November abgefasst, ein 
Ereignis meldete, das den König in die grösste Erregung 
versetzen musste. Als Stanislaus August am Abend des 
dritten November von einem Besuche seines Oheims nach 
seinem Palais zurückkehrte, war sein Wagen von iz 
bis 15 Verschworenen überfallen, ein Haiduk nieder- 
gestreckt, der König selbst aus dem Wagen gerissen und 
in wilder Eile aus Warschau herausgebracht worden. Man ge- 
dachte, ihn nach Czenstochau zu führen, wo er ein willen- 
loses Werkzeug in den Händen der Konföderierten 
gewesen wäre. — Wie sehr wäre die Lage der Dinge in 
Polen verändert worden, wenn dieser Anschlag 
gelimgen wäre! 

Aber schon um acht Uhr morgens konnte der Ge- 
sandte seiner Depesche die Nachschrift hinzufügen, dass 
der König sich wunderbarerweise wieder in seinem 
Schlosse eingefunden habe. Durch eine Verkettung merk- 



Friedrichs d. Gr. ,»La gaerre des conf^d^r^s". X97 

würdiger Umstände war er schliesslich in einem Walde 
unweit Warschau mit einem der Verschworenen, Namens 
Kosinski ^X allein zmUckgeblieben. An diesem erprobte 
er seine hinreissende Beredsamkeit, und es gelang ihm, 
Kosinski zu bewegen, ihn nach Warschau zurückzubringen ^• 

Friedrichs Werk war soeben vollendet; aber un- 
möglich konnte er an einem Ereignis, das in ganz Europa 
das grOsste Aufsehen erregte, stillschweigend vorbei- 
gehen ^. Er schob daher an dieser Stelle einige Worte 
ein: ,»Von seinem Herde entführt ihn in der Nacht ein 
barbarischer Mörder, imd mit seltenem Glück entzieht er 
sich dem Arm des Rasenden. '^ 

Dann aber verfallt er sofort wieder in seinen alten 
T(Hi. ^Ach guter König, ich muss mich selbst anklagen« 
dass ich dich manchmal zu hart behandelt habe. Ich 
bin ganz zerknirscht; meine unversohämte Muse hat dich 
mit ihrem beissenden Stile zerfleischt Ich will mich 
sofort auf den Weg nach Czenstochau machen, um dort 
Kirchenbusse zu tun/ 

Der Dichter nimmt nun den Faden seiner Erzählung 
wieder aui j^Dieser gute König auf seinem wenig festen 
Throne ist noch nicht am Ende seiner Leiden angelangt; 
denn die Palatine in Eperies denken nur an den Ruin 
ihres Vaterlandes/ Augenblicklich sind sie freilich in 
arger Not; denn die Niederlage der Türken in der Moldau, 
ihre Flucht und die lange Untätigkeit, die darauf folgt, 
hat sie ihrer festesten Stütze beraubt Da erhebt sich 
unter ihnen der Bischof von Krakau, ab wenn er plötzlich 
aus dem Schlafe aufführe, und schlägt vor, wiederum die 
Hilfe der Sottise anzurufen. 

Wir erwähnten schon, dass Kajetan Sottyk, der 
Bischof von Krakau, seit Oktober 1767 zusammen mit 
Zahisld in russischer Haft war. Er kann also nicht in 



1) Schiller hat diesem Manne in seinen .RAubem* ein DenknuiJ 
gesetzt 

S) 8. Hermunn V S. 503. 

^ Friedrich an Voltaire vom la. Januar 177a. (Oeavres XJUli 
S. 334. 



198 G. Peiscr. 

Eperies gewesen sein. Es mag auffallend erscheinen, dass 
der Dichter aus dem gesamten polnischen Episkopat nur 
eben die beiden Männer heraushebt, welche an der 
Konföderation teilzunehmen faktisch verhindert waren. 
Aber wenn es ihm, wie wir sahen, bei einem Werke dieser 
Art auf historische Treue im einzelnen überhaupt nicht 
ankam, Welche geeigneteren Repräsentanten der religiösen 
Intoleranz, die er geissein wollte, konnte er finden als 
diese beiden, deren heftige Opposition gegen die Dissiden- 
ten ein so hartes Schicksal über sie heraufbeschworen 
hätte? Soltyk wird übrigens in dem Gedichte etwas 
besser behandelt als Zaluski, wie er denn auch von den 
Russen eine Zeit lang milder beurteilt wurde als dieser^). 
Friedrich tadelt zwar auch seinen religiösen Fanatismus, 
nennt ihn aber sonst einen Biedermann« 

Es^folgt nun eine köstliche Scene: die Verhandlungen 
der Konföderierten mit der Sottise. Wem wehte, wenn 
er sie liest, daraus nicht der Geist entgegen, aus dem 
Lessing die Gestalt seines Riccaut de. la Marlinifere schuf! 
Eine starke nationale Empfindung kommt darin zu 
ghlcklichstem Ausdruck. 

Durch das inbrünstige Gebet der Palatine herbei- 
gerufen, erscheint die Göttin imd nimmt unter ihnen 
Platz. Sie tröstet die Verzweifelten: „Ich will, dass das 
Schicksal euch endlich begünstige. * Ich werde an eure 
Spitze einen tapferen Krieger stellen, der. diese hoch- 
mütigen Russen ausrotten wird. Noch besitze ich fromme 
Anhänger. Ich habe den vortrefflichen Soubis^ und hundert 
andere Helden, die von den Franzosen verehrt werdein. 
Rossbach und Krefeld verkünden ihren Ruhm; Velling:- 
hausen ^ und Minden und hundert andere Orte sind die 
Zeugen, die ihren Ruf begründen, dessen ^.Widerhall sich 
bis. zum Himmel erhebt. ** 

Aber der Vorschlag der Sottise findet zunächst den 
lebhaftesten Widerspruch. „Das ist ein Schimpf, eine 

1) 6. Beer n S. ai6. 

") Hier wurde Brogtie am 15. Juli 1761 von Ferdinand voa 
Braunschweig geschlagen. 



Friedrichs d. Gr. „La guerre des conftfd^res". 199 

' Beleidigung", braust Pulawski auf. Zaremba brummt 

I zwischen den Zähnen: „Ich will keinen Franzosen zum 

' Kommandanten/ — „Heiliger Rochus, koste es, was es 

wolle, ich werde nicht dulden, dass diese Franzosen allein 
über die bettelhaften Dissidenten und den König trium- 
phieren**, ruft zornig Oginski. Er hat, sagt der Dichter, 

^ aus der Feme alles gehört — eine Andeutimg davon,-, 

dass der Grossfeldherr von Lithauen sich damals noch 
nicht öffentlich für die Sache der Konföderierten erklärt 
hatte. — Doch die Sottise weist alle Einwendungen der 

^ Polen kategorisch zurück, indem sie ihnen mit emem 

Citat aus einem Werke des Jesuiten Dominique Bouhours 

^ die Inferiorität aller Völker gegenüber den Franzosen zu 

Gemüte führt. 

„Polen", sagt sie, „katholisches Volk, solltet ihr noch 
niemals den guten Pater Bouhours gelesen haben? Dieser 
Bouhours war ein grosses Orakel, und er sagt ganz 

^ richtig: es sei ein , wahres Wunder, aber in der Tat noch 

niemals da gewesen, dass ein armer Sterblicher ausser- 

' halb Frankreichs Esprit besessen habe. Paris ist die un- 

geheure Vorratskammer davon. Suchen wir also dort Esprit 
und Helden, an denen es uns fehlt, um unser Schicksal 
zu verbesseml" ^) Solchen Gründen vermögen die Kon- 
föderierten nicht zu widerstehen, und es wird beschlossen, 
Wielochorski nach Paris zu entsenden, damit er von dort 
„den Phönix der Krieger* hole. 

Die Verhandlungen des bevollmächtigten Gesandten 
der konföderierten Republik mit dem Herzog von Choiseul 



}) Vgl. damit die hübsche Stelle in dem Schreiben an 
d*Alembert, wo Friedrich den seiner Zeit von den Franzosen ge- 
feierten Kritiker und Biographen — Dominique Bouhours lebte von 
1636—1702 — folgendermassen abfertigt: .Wir Deutsche haben 
nach dem treffenden Urteil des guten Pater Bouhours kaum eine 
Anlage. zur Poesie, am wenigsten zum Heldengedicht Wir besitzen 
nur den groben Instinkt des gesunden Menschenverstandes, und 
unser Pegasus hat keine Flügel. Ich könnte Ihnen sagen, was van 
Haren Voltaire antwortete, als dieser dessen Leonidas lobte: ,yMeine 
Verse sind gut, denn ich habe gar keine Phantasie.' (Oeuvres XXIV 
8.624.) 



aoo G. Peiser. 

geben Friedrich Gelegenheit, ein Charakterbild des 
mächtigen Mannes zu zeichnen. Es stimmt mit dem in 
den Memoiren (S. 21) entworfenen durchaus flberein. 
j^Er geizt nach Lorbeem, wie er sie in Avignon und 
Korsika gepflückt hat* — die päpstliche Stadt und die 
von den Genuesen abgetretene Ihsel waren kurz zuvor 
dem französischen Reiche einverleibt worden. „Er ist 
der Urheber aller Intriguen, ein Narr, aber voll EsiHit; 
ganz den Vergnügungen hingegeben, lenkt er doch alles 
in Frankreich nach seinem Willen.* 

Choiseul klagt dem polnischen Gesandten sein Leid 
über das Missgeschick der Türken. ,» Welche Unverschämt- 
heit*, sag^ er, „dass ein Galizin, ohne mit mir vorher 
davon zu sprechen, ohne von mir dazu Erlaubnis zu 
haben, unsere Verbündeten, den Grossvezier und sein 
Heer, vom und hinten schlägt!* Er habe sich daher ent- 
schlossen, den Baron Viomenil nach Polen zu senden; der 
werde den prahlerischen Hochmut der Russen nieder- 
schlagen. Wielochorski bittet noch recht viel gute 
Louisd*or hinzuzufügen; denn die polnischen Helden seien 
arm. Auch darein willigt Choiseid. Er ist voll Hoffnung 
auf einen guten Erfolg: ,JM[öge die Welt zerrüttet werden", 
ruft er aus, „desto heller wird der Ruhm Choiseuls und der 
Franzosen erstrahlen!" „Viomenil — heisst es in dem 
Gedichte weiter — reist ab, und Bataillone von Gaffern 
folgen ihm, Toren, die, ohne zu wissen warum, bei Lands- 
kron für ihren König kämpfen wollen.* 

Diese Worte enthalten eine tatsächliche Unrichtigkeit 
Der Baron Viomenil ist erst im Herbste 177 1 nach Polen 
gekommen, also mehrere Monate nach dem am 24. De- 
zember 1770 erfolgten Sturze des Herzogs von ChoiseuL 
Nicht er, sondern der Oberst Dumouriez — es ist der* 
selbe, der ^äter in den Koalitionskriegen so bedeutend 
hervortrat ^- hätte hier genannt werden müssen. Er 
war es, der die Schlacht bei Landskron am 22. Juni 1771 
verloren hat Aber wie der Dichter die Bischöfe von 
Kiew und Krakau, auch nachdem sie von dem Schauplatze 
ihrer Tätigkeit gewaltsam entfernt sind, noch eine so 



Friedrichs d. Gr. „La guerrc des conf^d^r^s'*. 20I 

hervorragende Rolle spielen lässt, so scheut er sich nicht, 
den Baron Viomenil, dessen Wirksamkeit in Polen zur 
Zeit der Abfassung des Gedichtes eben erst begann, dadurch 
lächerlich zu machen, dass er ihn schon in die unglück- 
liche Affäre von Landskron mitverwickelt. 

Die Situation selbst ist richtig gezeichnet Bei der 
ohnmächtigen Schwäche Frankreichs ausser stände, den 
Russen direkt den Krieg zu erklären, zettelte Choiseul 
überall in Europa Intriguen gegen sie an und unterstützte 
die Konföderierten durch Subsidien und Entsendung 
französischer Offiziere und Artilleristen. 

Ehe Friedrich jedoch das Auftreten der Franzosen 
in Polen schildert, erzählt er zwei selbständige Aktionen 
der Konföderierten. Auf die chronologische Ordnung 
wird dabei wiederum keinerlei Rücksicht genommen; 
Ereignisse, die neun Monate auseinanderliegen, werden als 
gleichzeitige behandelt 

Friedrich beginnt mit der Schilderhebung des Grafen 
Oginski. 

Wir haben den Grossfeldherm von Lithauen schon 
bei den letzten Beratungen in Eperies kennen gelernt 
Die Worte, die ihm dabei in den Mund gelegt werden, 
verrieten die eifersüchtige Besorgnis, dass die Franzosen 
allein mit den Russen fertig werden könnten. Dieses ganz 
unhistorische Motiv schiebt ihm denn auch Friedrich bei 
seiner Erhebung gegen die Russen im September 1771 unter 

Graf Oginski gehörte zu den Männern, die sich nach 
dem Tode König Augusts IIL Hoffnung auf die polnische 
Krone gemacht hatten. Er besass angenehme Talente 
wie Poniatowski, malte, dichtete und komponierte, hatte 
aber doch auch wirkliche Verdienste aufzuweisen, nament- 
lich um seine lithauische Heimat, in der er fast wie ein 
Souverän auftrat So hatte er unter anderem den Bau 
eines Kanals unternommen, der die Ostsee mit dem 
schwarzen Meere verbinden sollte^). Zum Kriegshelden 
war freilich auch er nicht geschaffen. Von sanftem, fast 



1) Rulhiirc H S. lao. 



202 G. Peiscr. 

schüchternem Charakter, wurde er einzig und allein durch 
das Drängen seiner Freunde bewogen, sich schliesslich 
den Konföderierten anzuschliessen. Nur diese Seite seines 
Wesens tritt in unserm Epos hervor und gibt Friedrich 
Veranlassung, ihn mit Spott und Hohn zu überschütten. 

Ogmski — erzählt er — versammelt '„die Blüte der pol- 
nischen Bettlerschaft" und feuert sie in prahlerischer Rede 
an: seine Wünsche seien erhört; auf ihn seien alle Blicke 
gerichtet; seine Taten würden den Ruhm der alten Helden 
verdunkeln und zu nichte machen. 

Dann aber bricht der Dichter ab, um zunächst den 
Anschlag der Konföderierten auf Krakau im Januar 177 1 
zu erzählen. 

Auch Pulawski und „der tapfere Zaremba, der 
niemals für einen Wassertrinker galt", — berichtet er — 
operieren ganz auf eigene Faust, ohne die Ankunft der 
Franzosen abzuwarten. Wie Don Quixote, der irrende 
Ritter, ziehen sie auf grosse Abenteuer aus. Pulawski 
sucht Krakau zu überrumpeln, wird aber durch das Feuer 
der Russen zurückgetrieben. Fliehend deklamiert er: 
„Der Pole ist tapfer, wenn man nicht auf ihn schiesst 
Das unharmonische Pfeifen der Kugeln hat mir brutaler- 
weise mein Spiel verdorben". Um sein Missgeschick voll 
zu machen, verliert er dabei auch seine Standarte, welche 
als Trophäe nach Petersburg gebracht wird. Mars, die 
Russen und die Liebe verwünschend, verbirgt er seine 
Schande in irgend einem Walde ^). 

Der Dichter kehrt nun wieder zu Oginski zurück. 
Am 6. September 1771 überfiel dieser, der bis dahin den 
Schein der Neutralität gewahrt hatte, unerwartet bei 



I) Vgl. den Bericht Benoits an den König vom 23. Ja- 
nuar 1771. (B. A.): 

Nach dem unglacklichen Anschlage des Obersten Drewitz auf 
Czenstochan hatten die Konföderierten sich in den Kopf gesetzt, sie 
könnten sich Krakaus bemächtigen. Sie hätten infolgedessen die 
Sudt angegriffen, aber der Oberst Ebschclwitz, der die dortige 
Garnison befehligte, habe sie bald wieder nach Hause geschickt 
nachdem er ihnen einige 100 Mann getötet. 



Friedrichs d. Gr. „La guerre des conf^d^r^s". 203 

Redcycza ein Bataillon des Obersten Albutschew und 
nahm es grösstenteils gefangen^). 

Friedrich verschweigt den Vorfall nicht, hat aber 
selbst für die geschlagenen Russen ein lobendes Beiwort, 
während er das Verdienst Oginslds so viel wie möglich 
verkleinert. 

Nicht weit von dem Orte, wo seine Truppe lagert, 
(erzählt er) zieht eine starke Abteilung tapferer Russen 
vorüber, ohne zu ahnen, dass Oginski in der Nähe ist. 
Sie werden überfallen und zerstreut Obwohl Oginski 
also seinen Erfolg nur einem glücklichen Zufall verdankt, 
vergleicht sich in seinem Siegesrausch „das Tier mit dem 
ersten der Cäsaren". 

Man kann sich nach diesen Worten denken, mit 
welchem Behagen der gänzliche Zusammenbruch des 
Unternehmens geschildert wird, der schon wenige Tage 
darauf erfolgte. 

Suworow (erzählt der Dichter) hört in Grodno von 
dem Unglück seiner Waffenbrüder und beschliesst, sie 
sofort zu rächen. Oginski selbst gibt ihm Gelegenheit 
dazu. Er führt seine Truppen in ein Dorf, wo sie plündern 
und sich betrinken. Man denkt nicht daran, Posten auf- 
zustellen; als die Nacht kommt, liegen alle in süsser 
Ruh, sorglos, ohne jede Bewachung. Da erscheint Su- 
worow; im Dunkel der Nacht hat er sich den Eingang 
in das Dorf gebahnt Die Konföderierten, noch vom vorigen 
Tage betrunken, werden mit Knutenhieben aus dem 
Schlafe geweckt In einem Augenblick sind alle ge- 
fangen; nur einer entkommt, „der erste der Cäsaren. ** 

Es ist der meisterhaft ausgeführte Überfall von 
Stolowice in der Nacht vom 22./23. September, der hier, 
von schmückendem Beiwerk abgesehen, im wesentlichen 
richtig geschildert wird. In einem Briefe Oginslds, der 
uns erhalten ist^, wird allerdings auch über Verräterei 



1) Herrmann V S. 499. 

*) Lettres particuliöres du Baron de Viomenil S. i68. Vgl. 
Friedrich von Smitt: Suworow und Polens Untergang. Leipzig und 
Heidelberg 1853. S. 85 fg. 



204 G. Pciscr. 

geklagt. Aber die Hauptschuld misst auch er seinen 
eigenen Truppenführem bei, welche nicht einmal Patrouillen 
auszuschicken für nötig gehalten hätten. 

„Auf solche Weise also," lässtder Dichter den fliehenden 
Oginski wehklagen, „bin ich diesen französischen Hunden 
zuvorgekommen, die bald da sein werden. Man hätte 
mich wie ein Huhn gepackt, wenn ich nicht so vor- 
treffliche Sporen hätte. In Schutt und Trümmer sinkt 
die Republik." 

„Und inzwischen" — heisst es weiter (die Ereignisse 
lagen freilich schon ein Jahr zurück) — „lassen die Russen 
auch die Türken zweimal ihre schwere Hand fühlen, so 
dass sie über die Donau zurückweichen." Dem Plane 
des Werkes gemäss, werden auch diese neuen Erfolge 
der Russen auf dem türkischen Kriegsschauplatze niu* 
eben berührt Gemeint sind die Schlachten vom i8. Juli 1770^ 
wo der Tartarenchan, xmd vom i. August desselben 
Jahres, wo der Grossvezier selbst so empfindlich ge- 
schlagen wurde, dass er über die Donau flüchten musste^)- 

„Tröste dich also über dein Missgeschick, tapferer 
Oginski," schliesst der fünfte Gesang, „denn ein Unglück 
kommt selten allein." 

Mit grellen Farben wird in der Einleitung zum 
sechsten Gesänge nochmals die unglückliche Lage der 
Konföderierten geschildert: Oginski flüchtig, die Türken 
geschlagen, Zaremba imd Pulawski mutlos. Nur die Liebe 
vermag den letzteren noch einigermassen über seine 
Niederlagen zu trösten, wie ja die grOssten Helden — 
sagt Friedrich; er erinnert an den Prinzen Eugen und 
den Grafen von Sachsen — allezeit nach Frauenliebe 
nicht weniger als nach Lorbeem gestrebt hätten. 

In Sack und Asche betet der Dichter für die Sache 
der Konföderation, damit „das in Tränen gebadete Polen 
nicht den nordischen Barbaren unterliege." Nur ein 
Hoffnungsschimmer bleibt den Konföderierten noch: die 
Hilfe der Franzosen. 



1) Herrmann V S. 625 ffg. 



Friedrichs d. Gr. „La guerre des conf6d6rös". 205 

In einer ergötzlichen Scene wird geschildert, wie sie 
daherkommen: in grossem Zuge, mit viel Lärm und 
Geschrei. Sie rühmen sich laut der Heldentaten, die sie 
schon vollbracht haben. Aber während ihre Erzählungen 
sonst grossen Eindruck auf jeden machen, der sie ihnen 
glaubt, merken sie hier bald, dass das nicht möglich ist; 
denn die Polen verstehen ihre Sprache nicht. Sie hätten 
I nun eigentlich mit ihrem Geschwätz aufhören müssen; 

^aber Franzosen* — meint der Dichter — „ist das sehr 
imangenehm; ihre Zunge ging weiter wie eine klappernde 
Windmühle." So verstreichen einige Tage; die Fransosen 
1 schwatzen, die Polen schütteln die Köpfe oder antworten 

f in „ihrer harten Sprache, die niemand versteht." 

I Erst finden die Franzosen die Sache höchst spass- 

' haft; dann aber reisst ihnen die Geduld. Einer macht 

den Vorschlag, nach Hause zurückzukehren; für solche 
Kerle brauche man sich nicht Gefahren auszusetzen. ,,In 
diesem verwünschten Lande," ruft ein anderer, „gibt es 
weder Mädchen noch Kredit Mögen sich diese Bettler 
hier allein herumschlagen!" Er rät, zu den Türken zu 
gehen; sie würden nicht mit Ehren geizen, und jeder 
werde seinen eigenen Harem haben. Alle stimmen ihm 
bei und wollen sich schon, „nur leicht beschwert von 
ihrem Bettelsack," auf den Weg machen, da eilt zum 
Glück Viomenil herbei, imd seinen Vorstellungen gelingt 
es, die aufgeregten Gemüter zu beruhigen. 

Während ihr Mentor noch auf sie einredet — heisst 
es weiter — hört man draussen, vor den Toren von 
Landskron, das Getöse einer Schlacht Dort ist Branicki 
der Führer der königlichen Truppen, mit den Russen 
imter Düring, Bibikow und Drewitz zusammengeraten. 
Die Polen werden geschlagen und fliehen so schnell, dass 
sie den Verfolgern bald aus den Augen kommen. Die 
Franzosen eilen ihnen zu Hilfe. Sie werfen sich auf 
ihre Pferde und stürzen den Russen entgegen. Wider- 
willig folgt ihnen die Hauptmacht der Polen. Als Drewitz 
sie sieht, ruft er: „Das sind Hasen, mit denen ich mein 
Spiel treibe" und lässt einige Kanonen lösen. Schrecken 



2o6 G. Pciscr. 

ergreift die Polen. „Der Donnerton der Kanonen ist ihnen 
lun so unsympathischer, da das Echo der Berge ihn 
wiederholt* Vergebens sucht Viomenil sie zu beruhigen. 
Sie rufen: „Vorwärts auf die Russen I** konzentrieren sich 
aber immer weiter rückwärts. Die Kosaken greifen nun 
ihre gelichteten Reihen an und jagen sie in wilde Flucht. 
Wer von den Franzosen den Polen nicht folgen will, fällt 
den Russen in die Hände. „Ihr Los," sagt Friedrich, 
„wird das der Gefangenen sein; sie werden Sibirien 
bevölkern, wo es bis dahin weder Esprit noch Galanterie 
gab. Dort werden sie Zobeltiere j^^en, um euch, Bojaren 
der Kaiserin, mit Pelzen zu versehen!" Viomenil selbst 
entkommt nur mit grösster Mühe imd flüchtet sich in die 
Karpathen, wo er Russen und Polen verwünscht Pulawski 
und Zaremba nehmen ihr Unglück weniger tragisch; sie 
gleichen (meint der Dichter) Sternen, die einen kurzen 
Augenblick verdunkelt sind. „Sie ertränken ihren Schmerz 
im Wein und morgen werden sie die Niederlage vergessen 
haben." 

Man kann die dichterische Freiheit nicht weiter 
treiben, als in diesem Schlachtbericht geschieht Dass 
nicht Viomenil, sondern Dumouriez am 22. Juni 1771 vor 
Landskron befehligt hat, wissen wir schon; die polnischen 
Krontruppen haben an dem Kampfe überhaupt nicht teil- 
genommen. Ihr Befehlshaber, der General Franz Branicki, 
stand überdies auf Seite der Russen. Vielleicht ist Friedrich 
hier eine Verwechselung mit dem greisen Krongross- 
feldherm Johann Branicki untergelaufen, der die Sache 
der Konföderierten unterstützte. Auch Pulawski und 
Zaremba haben bei Landskron nicht mitgekämpft Der 
erstere hatte Dumouriez, der ihn dorthin beorderte, die 
trotzige Antwort gesandt: er brauche den Befehlen eines 
Fremden nicht zu gehorchen, Dumouriez könne ja, wenn 
er wolle, sich ihm anschliessen. 

Auf russischer Seite ist Drewitz richtig genannt^ 
irrig Bibikow und Düring. Dagegen fehlt der Name 
des Mannes, dessen überlegene Taktik den Sieg entschied^ 
der Name Suworows. Was den Verlauf der Schlacht 



Friedrichs d. Gr. „La guerre des conf^d^rds". 207 

selbst betrifft, — wir haben darüber einen Brief Dumouriez' 
und den Bericht Suworows ^) — so ist richtig, dass die 
vorschnelle Flucht der Polen auch die Franzosen mit- 
fortriss; in kaum einer halben Stunde war der Sieg ent- 
schieden. In den Einzelheiten aber hat Friedrich seiner 
Phantasie vollständig die Zügel schiessen lassen. 

Ganz frei erfunden ist das possenhafte Nachspiel 
der Schlacht; es soll lediglich die Don Quixoterie Oginskis 
noch einmal in helles Licht setzen. 

Von Stolowice war dieser über die Grenze geflohen 
und hatte sich zuerst in Danzig und dann in Königsberg in 
Sicherheit gebracht^). Der Dichter aber lässt ihn, nach- 
dem Lithauen von Suworow unterworfen ist, nach Lands- 
kron gehen. Still und traurig kommt er dort an; sein 
prahlerisches Wesen scheint ganz von ihm gewichen. 
Als er aber hört, dass die Franzosen auch nicht 
glücklicher gekämpft haben wie er, kehrt sein Selbst- 
vertrauen zurück. Er führt die Konföderierten, die ihm 
nur seufzend folgen, nochmals den Russen entgegen« Von 
ferne sieht man eine gewaltige Staubwolke heranziehen — , 
offenbar Truppen, die in guter Ordnung langsam vor- 
rücken. Mit wildem Ungestüm stürzt sich Oginski auf 
sie. Aber der vermeintliche Feind erweist sich als eine 
Hammelheerde, die von einem Händler zu Markte ge- 
trieben wird. Beim*Heransprengen der Polen stiebt sie 
auseinander; die besten Stücke aber werden erbeutet, 
imd froh, wenigstens an diesem Tage gesiegt zu haben, 
kehren die Konföderierten nach Landskron zurück. 

Wie nach der Schlacht von Chocim, folgt nun 
auch jetzt eine Darstellung des Eindrucks, welchen die 
Unglücksbotschaften vom Kriegsschauplatze in Rom 
hervorrufen. 

„Ist es nicht genug'', hört man die Kirche klagen, 
„dass die Encyklopädisten, die ungläubigen oder deistischen 
Philosophen imsere Mauern untergraben, von. denen einst 
Luther schon ein grosses Stück zum Einsturz gebracht 

^) Lettres de Viom^nil S. 18 und 153. v. Smitt & 75. 
1) Rulhi^re IV S. aaa 



2o8 G. Pciscr. 

hat? Die Russen suchen sie noch zu überbieten, und 
die Vernunft wird zum Schrecken der Papisten ihren 
Einzug in Rom halten, und die Köpfe unserer Nepoten 
aufklären." 

„Dem Papste", fährt Friedrich fort, (die Verhandlungen 
über die Aufhebung des Jesuitenordens waren bereits in 
vollem Gange) „war damals noch nicht bekannt, dass der 
Teufel die Gestalt des heiligen Ignatius entlehnt hatte, um 
die Verwirrung anzurichten. Hätte der heilige Vater das 
gleich erfahren, so wäre es sofort mit den Jesuiten ganz und 
gar aus gewesen. Aber der heilige Xaver, der dieses 
Schicksal befürchtete, verhinderte listig, dass Seine Heilig- 
keit damals davon unterrichtet wurde. Mein Leser freilich 
kennt den ganzen Ursprung dieser wunderbaren Begeben- 
heiten besser und weiss, dass der böse Geist, die Jungfrau 
und die Sottise die Urheber dieses Wirrwarrs sind." 

Noch einmal schildert Friedrich nun das Kriegs- 
elend in Polen, wo überall Bauern, Herren und Geistliche 
ausgeplündert würden, um sich dann mit einem überaus 
schmeichelhaften Appell andieKaiserinKatharina zuwenden. 

„Es wäre um diesen grossen Staat geschehen ge- 
wesen, wenn Mord und Kampf noch länger angedauert 
hätten. Aber Vemimft imd Philosophie haben noch er- 
habene Parteigänger. Ihre Stimme wird bei den Scythen, 
im Innern Russlands, von der angebeteten und gesegneten 
Fürstin auf der Höhe ihres Thrones vernommen.. Ihre 
grosse Seele ist gerührt von den Leiden, welche die Welt 
erduldet." Sie ruft den Frieden vom Himmel herab, und 
um Katharinas Willen verlässt er sogleich die Götter. 
Zuerst versöhnt er Katharina und Mustapha. Dann kommt 
er zu „dem Herrn Sarmaten, der zwar immer geschlagen, 
aber doch noch voll eitler Hoffnungen ist," und redet die 
Palatine also an: „öffnet eure Augen, der Teufel treibt 
mit euch sein Spiel. Denn ihr habt euren mächtigen 
Nachbarn, ohne euch etwas dabei zu denken, lange Zeit 
den Tisch gedeckt Jetzt werdet ihr geruhen, es ganz in 
Ordnung zu finden, wenn diese Nachbarn sich den 
Kuchen teilen. Das sind die Früchte eurer Narrheit und 



Friedrichs d. Gr. „La gaerre des confdderes". 209 

eurer Komplotte, ihr Toren! Tröstet euch über diesen 
Frieden, wie er Besiegten diktiert wird, in den Armen 
des Bacchus!** 

Sich dann zu den einzelnen Häuptern der Kon- 
föderation wendend, gewährt der Friedensgott Pulawski 
freien Abzug*). Nur soll ihm seine Geliebte genommen 
und ihrem Gemahl zurückgegeben werden. Über den 
Bischof von Kiew verhängt er die Strafe, die er nun schon 
seit vier Jahren erduldete; er soll in Smolensk über die 
Grenzen von Staat und Kirche nachdenken, d. h. noch 
weiter in russischer Haft bleiben. Zaremba wird wie ein 
gemeiner Verbrecher behandelt: er soll auf die Galeere 
gebracht werden. Oginski erhält den Rat, sich künftig 
auf seine musikalischen Neigungen zu beschränken: „Lege 
die Feldbinde ab, die sich nur für Söhne des Mars eignet; 
^hme nicht mehr den ersten der Cäsaren nach, sondern 
spiele mir wie David auf der Harfe!* 

Es ist ein Zukunftsbild, welches Friedrich am Schlüsse 
.seines Werkes, den Ereignissen vorauseilend, entrollt Im 
Geiste sieht er die beiden Ziele, denen seine Politik damals 
zustrebte, schon erreicht „Als Prophet", schreibt er an 
d'Alembert, „verkündige ich Ihnen den Frieden, obwohl 
er noch nicht abgeschlossen ist"^. Auf die Herbeiführung 
dieses Friedens war seit der türkischen Kriegserklärung 
Friedrichs Diplomatie unablässig gerichtet gewesen. 
Was ihm die Beilegung des russisch-türkischen Krieges 
so wünschenswert machte, war nicht allein der Umstand, 
dass er — dem Allianzvertrage von 1764 gemäss — jähr- 
lich 480000 Taler Subsidien an Russland zahlen musste, 



1) »Polawski, vous allez* In der Tat hat er, 

ab die militärischen Cooperationen der drei benachbarten Reiche 
•die Fortsetzung des Kampfes unmöglich machten, sich im April 1772 
.ans Czenstochau entfernt und ist ins Ausland gegangen. Für die 
Freiheit Nordamerikas kämpfend, ist er später bei Savannah ge- 
fallen. (Herrmann V S. 52t.) 

^ Oeuvres XXIV S. 642. In Wahrheit hat sich der russisch- 
türkische Krieg, durch Waffenstillstand und Friedensunterhandlungen 
freilich lange unterbrochen, bis in das Jahr 1774 fortgeschleppt. 

Zeitschrift der Hist. Ges. fOr die Prov. Posen. Jahrg. XVIU. 14 



2IO G. Pciscr. 

sondern vor allem die Befürchtung, dass ^Österreich für 
die Pforte mit den Waffen eintreten, und Preussen dadurch 
genötigt sein würde, Russland auch militärische Bundes* 
hilfe zu leisten^). Wie atmete er daher auf, als am 
5. September 1771 Maria Theresia in einem unbewachten 
Augenblick dem preussischen Gesandten unzweideutig 
zu erkennen gab, dass von ihrer Seite kein Krieg zu 
befürchten sei^)! Eine wesentliche Vorbedingung für den 
Friedensschluss schien ihm erfüllt, wenn die Pforte sich 
ihrer Isolienmg deutlich bewusst wurde. 

Aber was noch mehr geeignet war, Friedrich mit 
freudiger Zuversicht zu erfüllen: Die Politik hatte einen 
Weg gefunden, die widerstrebenden Interessen Öster- 
reichs und Russlands zu vereinigen und zugleich Preussen 
einen entsprechenden Machtzuwachs zu gewähren. 

Die Teilung Polens wird, — neun Monate vor der 
Unterzeichnung des Petersburger Traktats — in der Rede 
des Friedensgottes bereits offen angekündigt^); sie wird 
hier als die natürliche Folge der Torheit der Pcden,. 
welche geradezu das Ausland dazu herausgefordert hätten, 
aber auch als notwendige Voraussetzung für die Pacifika* 
tion des Landes bezeichnet 

Seit der Rückkehr des Prinzen Heinrich von seiner 
denkwürdigen russischen Reise, also seit dem Februar 1771, 
waren die Verhandlungen Über die Teilung in vollem 
Fluss, zimächst zwischen Berlin und Petersburg*). Wie 
Friedrich aber gerade in jenen Tagen, da er die Ab- 
fassung seines Werkes begann, die politische Lage über- 
haupt auffasste, geht aus seiner Antwort auf ein Schreiben 
des Ministers Finkenstein vom 8. Oktober 1771 mit 



1) Der Inhalt des Vertrages bei Reinhold Koser: König 
Friedrich der Grosse S. 437; vgi. S. 455. 

2) Beer II S. 107, 

3) Natürlich ist der Gesang, der diese Stelle enthält, Voltaire 
und d'Alembert erst geraume Zeit später übersandt worden^ 
crsterem am 16., letzterem am 17. September 1772. 

*) Koser S. 466. 



Friedrichs d. Gr. „La gucrrc des conf6d6r6s". 21 X 

voller Klarheit hervor. Man möchte die Worte als Vor-^ 
rede zu Friedrichs Epos bezeichnen. „Die Briefe aus 
Petersburg sind so günstig als möglich; die aus Wien zeigen 
mehr schlechte Laune, als den vorbedachten Entschluss 
zu schaden; ich glaube, dass die Kaiserin-Königin sich 
schliesslich so weit besänftigen lassen wird, dass sie aus 
Liebe zum Frieden, und um das Gleichgewicht der Mächte 
zu erhalten, ein Stück Polen anzunehmen geruhen wird. 
Diese Teilung wird wahrscheinlich das Ende aller dieser 
Wirren sein^O- 

Diese Situation muss man sich gegenwärtig halten, 
wenn man Friedrichs Dichtung richtig verstehen will. 
Nicht für seine Auffassung von der polnischen Nation ist 
sie von wesentlicher Bedeutung (wer kennt nicht die Miss- 
achtung, die er für die Polen überhaupt empfand!) — 
auch nicht als Quelle für den Konföderationskrieg — wir 
haben im einzelnen nachgewiesen, mit welcher Freiheit 
die Ereignisse behandelt, wie einseitig und nicht selten 
ungerecht die polnischen Führer beurteilt werden. Der 
Wert der Schrift liegt, von dem hohen literarischen Interesse, 
das sie gewährt, abgesehen, darin, dass sie die Stellimg 
Friedrichs des Grossen zu Russland im Herbste 1771 vor- 
trefflich illustriert Sie ist ein heftiger Angriff auf die 
katholische Welt, die den Männern von Bar die lebhaftesten 
Sympathien entgegenbrachte, aber zugleich ein Dokument 
der engen Verbindimg zwischen den beiden Kabinetten^ 
welche damals gemeinsam eine so grosse politische Aktion 
vorbereiteten. Mag es sich um die Kaiserin selbst oder 
die russischen Führer, um die Wahl Poniatowskis oder 
um die Dissidentenfrage, um die Schlachten mit den 



1) Bei Beer II S. 146. Les lettres deP^tersbourg sont aussi favora- 
bles qne possibles, celle de Vienne montrent plus de mauvaise humeur 
quc de Dessein pr^m^dit^ de nuire, et je crois qu' allafin Fimperatrisse 
reine se laissera radoucir au point de Vouloir bien pour Tamour de 
la paiz et de la Bailance des Pouvoirs accepter un morceau de la. 
PoUogne, ce partage sera Probablement la fin de tout ces troubles. 
An Fmkenstein auf der Rtlckseite eines Schreibens desselben vonL 
8. Oktober 1771. (B. A.). 



212 G. Pciscr. 

Türken oder die Gefechte mit den Polen handeln, überall 
wird die Darstellung von dieser Pünneigung zu Russland 
auf das stärkste beeinflusst 

Man begreift es, dass der König später auf den Ge- 
danken gekommen ist, sein Epos der Kaiserin und den 
leitenden Männern am Petersburger Hofe zur Lektüre zu 
übersenden, versteht aber andererseits auch, dass er einige 
Jahre darauf, in seinen Memoiren, eine ganz andere, ob- 
jektivere Auffassung zrnn Ausdruck gebracht hat 





Francesco Lismanino. 

Von 
Theodor Wotschke. 

) elegenüich meiner Forschungen auf dem Gebiete 
der Reformationsgeschichte der Provinz Posen 
ist mir reiches handschriftliches Material über 
diesen ehemaligen Minoritenprovinzial und Beichtvater der 
Königin Bona Sforza und späteren kleinpolnischen pro- 
testantischen Theologen in die Hände gefallen. Es schien 
mir um so zweckmässiger, dieses zu einer Biographie zu- 
sammenzustellen, als die Literatur eine solche bisher 
noch nicht bietet, und man bezüglich Lismaninos noch 
immer auf Lubieniecki*) und die wenigen Daten bei Sand^) 
angewiesen ist Der gelehrte Königsberger Konsistorialrat 
und Oberbibliothekar Samuel ßock^) wollte in seinem Werke 
über die Antitrinitanier ausführlicher über LismaninosLeben 
und Schriften berichten, aber wie sein gross angelegtes 
Werk imvollendet geblieben ist, so hat er auch diesen 
Vorsatz nicht ausgeführt. Dies ist um so mehr zu bedauern, 
als Bock über ein grosses jetzt verloren gegangenes hand- 



i)Labieniedus:Historia reformationisPolonicae. Freistadii 1685. 
DaLubieniecki eine Reformationsgeschichte des Sekretärs Laskis und 
Lismaninos Stanislaos Budzinski im Manuskript vorlag, gibt er 
allenthalben sichere Nachrichten und ist seine Arbeit eine vorzttgliche 
reformationsgeschichtliche Quelle. 

^ Sandius: BibliothecaAnti-Trinitariorum. Freistadii 1884.8.34!. 

^ Fr. Samuel Bock: Bibiiotheca Antitrinitariorum mazime 
Socinianorum. Königsberg und Leipzig 1774. Bd. I S. 436 »vitam 
Lismanini in hist Socin. Polon. et Pmss. fuse ezposituri sumus''. 
Im vierten Bande seines Werkes wollte er dies unter Benutzung 
seiner schon 1754 erschienenen historia Socinianismi Prussici tun, aber 
Aber den zweiten Band ist das Werk überhaupt nicht hinausgekonmien. 



214 Theodor Wotschke. 

schriftliches Material, vor allem über die Synodalakten der 
Socinianer verfügte und sichere Auskunft hätte geben 
können, ob Lismanino mit Recht den Antitrinitariem zu- 
zurechnen ist. Salig^) sagt: „Man setzt Lismaninum nebst 
Ochino in die Klasse der Socinianer; von dem Letzteren 
bin ich gewiss versichert, dass er kein Socinianer gewesen*. 
Ich hoffe den Nachweis führen zu können, dass auch 
Lismanino zu unrecht den Antitrinitariem zugezählt wird. 
Francesco ist 1504 von griechischen Eltern auf Korcyra 
geboren. Seine frühste Kindheit verlebte er in Italien, und 
wie viele Bürger dieses Landes in jener Zeit in Polen eine 
neue Heimat suchten, so zogen auch seine Eltern gewiss 
noch vor 1515 mit ihm nach Krakau^. Welche Beweg- 
gründe ihn hier Mitte der zwanziger Jahre bestimmten, in 
«ein Franziskanerkloster einzutreten, wissen wir nicht; der 
Schritt ist schwer verständlich, da Lismanino damals schon, 
wie er am 29. Dezember 1556 Georg Israel erzählte, in- 
folge der heimlichen Lektüre der Schriften Luthers an 
den Lehren der römischen Kirche irre geworden sein will. 
Schnell stieg er zu Ehren und Würden empor. Ec wurde 
Beichtvater der Königin Bona, die als Tochter des Herzogs 
Sforza von Mailand die Italiener sehr begünstigte, und 
durch ihrenEinfluss 1540 Provinzial aller polnischen Franzis- 
kaner- und Klarissenklöster; auch erhielt er die reichen Ein- 
künfte der Pfründe Czechow im Krakauer Palatinat über- 
wiesen. Seine einflussreiche Stellung führte ihn mit allen 
kirchlichen und weltlichen Würdenträgem Polens zu- 
sammen; mit verschiedenen war er eng befreundet, mit 



1) Saug: Historie der Augsburgischen Konfession. Halle 1733. 
II 572. 

^ In der Widmung des Buches Traiedya o Mszey an Fürst 
Nikolaus Radziwill 1560 berichtet Lismanino, dass er obwohl ein Sohn 
<ies fernen Phäakenlandes seit seiner Jugend in Polen gelebt habe 
und deshalb die polnische Sprache beherrsche. Bischof Zebrzy- 
dowski schreibt in einem Krakau, den 23. Januar 155a, datierten 
Briefe über Lismanino: „singulariter eum semper complexus fui eiusqne 
dignitatem et fortunas habui carissimas, iam inde cum paene 
a pueris nos inter nos familiarissime amaremus, iisdem studiis 
operam daremus*. 



Francesco Lismanino. 215 

den meisten stand er im Briefwechsel. Einige Schreiben des 
Leslauer und späteren Krakauer Bischofs Andreas Zebrzy- 
dowski an ihn hat Wislocki in der Briefsammlung dieses 
Bischofs veröffendicht^). Sie sind wenig inhaltsreich und 
bieten für ein Lebensbild Lismaninos nur imtergeordnete 
Züge. Wir entnehmen ihnen, dass Lismanino Ende 1547 von 
Krakau nach Grosspolen gereist war und bei der Rück* 
kehr Anfang März 1548 seinen Freund Zebrzydowski in 
Wolborz, einem Städtchen imweit Petrikau, auf einige 
Stunden besucht hat, um die kurz zuvor brieflich aus- 
gesprochene Bitte um Gewährung eines Darlehns mündlich 
zu erneuern^. Am i. April starb König Sigismund, 
und als zu den Begräbnisfeierlichkeiten am 26. Juli auch 
Herzog Albrecht von Preussen in Krakaus Mauern weilte, 
hatte er wie sein Hofprediger Johann Funk mit Lismanino 
verschiedene Unterredungen. Neben politischen Fragen 
betrafen sie auch religiöse, denn trotz seines hohen kirch- 
lichen Amtes war Lismanino mit der Kirche innerlich 
zerfallen. Der Zweifel, der seit den zwanziger Jahren 
sein Herz zerriss, war zur Ueberzeugung ausgereift, dass 
der ICirche eine Reformation an Haupt und Gliedern 
dringend not tue, und dass der Wittenberger Mönch mit 
seinem Zurückgehen auf die heilige Schrift die wahren 
Richtlinien für sie gegeben habe. Ein Kreis humanistisch 
gebildeter Männer in Krakau, die der Reformation teils 
freundlich gesonnen, teils ihr von ganzem Herzen schon 
ergeben waren, hatte ihn in seiner Ueberzeugung bestärkt 
und allmählich zu tieferer evangelischer Erkenntnis geführt. 
Der gelehrte Johann Trzycieski und sein Sohn Andreas, 
der Drucker Bernhard Wojewodka, der Grodschreiber 
Jakob Przyluski, der Edelmann Iwan Karminski auf Alexan- 
drowice unfern Krakaus und der bekannte Andreas Fricius 
Modrzewski waren seine nächsten Freunde imd Vertrauten, 
mit denen er Glaubensfragen besprach. Die literarischen 
humanistischen Studien, die sie zusammen trieben, waren 



*) Epistolanim libri Andreae Zebrzydowski. Acta hist. res 
gestas Poloniae illustrantia I. Cracoviae 1878. 
«) a. a. O. N. 354 und 356. 



2l6 Theodor Wotschke. 

der Deckmantel für religiöse Diskussionen, für ihr Studium 
der Bibel und der deutsch-protestantischen Schriften, Be- 
sonders BemhardWojewodka, in denhumanistischen Wissen- 
schaften ein Schüler des Erasmus, in Glaubensfragen Luther 
imbedingt ergeben, den Herzog Albrecht gern nach Königs- 
berg gezogen hätte, und der fleissig an der Uebersetzung 
evangelischer Schriften ins Polnische arbeitete^), und Andreas 
Trzycieski, der schon 1528 als ein überzeugter Anhänger 
Luthers galt^) und im August i544demDrangeseinesHerzens 
gefolgt war und in Wittenberg zu den Füssen Luthers 
und Melanchthons weiterstudiert hatte^), wiu-den Lis- 
manino Wegführer zur evangelischen Erkenntnis. In Be- 
zug auf die spätere theologische Richtung Lismaninos ist 
zu bemerken, dass die reformatorisch Gesinnten in Krakau 
bei aller Wertschätzung Luthers keine Lutheraner waren. 
Um 1450 waren viele deutsche Familien, ich nenne die 
Boner, Bethmann, Schilling, Vetter, Hos, aus dem Elsass 
nach Krakau eingewandert und hatten hier die zurück- 
gehende deutsche Bürgerschaft gestärkt; mit der Heimat 
unterhielten sie, vor allen der Verwalter der königlichen 
Münze Jobst Ludwig Dietz, enge Verbindung, und sehr 
zahlreich waren deshalb neben den Büchern der Witten- 
berger die Schriften der Strassburger Theologen in Krakau 
verbreitet Hierzu kommen die Bücher Zwingiis, BuUingers, 
Calvins und anderer Schweizer, die besonders flüchtige 
imi ihres Glaubenswillen verfolgte Italiener nach Klein- 
polen brachten. Unter den reformatorisch gesinnten Geist- 
lichen Krakaus waren Lismaninos Freunde die Kanoniker 
Jakob Uchanski und Adam Drzewicki, die Franziskaner- 
mönche Stanislaus Opoczno, Albert Kozalowski, Johann 

1) Nach seinem vorzeitigen Tode, er ertrank Juli 1554 beim 
Baden, Hess seine Witwe durch den Krakauer Stanislaus Wysnowski 
die polnischen Manuskripte der Pinczower Synode am a6. April 1556 
überreichen. Dalton: Lasciana. Berlin 1898 S. 415. 

2) Vergleiche den Brief des Vizekanzlers Tomicki an Johann 
Zambocki. Tomiciana Bd. X. 

^ Album Academicum Viteberg. ed. Förstemann. Einen Brief 
von ihm an Melanchthon Krakau, den 12. August 1546, bietet die 
Zeitschrift für Kirchengeschichte XII, 194. 



Francesco Lismanino. 217 

Szoldra, vor allen aber der Prediger der italienischen 
Fremdengemeinde Hieron}anus. Natürlich konnte die 
reformatorische Gesinnung des Minoritenprovinzials nicht 
ganz verborgen bleiben, ein Verwandter Iwan Karminskis, 
der Kanoniker Georg Podlodowski, schöpfte Verdacht imd 
teilte seine Vermutungen dem Krakauer Bischof Samuel 
Maciejowski mit, der einst durch Lismaninos Fürsprache 
1>ei der Königin Bona zur Krakauer Bischofswürde empor- 
j^tiegen war, jetzt aber dem Ankläger seines ehemaligen 
Fürsprechers ein geneigtes Ohr lieh. Unter dem Scheine 
<ler Freundschaft näherte er sich Lismanino, besuchte ihn 
häufig, um in seiner Wohnung nach verbotenen ketzerischen 
Schriften auszuschauen. Aber von seinen Freunden Jakob 
Pra^luski und dem Marschall des Bischofs Stanislaus 
Bojanowski gewarnt, war Lismanino auf der Hut, und die 
heimlich forschenden Augen des Bischofs fanden nur die 
Werke der mittelalterlichen Scholastiker. Einmal hätte 
«der Bischof bei einem unerwarteten Besuche fast seinen 
JZweck erreicht, evangelische Bücher lagen aufgeschlagen auf 
•dem Tische, und kaum hatte Lismaninos Sekretär Budzinski 
Zeit, sie in dem Ofen zu verstecken. Maciejowski, der Ver- 
flacht geschöpft hatte, durchsuchte alle Winkel der Wohnung, 
aber an dem Ofen ging er arglos vorüber^). 

Ende 1549 reiste Lismanino in Angelegenheiten seines 
Ordens nach Venedig, und hier traf ihn im folgenden 
Frühjahr der Auftrag der Königin Bona, nach Rom zu 
^hen, um in ihrem Namen Giovanni Maria del Monte, 
•der aus dem Conklave am 7. Februar als Julius IIL hervor- 
gegangen war, zu seinem Pontifikate zu beglückwünschen. 
Maciejowski schrieb an den Papst, unterrichtete ihn von 
dem Verdachte, der auf dem Minoritenprovinzial ruhte, 
imd bat, ihn vor die Inquisition zu stellen und in einem 
italienischen Kerker zu verschliessen, jedenfalls ihn aber 
mach Polen nicht zurückziehen zu lassen. Wir wissen 



^) Vei^ hierzu imd xa dem Folgenden Lnbieniecki S. 34 and 
'WengicsttkL Am la. Mai 7548 schreibt Stanialaas Bojanowski „de 
-reügione, <iaid sit sperandom, nescio, sunt bona et mala signa. Epi- 
scopom Cracoviensem metno, nos fecimns qnae possnmos'S 



2l8 Theodor Wotschke. 

nicht, wodurch des Bischofs fein gesponnener Plan zu- 
nichte wurde. Als Lismanino im Winter ungehindert 
zurückkehrte und unterwegs in Villach Stanislaus Czam- 
kowski, dem späteren Posener Bischof, begegnete, be- 
richtete ihm dieser von Maciejowskis Uriasbriefe und 
seinem am 26. Oktober erfolgten Tode. Lismanino eilte 
nach Warschau, wo die Königin-Mutter ihren Hof hielt 
und erstattete über seine Reise nach Rom Bericht König^ 
Sigismund August war über seiner Ehe mit Barbara Rad- 
ziwiU mit seiner Mutter zerfallen, jetzt suchte er durch 
ihres Beichtvaters Vermittelung eine Aussöhnung. Gern 
ging Lismanino auf seine Wünsche ein, und dreimal führte 
ihn das Friedenswerk im Januar, Februar und März nach 
Krakau zu persönlicher Verhandlimg mit dem Könige^), 
Als Bona Sforza am 8. Mai ihre Augen schloss, verlor er 
eine hohe Gönnerin, aber auch der junge König hatte ihn in 
jenen Verhandlungen schätzen gelernt und seine volle Gunst 
ihm zugewandt, sogar durch den Kanzler Johann Ocieski ihm 
das erste frei werdende Bistum in Aussicht gestellt 

Die italienische Reise hatte das Gerücht von seiner 
Hinneigung zum Protestantismus nicht verstummen lassen^ 
vielmehr gewann es neue Nahrung, da er in Venedig mit 
verschiedenen der Ketzerei Verdächtigen in Verkehr ge- 
standen hatte^). Man erzählte sich, er wolle nach Venedig 



^) Auch die Königin-Mutter muss sich um eine Aussöhnung 
bemüht haben, denn am 10. April 1550 schreibt Stanislaus Bojanowski 
aus krakau: „Huc huper magna omnium admiratione mater nuntium 
tnisit, per quem no^trae Barbarae honorem reginalem defert^ 
dignitatem hanc gvatulatur, omnia fausta et felicia precatur seque 
in gratiam dommae et filiae carissimae commendat. Legatus fuit 
griseus monachus, natione graecus, franciscanorum, ut vocant, minister» 
qui latius loqutus est inter cetera: Testatur Sua Maiestas reginalis 
deum, se hoc ex animo et sincero corde facere, et ego sum in hoc 
testis consdentiae Suae Maiestatis, quia confessor est". 

*) Leider ist Lismaninos Verbindung mit den evangelisch Ge* 
sinnten Italiens im einzelnen noch nicht klar gestellt Comba , J nostrl 
Protestant!*' 1897 und Cantu „Eretici dltaliA ü, 501 widmen ihm nur 
wenige Zeilen, Benrath erwähnt in der Realencyklopädie Bd. IX, 534 
nur seine Beziehungen zu dem Guardian des Franziskanerklosters 
in Bellimo Giulio Maresio. . 



Francesco Lismanino. 219^ 

übersiedeln, dort die Kutte abwerfen und in den Ehestand 
treten, in Polen suche er nur noch Klostergut an sich zu- 
bringen,, um für die Zukunft sorgenfrei leben zu können^)* 
Da über Oberitalien damals die Tage der Reaktion und 
Ketzerverfolgung hereingebrochen waren, trägt dieses 
Gerücht unverkennbar den Stempel der Verleumdung. 
Es fand aber Glauben und einen gewissen Anhalt aa 
einem ärgerlichen Streite, in den Lismanino mit dea 
Klarissinnen des Klosters St. Andrea zu Krakau verr 
Mäckelt wurde. Nach einer Eintragung in den Akten des^ 
Krakauer Kapitels imter dem 12. und 13. Februar 1551 
hatte er mit den Nonnen über vermögensrechtliche Ersten 
sich entzweit imd über die seinen Anordnungen Wider- 
strebenden die kirchliche Zensur verhängt Da die 
Klarissinnen aber bei dem Könige sich beschwerten, auch 
mit einer Appellation an den päpstlichen Stuhl drohten,, 
hielt Lismanino auf Rat seiner Freunde es für das Beste,, 
den. Streit gütlich beizulegen und den Nonnen, die durch 
des Bischofs Andreas Zebrzydowski Vermittlung um Ver- 
zeihung baten, ihren Ungehorsam nachzusehen^. 

Hatten Lismaninos Neider imd kirchliche Gegner ge- 
hofft, der Streit mit dem Klarissenkloster würde den 
König dem Provinzial entfremden, so hatten sie sich ge- 
irrt; Sigismund August zog ihn in seine unmittelbare 
Nähe und machte ihn zu seinem vertrauten Berater. Als. 
er ihm in den Verhandlungen, die seiner Verehelichurig^ 
mit Katharina, König Ferdinands von Österreich Tochter,, 
seiner dritten Gemahlin, vorangingen, wertvolle Dienste 
geleistet hatte, erfuhr sein Einfluss eine weitere Festigung 
und Steigerung. Offen sprach der König, der seit Jahren 
im Grunde seines Herzens der Reformation nicht un- 
freundlich gegenüberstand, mit ihm über die re%iösen 
Wirren und zweimal in der Woche, des Dienstags und 
Freitags, liess er sich nach der Tafel von ihm sogar 
aus Calvins' Institutionen vorlesen. Die Hochzeit des- 



1) Acta historica res gestas Poloniae illnstrantia I, 488. 
^ Vergl. Zebrzydowskis Briefe an Lismanino vom a. Märr 
nnd 6. August 1551 Nr. 592 u. 675 bei Wislocki 



1»0 Theodor Wotschke. 

Königs im Juli 1553 und eine schwere Erkrankung 
Lismaninos zwangen die religiösen Besin'ecbungen für 
•einige Monate auszusetzen; als sie auf Wunsch des 
Königs wieder anhoben, griff Sigismund August einen 
iron Lismanino gelegentlich hingeworfenen Gedanken auf. 
£r beschloss eine grössere Bibliothek einzurichten und 
^e Bücher durch Lismanino im Auslande kaufen zu lassen. 
Die Gelehrten in Italien, der Schweiz, Frankreich und 
Deutschland sollte er aufsuchen, über die religiösen 
Fragen und kirchlichen Verhältnisse in den einzelnen 
Ländern sich genau unterrichten^ ihre Einrichtungen 
studieren und dem Könige über alles eingehenden Bericht 
erstatten. Lismanino lenkte seine Schritte zuerst nach Prerau 
in Mähren, das nach den Verfolgungen des Jahres 1548 
<lerSitz des Brüderseniors geworden war, um jene Märtyrer- 
kirche kennen zu lernen* die in den letzten Jahren auf 
•den grosspolnischen Adel solche Anziehungskraft ausgeübt 
hatte. Mehrere Wochen weilte er inmitten der Brüder 
ixnd schloss sich einigen von ihnen wie dem Matthias 
Braunski und dem alten Bruder Daniel näher an. Ihre 
kirchlichen Einrichtungen, ihre strenge Zucht, ihre Pflege 
des praktischen Christentums nötigten ihm solche An- 
erkennung ab, dass, wie er später äusserte, nur die Un« 
Icenntnis der böhmischen Sprache ihn abgehalten habe, 
in Mähren sich dauernd niederzulassen^). Von Prerau 
ging er nach Venedig und nach einem halbjährigen Aufent- 
halte nach Padua und Mailand. Hier brachten ihn 
•einige reformationsfreundliche Äusserungen in Verdacht, 
Mönche zeigten ihn beim Stadtpräfekten an, er wurde 
irertiaftet, sein Gepäck durchsucht, und nur die Geleit- 
briefe des polnischen Königs retteten ihn vor Inquisition 
imd Kerkerstrafe. Von Italiens gefährlichem Boden 
wandte er nch nach der Schweiz; Zürich, Bern, Basel 
und andere Städte suchte er auf und ging dann für 
einige Wochen nach Paris und Lyon. Nach seiner 
Rückkehr nahm er seinen Wohnsitz in Zürich, wo 



^) VergL im Archiv za Herrenhat Folian^ X Bl. 04. 



Francesco Lismanino. 221 

er den Geistlichen der Stadt und Professoren der Universität 
näher trat, mit Rudolf Gualter (Walter), Theodor Bibliander^ 
Konrad Pellikan, besonders aber mit Bullinger und Johann 
Wolph ein herzliches Freundschaftsbündnis schloss. Die 
Beobachtung, dass er in Ausführung des Königlichen Auf- 
trages sich säumig zeigte, bestimmte diese beiden letzten, 
ihn nachdrücklich an seine Pflicht zu erinnern. Da von 
den Schweizer Theologen vor allen Calvin beim polnischen 
Könige in Gunst stand, auch persönlicheBeziehungen zu ihm 
hatte — 1549 hatte er ihm seine Erklärung des Hebräer- 

. briefes gewidmet — drangen sie in Lismanino, nach Genf zu 

reisen und den grossen Theologen um einen Brief an 

' Sigismimd August zu bitten. Mit Empfehlungen^) an 

I Calvin entliessen sie ihn November 1554. Gern kam der 

Reformator der Aufforderung Lismaninos nach, am 5. De- 
zember schrieb er dem Könige jenen Briefe, in dem er 

f ihm ans Herz legt, der erkannten Wahrheit zu folgen und 

das Werk der Reformation in seinen Landen zu fördern. 
Im persönlichen Verkehre zeigte er grosses Interesse für 

^ Lismanino, den er als ein Werkzeug Gottes zur Aus- 

breitung des Evangeliums in Polen ansah, auf seine An- 
regung ward er von der Universität zum Doktor der 

I Theologie promoviert, auch bestimmte er ihn, durch eine 

f Heirat seine Trennung von Rom öffentlich zu besiegeln. 

. Vergebens ward Lismanino von seinem Amanuensis Stanis- 

laus Budzinski, der die Ungnade des Königs fürchtete, ge- 
warnt, gegen Weihnachten schloss er mit Claudia, der 
Tochter einer vornehmen französischen Familie, den Ehe- 
bund. Seinen anfänglichen Plan, längere Zeit in Genf 

I zu bleiben, gab er angeblich aus Gesundheitsrücksichten auf. 

Wahrscheinlich aber fühlte er wie die meisten Italiener 
von Calvins strengem Geiste sich mehr zurückgestossen, als 
angezogen. Die Bücher, die er für die königliche Biblio- 
thek angekauft hatte, sandte er mit seinem Sekretär 
nach Polen, zugleich übergab er ihm ein Schreiben 



^) Vergl. Calvins Antwort vom a6. Dezember. Opera CalvinL 
XV, N. 2069 nnd 3070. 

2) Opera Calvini XV, N. 2057. 



:222 Theodor Wotschke. 

an den Superintendenten der kleinpolnischen Kirche 
Felix Cruciger, in dem er seinen Uebertritt zur Reformation 
anzeigte, femer Briefe verschiedener Theologen für den 
König Sigismund August, darunter einen aus der Feder Cal- 
vins vom 9. Februar 1555 ^). Unter demselben Tage empfahl 
xier Reformator Lismanino an Bullinger^ und überreichte 
ihm eine Abschrift seines letzten Briefes an den polnischen 
König für die Züricher zur Kenntnisnahme. Am 13. Fe- 
bruar konnte er ihm noch einige Schreiben an Nikolaus 
RadziwiU^), den Palatin von Sendomir Nikolaus Jordan 
Spytko und andere polnische Magnaten zur Beförderung 
-einhändigen, dann muss Lismanino mit seiner Gattin Genf 
verlassen haben. Am 24. Februar fügt Calvin seinem 
Briefe an Bullinger in einer Nachschrift einen kurzen 
Gruss an den Freund aus Polen bei, und am 3. März 
konnte dieser dessen Ankunft in Zürich nach Genf melden; 
das ihm eingehändigte Schreiben habe er von ihm er- 
halten*). 

Die schönsten Monate seines Lebens hoben jetzt für 
Lismanino an, im fleissigen Studium an der Universität 
und im freundschaftlichen Verkehr mit Professoren und 
Pastoren, auch mit Lelio Sozini^), der seit 1554 in Zürich 
weilte, erwuchs ihm Tag für Tag neue Anregung und 
neuer Gewinn. Noch sollte derselbe sich steigern, als am 
12. Mai die armen italienischen Flüchtlinge aus Locamo 
in Zürich eintrafen, um hier in der evangelischen Stadt 
eine Zufluchtsstätte zu suchen, und als der Rat zum Prediger 
der italienischen Fremdengemeinde Bemardino Ochino 



1) Lubieniecius S. 47 ,,Litteras ad regem Calvinns V. idus 
Februarii 1555 dedit, quas iam dudum editas omittimus." Ich habe 
-den Brief nirgends gefunden, auch die Herausgeber der Werke 
Calvins konnten ihn nicht ennitteUi. 

2) O. C. XV, N. 21 10. 
8) O. C. XV, N. 2113. 
*) O. C. XV, N. 2132. 

6) Bereits im Jahre 155t auf einer Reise von Wittenberg nach 
Polen hatte Sozini in Krakau Lismanino kennen gelernt, nach Lubie< 
niecki S. 40 wäre er auch damals schon ihm freundschaftlich nahe 
:getreten. 



Francesco Lismanino. 223 

aus Basel berief, und derselbe am 23. Juni sein Amt über- 
nahm. Schon lange hatte Lismanino gewünscht, den ehe- 
maligen Generalvikar der Kapuziner persönlich kennen zu 
lernen, dessen hinreissende Beredsamkeit einst ganz Italien 
bewundert, und dessen „Predige" auf ihn einen tiefen Ein- 
druck gemacht hatten, nun konnte er täglich mit dem 
geistesmächtigen Manne, der gleich ihm Würden und 
Ehren um des Glaubens willen geopfert hatte, verkehren. 
Durch ihn trat er auch in Verbindung mit den Häuptern 
der aus Locarno flüchtigen Evangelischen, mit dem Arzte 
Taddeo Duno, dem Uebersetzer vieler Schriften Ochinos 
ins Lateinische, und dem Kaufmann und Presb3rter 
Guamerio Castiglione. Doch nicht nur seiner eigenen 
Weiterbildung lebte er, auch als Lehrer war er tätig, indem 
er die Studien junger Polen, die in seinem Hause wohnten, 
— von ihnen sind uns die Brüder Nikolaus und Albert 
Dluski, Neffen des Meseritzer Starosten Nikolaus Mysz- 
kowski, mit Namen bekannt, — leitete und förderte. 

Unterdessen hatte in der Heimat nach der einleitenden 
Besprechung zu Chrencice im Hause Philipowskis zwischen 
Cruciger und Israel am 18. März imd nach dem Kolloquium 
zu Goluchow bei Pleschen am 25. — 27. März die Synode 
der Kleinpolen und böhmischen Brüder zu Koschminek 
vom 24. August und den folgenden Tagen eine Union 
beider reformatorischer Richtungen beschlossen, indem die 
Kleinpolen das Bekenntnis der böhmischen Brüder an- 
nahmen sowie zur Einführung ihrer Liturgie sich verstanden. 
Auf der Septembersynode zu Pinczow, welche sich mit 
verschiedenen dogmatischen Lehrstreitigkeiten befasste, 
ward der Brief Lismaninos an Cruciger verlesen und, obwohl 
der ehrgeizige Stanislaus Sarnicki es zu hindern suchte, 
der Beschluss gefasst, den ehemaligen Minoritenprovinzial 
nach Polen zurückzurufen und ihn für die neben Crucigers 
erster Superintendentur neuzuschaffende zweite Super- 
intendentur in Aussicht zu nehmen. Im Auftrage der 
versammelten Geistlichen und Edelleute schrieb Cruciger 
an ihn: „Dem würdigen Vater, durch Glauben und Wandel 
trefflichen Francesco Lismanino, der heiligen Theologie 



224 Theodor Wotschke. 

Doktor, unserm in Christo geliebten Bruder Gnade und 
Friede durch Christum Jesum, Da wir deine hervorragende 
Tüchtigkeit und genaue Kenntnis jedes Faches der Künste 
und Wissenschaften von vielen Seiten preisen hörten und 
dich als einen sehr einfiussreichen und hochangesehenen 
Mann kannten, hat es uns ausserordentlich gefreut, als 
wir aus deinem Briefe ersahen, dass du das Reich des 
Antichristen samt den hohen Ehren, die du in ihm 
genössest, verlassen und dem armen verachteten Jesus 
Christus und seiner fast auf dem ganzen Erdkreise ge* 
schmähten Kirche zu folgen vorgezogen hast Durch diesen 
frommen und heiligen Entschluss hast du dir die höchste 
Achtung erworben. Was könnte uns und der ganzen 
Kirche Christi erwünschter, in einem solchen Wirrsal aller 
Verhältnisse segensreicher sein, als dass solche Männer 
sich lossagen von den Geschworenen des römischen 
Pontifex, jenes Antichristen, welche sie als Führer und 
Vorkämpfer haben möchten, um den Wiederaufbau des 
heiligen Tempels und der verwüsteten Stadt Jerusalem zu 
hindern. Was mögen jenen jetzt für Gedanken kommen, 
wo sie wider alle Erwartung und Vermutimg diese auf 
unserer Seite sehen imd durch feierliches Bekenntnis uns 
so verbimden, dass sie hinfort die Waffen ergreifen imd 
wider sie kämpfen möchten. Mag der Satan knirschen, 
mögen alle seine betörten Helfershelfer in Zorn und Un- 
willen sich ergehen, glücklich vorwärts schreiten wird des 
Tempels und der Stadt Erbauung, Jesus Christus wird 
seine nach dem Bilde der ersten apostolischen Gemeinde 
erneuerte Kirche über den ganzen Erdkreis ausbreiten 
und erleuchten. Nicht werden ihr auch fehlen Männer 
wie einst Cyrus und Darius, die mit ihrer Gnade und 
Unterstützung auch in dieser letzten Zeit dieses heilige 
Werk fördern nach des Jesaja Wort: „Könige sollen deine 
Pfleger tmd Fürstinnen deine Säugammen sein"^). Wie 
wir diese Gnade des gütigen Gottes dankbar preisen,, 
und uns ihrer freuen, so wünschen wir dir Glück, dass 



1) Jes. 49, 23. 



Francesco Lismanino. 225 

du von jener Gemeinschaft verlorener Menschen dich 
befreit und ganz Christo Jesu und dem Dienste seiner 
Kirche geweiht hast, lieber im Hause Gottes arm als in 
den Palästen der Gottlosen an Macht imd Schätzen 
reich sein willst Zugleich mahnen und bitten wir dich, 
da du dich unserem Vaterlande, in dem du aufgewachsen 
und erzogen bist, in dem du durch die Gimst aller die 
höchste Auszeichnung gefunden hast, aufs höchste für ver- 
pflichtet hältst, mit deinen hohen Gaben und deiner tiefen 
Kenntnis der himmlischen Lehre nicht Fremde, sondern ims, 
deine Landsgenossen und Freunde, zu lehren imd zu 
unterstützen in unserem christlichen Kampfe. Wunderbar 
ist, wie du nach deiner Rückkehr erkennen wirst, jene liebe 
und Verehrung, welche alle Frommen immer für dich 
gehabt haben, jetzt nach deiner Lossage vom Papsttume 
noch gestiegen, dass du nichts missen wirst. Als imseren 
lieben Vater imd Lehrer wollen wir dich schätzen imd 
verehren, ja damit du unsere Zuneigung deutlicher erkennst, 
haben wir einen der Geistlichen unserer Kirche an dich 
abzuordnen beschlossen, damit er dich in feierlicher Ein- 
adung zu uns zurückrufe und dein Führer sei auf der 
weiten Reise. Inzwischen lass uns und unsere Kirchen 
dir empfohlen sein, die gelehrten und frommen Männer, 
mit denen du jetzt verkehrst, rege an, dass sie bei 
gegebener Gelegenheit uns mit Rat und Tat unterstützen 
und Gott, unseren Vater durch Jesum Christum, bitten, das 
Werk, das er bei uns angefangen, nach seiner wunder- 
baren Gnade und Barmherzigkeit durch seinen heiligen 
G^ist zu kräftigen und zu fördern zum Preise seines 
Namens und zum gemeinen Segen der Kirche. Lebe 
wohl. Vom Pinczower Convent im Jahre des Heils 1555. 
Felix Cruciger aus Szczebrzeszin, Superintendent der in 
Polen wiedergeborenen Kirche Gottes im Namen aller 
Geistlichen und der gläubigen Herren." 

Ausser Cruciger sandten noch der Graf Johann von 
Tamow, Jordan Spytkow, Iwan Karminski, die verwitwete 
Edelfrau Agnes Dluski Briefe an Lismanino mid Calvin, 
und unter dem 15. September der Pinczower Pastor 

ZdUchriit der Hist. Ges. fOr die Prov. Posen. Jahrf . XYIII. 15 



226 Theodor Wotschke. 

Alexander Vitrellinus*). Dieser erstattete über die kirch- 
liche Lage Bericht und gedachte der dogmatischen Kämpfe, 
die wie der Osiandrische Streit von Deutschland bis nach 
Polen ihre Wellen schlugen oder wie die antitrinitarischen 
Bestrebimgen hier primär entstanden waren. Lismaninos 
Amanuensis Stanislaus Budzinski, welcher des Königs 
Antwort den Schweizer Theologen überbringen sollte und 
wahrscheinlich an der Pinczower Synode teilgenommen 
hatte, empfing die zahlreichen Briefe, dazu in Krakau noch 
ein Schreiben des Universitätsprofessors Hieronymus 
Mazza, eines Italieners, des Franziskanermönches Johann 
Szoldra und des neuen Minoritenprovinzials Stanislaus 
Petrejus an Lismanino. Unmittelbar vor dem 2. November 
muss der Bote in Zürich eingetroffen sein, denn in einer Nach- 
schrift seines Briefes von diesem Tage an Calvin*) setzt 
BuUinger diesen von den angekommenen polnischen 
Schreiben, über die er aber noch nichts Nälieres mitteilen 
könne, in Kenntnis. Lismanino war hoch erfreut über die 
Nachrichten, die ungnädige Antwort des Königs liess er 
sich wenig anfechten, da sie, wie er meinte, der wahren 
Gesinnung des Königs nicht entspräche und nur mit 
Rücksicht auf die Bischöfe so abweisend ausgefallen sei. 
Dem Rufe der kleinpolnischen Kirche beschloss er, wenn 
auch mit schwerem Herzen, da 'seine Frau Claudia ihrer 
ersten Niederkunft entgegen sah, sofort zu folgen und 
berichtete hierüber am 11. November der Pinczower 
Synode. „Ich habe euren Brief, geliebte Brüder in Christo, 
als Zeichen eurer Liebe zu mir und eurer Freude über 
meine Bekehrung empfangen. Ich freue mich, solche 
Freunde in Christo gefunden zu haben, noch mehr aber, 
dass, was ich für Polen mit allem Flehen erbeten habe, 
jetzt eingetreten ist, dass der reinen Lehre und heiligen 
Kirche feste Fundamente jetzt gelegt werden, auf denen 
hoffentlich binnen kurzem der prächtigste Bau zu errichten 
ist Dass ihr mich gleichsam als Meister diesem hohen 

1) O. C. XV, N. 3350. Die Herausgeber der Briefe Calvins 
lesen fälschlich Vitzellinus. 

2) O. C. XV, N. 3340. 



Francesco Lismanino. 227 

Werke vorstellen wollt und mich, euer Vater und Lehrer 
zu sein, für würdig erachtet, darin gewährt ihr mir mehr, 
als ich beanspruchen kann, und legt mir eine Last auf, 
der ich, wie ich fürchte, nicht gewachsen bin. Sehe ich 
doch, welche Anstrengungen, welche Bemühungen die 
Papisten machen, um euer frommes Vorhaben zu hindern. 
Sie werden mit offener Gewalttat das Haus Gottes zu 
erschüttern und mit verdeckten Minen die Mauern seiner 
heiligen Stadt zu unterwühlen suchen. Sie werden wider 
euch die Fürsten aufregen, das Volk aufhetzen. Aufstände 
und Kriege hervorrufen. Wollen sie nicht alles lieber als 
eine Abstellung der hrlehren und Missbräuche? Sie 
werden die Schar der Sophisten zusammenrufen, welche 
dem Balaam gleich um Goldes willen dem Volke Gottes 
fluchen. Einige werden missdeutete Stellen der heiligen 
Schrift wider euch vorbringen, andere mit Zeugnissen der 
Väter kämpfen, die dritten mit jener sophistischen und 
scholastischen Theologie die Wahrheit zu verdunkeln 
suchen. Ich weise den Kampf wider sie nicht zurück, 
aber halte mich nicht für stark genug, in der ersten 
Schlachtreihe zu kämpfen und ihre Pfeile zurückzuweisen. 
Darum mahne ich euch, Umschau zu halten und nicht 
einen, sondern mehrere in der heiligen Schrift bewanderte, 
fromme, erfahrene, theologisch gebildete Männer als 
Führer zu erwählen, welche an der Spitze der Kirchen 
stehen und den Angriff der Papisten tatkräftig zurück- 
weisen können; mir ist es genug, ein einfacher Kämpfer 
im Heere Christi zu sein. Damit es jedoch nicht scheine, 
als ob ich die Mühe für euch fliehe, habe ich beschlossen, 
die von mir bereits aufgesuchten Kirchen zu Bern, Lausanne 
und Genf wieder anzugehen, über die Form der Lehre 
der Verfassung und Zeremonien sowie über die Verwaltung 
der Sakramente im einzelnen mich zu unterrichten. Mit 
den Dienern Christi in jenen Kirchen will ich mich be- 
sprechen, mich von ihnen beraten lassen, um so kenntnis- 
reicher zu euch zu kommen. Mein ganzes ferneres Leben 
bin ich bereit der Kirche Christi bei euch zu weihen, und 
ihr sollt in mir nicht Glaubensfestigkeit, noch Eifer für 



228 Theodor Wotschke. 

eure Kirche, noch Liebe zu euch allen vermissen. Das 
Amt, das ihr mir anbietet, weise ich zurück nicht meinet- 
sondern euretwegen, damit ihr durch eine geeignetere 
Besetzung dieses Amtes euer und der Kirche Interesse 
besser wahrnehmt Gott der Vater unseres Herrn Jesu 
Christi möge die Gaben seines Geistes unter euch mehrea 
und das heilige Werk zum Preise seines Namens bei euch 
vollenden. Amen. Zürich, den ii. November 1555. Francesco 
Lismanino, der wiedergeborenen Kirche Gottes in Polen. 
Diener mit eigener Hand*. 

Da Stanislaus Budzinski, lun den Brief ^) König Sigis-^ 
mund Augusts Calvin zu überreichen, nach Genf geeilt war,, 
erhielt ein anderer Bote dies Schreiben zur Beförderung- 
nach Polen, und Bullinger sowie der Arzt Konrad Gessner,. 
der dem Könige seine Dienste für den Ankauf von Büchern, 
anbot, übergaben ihm ihre vom 12. November datierten 
Briefe an Sigismimd August^. Auch sonst mag der Bote 
noch verschiedene Schreiben nach Polen mitgenommen 
haben ; von einem Briefe Lismaninos an den reformations^ 
freundlichen Chelmer Bischof und den Provinzial Stanislaus 
Petrejusin Krakau hören wir gelegentlich in diesen Tagen •). 

Vier Wochen mussten genügen, die Fäden zu lösen,, 
die Lismanino an Zürich banden, und die Vorkehrungen 
zur weiten Reise zu treffen. Seine Frau stellte er imter 
den Schutz seiner Freunde, für ihren Unterhalt hinterlegte 
er 500 Goldgulden bei dem Wechsler Pellizarius, einem 
Italiener. Die Studenten Dluski empfahl er seinen Be- 
kannten, sonderlich Bullinger und Wolph*). Schwer wurde 
ihm der Abschied von Ochino, auch dieser sah weh- 
mütig seinen Freund scheiden. Ihm zur Ehre wich er von 
seiner Gewohnheit, seine Schriften ohne Widmung aus- 
gehen zu lassen, ab und eignete ihm unter dem 28. No- 



Der Brief ist verloren gegangen, von ihm spricht Utenhowen 
in seinem Schreiben an Bullinger vom 9. Mfirz 1556. O. C XVI 

N. 2ZO?. 

; 2) Lubieniecius S. 47 und Wengierski S. 127. 



8) O. C. XVI, N. 2350. 
*) O. C. XVI, N. 2731. 



/ 



Francesco Lismanino. 229 

vember sein Gespräch vom Fegefeuer^) zu. Sie beide 
hätten in einem römischen Mönchsorden fast dieselbe 
hohe Stellung eingenommen, hätten sie aufgegeben, um 
Christi Jünger zu werden, nun möge er hinziehen und in 
<lem neuen Wirkungskreise die Kirche des Herrn bauen. 
Die gewünschten Gutachten über das Bekenntnis der 
böhmischen Brüder und über die mit ihnen eingegangene 
Union und die erbetene Auskunft über einzelne dogma- 
tische Fragen holte Lismanino, wie er Cruciger geschrieben 
hatte, persönlich ein. Am 3. Dezember schrieb ihm Wolph, 
am 4. Bullinger und Ochino einen warmen Empfehlungs- 
brief an den Genfer Theologen. Über Milden, wo er bei 
Franziskus Pontanus*) vorsprach, Bern, wo er Joh; Haller 
imd WolfgangMuskulus^) besuchte, ihnen von Polen imd 
seinen Hoffnungen erzählte und bezüglich des Bekennt- 
nisses der böhmischen Brüder um Ihr Urteil bat, und über 
Biel, wo wir ihn bei Ambrosius Blarer*) sehen, erfolgte 
seine Reise. Am 24. Dezember schrieb Calvin in Be- 
antwortung des ihm schon von Budzinski überreichten 
königlichen Schreibens an Sigismund August; über Lis- 
manino sagt er zum Schluss seines Briefes: „Da der treff- 
liche Mann und treue Diener Christi mich um Rat bat, 
mahnte ich ihn unbedenklich, sich sofort nach Polen zu 
begeben, falls seine Tätigkeit dort nötig wäre, wenigstens 
stimmte ich seinem frommen Vorsatze gern zu. Ich fürchte 
nicht, dass Euer Majestät als unzeitig die Rückkehr des 
missfallen könnte, dessen Gegenwart irf vielen Beziehungen 
Segen bringen wird. Falls es nicht rätlich erscheinen 
soUte, für ihn sofort nach seiner Ankxmft öffentlich einzu- 
treten, so muss ich doch um des heiligen Namens Christi 
willen Euer Majestät bitten und beschwören, ihm, .der den 
rechten Weg geht, wenigstens auf andere Weise freie 

^) Ich kenne nur die von Taddeo Duno aus dem Italienischen 
ins Lateiniscbe besoiigte Übersetzung: Bemardini Ochini Senensis 
viri doctissimi de Purgatorio dialogus. Tiguri apud Gesneros. 

*) Sein Gutachten vom 13. Dezember im Herrenhuter Archiv. 

8) Ihre Briefe vom 14. und 15. Dezember O. C. XV, N, a^sß 
und ^359. 

*) Sein Brief vom 24. Dezember an Gualter O. C. XV, N. 1361. 



230 Theodor Wotschke. 

Bahn zu schaffen/ In einer Zuschrift an den Genfer 
Reformator hatte Lismanino gebeten^ ausser an den König 
noch an den Fürsten Nikolaus Radziwill» an den Palatin 
von Sendomir Jordan Spytko, an den Krakauer Kastellan 
Grafen Johann von Tamow, an den Krakauer Palatin 
Grafen Stanislaus von Tenczin, an die Edelfrau Agnes 
Dluska und ihren Bruder den Meseritzer Starosten und 
Kastellan von Woinicz Nikolaus Myszkowski, an den 
Klastellan von Biecz Johann Bonar und Iwan Karminski zu 
schreiben, femer auch an den Superintendenten Felix Cm- 
ciger, den Pinczower Pfarrer Alexander Vitrellinus, den 
Bischof Jakob Uchanski, den Gelehrten Andreas Trzy- 
cieski und an die Edelleute Stanislaus Lasocki, Hiero- 
nymus Philipowski, Hieronymus Ossolinski und an Martin 
Zborowski, den Palatin von Kaiisch und Starosten von 
Adelnau^). Ob Calvin in allem dem Wunsche Lismaninos 
entsprochen haben mag, ist zweifelhaft; mehr Briefe hat 
er jedenfalls am 29. Dezember an die Häupter der Re* 
formation in Polen geschrieben, als wir in seinen Werken 
verzeichnet finden^, da einige, deren Namen ims unter 
den Adressaten nicht begegnen, im folgenden Jahre Antwort- 
schreibennach Genf sandten. Für diepolnischeKircheempfing 
Lismanino ein leider verloren gegangenes Gutachten über 
die Union mit den böhmischen Brüdern und am Tage 
seiner Abreise noch folgendes kurzes Billet zugeschickt:^) 
„Was ich neulich mit dir besprach, hielt ich für gut, in 
diesem Schreiben kurz zusammenzufassen. Solltest du 
auf deiner Reise Pietro Martire Vermigli imd Johann Laski 
besuchen, so grüsse sie in meinem Namen. In ihrer freund* 
liehen Weise werden sie dich aufnehmen, als wenn du 
Briefe von mir brächtest Einer besonderen Empfehlung^ 
bedarf es nicht. Hätte ich hoffen dürfen, du würdest deine 
Schritte nach Wittenberg lenken, so hätte ich an Philipp 
Melanchthon geschrieben. Da bei der ungünstigen Jahres- 
zeit dir der Umweg beschwerlich sein würde, will ich 

1) O. C XV, N. 2350. 

2) O. C. XV, N. 2365-2373. 
«) O. C. XV, N. 2373b. 



Francesco Lismanino. 231 

dich nicht iinnötig mit Briefen belästigen. Sollte wider 
Erwarten eine günstige Gelegenheit, ihn zu besuchen, 
sich dir bieten, so wird er den Stand unserer Verhältnisse 
und den Zweck deiner Reise aus deiner Erzählung am 
besten erfahren. Sobald du Polen, wohin dich der Herr 
bald unversehrt führen möge, betreten hast, entbiete allen, 
welche dem reinen Gottesdienst sich zuneigen, meine 
herzlichen Wünsche für ihr Glück und Wohlergehen, in 
erster Linie aber jenen Edelleuten, von deren tugend- 
haftem Wandel und heiligen Bestrebungen du besonders 
zu mir gesprochen hast Bezüglich des Sendschreibens 
Hess mich nicht nur der Zeitmangel, sondern auch der 
Umstand, dass ich in der Wahl des Stoffes haften blieb, nach 
deinem Weggange meine Absicht hinausschieben, bis ich 
besser über den Stand der Kirche imterrichtet sein werde, 
was durch dich leicht geschehen kann, sobald du nach 
Polen gekommen bist Unsere Brüder, welche das Evan- 
gelium predigen, gehen gewiss den anderen mit gebüh- 
rendem Eifer voran; ich imterlasse es deshalb, jetzt ein 
Mahnwort an sie zu richten. Meinen sie meiner Arbeit 
zu bedürfen, so setze sie von meiner Bereitwilligkeit in 
Kenntnis; meiner Schwachheit eingedenk, wage ich nicht, 
meinen Rat frei heraus anzubieten". 

Am letzten Dezember war Lismanino bereits in 
Lausanne, wo er das Gutachten der dortigen Geistlichen, 
des Peter Viret, Johann Ribittus, Theodor Beza, Eustachius 
Quercetanus, Maturinus Corderius u. s. w. empfingt), am 
I. Januar sandte ihm Beza, von dem er sich nicht hatte 
persönlich verabschieden können, schriftlich die herzUchsten 
Glückwünsche nach, von demselben Tage ist das Gut- 
achten Wilhelm Farels in Neuenburg datiert. Nach 
Zürich zurückgekehrt, scheint Lismanino noch 14 Tage 
bei seiner Frau geweilt zu haben, dann brach er mit dem 
Gutachten der Züricher und einem besonderen Schreiben 



1) Die folgenden Gutachten und Briefe sind z. T. noch un 
gedruckt, handschriftlich finden sie sich im 10. Foliant der Lissaer 
Handschriften im Brflderarchiv zu Herrenhut. 



232 Theodor Wotschkc. 

Bullingers an Alex. Vitrellinus nach Polen auf ^). Anfang 
Februar sehen wir ihn in Basel, wo er Simon Sulzer, 
Celio Secundo Curione, den gelehrten Sonderling Borr- 
haus (Cellarius) aufsuchte, zufällig auch Pietro Paolo 
Vergerio traf, dem er versprechen musste, nicht an Stutt- 
gart vorüberzuziehen. Mit einer Empfehlung an Marbach 
entliess ihn Sulzer am 4. Februar^, am 8. traf er bei 
jenem in Strassburg ein^), besuchte nach Calvins Mahnung 
Pietro Martire Vermigli, aber auch den Rektor der be- 
rühmten, von polnischen Studenten besonders gern be- 
suchten Schule, Johann Sturm, und Girolamo Zanchi 
aus Bergamo, der nach mancherlei Wechselfällen seit 
zwei Jahren in Strassburg die Professur der Theologie 
inne hatte. Nachdem Lismanino ihnen die Briefe aus 
Polen vorgelegt, auch mündlich ausführlich Bericht er- 
stattet hatte, erhielt er am ^4. von Vermigli *), am 15. von 
Sturm, am 18. von Zanchi^) ein Schreiben an die klein- 
polnischen Gemeinden, an diesem letzten Tage auch das 
gemeinsame Gutachten der Strassburger. Vier Tage 



1) Exemplum litteramm ecclesiae Tigurinae ad ecclesias 
Poloniacas. Apud Danielem Lancicium Pinczoviae 1559 in 8. Auch 
Fueslin: Epistolae reformatorum ecclesiae helVeticae S. 359. 

2) O. C. XVI, N. 2384. 

8) In Marbachs Tagebuch lesen wir unter dem 8. Februar 1557 : 
„Ist hierher kommen D. Franc. Lysmaninus Corcyranus profecturus 
in Poloniam.** 

*) Petri Martyris Florentini Prof. Theol. in Argentinensi schola 
epistola ad sanctam Dei ecciesiam Polonicam 1556. Argentinae 14. 
Fcbruarii. Vergl. Exemplum litteramm ecclesiae Tigurinae. Pinczoviae 
1559, wo der Brief an fünfter und letzter Stelle steht, ausserdem 
findet er sich Martyr: Loci communes S. 1109. Vermigli beantwortet 
die ihm im Auftrage der Kleinpolen von Lismanino vorgelegten 
Fragen, ob Christus auch nach seiner göttlichen Natur gehtten habe, 
ob er Mittler sei nach seiner göttlichen Natur oder nach seiner 
menschlichen, in wie fem er zugleich Sohn Gottes und des Menschen 
Sohn zu nennen sei, wie es sich mit Osianders Ansicht von der 
weyentUchen Gerechtigkeit verhalte, und ob Servet mit Recht hin- 
gerichtet worden sei. Zum Schluss mahnt er zur schnelleren Durch- 
führung der Reformation. 

^) Zanchius: Epistolamm libri duo. Hanoviae 1609 S. 19. 



Francesco Lismanino. 233 

später^) sehen wir ihn seinem Versprechen gemäss in 
Stuttgart bei Vergerio, der ihn Brenz zuführte und diesem 
ein Exemplar der Brüderkonfession überreichte^). Der 
strenge Schüler Luthers zeigte sich durch ihre Fassung 
der Abendmahlslehre befriedigt imd liess sich gern von 
Lismanino über die kirchlichen Verhältnisse in Kleinpolen 
unterrichten, zum Schluss mahnte er ihn, auf Annahme 
des lutherischen Lehrt3^us hinzuwirken. Am folgenden 
Tage sandte er ihm noch folgende Zeilen zu. „Gestern 
habe ich gehört, dass du geradenwegs nach Polen gehen 
und dort an der Erneuerung der Kirche arbeiten willst 
Angenehm wäre es mir gewesen, mit dir noch ausführ- 
lich über viele Fragen zu sprechen, aber da ich heute 
abreisen muss, will ich wenigstens diesen Brief als Zeichen 
meines Flehens senden, das ich für die polnische Kirche 
zu Gott emporschicke. Polen hat eine treffliche Regierung 
imd viele andere grosse Gnadengaben Gottes aufzuweisen, 



^) ZvL derselben Zeit richtete der päpstliche Legat Lipomani, 
Bischof von Verona, aus Lowicz am ai. Februar sein bekanntes 
Schreiben an den Fürsten Nikolaus Radziwill, in dem er dem in 
Polen verbreiteten Gerüchte Ausdruck giebt, Radziwill habe einen 
Boten nach Genf und Basel geschickt, um neben Calvin und Laski 
auch Lismanino nach Polen zu rufen. Radziwill antwortete: quod 
rev. dom. tua Calvinum, Laskyum Lismaniumque arcessendos 
misisse me pro comperto habeat, fallitur quidem in eo, sed tamen 
hoc illi certum esse volo, sie me nunc istonmi doctissimorum 
viromm videndorum desiderio teneri, ut si sdrem me eos posse in 
mea postulata aliquo modo pertrahere, in eo vel praecipne non 
servitoris tantum mittend! laborem conferendum, sed eüam omnes 
opes facultatesque meas esse mihi ezpendendas putarem. Vergl. 
Dnae Epistolae. Regiomonti 1556, auch bei Gerdes: Scrinium 
antiquarium ni, 330. 

*) Brenz an Vergerio: Inspezi confessionem Valdensium 
praesertim capita de coena domini et de caelibatu. Optarim quidem, 
ut non essent tam duri ezactores caelibatus semel promissi. Sed in 
coena domini nihil habeo, quod reprehendam. Reliqua capita mihi 
hoc tempore variis negotiis obruto et ad profectionem accincto non 
licoit percurrere. Cum dominus Franciscus ad Poloniam venerit et 
ad te de statu ecclesiarum scripserit, licebit de his rebus copiose 
conferre. Bene et feliciter vale. Lissaer Handschriften Foliant X 
BL74- 



234 Theodor Wotschkc. 

aber das ist die grösste Gottesgnade, dass in ihm Gottes 
Sohn den Thron seines himmlischen Reiches neu auf- 
richtet Jener Ort, da der Patriarch Jakob eine Leiter 
von der Erde zum Himmel reichen sah, wurde einst 
Gottes Haus und eine Pforte des Himmels genannt Auch 
Polen kommen diese Namen zu, da dort Gottes Sohn 
sein Haus hat, in dem er wohnt, imd aufgetan ist die 
Tür, durch welche man zum Hinmiel eingehen kann. Zu 
sorgen gilts, dass wir diese Gottesgnade dankbar an- 
erkennen und daran arbeiten, dass das neue Licht nicht 
durch die Finsternis falscher Lehren verdunkelt wird. 
Wenn nicht auf andere Weise so werde ich doch durch 
mein Gebet euch, so weit ich es vermag, imterstützen. 
Lebe wohl, würdiger Vater." Stuttgart, den 23. Februar 1556 ^). 

Bei Herzog Christoph von Württemberg erhielt Lis- 
manino eine Audienz. Mit hohem Interesse nahm der 
Fürst den Bericht über die Fortschritte der Reformation 
in Polen entgegen, über die Begeisterung der Edelleute 
für sie, über ihr Verlangen nach dem lauteren Wort und 
nach Freiheit von der hierarchischen Bevormundung. Er 
versprach die evangelische Bewegung in Polen zu fördern, 
falls sich ihm eine Gelegenheit dazu bieten würde, imd ' 
cntliess Lismanino mit dem Ausdruck seines gnädigen 
Wohlwollens^. Ueber acht Tage weilte dieser dann noch 
als Gastfreund bei Vergerio, den er durch seine Berichte 
so für Polen interessierte, dass dieser Italiener dort gleich- 
falls für die Reformation zu wirken beschloss und im 
folgenden Sommer tatsächlich nach Preussen imd Lithauen 
aufbrach. 

Gern hätte Lismanino Melanchthon aufgesucht, aber 
der Umweg über Wittenberg war zu weit, die Reise zur 
Winterszeit zu beschwerlich, dazu erhielt er eine neue 
Einladung nach Polen, welche am 24. Januar die Synode 
zu Secymin erlassen hatte und die ihn seine Reise be- 
schleunigen Hess. Durch Bayern, Böhmen, Mähren zog 

1) Lissacr Handschriften im Hcrrcnhuter Brüderarchiv 
Foliant X Bl. 74 b. 

2) Fontes rerum Austriacarum a. Abt. XEX. S. 221 und 334. 



Francesco Lismanino. 235 

er direkt nach Kieinpolen, noch in den letzten Tagen des 
März scheint er die Grenze seines zweiten Vaterlandes 
überschritten zu haben. Bei der Ungewissheit, wie der 
König sich zu seiner Rückkehr stellen würde, wagte er 
nicht, tiefer nach Polen hineinzuziehen imd den von der 
Secyminer Synode ihm zugewiesenen Wohnsitz^) in Baiisch 
bei Johann Bonar aufzusuchen. Er begab sich zu seinem 
alten Freunde Iwan Karminski in Alexandrowice, dem er 
den Brief Calvins für ihn überreichte^). Seine alten 
Verbindungen mit Krakau, das nur 7 km entfernt war, 
seine Bekanntschaft mit den FranziskanermOnchen gaben 
ihm reiche Gelegenheit, im evangelischen Sinn auf Alt- 
gläubige einzuwirken. Im besonderen sehen wir ihn be- 
müht, einige Minoriten der Reformation zuzuführen. Am 
15. April schreibt er davon Calvin^ und bittet diesen, 
ihm Petrus Statorius aus Diedenhofen, den er in Genf 
zur Mitarbeit gewonnen hatte, zu senden. Auch nach 
Zürich, wo seine Frau und BuUinger sehnsüchtig auf 
Nachrichten von ihm warteten, schickte er Briefe. Der 
Sjoiode, welche 8 Tage später in Pinczow stattfand imd die 
Union mit den böhmischen Brüdern weiter führen sollte, 
blieb er mit schwerem Herzen fem. So sehr es ihn hin- 
zog zu den Männern, die ihn heimgerufen und für ein so 
ehrenvolles Amt gewählt hatten, so gern er den Brüdern 
mündlich von der Anteilnahme, den Wünschen und Ge- 
beten der Schweizer berichtet hätte, er meinte bei der 
Ungewissheit über des Königs Stellung zu seiner Rück- 



^) Dalton: Lasciana S. 404. 

^ Vor dem 5. April hat er bereits die von Vergerio für Herzog 
Albrecht empfangenen Briefe zur Beförderung weitergegeben. Denn 
unter diesem Datum schreibt aus Wola bei Krakau Jost Ludwig 
Dietz, der Sohn des bekannten Krakauer Ratsherrn und Verwalters 
der königlichen Münze gleichen Namens, an den Herzog von 
Preussen. „Herr Petrus Paulus Vergerius, so etwan im Babstumb 
ein bischoff gewesen, jetzt aber ein warer nachuolger Jesu Christi 
vnd seines heiligen worts ist, hatt an mich disen Beutel mit Briefen 
gesandt in begeren, diese an £. F. D. zu senden. Damit dann 
seinem begeren genug geschehe, send ich £. F. D. diese hierbey." 

») O. C. XVI, N. 2431. 



23^ Theodor Wotschkc. 

kehr dies Opfer bringen zu müssen, um das Geschick 
der evangelischen Gemeinden nicht mit dem seinen zu 
verflechten und den Zorn des Königs auf sie herab- 
zuziehen. Seinem Gastfreunde Kaminski übergab er die 
Briefe der Schweizer, um sie der Synode vorzulegen, und 
zwei junge Franziskanermönche, Valentinus und Alexius^ 
die er für die neue Lehre gewonnen hatte, empfahl er der 
Fürsorge der Versammlung, lieber seine Reise unter- 
richtete er in einem längeren Briefe, erzählte von den 
mündlichen Zusagen der Theologen, und um zu verhüten,, 
dass die Kleinpolen sich nicht den Böhmen ganz in die 
Hand gaben, schloss er mit der Aufforderung, Calvin zur 
Reformierung der Kirchen zu berufen und kein Bekenntnis 
ohne Urteil der Schweizer und seine und Vermiglis vor- 
angegangene Prüfung annehmen^). Nach vielen und langen 
Verhandlungen entschied man im Sinne seines Schreibens,, 
man beschloss die Berufung Calvins, überwies die 
böhmische Konfession Lismanino zur Durchsicht und 
ordnete ihm zur Hilfe den Baccalar und Pelsnizaer 
Pfarrer Gregorius Pauli bei. Am i. Mai schloss die 
Synode und am folgenden Tage schrieben die Geistlichen 
wie die Edelleute an Calvin und baten ihn, auf einige 
Monate zmn Ausbau der Kirche nach Polen zu kommen^). 
Lismanino erhielt den Auftrag, ihm ausführlicher über die 
polnischen Verhältnisse zu berichten. Wie so viele Briefe,, 
ist leider auch dies Schreiben Lismaninos verloren ge- 

1) Lukaszewicz : „Geschichte der böhmischen Brüder" übersetzt 
von Fischer. Grätz 1Ö77. S. 34. Ich weiss nicht, wie an anderer 
Stelle, in seiner Geschichte der reformierten Kirche in Lithauen 
Leipzig 1848^ n S. 70 Ltikaszewicz Lismanino an der Synode kann 
teilnehmen lassen. Er soU auf ihr den Antrag gestellt haben, den 
Antitrinitarier Gonesius aus der Kirchengemeinschaft auszuschliessen 
und dem Krakauer Bischof anzuzeigen, dass dieser Ketzer niemals 
einer der ihrigen gewesen sei. Das Protokoll der Synode weiss 
von einem solchen Antrage, überhaupt von der Teilnahme Lisma> 
ninos an den Verhandlungen nichts. Vergl. Lasciana S. 409 ff. 

*) O. C. XVI, N. 2445. Calvin beantwortet die Einladung am 
8. März 1557 (N. 2602). Er hatte sie erst auf seiner Rückreise von 
der Frankfurter Herbstmesse in Zürich vorgefunden und dann die 
Antwort so lange hinausgeschoben, weil ihm ein Bote -fehlte. 



Francesco Lismanino. 237 

gangen, aber wenige Wochen später muss es bereits in 
Calvins Händen gewesen sein, denn da weiss er Johann 
Laski zu schreiben, Lismanino hätte ihn von seiner Berufung 
nach Polen in Kenntnis gesetzt^). 

Kaum hatten die Bischöfe die Rtk:kkehr des ver- 
hassten abtrünnigen Minoritenprovinzials erfahren, als sie 
in den König drangen, ihn aus Polen zu verbannen. 
Seinen Unwillen gegen seinen ehemaligen Vertrauten, der 
ihn selbst durch seinen Übertritt blossgestellt hatte, wussten 
sie geschickt zu steigern, und so erliess der haltlose 
Sigismund August in der Tat im Mai eine Achtserklärung 
wider Lismanino. Die Evangelischen, welche dieselbe 
bei der früheren Gunst des Königs sich nicht erklären 
konnten, glaubten in derselben einen betrügerischen Akt 
der Bischöfe, im besonderen des Erzbischofs, der des 
Königs Siegel führte, zu sehen. Der Missbrauch desselben 
bei der Sochaczewer Tragödie durch den Bischof und 
Vicekanzler Johann Przerembski im Dienste der 
Hierarchie gab ihrem falschen Verdachte eine 
gewisse Berechtigung. Vergebens suchten die evan- 
gelischen Magnaten die Aufhebung der Acht zu 
erwirken oder wenigstens ihre Publizierung zu hinter- 
treiben. Im Krakauer Distrikte veröffentlichte sie trotz aller 
Vorstellungen und Bitten der Kanzler Johann Ocieski ^. Bei 
seinem Freunde Karminski fühlte sich Lismanino nicht 
mehr sicher, imd nachdem er an die evangelischen Magnaten 
geschrieben und ihnen sein trauriges Los, geächtet und 
heimatlos zu sein, in beweglichen Worten geschildert 
hatte, verliess er Alexandrowice imd eilte zu Johann 
Bonar. Einige Wochen weilte er bei diesem, dann scheint 
er auf den Schlössern anderer Magnaten bald kürzere, 
bald längere Zeit gelebt zu haben. Im September sehen 
wir ihn in Secymin bei dem Superintendenten Felix Cru- 
ciger. Die freie Zeit benutzt er ziu* Aufstellung eines 



1) O. C. XVI, N. 2465. 

^ Vei^. seinen Brief an Hosias vom 9. Juni 1556. Hosii 
Epistolae. Krakau 1886. 11, S. 1615. 



238 Theodor Wotschke. 

Glaubensbekenntnisses*). Von den verschiedenen Briefen, 
die er in den Sommermonaten nach der Schweiz sandte, 
ist uns nur folgendes kurzes Billet an Wolfgang Muskulus 
überkommen^. „Wie willkommen dein glaubensvoller und 
feinsinniger Brief war, wirst du aus der Antwort der 
Kirchen ersehen. Der erlauchte Palatin von Wilna Niko- 
laus Radziwill hat noch nicht zurückgeschrieben, aber von 
Tag zu Tag erwarte ich von ihm einen Brief für dich. 
Ich halte seit meiner Aechtung in der Stille (in heremo) 
mich verborgen, bis ich ein Ende sehe etwa Ende Sep- 
tember. Ich sende dir einen Brief des Ruthenen Stanis- 
laus Orzechowski, in welchem er Berge von Schmähungen 
auf Zwingli imd Calvin häuft®). Die Tragödie, welche 
soeben der päpstliche Legat mit den Geschorenen und 
Geweihten dieses Reiches aufführt, erhellt aus diesem 
Briefe*). Deine Frömmigkeit, mein Vater Muskulus, wird 
dich diesem Sophisten antworten lassen^ die ganze Kirche 
bittet dich darum. Grüsse von mir Haller und die übrigen 
Diener der Kirche, gleichsam deine Familie. Gott möge 
dich recht lange erhalten. Aus Zürich wird man dir ein 
Exemplar des Briefes des päpstlichen Legaten an den 
Palatin von Wilna und die Antwort desselben zugehen 
lassen^). Johann Laski ist von der Kirche zurückgerufen 
und wird gegen Ende Oktober kommen. Aus der Ver- 
borgenheit (ex heremo), den 17. August 1556.* 

^) Alle Versuche, dieses Bekenntnisses habhaft zu werden, 
waren vergebens; gedruckt ist es nie worden. 

2) O. C. XVI, N. 25c^. 

^ Korzeniowski: Orichoviana, Cracoviae 1891, bietet den Brief 
nicht 

^ Der Legat und die Bischöfe suchten einen Wunderbeweia 
ffür die römische Lehre von der Wandlung des Abendmahlssakra- 
ments. Juden in Sochaczow (Masovien) wurden beschuldigt eine 
Hostie gekauft, mit Nadeln durchstochen und das angeblich heraus- 
geflossene Blut aufgefangen und zu ihren Riten gebraucht zu haben. 
Die Juden wurden zu Tode gemartert. 

*) Vergl. Duae Epistolae altera Lipomani^ altera vero Dlmi D. 
Radivili. Regiomonti 1556. Da der Druck der beiden Briefe erst 
vom I. Oktober datiert ist, mQssen sie schon vorher handschriftlich 
verbreitet gewesen sein. 



Francesco Lismanino. 239 

Von den verschiedensten Edelleuten erhielt Lismanino 
Beileidsschreiben. Lubieniecki^) hatte noch vor sich liegen 
den Brief des Czechower Kastellans Nikolaus Lutomirski 
vom II. Juli, des Kastellans von Zawichost und Palatins 
von Sendomir Stanislaus von Tamow vom 10., des Sp5rtko 
Jordan vom 12. September und des Nikolaus Mysz- 
kowski vom 25. September. Aus Grosspolen hatten am 
9. August Stanislaus und Jakob Ostrorog geschrieben. 
Einen Brief des Grafen Johann von Tamow, des ersten 
weltlichen Würdenträgers Polens, aus dem Juli teilt Lubie- 
niecki mit, und ich gebe ihn hier deutsch wieder. „Schon 
drei Briefe, wie Deine Hochwürden schreiben, habe ich 
seit Ihrer Rückkehr empfangen. Den ersten habe ich 
sogleich nach dem Empfang durch den Überbringer, Deiner 
Hochwürden Diener, beantwortet. Den zweiten habe ich 
aus keinem anderen Grunde unbeantwortet gelassen, als 
weil ich hoffte, mit Deiner Hochwürden auf dem Reichs- 
tage oder wo sich sonst eine Gelegenheit bieten würde, 
zusammenzutreffen und so besser und bequemer als durch 
Briefe jegliche Frage besprechen und erörtern zu können. 
Dass es dazu nicht kam, bedaure ich sehr. Auf das letzte 
Schreiben, welches mir Herr Lasocki in Deiner Hoch- 
würden Namen übergab, in dem Deine Hochwürden mir 
den augenblicklichen Stand Ihrer Verhältnisse dartun imd 
zugleich mitteilen, dass Sie wider Ihr und mein Erwarten 
durch ein königliches Dekret aus dem Lande gewiesen 
sind, antworte ich also. Tief wie die eines Freundes, 
schmerzt mich Deiner Hochwürden Heimsuchung; aber da 
viele Edikte jetzt vorschnell und ohne Befragen der Sena- 
toren erlassen werden, wundere ich mich nicht, dass durch 
die Treibereien gewisser Menschen auch dies geschehen 
ist. Ist es doch bekannt, dass durch die Intriguen derer, 
die sich geistlich nennen, die bei Königl. Maj. gross An- 
sehen und viel Einfluss besitzen und Feder wie Siegel 
des Königs in Händen haben, dieses geschehen und solch 
Unwille wider D. H, erregt ist, nicht aber auf meinen oder 



^) Ltibicniecius S. 66 ff. 



240 Theodor Wotschke. 

eines anderen Senatoren Spruch hin. Auch in der Acht- 
erklärung, welche mir Deine Hochwürden in Abschrift 
gesandt haben, ist verschiedenes merklich schroffer und ge- 
hässiger gefasst, als es dem Herzen des Königs entspricht. 
Aber haben Deine H. solche Heimsuchung auch nicht er- 
wartet noch verdient, so werden Sie als einer, der schon 
viel erfahren, doch gewiss erkannt haben, dass alle diese 
Leiden imd Heimsuchimgen, und was sonst ob der För- 
derung der Ehre Gottes zustösst, tapfer und standhaft zu 
ertragen sind, imd sich dies auch zum Vorsatz gemacht haben. 
Gern will ich Deiner Hochwürden helfen, soweit ich helfen 
kann, und Ihr «nein Wohlwollen, das ich schon viele 
Jahre zu Ihr hege, bezeugen, wie es Deine Hochwürden 
ausführlicher aus dem Bericht des Herrn Lasocki ersehen 
werden. Ich habe ihm einiges anvertraut, das er in 
meinem Namen D. H. mitteilen soll. Sie lebe wohl**. 

An den König wandten sich die Magnaten und 
suchten halb bittend, halb trotzend, ihn zur Aufhebung 
der Acht oder wenigstens zu ihrer Suspension zu be- 
stimmen, damit Lismanino auf dem Reichstage vor den 
versammelten Ständen sich rechtfertigen könnte. Wahr- 
scheinlich suchten sie in Verbindung damit ein grösseres 
Religionsgespräch zu erreichen, zu dem auch Vergerio 
von Königsberg oder Wilna herbeigezogen werden sollte. 
So schrieb Myszkowski: „Gnädigster Fürst und Herr! Ich 
habe von dem frommen und gelehrten Doktor Lismanino 
einen Brief imd sein Glaubensbekenntnis empfangen, zu- 
gleich auch eine Abschrift des Mandats, diu"ch welches 
er auf Geheiss E. K. M. aus unserem Reiche verbannt ist. 
In einem Schreiben führt er zuerst Beschwerde über die 
verleumderische Denunziation bei E. K. M., seinem 
gnädigsten Herrn, imd über das Unrecht, dass ihm in 
diesem Reiche wider alles Recht angetan sei. Dann fleht 
er, ich möchte zugleich mit anderen Senatoren des Reichs 
E. K. M. bitten, diese Acht, welche nicht rechtmässig, 
sondern im geheimen von seinen Widersachern erzwungen 
sei, zurückzunehmen. Ich wundere mich sehr und be- 
daure es, dass E. K. M. auf Grund falscher Information 



Francesco Lismanino. 24 1 

diesen Mann, den Sie als Mönch so hoch schätzten und 
als einen kenntnisreichen, erfahrenen Mann auszeichneten, 
jetzt als Landstreicher und Sakramentierer aus dem Reiche 
hat weisen lassen. Dass E. K. M. dies verfQgt haben 
sollten, weil er einem neuen Leben sich zugewandt hat, 
kann ich nicht glauben, denn gerade durch diese seine 
Tat hat er uns allen seine hohe Tugend zu erkennen 
gegeben. Mit dem Scheine erheuchelten Glaubens wollte 
er R K. M. und andere nicht täuschen, sondern uns allen 
ein lebendiges Beispiel wahrer Sittlichkeit sein, auch 
wenn es bei den Kindern dieser Welt, welche viel An- 
nehmlichkeiten den Massstab eines guten Glaubens sein 
lassen, weniger Nutzen und Ruhm brächte. Aber ich 
meine, dass nicht dies ihm bei E. K. M. geschadet hat, 
sondern die verleumderischen Anzeigen seiner Gegner. 
Es ist allen bekannt, dass dieser Lismanino kein Land- 
streicher ist, sondern mit vielen Fürsten, vor allem mit 
E. K. M. in den besten Formen verkehrt hat, auch nicht 
imgebeten wie ein Landstreicher ist er zu uns gekommen, 
.sondern ersehnt, ja rechtmässig von vielen gerufen, auch 
geschickt von jenen bedeutenden Männern auf Grund 
der Bitte unserer Landsleute, die in zweifelhaften Fragen 
seinen Rat hören möchten. Durch eine wahrhaft göttliche 
Fügung ist es geschehen, dass die Unsem sich einen 
solchen Lehrer erwählten, welcher E. K. M. aufs tiefste 
ergeben ist Was aber die Anklage auf Sakramentiererei 
betrifft, so zeigt sein Bekenntnis, in dem er hinreichend 
deutlich seinen Glauben über das Mahl des Herrn dar- 
legt dass es sich hier um eine Verleumdung seiner 
Gegner handelt Mit diesem Bekenntnis steht das Mandat 
-der Achtserklärung in völligem Widerspruch. Da also 
£. K. M. aus seinem Glaubensbekenntnis und aus dem 
Zeugnis Ihrer Räte hinreichend und deutlich die Unschuld 
dieses frommen Mannes erkennen, bitte ich, falls man für 
einen Unschuldigen bitten darf, dass E. K. M., nun besser 
Von Ihren Räten über den Glauben, das Leben imd die 
Unschuld dieses Mannes unterrichtet, die Ächtung zurück- 
-ziehen. Nicht ihm allein, sondern allen jenen hervorragen- 

ZciUchrift der Hist Ges. fOr die Fror. Posen. Jahrg. XYIII. 16 



242 Theodor Wotschke. 

den Männern, die ihn hierher gesandt, und zu denen die 
Unsem oft der Studien wegen, oder um Land imd Leute 
kennen zu lernen reisen, ist eine Unbill zugefügt. Daher 
müssen wir sorgen, uns durch Ungerechtigkeit bei jenen 
fremden Völkern nicht in Verruf zu bringen, was offen- 
bar leicht durch diesen Mann geschehen kann. Wie die 
Briefe jener Gelehrten zeigen, steht er bei ihnen in hoher 
Achtimg und Gunst. Ich bin gewiss, dass E. K. M. gern 
das tun werden, was Sie zur Ehre unseres Staates für nützlich 
erachten, dass wir von Fremden nicht der Ungerechtigkeit 
geziehen werden. Gott der Herr möge E. K. M. durch 
seinen Sohn segnen und Sie uns recht lange und glücklich 
erhalten. Ihrer Gnade empfehle ich mich auf das Ehrer- 
bietigste. Euer K. M. ergebenster Diener Nikolaus 
Myszkowski von Mirow, Kastellan von Woinicz, Auschitz^ 
Zator und Starost von Meseritz"^). Vom folgenden Tage 
ist das Bittschreiben Bonars datiert. 

„E. K. M. zu verehren und Ihren Gesetzen und 
Edikten ehrerbietig mit allem Fleisse zu gehorchen, 
habe ich mich von Jugend auf bemüht und um so lieber 
tue ich es jetzt, wo das reifere Alter Einsicht und Urteil 
bringt Deshalb übernehme ich die Aufgabe der Für- 
sprache bei E. K. M. für den hochgelehrten und ehren- 
werten Doktor Lismanino um so freimütiger, damit ich 
meiner Pflicht gegen E. K. M. genüge und einem un- 
schuldigen Freund auf ehrenhafte Weise helfe, da E. K. M. 
Unschuldigen niemals Gnade versagen können. E. K. M.. 
mögen also verzeihen, wenn ich mit ergebener Bitte 
und aufrichtigem Herzen flehe, die Aechtung durch ein 
neues Edikt zu widerrufen und aufzuheben, zumal da 
diese meine flehentliche Bitte E. M. früherem Edikte i» 
keiner Weise widersteht. Ich hoffe, dass diese Für- 
sprache mir in keiner Weise als ein Vergehen angerechnet 
werden wird, und ich vertraue auf E. K. M. Gnade, zvt 

rlt.'l . .%<v<,4^^ 

.. ,.J5J ^Dics^ Myszkowski, dem Grafen Lucas ' Gorka und 
Staiiislaus" Ostrorog" widmete der Frankfurter Professor Andrea» 
Muskulus als den Häuptern der Evangelischen Grosspolens unter 
dem 16. April 1556 seine catechesis sanctorum patrura. 



Francesco Lismanino. 243: 

der ich bittend meine Zuflucht nehme, indem ich zugleich 
mit wenigen Worten die Gründe meines Unterfangens 
klarlege. Seit vielen Jahren bin ich mit Doktor Lismanino 
aufs engste befreundet, dem auch E. K. M. und alle Edlen 
unseres Reiches stets, wie ich bezeugen kann, unge- 
wöhnliche Ehren erwiesen. Nach seiner Rückkehr nach 
Polen nahm ich ihn in Bezeugung der alten Freundschaft 
bei mir auf. Mit diesem Liebesdienst meinte ich nichts 
Unrechtes getan zu haben. Da, als er als Freund in 
meinem Hause weilte, kam das Gerücht, E. K. M. hätten 
ihn durch ein Edikt des Landes verwiesen. Von den 
meisten wurde es angezweifelt, aber alle Ungewissheit 
nahm E. K. M. Ueberschrift Obwohl es mir schwer 
war, von einem teuren Freunde auf diese Weise mich 
zu trennen, imd es christlicher Frömmigkeit und Sitt- 
lichkeit widerspricht, besiegte diesen Schmerz der Be- 
fehl E. K. M., den ich vorbehaltlich meiner Pficht gegen 
Gott niemals übertreten will, auch wenn es das 
Leben kosten sollte. Der Grund aber, weshalb ich jetzt 
an E. K M. schreibe, ist der: Mir ist ein Brief jenes 
Mannes überbracht, indem er bitter klagt, ohne Verhör 
verurteilt zu sein und, da das Gerücht hiervon schon zu 
anderen Völkern gedrungen sei, mich ersucht, E. K. M. zu 
bitten, ihn nach Ihrer königlichen Gnade und Ge- 
rechtigkeit von dieser Aechtung zu befreien, da er bereit 
ist, auf dem Reichstage und in Gegenwart E. K. M. den 
Erweis seiner Unschuld und seines Glaubens, dessen Be- 
kenntnis er bereits veröffentlicht hat, zu liefern imd die 
Verleumdungen Missgünstiger zu entkräften, histändig 
bitte ich, E. K. M. möchten diesen Mann nicht ungehört ver- 
urteilen, wie es die Ehre E. K. M. und das Interesse des 
unschuldigen Mannes erfordert In freundschaftlichem 
Mitgefühl würde auch ich an dieser Gnade teilhaben. 
Überdies beschwöre ich E. K. M., nicht um meiner Bitten, 
sondern um Ihrer grossen Gerechtigkeit, Güte, angeborenen 
Frömmigkeit imd Gnade willen, diesen frommen und 
gläubigen Mann von der Acht zu befreien; wie ich es 
erhoffe, so erflehe ich es auch von dem Höchsten. Der- 



:244 Theodor Wotschkc. 

selbe möge E. K. M. gesund und glücklich und bei langer 
Regierung erhalten. Balicz, den i6. Sept 1556. E. K. M. 
ergebenster Diener Johann Bonar von Balicz, Kastellan 
^on Biecz/ 

Am 15. September schrieb auch der Superintendent 
Kier kleinpolnischen evangelischen Kirche Felix Cruciger 
;an den König und bat für Lismanino. Ich übergehe 
diesen Brief, indem ich auf Lubieniecki verweise, und 
teile ein Schreiben Crucigers mit, das er am folgenden 
Tage an Herzog Albrecht von Preussen richtete und das 
noch nicht veröffentlicht ist „Da der Herr über seine 
Kirche immer mit wunderbarer Weisheit und Güte wacht^ 
-müssen auch alle Frommen darauf achten, dass sie jenen 
Schutz, den der himmlische Vater zur Verbreitimg seiner 
Kirche darbietet, nicht verschmähen oder durch Lässigkeit 
übersehen. Wenn je ein Volk Gottes Gegenwart bei der 
♦Gründimg seiner Kirche mitten unter Feinden und in 
ihrem Ausbau wahrgenommen hat, so können wir es von 
uns sagen. Je heftiger der Satan mit seinen Künsten 
die Kirche angreift, je tapferere Vorkämpfer seines Namens 
und seiner Ehre, deren Dienste wir iii der Bedrängnis 
gebrauchen können, erweckt uns der Herr. Und solchen 
Segen und Gnade göttlichen Erbarmens sehen wir nicht 
jiur in der Heimat uns zuteil werden, sondern auch in 
fremden Ländern, deren Fürsten er uns geneigt macht 
und durch das feste Band frommer Liebe uns verbindet* 
"Vor allen hat, um von den anderen zu schweigen, Deine 
Erlauchteste Hoheit fromme Unterstützung und freund- 
liche Hülfe uns angeboten, als ich in Koschminek eine 
Synode mit den böhmischen Brüdern abhielt; wir er- 
kannten, unsere Kirche müsse Gott angenehm sein, dass 
■er ihr einen solchen Beschützer gesandt hat Bei unserer 
Ergebenheit und Verehrung bitten wir Deine Erlauchteste 
Hoheit, Ihren Schutz unserer Kirche jetzt gewähren zu 
wollen. Gewiss hat Deine Hoheit schon längst ver 
nommen, dass der hochwürdige Francesco Lismanino, in 
Christo unser werter Bruder, in unserm Lande geächtet 
ist, weil er der treuste Pfleger des Glaubens und sein Ver- 



Francesco Lismanino. 245^ 

teidiger ist Da er durch die Missgunst und den Has& 
der Pharisäer verurteilt ist, sorgen wir, er möchte uns. 
verlassen, obwohl seine Arbeit unserer Kirche höchst 
notwendig ist, hoffen aber noch, wenn der Trug der 
Verleumder, durch den unser Bruder geächtet, aufgedeckt 
ist, werde Sr. IC M. Herz sich wandeln und die Acht zu- 
rücknehmen. Bis dahin waren wir guter Zuversicht, aber 
da es noch jetzt zweifelhaft ist, bitten wir Deine Hoheit 
bei K. M. in unserem und unseres teuren Bruders Namen 
sich zu verwenden, dass bei ims bleiben dürfe der Mann^ 
der durch Frömmigkeit und Gelehrsamkeit ausgezeichnet 
ist und der, wie wir vertrauen, unserer Kirche voa 
grösstem Segen sein wird. Erlauchtester Fürst, thue 
kund den Reichtum Deiner Frömmigkeit zum Segen und 
Heil der Herde Christi, da kaum ein Sterblicher das Herz 
Sr. M. hierzu geneigt machen kann, falls nicht Deiner 
Hoheit Fürsprache ihn unterstützt. Durch diese Gunst- 
bezeugung wird Deine Hoheit uns so verpflichten, dass 
ein jeder von uns, soweit es nicht dem Glauben und demi 
Dienste gegen unseren König zuwider ist, Ihr in Treu 
und Gehorsam verbunden ist. Der Herr möge Deine 
Erlauchteste Hoheit mit seiner mächtigen Hand schützen 
mit aller Weisheit ausrüsten und mit den Gaben seines- 
heiligen Geistes zur Ehre seines Namens segnen. 
Secymin, den 16. September 1556." 

Cruciger übergab seinen Brief zur Beförderung- 
nach Königsberg Johann Luzinski, der am 26. April 
seine Dienste der Kirche zur Verfügung gestellt hatte 
und von der Pinczower Synode dem Superintendenten 
überwiesen war. Lismanino selbst händigte ihm noch 
folgendes Schreiben ein. „Ich erinnere mich, wie Deine 
Erlauchteste Hoheit einst beim Begräbnis des Königs 
Sigismund mich freundlich zu begrüssen und wiederum 
nach drei Jahren zu besuchen geruht haben. Damals 
sprach Sie mit mir über religiöse imd andere wichtige 
Fragen und gab mir viele Zeichen Ihres Wohlwollens. 
Ich war verwundert, was einen so hohen Fürsten zur 
Unterredung mit einem unbekannten Manne veran- 



246 Theodor Wotschke. 

lasst haben mochte, aber da ich D. E. H. Frömmigkeit 
wahrnahm, wandte sich mein Erstaunen einer anderen 
Richtwig zu; habe ich doch erkannt, dass es die Weise 
dieser heiligen Tugend ist, ihre Schützlinge durch Freund- 
lichkeit und Milde auszuzeichnen. Ihres Lismanino hatte 
ti"otz der langen Zwischenzeit Sie nicht vergessen, als Sie 
im vergangenen Jahre zu Warschau im Gespräch mit dem 
grossmäch^gen Palatin von Krakau und dem Kastellan 
von Biecz meiner in ehrenvoller Weise Erwähnung tat. 
Deutlich konnte ich ersehen, wie wert mich D. H. achtet 
nicht wegen meiner Verdienste und Würdigkeit, sondern 
wegen Ihrer ausserordentlichen Güte gegen alle Frommen. 
Und wenn schon das Bisherige in mir den sichersten 
Glauben von D. H. Gnade gegen mich erweckte, so hat 
-der Brief des Pietro Paolo Vergerio mich gleichsam auf 
den Gipfel der Hoffnung gehoben, so dass ein Zweifel 
an ihr jetzt Sünde wäre. Um angesichts solcher Zeichen 
Ifnädigster Huld nicht undankbar zu scheinen, grüsse ich 
mit diesem Briefe D. H. und biete Ihr meine aufrichtigsten 
Dienste an, dass, falls Sie sich ihrer einmal bedienen 
wolle, Sie sich von meinem freudigen Gehorsam überzeuge. 
Ferner sage ich D. H. Dank für die Liebe, mit der Sie 
die in Polen neugeborene Kirche umfasst; von ihr gerufen 
bin ich hierher gekommen und will ihr jetzt dienen und 
sie fördern, soweit Gott seinen Segen giebt. Um Deine 
Hoheit nicht zu belästigen, breche ich hier ab; alles 
weitere, was ich D. H. unterbreiten möchte, habe ich dem 
Boten unserer Kirche, dem edlen Joh. Luczinski anvertraut, 
welcher D. H. sorgfältig Bericht erstatten wird. Alles 
Glück imd Wohlergehen wünsche ich D. H. von Herzen 
und flehe zu Gott, dass Sie sich wohl und gesund be- 
finden möge. Aus der Verborgenheit (ex heremo), den 
16. Sept. 1556 0. 

Wenige Tage, nachdem Luczinski mit den Briefen 
nach Königsberg abgeordnet war, brach Cruciger von 
Secymin zu dem für den 25. September angesetzten 
Predigerkonvent in Iwanowice auf. In Krakau besuchte 

^) Aus dem KönigL Staatsarchiv in Königsberg. 



Francesco Lismanino. 247 

er Joh. Bonar und bestimmte ihn, am 22. Sept gleichfalls 
ein Bittschreiben für Lismanino an Herzog Albrecht zu 
senden^). Nach dem Konvente, auf dem Lismanino ein 
Jahrgeld bewilligt, ihm und seiner Familie — seine Frau 
und sein Söhnchen sollten aus Zürich nach Polen ihm 
folgen — ein Zufluchtsort zugewiesen wurde, sandte Lis- 
manino seinen Amanuensis Stanislaus Budzinski mit neuen 
Nachrichten, seinem Glaubensbekenntnisse und seiner Apo- 
logie zu demselben sowie mit dem Briefe Bonars nach 
Königsberg. Gewiss übergab er ihm auch ein Schreiben an 
Vergerio, der seit dem 26. Juli in Königsberg bezw. in 
Wihia weilte und von dort ihm schon Nachrichten hatte 
zukommen lassen. Nach der herzlichen Begegnung beider 
Männer in Basel imd Stuttgart verstehen wir es, dass 
Vergerio auf seiner Rückreise von Wilna kaum die 
Nachricht von der Anwesenheit St Budzinskis in Königs- 
berg erhalten hatte, als er auch schon am 16. November 
von Taplack aus den Herzog bittet^, den Boten bis zu 
seiner am nächsten Tage erfolgenden Ankunft zurück- 
zuhalten. Die Briefe, die er ihm nach Secymin mit- 
gegeben hat und unter denen sich auch ein Schreiben des 
Fürsten Nikolaus Radziwill befunden haben muss, an den 
Lismanino wie an die anderen Magnaten sich gewandt 
hatte, und zu dem in den Sommermonaten sein alter 
Freund Andreas Trzycieski geeilt war®), konnte ich nicht 
ermitteln. Herzog Albrecht hatte schon am 13. November 
Briefe an Lismanino, den König, den Superintendenten 
Cruciger und den Palatin Bonar schreiben lassen. Indem ich 
bezüglich der beiden letzten auf den Anhang verweise*), 
gebe ich die ersten hier deutsch wieder. „Würdiger, Be- 



1) Siehe Anhang Nr. i. 

*) Sixt: Petrus Paulus Vergerius. Braunschweig 1855. S. 534 
Beilage 11 druckt den Brief ab. 

•) So konnte von Wilna der reformatorisch gesinnte königliche 
Sekretär Trojan Provano unter dem aa. August einen Brief Lis- 
maninos nach Königsberg senden. 

*) Anhang Nr. 2 und 3. 



248 Theodor Wotschke. 

sonderer, hoch Geliebter! Angenehm und erfreulich war ims 
Euer Hochwürden Schreiben, weil es unseresvertrautenZwie- 
gesprächs in Krakau gedachte und wir aus ihm E. H. Ge- 
sundheit entnahmen und Ihre durch Gottes wunderbare 
Vorsehung zum Bau der Kirche Christi erfolgte Berufung 
nach Polen. Was den ersten Teil des Briefes betrifft, 
in dem Euer Hochwürden rühmen, dass wir in Krakau Sie 
zu besuchen, mit imserer Huld zu umfassen und über 
verschiedene Fragen mit Ihr zu sprechen geruht haben, 
und was Sie ausserdem in langer Lobrede von imseres 
Namens Ruhm und Ehre imd unserer hohen Gimst gegen 
alle Frommen urteilt, dieses alles ist wohl ein Ausfluss 
E. H. Liebe zu uns. Wenn Zeichen des Wohlwollens 
gegen E. H. von uns kund geworden sind, wenn wir durch 
imsere Huld gegen fromme Diener Christi und durch ihre 
Beschützimg, so weit es uns möglich ist, unserem Namen 
einen guten Klang gegeben haben, so schreiben wir dies 
nicht unseren Kräften zu, sondern bekennen, dass es auf 
Antrieb des heiligen Geistes geschehen ist und noch ge- 
schieht. Deshalb hätten E. H. ims weniger zu danken 
brauchen, weil wir^uns nicht erinnern, etwas so dankens- 
wertes E. H. erwiesen und immer nur unserer Pflicht 
genügt haben. In dieser Haltung bewahre uns der Herr 
bis zu unseres Lebens letzter Stimde. Aus dem zweiten 
Teil des Briefes ersehen wir, dass E. H. nach Polen 
gerufen sind, um die auflebende Kirche zu erbauen. 
Wir wünschen E. H. einen glücklichen und gesegneten 
Anfang und gedeihlichen Fortschritt Ihrer Arbeit und bitten 
den Vater unseres Herrn Jesu Christi, er möge E. H. 
Arbeit segnen imd Sie mit seinem Geiste leiten, dass Sie 
viel Frucht schaffen und den Ruhm des göttlichen Namens 
mehren, die Lehre des lauteren Evangeliums ausbreiten der 
Krone Polen und der ihr angegliederten Provinzen zum 
Heil, E. H. zur Ehre. Den ersten Teil der Apologie E. H., 
die uns nicht durch den ehrbaren Joh. Luzinski, sondern 
durch einen Diener E. H. zugleich mit dem Glaubens- 
bekenntnis überreicht worden ist, haben wir gelesen und 
können ihn nur billigen, obwohl wir nicht das Recht, ein 



Francesco Lismanino. 249 

Urteil zu fällen, uns anmassen; wir bekennen nämlich 
dass wir in der heiligen Schrift nicht so bewandert sind. 
Dasselbe gilt von E. H. Glaubensbekenntnis, aber wegen 
<ier Missverständnisse, welche durch Briefe zu entstehen 
pflegen, möchten wir lieber mündlich als schriftlich mit 
E. H. hierüber verhandeln. Es hat dieses Bekenntnis E. H. 
^iele Belegstellen aus der heiligen Schrift und Zeugnisse, 
der gelehrtesten Männer, aber uns, die wir noch an der 
Schwelle der Erkenntnis der heiligen Schrift stehen, will 
^s scheinen, dass das Göttliche nicht sowohl durch die 
'Schärfe des Verstandes erforscht und bis ins Innerste er- 
kannt, sondern in jener einfachen, von unserem Meister 
Christus selbst uns gezeigten Weise angeeignet werden 
muss. Der geisdiche Vorwitz pflegt dem armen, un- 
wissenden niederen Volke die dichteste Finsternis zu 
bringen. Wir möchten dies nicht so verstanden wissen, 
als ob wir überhaupt ein Durchforschen der Schrift ab- 
lehnen, da xmser Heiland Christus selbst uns das gebietet; 
unsere Ansicht ist, dass bei Erbauung der Kirche der ein- 
fachsten Glaubensregel gefolgt werden muss, nur dass dieses 
Einfache alles umschliesst, was zum Heil der Seelen 
nötig ist Dass E. H. auch den zweiten Teil der Apologie 
fertig stellen und uns zuschicken, ist unser gnädiges Begehren, 
denn alle Arbeiten E. H., die uns überreicht werden, sind 
uns angenehm. Der würdige Vergerio hat bei uns E. H. 
ehrenvoll gedacht und uns über E. H. derzeitige Lage, die 
wir bedauern, Vortrag gehalten. Da uns E. H. Unschuld 
bekannt ist, wollten wir für Sie eintreten, und Vergerio 
spornte imseren Eifer noch an. Wir schrieben also an 
Königliche Majestät, unseren gnädigsten Herrn und teuren 
Bruder und an einige Senatoren des Reiches für E. H. 
Empfehlungsbriefe, von denen wir Abschriften einge- 
schlossen mitschicken. Gott gebe, dass unsere Bitten 
nicht vergeblich sind, sondern das fromme Herz Sr. Maj. 
rühren, dass S. Majestät unter Gottes Beistande Christum, 
der vor der Tür des Reiches Polen steht und seine Gnade 
-väterlich anbietet, mit offenen Armen, wie man zu sagen 
pflegt, aufnimmt und das Wüten und Toben des Satan 



250 Theodor Wotschkc. 

verachtet Dies zu erzielen, wollen wir keinen Eifer^ 
nichts, was wir vermögen, missen lassen". 

Das Schreiben an den König hatte folgenden Wortlaut: 
„Durchlauchtigster König, gnädigster Herr und 
teuerster Bruder! Von vielen angesehenen Männern Gross- 
und Kleinpolens ist mir mitgeteilt worden, dass einer der 
ersten Führer der Kirche Christi, Francesco Lismanino, 
durch ein Dekret E. M. aus Polen verwiesen sei besonders 
aus dem Grunde, weil er einer der eifrigsten Verehrer 
imd Verteidiger des wahren Glaubens ist Diese Ächtung 
schrieben sie nicht sowohl einem Unwillen der Kön. 
Majestät wider diesen Mann zu, als jenen, welche die in 
Polen auflebende Kirche mit ihrem Hass verfolgen. Ja 
sie sind überzeugt, dass Kön. Maj. ein frommer Anhänger 
der rechtgläubigen Lehre von Christo sei und fromme 
Lehrer nicht verurteilt sehen möchte. Deshalb meinen 
sie, dass jenes Edikt E. K. M. von denen, die jenem 
Manne nicht wohl wollen, abgezwungen sei, was ich um 
so lieber hörte, als ich an E. K. M. Glauben nicht zweifele. 
In Mitleid über das Los jenes Lismanino und in christ- 
licher Liebe schreibe ich für jenen diesen Brief und bitte 
E. K. M. untertänigst und inständig, diesen angesehenen 
Mann von der Acht zu befreien und in die königliche 
Gunst wieder aufzunehmen. Zu beklagen wäre es schon, 
wenn einer ohne das gesetzliche Verhör, noch mehr wenn? 
er, ohne überführt zu sein, verurteilt würde. Gewiss sind 
E. K. M. durch die Machenschaften derer, denen die 
Wahrheit des Evangeliums verhasst ist, bestimmt worden, 
da E. K. M. es sich angelegentlichst zur Gewohnheit ge- 
macht haben, dem Beispiel jenes Königs Alexander des 
Grossen zu folgen und das eine Ohr dem Kläger, das 
andere dem Beklagten zu leihen. Daher bin ich über-^ 
zeugt, dass diese Gnade auch dem Lismanino nicht ver- 
schlossen sein wird. Wenn nämlich dies recht imd billig- 
ist in Fragen des Privats- und des Staatsrechts, wie viel 
jnehr dort, wo es sich um die Ehre Christi und das Heil 
der Seelen handelt. Endlich wissen E, K. M. aus Zeug~ 
nissen der Schrift, dass mächtige Könige und Fürsten von: 



Francesco Lismanino. 251. 

Gott an die Spitze grosser Staaten gestellt sind und durch 
göttliche Vorsehung in diesen letzten Zeiten der Welt 
bewahrt werden, dass sie der Kirche Christi, die hier und 
da einer harten Knechtschaft unterworfen ist, Wohn^ 
sitze bieten, sie selbst aber, Könige und Königinnen,, 
hre Nährväter und Nährmütter seien. Deshalb hoffe 
ich umso zuversichtlicher, E. K. M. werden nicht ge-^ 
statten, Glieder Christi zu schädigen, wie die es tun, welche 
nicht allein den nahenden und anklopfenden Christus nicht 
aufnehmen, den Segen bringenden nicht umfassen, sondern 
wider ihn wüten, für die Kirchen nicht sorgen, das Ein- 
]treten für sie als ihrer unwürdig ansehen und höher als. 
<las Ewige das Vergängliche achten. Dass E. K. M. dies, 
fem liegt, freut mich, und ich bitte Gott, den Ewigen^ 
in heissem Flehen, E. K. M. in dieser Gesinnung zu er- 
halten. Einen klaren Erweis hierfür werden Sie geben, wenn 
Sie die, welche Gott zur Erbauung, zur Verbreitung und 
zur Förderung seiner Kirche erweckt, beschützen, sie nicht 
auf Grund einer versteckten Einflüsterung ungehört und 
unüberführt ächten und verurteilen lassen würden. Ich 
habe hier die beste Hoffnung, so dass ich diese meine 
Bitte für den berühmten Diener Christi Francesco Lisma- 
nino für nicht vergeblich ansehe und E. K. Majestät nicht 
für unwillig halte, dass ich im Eifer christlicher Liebe die 
Unschuld dieses guten Mannes verteidige. Auf Grund 
des Gebotes Christi meine ich hierzu verpflichtet zu sein; 
auch E. K. M. werden ihm, wie ich glaube, gnädiger ge- 
sinnt sein, wenn Sie der gehorsamen und eifrigen Dienste,, 
welche jener Lismanino mit aller seiner Kraft EL K. M. 
erlauchtesten Mutter treu erwiesen hat, sich erinnern. Auch 
bei E. K. M. scheint er in nicht geringer Gunst gestanden 
zu haben. Deshalb bitte ich E. K. M. wieder und immer 
wieder, die Acht aufzuheben, oder wenn dies nicht tunlich 
ist, sie für die Zeit wenigstens zu suspendieren, damit 
jener treffliche Mann seine Unschuld beweisen und sicher 
in E. K. M. Lande leben kann. E. K. M. werden dafür bei 
ihren Untertanen Beifall, bei den auswärtigen Völkern^ 
welche den Namen Christi bekennen, Ruhm und Ehre 



:252 Theodor Wotschkc. 

ernten. In der zukünftigen Welt werden Sie mit den frommen 
Vätern, imd allen, welche um die Erbauung der Kirche 
isich gemüht und furchtlos Christum vor der Welt bekannt 
haben, grossen Lohn empfangen. Ich aber werde durch 
ständigen Eifer und Dienstbeflissenheit jeder Art gegen 
E. K. Majestät dies zu verdienen suchen. Königsberg, 
<ien 13. Nov. 1556"^). 

In den beiden letzten Monaten des Jahres 1556 lebte 
Lismanino verborgen in Iwanowice drei Meilen von 
Krakau im Hause der frommen Agnes Dluska, deren 
Söhne in Zürich unter seiner Leitung studiert hatten. 
Sein und seiner Freimde Hoffnung auf eine baldige Auf- 
hebung der Acht sollte nicht in Erfüllung gehen, aber es 
:scheint, dass das allgemeine Eintreten der evangelischen 
Herren für ihn eine Vollstreckung der Acht nicht mehr 
befürchten liess und so seine Lage gleichwohl eine ge- 
sichertere wurde. Nur so können wir es verstehen, dass 
auf dem Colloquium zu Chrencice im Hause Philipowskis 
für den 28. Dezember ein Konvent in Lismaninos Wohn- 
ort Iwanowice in Aussicht genommen wurde, zu dem man 
auch, freilich vergebens, Johann Laski^), der seit einigen 
Tagen auf Schloss Rabstein bei Johann Bonar weilte, 
erwartete. Es war das erste Mal, dass Lismanino sich in 
der Mitte der kleinpolnischen Geistlichen sah, einige lernte 



^) Aus dem Königlichen Staatsarchiv in Königsberg. 

^ Laski an die Züricher Geistlichen, Breslau, den 28. November 
1556. „Lismaninus recte valet causamque eins publice coram rege 
adversus episcopos actam esse iam puto. Tot enim patronos habet, 
ut non dubitem illi fuisse liberum publice et libere causam suam 
agere. Sed rei successum nondum audire potttL** O. C. XVI N., 2555. 
Vergleiche auch aus einem Schreiben des Adelnauer Starosten Martin 
Zborowski Warschau, den 12. Dezember an Herzog Albrecht. 
^AUatae nunc erant literae 111»»»« Qs«"« V»»«, ex quibus intellexi 
Franciscum Lismaninum ad religionis verae christianae fidei venturum 
seu declinatum, ut iUi ad S. R. M»«» quodam iuvamine essem. Non 
praetermittam, quin illi nostro iuvamine interessem, attamen cum ad 
religionis disputandi principium venerit, aliquoties de illo S. R. M*» signi- 
ficaveram ac literas intercessorias scripseram, non tan tum S. R. M^ 
verum etiam magnifico castellano Cracoviensi a Tamow, qui etiazn 
pollicitus est illi coram R. M*« iuvamine esse". 



Francesco Lismanino. 253: 

er jetzt erst kennen, vor allem machte er die Bekannt- 
schaft des BrQdergeistlichen Georg Israel. Nach den 
kurzen Verhandlimgen, die am Abend des 28. Dezember 
durch die Nachricht von der Erkrankung Laskis, zu dem 
die Kieinpolen alsbald eilten, einen jähen Abbruch fanden, 
besuchte Israel Lismanino, und in angeregter Unterhaltung 
besprachen sie verschiedene Fragen. Lismanino erzählte 
von seinem theologischen Entwicklungsgang und von den 
Eindrücken, die er vor drei Jahren in Prerau er- 
halten. Da Israel den Massstab der geförderten Brüder- 
gemeinden an die Kleinpolen anlegte und deshalb von 
den kleinpolnischen Verhältnissen wenig befriedigt war, 
entschuldigte Lismanino die Geistlichen. Sie hätten den red- 
lichsten Willen, aber ihre geistliche Erkenntnis sei nicht sehr 
tief, ihr Verständnis der Schrift noch unzureichend imd ihre 
praktische Vorbildung für das Amt mangelhaft Auch de& 
Superintendenten Cruciger theologische Bildung sei lücken- 
haft, dazu fehle ihm die so notwendige Gabe der Leitung. 
Er nicht minder wie die Geistlichen brauchten einen tüch- 
tigen Lehrer, daran knüpfte er die Mahnung, Israel möchte 
in Iwanowice bleiben und den kleinpolnischen Geistlichen 
der ersehnte Lehrer werden*). Gewiss wird Israel, dem 
wir den Bericht über dies Gespräch verdanken, zu viel 
aus den Worten Lismaninos herausgehört haben, denn 
sollte dieser so ganz von sich und Laski haben absehen 
können, dass er Israel den Kleinpolen zum Lehrer 
wünschte? Sein Brief an die Pinczower Aprilsynode des 
Jahres 1556 wie seine ganze fernere Stellung zeigt, dass 
er keineswegs für die Brüder so eingenommen war, viel- 
mehr den Schweizer Lehrtypus in Kleinpolen zur Geltung 
bringen wollte. 

Nur in den Abendstunden des 28. Dezember weilten 
Lismanino und Israel im Hause der Edelfrau Dluska zu- 
sammen, da dieser die Einladung zu fernerem Bleiben 
ablehnen und im Auftrage der Senioren zu den Brüder- 
gemeinden nach Preussen reisen musste. Über Secymin 

1) Herrenhuter Brüderarchiv. Lissaer Handschriften Foliant X„ 
Blatt 24. 



t254 Theodor Wotschke. 

ging er nach Petrikau. Hier schloss er sich am i. Januar 
Krakauer Fuhrleuten an und traf mit diesen am 6. Januar 
in Thom ein. Dort blieb er vier Tage und konferierte 
mit den Brüdern Philipenski und Studenski, mit Marchek 
und Rok3rta, dann folgte er den Bitten Mucheks nach 
Soldau, wo seit den Dezembertagen Vergerio weilte ^), um 
dem Warschauer Reichstage nahe zu sein. Wir können 
uns denken, welch Interesse dieser an dem hervorragen- 
den Brüdergeistlichen fand, wie er am 13. und 14. Januar 
nicht nur von den Brüdern, von ihrer Geschichte und 
Verfassung sich erzählen liess, sondern ihn auch über 
Lismanino ausfragte. Hoffte er doch schon in der nächsten 
Woche ihn wiederzusehen, auch hatte er bereits nach 
Königsberg um Briefe für Lismanino an die evangelischen 
Magnaten geschrieben. Am 16. des Monats sandte sie Herzog 
Albrecht ab, damit sie Vergerio mit nach Krakau und Gross- 
polen nehmen könnte; sie waren an den Krakauer Palatin 
Grafen Stanislaus von Tenczin, den Grafen von Tamow, an 
die Brüder Jakob und Stanislaus Ostrorog, an den Rogasener 
Starosten und Erbherren von Tomice Johann Tomicki, an 
den Kalischer Palatin und Adelnauer Starosten Martin Zbo- 
rowski und an die beiden Kanzlerjohann Oczieski und 
Przerembski gerichtet und hatten den gleichen Wortlaut: 
,,Grossmächtiger und Hochgeborener, lieber Freund! 
£s ist uns berichtet, dass der durch Frömmigkeit und 
Bildung ausgezeichnete Francesco Lismanino wegen seines 
Bekenntnisses zur evangelischen Wahrheit durch den 
Hass und die Missgunst einiger, die ihn bei der Königl. 
Majestät verdächtigt haben, in Polen geächtet sei. Da 
christliche Frömmigkeit, Angefochtenen zu helfen, gebietet 
müssen wir diesen unschuldigen trefflichen Mann zu 
schützen suchen. Wir haben deshalb an Kön. Maj. ge- 
schrieben imd sie gebeten, den Mann, der nicht gehört, 
viel weniger überführt ist, der Acht gnädig zu entheben 
oder sie wenigstens für gewisse Zeit zu suspendieren, 
dass er seine Unschuld zeigen könne. Um S. K. M. Herz 
zu erweichen, glauben wir die Unterstützung und das 
Ansehen Euer Grossmächtigkeit und einiger Räte des 



Francesco Lismanino. 255 

Reichs mit unseren Bitten vereinigen zu müssen. Wenn 
daher E. Grossm. irgendwie uns gewogen ist, oder die 
-.Kirche Christi zu bauen sich schon bemüht haben, so 
bitten wir Sie dringend zum Segen und Dank der Herde 
Christi für diesen Lismanino, Ihren Bruder, bei S. K. M. 
Fürsprache einzulegen und zu helfen, dass Christus, der an 
Polens Tür geklopft, mit offenen Armen aufgenommen 
werde, den Trug und das Toben des Satan, jenen zu ver- 
drängen, aber unschädlich zu machen, ohne Scheu vor den 
Verfolgungen und Anfeindungen, welche meistens das 
Loos der Verteidiger der Ehre Gottes sind. Euer Gross- 
mächtigkeit ist nicht verborgen, was die Christo schuldig 
sind, welche seinen Namen bekennen. Wenn in bürger- 
lichen und weltlichen Dingen wir keine Arbeit scheuen 
und uns Sorgen und Mühen machen, wie viel mehr sind 
vor es Christo und dem Glauben schuldig; und da- 
raus fiiesst kein ungewisser und vergänglicher Vorteil, 
sondern ewige Belohnung in der künftigen Welt Aus- 
führlicher würden wir noch schreiben, wäre uns E. Grossm. 
Frömmigkeit nicht bekannt. Daher haben wir das Ver- 
trauen, Euer Grossm. werden auf Grund des Gebotes 
Christi imd unserer Bitten bei der Königl. Maj. alles ver- 
suchen, dass genannter Lismanino seine Freiheit wieder 
erhalte, in Polen sicher und unangefochten leben und mit 
seinen Gaben den heilsdürstenden Seelen dienen oder 
w^enigstens seine Unschuld dartun könne. Eure Grossm. 
wird dies Werk der Barmherzigkeit, das Gott genehm 
ist und Ihr und Ihren Nachkommen bei der ganzen 
Christenheit imsterblichen Ruhm erwirbt, ausführen; wir 
aber werden durch besondere Zuneigung und Liebe E. 
Grossm. es entgelten. Königsberg, den 16. Januar 1557"*). 

^) Am 20. November hatte Albrecht an Nikolaus Radziwill ge- 
schrieben: „Intelleximas tarn ex d. Vergerio, quam litteris quoque 
Hl*»» V»«, quo consiiio adducta cupiat a nobis eundem Vergerium 
in castellanum quoddam ditionis nostrae ducatui Mazoviae finitimum 
mittiv qnod nos pro honore divino et ecclesiae Christi salute non 
gravatim factnri sumus. Constituimus itaque eum Soldavium mittere 
atqne ipsi volente deo nos eo conferre. Is autem locus a Varsovia 
itinere tridui saltem distat". 




256 Theodor Wotschkc. 

An Lismanino scheint der Herzog keinen Brief mit- 
gegeben zu haben, aber mündlich konnte Vergerio ihm 
berichten, welchen Anteil Albrecht an seiner Lage nähme^ 
imd wie gern er ihm in seinem Lande eine Zufluchts- 
stätte gewähren würde. In Krakau im Hause Johana 
Bonars ^), vielleicht auch im nahen Iwanowice sahen 
sich Anfang Februar die beiden wieder; eine wehmütige 
Begegnimg nach den erwartungsfrohen Tj^en von Basel 
und Stuttgart Dem hoffnimgsvollen Ausblick, mit dem 
sie damals in die Zukunft schauten, war Enttäuschung^ 
auf Enttäuschung gefolgt, statt des erträumten grossen 
Wirkungskreises hatte Lismanino Acht und Verfolgung^ 
gefunden. Es wäre Undank gewesen, hätte er seinen 
Landsmann, der in Königsberg und Wilna nach Kräften 
für ihn gewirkt hatte, nicht von ganzem Herzen will- 
kommen geheissen und ihn vor den kleinpolnischen 
Herren gerühmt als treuen Freund imd tapferen Streiter 
Christi. Laski freilich und sein Famulus Utenhove sahen 
mit Ärger und Verdruss auf ihre herzlichen Beziehungen 
und wollten sich Lismaninos Freundschaft zu dem 
Lutheraner Vergerio nur daraus erklären, dass dieser 
ihm gegenüber mit seiner wahren Ansicht über das 
heilige Abendmahl zurückgehalten habe^. 

Nach einiger Zeit verliess vielleicht auf Grund eines 
Beschlusses der Predigerversammlung zu Chrencice am 
9. März 1557, die ihre Verpflichtung, für den Geächteten 

^) Aus dem Königlichen Staatsarchiv in Königsberg. 

^ Am 19. Februar schreibt das Krakauer Kapitel seinem 
Bischof: „confluxerunt nunc huc ad nos onmes passim novatores et 
haeretici habentes secum quosdam Vergerios, Joannem Laski et alios 
eins farinae homines, qui in domo D^ Biecensis conciliabula sua 
peragunt". Hosius berichtet dem Legaten Lipomani (II, 1724) ^^venit 
manipulus haereticorum Cracoviam, duo Yergerii fratres, Joannes 
a Lasko, Carolus Utenhovius tum et Lismaninus''. 

3) In seinem Briefe an Calvin (Krakau» den 19. Februar 1557) 
erwähnt Utenhoven Lismanino und Vergerio mit keinem Worte. In 
der Nachschrift zum Briefe seines Famulus mag Laski bei den ,,falsL 
fraires" in augenblicklicher Verstimmung auch an Lismanino gedacht 
haben. Wie unwillig Utenhoven über Lismaninos Freundschaft mit 
Vergerio war, zeigt sein Brief an BuUinger, von dem dieser ihm 



Francesco Lismanino. 257 

ZU sorgen, anerkannte^), Lismanino Iwanowice und begab 
sich zu Herrn Lasocki nach Pelznica; hier suchte ihn 
Petrus Statorius auf, der mit Briefen und Büchern aus der 
Schweiz gekommen war^), aber sein Lehramt wegen 
Kränklichkeit nicht antreten konnte, hier in Pelznica nahm 
Lismanino an dem Konvente teil, welcher am 10. Mai im Hause 
seines Gastfreundes stattfand und der ihm die Kosten 
der Berufung des Statorius in Höhe von 32 Gulden zu 
erstatten versprach. Hier erhielt er am Abend des 15. 
Juni auch den Besuch der Brüderboten Wenzel Cech 
und Johann Lorenz, welche am 8, Juni von den Senioren 
in Prerau zur Synode nach Wlodzislaw abgeordert waren 
und zwei Tage nach ihrem Beginn auf ihr eintrafen 
Lismaninos Aufenthalt in Prerau bot einen willkommenen 
Anknüpfungspunkt für das Gespräch, zuletzt erzählte er den 
Brüdern von seiner Ächtung und den mit ihr verbundenen 
Leiden und überreichte ihnen schliesslich sein Glaubens- 
bekenntnis zur Beurteilung. „Sie möchten Irriges und 
Ueberflüssiges ausstreichen, was fehlt beifügen, Schlechtes 
verbessern und das Verbesserte ihm wieder zustellen. 
Auch ihren Namen und ihren calculum möchten sie dar- 
zugeben und unterschreiben, wie auch die übrigen getan; 
er würde das gern und dankbar annehmen**^. Am 
folgenden Tage liess er sie allein nach dem nahen Wlo- 
dzislaw ziehen und nahm an der Synode, die am 18. ge- 
schlossen wurde, nicht teil, aber unmittelbar darauf sehen 



am 24. Juni 1558 durch Lelio Sozini eine Abschrift nach Krakau 
zurücksandte, als Vergerio zu seiner Rechtfertigung gegen die wieder 
ihn erhobenen Verdächtigungen jenes bekannte ausführliche Schreiben 
vom J. Januar 1558 an Stanislaus Ostrorog gerichtet hatte. Vergl. 
Ecclesiae Londino-Batavae Archivum II Cantabrigiae 1889. S. 91. 

1) Dalton: Lasciana. S. 430. 

«) Nachdem Lismanino in seinem Schreiben an Calvin vom 
15. April 1556 diesen gebeten hatte, Statorius nach Polen zu senden, 
war dieser nach einigem Zögern auf Calvins Drängen nach Polen auf- 
gebrochen. Aber da in Zürich Lismaninos Gattin Claudia und der Geld- 
wechsler Pellizarius nur auf eine schriftliche Anweisung Lismaninos 
hin ihm Geld zur Reise geben wollten, unterbrach er dieselbe Anfang 
Juli 1556. Vergl seinen Brief an Calvin vom 10. Juli, O. C. XVI, N. 2436. 

^ Hcrrenhuter Brüderarchiv. Lissaer Folianten X, Bl. 97 b. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XVIII. 17 




258 Theodor Wotschke. 

wir ihn mit Laski, Cruciger und anderen kleinpolnischen 
Geistlichen zusammen kommen und seine Lage beraten 
Da sie nicht mehr hofften, dass der König in nächster 
Zeit in Gegensatz zu den Bischöfen treten und die Acht 
aufheben würde, hielten sie es für das Beste, wenn Lis- 
manino für einige Zeit Polen verliesse. Der König selbst 
scheint in einem vertraulichen Briefe an Lismanino dies 
empfohlen zu haben. Den Gedanken nach Königsberg 
zu gehen, gab er in Uebereinstimmung mit seinen Freunden 
auf, schickte aber dem Herzog Albrecht zum Erweis seiner 
Dankbarkeit einige Predigten und folgendes Schreiben: 
„Da Deine Hoheit mir soviel Beweise von Huld 
\md Güte gegeben haben, wie der Brief zeigt, den 
Deine Hoheit an mich zu richten geruht haben, und die 
Worte des bekannten Pietro Paolo Vergerio, so würde 
ich undankbar sein, nicht bloss schwach und unhöflich, 
wollte ich bei meinem Weggange aus Polen nach der 
Schweiz solche Gnade, Güte und Huld D. H. gegen mich 
mit Schweigen übergehen. Nichts, was meine Pflicht und 
Schuldigkeit ist und von mir erwartet werden darf, will 
ich versäumen. Kann ich auch mit allem meinen Dank 
D. H. Gnade nicht gut machen, so brennt doch in mir 
die Glut der Dankbarkeit; je weniger ich sie durch Worte 
zum Ausdruck bringen kann, um so mehr brennt das 
innere Feuer, das D. H. gewiss nicht weniger angenehm 
ist, als wenn es in einem grossen Wortschwall sich er- 
giessen würde. Dass D. H. in Sachen meiner Acht aus 
freien Stücken so gütig und freundlich bei der Königl. 
Majestät und den ersten Magnaten Polens sich zu ver- 
wenden geruht haben, erkenne ich dankbar an und 
wünsche, dass der Himmel mir Gelegenheit gebe, diese 
dankbare Gesinnung durch einen Dienst zu bezeugen. 
Nicht wirkungslos sind Deiner Erlauchten Hoheit Briefe 
gewesen und nicht ohne Frucht; ist diese bis jetzt auch 
noch nicht an den Tag getreten, so hoffe ich doch zu- 
versichtlich, dass sie zur Ehre Gottes bald zur Erschei- 
nung kommen wird. So pflegt der allweise Schöpfer und 
Regierer alles zu seiner Zeit wider alles menschliche Er- 



Francesco Lismanino. 259 

warten zu seiner Ehre und zum Heile der Seinen zu 
lenken. Da ich, um S. Königl. Maj. zu gehorchen, zum 
Wanderstab greifen muss und Paolo Vergerio im Namen 
E>einer Hoheit an Deiner Hoheit Hofe gasüiche Aufnahme 
und sichere Zuflucht mir mehr als einmal angeboten hat, 
dachte ich, die Gnade und Güte eines so freundlichen 
Fürsten anzunehmen; schätze, verehre, bewundere ich 
doch seine herrlichen Geistesgaben so, dass mir nichts 
erwünschter sein kann, als bei ihm den Rest meiner Tage 
zuzubringen. Aber dem Drucke der Not musste auch der 
Widerstrebende gehorchen, wiewohl sein Herz Deiner 
Hoheit Huld zu geniessen ersehnte. Sollten jedoch D. H. 
meine Arbeit in irgend einer Beziehung brauchen, so mögen 
Sie es mir schriftlich anzeigen, mit Zurücksetzung von allem, 
das mich fernhalten könnte, werde ich sobald wie möglich 
D. H. gnädigem Willen gehorchen. Neulich fielen mir 
einige Predigten eines, wie ich urteile, hochgelehrten und 
mit den Gaben des heiligen Geistes gesegneten Mannes 
in die Hände. Da sie nach Inhalt und Form einem Fürsten 
wohl gefallen können, schicke ich sieD. E.H. um so lieber, als 
ich weiss, dass solche Schriften Ihr von allen, welche 
Frömmigkeit und wahren Glauben atmen, am liebsten 
sind. Sollte dieses Schriftchen, das ich mit aufrichtigem 
Herzen sende, D. E. H. gefallen, so werde ich mich be- 
mühen, dass Sie von derselben Feder bald noch mehr 
Homilien erhalte. Aus der Verborgenheit, den 20. Juni 1557." 
Für die Schweizer Theologen erhielt Lismanino nicht 
nur verschiedene Schreiben eingehändigt, so einen Brief 
Crucigers^) und Utenhovens^, sondern auch den münd- 

^) Er war an Calvin gerichtet und ist verloren gegangen. Cal- 
vins Antwort findet sich O. C. XVI, N. 2745. 

2) Er ist datiert Wlodzislaw, den 23. Juni 1557. „Reliqua ex 
Lismanino facile cognoscetis, cuius fata sie ferunt, ut aliquamdiu 
adhuc peregrinari ab hoc regno cogatur nuUa sane culpa sua, sed 
Satanae et adversariorum Christi nimia rabie, quam "rex omni ex 
parte sustinere nequit. Ipse interim summam erga D. Lismaninum, 
-quem interea ad vestram ecclesiam prae omnibus totius Germaniae 
ecclesiis cupit divertere, semper declaravit ac etiam nunc declarat 
bencvolcntiam.* O. C. XVI, N. 2652. 

IT» 



26o Theodor Wotschkc. 

I liehen Auftrag, über die Union mit den böhmischen Brü- 
dem, der Laski widerstrebte, von neuem zu konferieren. 
Ende Juni brach er von Pelznica auf; da der Sommer ein 
bequemes Reisen ermöglichte, ihn auch nichts zu beson- 
derer Eile trieb, beschloss er den weiten Umweg über 
Wittenberg nicht zu scheuen, um Philipp Melanchthon 
kennen zu lernen. Er wählte nicht den Weg über Breslau,, 
den Laski vor acht Monaten gekommen war, sondera 
durch Grosspolen, um hier die Edelleute aufzusuchen, 
welche Herzog Albrecht durch seinen Brief vom i6. Januar 
und durch Vergerio im März für ihn erwärmt, bei denen 
auch Lutomirski in den vergangenen Monaten für ihm 
^ Geld zur Reise nach der Schweiz gesammelt hatte ^). Im 
Juli durchreiste er die Provinz Posen, als ihm plötzlich 
die Nachricht wurde, dass der König die Acht suspen- 
diert habe. Mit dem Königlichen Mandate hierüber wurden 
ihm neue Briefe für die Schweizer von Utenhoven u. s. w. 
überreicht^). Unfern Buk in Tomice auf dem Erbgute des 
Rogasener Starosten Johann Tomicki rastete er einige Tage ; 
hier fand ihn der Schlossherr, als er am 5. August von einer 
Reise heimkehrte. Gerne gewährte er dem Glaubensbruder 
Gastfreundschaft. Lismanino nahm sie dankbar an und 
blieb in Tomice, auch als Stanislaus Ostrorog aus Grätz 
herüber kam und ihm auf seinen Gütern in Neustadt, 

1) Im Brüderbericht Ober die Synode zu Wlodzislaw heisst 
CS : „Mit Felix wurde besonders über Lutomirski gesprochen, warum 
und ob mit ihrem Willen er von den Herren in Grosspolen Geld 
gebettelt hätte. Er antwortete, mit ihrem Willen habe er zu keinem 
anderen Bedürfnis gesammelt, als zur Reiseunterstützung des Doktor 
Lismanino, der nach Zürich reisen soll, da er von dem Könige aus- 
gewiesen ist Hier wurde ihm gesagt, dass sie da eine grosse und 
für sie und für die Herren gefährliche Sache auf sich genommen 
hatten. Sie hätten das ohne Wissen der Brüder nicht tun sollen. 
Er bekannte sich schuldig und versprach es nicht wieder zu tun.*' 
Herrenhuter Archiv. Foliant X, Bl. 100. 

2) Deshalb widersprachen sich in Bezug auf Lismaninos Ge- 
schick die Briefe, welche am 14. Oktober in Genf überreicht wurden 
Die Differenz, auf welche die Herausgeber der Briefe (O. C. XVI, N. 2745, 
Anm. 3) hingewiesen haben, löst sich, sobald das verschiedene Datum 
der Schreiben beachtet wird. 



Francesco Lismanino. 261 

Birnbaum, Meseritz oder Grätz einen Wohnort anbot Nicht 
nur Dankbarkeit gegen Tomicki, der ihm zuerst Gastfreund- 
schaft erwiesen hatte, liess ihn die Einladung ablehnen. Graf 
Stanislaus Ostrorog war überzeugter Lutheraner und durch 
sein charaktervolles edles Wesen, seine Dienstwilligkeit und 
Opferfreudigkeit für die Kirche, nicht minder durch sein 
politisches Geschick und seine Familienverbindungen in 
den letzten Jahren der Führer seiner Glaubensbrüder in 
Gross-Polen geworden, Usmanjno aber hing dem Schweizer^ -yL 
Lelgtypns an und hatte in Wlödirslaw und Pelznica Auf- 
träge erhalten, die kleinpolnische Kirche noch fester mit 
der schweizer zu verknüpfen, ihre Union mit der Brüder- 
imität aber, deren Bekenntnis Luther gut geheissen hatte, 
möglichst zu lösen. Am 8. August gab er die empfangenen 
Briefe zur Beförderung nach der Schweiz weiter, an 
seine Frau schrieb er nach Zürich und liess durch sie 
den dortigen Theologen einige Exemplare der Brüder- 
konfession, in denen er die dunklen ihm verdächtigen 
Stellen angemerkt hatte, überreichen^). Vier Wochen 
später schickte er seinen Famulus Stanislaus Budzinski 
nach Zürich, dass er seine Frau und sein Söhnchen zu 
ihm nach Polen brächte und gab für BuUinger folgende 
Zeilen mit: 

„Die Apologie der Waldenser, welche ich Dir jetzt 
schicke, bedarf der Verbesserung und Prüfung eurer Kirchen 
Deshalb bitte ich Dich und alle Deine Glaubensbrüder im 
Namen aller Frommen hierselbst, dass Ihr ernstlich uns 
eure Unterstützung leiht, damit das Hindernis, welches 
der Satan dem Ausbau der Kirche in den Weg legt, be- 
seitigt werden kann. Ich habe die Stellen, welche der 
Prüfung bedürfen, der Sicherheit wegen niedergeschrieben 
und dem Stanislaus^) übergeben. Die Anhänger der Augs- 
burger Konfession verwerfen die Lehre der Waldenser 
auch gegen die Lehre Laskis verhalten sie sich ablehnend. 

^) Auskunft hierüber gibt der Brief Tomickis an Cerwenka vom 
14. Sept. 1556. Herrcnhuter Archiv. Lissaer Folianten X, Bl. 177. 

*) Die Herausgeber der Briefe Calvins denken fälschlich an 
Stanislaus Ostrorog, es ist natfirlich der Bote Stanislaus Budzinski. 



202 Theodor Wotschke. 

Laski wiederum pflichtet den Waidensem nicht in allem* 
bei, stimmt auch nicht mit den Anhängern der Augsburger 
Konfession überein, wie aus dem Buche „Purgatio mini- 
strorum in ecclesiis^) erhellt Die Waldenser aber werden 
von ihrem Bekenntnis und ihrer Apologie nicht abgehen, 
falls nicht das Urteil der ersten Theologen der Kirche 
Gottes, gefällt auf Grund des göttlichen Wortes, ihnen vor- 
gelegt wird. Zu ihnen halten sich die ersten Magnaten 
und viele vom Adel, sie denken und leben so nach ihrer 
Regel, dass sie lieber in die Verbannung gehen würden, 
als dass sie sich des Dienstes fremder Geistlichen bedienten 
Mir scheint es sehr dienlich zu sein, wenn sobald als 
möglich das Urteil eurer Kirchen ihnen vorgelegt werden 
könnte. Deshalb schicke ich mehrere Exemplare der 
Apologie imd zwei, in denen auch die Konfession steht 
Tomice, den 8. Sept 1557". 

Von den Verhandlungen der Pinczower Synode vom 
10. — 17. August und von der Absicht der Kleinpolen, mit 
den Brüdern und Lutheranern in Grosspolen eine gemeinsame 
Synode in Goluchow zu halten, ward Lismanino in Tomice 
wohl nicht nm* durch den Brief Laskis an Stanislaus 
Ostrorog unterrichtet, durch seine Hand mögen in jenen 
Tagen all die Fäden gegangen sein, die von Kleinpolen 
aus gesponnen wurden, um die Lutheraner in der heutigen 
Provinz Posen zur reformierten Kirche hinüberzuziehen. 
Peter Lanski, der nach Meseritz zog, um dort sein Pfarr- 
amt anzutreten, scheint ihm mündliche Aufträge gebracht 
zu haben. Aus Prerau in Mähren schrieb ihm Lasocki 
von der Geneigtheit der Böhmen, zum 15. Oktober Ab- 
geordnete nach Grosspolen zu senden^. Die geplante 
Synode kam nicht zustande, als aber die Brüdergesandten 
Georg Israel, Paul Drzewicki, Joh. Laurentius und Joh. 
Rokyta Ende Oktober und im November die Gemeinden 
in Grosspolen visitierten, kamen sie auch nach Tomice und 



1) Purgatio ministrorum in ecclesiis peregrinorum Francoforti. 
Basileae 1556, die Rechtfertigungsschrift Laskis über die Frankfurter 
Kämpfe. 

2) Vcrgl. den Brief Tomickis an Czerwenka vom 14. Sept. 1557^ 



Francesco Lismanino. 263 

Stritten hier in Gegenwart des Schlosshern mit Lismanino 
in längerer Debatte über ihre Apologie. Lismanino sagte 
ihnen frei heraus, das er ihre Schriften zur Prüfung nach 1 
der Schweiz gesandt hätte, imd versprach, die Antwort 
der Theologen ihnen zugehen zu lassen. Und als die 
Brüder in ihn drangen, ihre eben gegebenen Darlegungen 
imd Erklärungen der dunklen Stellen in ihrem Glaubens- 
bekenntnis gleichfalls nach der Schweiz zu senden, er- 
klärte sich Lismanino dazu bereit, falls ihm die' Brüder 
dieselben noch schriftlich zusenden würden^). 

Unterdessen war Anfang Oktober Stanislaus Bu- 
dzinski in Zürich eingetroffen, hatte die Briefe an 
Bullinger und Joh. Wolph abgegeben und war von diesen 
am 6. Oktober mit dem Studenten Albert Dluski nach 
Genf abgeordert worden^. Am 14. traf er daselbst ein 
und am 24. antwortete Calvin im Verein mit neun anderen 
Genfer Pastoren, am 25. Bullinger, am 26. Pierre Viret in 
Lausanne und am 28. Wolf gang Muskulus auf die Briefe Lis- 
maninos^). Sie weisen sämtlich das Brüderbekenntnis 
zurück, Bullinger und besonders Calvin setzen sich dabei 
eingehender mit der Lehre der Brüder vom heiligen Abend- 
mahl auseinander. Sie tadeln die undeutliche Fassung 
des Lehrstückes, das bald eine Realpräsenz des Leibes 
und Blutes Christi im Sakrament anzunehmen scheine, 
bald die Einsetzungsworte symbolisch deute. 

An Stanislaus Budzinski, der die Gutachten nach 
Polen trug und unter vielen Briefen auch ein Schreiben 
Bullingers an Utenhoven vom 6. November*) erhielt, 
schloss sich in Zürich Lismaninos Gattin Claudia mit 
ihrem Söhnchen Paul an. Die Winterzeit verzögerte die 
Reise, so dass sie erst um Neujahr nach Stuttgart ge- 
kommen zu sein scheinen, wo Vergerio gewiss ihnen 
seine Briefe, an Georg Israel und Johann Rokyta vom 28., 



^) Einen Bericht über das Gespräch zu Tomice gibt ein ahes 
Manuskript in der Raczynskischen Bibliothek zu Posen. 
2) O. C. XVI, N. 2730 und 2731. 
2) O. C. XVI, N. 2744-2747. 
*) Ecclesiae Londino-Batavae Archivum. Cantabrigiae 1889. H, 73. 



II 



264 Theodor Wotschkc. 

an die Brüdergemeinde in Soldau vom 31. Dezember 
imd an den Grafen Stanislaus Ostrorog vom i. Januar 
zur Beförderung mitgegeben hat. In Tomice trafen sie, 
von Lismanino sehnsüchtig erwartet, erst Mitte März ein. 
Von den Büchern, die sie aus Zürich mitgebracht hatten, 
übergab Lismanino einige Schriften seines Freundes 
Bemhardino Ochino an den Posener Prediger Eustachius 
Trepka mit der Bitte, sie ins Polnische zu übertragen ^). 
Von seinem Verkehre mit diesem und anderen evan- 
gelischen Pfarrern der Provinz Posen wissen wir leider 
nichts Näheres, vermuten können wir nur aus ver- 
schiedenen Anzeichen, dass er recht rege gewesen sein 
wird. Auch den Italienern, die in Posen lebten, mag 
Lismanino näher getreten sein, vor allem wohl dem 
genialen Baumeister Giovanni Battista di Quadro und dem 
Secretär des Grafen Lucas Gorka Paolo Guthzon. 

Als im März Laski nach Grosspolen kam und von 
hier behufs eines theologischen CoUoquiums zu Herzog 
Albrecht weiterreiste, als auch Eustachius Trepka im 
Auftrage Stanislaus Ostrorogs als Vertreter der gross- 
polnischen lutherischen Gemeinden nach Preussen eilte, 
hatte Lismanino anfangs die Absicht, sich ihnen anzu- 
schliessen. Schon hatte Stanislaus Ostrorog in dem 
nahen Grätz für ihn am 21. März einen Empfehlungsbrief 
geschrieben, als ihn noch in letzter Stunde eine Ver- 
schlimmerung in dem Befinden seiner Frau den Plan 
aufgeben liess. Folgenden Brief sandte er aber durch 
Trepka an den Herzog. 

„Der achte Monat ist es jetzt, wenn ich nicht irre, 
dass ich nach Deutschlands linksrheinischen Gegenden 
zurückwandern zu müssen meinte, und damals gedachte 
ich Deiner Erlauchtesten Hoheit, welche in einem 



1) In meiner Arbeit über Eustachius Trepka (s. o. S. 126) 
habe ich es nur als eine Vermutung ausgesprochen, dass Trepka 
die Schrift Ochinos von der päpstlichen Obrigkeit von Lismanino 
erhalten habe, es ist aber keine blosse Vermutung, denn 
Lismanino bezeugte es selbst in der Vorrede zur Traicdya 
o Mszev. 



Francesco Lismanino. 265 

gnädigen Schreiben mir Ihr Wohlwollen bezeugt, mich 
auch gütig an Ihren Hof zu kommen eingeladen hatte. 
Diesem Rufe zu folgen hat Vergerio in einem Briefe und in 
einer freimdschaftlichen Unterredung mir warm empfohlen 
und auch sonst des öfteren mich ernstlich gemahnt, D, 
E. H. aufzusuchen. Aber da ich D. E. H. Briefe zu 'ge- 
horchen und des Vergerio Rat zu befolgen beschlossen 
hatte, verhinderte plötzlich der Kriegssturm mein Vor- 
haben, da unter dem Lärm der Waffen mir bei D. E. H. 
keine Zufluchtsstätte zu sein schien. Um damals nicht 
durch Fortgang ohne Abschied den Vorwurf der Undank- 
barkeit mir zuzuziehen, richtete ich einen Brief an D. E. 
Hoheit und schickte einige Homilien eines frommen und 
gelehrten Mannes zum Buche Daniel als Zeichen meiner 
Ergebenheit gegen D. E. H. in dem Gedanken, mich 
endlich geraden Weges zu den Meinigen zu begeben. 
Aber wider mein und aller Erwarten ist meine Abreise 
durch wirklich göttliche Vorsehung verhindert worden. 
Nicht nur ward die Kriegsfackel gelöscht, auch die 
Königliche Majestät wurde nach ihrer angeborenen Huld 
milder gesinnt und gewährte mir freien Aufenthalt in 
ihrem Reiche. Wenn ich einst geächtet und durch weite 
Länderstrecken getrennt D. E. H. aufzusuchen beschlossen 
habe, so sehe ich jetzt, frei geworden und durch keine 
so grosse Entfernung mehr getrennt, keinen Hinderungs- 
grund für meinen Plani zumal ich aus D. E. H. Briefe an 
Vergerio, in dem Sie zu schreiben geruht, „dem Francesco 
Lismanino öffnen wir unser Herzogtum und, wenn er 
kommt, soll er mit den Seinigen nicht hungern und 
dürsten,** femer auch aus dem, was der Edelmann 
Klaudius von Gran val Gallus^) erzählt hat, von D. E. 
H. gnädigem Herzen gegen mich und meine Familie aufs 
Beste unterrichtet bin. Und in der Tat hatte ich vor 
wenigen Tagen die Absicht, mit dem Rate D. E. H., dem 
ehrenwerten Trepka, und dem ausgezeichneten Herrn 
Joh. Laski zu reisen, aber die Krankheit meiner Gattin, 

1) Näheres konnte ich über diesen lEdehnann und seine Be- 
gegnung mit Lismanino leider nicht ermitteln. 



/f/ 



266 Theodor Wotschke. 

welche schon im zweiten Jahre an einer procidentia 
matricis leidet, zwang mich die Reise so lange aufzu- 
schieben, bis meine Frau durch die Bemühung einer er- 
fahrenen Frau wieder hergestellt ist. Die Behandlung 
eines Arztes weisen Frauen bei Leiden dieser Art zurück. 
Lebe wohl, erlauchtester Fürst. Der Herr Jesus über- 
schütte D. E. H. mit Segen aller Art. Tomice, den 
21. März 1558«^). 

Was zwischen dem Herzog Albrecht, Trepka und 
Laski über Lismanino verhandelt wurde, entzieht sich 
unserer Kenntnis. Als Trepka am 22. April von Königs- 
berg aufbrach, erhielt er für Lismanino folgendes inhalts- 
leeres Schreiben: 

„Würdiger, aufrichtig Geliebter! Euren den 21. März 
geschriebenen Brief haben wir empfangen und beantworten 
ihn, da wir uns zur Reise anschicken, in Kürze. Wir be- 
dauern Euer Hochwürden, dass Sie durch Widerwärtig- 
keiten und Unannehmlichkeiten behindert waren, zu uns zu 
kommen und wünschen, dass Gott der Herr Euer Hoch- 
würden von diesen Hindernissen befreie. Von uns mögen 
E. H. die Überzeugung haben, dass wir gegen Sie dieselbe 
Gesinnung hegen, wie ehedem, was wir auch durch die 
That, soweit es unsere Verhältnisse erlauben, bezeugen 
werden. Wir stellen es ganz E. H. Belieben anheim, uns 
zu besuchen"^. 

Die Sommermonate blieb Lismanino noch in Tomice, 
nur zeitweise scheint er nach Grätz zu Stanislaus Ostrorog 
übergesiedelt zu sein®). Wie Laski, Utenhoven, sehen wir 
auch ihn aufs eifrigste bemüht, den edlen Magnaten für 
die reformierte Prägung der evangelischen Erkenntnis zu 
gewinnen. Als Laskis Famulus Sebastian Pech mit vier 
polnischen Jünglingen aus edlen Familien im August durch 
Grosspolen zog, um sie der weltberühmten Sturmschen 

^) Königliches Staatsarchiv in Königsberg. 

^ Königliches Staatsarchiv in Königsberg. 

3) Als Johann Tomicki von Tomice ans am 3. Nov. 1557 ein 
Dankschreiben für übersandte Falken an Herzog Albrecht richtet^ 
erwähnt er seinen Gastfreund mit keinem Wort. 



Francesco Lismanino. 267 

Schule in Strassburg zuzuführen, gab Lismanino ihm nicht 
nur in Ostrorogs Namen einen Empfehlungsbrief für den 
jungen Studenten Christoph Bradzki an Girolamo Zanchi 
mit, sondern bat diesen auch, durch einen Brief im re- 
formierten Sinne auf Ostrorog einzuwirken; eine ähnliche 
Aufforderung richtete er durch Johann Luzinski, der am 
7. September von der Wlodzislawer Sjmode für die Söhne der 
Edelfrau Dluska nach Genf abgeordert war, auch an Calvin. 
Allein die Posener Septembersynode — ob sich Lismanino 
an ihr beteiligt hat, ist ungewiss — , auf der unter Ostro- 
rogs und Trepkas Leitung die Vorstösse der Reformierten 
zurückgewiesen und die Augsburger Konfession feierlich 
bekannt wurde, musste ihm das Vergebliche aller Be- 
mühungen in dieser Richtung zeigen und ihm das Posener 
Land verleiden. Dazu kam die Nachricht, dass sein Freund 
Lelio Sozini in Kleinpolen eingetroffen sei Im Herbst 
verliess er deshalb nach ^AJ^hrigem Aufenthalte unsere 
Provinz. Als am 28. Oktober und 28. November Bullinger 
an Utenhoven schreibt, vermutet er ihn bereits in dessen 
und Laskis Nähe; seinen Schreiben fügt er Grüsse an 
Lismanino und Sozini bei^. Gern wüssten wir etwas 
Näheres über den Gedankenaustausch der beiden Italiener, 
von denen der letztere durch die seinem Neffen einge- 
flOsste Geistesrichtung einer Theologenschule, ja einer Kirche 
den Namen hat leihen müssen, aber ich kenne hier keine 
andere Nachricht, als das Bruchstück jenes italienischen 
Briefes, den Lismanino von Pelznica aus am 10. März 1559 
an Wolph in Zürich richtete. „Über den Stand der Re- 
ligion wird unser Lelio, der in Wahrheit ein zweites Füll- 



^) Schon am i. Dezember 1567 schrieb für Sozini Melanchthon In 
Worms Empfehlungsbriefe an den König von Polen, an König Maxi- 
milian und seinen evangelischen Hofprediger Pfauser. Am 22. Mai 
1558 empfiehlt ihn Calvin an Nikolaus Radziwill, am 25. Juni Bul. 
linger an Laski; in der zweiten HAlfte des Juli ist Sozini bereits in 
Tübingen, wo er mit Verger und Paul Scalich zusammentrifft. 
Dieser gibt ihm am 27. Juli einen Empfehlungsbrief an König Maxi- 
milian, den er in Graz überreicht; er wird vom Könige dort am 
21. September an Nikolaus Radziwill weiterempfohlen. Den noch 
nngedruckten Empfehlungsbrief bewahrt die Racz>'nskische Bibliothek 



208 Theodor Wotschke. 

horn (?) ist, berichten nicht nur, was man thut, sondern 
vermöge seines Scharfsinnes auch (Du kennst den Mann),, 
was man denkt. Er ist bei allen Verhandlungen zugegen 
gewesen und hat mit vielen Grossen so freundschaftlich 
verkehrt, dass er über alles unterrichtet ist** 

Auch den Arzt Georg Blandrata, der Frühjahr 1558 
Genf verlassen hatte, nach Kleinpolen gekommen und von 
Laski ehrenvoll aufgenommen war, traf Lismanino bei 
seiner Rückkehr in der Mitte seiner kleinpolnischen Freunde. 
Zweifellos kannten sich beide Männer seit den vierziger 
Jahren, da Blandrata Leibarzt der Königin Bona gewesen 
war, jetzt wusste dieser durch sein gewinnendes, liebens- 
würdiges, fesselndes Wesen wie schon Laski sich Lismanino 
um so mehr zum Freunde zu machen, da er ihn hoffen 
liess, ihn von seinem epileptischen Leiden, das ihn seit 
seiner Kindheit quälte, in den beiden letzten Jahren be- 
sonders schwer heimgesucht, und nur im letzten Sommer 
ganz vorübergehend eine Besserung gezeigt hatte, zu be- 
freien^). Wohl erhielt er Januar 1559 durch Johann Luzinski 
ein Schreiben Calvins vom 19. November des vergangenen 
Jahres eingehändigt, in dem der Genfer Reformator ihn 
vor dem Monstrum Blandrata, das mit Schlangenklugheit 
imter dem Schein der Aufrichtigkeit blasphemisch anti- 
trinitarische Lehre verfechte, warnte, aber seine vorgefasste 
günstige Meinung über seinen italienischen Landsmann liess 
er sich nicht mehr nehmen. Er bat i an um näheren Bericht 
über seine Verhandlungen mitCal^'iü und seine theologischen 
Anschauungen und konnte nichts Häretisches in ihnen 
finden, meinte vielmehr, nur die kirchliche Formulierung 
des trinitarischen Dogmas, nicht der Lehrsatz selbst wecke 
in ihm Bedenken. Die Worte der Verehrung und An- 
erkennung, in denen Blandrata von Calvin sprach, gaben 

1) Vergl.Calvin-Lismanino 19. Nov. 1558 (O.C. XVII, N. 3981). »Mor- 
bus tuus nos soUicitos tenuit quo nunc hilarius sanitatem tibi redditam 
gratulor"* und was Sebastian Pech Vermigli erzahlte und dieser am 
IG. April 1559 nach Genf berichtete: „Significavit medicum Blandratam 
sese in amicitiam N. N. insinuasse praeteztu medicinam faciendi eius 
inveterato morbo . . . Literas ad N. N. dedi, quibus hominem suis 
coloribus pinxi, eius ingenium et errores prodidi*. O. C. XVII, N. 304a. 



Francesco Lismanino. 269 

ihm die Ueberzeugung, dass der Reformator vorschnell 
über seinen Landsmann abgeurteilt habe, und dass es nur 
eines Einlenkens von ihm bedürfe, um den Zwiespalt auf- 
zuheben und das Fortwuchem anticalvinischer Tendenzen 
zu verhindern. In seinem Auftrage schrieb deshalb am 
I, Februar Petrus Statorius aus Pinczow an Calvin, wahr- 
scheinlich auch er selbst durch Sebastian Pech nach Genf 
und bat den Reformator um einige freimdliche verbindliche 
Zeilen an Blandrata. Als im Sommer Vermigli, der durch 
Pech von der ehrenvollen Aufnahme Blandratas in Klein- 
polen gehört hatte, einen neuen Warnimgsruf an Lisma- 
nino richtete, war seine Freundschaft und Zimeigung schon 
so tief gegründet, dass sie durch die Bedenken der alten 
Freunde nicht mehr entwurzelt werden konnte. 

Am 13. März wohnte Lismanino der Synode in 
Pinczow bei und wurde hier nebst Laski, Cruciger, Gregorius 
Paulus, Lutomirski und Samicki zur Kommission gewählt, 
welche die confessio fidei catholicae des Bischofs Hosius 
durchsehen und widerlegen sollte. Als Tag der ge- 
meinsamen Prüfung wurde der 29. März, als Ort der Zu- 
sammenkunft Dembiany unfern Pinczow bestimmt^). Da im 
folgenden Sommer der König die Acht ganz aufhob, konnte 
Lismanino endlich eine feste Beschäftigung imd einen 
ständigen Wohnsitz erhalten. Als Superintendent war 
er vor zwei Jahren berufen, und man dachte damals 
daran, ihn neben Cruciger zu stellen und ihm die Auf- 
sicht über sämtliche kleinpolnische Geistlichen zu über- 
tragen. Die wachsende nationale Empfindlichkeit gegen 
die Fremden, besonders gegen die Italiener Hess dies jetzt 
nicht zur Ausführung kommen, doch wurde ihm die In- 
spektion über die Kirchen des Pinczower Distriktes über- 
wiesen, und die Pinczower Schule ihm unterstellt Als 
Wohnung erhielt er dasErdgeschoss des Pinczower Klosters, 
in dem Johann Laski das erste Stockwerk inne hatte. 
Die Schule, welche bis dahin in diesen nicht sehr grossen 
Räumen untergebracht war, ward nach der Kirche verlegt 



^)Sand: Bibliotheca S. 193. Dalton: Lasciana. 



270 Theodor Wotschke. 

Anstelle der Besoldung gewährte der Grundherr Nikolaus 
Olesnicki Lismanino die Nutzniessung eines Teiles des 
früheren Klosterackers^). 

Nur kurz sollten die Wochen ruhiger, ungestörter 
Arbeit in der Gemeinde und Schule zu Pinczow sein, 
kaum hatte sie begonnen, so wxu*de Lismanino in einen 
Streit hineingerissen, der sein ganzes ferneres Leben ver- 
bittern, ihm Mühe und Verdruss, Verleumdungen und An- 
feindungen sonder Zahl bringen sollte. Wohl noch im Mai 
1559 war Francesco Stancaro*) aus Siebenbürgen nach 
Polen zurückgekehrt und hatte den Pinczower Drucker 
Daniel aus Lenschitz veranlasst, seine Schrift wider Me- 
lanchthon zu drucken. Die Wlodzislawer Generalsynode 
hatte am 29. Juni Daniel deshalb zur Rechenschaft ge- 
zogen, Grund genug für den zornwütigen Stancaro, um 
mit wüsten Schimpfereien über die S5mode und ihre Wort- 
führer Laski und Lismanino herzufallen®). Sein gross- 

^) Ecclesiae Londino-Batavae Archivam II, S. 118. 

>) Leider besitzen wir noch keine Biographie dieses händel- 
süchtigen Italieners; so unsympathisch er ist, wäre eine gründliche 
Erforschung seines Lebens und Wirkens im Interesse der polnischen 
Reformationsgeschichte dringend zu wünschen. Ich will hier auf 
eine Schrift Stancaros und auf eine aus der Feder eines seiner 
Anhänger aufmerksam machen, deren Stancaro einmal gelegentlich 
gedenkt. „Quod cum animadvertissem, coepi ministrorum primates 
partim ore partim epistolis admonere, ut ab incoepto nefario de- 
sisterent, ut in historia de autoribus controversiae in causa religionis 
in Polonia ortae descripsi. Utinam et quidara generosus nobilis, cui 
haec omnia perspecta sunt, librum suum in lingua Polonica scriptum 
in lucem ederet lUe enim totam causam diligentissime et fidelissime 
descripsit et causam meam iustificat. Fraudes praeterea, imposturas, 
maliciam, nequitiam et calumnias, quibus haereses in Polonia planta- 
verunt, succincte complexus est; nam omnes illorum technas novit'' 

3) Petrus Statorius: „Brevis Apologia ad diluendas Stancari 
cuiusdam calumnias, quibus ipsum privatim Statorium, publice autem 
universam Christi ecclesiam obruere conatus est" nach Sand 1560 
erschienen: „Quid de Stancaro dicam! cum arrogantissime et impu- 
dentissime synodum Vladislaviensem te (sit honor auribus) percacare 
professus es? cum ecclesiarum nostrarum superintendentem canem 
vocares, cum clarissimos viros d. loannem a Lasco et Franciscum 
Lismaninum principes sacerdotum nominares dignosque esse diceres, 
qui anserum gregibus praeficiantur". 



Francesco Lismanino. 271 

sprecherisches Wesen, sein sicheres Auftreten, die Piero- 
phorie seiner Sprache gewannen ihm in den Kreisen des 
Adels und der Geistlichen verschiedene Anhänger. Es 
war nicht sowohl die positive Seite seiner Lehre, dass 
Christus nur nach seiner Menschheit unser Mittler sei, 
welche Beifall fand, als seine Kritik des entgegenstehenden 
recipierten Dogmas, das er arianisch, eutychianisch, apol- 
linaristisch und manichäisch schmähte. Schon waren die 
kleinpobiischen Gemeinden von Unitariem beunruhigt, die 
Pinczower Synode am 25. April 1559 hatte sich gezwungen 
gesehen, zum Schutz gegen die um sich greifende anti- 
trinitarische Häresie für die Geistlichen ein Glaubens- 
examen anzuordnen^), und nun dieser neue Zwist! Vor 
allem galt es zwischen Stancaro und der Kirche die Grenz- 
linien zu ziehen und deshalb ein Glaubensbekenntnis über 
die Mittlerschaft Christi aufzustellen. Laski imd Lismanino 
arbeiteten es aus, und der Synode zu Pinczow soUte es 
-zur Annahme vorgelegt werden. Am 7. August trat sie 
zusammen, am folgenden Tage stellte sich Stancaro ein 
und forderte zur öffentlichen Disputation heraus. In die 
Kirche, wo die Synode tagte, liess er einen Tisch stellen, 
legte auf ihn die mitgebrachten Bücher der Kirchenväter, 
stellte sich hinter dieselben und reizte mit Wort und 
Mienen die Anwesenden zum Wor^efechte. Mit Rück- 
sicht auf das Staatsgesetz, das eine öffentliche Disputation 
von der Erlaubnis des Königs abhängig machte, in Er- 
wägung, dass die Lehre Stancaros bereits von Melanchthon 
verurteilt sei und dass eine Disputation ohne sichere 
schriftliche, vorher bekannt gegebene Grundlage ergebnis- 
los sein würde, ward sie abgelehnt Die Kleinpolen ver- 
lasen ihr Glaubensbekenntnis und forderten Stancaro auf, 
gleichfalls eine Konfession aufzustellen. Er weigerte sich 
dessen, überreichte aber schliesslich der S5mode seine 
Streitschriften wider Melanchthon. Mit Berücksichtigung 
derselben wurde durch Laski und Lismanino das vorher 
ausgearbeitete Bekenntnis entweder noch einmal durchs 



Dalton: Lasciana S. 473 und Sand: Bibliotheca 184. 



272 Theodor Wotschke. 

gesehen, an verschiedenen Stellen gekürzt oder ein ganr 
neues kürzeres Bekenntnis aufgestellt, das am 19. August 
unter Beigabe der Briefe und Gutachten Pietro Martires 
sowie der Lausanner und Züricher Kirche, welche Lisma- 
nino im April 1556 überbracht hatte, veröffentlicht wurde ^). 
Durch sein herausforderndes grosssprecherisches Wesen 
wusste aber Stancaro am folgenden Tage die Sjmode wider 
ihre Absicht zu einer Disputation zu zwingen; neben 
anderen scheint auch Lismanino gegen ihn das Wort er- 
griffen, aber gegen den zomwütigen sich heiser schreienden 
Mann nicht glücklich gestritten zu haben. Natürlich führte 
das Wortgefecht zu keinem Ergebnis. Lismanino erhielt 
den Auftrag, im Namen der Kleinpolen an Melanchthon 
imd Georg Major nach Wittenberg, sowie an die Schweizer 
BuUinger, Martire Vermigli, Calvin und Beza*) zu schreiben, 
ihnen von Stancaros Auftreten zu berichten und ihr Urteil 
über seine Lehre und ihren Rat betreffs des Kampfes wider 
ihn einzuholen. Der bewährte Bote Sebastian Pech, der 
erst vor wenigen Wochen aus der Schweiz zurückgekehrt 
war, sollte die Briefe überbringen. Leider haben sie sich, 
die eine wertvoUe Quelle für die Verhandlungen in Pin- 
czow und gewiss auch für den theologischen Standpunkt 
Lismaninos sein würden, nicht erhalten. Stancaro gelang^ 
es durch seine Anhänger eine Abschrift des Briefes an 
Melanchthon in die Hand zu bekommen, und da er sich 
darin den alten Schurken aus Mantua, seine Lehre eine 
greuliche Missgeburt genannt fand®), verfolgte er Lisma- 



1) O. C. XVn, N. 3098. Petrus Statorius am 20. August an Calvin : 
„Heri infrequenti coetu confessionem fidei nostrae de mediatore scripto- 
edidimus confirmatam verbo dei primum, deinde vetustissimorom 
patrum sententiis, postremo conciliis et Tigurinae Lausannensisque 
ecclesiae ac d. Petri Martyris literis, quas ante triennium Lismaninus 
attulerat." 

2) Wengicrski: Systema ecclesiarum Slavonicarum S. 84. 

^ ,pFranciscus Lysmaninus snperintendens tunc in Pinczov con*> 
stitutus ad Melanchthonem de actis Pinczoviae celebratis scribens sie 
ait inter caetera: Is igitur nuntius cum fideliter tum sedulo referet 
omnia (eins litterae sunt apud me), quae cum tuo illo veteri mastige 
Mantuano (de me Stancaro intelligit!) hie egimus, cum in nostras 



Francesco Lismanino. 273 

nino fortan mit dem unversöhnlichsten Hass, den nicht 
einmal dessen trauriges Lebensende mildem konnte. 

Die zweite S5aiode gegen Stancaro am 20. September 
zu Pinczow beschloss eine Neubearbeitung der Konfession^y 
über den Mittler und übertrug sie Laski und Lismanino. 
Da jener Pinczow verlassen und nach dem nahen Dembiany 
gezogen war, sollte auch dieser sich dorthin begeben. 
Gern hätten sie die Antwort der Schweizer bei ihrer 
Arbeit zur Hand gehabt; da sie sich aber verzögerte, — 
am 7. Dezember war Sebastian Pech auf der Rückreise 
noch in Frankfurt a. M. — stellten sie das Bekenntnis fertig, 
ohne der Schweizer Gutachten abzuwarten. Da Laski 
fort und fort kränkelte, fiel der grössere Teil der Arbeit 
Lismanino zu, durch ihn mag auch jener Einfluss Blandratas, 
der in dem Bekenntnis sich bemerkbar macht, vermittelt 
sein^. Dass Christus nach seiner göttlichen Natur Mittler 
sei, wird durch die Erwägung zu erweisen gesucht, dass 
er von Ewigkeit her Mittler sei, schon vor seiner Mensch- 



ccclesias illud suum de Cameo Mediatore portentum invehere ma- 
nibas pedibusque niteretur.^ Vergl. Stancarus: Libri duo, quorom 
primus est apologia S. h. Im Corpus Reformatorum fehlt der Brief. 

^) Leider ist uns keine der Konfessionen erhalten; nach Sar- 
nicki (O. C. XDC, Nr, 3877) wäre das Bekenntnis, welches 1561 zu Pinczow 
gedruckt wurde, aus der Hand Laskis. Vorausgesetzt dass es wirklich 
nur dessen Werk war, welche Gestalt der oft geänderten Konfession 
stellte es dar? Vergl. Stancarus : De Trinitate et Mediatore. Cracoviae 
in officina Scharffenbergiana 1562. S. Eiiij : „Bullingems et Martyr, cum 
approbent Pinczovianorum confessionem de trinitate et incamatione 
et de mediatore Christo domino, notam haereticorum nunquam fugere 
potuerunt, sive enim illam longam confessionem, quam 8. August^ 
in synodo illa ter maledicta Pinczoviani ad 8 horas legerunt sive illam 
parvam (multas confessiones scripsemnt et impresserunt Pinczoviani, 
ut in historia scribo), quam tribus baccalaureis dederunt, ad Helvetios, 
id est Tignrinos, miserunt. 

2) Allerdings hat Blandrata im Herbst 1559 nicht inmitten seiner 
kleinpolnischen Freunde geweilt, sondern am Kranken- und Sterbe- 
bette der Königin Isabella von Ungarn. In der Blandrata -Literatur 
nirgends verzeichnet finde ich zwei mir vorliegende Briefe Blandratas 
über die Krankheit der Königin und ein Prognostikon aus seiner 
Hand; in letzterem trägt ein Kapitel die Überschrift „Aliquot 
serenissimae reginae Ungariae mortis portenta". 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XVIII. 18 



274 Theodor Wotschkc. 

werdung die Erhörung der Gebete vermittelt habe, eine 
Argumentation, deren Gentile, Blandrata und andere 
Antitrinitarier schon vor zwei Jahren in Genf sich be- 
dient hatten, um die Minorität des Sohnes darzutun, da 
im Wesen des Mittlers liege, dass er weniger als der 
Vater sei, und die im folgenden Sommer Calvin deshalb 
aus dem kleinpolnischen Bekenntnis entfernt wissen 
wollte^). In Verbindung mit Laski veranlasste Lismanino 
noch im Herbst den Druck zweier antistancarischer 
Schriften, der des Philipp Melanchthon und des Klausen- 
burger Predigers Kaspar Heltai. Am 8. Januar 1561 starb 
Laski. Sein Tod gab Lismanino die führende Stellung in 
der kleinpohiischen evangelischen Kirche, seinen Namen 
bringen die Synodalprotokolle an erster Stelle, auf der 
Januarsynode zu Pinczow wird ihm, dem theologisch am 
besten geschulten, die Konfession des Parteigängers des 



I. 



^) Calvin an Lusinski in Krakau unter dem 9. Juni 1560 (O. C. 
XVII, Nr. 3ao8). „Porro nostra responsio vos commonefaciet nobis non 
probari, quod de aeterno Christi sacerdotio scribitis, ac si principio 
careret, quando sacerdos non minus quam reconcüiator creatus est. 
Quare si nostro consilio obtemperatis. aliquid in ea parte mutandam 
erit, ne ansam calumniandi inde hostis arripiat". Lismanino ist dem 
Wunsche Calvins nur z. T. nachgekommen; vergl. Stancarus: De 
trinitate S. Q. „Pinczoviani in confessione parva, quam dederunt 
tribus baccalaureis, aperte profitentur haec de mediatore: „Quod 
quemadmodnm sacerdotium Christi neque principium neque finem 
habet ullum ac proinde sacrificium quoque eins, quod ad vim effi- 
catiamque illius salutarem attinet. Elstque aetemum prorsus sine 
principio et fine et officium eiusdem ipsius mediatoris nostn". In 
confessione vero illa magna et longa, quam hoc anno 1561 Pinczoviae 
aediderunt, sie scribunt pagina prima: „Quemadmodum autem 
officio hoc ab ipso mox mundi initio functus est filios Dei, ita et 
nunc et saecnli usque consumationem in eo ipso mediatoris officio 
pcrstar\ Hie dicunt filium Dei mediatorem fuisse tantum ab initio 
mundi et futurum quoque usque ad finem saeculi, non autem ex 
aeterno, hoc est, sine principio et sine fine''. Die Züricher haben 
dagegen der ersten kleinpolnischen Konfession voll zugestinunt: 
^facile intelligitis nobis displicere non posse confessionem iiiam 
vesiram missam ad nos de mediatore scriptam. Pergite sie docere 
ecclesias vestrae fidei creditas ac Stancarum cum sectariis simiiibas 
avertere ab eis". 




Francesco Lismanino. 275 

Stancaro Gregor Orsatius übergeben, er vertritt diesem 
und dem Peripatetiker Christoph Przechadzka aus Lem- 
berg gegenüber die kirchliche Lehre, in seine Hände wird 
die Geldsammlung für Laskis Witwe gelegt. Zu der 
Grabrede, welche Petrus Statorius zur Beisetzungsfeier 
Laskis am 29. Januar hielt, und die bald darauf durch 
den Drucker Daniel veröffentlicht wurde, schrieb er das 
Vorwort, auch besorgte er die Drucklegung des kürzeren 
Bekenntnisses vom Mittler^). Femer veröffentlichte er eine 
polnische Übersetzung der italienischen Streitschrift seines 
Freundes Ochino wider die römische Messe. Sie führt den 
TiteF^ Bemardyna Ochina z Seny: Traiedya o Mszey, z kthorey 
ka^dy snadnie wyrozumiec mo^e, poczs^tek y wszelaka, 
iey spraw^: y co o prawdziwey wieczerzey Panskiey 
wtasnie ka^dy wiedzied ma. Drukowano w Pinczowie 
w Drukami Danielowey. Roku 1560^). Wie das Pinczow, 
den 6. Februar 1560 datierte Vorwort zeigt, hat Lismanino 
die Übersetzung seinem hohen Gönner Nikolaus Radziwill 
zum Dank für die ihm erwiesene Huld gewidmet. Die 
Unterschrift seines vierjährigen Söhnchens Paul tragen 
18 lateinische Verse, welche sich an den polnischen 
Leser wenden. 

Im Februar, als Lismanino an die Ausgabe dieser 
polnischen Übersetzung die letzte Feile anlegte, traf 
Sebastian Pech mit den Briefen der Schweizer in Pinczow 
ein. Sie waren sehr kurz gehalten, da Bullinger wie die 
anderen Theologen den reizbaren Stancaro kannten und 
in der Hoffnung auf eine noch mögliche friedliche Schlich- 
tung des Streites den Riss nicht grösser machen wollten. 



1) Bock I, 913. In clarissimi viri dn. Joannis a Lasco Poloniae 
baronis obitam funebris oratio conscripta et habita a Petro Statorio. 
Impressa Pinczoviae in officina Dan. Lancicii. A. 1560. Praefixa est 
brcvis dedicatio scripta a Franc. Lismanino. 

^ Ich kenne das Buch nur aus Jocher: „Obraz'*, Wilna 1840 
ni Nr. 9759, der auch einen Teil der Widmung abdruckt. 

^ Bemardino Ochino von Siena: Tragödie von der Messe, 
ans welcher jeder ihre Elntstehung und ihren Inhalt lernen kann, 
and was vom heiligen Abendmahl jeder wissen muss. Im Buche 
<lie genauere Angabe. Gedruckt in Pinczow, den 11. April 1360. 

19* 



276 Theodor Wotschke. 

Als Lismanino sie in Kleinpolen unter den Geistlichen- 
und Herren verbreiten Hess, verdächtigte ihn Stancaro- 
als Fälscher^), da die Schweizer anders geantwortet, vor 
allem über diese, hochwichtige Frage sich ausführlicher 
ausgelassen haben würden. Lismanino und Cruciger sahen 
sich veranlasst, sofort eine neue Gesandtschaft — Silnicki ^ 
und einige andere polnische Edelleute, die sich freiwillig 
der Kirche zur Verfügung stellten — nach der Schweiz 
zu senden; sie sollte die kleinpolnische Konfession über- 
reichen, um ihre Beurteilung und um ausführlichere Be- 
weise wider Stancaro bitten. Statorius gab heimlich 
den Boten einen leider nicht mehr erhaltenen Brief an 
Calvin mit, in dem er sein für Blandrata eintretendes 
Schreiben vom i. Februar vorigen Jahres entschuldigte, 
Lismanino für dasselbe verantwortlich machte und dadurch 
die Verstimmung, die den Genfer Reformator seit dem 
Berichte des Sebastian Pech, April 1559, wider diesen- 
beherrschte, steigerte. Am 27. Mai^) antwortet im Namen 
der Züricher Martire, auf den sich Stancaro besonders 



1) Lusinski, Krakau, den 14. März 1560 an Calvin : „hie vestra 
Opera erit opus, ut nos contra hunc virulentum hominem iuvetis, sed 
amplioribus scriptis, quam nunc per Sebastianum fecistis, qui non 
credit a vobis illa scripta exivisse et mirabiliter calumniatur, quasi 
nos vestro nomine illa edidissemus. Quid, inquit, illi boni viri tarn 
breviter scriberent?" 

2) Da sein Name in der polnischen Reformationsgeschichtc 
ganz unbekannt ist, erwähne ich, dass er als Stanislaus Nicolai 
Szylnyeszki dioc. Cracov. am 21. Oktober 1544 an der Krakauer 
Universität immatrikuliert worden ist. Sein Bruder führte die Re- 
formation in Potok in Kleinpolen ein. 

8) So Jocher II Nr. 3337 bei Beschreibung des Buches : Epistolae 
duae ad ecclesias polonicas Jesu Christi evangelium amplexas scriptae 
a Tigurinae ecclesiae ministris de negotio Stancariano etc. Tigurini 
apud Ch. Froschover 1561. Nach Haller wären die Boten aber erst 
am I. Juni, am Sonnabend vor Pfingsten, nach Zürich gekommen^ 
O.C.XVn Nr. 321 1 Anm. „Calendis Junii, quae erat vigilia Pentecostes, 
venerunt huc quidam Poloni nobiles afferentes nobis a domino Fran- 
cisco Lysmanino et aliis ex Polonia literas et scripta quaedam contra 
Franc. Stancarum Mantuanum ecclesias Polonias novo dogmate tur- 
bulantem. Petebant illi nostrum calculum*. 



Francesco Lismanino. 277 

berufen hatte, durch einen Brief an Felix Cruciger, am 
9. Juni die Genfer, letztere nicht nur durch Briefe, sondern 
auch durch eine längere dogmatische Abhandlung. Unbe- 
kannte Gründe verzögerten die Abreise Silnickis um 
einige Wochen, sodass er Ende Juni in Genf noch mit 
dem Brüderboten Herbert, der Calvin um Änderung seiner 
von Laski und Lismanino vor drei Jahren erbetenen und 
erhaltenen ungünstigen Beurteilung der Brüderkonfession 
bitten sollte, zusammentraf. 

Unterdessen war auf dem Seniorenkonvent zu Wlod- 
zislaw am 28. Mai von den Kleinpolen eine Generalsynode 
zu Xions in Kleinpolen für den 15. September beschlossen 
und am 13. Juni die Einladung dazu an die Brüder in 
Böhmen, an die Lutheraner in Grosspolen, an die kujawische, 
lithauische imd russische evangelische Kirche abgegangen. 
Die beiden Gesandten der böhmischen Brüder Johann 
Lorenz und Johann Rokyta reichten Lismanino sein 
Glaubensbekenntnis, welches er am 15. Juni 1557 zu 
Pelznica Wenzel Cech und eben diesem Lorenz für die 
Senioren z\ir Dm-chsicht gegeben hatte, zurück. Cerwenka 
hatte ein kurzes zustimmendes Urteil darunter gesetzt 
und die Konfession mit seinem Namen unterzeichnet. 
Wie schon die Abgeordneten für die nicht zustande ge- 
kommene Synode zu Goluchow Oktober 1557 die Wei- 
sung erhalten hatten, so baten auch jetzt die Brüder 
Lismanino, die Verzögerung der Prüfung und der Zustel- 
limg entschuldigen zu wollen^). Die Synode gab Lisma- 
ninos Stellung an der Spitze der Kirche eine offizielle 
Geltung, indem sie ihn am 15. September neben Bland- 
rata zum Senior wählte, während Felix Cruciger die 
Bischofs- oder Superintendentenwürde vorbehalten blieb. 
Auch seine pekimiär drückende Lage suchte man ab- 
zustellen. Von den vier Jahren, da er in Polen unter 
den Evangelischen lebte, hatte er nur in den letzten Mo- 
naten die bescheidenen Einkünfte eines Teils des Pin- 



1) Vcrgl. hierzu und zu dem Folgenden Lissaer Foliant X 
Bl. 151 ff. 



278 Theodor Wotschke. 

czower Klosterackers gehabt, sonst von freien Spende» 
und dem, was befreundete Edelleute ihm liehen, leben 
müssen. Da er zudem von der Zeit seiner hohen und 
ertragreichen hierarchischen Stellung ein behagliches 
Leben gewöhnt war, war er tief in Schulden geraten ^ 
man schätzte sie auf 1000 Gulden. Schon die Pinczower 
Synode hatte am 6. Mai 1560 mit der pekuniären Lage 
Lismaninos sich beschäftigt und Georg Blandrata nach 
Wilna abgeordert, um für ihn die Unterstützung Radziwills 
zu erbitten. Derselbe erklärte sich auch durch Briefe 
und mündliche Zusage, die Blandrata Montag, den 16. 
September übermittelte, bereit, ihm ein Jahrgeld von 100 
Gulden zu zahlen. Da die Kleinpolen ihn aber zugleich 
um Unterstützung ihres Pinczower Gymnasiums angegan- 
gen hatten, knüpfte er an das Jahrgeld die Beding^ng^ 
dass Lismanino das theologische Lehramt an der Schule 
übernehme. Als Zeichen seines Dankes für die Widmung 
der Tragödie der Messe sandte er 60 Gulden. Natürlich 
genügte dies bei den zerrütteten Vermögensverhältnissen 
in keiner Weise. Am folgenden Tage liess Lismanino 
deshalb der Synode eine Bittschrift zugehen, die sein 
alter Freund Andreas Trzycieski der Versammlung vorlas. 
In ihr führte er aus, er sei auf allgemeinen Beschluss aus der 
Schweiz für die polnische Kirche berufen, lebe schon über 
vier Jahre in Polen und habe weder eine ordentliche Woh- 
nung noch ein ausreichendes Einkommen erhalten, trotz aller 
Versprechungen sei bisher wenig für ihn getan. Seine 
Schuldenlast sei deshalb nicht klein, und er wisse nicht,, 
wovon er leben solle; für die Zukunft bitte er um or- 
dentliche Versorgung, für den Augenblick um Vorschuss. 
Aus den langen Reden, die im Anschluss an diese Bitt- 
schrift von den anwesenden Herren gehalten wurden,, 
konnte Lismanino die alte Wahrheit ersehen, dass 
auch die Freundeshand sich nur widerwillig dem Hilfe- 
suchenden öffnet. Man fragte, wer im Namen der ganzen 
Kirche ihn gerufen habe, und die Geistlichen, vor allem 
Cruciger, schwiegen und wagten nicht, für den Bruder 
einzutreten. „Wenn ihr ihn gerufen habt, so helft ihr 



Francesco Lismanino. 279 

ihm mit eurem Gelde*', herrschten die Edelleute die 
Geistlichen an, sammelten aber schliesslich unter sich. 
Des Stancaro Freund H. Ossolinski hatte am unwilligsten 
gesprochen, als er nun 20 Gulden reichte, bemerkte einer 
der Edelleute: „Das gibt er nicht gerne". Da sprang der 
reizbare herrische Schlachzize auf und griff imter einem 
Fluch nach dem Schwert, und nur mit Mühe konnten 
seine Freunde ihn beschwichtigen. Die Sammlung, zu 
der die Geistlichen und die beiden Brüderboten auch 
beisteuerten, ergab 161 Taler. 

Noch vor der S)mode war Silnicki mit den Briefen 
der Schweizer und der dogmatischen Abhandlimg Calvins 
wider Stancaro in Kleinpolen eingetroffen. Lismanino 
hatte für ihre Verbreitung gesorgt, und auf der Synode 
Hess Cruciger sie verlesen, auch berichtete Silnicki der 
Versammlung von seiner Reise; einem eventuellen Rufe 
der Edelleute nach Polen zur Bekämpfung Stancaros 
würden Martire, Viret und Beza Folge leisten. Die Herren 
scheuten indessen die Kosten und sprachen sich über 
Silnickis Versuch, Schweizer Theologen nach Kleinpolen 
zu ziehen, wenig erfreut aus. Da Stancaro wieder die 
freche Lüge aussprengte, Briefe und Schriften seien 
von Petrus Statorius und Blandrata gefälscht*), den Genfer 
Theologen von neuem für sich in Anspruch nahm und 
aus seinen Schriften Beweisstellen für seine Lehre zusam- 
mentrug, da auch seine Patrone ihn nicht fallen lassen 
wollten, sondern in Verbindung mit ihm seinen Schüler 
Christoph Przechadzkamitdem Beinamen „der Peripatetiker** 
aus Lemberg nach Genf abzuordem beschlossen, wandten 

^) Stancarus : De Trinitate S. Lij : „Sero intellcxi, Calvine, doctri- 
nam meam a te in priori tuo ad Polonos scripto damnatam esse. 
Fateor quidem me illud scriptum anno superiore a Pinczovianis 
aeditom legisse atque hoc, quod nunc scribis, vidisse, sed tarnen a te 
profectom non credidisse. Imo constanter quibusdam doctis affir- 
mabam illud scriptum non esse tuum sed Petri Galli et Blandratae. 
Dicebam enim Calvinum virum doctum tot blasphemias, tot errores, 
tot contradictiones, tot consequentias falsas et demum Arianam et 
Eutychianam haereses scribere non potuisse, sed hoc a praedictis 
Pinczovianis sub nomine Calvini fictum esse et aeditum esse". 



a8o Theodor Wotschke. 

sich auch die kleinpobiischen Theologen von neuem an die 
Schweizer und baten um ihre Hülfe. Vom i. October 
ist der Brief des Gregorius Pauli datiert^), um dieselbe 
Zeit schrieb ' auch Lismanino % Merkurius Gallus, der 
die Briefe in Krakau erhielt, reiste durch Grosspolen, 
Anfang Dezember sehen wir ihn in Posen, am 4. 
Dezember in Scharfenort (Ostrorog), wo ihm Johann 
Laurentius ein Schreiben mitgab^. Am 3. Januar 
traf Gallus in Zürich ein, wo BuUinger augenblicklich 
viel beschäftigt die Briefe nicht lesen konnte und in 
Übereinstimmung mit Martire sie sofort nach Genf tragen 
Hess*). Am i. Februar schrieb Calvin seinem Züricher 
Freunde voll Verdruss über die neuen Anfragen und 
über die anerkennenden Worte, die Lismanino in seinem 
Schreiben für Blandrata gehabt hatte ^). Da die Antwort, 
die er mündlich dem Przechadzka gab, am 26. Februar 
schriftlich an Stadnicki sandte ®), in Verbindung mit seiner 
vorjährigen Schrift ihm für diesen unfruchtbaren scho- 
lastischen Streit ausreichend schien, schickten nur die 
Züricher, die durch Christoph Thretius neue Briefe aus 
Polen erhalten hatten, ein Sendschreiben wider Stancaro. 
In ihrem Auftrage verfasste es im März Martire und 
noch in demselben Monat liess er es mit seinem Briefe 
von 27. Mai 1560 auch im Druck ausgehen"^). 



i 



1) O. C. XVm Nr. 3255. über des Gregorius Pauli Aufenthalt 
in Posen und seine Lehrtätigkeit an der Pfarrschule von Maria 
Magdalena 1549/50 vergleiche meinen Aufsatz im Dezemberhefte der 
Historischen Monatsblätter für die Provinz Posen. Posen 1903 S. 177 ff. 

2) Der Brief ist verloren gegangen. 
S) O. C. XVin Nr. 3260. 

^ O. C. XVni Nr. 3309. 

ö) O. C. XVm Nr. 3332. 

«) O. C. XVni Nr. 3347. Ende Februar muss auch der Brief an 
Siancaro geschrieben sein, den die Herausgeber der Briefe Calvins 
an das Ende des Jahres 1561 (O. C. XK Nr. 3684) gesetzt haben. 

^ Epistolae duae ad ecclesias polonicas Jesu Christi evan- 
gelium amplexas de negotio Stancariano et mediatore Dei et homi- 
ntim Jesu Christo, an hie secundum humanam naturam dumtaxat an 
sccundum utramque mediator sit. Tigurini apud Froschover 1561. 



Francesco Lismanino. 281 

Die Synode von Xions hatten die Geistlichen am 
19. September mit Erbitterung gegen Lismanino verlassen. 
Er, der Fremde, war dm-ch den Einfluss der Herren Senior 
geworden, mit seinem Unterstützungsgesuch war er der 
Anlass gewesen, dass sie öffendich von den Edelleuten ge- 
tadelt worden waren. Auf der Pinczower Synode September 
1555 hatte sich der ehrgeizige St, Sarnicki gegen seine 
Berufung ausgesprochen, damals war er allein geblieben, 
jetzt hörte man viele Worte des Unmuts und des Ver- 
drusses über die Italiener, vor allem auch über Lismanino. 
Am 24. Januar 1561, am Vorabend der Synode zu Pinczow, 
als die Geistlichen unter Crucigers Vorsitz sich versam- 
melten, kam die Missstimmung zum Ausbruch. Durch 
Cruciger, der auf das Verdienst, welches sich gerade die 
Fremden um die Reformation in Kleinpolen erworben, hin- 
wies, wurden die Gegensätze noch einmal ausgeglichen, 
und ein Antrag angenommen, in dem man Gott dankte, 
dass er fromme und erleuchtete Männer nach Polen ge- 
sandt habe, aber dagegen Verwahrung einlegte, dass sie 
vor den Einheimischen einen Vorrang hätten; auch sollten 
sie nicht, dies scheint gegen den zweiten Senior, gegen 
Blandrata, gerichtet zu sein, früher in die Kirchengemein- 
schaft aufgenommen werden, bevor sie nicht ein Glaubens- 
bekenntnis abgelegt hätten^). Immerhin war Lismanino 
schwer gekränkt; bei allen Opfern, die er in Polen hatte 
bringen müssen, sollte er noch Missgunst ernten! Er be- 
schloss deshalb, die Vertrauensfrage zu stellen und zugleich 
auch eine endgültige Regelung seiner Gehaltsverhältnisse 
herbeizuführen. An die Synode wandte ersieh mit folgenden 
Worten: „Edle Herren und liebe Brüder. Oftmals habe ich 
euer Wohlwollen gegen mich erfahren, besonders, als ich durch 
euren Brief zur Leitung der Kirche, welche der Herr unter 
euch aufgerichtet hat, aus der Schweiz gerufen wurde. 
Wiewohl ich nicht meinte, viel Hilfe bringen zu können, 
bin ich doch, um meinen Glaubenseifer zu bezeugen und 
eurer Liebe gegen mich zu entsprechen, gekommen, wohl 



^) Lasciana S. 528. 



282 Theodor Wotschke. 

mit banger Hoffnung, doch mit der Freudigkeit, die das. 
Reich Gottes fordert. Welche Hindemisse nach meiner 
Rückkehr meine Krankheit und meine Ächtung, die mich 
zwang, wie ein Begrabener verborgen zu leben, mir 
brachten, wisst ihr. Nicht um meinetwillen sind 'mir die 
Heimsuchungen schmerzlich gewesen, sondern weil sie 
von dem Amte, zu dem ich berufen war, mich fernhielten^ 
In meiner Ächtung haben in Gross- und Kleinpolen ver- 
schiedene Edelleute sich meiner väterlich angenommen 
und mich durch ihre Güte für immer zu Dank verpflichtet. 
Auf den Synoden ist jetzt öfters und besonders gelegent- 
lich des Leichenbegängnisses des Herrn Laski von einem 
Jahrgeld für mich gesprochen worden, und ich habe auf 
einen festen Beschluss hierin gewartet. Auf zwiefache 
Weise könnte mir geholfen werden, durch die freundliche 
Opferwilligkeit eines Einzelnen oder durch eine allgemeine 
Sammlung. Aber es scheint mir nicht richtig, dass wer 
seine Mühe und Arbeit der Gesamtheit widmet, von einem 
Einzelnen unterhalten werde. Auch den zweiten Weg^ 
mir zu helfen, halte ich für bedenklich und bei dem 
Widerspruch vieler für nachteilig. Gleichwohl hätte ich 
auf eine Art mir helfen lassen, aber ich glaubte, dass 
meine Arbeit der Kirche nicht so segenbringend sein wird, 
wie zu wünschen wäre. Meine unsichere Lage habe ich 
so lange ertragen, als ich noch Hoffnung auf eine Ver- 
sorgung oder eine Anstellung hatte, die der Kirche und mir 
nicht zum Nachteil sein würde. Da aber alle Aussicht 
geschwunden ist, bitte ich unter dem Drucke der Not mir 
zu erlauben, für mich zu sorgen, zumal da mein Alter 
einen längeren Verzug nicht zu gestatten scheint Ich 
ersuche euch, edle Herren, herzlich, meine Bitte um Ent- 
lassung brüderlich anzunehmen und überzeugt zu sein, dass 
ich stets wieder zur Verfügung stehen werde, dieser Kirche 
mit meiner ganzen Kraft zu dienen." Aber gerade jetzt^ 
wo es galt, die gegen Blandrata erhobenen Beschuldigungen, 
zu prüfen und zu entscheiden, ob er noch ein Glied der 
Kirche sei oder zu den Antitrinitariem gehöre, wo der 
Streit mit Stancaro noch nicht beendet war, wo es galt^ 



Francesco Lismanino. 283. 

die Briefe der Schweizer herauszugeben, die eigene Kon- 
fession noch einmal zu übersehen, wo auch die Errichtung 
einer Schule von Bonar in Xions geplant wurde, konnte 
man seiner nicht entbehren. Er erhielt daher die Antwort, 
die Kirche erkenne den Segen, mit dem er arbeite, an» 
und bitte ihn, wenigstens bis zur Synode nach Ostern zu 
bleiben. Inzwischen würden die Senioren in allen Diö- 
zesen für den Gotteskasten sammeln lassen, damit er aus 
ihm versorgt werden könnte. Mit dieser neuen Vertröstung 
war Lismanino wenig zufrieden, aber den erneuten Bitten 
der Synodalen konnte er nicht widerstehen, zumal man 
ihm einige Wochen Urlaub zur Ordnung seiner Verhält- 
nisse gewährte. 

Allein diesen Urlaub anzutreten, fehlte ihm jetzt die 
freie Zeit. Auf den 16. Februar war die Zusammenkunft 
in Xions angesetzt, welche über die Errichtung eines 
evangelischen Gymnasiums zu beraten hatte. Ferner musste 
das Bekenntnis, welches auf Radziwills Veranlassung Bland- 
rata überreicht hatte, durchgesehen und geprüft werden. 
Auf der Synode zu Pinczow hatten nebst Lismanino- 
noch Cruciger, Lutomirski, Sarnicki, Gregorius Pauli, 
Krowicki mit dem italienischen Arzte verhandelt, sie werden 
auch jetzt neben Lismanino an der Prüfung seines Bekennt- 
nisses beteiligt gewesen sein. Von ihm wie von den 
Versicherungen, die Blandrata noch mündlich gab, fanden 
sie sich alle voll befriedigt, und Cruciger schrieb davon 
am 13. März dem Fürsten Radziwill, am 15. Mai berich- 
tete auch Lismanino gemäss dem Beschlüsse der Pin- 
czower Synode vom 25. Januar dies nach der Schweiz.. 
Er halte Blandrata für rechtgläubig und für einen höchst 
bedeutenden Mann, er bitte Calvin, ihm, der nur mit 
Worten der Hochachtung von ihm spreche, ihm selbst 
auch ein werter Freund geworden sei, seine Zunei- 
gimg wieder zuzuwenden. Da ein besonderer Bote ihm 
nicht zur Verfügung stand, schickte er den Brief 
durch Kaufleute über Nürnberg; auch ein Schreiben 
für seinen Freund Wolph in Zürich übergab er ihnen, 
zur Bestellung. 



284 Theodor Wotschke. 

Die folgenden Monate zwangen Lismanino, wieder 
seine ganze Kraft dem Streite mit Stancaro zu widmen. 
Anfang Mai kam Christoph Przechadzka von seiner 
Reise nach Genf zurück und übergab Stadnicki den Brief 
Calvins wie auch das längere dogmatische Schreiben- 
Martires wider Stancaro. Seine alte Taktik, die Pin- 
czower der Fälschung zu verdächtigen, konnte der italie- 
nische Zänker nicht fortsetzen, er suchte darum die Schriften 
'der Schweizer zu widerlegen und schrieb im Mai und 
Juni: „Castigationes quorundam locorum prioris epistolae 
ministrorum Tigurinae ecclesiae ad ecclesias Polonicas, 
scriptae Tiguri 1560 27. Maii, impressae autem 1561 mense 
Martio", femer „Castigationes quorundam locorum poste- 
rioris epistolae ministrorum Tigurinae ecclesiae ad ecclesias 
Polonicas scriptae et impressae Tiguri anno 1561" und 
schliesslich „de trinitate et incamatione atque mediatore 
adversus I. Calvinum" mit einem Anhange „Admonitio ad 
lectorem de libris Calvini" ^). In diesen Schriften klagte 
er die Schweizer der arianischen, eutychianischen, apol- 
linaristischen, timotheischen ^, akephalischen ^) , theo- 
dosianischen und gajanitischen *) Häresie an, weil sie 
Christum auch nach seiner göttlichen Natur Mittler sein 
Hessen und dadurch eine persönliche Tätigkeit in der 
Trinität statuierten. Seine Controversschriften, die er 
in vielen Abschriften verbreiten liess, parallelisierten die 
Wirkung der Briefe der Schweizer Theologen und ihrer 
dogmatischen Gutachten vollständig, und die Pinczower 
mussten nach neuen Beweisgründen wider Stancaro sich 
umsehen. Vor allem fühlte sich dazu Lismanino verpflichtet. 
Er hatte nie nach einer führenden Stellung in der klein- 
polnischen Kirche begehrt, aber bei der allgemeinen dog- 



1) Sämtliche Schriften erschienen vereinigt mit dem Buche 
<ie Trinitate 1562 in Krakau. 

2) Timotheus Älurus war Führer und Patriarch der Mono- 
physiten in Ägypten. 

3) Akephaler nannten sich die strengen Monophysiten inÄg3rpten. 
*) Theodosius und Gajanas waren Führer zweier monophysi- 

tischer Richtungen der Severianer und Julianisten. 



Francesco Lismanino. 285. 

matischen Verwirrung, die die Schriften des Mantuaners. 
erregten, bei der Ratlosigkeit, die sich der führenden kirch- 
lichen Kreise bemächtigte, hielt er es für seine Pflicht, als 
der theologisch und dogmatisch noch am besten geschulte 
den Kampf wider Stancaro mit aller Kraft aufzunehmen 
und durchzukämpfen. Von den Schreiben der Schweizer 
fand er sich wenig befriedigt. Calvins und Martires 
Anschauungen, dass das Wesen des Mittlers eine 
gewisse Inferiorität nicht in sich schliesse ^), ver- 
mochte er nicht, sich zu eigen zu machen. Sodann hatten 
sie die göttliche Natur an sich vom Mittleramte ausge- 
schlossen, sie nur insoweit beteiligt sein lassen, um die 
Vollkommenheit des von der menschlichen Natur gelei- 
steten Gehorsams zu sichern. Sie wiesen es also zurück, 
dass Christus vor seiner Menschwerdung als zweite Person 
der Trinität Mittler gewesen sei, selbst Martire, der dem 
kleinpolnischen Bekenntnis anfänglich zugestimmt hatte, 
behauptete jetzt unter dem Einfluss Calvins nur eine 
ideelle Mittlerschaft Christi vor seiner Fleischwerdung in 
dem Gedanken Gottes, sofern er von Ewigkeit dazu 
bestimmt war, Mensch zu werden und die Erlösung zu 
vollbringen % Denn da der Logos mit dem Vater gleichen 
Wesens, gleicher Macht und Würde sei, habe er als solcher 
nicht vermitteln können. Stancaro, der diesem Argumente 
natürlich beipflichtete, antwortete: „O ihr gelehrten Dok- 
toren! Wenn die göttliche Natur nicht vor der Incamation 
Mittlerin sein kann, dann auch nach der Incarnation nicht. 
Gebt ihr doch zu, dass sie unveränderlich ist und immer 



^) Es war eine der Hauptthesen Stancaros: „semper ille, 
qui rogat, quatenus rogat, minor est eo, qui rogatu^'^ Eine gewisse 
Inferiorität wollte Lismanino zugestehen, aber wohl gemerkt, nur 
eine inferioritas quoad causam, nicht quoad naturam, wie sie Erasmus 
in seinem Briefe an Jakob Sturm ausgesprochen. Vergl. Lubie- 
niecki S. 122. 

2) Martire : „Dicimus Christo non convenirc ante incarnationem 
mediatorem fuisse, quatenus est eiusdem essentiae parisque potestatis 
ac dignitatis cum patre. At si eum spectemus, quatenus olim apatre 
mittendus erat, ut homo fieret, etiam tum hoc respectu adhibito^ 
mediator fuit". 



286 Theodor Wotschke. 

und ständig ihre Eigenheit bewahrt". Im Gegensatze zu 
♦den Schweizern meinte Lismanino einige Nebengedanken 
Stancaros als berechtigt anerkennen, um so schärfer aber 
seine Grundanschauung, die strenge Fassung der Trinitäts- 
lehre, die zum Sabellianismus hinneigte, bekämpfen zu 
müssen. Fasste jener den Augustinischen Kanon ,,opera 
ad extra sunt indivisa" so scharf, dass er die Proprietäten 
der drei Personen aufhob, und nicht Raum blieb für eine 
^ittlerschaft des Logos, so suchte er die realen Unterschiede 
der Personen in der Gottheit zu betonen und unter Fest- 
haltung der kirchlichen Trinitätslehre noch eine gewisse 
Präeminenz des Vaters darzutun. Den Boden des Nicänums 
wollte er nicht verlassen, er ist von ihm in der Tat auch 
nicht abgewichen, wenn er dem Vater als dem atriov eine 
Verschiedenheit vor dem Sohne als dem ahuxwv zuerkennt 
Den Vorwurf arianischer Häresie von Seiten Stancaros 
fürchtete er nicht, waren doch auch Philipp Melanchthon ^) 
und die Schweizer dem nicht entgangen; dass bei der 
schon herrschenden Besorgnis, vor dem Arianismus ihn 
auch andere darob der Hinneigung zu den Antitrini- 
tariem anklagen könnten, übersah er nicht, hoffte aber 
-durch gleichzeitiges Betonen aller athanasianischen und 
nicänischen Formeln alle auftauchenden Bedenken ent- 
kräften zu können. Anfänglich fand er bei den kleinpol- 
nischen Geistlichen den grössten Beifall, aber schon auf der 
Synode zu Xions am i. und 2. September 1561 widersprach 
ihm sein alter Gegner Samicki und machte sich den Vor- 
wurf des gemeinsamen Feindes Stancaro zu eigen, ver- 
dächtigte ihn auch am i. September in seinem Schreiben 
an Calvin^. Da Rede und Gegenrede zu Xions zu 



1) Eine Schrift Stancaros trflgt den Titel : collatio doctrinae Arii 
ctPh.Melanchthonis. Eine Aufzählung angeblicher Ketzereien Melanch- 
thons schliesst er mit den Worten: „haec et plures aliae Arianae et 
Trideitarum blasphemiae sunt in his et aliis epistolis ad consiliarios 
principis marchionis loachimi secundi et in libris Melanchthonis, ut 
in meo adversus eos libro aedito demonstro". 

2) Auch Lismanino schrieb am i. September einen leider ver- 
loren gegangenen Brief an Calvin. Dies Schreiben nahm Martin 



Francesco Lismanino. 287 

keinem Ergebnis führten, ward eine neue Synode für den 
16. September zuKrakau^) imd als diese fruchtlos verlief, 
eine zweite auf den 22. September in Wlodzislaw anberaumt. 
Um jeder Missdeutung seiner Lehre vorzubeugen und 
-der dogmatischen Auseinandersetzung eine sichere Grund- 
lage zu geben, schrieb Lismanino am 10. September seinen 
bekannten Lehrbrief an seinen alten Freund Iwan Kar- 
minski ^. Wie schon die mündlich vorgetragene dogma- 
tische Ausführung ward er von der Mehrzahl der 
Pastoren, die nun den alten Zänker aus Mantua für wider- 
legt erachteten, freudig begrüsst. Am anerkennendsten 
sprach sich wohl der Pfarrer von Chrencice Jakob Sylvius 
über ihn aus, der ihn auch mit Begeisterung imterschrieb®). 
Aber Samicki gab seinen Widerspruch nicht auf, er be- 
stimmte den Grundherrn von Pinczow in der zweiten 
Sitzung der Wlodzislawer Synode am 23. September 
in einer herrischen an Ausfällen reichen Rede den 
Antrag zu stellen, Lismanino ob dieses Briefes und 
der darin ausgesprochenen Lehrsätze einen Verweis zu 
erteilen. Johann Bonar trat aber für seinen alten Freund 



Czcchowicz, der im Auftrag Radziwills nach der Schweiz reiste, 
um zwischen C^vin und Blandrata eine Versöhnung herbeizuführen, 
nach Genf mit. 

1) Vergl. Sand S. 185. 

2) Lubieniecki bringt den Brief S. 119 — 126 seiner Reforma- 
tion sgeschichte, lässt ihn aber irrtümlich vom 10. Dezember 1561 
datiert sein. Mit Bock I S. 437 und Dalton, Lasciana S. 550 von zwei 
Briefen Lismaninos an Karminski zu sprechen, ist unrichtig. 

3) Lismaninus: Brevis Explicatio de Trinitate S. e2 „Jacobus 
Silvius epistolam sie approbavit, ut sua manu peculiariter in haec 
verba subscripserit. Sicut Psaltes cum exsultatione dicebat: Laetor, 
ctmi mihi dicunt, eamus ad domum Domini, ita et ego plurimum lae- 
tatus sum, postquam haec aliquoties relegi et flexis genibus gratias 
-cgi pastori et curatori ecclesiae nostrae Jesu Christi, qui non sinit 
nos erroribus conquassari, sed liberalius ad nos transvibrat radios 
suae lucis. Hac via iam video penitus miserum concidisse Stan- 
carum, in quo ego conspicio tres ingentes errores: primum Sabellii, 
quia in arctum personas essentiae divinae contrahit, secundum 
Nestorii, quia duos Qiristos facit in mediatione, tertium quod careat 
isocietate ecclesiae Christi". 



288 Theodor Wotschke. 

und Schützling ein und verteidigte ihn wider den Vorwurf 
der Häresie; Lismanino selbst beteuerte, dass er dem Worte 
Gottes gemäss lehre xmd in allem mit der rechtgläubigen 
schweizerischen Kirche übereinstimme. In einer längeren 
Ausführung ging er dann weiter auf die dogmatischen 
Formeln ein und zeigte, wie sie alle dunkel und schwer- 
verständlich seien und wie selbst anerkannten Kirchen- 
lehrern wie dem magister sententiarum der Vorwurf 
falscher Lehre nicht erspart geblieben sei; auch auf einige 
freie Aeusserungen Luthers scheint er hingewiesen zu 
haben. Er sprach so gut, dass der Vorstoss seiner Gegner 
missglückte. Die meisten waren von den erhaltenen Er- 
klärungen befriedigt, doch erbat sich die Synode eine Ab- 
schrift des Briefes, um ihn noch einmal durchzusehen, 
ihn zur Prüfung auch den befreundeten Kirchen in der 
Schweiz, Böhmen und Lithauen zu senden. Im weiteren 
Verlauf der Sitzung brachte Lismanino wiederum seine 
gedrückte materielle Lage zur Sprache und bat um Ent- 
lassung, damit er für seinen Lebensabend sich eine sichere 
Versorgung suchen könne. Die Synode drückte ihm 
darauf ihre Teilnahme und brüderliche Liebe aus und er- 
klärte trotz der Einwendungen Sarnickis ^), seine Dienste 
nicht missen zu können. Aus dem Gotteskasten sollte er 
fortan ein Gehalt von 200 Gulden gezahlt erhalten, auch 
versprachen die Herren, seine Schulden bei der Edelfrau 
Dluska in Höhe von 87 Goldstücken auf sich zu nehmen ^). 
Die Niederlage, die Sarnicki gegen Lismanino in 
Wlodzislaw erlitten hatte, dämpfte seinen Kampfeseifer 
keineswegs. Unter den Geistlichen suchte er im geheimen 
gegen seinen Gegner Stimmung zu machen und es gelang^ 
ihm auch, verschiedene auf seine Seite zu ziehen, indem 
er geschickt die nationale Empfindlichkeit gegen den 
Fremden auszunützen verstand. Vor allen wusste er Jakob 
Sylvius, der noch vor wenigen Wochen zu den grössten 
Lobrednem Lismaninos gehört hatte, zu gewinnen. Beide 
und zwei andere mir mit Namen nicht bekannte kleinpol- 



^) Dalton: Lasciana S. 553. 



Francesco Lismanino. 289 

nische Geistliche Hessen in den folgenden Monaten vier 
Streitschriften wider Lismanino ausgehen und übersandten 
sie den geistlichen und weltlichen Senioren ^). Auch 
von der Schweiz her zog sich ein Gewölk wider Lisma- 
nino zusammen. Sein Brief vom 15. Mai an Calvin mit 
dem günstigen Urteil über Blandrata war in Zürich bei 
Wolph verschiedene Wochen liegen geblieben. Am 28. Sep- 
tember wollte ihn dieser nach Genf weiter befördern, als 
Martin Czechowicz mit dem Schreiben Radziwills vom 
14. Juli und den Briefen der Kleinpolen vom Anfang Septem- 
ber bei ihm eintraf imd nach dreitägiger Rast nach Genf 
weiterzog. Anfang Oktober erhielt Calvin also die ver- 
schiedenen Briefe aus Polen eingehändigt Schon lange 
war er, wie wir wissen, mit Lismanino nicht zufrieden. 
Dass auf der Synode zu Xions im September 1560 der 
Streit mit Stancaro nicht auf Grund seines durch Silnicki 



^) Interim qaatuor diversorum automm libelli parvo temporis 
intervallo in publicum exiere, quorum sane duo crant anonymi, alii 
aatem duo a duobus (utinam fratribus) ad ecclesiarum Minoris Polo- 
niae seniores missi, adscripta quidem habebant automm nomina, sed 
nos ab üs referendis abstinuimus, ut hac nostra civili christianaque 
modestia victi denique resipiscant ac meliorcm ad mentem redeant. 
Verum enimvero satis constat epistolae nostrae sententiam synodi 
seniorum utriusque ordinis ministromm pariter ac nobilium iudicio 
fuisse comprobatam, id quod ex actis synodi Pinczoviae quarto nonas 
Aprilis anno MDLXII celebratae pro comperto haben omnino potest 
Nam haec ibi ad verbum leguntur: Oblatus est libellus a quodam 
fratre editus et ipsius manu scriptus, qui fit commentarius contra 
epistolam privatam D. Lismanini ad G. D. Charninski Iwan absente 
autore, ut libello lecto responderetur persona relicta. Ex quibus vide- 
licet epistola atque huius modi libello a D. Alexandrino Vitrelino 
pastore Goslicensi in Corona omnium seniorum, ministromm ac no- 
büinm alta voce pronunciatis cognovemnt fratres magnis iniuriis et 
cahmmiis D. Lismaninum affectum esse. lUe enim omnia, quae sibi 
ipsi obiciebatur, tum epistola ipsa tum voce reputabat nee errores sibi 
impactos cognoscebat. Alterius autem libelli ad synodum Xiaznensem 
missi criminationes cum in ipsa synodo libelli eins autore vel saltem 
assertore praesente coeptae essent legi, confestim^is publice confessus 
est, se antea Lysmaninum non intellexisse ob idque ei talem iniu- 
riam intulisse. Quo factum est, ut ab ipsius libelli lectione statim 
eessatnm nee ulterins progredi permissum sit. 

Zcitocbrift der HUt. Get. fOr die ProT. Posca. Jahrg. XVril. 18 



ago Theodor Wotschke. 

erteilten Gutachtens durch endgültige Verwerfung des 
Mantuaners. erledigt, dass der von ihm zurückgewiesene 
Blandrata zum Senior gewählt war, mass er ihm als Schuld 
bei und als er nun gar in seinen Briefen vom 15. Mai und 
1. September die nach seinem Empfinden gebieterisch aus- 
gesprochene Mahnung fand, sich mit Blandrata auszusöhnen, 
da loderte in dem reizbaren Franzosen der Zorn auf. Auch 
in seinen Briefen an den Fürsten Radziwill, an Cruciger 
imd die Wilnaer Geistlichen weist er jede Aussöhnung 
mit dem „portentum Blandrata^ zurück, aber schroff ant- 
wortet er am 9, Oktober doch nur seinem ehemaligen 
Freunde. ,ylch weiss nicht, weshalb du so ängstlich um 
eine Aussöhnung mit Blandrata dich bemühst Dir scheint 
er ein bedeutender Mann zu sein. Behalte dein Urteil, 
aber lass mir auch das meine. Du nennst ihn aufrichtig 
ich kenne keinen verschlageneren und unredlicheren Mann. 
Du willst keinen Vorwurf der Häresie wider ihn erheben, 
aber bei uns ist er mehr als hinreichend der Ketzerei 
überführt worden. Wollte ich dir folgen, ich würde mich 
dem Gespött der Kinder aussetzen. Wie kommst du zu 
der Zuversicht, ich könnte dir zu Liebe nicht nur leicht- 
sinnig und trügerisch handeln, sondern durch schimpfliche 
Lüge auch dem Satan Tür und Tor öffnen? Unsere 
Freundschaft möchte ich ungetrübt erhalten, aber nicht 
unter dieser Bedingung. Beharrst du in deiner Ansicht, 
so suche dir andere Freunde, die dir zu CJefallen Wahrheit 
und Kirche verraten. Sobald du dich selbst wiedergefunden 
hast, wird deine Frömmigkeit und Einsicht dich die Irr- 
lehren bekämpfen lassen. Durch mich soll unser Freund- 
schaftsbund nicht verletzt werden, wenn du mich nur nicht 
in meiner Pflicht irre machen wolltest"^). 

Noch rechtzeitig zur Krakauer S5aiode, welche auf 
den 10. Dezember angesetzt war, traf Czechowicz mit 
diesem und anderen Briefen Calvins in Kleinpolen ein. 
Sarnicki und wahrscheinlich Sylvius*! erschienen nicht 



1) O. C. XVIII Nr. 356a 

*) Deshalb brechen bei dieser Synode die von Jakob 8ylvius 
niedergeschriebenen Synodalprotokolle ab; vergL Lasciana S. 554. 



Francesco Lismanino. 291 

zum Convente; jener war unter dem Vorwand einer Reise 
nach Reussen über Böhmen nach Italien gegangen, wo er 
inr Padua mit Christoph Tretius aus Krakau zusammentraf 
und ihn für sich gewann, doch hatte er der S3aiode seine 
Streitschrift wider Lismanino übersandt Dies wie die 
Briefe Calvins bewirkten, dass die Verhandlungen sich 
ausschliesslich um Blandrata und Lismanino drehten. Es 
ist richtig, dass dieser in seiner Ansprache, die er nach 
Verlesung der Samicldschen Schrift an die Synodalen 
richtete, wie Lubieniecki bezeugt, die Worte „trinitas, hy^ 
postasis, communicatio idiomatum'' scholastisch und lom« 
bardisch, der heiligen Schrift unbekannt nannte, nur darf 
ihm hierbei keine arianische und antitrinitarische Tendenz 
imtergeschoben werden. Unter dem fruchtlosen, dogma- 
tischen Streite, der in ein Gebiet hineinführte, in dem jede 
klare Vorstellung aufhörte und in dem die Formel herrschte, 
regte sich natürlich die Sehnsucht nach den ersten Zeiten 
«der Kirche, da man von den dogmatischen Spitzfindig*^ 
keiten noch nichts wusste. Auf Stanislaus Lasockis Antrag 
ward die Orthodoxie Lismaninos anerkannt und seinen 
•Gegnern ein Verweis erteilt. Am 13. Dezember schrieben 
•die Synodalen an Calvin und Bullinger und bekannten sich 
einschliesslich Blandratas zu dem athanasianischen b^ixn)* 
•atoy, in dem Briefe an den Genfer Reformator vergassen sie 
nicht, auch dem Bedauern Ausdruck zu geben, dass er 
sich von dem hinter dem Rücken der kleinpolnischen Geist- 
lichkeit von Samicki am ersten September geschriebenen 
Briefe habe einnehmen lassen und^seinen Verdächtigungen 
Gehör schenken können. Am 14. Dezember antwortete 
ihm Lismanino auch noch in einem besonderen Schreiben, 
-dem letzten, das zwischen ihnen gewechselt wurde. „Was 
ich schon so oft geschrieben habe, wiederhole ich, bei Gott 
schwöre ich es, dass ich nie dir feind sein und der Kirche 
-Gottes einen Schaden zufügen wollte. Dein Ansehen und 
•der Kirchen Friede gelten mir mehr als himdert Blandrata. 
Auf alle Weise habe ich diesen in seiner Pflicht zurück- 
gehalten. Nicht kindische Liebe zu ihm hat mich geblendet, 
Wie du schreibst, sondern der reife und geklärte Eifer, 



29^ Theodor Wotschke. 

mit dem ich dir und der Kirche Gottes diene, hat mich 
bestimmt, mit Blandrata nicht anders zu verfahren. Könnte 
ich aDes dem Papier anvertrauen und offen zu dir sprechen^ 
du würdest ein Wörtchen Lismaninos höher stellen als 
lange Schreiben jenes Mannes, der unter dem erlogenen 
Titel eines Krakauer Pastors^) durch Martin Czechowicz dir 
und Bullinger geschrieben hat Du meinst, durch meine 
Fürsprache sei Blandrata von den Kirchen aufgenommen 
worden, während er schon vor meiner Rückkehr aus Gross- 
polen von Laski, der ihn auch dem Wilnaer Palatin 
empfahl, zu kirchlichen Beratungen hinzugezogen wurde ^. 
Zum Senior ist Blandrata gewählt worden. Aber dadurch 
sind ihm Fesseln, nicht Ehren, Banden, nicht Würden, Lasten^ 
nicht Auszeichnungen geworden. Unsere fromme List 
nenne keinen Schimpf für dich, den wir lieben und ver- 
ehren. Blandrata hatte einen Ruf von dem Könige von 
Siebenbürgen erhalten, desgleichen einen von dem Wil- 
naer Palatin. Ein grosses Jahrgeld und hohe Gunst boten 
ihm beide. Was hätte Blandrata dort nicht tun, lehren, 
schreiben können? Alles hätte ihm freigestanden imd an 
Wortkünsteleien hätte es ihm nicht gefehlt Hier hatLis* 
manino in Sorge und nicht in kindischer Furcht, da er 
vieles sah, was er nicht dem Papier anvertrauen kann^ 
dahin gewirkt, dass Blandrata mit unsichtbaren Stricken 
festgehalten wurde. Ich habe ihn dazu vermocht, öffent- 
lich auf der Generalsynode die servetianische Ruch- 
losigkeit, den arianischen Wahnsinn, die sabellianische Tor- 
heit, des Stancaro Raserei zu verdammen, femer das 
apostolische Symbol, auch das nicänische und die übrigen^ 
die mit ihm verbunden sind, anzuerkennen, schliesslich, unx 



^) Stanislaus Samicki. 

^ Am 7. November 155& hat Laski Blandratas Bekenntnis ge- 
billigt und ihn in die Kirchengemeinschaft aufgenommen. In Gemein- 
schaft mit Lelio Sozini wird Blandrata darauf Radziwill aufgesucht 
haben« Krakau, den 4. Januar 1559 schreibt der lithauische Magnat 
in Beantwortung des ihm von Sozini überreichten Empfehlungsbriefes 
an König Maximilian. Vergl. J. Szujski: Jagiellonki Polskie w XVI wieku. 
V. Krakau 1878 S. 144. 



Francesco Lismanino. ^3 

ja keinen Verdächtigungen Raum zu lassen, das athana- 
sianische als Glaubensfonn gelten zu lassen und sich 
allem zu unterwerfen, was unsere kleinpolnische Kirche als 
<iem Worte Gottes gemäss vorschreibt. Doch um zu dem 
zu kommen, was mir in deinem Schreiben am wenigsten 
gefällt. Es tut mir wehe, lieber Calvin, dass du meinen 
Brief nur so obenhin gelesen hast Wo habe ich gesagt, * 
dass Blandrata bei euch recht gehandelt habe? Denkst 
du, ich bin so töricht und leichtfertig, dass ich über Blan- 
dratas Auftreten in Genf befinden will? Hier bei uns ist 
kein Trug, keine Täuschung, keine Häresie an ihm offen- 
bar geworden. Bei uns, wohl gemerkt, sage ich. Ist er 
einst anders gewesen, konnte er sich nicht ändern? Dem 
umgewandelten Blandrata habe ich dich gebeten die 
Hand zu reichen! Heisst das dich dem Gespött der Kinder 
aussetzen, dich für schmeichlerischen und kriechenden 
Geistes halten, so dass du mir zuliebe leichtfertig und unwahr 
handeln sollst, ja heisst das Wege angeben, um Wahr- 
heit und Kirche zu verraten" u. s. w.? Da er von den 
Verdächtigungen Samickis bei Calvin zu wenig wusste, 
"war eine freundschaftliche Stellung zu Blandrata für 
ihn so ausschliesslich der Grund ihrer Entzweiung, dass 
er nur in einem kurzen Nachtrag nebenbei der Kämpfe 
der letzten Monate gedenkt; er legt eine Abschrift seines 
Briefes an Iwan Karminski bei und bittet den Genfer 
Reformator um sein Urteil und Gutachten über ihn. 

In den folgenden Monaten sah sich Lismanino von 
seinem alten epileptischen Leiden, das schon während 
der Krakauer Synode neu hervorgebrochen war \ schwer 
heimgesucht. Gleichwohl beteiligte er sich an den Vor- 
arbeiten zur S3niode in Xions, welche für den lo. März 
anberaumt war. Schon am 4. Februar hatte Cruciger 
Einladungsschreiben ergehen lassen, unter anderen auch 
an Georg Israel^, und am 23. desselben Monats schrieb 

^) An Calvin musste Lismanino am 14. Dezember schreiben : 
^,in medüs cruciatibus ezcitatls a vetere meo carnifice calcnlo consti« 
tatns haec scripsi". 

•) Den Brief besitzt die Raczynskische Bibliothek in Posen. 



294 Theodor Wotschke. 

wegen dieser S3mode auch Lismanino an Czechowicz^ 
dem er zugleich eine Abschrift sämtlicher Briefe schickte,, 
die im Dezember des vorigen Jahres nach der Schweiz 
gesandt waren ^). 

In Xions erreichte es zwar Sarnickis Freund und 
Parteigenosse Jakob Sylvius, dass ein Teil seiner Schrift 
wider Lismanino verlesen wurde, aber seine Aus- 
führungen fanden keinen Anklang. Als Lismanino seine 
Ansicht verteidigte und wider ihn sprach, bekannte 
Sylvius, die angefochtene Lehre nicht recht erfasst zul 
haben und Hess sich, freilich nur vorübergehend, zum 
Widerruf bewegen*). 

Da die grosse Synode zu Pinczow vom 2. April 
1562 auf Lismaninos Antrag bestimmte, dass die Prediger 
von allen philosophischen und scholastischen Termini wie- 
Trinität und Wesen absehen sollten imd dies als Hin-^ 
neigung zum Arianismus gedeutet werden könnte, ver- 
weise ich auf die folgende Generalsynode zu Pinczow^ 
vom 18. August und das von Lismanino entworfene und 
von der Versammlung am sso. August approbierte und 
unterschriebene Bekenntnis. Es steht durchaus auf dem 
Boden der kirchlichen Lehre und erkennt die drei öku- 
menischen Symbole als Normen des Glaubens an, daa 
nicänische hat es vollständig in sich aufgenommen. Lis- 
manino hatte von den Schweizern auf seine Briefe vom 
Dezember des vergangenen Jahres noch keine Antwort 
erhalten, er bestimmte deshalb die Synode, das Bekennt- 
nis diesmal an die Strassburger Professoren zur Prüfung- 
zu senden'). Am 21. September kamen sie der Auffor- 



1) Vergleiche Lubieniecki, S. 129. 

^ Lismanino am 23. November 1563 an Wolph: „Sylvius m 
synodo publice fassus est, se non intellezisse me, et agnovit suum 
errorem. Tandem reversus ad vomitum sparsit libellum famosnm 
similem et turpiorem priori libello a se subscripto et alteri libello 
a Samicio relicto senioribus (qui libelli sunt apnd me), cum proficisce* 
retur in Italiam". 

>) Er sagt in seiner ezplicatio de trinitate S. fa „Conüessio 
de sancta Trinitate in synodo Pinczoviensi edita et typis ezcussa et ad 



Francesco Lismanino. 295 

derung nach und Lismanino hatte die Freude, dass der 
hervorragende Theologe Girolamo Zanchi, der infolge 
der augenblicklichen Überhäufung der Strassburger Ge- 
lehrten mit anderen Arbeiten allein antwortete, nicht nur 
dem Bekenntnis imgeteilten Beifall zollte, sondern auch 
für seine im Streite wider Stancaro geprägte, von Calvin 
abgelehnte These eintrat, dass Christus schon vor seiner 
Menschwerdimg Mittier gewesen sei. 

Die Genugtuung, fast sämtiiche kleinpolnische 
Geistiiche für sich zu haben und seine Lehrweise von 
einem der schärfsten reformierten Denker gebilligt zu 
sehen, wurde Lismanino getrübt durch eine stete Ver- 
schlimmerung seines epileptischen Leidens, das ihn Herbst 
und Winter 1562/63 an das Bett fesselte, xmd durch seine 
traurige pekuniäre Lage, da trotz aller Versprechungen 
der Synoden wohl aus Mangel an Mitteln ihm kein Jahr- 
geld gezahlt wurde. Er hätte wohl geradezu Not leiden 
müssen, wenn sich nicht einige Herren, besonders Hier. 
Filipowski, seiner angenommen hätten, auch Blandrata 
gewährte ihm von seinen hohen Einkünften, die er als 
gesuchter Arzt hatte, eine Unterstützimg. Verschiedentiich 
dachte er daran, den Einladungen des Fürsten der Wa- 
lachei Heraklid Basilikus, der in Polen für das refor- 
mierte Bekenntnis gewonnen war und in enger Verbin- 
dung mit den evangelischen Herren Kleinpolens stand, 
zu folgen^), allein er glaubte, nicht ohne Einwilligung des 
Königs Polen verlassen zu dürfen. Zu der bedrängten 
äusseren Lage kam noch ein innerer Schmerz. Musste 
er doch sehen, wie einige seiner Anhänger und Schüler, 
vor allen Gregorius Pauli und Georg Schomann, seinen 
Lehrsatz von der Präeminenz des Vaters arianisch weiter 
bildeten, die von ihm ängstiich festgehaltenen nicänischen 
Formeln aufgaben und den Boden der Kirchenlehre ver- 
liessen. Noch auf der Pinczower S5aiode hatten sie am 

omnes ecclesias reformatas transmissa est", doch scheint das Bekenntnis 
allgemein nor an die polnischen Gemeinden gesandt zu sein. 

1) Vergl. die Briefe Samickis an Tretius vom 6. Oktober 
1362 und 34. April 1563. O. C. XIX, Nr. 3845 und 3938. 



^^96 Theodor Wotschkc. 

20. August sein Glaubensbekenntnis unterschrieben, dann 
aber nicht nur in ihren Predigten gemäss der Synode 
vom 2. April die dogmatischen Termini, die das Geheimnis 
der Trinität und das Verhältnis der drei Personen der 
Gottheit zu einander umschlossen, vermieden, sondern sie 
auch als unbiblisch und unwahr verworfen. Sollte seine 
im Kampf wider Stancaro geprägte Lehrweise wider sein 
Wollen dem Antitrinitarismus die Wege bahnen, und ein 
Sarnicki recht haben, der ihn selbst der Häresie an- 
klagte? Trotz der gewissenhaftesten Selbstprüfung war 
Lismanino sich keiner Heterodoxie bewusst und auch auf 
seine theologische Tätigkeit wollte er keinen Vorwurf fallen 
lassen. Nach Kräften trat er dem um sich greifenden 
Arianismus entgegen, mit seinen italienischen Landsleuten 
Alciati und Gentile, die in den Wintermonaten nach Pin- 
czow gekommen und hier ihre verderbliche Tätigkeit 
fortzusetzen suchten, hatte er aufgeregte heftige Aus- 
einandersetzungen ^), desgleichen mit Gregorius Pauli in 
Krakau, dem er nicht minder scharf begegnete als Sar- 
nicki ^. Zur Festigung der Kirchenlehre im Kreise der 
Pinczovvianer und zu seiner eigenen Rechtfertigung gegen- 
über allen Angriffen, die Sarnicki, Sylvius und Genossen 
noch jetzt wider ihn richteten und in denen sie ihn den 
Vater der Häresie in Polen nannten, schrieb er von 
seinem Krankenlager aus die Schrift: „Bre\äs explicatio 
doctrinae de sanctissima Trinitate". Es ist keine selbst- 



^) Lismanino spricht des öfteren von seinen Kämpfen mit 
Alciati und Gentile, besonders scharf wird der Streit auf der Synode 
zu Pinczow am 4. November 1562 gewesen sein, als Gentile seinen 
Satz verfocht:. „Deum creavisse in latitudine aetemitatis spiritum 
quendam excellentissimum, qui postea in plenitudine temporis in- 
carnatus est^'. 

*) „Inter Lismaninum et Gregorium gliscere inimicitias, ita 
quod inter eos volant acerbiores litterae. Lismaninum Gregorius 
accusat levitatis, Gregorius vicissim ab eodem accusatur temeritatis. 
Hie ideo, quod ante tempus progressus est in eo dogmate tam longe, 
ille vero quod quum per manus ab eo hoc dogma acceperit, ab eo- 
dem se veluti deseri conqueritur" schreibt der Gegner Samicki 
am 24. April 1563, O. C. XIX Nr. 3938. 



Francesco Lismanino. 297 

Ständige schöpferische Arbeit, sondern eine Wiedergabe, 
meist wörtliche Übersetzung einiger dogmatischer Briefe 
des Kirchenvaters Basilius und seiner Predigt über 
Joh. 1,1, femer ein Abdruck dessen, was der Aquinate nach 
Hilarius und Ambrosius über die Trinität im ersten Teile 
seiner Summa qu. 31 in der Antwort zum zweiten Ar- 
tikel bietet, des neunten Kapitels aus Augustins Buche de 
fide et symbolo und schliesslich der Erklärung, die Hi- 
larius in seinem vierten Buche über die Trinität zu Dt. 
32 giebt Auch die Bekenntnisse der Krakauer und Pin- 
czower Sjmode vom 13. Dezember 1561 bezw. 20. August 
1562 hat er seiner kompilatorischen Arbeit einverleibt 
Am I. März 1563 war sie fertig gestellt, wenigstens ist 
von diesem Tage in dem Manuskript die Widmung an 
den König datiert*), während freilich das Vorwort an den 
Leser den Vermerk „Pinczoviae Calendis Januarii 1563" 
trägt. Nach der Sitte jener Zeit hat Francesco Negri 
aus Bassano dem Buche ein Carmen von 40 Versen bei- 
gegeben. 

Virentibus ex pratis trium praedivitum 
Dominorum odoros flosculos 

Collegit Lysmaninus docta praeditus 
Pietate, lector candide u. s. w. 
Wie einst sein Glaubensbekenntnis vom Jahre 1556 
sandte Lismanino seine Schrift^) an den König und an 
seine Bekannten und bat um ihr Urteil und ihre Unter- 
schrift^), vor allem schickte er sie am 15. März mit fol- 
gendem Briefe an Herzog Albrecht nach Königsberg. 

1) Die gedruckte Ausgabe hat dagegen als Datum der Wid- 
mung, wie Sand S. 35 richtig angibt, Cracoviae Calendis Junii 
MDLXUI. 

*) Sie ist jener Cento, von dem Lubieniecki S. 168 spricht. 
Nor da er die Schrift nicht kannte, konnte er ihr eine halbarianische 
Tendenz zuschreiben. 

>) So antwortet ihm der königliche Sekretär Andreas Fricius 
Modrzewski in einem Petrikau, den 26. März 1563 datierten Schrei- 
ben. „Librum, quem misisti de Trinitate divina, legi cursim, ut scilicet 
potoi in meis occupationibus. Quantum animadvertere potui, nihil 
in eo vidi, quod non ad hunc diem audiverim dici et praedicari in 



298 Theodor Wotschke. 

^Unter den reformierten Kirchen Kleinpoiens herrschte 
solange wahrer Friede und Eintracht, als Francesco Stan- 
caro aus Mantua, dieser Sklave des Ehrgeizes und Sohn 
der Zwietracht, fern von ihnen weilte. Aber als dieser 
sich bei ihnen einfand und die Gemeinden mit seinen 
falschen und gotdosen Lehren zu verwirren begann, haben 
Verdächtigungen, Streitigkeiten und mehr als Vatini- 
anischer^) Hass unter ihnen angehoben. Da ich sehnlichst 
wünschte, in meinem Alter den Rest meines Lebens ruhig 
und still zu verleben, wollte ich, um solchen Zwistigkeiten 
zu entgehen, mit den Meinigen zu E. F. G. eilen. Habe 
ich doch die feste Überzeugung, in Königsberg Ruhe zu 
finden, da E. F. G. in einem Briefe an Vergerio, und in 
zwei Schreiben an mich gnädigst mich einluden mit den 
Worten: ^Dem Francesco Lismanino bieten wir eine 
Zuflucht in unserem Herzogtum an; falls er kommt, soll 
er mit den Seinigen nicht hungern und dürsten", um 
ganz zu schweigen von jenem Briefe E. F. G., in dem 
Sie nach Kenntnis meiner Aechtung und nach Lesen 
meines Glaubensbekenntnisses mich zur Standhaftigkeit 
mahnten, oder von jenem anderen, in dem Sie mich nicht 
nur Sr. Königl. Majestät empfahlen, sondern auch mein Inter- 
esse aufs beste vertraten, oder schliesslich jenem dritten, 
der an die meisten Senatoren Polens gerichtet war und 
mir ihre Gunst zuwandte. Aber da ich schon reisen 
wollte, hielten mich zwei Generalsynoden fest Denn 
durch einen ehrenvollen Beschluss ward mir ein Jahrgeld 
zur Bestreitung der Lebensbedürfnisse bewilligt, und 
meine Schulden, durch die ich bedrückt wurde und noch 
bedrückt werde, sollten bezahlt werden. Aber als ich 
dies erwartete, geschah es infolge des wütenden Geschreis 
Stancaros und der Missgunst einiger aus unserer Kirche, 
dass das Zugesicherte mir nicht gegeben wurde noch 

ecciesia. . Ego vero non vidi, in quo aristarcham, ut tu vis, me agere 
oportcrct in hoc libro tuo, quem ex veterum scriptis coUegisti". 

*) Vatinius, ein Anhänger Cäsars, den Cicero seiner Verbrechen 
wegen so fürchtete und hasste, dass odium Vatinianum und criminä 
Vatiniana spnch wörtlich gebraucht wurden. 



Francesco Lismanino. 299 

gegeben wird. Weil ich kein Ende der Zwistigkeit hier 
sehe, noch das Versprochene mir gehalten wird, hatte ich 
wieder den Entschluss gefasst, mit den Meinigen zu 
E. F. G. zu kommen. Aber da ich mich zum zweiten 
Male zur Reise rüstete, überfiel mich eine Krankheit 
plötzlich so heftig, dass ich ein ganzes Jahr an das Bett 
gefesselt wurde. Meine Reise musste ich aufgeben und 
sah mich in solche Not gestürzt, dass ich sogar, lun 
meinem und der Meinen Mangel abzuhelfen, die mir so 
notwendigen Pferde verkaufen musste. Selbst zur Ver- 
steigerung meiner Bibliothek wäre ich geschritten, wenn 
ein Leben ohne Bücher mir nicht zu trostlos und öde 
•gewesen wäre. Da ich auch jetzt noch nicht reisen kann und 
•die Not nicht länger zu ertragen vermag, sende ich diesen 
Brief E. F. G., um meine Lage anzuzeigen und flehentlich 
zu bitten, dass E. F. G. das schon begonnene Hilfewerk 
für mich jetzt zu Ende führen, nämlich bei der Kgl. Majestät 
mir die Anweisung eines Jahrgeldes, das für mich und 
meine Familie ausreicht, erwirken mögen. Bei Sr. Majestä 
Wohltätigkeit gegen alle und ihrem Wohlwollen gegen 
mich hoffe ich leicht dieses zu erhalten, falls ich hierin nur 
E. F. G. bei Sr. Majestät, die E. F. G. nichts abzuschlagen 
pflegen, zum Fürsprecher habe. Ich verdiene wohl keinen 
Vorwurf, dass ich in dieser wichtigen und für meine 
Familie so notwendigen Frage mich an E. F. G. wende, 
da es, wie jener Denker sagt, „von Liebe zeugt, dem 
alles verdanken zu wollen, dem man schon viel verdankt* 
Damit mir des Stancaros Verleumdung nicht schaden 
kann, sende ich E. F. G. meine Ansicht über die heiligste 
Dreieinigkeit, die ich nicht meinem Gehirn entnommen 
habe, sondern erstlich dem Worte Gottes, dann dem 
apostolischen, dem nicäno-konstantinopolitanischen und 
dem sogenannten athanasianischen S3anbol, endlich den 
rechtgläubigen Vätern, einem Justin, Irenäus, Hilarius, 
Athanasius, Basilius, Gregor von Nazianz, Ambrosius, 
Augustin, CyriU und anderen von ihnen. Da auf der 
einen Seite Stancaro, auf der anderen einige Einfältige 
aus unserer Kirche über diese Lehre von der Dreieinigkeit 



300 Theodor Wotschkc. 

die Papisten wider uns zu erregen und aufzureizen suchen^ 
habe ich mir erlaubt E. F. G. zu schreiben^), wie Thomas 
von Aquino, der erste der Scholastiker, diese Lehre dar- 
legt. Und um nicht ohne Leitung in den Kampf zu 
treten, folge ich bei der Entwickelung dieses Glaubens- 
artikels besonders Basilius dem Grossen. Dieses Basilius 
Lehre habe ich auch übersetzt und schicke sie, dass 
E. F. G., bevor Sie an Se. Kgl. Majestät meinetwegen 
schreiben, erkennen, ob Lismanino es mit Arius hält, wie 
Stancaro verleumderisch behauptet oder nicht, oder ob 
er es mit Sabellius hält, welchem dieser Stancaro tat- 
sächlich, mag auch in Worten ein Unterschied sein, so 
folgt, dass er in der Lehre vom Mittler gegen alle refor- 
matorischen Kirchen albernes Geschwätz vorbringt. Da 
er nämlich bei den rechtgläubigen Vätern liest, Vater, 
Sohn und heiliger Geist sei ein Gott, so versteht er dies 
nicht, wie das athanasianische Symbol es erklärt, von der 
einen Essenz, damit die Substanz der drei göttlichen 
Personen nicht geschieden werde, sondern er wähnt,^ 
ein Gott bezeichne einen einzigen Gott, einen einzelnen 
Gott oder alleinigen Gott, (unicum deum vel singularem 
deum vel solitarium deum), wie auch Sabellius mit 
der philosophischen Lehre von dem einen Gott es hielt. 
Doch dies ist E. F. G. von den gelehrten Professoren der 
Theologie an Ihrer Universität, meine ich, ganz bekannt 
Trotzdem möchte es, bevor ich den Stancaro lasse, nicht 
überflüssig sein zu zeigen, durch welchen Trugschluss 
jener seine Irrlehre vom Mittler verteidigt. „Wie kann*, 
fragt er, „Christus als Gott Mittler sein, da nur ein Gott 
ist. Würden doch dann auch Gott der Vater und der 
heilige Geist in gleicher Weise Mittler sein?*' Wie 
töricht sprichst du, Stancaro! Merkst Du nicht, dass 
du bei dem Worte „ein" gedankenlos verfährst, da du 
es fassest und deutest in der Weise des Sabellius? Auch 
wir bekennen, dass Vater, Sohn und heiliger Geist eia 



*) In dem Schreiben vom 19. März heisst es: „habe ich mir 
erlaubt meiner Konfession einzureihen". 



Francesco Lismanino. 301 

Gott ist, d. h. von einer göttlicheti Natur, einer Gottheit, 
einer Macht, einer Majestät, einer Ehre, aber nicht von 
einer Person. Ist doch, wie Hilarius und Ambrosius 
sprechen, allerdings ein Gott, nur nicht der Person, sondern 
der ununterschiedenen Natur nach. Doch will ich lieber, 
dass E. F. G. Basilius den Grossen, Augustin und Thomas 
von Aquino hierüber hören, als weniges stückweise von 
mir. Des Basilius, Augustin und Aquinaten hier nieder- 
gelegte Lehre habe ich auch nach Petrikau dem Könige 
und den meisten Mitgliedern des Reichstages geschickt 
um allen zu zeigen, dass ich über die heilige Dreieinigkeit 
recht und ökumenisch denke, Stancaro aber sozusagen 
sabellianisiert. E. F. G. würden mir und allen gläubigen 
Pfarrern und Herren, welche in diesem Artikel mit mir 
eins sind, ein angenehmes Werk tun, wenn Sie, was hier 
aus Basilius, Augustin und dem Aquinaten zusammengetragen 
ist, den Doktoren der Universität zur Prüfung vorlegen 
imd mich ihr Urteil wissen Hessen. Gott, der Lenker 
aller menschlichen Dinge, möge E. F. G. lange unversehrt 
und glücklich erhalten. 

Pinczow, den 15. März 1563. 

Vier Tage nach Abgang dieses Briefes fand Lisma- 
nino in einem gewissen Lucas Mundius Martinides einen 
sicheren Boten, der in eigenen Geschäften nach Königs- 
berg reisen wollte. Er gab ihm, abgesehen von münd- 
lichen Aufträgen noch ein Schreiben mit, das mit dem 
eben mitgeteilten vom 15. März wörtlich übereinstimmte, 
nur zum Schluss noch die Bitte enthielt, das Bekenntnis 
in Königsberg drucken zu lassen. Am 4. Mai antwortete 
der Herzog: „Zwei Schreiben desselben Inhalts und Wort- 
lautes, aber zu verschiedenen Zeiten geschrieben, haben 
wir von euch erhalten. Zu unserem Schmerze lesen wir, 
dass Stancaro in den reformatorischen Kirchen Polens 
Zwistigkeiten erregt hat. Da angesichts der Verbreitung 
des göttlichen Ruhms und des Bekenntnisses der reinen 
evangelischen Lehre der Satan seiner Werkzeuge sich 
bedient, um das Zunehmen der Ehre Christi und der Er- 
kenntnis des ewigen Heils zu hindern, so ist es uns kei- 



Theodor Wotschkc, 

neswegs befremdend, wenn auch in euren Kirchen jener 
Tausendkünstler den Samen des göttiichen Wortes durch 
eingesätes Unkraut zu vernichten sucht. Unsere Hoffnung 
steht bei dem Herrn, welcher seinen Ruhm nicht wird 
erlöschen lassen, und deshalb bitten wir ihn, das Licht 
seines Evangeliums durch solche vom Ehrgeiz eingegebenen 
Irrlehren und törichten Meinungen nicht verdunkeln zu: 
lassen, vielmehr seine dem Schifflein Petri gleich von den 
Wellen Drang leidende Kirche in dieser letzten Zeit vor 
solchen satanischen Stürmen zu bewahren und zu schützen. 
Weil wir euch huldreich und gnädig gesinnt sind, schicken 
wir euch zum Erweis unserer Gnade durch den Überbringer 
dieses Briefes Lucas Mundius loo polnische Gulden zum 
Geschenk und bitten in Gnaden, diese geringe Gabe 
freundlich anzunehmen und euch von uns zu jeder Zeit 
aller fürstlichen Huld, soweit es unsere Verhältnisse ge- 
statten, zu versehen. Einen Empfehlungsbrief an S. K. M. 
haben wir für euch schreiben lassen; er wird durch einen 
eigenen Boten Sr. K. M. überbracht werden und soll Sr.K. M. 
Antwort euch zugesandt werden. Die Schrift über die 
Trinität haben wir unseren Theologen zur Prüfung vor- 
gelegt, sie berichteten uns, dass ihr richtig und ökumenisch 
in jenem Lehrpunkte dächtet, doch rieten sie dringend ab^ 
die Schrift in unserem Herzogtume drucken zu lassen; ein- 
mal, dass auf des Satans Antrieb nicht streitsüchtige 
Geister aus jener Schrift sich Stoff zum Streite nähmen 
und die Flammen des Stancarischen Irrtums emporzüngeln 
liessen, sodann ist in jener Schrift nicht der ganze Text 
des nicänischen Symbols zitiert, und sie wüssten nichts 
weshalb es unterblieben sei^). Sollte die Schrift durch 
den Druck veröffentlicht werden, so müsste der Text voll- 
ständig hineingeschrieben werden. Aber für besser er- 
achten sie es, wenn die Ausgabe der Schrift durch euch 
zu Basel, Wittenberg oder anderswo erfolge. So, meinen 
sie, würde sie mit grösserer Beachtung imd Geltung in. 

1) Lismanino hatte das nic&nischc Symbol in die Konfession 
aufgenommen, nicht das nicAno-konstantinopolitanische; vergl. Bei^ 
läge IX. 



Francesco Lismanino. 3^3 

die Oeffentlichkeit treten, als wenn sie in unserer typo- 
graphischen Offizin gedruckt würde. Den Lucas Mundius 
haben wir wegen eurer Fürsprache uns empfohlen sein 
lassen und unterstützen mit Wärme durch unseren Brief 
sein Geschäft bei S. K. M. Gott gebe, dass unsere Für- 
sprache euch und diesem guten Manne viel nütze*. 

Noch vor Empfang dieses Briefes hatte Lismanino 
durch Francesco Negri wieder einmal an den Schweizer 
Theologen geschrieben, der ihm trotz aller Verdächti- 
gungen Sarnickis die alte Freundschaft bewahrt hatte, an 
Johann Wolph in Zürich, ihm einige kleine Fortschritte 
der evangelischen Erkenntnis in Polen gemeldet und zu- 
gleich über Calvins und Bullingers Kälte ihm gegenüber 
geklagt^). Als Mundius aus Königsberg in Pinczow ein- 
traf, reiste Lismanino alsbald nach Krakau, wohl um die 
Fürsprache des Herzogs beim Könige noch durch münd- 
liche Bitten zu unterstützen^). Von der Landeshauptstadt 
fuhr er nach Mordy in Podiasien. Obwohl durch Alter 
und Krankheit geschwächt, legte er die 40 Meilen in 
wenigen Tagen zurück und nahm am 9. Juni an der 
Sjmode teil, zu der Fürst Radziwill nach der erfolglosen 
Märzsynode zu Pinczow eingeladen hatte. Die Versamm- 
lung stellte ihm folgendes Zeugnis über seine Rechtgläu- 
bigkeit aus. ,y Gnade und Friede von Gott dem Vater und 
unserm Herrn Jesus Christus. Hochmögende Herren und 
andere Glieder, Geliebte in dem Sohne Gottes! Weil 
sich hier der Doktor Francesco Lismanino bei uns ein- 



>) Vcrgl. Wolphs Antwort vom 23. August 1563 O. C. XX 
Nr. 4011. 

^ Krakau, den 1. Juni 1563 ist in der gedruckten Ausgabe der 
Ezplicatio doctrinae de Trinitate die Widmung an den König datiert. 
Diese Angabe, die Sand S. 35 gibt, ist richtig ; irrtümlich behauptet 
er aber, die explicatio sei von Gregorius Pauli und dreissig Geist- 
lichen einschliesshch des Superintendenten Cruciger unterschrieben 
worden. Die Unterschriften beziehen sich auf das von Lismanino 
mitgeteilte Bekenntnis der Pinczower Augustsynode 15^; vergl. Bei- 
lage IX. Die ezpUcatio Lismaninos hätte Gregorius Pauli bei seiner 
im Herbst 1563 anhebenden Hinneigung zum Arianismus nicht mehr 
unterschrieben. 



304 Theodor Wotschke. 

gefunden, so haben wir ihn gern bei unseren Unter- 
redungen gesehen und haben gern seine Meinung über 
diese Glaubensstreitpunkte gehört. Dabei hatte er uns 
auch seine Leiden geklagt und sich über einige Leute 
beschwert, die ihn bei Ew. Liebden in den Verdacht ge- 
bracht, als wäre er ein Arianer, weshalb ihm auch die 
versprochene Versorgung vorenthalten sei. Nachdem wir 
sein mündliches und schriftliches Glaubensbekenntnis sorg- 
fältig geprüft, haben wir uns überzeugt und bekunden es 
sämtlich durch dieses Schreiben, dass er niemals und in 
keiner Beziehung ein Arianer war. Wir bitten daher 
Eure Grossmächtigkeit, Ihr wollet wieder dieselbe gute 
Meinung von ihm haben wie ehedem und ihn in die alte 
Gnade aufnehmen, die er einst von E. Grossm. erfahren, 
auch ihm die Versorgung geben, die ihm von Euer Grossm. 
zugesagt worden. Damit werden E. Grossm. ein Gott 
wohlgefälliges, uns Ihren Brüdern aber erfreuliches Werk 
tun. Wir vertrauen darauf und empfehlen uns gehorsamst 
dem Wohlwollen E. Grossm. und Ihrer brüderlichen Liebe. 
Gegeben auf der Synode in Mordy, am 9. Juni 1563^). 

Von Mordy reiste Lismanino trotz der heissen Som- 
mertage weiter nach Wilna zum Fürsten Radziwill. Eiiren- 
voU wurde er von diesem aufgenommen und die acht 
Tage, die er bei ihm weilte und in denen er sich von den 



1) Nach Lubieniecki S. 167 wäre diese Synode freilich selbst 
nicht mehr rechtgläubig gewesen. Doch möchte ich bezweifeln, dass 
er hierin recht unterrichtet war. Nach ihm hätte man auf der Synode 
4a Teilnehmer gezählt, das Empfehlungsschreiben für Lismanino haben 
aber nur 16 unterzeichnet; nämlich: Martinus Crovitius in dicta 
synodo Mordensi electus superintendens ecclesiarum Podla&sensium. 
Simon Zacius minister. Przeczlaus Gnoienski praesidens synodi Mor- 
densis. Caspar Irzikovic ordinis equestris. Stanislaus Chlevicki or- 
dinis equestris. Nicolaus Vedrogovius minister ecclesiac Vilnensis. 
Jacobus Calnovius minister. Adamus Petri minister Sydloviensis. 
Nicolaus Jacobi minister Sobianensis. Thomas Falconius illustrissimi 
principis palatini Vilnensis concionator. loannes minister Kieyda- 
nensis. Andreas Czarnovius minister. loannes Falconius minister 
ecclesiae Mordensis, praesentis synodi scriba. Valentinus Prossovius 
minister. Hieronymus Pickarius Albensis ecclesiae minister. loannes 
Kazanovius in diocesi Lublinensi minister. 



Francesco Lismanino. 3^5 

Anstrengungen der Reise und einem heftigen epilepti- 
schen Anfall erholte, benutzte er, um einen längeren Brief 
an BuUinger zu schreiben. Er berichtete ihm die Ereig- 
nisse der letzten Wochen und bat, ihn nicht ungehört zu 
verurteilen- Er habe stets die kirchliche Lehre von der 
Dreieinigkeit bekannt, sei dem Gentile entgegengetreten 
und stets bemüht gewesen, die Irrenden zurechtzuleiten. 
Auch den König durfte er in Wilna begrüssen, zweimal 
ward ihm eine Audienz gewährt, und wie in alter Zeit 
unterhielt er sich mit dem Herrscher über Glaubensfragen. 
Auf seine Bitte, nach der Walachei zum Fürsten Heraklid ^) 
reisen zu dürfen, erhielt er eine huldvolle Antwort. Mit 
dem königlichen Hofe wahrscheinlich zog Lismanino darauf 
nach Kauen (Kowno), wohin Herzog Albrecht geeilt war, 
lun mit dem König zusammenzutreffen und mit ihm über 
Bekämpfung der Moskowiter zu beraten. Vom 4. Juli 
an sehen wir Lismanino in der Umgebung des Herzogs, 
der ihn in jeder Weise auszeichnete, für ihn zum Könige 
sprach, am 6. Juli ihm einen Empfehlungsbrief an den 
Fürsten der Walachei, am 11. an den König und am 12. Juli 
an mehrere polnische Magnaten schrieb, an die drei Grafen 
Gorka, die beiden Brüder Ostrorog, an den Rogasener 
Starosten Johann Tomicki, den Schlossherm von Golu- 
chow bei Pleschen Raphael Leszczynski und Nikolaus 
Olesnicki. Nach diesen Briefen zu urteilen, muss Lis- 
itianino durch Posen nach Pinczow und Krakau zurück- 
gereist sein. Hier traf er die Vorbereitungen zur Über- 
siedlung nach der Walachei, als Anfang September ihm 
die Nachricht von der Gefangennahme des Fürsten Hera- 
klid durch die Türken gebracht wurde. Er beschloss nun, 
nach Königsberg sich zu wenden. Wieder reiste er über 



*) Aus der Walachei vertrieben war Heraklid durch klein- 
polnische evangelische Edelleute, vor allein durch Albrecht Laski, 
denSohn des Hieronymns und Neffen des Reformators Johannes L^ki, 
durch Stanislans Lasocki und Hieronymus Philipowski, der die* 
Witwe des Meseritzer Starosten Nikolaus Myszkowski Sophie, die 
Wohltäterin des Meseritzer Predigers Georg Trftger, geheiratet hatte,- 
^iKrieder in sein Fürstentum eingesetzt worden. 

Zeitschrift der Hist. Qes. fOr die Prov. Posen. Jahrg. XVHI. 20 



3o6 Theodor Wotschke. 

Wilna und von dort mit einem Empfehlungsbrief des Für- 
sten Radziwill nach Preussen. Noch vot dem 13. Oktober 
traf er in Königsberg ein, am 23. November sehen wir ihn 
von hier einen längeren Bericht über sein Ergehen an 
Johann Wolph in Zürich senden ^). Herzog Albrecht 
nahm ihn in die Zahl seiner Räte auf, der König und 
Fürst Radziwill hatten ihm ein Jahrgeld bewilligt, so dass 
er frei von Sorgen leben und den grössten Teil seiner 
Schulden in Polen bezahlen konnte. Es ist wohl erklärlich, 
dass er sich in Königsberg eng an die Günstlinge des 
Herzogs, an seinen Hofprediger Funk^ und den Aben- 
teurer Paul Skalich anschloss; ausserdem trat er dem pol- 
nischen Prediger Johann Seklucyan näher und dem jungen 
herzoglichen Rat Friedrich Kanitz. Seine explicatio liess er 
1565 in Wittenberg drucken und verteilte 500 Abzüge an 
seine Freunde und Bekannten. Das Exemplar, welches er- 
dem Erbherzoge Albrecht Friedrich zueignete, besitzt mit 
Widmung von seiner Hand die Kumiker Bibliothek; sein 
Vorhaben dagegen, die kleinpolnischen Synodalprotokolle 
zu veröffentiichen, hat er leider nicht ausgeführt®). Ver- 
schiedene Reisen in Sorge um sein Jahrgeld und im Auf- 
trage des Herzogs führten ihn 1564 und 1565 zurück nach 
Lithauen zum Könige*), zum Fürsten Radziwill und dem 



1) O. C. XX Nr. 4045. 

^) In Funks Hause, das der Herzog für ihn gekauft hatte, 
wohnte Lismanino. Wie Skalich unterschrieb auch Funk seine 
explicatio: „Ego, Johannes Funccius, perlegi has superiores paginas 
a doctissimo d. d. Francisco Lysmanino e patribus orthodoxis pie 
collectas, probo doctrinam in eis comprehensam et d. d. Lysmaninl 
conatus atque in eins rei testimonium manu propria haec subscnpsi. 
In nova domo Boruss. 13 die Jul, 1565*. 

*) In dem Vorwort zu seiner explicatio spricht er von seinem 
Vorhaben: „synodalia acta in lucem brevi per nos edenda modo 
ecclesiamm Poloniac Minoris auctoritas comprobaverit*. 

*) Die ihm vo» Herzog an den König aufgetragene Mission 
scheint er nicht erledigt zu haben. Am 9. September 1565 schreibt 
der Herzog an Joh. Maczinski : ,,Misimus non ita pridem venerabilem 
¥r. Liamaninum, consiliarium nostrum, ad S<^<^» R>«bi Mtc» in qni- 
busdam negotiis nostris, quae praefatus Lismaninns propter certas 
causas et rationes expedire et ad suum debitum finem perducerc 



Francesco Lismanino. 307 

Marschall Gregor Chodkiewicz *), nach Kleinpolen ist er 
aber nicht mehr gekommen. Die Erinnerung an seine 
letzten Lebensjahre in Königsberg konnte hier so völlig 
erlöschen, dass Sand und Lubieniecki seinen Tod in das 
Jahr 1563 fallen lassen. In den trinitarischen Streit, der 
nach seinem Abgange erst recht entbrannte, suchte er 
mit der Formel »pater, filius et Spiritus sunt unus deus**, 
die zwischen den sabellianisierenden Gedanken eines 
Stancaro und den im Jahre 1563 sich immer deutlicher 
dem Arianismus zuwendenden Ansichten eines Gregorius 
Pauli die kirchliche Mitte halten will, von Königs- 
berg aus einzugreifen. Von ihm bestimmt schrieb am 
6. Juli 1564 Radziwill an Calvin, trug ihm diese Formel vor 
und bat um sein Urteil; allein der Brief traf den Genfer 
Reformator nicht mehr unter den Lebenden. Eine Aus- 
söhnung zwischen diesem und Lismanino hat nicht statt- 
gefunden. Zwei Jahre später, Frühjahr 1566, fand 
Lismaninos bewegtes Leben seinen traurigen Abschluss. 
Bereits im Herbst 1564, als wieder einmal die Pest in Königs- 
berg wütete, fühlte sich Lismanino so schwach und ange- 
griffen, dass er seine Sterbestunde nahe wähnte; am 
29. Oktober schrieb er damals sein Testament. Den Be- 
mühungen des Königsberger Arztes Severinus gelang es 
ihn wiederherzustellen, im folgenden Jahre konnte Lismanino,. 
sogar noch der beschwerlichen, anstrengenden Reise nach 
Lithauen sich unterziehen. Freilich sein altes epileptisches 
Leiden konnte auch in Königsberg nicht gehoben werden,. 



cessavit, qnemadmodum G^» V» ex ipso latius intelliget. Cum itaque 
saep« commcmoratns Lismaninus huius negotii instmctionem a nobis 
illi debitam apud se ad hoc usque tempus retineat, statuimus, ut hoc 
genus officiumque legationis ad exitum suum debitum perdncendum 
Guu yjme imponeremas. Contendimus enim a G*»*« V»^*, quac prae- 
fatam instnictionem a Fr. Lismanino ad se recipere et secundum 
lenorem einsdem omnia apud So"«» R>wn mtan tractare velit". Auf 
die Lismanino erteilte Mission beziehen sich zwei l&ngere Schreiben 
Job. Maczinskis vom ai. Oktober und 39. November 1565. 

^) Ihm schreibt Herzog Albrecht wohl in Antwort auf einen 
durch Lismaninos Hand erhaltenen Brief am 19. Oktober 1565: quod 
]fagt>* Vr« consiliarium nostrum Lismaninum carum habet, gaudemus**. 



3o8 Theodor Wotschke. 

vielmehr kehrte es in immer häufigeren und schwereren 
Anfällen wieder. Dies Gebrechen war in den schönen 
drei letzten Jahren, die er am Hofe des gütigen Hohen- 
zoUernfürsten verleben durfte, neben der Sorge um die 
kleinpolnische Kirche das einzige, das seinen Lebensabend 
trübte, es hat ihm auch ein jähes schreckliches Ende ge- 
bracht Während eines Anfalls Ende April oder Anfang 
Mai 1566^) stürzte er in einen Brunnen und kam darin um^). 
Das Schriftstück aus Lismaninos Hand, welches am 
unmittelbarsten zu uns spricht und einen tiefen Einblick 
in Herz und Gemüt gewährt, sein Testament, zeigt ihn, 
und seine Briefe verstärken diesen Eindruck, als einen 
edlen, lauteren, gewissenhaften Menschen mit frommem 
und treuem, dankbarem und liebewarmem Herzen. Seine 
häufigen Anträge auf Unterstützung und Tilgung seiner 
Schulden können sein Bild nicht trüben. Infolge der 
Achtung und der späteren allzugeringen Einkünfte, die 
der ihm überwiesene Teil des Pinczower Klosterackers 
abwarf, war er in die drückendste Not gekommen, und 
gerade seine rechtliche Natur, die keinem Gläubiger 
etwas schuldig bleiben wollte, zwang ihn, die Kirche fort 
und fort an die durch seine Berufung übernommenen 
Pflichten zu erinnern. Wenn wir bedenken, in welchem 
Überfluss er einst als Minoritenprovinzial gelebt, wie 
er mit klarem Blick über alle Folgen seines 
Übertritts zur Reformation von der alten Kirche sich 
losgesagt hat, und wie die Not später sein tag- 



1) Der Brief, den Stanislaus Latkowski Nürnberg, den 5. Mai 1566 
in italienischer Sprache an Lismanino richtete, traf ihn nicht mehr 
am Leben. Bereits am 7. Mai konnte der Gnesener Erzbischof 
Uchanski an Hosius schreiben: ,,Lismanini tristem exitum varie 
haeretici interpretantur". Vcrgl. Wierzbowski: Uchansciana III 
Warschau 1890 S. 128. 

2) Nach Sand wäre der Unfall eine Folge seines Schmerzes 
über eheliche Untreue seiner Gattin gewesen. Ich habe diese Nach- 
richt nicht bestätigt gefunden. Mit Behagen verweilt Stancarö bei 
dem traurigen Ende seines Gegners, aber schweigt, was er gewiss 
sich nicht hätte entgehen lassen, von der angeblichen Ursache des 
epileptischen Anfalls. 



Francesco Lismanino. 309 

lieber Gast ward, so kann kein Vorwurf des Eigen- 
nutzes oder der Geldliebe wider ibn laut werden. 

Ein bedeutender Theologe ist Lismanino nicht ge- 
wesen. Seine Gaben waren nicht gross, sein Wissen nicht 
tief, sein Denken nicht selbständig, vor allem seine Ge- 
wandtheit im Disputieren nur beschränkt, und er hat selbst 
die Schranken seines Könnens stets anerkannt und sich 
nicht für geeignet gehalten, das erste Amt in der Kirche 
zu bekleiden. Es war sein Unglück, nach Laskis Tode trotz 
der Superintendentur Crucigers durch die Verhältnisse tat- 
sächlich an die Spitze der kleinpolnischen Gemeinden ge- 
stellt zu werden, sein Unglück, in dem leidenschaftlichen 
Stancaro einen Gegner zuhaben, der sich wohl widerlegen, 
aber nicht zum Schweigen bringen liess, der diwch seinen 
erdrückenden Wortschwall und durch sein sicheres Auf- 
treten viele Edelleute zu gewinnen verstand. Im Kampfe 
wider ihn hat Lismanino im Sommer 1561 seine Lehre von 
der Präeminenz des Vaters gebildet, vielleicht ist er hier 
wie bei der in dem kürzeren Bekenntnis gegen Stankaro nie- 
dergelegten Auffassung von der Ewigkeit des Mittleramtes 
Christi von Blandrata beeinflusst worden, und gewiss 
hat diese These dem Eindringen arianischer Lehren in 
den Kreis der Pinczowianer das Tor geöffnet. Der Vor- 
wurf wird ihm auch nicht erspart bleiben können, dass 
er nicht immer vorsichtig in der Formulierung seiner 
Gedanken gewesen ist *), aber wir haben keinen Grund an 
der inneren Wahrhaftigkeit seines verschiedentlich aus- 
gesprochenen orthodoxen Bekenntnisses zu zweifeln. 
Die Königsberger Professoren haben ihn als recht- 
gläubig anerkannt, — einem Arianer hätte Herzog Al- 
brecht nimmer eine Zufluchtsstätte gewährt, — und ein 
Blick in seine explicatio de trinitate, ein Hinweis auf 
die von ihm ausgeschriebenen Kirchenväter zwingt auch 
uns heute dazu. Die von ihm zum Zwecke der Abweisung 
des stancarischen Sabellianismus, zur Festhaltung der 



^) VergL in Beilage XV : Unus deus de patre, füio et spiritu 
sancto dictas non tollat eminentiam patris illias ingeniti, qai solos 
est anus ille vems dens pater. 



3IO Theodor Wotschke. 

realen Unterschiede in dem einem göttlichen Wesen be- 
tonte Präeminenz des Vaters ist nur die auch von Atha- 
nasius und der Kirchenlehre zugegebene Verschiedenheit der 
^QXV von dem yeryt/fia und möglich bei qualitativer und 
gradueller Gleichheit des Sohnes mit dem Vater. 

Beilagen. 
I. 
Johann Bonar — Herzog Albrecht. 
Neminem, lUmc Princeps^ dubitare arbitror, quanta sit 
in Christi causa conservanda pietas, virtus, constantia et 
fides lllmac Celsnis Tuae. Nemo non fatetur, Illmam Celsnem 
Tuam suscipere eos in fidem patrocinarique, qui pietatis 
Christianae propagandae sunt Studiosi, ita ut genus hoc 
bonitatis magnanimitatisque in IllmaCelsne Tua minime deside- 
ratur, quae si in aliis principibus elucet, in lUma Celsne tamen 
Tualongesplendet illustrior. Quumigitur praestantissimus vir 
doctorLismaninusCorcyraeus,sacraetheologiae Professor, qui 
illucescentis evangelii profectum et ut ii, qui religionis aliquo 
studio tanguntur, ab eo informarentur, esset a multis rena- 
scentis ecclesiae Christi ministris huc vocatus, ob repu- 
diatam abominationem papisticam sit eins farinae homini- 
bus adeo exosus, ut usque eo invaluit illorum furor, quo 
nullus illi sit magis in regno hoc locus et, cum neminen» 
habeat, qui talibus furiis pro eo patrocinium suum apponat, 
ad lllmac Celsnis Tuae fidem supplex profugit obnixe 
rogans, ut illum in clientelam suam suscipiat, non dubitans, 
se ex Illma Celsnc Tua non^tantum iustum sed etiam stre- 
nuum defensorem habiturum. Cum autem me quoque 
unum esse non nego, qui cognoscendi verbi Dei verita- 
tisque evangelicae cupiditate maxima tangor, continere non 
potui, quin pro tanto viro partes meas ad Illmam Celsnem 
Tuam interponerem cum ob zelum, quo erga pmiim evan- 
gelii verbum et erga sincerum dei cultum aestuor, tum 
ob singularem amorem, quo erga illum rapior. Commendo 
itaque hunc ipsum omatissimum virum Illmae Cels"! Tuae 
et tanto magis, quanto ille sibi maiora de eadem pollicetur, 
<jua spe frustrari illum quominus patiatur summopere peto. 



Francesco Lismanino. 3^^ 

Est equidem iustum et maxime consentaneum Ulmae Celsni 
Tuae, nee aures nee animum a tarn iusto patrocinio aver- 
tere, praesertim ubi de tanta re agitur, nempe quo modo 
dei gloriae constet incolumitas, quomodo suam dignitateuu 
veritas retineat, quo modo regnum Christi sartum tectumque 
inter nos maneat. Unde habitura est Illma Cels^o tua 
a deo opt max. locupletissimam remunerationem, a nie 
vero una cum nominato viro indefessam reserviendi cupi- 
ditatem; cum bis dominus noster Jesus Christus protegat 
ac tueatur lllmam Celsncm Tuam eamque regat ac gubemet 
suo sancto spiritu. Cracoviae XXII. Septembr. anno sa- 
lutis humanae 1556. lUmac Celsni Tuae deditissimus ser- 
vitor Joannes Bonar de Balicze, castellanus Biecensis, 
manu propria. 

II. 
Herzog Albrecht — Johann Bonar. 
Magnifice et generöse singulariter nobis dilecte. Lit- 
teras Magtiac Vrac XXII Septerabris Cracoviae datas acce- 
pimus, quarum exordio, quod tanta nostri deprecatione 
utitur, illud omnino ex singulari Magtiac in nos Vrae amore, 
quo a multis nos annis prosecuta est, proficisci arbitramur, 
vellemus quidem nos per omnia, quae Christo eiusque 
ecciesiae debemus, praestare posse. Quia vero humanam 
imbecillitatem cum aliis libenter agnoscimus, eam nobis 
laudem non arrogamus neque virium est nostrarum, si quid 
in Propaganda veritate evangelica impendimus, sed spiritui 
id sancto reverenter adscribimus ac deum aeternum pre- 
camur, ut cognitionem sui in nobis adaugeat et ad extrema 
vitae nostrae tempora conser\^et. Clarissimum virum Fran- 
cisciun Lismaninum a regno Poloniae proscriptum esse 
dolemus ac facile credimus, quorum id instinctu factum 
esse. Fuit autem eadem omnium temporum renascentis 
ecciesiae conditio, semper enim illam satanae furores impu- 
gnaverunt. Sed cum delere eam nequiverint, non dubitan- 
dum est, quin deus et hanc in Polonia eluscentem veri- 
tatem sit propugnaturus. In quo promovendo si quid cari- 
tatis christianae impendi a nobis potest, nihil sane, quoad 
possumus, desiderari in nobis patiemur. Itaque eo promp- 



312 Theodor Wotschkc. 

tiores fuimus ad interponendas apud S. R. Mtc» et plerosque 
regni senatores pro eodem Lismanino preces nostras. Faxit 
dens, ut quod oramus, exorasse nos gaudere possimus^ 
siquidem in amplificando Christi regno debitores esse nos 
agnpscimus. In quo ut ipse Christus suo spiritu sancta 
conatus nostros gubemet, votis ardentibus precamur exop- 
tamusque, ut Magtiam Vram in ea mente, quam aperta 
ei lux evangelica excitavit, perseverare et incrementa sumere 
faciat. Petimus amice, ut crebrius ad nos scribat statumque 
ecciesiae istic locorum nobis communicet. Regiomonte 
13. Novembris 1556. 

111. 

Albertus dux Prussiae — Felici Crucigero superinten* 
denti renascentis ecciesiae Christi in Minori Polonia. 

Ea quae Rma Dtio Vra de statu renascentis in Polo- 
niae regno ecciesiae deque veritatis hostibus in oppugnanda 
ea ac proscripto clarissimo viro Francisco Lismanino ad 
nos scripsit, illa ex litteris, quas omnium ministrorum et 
nobilium veram religionem in Minori Polonia amplecten- 
tium nomine ad nos dedit, probe intelleximus. Ac im- 
primis gratulamur inclito Poloniae regno, quod deus opL 
max. veram sui invocationem illi patefecit veritatisque lucem 
accendit. Is ea omnia ad ecciesiae suae propagationem 
diuturna esse velit, ut cum multarum animarum salute et 
honore eins regni perpetuo coniuncta sint atque in largam 
latamque messem accrescant. Quo autem maiore nos höc 
nuncium gaudio affecit, eo tristius nobis accidit, quod da- 
rissimum virum Franciscum Lismaninum proscriptum esse 
intelleximus. Non possumus itaque non vehementer piis 
Omnibus et toti communitati vestrae hoc nomine condo- 
lere, quia vero ex omnibus temporibus surgentis ecciesiae 
facies est, ut suis illam satan machinationibus infestare et 
aggredi non cessaverit, moderatius dolori indulgendunx 
esse existimamus. Namque et ipse Christus, doctor noster^ 
persecutionibus subiectum iri ecclesiam suiam praedixit, id- 
circo eo minus frangi nos animo convenit Quo enim vehe- 
inentius hostes evangelii veritatem supprimere conantur^ 



Francesco Lismanino. 31 3 

«o fortius illam exsurgere Rmac Dni Vrac obscurum non est. 
Ac facile quidem credimus, S. R. Mtem in proscribendo 
Usmanino ab eius farinae hominibus, quibus invisa est lux: 
evangelica, pertractam fuisse. Quia vero nobis omnino per- 
suademus S. R. Mtem orthodoxam de Christo doctrinam 
pie amplecti, eo promptiores sumus ad interponendas apud 
illam et plerosque regni consiliarios preces nostras pro 
eodem Lismanino. Tanta autem ad nos Rmae Dnis Vrac 
obtestatione eiusdem intercessionis nostrae opus non fuisset, 
cum quod ex pietate hoc officium afflictis ecclesiae Christi 
ministris debemus, tum quod eundem Lismaninum iam 
pridem benevolentia et favore nostro complexum carum 
habemus. Itaque et laboranti ad subveniendum eo pro- 
cliniores sumus, peroptamus autem, ut intercessio illumnostra 
plurimum commendet et pristinae ipsum libertati restituat . . 
Regiomonte XIII Novembris 1556. 

IV. 

Joh. Ocieski cancellarius — Alberto duci Prussiae. 
lUme et excolendissime princeps. Si cui unquam 
cuperem ex aniroo obsequi et studiose gratificari, certe id 
Gomprimis lUmac Celni Vrae praestare fuerit mihi iucun- 
dissimum, quandoquidem ea me semper gratia et benigni- 
tate prosequatur, quam ego hactenus me demeruisse non 
existimo multumque illi me debere fateor, neque est 
quicquam eiusmodi, quod non pro voluntate lUmac Celni Vrae 
libenter efficerem, si modo in mea id esset potestate. 
Caeterum quod proximis literis suis Franc. Lismanini negotio 
ut curarem, mihi iniunxit, etsi is professione sua reiecta 
in regnum hoc liberum a nuUo magistratu vocatus venire 
ausus fuerit et ad res novandas praesentemque rei publicae 
statum perturbandum spectare dicebatur, facilius tamen 
veniam illi et clementiam S. R. Mtis in gratiam lUmae. 
Celnis Vrae impetrassem, si re integra mihi id commisisset. 
^ed cum iam instantibus iis, quibus curae est, ne quid in 
Veten ritu religionis innovetur, edictis et diplomatibus 
S. R. Mtis publice proscriptus sit, non videre se dielt Mtas^ 
qua ratione possit integra dignitate sua ea, quae semel de 



314 Theodor Wotschkc. 

illo statuit, revocare. Quam ob rem si minus hoc in 
negotio Dlmac Celni Vrac satisfacere potui, non id negli- 
gentiae meae ascribat, sed rem omnem pro ratione tem- 
porum aequi bonique consulere dignetur. Quibuscunque 
autem aliis in rebus promptam et addictam voluntatem 
meam illi declarare potuero, nihil est, quod fecero üben- 
tius Varssoviae 13. Dezember 1556^). 



Johannes Tomicki — Matthiae Czerwenka fratri in 
Christo carissimo et multis modis honorandissimo inPrzerow. 

Quinta die Augusti, cum domum redii, reperi, docto- 
rem Lismaninum, qui accedente voluntate regia apud me 
manere constituit octavaque die eiusdem mensis pro uxore 
in Tigurim misit misitque ad illas ecclesias exemplaria 
confessionis nostrae aliquot. Etsi d. Stanislaus ab Ostrorog 
obtulerat illi apud se mansionem, verum ille non alibi ani- 
mum quam apud me manendi declaravit. Acquievi volun- 
tati illius, sed tamen scire volens, utrum aliquid aliud in 
animo haberet causa religionis, quam nos ut sentimus vel 
profitemm-, dixi me noUe, ut quis mihi conscientiam verbo 
dei iam lustratam denuo turbet. Ille apud me manens, ne 
cum aliquibus tractet vel illis consulat contra unitatem 
fratrum, me talia non posse boni consulere respondit, se 



1) Indessen hat gerade der Kanzler Ocieski die Aufhebung 
der Acht zu hindern und die Reformation in Polen zu unterdrücken 
gesucht Vergl. hierzu den Bericht des preussischen Gesandten 
vom Warschauer Reichstage, den 2. Januar 1557. „In der Religion 
Sachen, do hauen die gestlichen durch die beden Cantzler grobe hunde- 
har ein (d. h. betrogen, da durch einen Einschlag von Hundehaaren 
minderwertige wollene Stoffe hergestellt wurden), der eine wirtt 
mit geistlichen guttem, der andere mit gelde vberwunden. Man 
gibt itzundt ftkr, das nimant als die vom adel für ire person freyhait 
haben sollen vnd im geheim zu glauben, wie es zuuorantworten, 
sunst ire vnderthanen vnd alle Kirchen sollen im vorigen bebst- 
liehen schtande bleyben. Do widder fechten die landsbotten vnd 
seint doch gleichwol auch tzweytrechtig gemacht. Den hem von 
Tamow haben die Cantzler auch auft einen weg bracht, das er 
weder fisch noch flaisch wurde*. 



Francesco Lismanino. 31 5I 

taiem nunquam ex natura neque ex aliqua re alia habere^ 
ut banc provinciam in se sumat, ut sit iudex barum 
renim. Ceterum dixit se non esse aliquem ministnim. 
ut tuam conscientiam ego regam. Imo aliud non curo, nisi 
ut omnes unanimes sint cum fratribus, verum si quid in 
conf essione fratrum contra verbum purum dei ostensum esse 
potent, scio illos ita modestos esse, ut bono animo suscipiant 
et meliora videntes illis acquiescant, quae omnia conferre 
vult cum fratre Georgio*) et Rokytha, legitque diligenter con- 
fessionem et annotat loca sibi dubia. Haecque mihi de- 
monstravit primum in confessione de poenitentia, ubi scri- 
ptum est de confessione, quod consilio ad ministros adeant 
coetus. Non ita, inquit, intelligere debent nisi de peccati& 
dubiis aut articulis, sed, inquit, de bis, quae sciret esse 
iam certa vel vera peccata et occulta sunt, non esse opus. 
omnino illa coram ministro enumerare. lUe in apologia 
folio 37>eprehendit sententiam hanc, quae ita incipit: |,sub 
haec dicimus, cvun in bis, quae salutis sunt, adhortamur 
etc". Volunt, inquit, fratres non nisi illos pro cbristianis^ 
qui sunt in unitate illorum, habere et curam illorum illis. 
esse, de exteris autem nuUa illorum cura ut sit, citantque 
verba Pauli, quae ita interpretari non possunt Nam Paulus^ 
inquit, exteros non christianos appellat, sed ethnicos et 
paganos. Sed cum vult ea conferre cum nostris, parum me 
haec movent, scio enim illi adiutore domino fieri satis a 
nostris. Nunc autem quid in synodo Pinczoviensi^ consti- 
tutum sit et a domino Lasocky procul dubio sit et ex hoc 
exemplari a domino Lasky domino Stanislao ab Ostrorog 
misso intelliget Nomina horum seniorum hie descripta 
habet: d. Ossoljmsky, d. Lasocki, d. Philipowsky, d. Lu- 
kowsky, d. Rabsky, d. Zarski. Scripsit litteras ex Przerow 
Lismanino d. Lasocky, pridie Galli velle aliquos ad nos 
in Maiorem Poloniam venire velleque nobiscum aliquae de 
religione tractare una cum d. Lasky, sed neque de tem- 
pore neque de loco nihil praesertim ab illis scimus, quod 



*) Georg Israel. 

^Synode in Pinczow vom 10 -17. August 1557. 



3l6 Theodor Wotschke. 

magis non omnes adesse posse intelligo, si tarnen ex deo 
illonun cura erit, facile res suas agent. Rogo, Dtio Vra me 
una cum familia mea in orationibus non praetermittat, cui 
nos commendamus valereque quam diutissime ex animo 
-cupimus. Datum in Thomice 14. die Septembr. 1557. 
Vester ex animo frater et amicus Johannes de Thomice, 
•castellanus Rogocensis, manu propria scriptum. 

VI. 
Stanisiaus ab Ostrorog — Alberto duci Prussiae. 
Dedi in mandatis nobiii Eustachio Trepka, ut quae- 
dam meo nomine ad Ilimam Cels^em Vram referret, quem 
ut benigne audiat, fidem habeat ac tantum sibi de me, 
quantum ex eo intelliget, persuadeat, plurimum rogo. Cae- 
terum cum intelligerem, Franciscum Lismaninum singularis 
cum eruditionis tum prudentiae hominem ad Ilimam Celsnem 
Vram proficisci in animo habere ac a me, ut per meas 
litteras ad Ilimam Celsnem Vram faciliorem aditum haberet, 
contendere, ei hac in parte deesse nolui, tametsi omnibus 
aliquo vel eruditionis vel virtutis encomio commendatis 
aulam lUmae Celnis Vrae semper patere minime ignorarem. 
Itaque ab lUma Celsne Vra peto, ut virum Optimum et propter 
religionem vagum proiectumque sua gratia et humanitate, 
ubi advenerit, complectatur. Quod Ilimam Celsdinem Vram^ 
quo studio erga puriorem rehgionem eiusque assertores 

ducitur, facturam omnino confido Ex Grodzizko 

21. Martii 1558. 

VII. 

Albertus dux Prussiae — Stanislao ab Ostrorog. 

Magnifice et generöse, amice nobis singulariter dilecte. 
Nobilis Eustachius Trepka servitor noster litteris Magtiae 
Vrae nobis exhibitis quaedam illius nomine retulit, ad ea, 
quid a nobis responsum sit, ex ipso Magtia Vra intellectura 
est, cui ut fidem referenti habeat, amice contendimus. Quod 
.ad Lismanini commendationem attinet, latere Magtiam Vram 
nolumus, fuisse apud nos reverendum ac generosum loan- 
nem a Lasco, qui inter cetera et ipsius quoque Lismanini 



Francesco Lismanino. 3^7^ 

nomine nobiscum egit; ei quid responsum dedimus, partim 
ex eiusdem Eustachi! Trepka relatione, partim ex responso- 
nostro, quod scriptum ei dedimus, cognoscet Cupimus 
autem, ut Magtia Vra per omnia de nobis sibi amici prin- 
cipis benevolentiam polliceatur, ut quidem nihil eorum, quae 
recte a nobis praestari poterunt et quantum rationes nostrae 
ferent, passuri simus in nobis desiderari, sie sane ut. 
Magtia Vra se et magni a nobis fieri et postulata quoque 
illius plurimimi valere apud nos experiatur, sicut latius haec 
ab ipso Eustachio Magtia Vra intellectura est. Quam feliciter 
valere exoptamus. Dat. Regiomonte 22. Aprilis 1558. 



VIII. 
Epistola synodi seniorum utriusque ordinis MDLXI 
XIII Decembr. Cracoviae celebratae ad clarissimum virum. 
d. Heinricum BuUingerum ecciesiae Tigurinae pastorem. 

Quod eam curam nostri habes, clarissime et inte- 
gerrime vir, non possumus tibi summas non agere gratias^ 
non aliunde enim hanc nasci credimus, quam ex illo amore,. 
quem sununum semper testati estis in vestris ad nos. 
scriptis. Optamus autem, ut quem admodum hucusque de 
nobis optima sperabatis et nos quoque de vobis credidi- 
mus, ita in posterum eandem fidem illaesam permanere, 
ne scilicet quorumlibet hominum privatorum litteris vel 
delationibus de nobis credatis. Sunt enim plerique, ut 
nunc sunt tempora, qui nihil aliud quam traducendi et 
condemnandi occasionem quaerunt, laudem ex aliorum 
infamia venantur et quasi vigilantiae speciem prae se ferunt, 
cum ad quaslibet suspiciones vel rumusculos omnes ex- 
citent et classicum canant. 

Loquimur autem hie de nostris quibusdam, qui eccle- 
Sias nostras turbare annituntur et quaerunt occasiones 
traducendi. De nobis vero, ne quid dubitetis, sie breviter 
habete. Credere nos et adorare sanctam trinitatem, hoc 
est patrem, filiiun et spiritum sanctum agnoscimus. Patrem 
verum deum esse, Christum quoque filium dei esse verum 
deum, spiritum quoque sanctum esse verum deiun, plura- 



3^8 Theodor Wotschke. 

Htatem deorum detestamur, unum esse deum, non persona 
sed indifferent! natura credimus. 

Contra Arium credimus ofioavmor filium patri, contra 
Servetum credimus aetemum ex aeterno patre genitum 
filium, omnipotentem ex omnipotenti perfectum ex perfecto 
etc. Verbum quoque suo tempore factum hominem non 
mutata natura verbi in camem, sed came in unam hypo- 
stasim imita. Propter puritatem et simplicitatem apostolico 
s}anbolo contenti sumus. Sed ne calumnientur nos hostes, 
etiam Nicaenum cum Athanasii symbolo contra haereticos 
•emergentes recipimus. Caeterum ut via falsis rumoribus 
-de nostris ecclesiis praecludi possit, in posterum rogamus, 
ne cuiusque delationibus vel etiam scriptis credatis, nisi 
literis publicis ab istis senioribus vel illorum plerisque 
^ubscriptis. Itaque obtestamur te tuosque symmistas, ne 
•quid de nobis mali suspicemini, sed nos agnoscatis pro 
fratribus vestris amantissimis, qui ut a vobis in doctrinae 
evangelicae puritate non mediocriter adiuti sumus, ita 
vobiscum eam retenturos esse et defensuros contra omnes 
omnium errores certo vobis persuadeatis. Bene vale, vir 
clarissime. Dominus te servet ecclesiae suae fidelem 
ministrum. Cracoviae ex s3aiodo seniorum XIII. Decembr. 
anno MDLXI^. 

IX. 

Confessio de sancta trinitate contra eos, qui ecclesias 
Minoris Poloniae Arianismi et pluralitatis deorum accusant, 
edita Pinczoviae in s3niodo seniorum et ministrorum XX 
(bei Zanchi fälschlich XXII) Augusti anno domini MDLXIL 

Da das Bekenntnis bei Zanchi (VIII, 80) sich abge- 
druckt findet, übergehe ich es hier und drucke nur das 
ihm von Lismanino später mit Rücksicht auf Herzog 



^) Bullinger war natürlich durch diesen Brief und das Glaubens- 
i>ekenntnis völlig befriedigt Am 28. Februar 156a schreibt er seinem 
Genfer Freunde p^mitto litteras, quas accepi ex Polonia, mittunt ad 
me confessionem, quam si faciunt animo sincero, congratulor eis. 
Ac nisi existimavissem similem ad te quoque missam, meam iliam 
communicavissem tecum". 



Francesco Lismantno. 319 

Albrechts Erinnerung vom 9. Mai 1563 beigegebene 
Scholion ab. 

Qui existimant non recitari totum s3rmbolum Nicae« 
num, sciant verba illa: ,,Dominumque vivificantem etc.'' 
addita fuisse in S3aiodo Constantinopolitana adversus Mace- 
donium, qui negabat divinitatem spiritus sancti. In Nicaeno 
autem symbolo huiusmodi non haberi, quae tarnen nos 
etiam ut necessaria suscipimus et approbamus. 

Da bei Zanchi nur zwei Unterschriften sich finden, 
teile ich sämtliche mit: 

Felix Cruciger, superintendens ecclesiarum in Minori 
Polonia. 

Franciscus Lysmaninus. 

Stanislaus Lutomirski, Pinczoviensis tractus senior. 

Gregorius Paulus, senior in diocesi Cracoviensi. * 

Paulus Gilovius, senior districtus Zatoriensis et Oswie- 
dniensis ducatus. 

Jacobus, ecclesiarum submontanarum senior. 

Stanislaus Paclesius, ecclesiarum sortis suae in terra 
Lublinensi superintendens. 

Martinus Crovitius, ecclesiarum Lublinensium . sibi 
commissarum superintendens. 

Alexander Vitrelinus, Bitomiensis minister evangeUi. 

Stanislaus Wisniovius, minister coetus Vieliciensis. 

Melchior Polipovius, minister in Lukow. 

Joannes Checiny, minister in Rogow. 

Joannes a Pokrziwnica, minister in Krzczeczicze. 

Jacobus Sigismundus, minister Pinczoviensis. 

Joannes Siekierzinski, verbi dei minister in Pelsnicza. 

Christophorus Milvius in Gory, verbi dei minister. 

Michael, minister Ruski Krosney. 

Tiburtius Borisovius in Sieklika ministen 

Stanislaus Moicius, minister in Naglovice. 

Bartolomaeus Luczicki. 

Matias Lovicius, minister in Jastrzebia. 

Matias Albinus, minister in Iwanowice. 

Stanislaus Cristinius Wiedimensis, verbi dei minister. 

Stanislaus Bodzecinius, minister in Bobova. 



320 Theodor Wotschkc. 

Martinus Laskowius, minister in Sobolow. 
Matias Niegoslawski, minister in Tamowa. 
Tomas ex parva Kazimierza. 
Albertus Episcopius, minister verbi dei. 
Adam, minister ecclesiae dei in Gieraltowice. 
Georgius Schommanus scriba. 

X. 

Nachtrag zur explicatio doctrinae de trinitate: Si 
quisquam est, qui meliora adferat aut nostra pie corrigat^ 
is et scribat et corrigat, et dominus Uli pro nobis retribuet. 
Nulla namque ducimur invidentia, quoniam neque per 
Contentionen neque per inanis gloriae Studium ad colligenda 
ista accessimus, sed fratribus prodessemus nosque in hoc 
praecipuo religionis christianae articulo recte sentire testa- 
remur. Franciscus Lysmaninus. 

XI. 
Albertus dux Prussiae — principi Moldaviae. 
Illustris et magnifice princeps, amice nobis singu- 
lariter dilecte. Dum hie Caunae, in oppido Lithuaniae, 
quo ad S. R. Mtcm Poloniae profecti sumus, aliquot dies 
commoramur, aliquoties nos invisit Franciscus Lysmaninus 
Corcyraeus, cum quo inter tumultuosa haec negotia, quae 
Caunae nobis efficienda fuerunt, multis de rebus fami- 
liariter sermones contulimus. Inter cetera vero intellexi- 
mus, Illtatcm Vram aliquoties per litteras eum ad se invitasse^ 
quod autem Illtatis Vrae voluntati non citius et ante hoc 
tempus satisfecerit, id nullam aliam ob causam, nisi quod 
S. R Mtcm de impetranda eam provectionem venia nuUibi 
quam tunc Caunae commodius maioreque cum oportuni- 
täte convenire potuerit, factum esse Dltas Vra sibi persua- 
deat. Quandoquidem autem nunc permissu S. R. Mtis iter 
ingressurus et ad Illtatcm Vram profecturus sit, noluimus 
committere, ut amicus hie noster ab annis plurimis, cum 
monasticam adhuc agens vitam cucuUo indutus esset, 
nobis et notus et familiaris absque literis ad Illtatem Vram 
nostris perveniret. Illtatcm itaque Vram maiorem in modum 



Francesco Lisinanino. 3^^ 

pro mutua nostra amicitia rogamus, ut dictum hunc Lis- 
maninum, cui alias Ultatemr Vram optime cupere non est 
dubium, etiam nostri causa, quo ad priorem istam ac 
veterem benevolentiam propter commendationem hanc 
nostram, qua tarnen minime opus esse arbitramur, novi aiiquid 
accessisse intelligit, favore complecti eique benignam se 
praebere dignetur. Hoc modo lUtas Vra beneficia sua 
praeclare positura est, et nos, quicquid benevolentiae ami- 
citiaeque ab lUtate Vra in eum coUatum fuerit, non secus, 
ac si nobis id factum esset, accipiemus et paribus id 
studiis vicissim lUtati Vrae rependere conabimur. Quam 
diu feliciterque valere exoptamus et ut per occasionem 
literis suis nos invisat petimus. Dat. Caunae VI. Julii 1563^). 

XII. 
Albertus dux Prussiae — Regi Poloniae. 
Serenissime rex. Dubium mihi plane nullum est, 
S. R. Mtem eorum, quae de doctore Francisco Lismanino 
Corcyraeo cum S. R. V. Mtc hie Caunae coUocutus sum, 
datique ad intercessionem pro ipso meam responsi (quod 
prolixius hie repeti operae pretiiun non esse duco) nee 
non annexae regiae benignaeque pollicitationis suae, quod 
S. R. V. Mtas in notis illius negotiis clementer cum eo actura 
esset, adhuc esse memorem. Inductus igitur hoc clemen- 
tissimo S. R. V. Mtis responso ipse Franciscus in istis negotiis 
suis ad S. R. V. Mtem proficiscitur. Cum autem interea 
temporis, dum hie Caunae commoror, ex conversatione 
cum ipso et habitis mutuo colloquiis tantum mihi depre- 
hendisse videar, secus eum S. R. V. Mti , quam decebat, 
depictum est, non possum facere, quin ei ad S. R. Mtem 
Vram iter ingredienti litteras hasce commendatitias com- 
municem. Scram itaque R. V. Mtem etiam atque etiam enixe 
humiliter peto, ut se pro clementi sua pollicitatione beni- 

1) Bei dieser Gelegenheit bemerke ich, dass schon am 18. März 
15^ Herzog Albrecht dem nach der Moldaa and Walachei reisenden 
Wittcnbcrpcr Professor Jostus Jonas, einem Sohne des bekannten 
Freondes Luthers, einen Empfehlungsbrief an den Fürsten Heraklid 
Basilikus mitgab. 

Zeitschrift der Hiat. Ges. fQr die Prov. Posen. Jahrg. XVIII. ar 



322 Theodor Wotschkc. 

gnissimum clementissiinumque ipsi dominum ac regem 
etiam mea causa praebere dementer dignetur. Confes- 
siones quidem a norma ac regula verbi divini non dissi- 
dentes ex aequo se recepturum et approbaturum, omnes 
a sacris vero iiteris discrepantes repudiaturum esse con* 
stanter asserit, subscribere autem ulli ideo veretur et 
recusat, quod in confessione sua propria et quidem a 
multis aliis subscriptione approbata non levem postea 
in gravissimo de trinitate titulo errorem deprehenderit*). 
Quare S. R. V. Mtcm iterum submisse peto, ut ratione 
horum clementer habita commendatum eum sibi esse sinat 
ac gratia porro sua atque benevolentia complectatur. Fac- 
tura S. R. V. M^as rem mihi gratissimam, quam ego debitis 
meis officiis subdite promereri enitar. Ipse vero Franciscus 
non prius pro hoc S. R. V. Mtis beneficio gratus esse quam 
vivere desinet Deinde et haec S. R. V. Mtcm subdite celare 
non possum rumorem de obitu illius viri, de quo cmn 
S, R. Mte Vra in conclavi meo hie Caunae sermones con- 
tuli, subinde augeri et pro certo haberi, duas vero o\> 
causas id occultari. Atque S. R. V. Mtcm in serös annos 
Christo omnipotenti salvam, felicem atque florentem con- 
servari ac hostibus suis omnibus modis superiorem esse 
ardentibus votis exopto. Caunae XL Julii 1563. 

XIIL 
Albertus dux Prussiae — Lucae, Andreae et Stanislaa 
Gorka, Jacobo et Stanislao ab Ostrorog, Johanni Tomitzki^ 
Raphaeli Lieskinski et Nicoiao Olyesnienski. 



1) Leider vermag ich nicht zu sagen, worauf sich diese Worte- 
beziehen mögen, einem Zweifel an der dogmatisch korrekten Theologie 
Lismaninos können sie jedenfalls nicht Vorschub leisten. Vergl. auch 
folgendes Urteil aus römischem Munde. Am 17. August schreibt 
der königliche Sekretär Andreas Patricius an den Kardinal Hosius. 
von Grodno aus: ,,Misit ad me Fr. Lismaninus libellum confessionis 
suae de trinitate, quam mitto Ill«nae Dtd v««, ut videat, an inter 
haereticos in hoc quidem articulo sit habendus. Ipse enim Trideistae 
appellationem modis onmibus repudiat. Conatus sum hominem in. 
hoc genere ad confessionem concilii Tridentini revocare'S 



Francesco Lismanino. 323 

Magnifici ac generosi, singulariter nobis dilecti. Cum 
€x praesentiarum exhibitore Francisco Lysmanino, amico 
nostro perveteri, qui Caunae nobiscum erat, intelligamus, 
eum Magtiac Vrac et notum et familiärem esse ac eandem 
nunc invisere constituisse, noluimus committere, quin ad 
contestandam benevolentiam ac favorem nostrum, quo 
eum ab annis hinc multis complectimiu*, commendatione 
eum nostra ad Magtiam Vram prosequamur. Quamobrem 
Magtiam Vram amanter rogamus, ut hunc commimem 
amicum nostrum iam ante Magtiae Vrae satis commenda- 
tum propter nos eo commendatiorem sibi habere velit, 
ita ut benevolentiam Magtiac Vrac erga ipsum non parum 
incrementi et virium ab hisce literis nostris accepisse ex- 
periatur. Caunae XII. Julii 1563. 

XIV. 
Lismaninus — Friderico a Canicze. 
Magnifice domine. Cum solet dici, melius est prae- 
venire quam praeveniri, et in dubiis tutior via est adhi- 
benda, videns me non posse liberari a tussi et catarro 
febrili, qui morbi me molestant in quattuor septimanis, 
scripsi testamentum meum, quod bis inclusum mitto et 
per illum amorem filialem, quo me nihil tale meritum hac- 
tenus Magtia Tua prosecuta est, obtestor, ut, ubi audiverit, 
me ex hac valle misera emigrasse ad illam beatam vitam, 
coram illmo duci, domino clementissimo, aperiat et legat 
omniaque curaret exsequenda iuxta meam voluntatem. 
Dat ex aedibus illustrissimi principis XXX. Octobris 1564. 

Franc. Lismaninus languens. 

XV. 
Lismaninos letzter Wille. 
Anno 1564 die 29. Octobris Regiomonti in aedibus 
illustrissimi principis a venerabili magistro Functio emptis. 
Decumbens ex tussi et catarro febrili ego Fr. Lis- 
maninus Corcyraeus sexagenarius sanus mente manu mea 
propria baec annotavi habitura vim et valorem mei Ultimi 
testamenti, cuius executores constituo illustrem d. Paulum 



324 Theodor Wotschke. 

Scalichium et generosos dominos Fridericum a Canicze et 
Joannem Maczinski^), qui hactenus me filiali amore sunt 
prosecuti. Haeredem meum nomino Paulum Lismaninum 
puerum novennem, quem mihi peperit nobilis femina 
Claudia Galla, mea uxor legitima in primaria Helvetiorum 
urbe Tiguro. 

Inprimis confiteor nie hactenus sensisse et per de 
gratiam usque ad extremum huius vitae corporalis mo- 
mentum sensurum de vera religione non ex hominum 
commentis sed ex sacrosancta scriptura canonica veteris 
et novi testamenti, quam agnosco et reverenter amplector 
pro ipsissimo verbo dei, cuius particulares methodos sem- 
per iudicavi: decalogum, symbolum fidei, quod apostolicum 
nominatur, cuius veluti explicationes adversus haereticos 
sunt reliqua omnia symbola, et oratio dominica. Has 
tres methodos adeo necessarias esse pronuncio universae 
dei ecclesiae, ut sine harum cognitione constanter con- 
firmem neminem tamquam membrum ecclesiae dei con- 
numerandum. Has vero amplecti et eis firmiter credere non 
est virium humanarum sed merum dei donum, qui salvat 
misericorditer et punit iuste, quoscumque salvat et punit. 

Scio me proposuisse duo scripta ad declarandam 
meam sententiam de religione, uni subscripserunt multi 
pastores ecclesiarum Minoris Poloniae et reverendus 
Matthias Cervonka^, fratrum Boemoi"um senior, nee non 
clarissimus ille vir dei Joannes a Lasco. Alteri de con- 
troversiis super doctrina Trinitatis subscripserunt theologi 



1) Joh. Maczynski war Sekretär des Nikolaus Radziwill in Wilna 
und ist bekannt als Herausgeber eines lateinisch-polnischen Wörter- 
buches, das nach den ersten lateinisch -deutschen Wörterbüchern 
jener Zeit, dem des Strassburger Dasypodius und des Züricher Frisius, 
gearbeitet war. Ich vermute, dass das Lexikon nicht ohne Mithülfe 
Lismaninos entstanden ist. Litterarhistorisch beachtenswert ist, dass 
Maczinski durch sein Wörterbuch den Druck eines noch grösseren 
lateinisch - deutsch - polnischen Lexikons, das der Lycker Pfarrer 
Hicronimus Maletius und Johann Radomski ausgearbeitet hatten^ 
verhindert hat. 

2) So schreiben auch die kleinpolnischen Synodalprotokolle 
den Namen des Seniors der Brüderunität. 



Francesco Lismanino. 3^5 

Regiomontani et ministri ecclesiarum Podlasensium. Eidem 
sententiae contentae in utroque scripto et nunc constanter 
adhaereo. Semper tarnen hac adhibita cautione: ^errare 
possum, haereticus esse non possum". Rogo omnes pios, 
ut cum iudicio perlegant collectanea illa de trinitate et 
praesertim illum locum d. Hilarii, quo manifeste ex d. 
Paulo probat illam propositionem, quoties nomen dei ab- 
solute ponitur in scriptura, de patre intelligitur, non potest 
universaliter verificari, si Moses in Dt. 32 et Esaias 
aliquoties nomen dei absolute positum de filio dei intel- 
ligunt, quod ex d. Paulo d. Hilarius manifeste ostendit 
imo demonstrat. 

Hortor etiam pics fratres, ut considerent, quod diffe- 
rant inter se haec phrases. Pater filius et spiritus sanctus 
est unus, quae est Sabelliana. Pater filius et spiritus 
sanctus sunt unus deus, quae est catholica et in usu apud 
veteres patres et apud d. Bemardinum Ochinum, qua 
nuUa quatemitas declaratur nee unum Individuum con- 
flatum ex tribus, sed patrem, filium et spiritum esse unius 
deitatis, quod et vos fatemini. 

Discedite ab illa regula obliqua, si non sunt unus 
simpliciter neque cum adiuncto (?), et omnia erunt dilucida. 
Quod vero unus deus de patre, filio et spiritu sancto 
dictus non tollat eminentiam patris illius ingeniti, qui solus 
est unus ille verus deus pater, in dictis coUectaneis de- 
claravimus, quae si data fuissent in lucem (parcat deus 
illis, qui impediverunt), sedassent procul dubio tantam 
rabiem. 

Secundo. Quemadmodum coram tota ecclesia agnosco 
me peccatorem super omnes homines partim actu partim 
affectu, ita firmiter credo misericordiae dei patris exhi- 
bitae mihi per mortem sui filii, quem credo mihi natum, 
mortuum, resuscitatum et omnia munera a patre iniuncta 
mihi peregisse, omnia peccata mea deleta, obliterata et 
remissa nullis meis meritis sed pura et mera gratia sua 
permagna. Discedo itaque ex hac valle misera laetissi- 
mus vehens mecum omnia merita Christi filii dei, veri 
dei et hominis, quem magis mihi proprium esse credo 



3^6 Theodor Wotschke. 

quam meam animam, cum ipse sit meae animae anima 
«t vita. 

Corpus meum ubicunque et quocunque depositum et 
^epultum credo in tremendo illo die refricari et ita suscita- 
tum et rursum animae meae unitum perpetuo fruiturum 
bona illa, quae ocuius non vidit nee auris audivit. 

Tertio. Exbonis mihigratiadei concessis tamlibris quam 

alia supellectili et pecimia volo, ut satisfiat meis creditoribus: 

Domino Laurentio Normando Genevae debeo coro- 

natos solis 88. 
Domino Sebastiano Ungaro bibliopolae, fuit servitor 
d. loan. a Lasco, satisfiat iuxta meum chyrographum^ 
quod Uli dedi. 
Domino Bartholomaeo Itaio spathario et inauratori 
Cracoviae habitanti restituenda omnia, quae mihi 
proficiscenti in Valachiam dederat, si hactenus 
non sunt ei reddita a domino Francisco Dino Fio- 
rentino, cive et mercatore Vihiensi, apud quem 
reliqui discedens Viina in deposito, ut aut ven- 
derentur iuxta commissionem praedicti d. Bartho- 
lomaei aut remitterentur in suas manus Cracoviam. 
Erant autem 32 ^lobuli ferrei deaurati pro una 
colephka pretii 16 aureorum ungaricaiium, item 
phalerae unius equi olosericae nigrae cum globulis 
sericis deauratis pretii 10 talerorum. Apud me 
vero est ensis cum papulo deaiu'ato pretii 10 
aureorum, item unä clava ferrea deaurata pretii 
2 talerorum et pro altera simili donata a me 
doctori Boruski dentur illi taleri duo. 
Domino Symoni Rotemberg, civi et pharmacopolae 
Cracoviensiy satisfiat iuxta registrum pharmacorum 
mihi datorum iuxta eins conscientiam. 
Domino Sebastiano Lupi (?) pro generosis dominis 
Soderinis satisfiat iuxta illorum libros; extatin meo 
scriniolo summa illius debiti. 
Pomino Georgio Pipna, civi et pharmacopolae Cra- 
coviensi meo veteri amico, satisfiat pro oleo et paucis 
aliis reculis. 



Francesco Lismanino. 3^7 

Greneroso domino Hieronjrmo Philipowski, meo sin- 
gulari amico et benefactori, reddantur floreni 40, quos 
iRUtuo dedi in necessitates uxoris meae discedentis Pin- 
czovia in Prussiam. Item dentur dominationi suae floreni 
ao, quos mihi in extrema inopia constituto miserat Pels- 
niciis, quos ego aeger in Piotrokovicze restitueram Uli, sed 
optimus vir habens rationem meae inopiae rursum miserat 
Pinczoviam, simulque eidem habeo gratias pro omnibus 
officiis et beneficiis, quibus me affecit, quae sunt innu- 
mera. Item si excelientissimus d. Blandrata non revocavit 
donationem mihi factam 100 florenorum annuorum, genero- 
sus dominus prospere satisfaciat, ut promisit 100 vero 
floreni, quos scripsit se exposuisse in necessitates meas et 
meae uxoris, computentur loco 100 florenorum, quos mihi 
tenet, de quibus etiam nunc coram deo affirmo me iuste 
repetiisse ab eo et in suo chirographo manu sua fecisse 
prope cuique certum (?). Quod si noluerit acquiescere huic 
meo testimonio, committatur dictum debitum 100 flore- 
norum eins conscientiae, ut pro offlciis erga me praestitis 
tam ipsi quam generoso eins fratri d. Troiano pervarie 
ago et habeo gratias, si alia debita essent, quorum non 
memini, persolvenda. 

Dominis vero doctoribus medicis Jacobo persolvantur 
pharmaca,quae faciunt summam florenorum 26, exceptis, quae 
accepi in hac aegritudine ultima, Severino vero dentur taleri 
duo cum medio, item grossi 42, item grossi 38 ratione prioris 
debiti contracti in thermis; caeterum in signiun grati animi, 
quod me Caunae semel, hie vero ter a gravissimis morbis 
curaverit, volo, ut donetur illi anulus pretii 10 talerorum, 
quo erit mnemosimon meae christianae amicitiae. 

Itaque domino Joanni Daubmanno^ ^graph o dabuntur 
taleri 10 circa finem Novembris anni 1565. Ipse vero 
ostendet se docuisse artem typographicam Matthiae et 
Georgio, Polonis^ meis servitoribuSj iuxta conb-actum, 
cuius unöHTex mahiTmeäTiäbet ipse, alterum ex manu 
sua est in meo scriniolo. Debet enim eos docere com- 
ponere et aliud, quod nunc non succurrit fimdere nostris 
litteris, et iustiflcare ad instrumentum ; si itaque stetit pro- 



328 Theodor Wotschke. 

missis, dentur Uli taleri 10 et ipse det Ulis litteras, ut 
possint exercere artem, ubi voluerint, et quod iuxta 
contractum debebant mihi restituere taleros 20 dicti 
Matthias et Georgius, totum hoc illis dono nee volo, 
ut possint retineri a d. Daubmanno ratione dictorum 20 ta- 
lerormn. 

Item volo, ut dicto Matthiae, meo servitori, dentur 
taleri IG, ut possit se conferre in patriam. 

Item Georgio dentur taleri 4. Item Joachimo, Pome- 
rano meo servitori, dentur taleri 10, cui etiam dono Cale- 
pinum Latinum ; Latino - Germanicum vero, quem com- 
modatum habet a me, restituat Paulo meo filio. Volo 
etiam, ut habeat lodicem ex lana alba, qua se tegit noctu. 

Quattuor. Ubi satis factum fuerit omnibus meis 
creditoribus et servitoribus, inter quos numero et Barba- 
ram virginem Pinczoviensem, quae venit huc cum mea 
coniuge, cui dono florenos polonicos 10 et 2 vestes ex 
panno bono, cum nupserit; item Jacobum Lithuanum, cui 
volo, ut ex integro nuraerentur illi marcae 10 in feriis 
divi Johannis baptistae proxime venturis anni 1565 non 
computando, quae accepit ad calceos, imo si uxorem 
duxerit, volo ut donetur illi marcae quoque ultra Stipen- 
dium annuum, ubi, inquam, istis omnibus satisfactum fuerit, 
legatur contractus matrunonialis inter me et nobilem foemi- 
nam Claudiam meam coniugem et iuxta tenorem dicti 
contractus tractetur a dominis meis executoribus. Debetur 
illi fructus tertiae partis omnium bonorum, modo caveatur 
haeredi de conservanda tertia parte. Ceterum tam ipsam 
quam filium commendo pietati et clementiae serenissimi 
regis, domini mei clementissimi ac illustrissimorum prin- 
cipum d. d. ducis Prussiae et palatini Vilnensis, ducis 
Olicensis et Niczviensensis, quorum beneficientia hactenus 
et ego et ipsi viximus. Supplicent mei executores, ut 
beneficia mihi coUata extendantur ad vitam uxoris et filii. 
Item mille illi floreni a serenissimo rege mihi promissi^ 
quae res nota est illustrissimo palatino Vilnensi et gene- 
roso domino Joanni Maczinski, relevarent hanc desolatam 
familiolam. Ex his posset meae coniugi dari viaticum 



Francesco Lismanino. 329 

sufficiens, si vellet redire in Galliam. Si beneficia mihi ad 
vitam concessa extenderentur ad vitam uxoris et filii aut 
tantum filii, volo ut meae uxori praeter fructum partis 
tertiae, quae illi debetur ad vitam, et totae alius summae 
concedatur iUi petenti secundas nuptias pars tertia ad 
vitam. Si vero in prima viduitate perseveraverit, habebit 
medietatem, ut honeste et liberabiter se sustentet. Filius 
vero Paulus fruetur beneficio illustrissimi principis, qui 
dignatus est illum non visum suscipere pro se et suis 
haeredibus et successoribus in curam paternam, ut patet 
ex meo bestallung, quod est in meo scriniolo. 

Libri mei omnes, qui sunt Pinczoviae apud Optimum 
virum d. Savinum Saracini Italum, et reliqua supellex ven- 
dantur. Meae uxori dentur lecti, stragula necessaria et ex 
reliqua supellectili linea, quantum opus fuerit Vestes 
omnes, quas habet, volo non computentur, sed libere illis 
utatur et fruatur. 

Quinto. In fine Novembris proxime venturi deben- 
tur mihi ex aerario illustrissimi principis floreni 150, ex 
quibus cancellaria debet habere thaleros 10 propter meum 
bestallung, si nondum accepit; illustrissimo vero principi 
debeo restituere florenos polonicos 15, quos dedit pro 
accersendo Martino Mzresta Bresta, is vero abiit Argen- 
tinum, nee data est illa pecunia principis. 

Pensio mea taleri videlicet 150 minus florenos 

10 est in manibus illustrissimi principis palatini Vilnensis, 
quam benigne promisit se missurum, ubi pestis cessaverit. 
Restabit etiam pensio unius trimestris. Calendis enim Au- 
gusti incipit tempus pensionis. In feriis etiam nativitatis 
Christi exegit generosus d. Maczinski ex vectigalium Bre- 
stensium praefectis pensionem regiam florenos videlicet 100, 
et quoniam dicti praefecti retinuerunt literas ad se magni- 
üci thesaurarii Lithuaniae Ruthensis, d. Maczinsky pro- 
inittit se impetraturum a magnifico d. thesaurario alteras 
similes, modo mittantur illi originales literae regiae, quibus 
concessa est mihi dicta pensio. Praedictae autem literae 
originales regiae sunt in meo scriniolo, quae debebunt mitti, 
sed per certum nuntium. 



33^ Theodor Wotschkc. 

Ex dicta summa accipiet generosus d. Caniczius, ut 
satisfiat typographo Wittebergensi pro coUectaneorum 
exemplaribus 500, quae domini executores distribuant piis 
fratribus, ut in bis controversiis videant veritatem. Domino 
loanni Secluciano ^), amico sincero ac de ecclesia Christi 
polonica optime merito et erga me officiosissimo, dono 
^^w^ lagoenam stanneam deaur atam novam, quam per eins coniu- 
gem optimam foeminam Tn nuriaims praeteritis emi uno 
auro ungarico. 

Si quid omisi, supplebunt domini exsecutores, quos 
oro atque obsecro, ut in hoc opere pio exsequendo et in 
adimplenda hac mea ultima voluntate ostendant, se animo, 
non tantum verbo, se voluisse dici meos filios; essent illis 
iniuriis, si aliis haec committerem. Iterum atque iterum 

^) Ich benutze die Gelegenheit, um zwei Empfehlungsbriefe 
Herzog Albrechts für Seklucyan an den König von Polen mitzu- 
teilen. Am 17. April 1561 schrieb er: „loan. Seclucianus retulit mihi, S. 
R. V. M^m ad intercessionem meam fratri illius in proximis Petri- 
coviensibus comitiis Privilegium unius mansi clementer promisisse. 
Cimi autem eius privilegii literas adhuc non consecutus sit, petivit 
commendatione denuo mea se iuvari" — und am 30. Dezember 1566 
„Cum loan. Seclutianus in quibusdam negotiis suis iter ad S. R. V. M^m 
institueret, oro S. R. V. M*«"» perquam enixe, velit se huic Seclu- 
ciano, propterea quod S. R. V. M*», antequam in ditionem 
meam se conferret, per septennium ut ipse refert, servierit, de- 
mentem praebere". Herrn Rektor Koch in Eydtkuhnen verdanke ich 
die Kenntnis eines Briefes Mörlins an den Truchsess von Lithauen 
Nicolaus Dorohostajski vom 30. Juli 1569, in dem einer Zusammen- 
>kunft polnischer Edelleute im Hause Seklucyans gedacht wird: „Audivi 
Vrae Magn^«« ministrum, qui ea, quae superiori anno accidemnt in 
aedibus d. Seclutiani, mihi denuo ad animum revocavit. Acmemini 
hac de re actionem apud me eo tempore institutam praesentibus qui- 
busdam Poloniae nobilibus et totum negotium per transactionem ita 
compositum esse, ut sperarem in posterum nullam iuste controver- 
siam orturam esse. Nunc etsi praeter spem aliquod incommodi 
accidit, tamen rem omnem ad eum deduximus finem, ut citra utrius- 
que iniuriam et iacturam nominis et existimationis suae negotium 
totum denuo sit transactum, sicut ex literis d. Seclutiani Magti* Vn plane 
intelliget". Leider vermag ich nicht anzugeben, auf welche Verhand- 
lungen dieser Brief Bezug nimmt. Jedenfalls zeigt er uns die enge 
Verbindung, in der Seklucyan bis in sein Greisenalter hinein mit der 
X>olnischen Kirche gestanden hat. 



Francesco Lismanino. 33^ 

vobis, domini executores, et per vos illustrissimis princi- 
pibus, inprimis S. Mti Riae, meam coniugem peregrinam^ 
et filium parvulum unicum ex familia vetustissima com- 
mendo. Ipse vero ad divinum illum beatorum virorum. 
coetum proficiscor patriarcharum, prophetarum et aposto- 
lorum, quorum doctrinam secutus contemptis Pharaonicis 
bonoribus et opibus discessi ex Aegypto, ut in terra pro- 
missionis illis conviverem unaque fruerer beata illa triade^. 
hoc est, unico iUo vero deo patre ingenito et unico illo uni- 
geniti dei filio, deo vero et vero homine, et unico illo spi- 
ritu paracleto iUustratore et vivificatore nostrarum mentium.. 
Franciscus Lismaninus manu propria. 

XVI. 
Albertus — Lismanino consiliario nostro. 
Literas vestras, quibus R. Mtem negotia vestra 
clementer expedisse significatis, intelleximus. Optamus 
proinde, ut omni cura, diligentia, sedulitate, qua negotium 
praefatum ad optatum finem perducatur, urgeatis et efficiatis. 
Intercessiones petitas hie vobis simul mittimus. Joannes 
Maczinski quoque Stipendialis vester iam est, ut eas 
per commoditatem et post collationem inter nos habitam 
atque conclusionem ei tradatis. Equum, quem vobis trans- 
mitti petüstis, en habetis. Ad archiepiscopum, amiciun 
nostrum singularem, quia vocamini, non refragamur vos 
proficisci. hi dies tamen adventum vestrum postulamus^ 
II. Aprilis 1565. 

XVII. 

Albertus dux Prussiae — Joanni Maczinski S. R Mtis 

Poloniae aulico. 

Non dubitamus audivisse Gtatem Vram de obitu Franc. 

Lismanini. Quia vero post mortem ipsius testamentum 

manu eins propria scriptum nobis exhibitum est, cogno- 

vimus Gtatcm Vram cxmi d. Scalichio et Friderico a Kanitz 

pro exsecutoribus eiusdem testamenti scriptum et nomi- 

natum esse. Quam ob rem aliter faciendum esse non 

putavimus, quam ut verum eins testamenti exemplum 



332 Theodor Wotschke. 

Gtati Vrac mitteremus. Cum autem executio testamentaria 
praesentiam omnium exsecutorum requirat, scire a Gtate 
Vra cupimus, quonam tempore integrum Gtati Vrac sit, 
munus hoc exsecutorium cum coUegis suis hie obire, ut 
de certo Gtis Vrac adventu eo temporius d. Scalichium 
et Fridericum Canitium certiores facere possimus; vel si 
Gtas Vra vacare executioni hie non possit, an totum hoc 
negotium collegis suis executoribus dandum censeat 
Cuperemus autem eam executionem primo quoque tem- 
pore confieri, propterea quod Lismanini viduam de migra- 
tione in patriam cogitare intelligimus. Idcirco clementer 
cupimus, ut Gtas Vra suam nobis sententiam perscribat 
simulque de pensione regia ac mille florenis, quorum in 
testamento fit mentio, et si quid apud alios ex cre- 
dito istic Lismanino competat aut competere posse 
videatur, perquirat, ut eo facilior testamenti exsecutio 
fieri possit. Postulamus quoque, ut Gtas Vra locum nobis 
certum assignet, quo literae nostrae porro ad Gtatem Vranr 
scribendae a nobis mitti debeant. Dat. XIX. Julii 1566. 




l 



V 



Von Arbeiten, welche in früheren Jahrgängen der Zeits^chrift der 
Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen veröffentlicht wurden, 
sind folf^cnde auch im Sonder-Abdruck erschienen und durch den Vor- 
stand der Gesellschaft oder die Buchhandlungen zu nachstehenden 
Preisen zu beziehen: 
R. Jonas: Ein Deutsches Handwerkerspiel, nach einer hand- .^ 

schrifdichen Überlieferung aus dem Kgl. Siaats-Archiv zu 

Posen herausgegeben. 53 Seiten. 1885 1,00 

A. Warschauer: Die Chronik der Stadtschreiber von Posen. 

XLV und 171 Seiten. 1888 5,00 

R. Roepell: J. J. Rousseaus Betrachtungen über die polnische 

Verfassung. 24 Seiten. 1888 0,80 

E. Ho ff mann: Hundertjährige Arbeit auf Gebieten c\v> Ver- 

kehrswesens i. d. deutschen Ostmark. Mit i Karte. 26 S. 1890. 1,20 

Fr. Schv/artz: Die Provinz Posen als Schauplatz des sieben- 
jährigen Krieges. 52 Seiten. 1890 1,20 

M. Beheim-Schwarzbach: Das V. Armeekorps im histo- 
rischen Volksliede des Krieges 1870 71. 24 Seiten. 180 1. 0,50 

R. Roepell: Das Interregnum, Wahl und Krönung von 

Stanislaw August Poniatowski. J73 Seiten. 1892 1.50 

Ph. Bloch: Die General-Privilegien der polnischen Juden- 
schaft. 120 Seiten. 1892 2,50 

M. Kirmis: Handbuch der polnischen Münzkunde. XI u. 268 

Seiten. 1892 6,00 

J. Landsberger: Beiträge zur Statistik Posens. 30 S. 1893. 0,60 

William Barstow v. Guenther. Ein Lebensbild. i8 S. 189.^ t,oo 

A. W a r s c h a u e r : Die Posener GoldschmiedfamilieKamyn. 26 

Seiten. Mit 6 Taieln Abl)ildungen. 1894 1,50 

G. Adler: Das grosspohiische Fleischergewerbe vor 

300 Jahren. 1894. ^jöo 

H. K i e w n i n g : Seidenbau und Seidenindustrie im Netzedistrikt 

von 1773 bis T805. 1896 1,50 

H. Kleinwächter: Die Inschrift einer Posener Messing- 

schü-^sel. 16 Seilen. Mit einer Tafel Abbilduniz:en 1897. i, — 

G. Knoll: Der Feldzug gegen den polnischen Aufstand im 

Jahre 1794. 126 Seiten. 1898 3, — 

F. Guradze: Der Bauer in Posen. I. Theil (J772— 1815). loo 

Seilen. 1898 1,50 

J. Kohle: Das Bauernhaus in der Provinz Posen Mit 2 Tafeln 

und 5 Abbildungen. 16 S. 1899 1,— 

J. Kvacala, D. E. Jablonsky und Grosspolen 154 S. 1901. 1,50 
R. Prümers, Tagebuch Adam Samuel Hartmanns, Pfarrers zu 
Li>sa i. P. über seine Kollektenreise durch Deutschland, 
die Niederlande, England und Frankreich in den Jahren 
1657—1659. 279 S. T901 3,— 

G. Minde-Pouet, Kunstpflege in Posen. 80 S. 1902 . . . 1,20 
Ausserdem erschienen im Verlage d. Historischen Gesellschaft : 

A. Warschauer: Stadtbuch von Posen. 1. Band: Die mittel- 
alterliche Magi.stratsliste. Die ältesten Protokollbücher und 
Rechnimgen. Posen 1892. Roy. 8^'. 198 u. 527 S. (I. Bd. 
der Sonderveröffentlichungen) 12, — 

O. Knoop : Sagen u. Erzählungen a. d. Prov. Po>en. Posen 1893 

Roy. 8'^. 363 S. (II. Bd. der Sonderveröffendichungen). 7,00 

gebunden 8,00 

Das Jahr 1793. Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte 
der Organisation Südpreussens. Mit 4 Portraits. Unter 
der Redaktion von Dr. R. Prümers. Posen 1895. ^^Y ö^'- 
X u 840 S. {III. Bd. der Sonderveröffentlichungen). . . . 12, — 



Hoflnichdruck.erei W. Decker & Co., Posen. 



l 




Zeitschrift 

Historischen Gesellschaft 

für (Jie 

Provinz Posen, 

zugleich 

Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für 
den Netzedistrikt zu Bromberg. 




ÜiC'UUj 



Alle Rechte vorbehalten. 



Zeitsehrift 



der 



|T.istorisehen Gesellschaft 

fOr die 

Provinz Posen, 

zugleich 

2eiteehrift der Historisehen Gesellsehaft 



fflr den 



Hetzedistrikt zu Bromberg. 



Hsraussegeban 



Dr. Hodgero Prütners. 



H^tinzehtiter Jahrgang. 



Eigenttmi der Gesellschaft. — Vertrieb durch Joseph Jolowicz. 
Posen 1904. 



Inhalts-Verzeichnis. 



Seite 

1. Die Epochen der Posener Landesgeschicbte. Von Archivrat 

Prof. Dr. Adolf Warschauer zu Posen 1 

2. Zur Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 

Von Pastor Wilhelm Bickerich zu Lassa 29 

3. Zehn Posener Leichenpredigten der Marienkirchenbibliothek 

zu Frankfurt a. 0. Von Amtsgerichtsrat ArnoBötticher 
zu Frankfurt a. 61 

4. Der Streit der Schuhmachergewerke zuMeseritz und Schwerin 

im siebzehnten Jährhundert. Von f Referendar Karl 
Anders ch zu Schwerin a. W 7& 

5. Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt von Posen 

nach Kosten. Von Bibliothekar der Raczynski*schen 
Bibliothek, Prof. Dr. Oswald Collmann zu Posen ... 91 

6. Der grosse Brand von Posen am 16. April 1803. Von Ar- 

chivdirektor, Geh. Archivrat Prof. Dr. Rodgero Prü- 
mers zu Posen 119 

7. Das preussische Friedensprojekt von 1712 und König Sta- 

nislaus Leszczynski. Von Archivassistent Dr. Kurt 
SchottmtiUer zu Posen 177 

8. Geschichte Fraustadts im Mittelalter. Von Gymnasial-Ober- 

lehrer Dr. Hugo Moritz zu Posen 195 

9. Aus bewegter Zeit. Tagebuchblätter imd Briefe aus der 

Zeit der polnischen Unruhen 1793 und 1794. Zu- 
sammengestellt und bearbeitet von Oberleutnant Ernst 

von Schönfeldt zu Stade 246 

10. Bin Wahlkonflikt im Kreise Kröben 1826. Von Dr. Man- 
fred Laubert zu Prankfurt a. 299 




Die Epochen der Posener Landesgeschichte. 

Antrittsvorlesung, gehalten am 7. November 1903 an der Kgl. Akademie 

zu Posen. 

Von 
Adolf Warschauer. 

'n keinem Teile des deutschen Vaterlandes dürfte es 
klarer xmd einleuchtender sein, welche Wichtigkeit 
die Geschichte des Landes für das Leben der 
Gegenwart hat als in der Provinz Posen. Gespenstergleich 
ragen die Mächte der Vergangenheit in unser heutiges 
Dasein hinein und wirken bestimmend auf das Denken 
und Handeln der Menschen und Nationalitäten. Aus dem 
historischen Rechte werden Ansprüche hergeleitet und 
bekämpft, und die Leidenschaften entzünden sich an der 
Auffassung von Tatsachen, über die schon Jahrhunderte 
hinweggegangen sind* Erniedrigt zu einer Dienerin der 
Politik hat die strenge Muse der Geschichte sich hier 
imendlich häufig misshandeln lassen müssen. Kaum 
irgendwo ist das schöne Wort Renans mehr zur Geltung 
gekommen als hier: dass die Wahrheit nicht für den 
leidenschaftlichen Menschen geschaffen, sondern denjenigen 
Geistern vorbehalten sei, welche ohne vorgefasste Meinung 
mit einer absoluten Freiheit imd ohne Hintergedanken auf 
-ihre Erforschung zu wirken suchen. 

Glücklicherweise hat es imter den beidenNationalitäten, 
die unsere Provinz bewohnen, an solchen objektiven Geistern 
nicht gefehlt Besonders seit der Gründung der Historischen 
Gesellschaft für die Provinz Posen im Jahre 1885 datiert 
ein Aufschwung heimischer Geschichtsforschung, die in 
mühsamer Arbeit die einzelnen Tatsachen der Landes- 

Zeitschrift der Hist. Ges. fOr die Proy. Posen. Jahrg. XIX. 1 



2 Adolf Warschauer. 

geschichte aus den ursprünglichen Quellen herausarbeitet 
und uns bereits jetzt in den Stand setzt, den grossen Gang 
der historischen Entwicklung des Landes als eine ge- 
schlossene Folge von Ursachen und Wirkungen wissen- 
schaftlich zu erkennen, und uns den Versuch wagen lässt, 
m grossen Zügen die Ideen an uns vorüberziehen zu lassen, 
die die Geschichte unserer Heimat epochemachend be- 
herrscht haben. 

Wenn wir zunächst einen Blick auf die Natur und 
Weltlage der Provinz werfen, die wir bewohnen, so wissen 
wir, dass das Land, vom Meere durch fremde Landstriche 
getrennt, und ohne nennenswerte Metall- und Kohlen- 
schätze des Bodens in wirtschaftlicher Beziehung auf 
Ackerbau, Viehzucht und Waldwirtschaft hingewiesen ist. 
Nur eine einzige Industrie, die Tuchmacherei, brachte es, 
belebt durch die mit grossem Eifer betriebene Schafzucht, 
zeitweise zu einer wirklichen Blüte. Das wirtschaftliche 
Übergewicht der Bodenkultur hat dann auch in der 
politischen Geschichte des Landes seine tiefe und teilweise 
verderbliche Wirkung ausgeübt. Die geographische Lage 
zeigt uns die Provinz wie einen Keil zwischen die Ost- 
marken des deutschen Reiches eingeschoben. Nach dem 
Westen weist auch ihr Flussgebiet, welches nur in seinem 
nordöstlichsten Teile noch an dem Stromgebiet des 
eigentlichen pobiischen Flusses, der Weichsel, teil nimmt. 
So ist das Land gleichsam schon von der Natur zum 
Grenzgebiet zwischen deutschem und polnischem Volkstum 
bestimmt, lag zu allen Zeiten geistigen und wirtschaftlichen 
Anregungen von Deutschland offen und nahm immer 
wieder deutsche Elemente in seine Bevölkerung auf. In 
einer entlegenen Zeit, in dem i. und 2. Jahrhundert unserer 
Zeitrechnung, war es noch vollständig von germanischen 
Stämmen bewohnt Der ältere Plinius nennt die Weichsel 
einen Fluss Germaniens, und Ptolemäus erwähnt unter 
den Städten auf der Ostgrenze Germaniens eine Stadt 
namens Kalisia, und zu dem gleichen volkswissenschaft- 
lichen Ergebnisse führen die Funde, die wir der Erde 
entnehmen. Aber noch in den ersten Jahrhunderten 



ifWtl )^^ 



Die Epochen der Posener Landesgeschichte. 3 

unserer Zeitrechnung wurden die germanischen Stämme 
durch die von Osten heranrückenden Slaven nach Westen 
weiter geschoben, und die in späteren Jahrhunderten zu- 
rückflutende deutsche Volkswelle hat nicht so wie Bran- 
denburg, Schlesien, Pommern und Preussen auch die 
Provinz Posen dem Deutschtum wieder vollständig zurück- 
gewinnen können. 

Die schriftlichen Nachrichten über unsere Provinz 
beginnen etwa um das Jahr 950 n. Chr. Wir sehen 
also jetzt ungefähr auf ein volles Jahrtausend gesicherter 
geschichtlicher Überlieferung zurück. Überblicken wir 
die Fülle historischer Ereignisse, die in ihrer Gesamtheit 
diese tausendjährige Geschichte darstellen, so dürfen wir 
sie in sechs Perioden gliedern, die, zeitlich von ver- 
schiedener Ausdehnung, regelmässig durch Tatsachen 
von epochemachender, einschneidender, die Entwicklung 
in irgend einem Hauptmoment umbiegender Wirkung 
von einander geschieden sind. 

Die älteste dieser sechs Perioden, die bis zum Jahre 
1138 währt, können wir als diejenige bezeichnen, in der 
unsere Provinz den geistlichen und weltlichen 
Mittelpunkt des entstehenden polnischen 
Reiches bildete. Zwei grosse Ideen beherrschten 
die Zeit: die Einführung und erste Organisation des 
Christentums und der m-sprüngliche Ausbau des staatlichen 
Organismus nach Innen und Aussen, und beide fanden 
ihre Brennpunkte in der heutigen Provinz Posen, dem 
alten Grossj)olen. Der erste Fürst des Landes, von dem 
die Geschichte erzählt, Mieczyslaus I. (t 992) vom Stamme 
der Piasten war noch Heide, Er wird Freund imd Ge- 
treuer des deutschen Kaisers genannt, erschien als Vasall 
auf den deutschen Reichstagen und zahlte dem Kaiser 
Tribut. Durch diese politische Verbindung wurde sein 
Reich zweifellos auch den kulturellen Einflüssen Deutsch- 
lands und somit auch den Einwirkimgen des Christentums 
erschlossen. Deutsche Glaubensboten mögen vielfach das 
Land durchzogen und den Samen des Christentums aus- 
gestreut haben, wir wissen, dass der Fürst zu den Wohl- 
ig 



4 Adolf Warschauer. 

tätern des Klosters Fulda gehört hat 965 heiratete er 
eine christliche Prinzessin und trat selbst zum Christen- 
tum über. Kurz darauf wurde auch ein Bistum im Lande 
errichtet Sein Sitz war Posen, und es umfasste das ganze 
Gebiet des Fürsten. Es kam unter den Verband des Erz- 
bistums Magdeburg. Der kriegsgewaltige Sohn des 
Mieczyslaus, Boleslaus Chrobry, der sein Reich durch die 
Unterwerfung des westlichen Russlands, des heutigen 
Galiziens, Pommerns, Böhmens imd der Landschaften 
zwischen Oder imd Elbe erweiterte, und dessen energie- 
volle Bedeutung uns ebenso durch die übelwollende Be- 
urteilung der deutschen Chronisten als die schwärmerische 
Verehrung der Seinigen bewiesen wird, wusste dem 
christlichen Gedanken in seinem Lande neue Schwung- 
kraft zu verleihen. Zu seiner Zeit erlitt der h. Adalbert 
bei seinem Bekehrungswerke unter den heidnischen 
Preussen den Märtyrertod. In richtiger Schätzung des 
grossen idealen Wertes, den die Reliquien dieses die 
damalige Welt mit seinem asketischen Ruhme füllenden 
Heiligen, des Freundes des deutschen Kaisers, haben 
musste, erwarb Boleslaus den Körper von den Preussen^ 
indem er ihn mit Gold aufwog, und barg ihn in seinem 
Lande, in seiner Hauptstadt Gnesen. Bald erstrahlte sein 
Grab im Glänze von tausend Wundem, mit dem heiligen 
Staube besass das Land eine der grössten Kostbarkeiten^ 
_ f die die damalige Welt kannte, zog er doch sogar den 
'j'^^^ j deutschen Kaiser Otto III. in die damals noch weltentlegene 
,. ' ^ i Öde. Der Gegensatz zwischen dem staatsklugen Polen- 
' V' '^ herzog und seinem schwärmerischen hohen Gaste kommt 
tn^ i ^^ klar zum Ausdruck, wenn man erfährt, dass der Kaiser 
als das wertvollste Geschenk aus Gnesen einen Arm- 
knochen des Heiligen mitnahm, der Herzog aber dem 
Kaiser die Lockerung seines Lehnverhältnisses zum 
deutschen Reich, vor allem aber eine neue, völlig selb- 
•,l ständige Organisation der Kirche seines Landes verdankte. 
Die polnische Kirche wurde von dem Erzbistum Magdeburg 
gelöst und für sie ein eigenes Erzbistum in Gnesen ein- 
gesetzt, dessen erster Erzbischof der Bruder des h. Adalbert^ 



Die Epochen der Posencr Landesgeschichte. 5 

Gaudentius, war. Das ganze Land wurde dann in 4 Bis- 
tümer geteilt, die dem Erzbistum Gnesen unterstellt 
wurden. Auch die ältesten Klöster des Landes, Mogilno, 
Tremessen, Lubin sind in dieser Periode entstanden. 
Freilich hatten die vier Jahrzehnte von der Einführung des 
Christentums bis zum Tode des Boleslaus Chrobry im 
Jahre 1025 noch immer nicht genügt, den Christenglauben 
fest in die Seele des Volkes zu pflanzen. Unter den 
schwachen Nachfolgern des Boleslaus Chrobry brach eine 
furchtbare Reaktion des Heidentums los, welche die ganze 
junge Pflanzung vernichtete. Die Kirchen und Klöster wurden 
zerstört, die Geistlichen vertrieben, das Erzbistum und die 
Bistümer gingen ein. Erst den letzten Fürsten dieser 
Epoche, Wladislaus Hermann und seinem Sohn Boleslaus 
Schiefmund, dem Besieger der Pommern, gelang es wieder, 
dieser rückläufigen Bewegung Herr zu werden und nun- 
mehr endgültig die Herrschaft des christlichen Glaubens 
im Lande wieder aufzurichten. 

Dem Boleslaus Chrobry schreibt die Überlieferung 
auch die zweite grosse historische Tat dieser Periode, 
den Ausbau der staatlichen Organisation zu, obwohl 
gewiss schon Geschlechter vor ihm daran gearbeitet 
haben. In merkwürdiger Weise ähnelt die Staatsverfassung 
der des merovingisch-fränkischen Reiches. Man will sogar 
aus dem Namen des Fürstengeschlechtes Piast, der etwa 
dasselbe bedeutet wie Major domus, auf eine ähnliche in 
der vorhistorischen Zeit geschehene Verdrängung eines 
alten Herrscherhauses durch ein junges emporstrebendes 
Geschlecht, ganz wie im Merovingischen Reiche, schliessen. 
Die fürstliche Gewalt war vollkommen unumschränkt, ihr 
waren gleichmässig alle Stände: Sklaven, Hörige, freie 
Leute, die Geistlichkeit und der Adel unterworfen. Der 
Idee nach war der Fürst der einzige Grundeigentümer, 
der einzige Richter und Gesetzgeber. Die polnische Ver- 
fassung also, die, wie man ja weiss, in der Folge die 
zügelloseste wurde, die es je gegeben hat, ging von 
einer vollständigen Alleinherrschaft aus. Die Beamten des 
Königs hiessen Grafen, später Kastellane, und verwalteten 



6 Adolf Warschauer. 

von ihren aus Holz gebauten Burgen aus je ein kleines 
Gebiet, ganz wie die Grafen im fränkischen Reiche. Auch 
das System der Lasten und Abgaben, das auf den Unter- 
tanen für den Staat und den Fürsten lag, entsprach ganz 
dem im fränkischen Reiche. Im übrigen war das Land 
noch dünn bevölkert, ungeheure Strecken waren mit 
Sumpf bedeckt und mit Wald bestanden. Die haupt- 
sächlichste Beschäftigung war die Viehzucht, der Acker- 
bau aber doch schon eingeführt Handwerk und Industrie 
standen auf der niedrigsten Stufe. Als Städte werden von 
den ältesten Quellen in dem Gebiete der heutigen Provinz 
Posen nur vier Orte bezeichnet : Posen, Gnesen, Krusch- 
witz und Inowrazlaw; aber auch diese entbehrten jeder Spur 
eines kommunalen Lebens. 

Mit dem Tode des Boleslaus Schiefmund im Jahre 
1138 schliesst diese erste Periode unserer Landesgeschichte. 
Dieser Fürst teilte nämlich sein Reich unter seine Söhne, 
und obwohl er dem ältesten eine Art von Oberhoheit 
über die andern anvertraute, so war doch der fast un- 
mittelbare Erfolg die Spaltung des Reiches in mehrere 
unabhängige Länder. Unsere Provinz hörte damit auf, 
der Mittelpunkt eines grösseren Reiches zu sein und trat 
in eine zweite anderthalb Jahrhunderte dauernde Periode, 
diejenige ihrer politischen Selbständigkeit 
als besonderes Herzogtum. Keine Periode war 
für die geschichtliche Entwicklung des Landes von 
grösserer Bedeutung als diese, denn in ihr erfuhr i. die 
gesellschaftliche und staatliche Ordnung die grösste Um- 
gestaltung und wurden 2. unter dem Einfluss der 
deutschen Einwanderung die meisten Klöster und noch 
heute bestehenden Städte und Dörfer gegründet Höchstens 
kann noch das 19. Jahrhundert sich an Fruchtbarkeit der 
kulturellen Aussaat und Schnelligkeit ihres Emporblühens 
mit dem 13. vergleichen. 

Es sind im ganzen sechs Fürsten, welche in dieser 
Periode teils neben teils nach einander unser Land 
beherrscht haben: interessante, durch die Überlieferung 
in ihrer Persönlichkeit, ja sogar in ihrem Aussem scharf 



Die Epochen der Posener Landesgeschichte. 7 

umrissene Gestalten, deren Charakterisierung im einzelnen 
hier jedoch zu weit führen würde. In langdauernden 
Kämpfen mit den schlesischen, brandenburgischen und 
pommerschen Grenznachbam mussten die Grenzen des 
Landes geschützt werden, dazu kamen innere Kämpfe 
zwischen den einzelnen Teilfürsten, deren kleine Gebiete 
durch Erbteilungen sich immer mehr zersplitterten. Die 
Folge war, dass die früher unumschränkte fürstliche 
Macht nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte. Die 
beiden ältesten der erwähnten sechs Fürsten Mieszko der 
Alte und sein Sohn Wladislaus Laskonogi hielten noch 
an ihren alten Rechten fest, ihre Nachfolger aber gaben sie 
preis. Zuerst trat in Grosspolen die Kirche mit ihren 
Ansprüchen hervor. Die Schatten Sauls und Samuels, 
Heinrichs IV. und Gregors VII. steigen vor ims empor, 
wenn wir die Geschichte des Kampfes zwischen dem 
grosspolnischen Fürsten Wladislaus Laskonogi und dem 
Gnesener Erzbischof Heinrich Ketlitz verfolgen. Die 
Kirche bestritt dem Herzog das Recht, die Bistümer und 
kirchlichen Pfründen zu besetzen, sie verlangte die Be- 
freiung der Geistlichkeit von dem landesherrlichen Gericht, 
sie verwehrte dem Fürsten jeden Eingriff in ihre freie 
Verfügung über das kirchliche Vermögen und endlich — 
und dies war das Schärfste — sie verlangte für die 
Hörigen auf ihrem grossen Landbesitz Freiheit von staat- 
lichen Steuern und Frohnden und die Gewalt, über 
sie zu Gericht zu sitzen. Der Kampf wurde mit un- 
erhörter Heftigkeit geführt. Es kam so weit, das der 
Erzbischof seinen Landesherrn in den Bann tat, hierauf 
aber 1206 von ihm aus dem Lande getrieben wurde. Er 
ging nach Rom, und der Papst Innocenz III. hat es an 
seiner Hülfe nicht fehlen lassen. An zwölf Tagen, vom 
4. bis 16. Januar 1207, schleuderte er gegen Wladislaus 
Laskonogi nicht weniger als etwa 20 Bullen, in denen er 
alle seine Übergriffe und die Ansprüche der Kirche auf- 
zählte. Oowohl in den späteren Stadien des Kampfes 
der Erzbischof wieder zurückkehren durfte, so verharrte 
doch Wladislaus Laskonogi bis zu seinem Tode auf seinem 



8 Adolf Warschauer. 

Standpunkt Er fuhr fort, seine fürstlichen Rechte auf das 
Kirchenvermögen geltend zu machen, ohne sich vor dem 
Rufe als Kirchenräuber zu fürchten; obwohl er sonst als 
freigebig und gütig galt, hat er keiner Kirche ein Freiheits- 
privilegium verliehen, er bUeb „der Verfolger und Be- 
kämpf er der kirchlichen Freiheit", der hartnäckige Ver- 
treter einer Zeit, die nicht nur mit ihm, sondern bereits 
zu seinen Lebzeiten ihr Ende erreicht hatte. Denn sein 
Nachfolger und Neffe Wladislaus Odonicz, der seinen 
Oheim fortgesetzt bekämpft imd sich hierbei auf die 
Hülfe der Kirche gestützt hatte, gab die Rechte des 
Staates mit vollen Händen hin. Zwar vermied auch er 
es, wie seine Mitfürsten, durch ganz allgemeine Gesetze 
die Kirche von der staatlichen Gerichts- und Verwaltungs- 
hoheit zu entheben, aber er genehmigte den einzelnen 
Kirchen, Klöstern und Bistümern ihre dahin gehenden 
Wünsche. Das Ergebnis war, dass schon gegen die 
Mitte des 13. Jahrhunderts nicht nur die Geistlichkeit 
selbst, sondern auch ihre Hintersassen von den Abgaben 
an den Staat und der Gerichtsbarkeit des Fürsten befreit 
waren. Freilich hatten hiervon die Hörigen der Kirche 
keinen Vorteil, denn sie hatten ihre Frohnden und Steuern 
wie bisher zu leisten und zu zahlen, aber nicht an den 
Fürsten, sondern an die Kirche. — Diesem ersten Ein- 
bruch in die fürstliche Vollgewalt von Seiten der Kirche 
folgte bald ein zweiter von Seiten des Adels, denn es 
war ja naturgemäss, dass durch die Befreiung der Kirche 
von den staatlichen Verpflichtungen die Hörigen der 
andern Grundherrn die Lasten mit übernehmen mussten, 
und dass unter dieser stärkeren Heranziehung zu Abgaben 
und Frohnden besonders die Untertanen des Adels und 
somit mittelbar der Adel selbst schwer zu leiden hatten. 
In ihren Kämpfen auf die Stimmung der kriegerischen 
Mitglieder dieses Standes angewiesen, gaben die Fürsten 
auch hier nach, und so gelangte der Adel nach und nach zu 
denselben Freiheiten wie die Kirche. In ihrem weiteren 
Fortgang führten diese Befreiungen zur Ausbildung der 
sog. Patrimonialherrschaft der geistlichen und weltlichen 



Die Epochen der Posener Landesgeschichte. 9 

Grundherrn über ihre Hintersassen, eine Entwicklung, 
wie sie in ähnlicher Weise fast in allen Ländern Europas 
zu beobachten ist 

Was aber diese Periode so besonders wichtig macht, 
ist die deutsche Einwanderung. Es ergossen sich im 13. Jahr- 
hundert so grosse deutsche Auswanderermassen in unser 
Land, ebenso wie in andere östliche Landschaften, dass 
man von einer zweiten deutschen Völkerwanderung 
gesprochen hat. Die trüben staatlichen und wirtschaft- 
lichen Verhältnisse während der letzten Hohenstaufen und 
des Interregnums in Deutschland trieben die Menschen 
zu vielen Tausenden in den damals noch dünn bevöl- 
kerten Osten. Es waren nicht etwa Abenteurer, die aus- 
zogen, um sich irgendwo und irgendwie mühelos Reich- 
tümer zu sammeln und mit ihnen in die Heimat zurück- 
zukehren, nein sie zogen von dannen, gewöhnlich in 
grösseren Trupps imter selbstgewählten Führern, willens, 
in der Fremde sich eine neue Heimat zu suchen und mit 
dem Bewusstsein, dass sie sich diese nur durch ange- 
strengte Arbeit würden erwerben können. In der Fremde 
gaben sie auch weder ihre Nationalität noch ihre Sprache, 
noch ihr Recht auf. Als Träger einer höheren Kultur 
waren sie in der Lage, wohin sie auch kamen, die Bedin- 
gungen anzugeben, unter denen sie bleiben wollten, und 
sie Hessen sich regelmässig eine völlige Befreiung von 
den Vorschriften, Lasten und Frohnden des polnischen 
Rechts und die Erlaubnis, nach deutschem Recht leben 
zu dürfen, versprechen. Für uns moderne Menschen 
ist es interessant zu beobachten, wie wenig der nationale 
Gegensatz in jener Zeit Geltung hatte, oder wie er doch 
gegen die wirtschaftlichen Motive vollkommen in den 
Hintergrund trat. Die Deutschen wurden überall mit Be- 
geisterung aufgenommen, willig erkannte man ihre Über- 
legenheit an und lernte von ihnen, und sie selbst nahmen 
freie Polen, wenn sie sich mit ihnen zusammen ansiedeln 
wollten, gern in ihre Reihen auf. Ein polnischer Chronist, 
der von der Zeit dieser ersten deutschen Einwanderung 
berichtet, unterbricht einmal den Lauf seiner trockenen 



lO Adolf Warschauer. 

Erzählung mit dem pathetischen Ausruf: „Wer sieht nicht, 
wie wackere Männer die Deutschen sind?" Für die sla- 
vischen Grundherrn lag der Hauptreiz zu ihrer Auf- 
nahme darin, dass man in bisher unergiebigen Land- 
strichen durch die Kolonisten schnell neue Werte schaffen 
konnte und in ihnen eine geldkräftigere Bevölkenmgs- 
klasse hatte, als es die slavischen Hörigen waren. Wenn die 
deutsche Hufe zu 30, die polnische zu 15 Morgen gerechnet 
wurde, so hat man daraus wohl mit Recht geschlossen, 
dass in jener Zeit der ersten Berührung der deutschen 
und slavischen Landwirtschaft die erstere mit Hülfe ihrer 
besseren Geräte und grösseren Erfahrung das doppelte 
in gleicher Zeit leisten konnte. Auch gehörten zum Roden 
der Wälder und zum Austrocknen der Sümpfe technische 
Kenntnisse, die die deutschen Ansiedler mitbrachten. 

Wir können drei zeitlich auf einander folgende 
Schichten der deutsch en Einwanderung unterscheiden: die 
Geistlichen, besonders di e_ Cistercie"nsermö nche, die Er- 
bauer der Klöster, die Bauern und zuletzt die Bürger, 
die Städtegründer. Die Einwanderung der Geistlichen 
begann schon vor der eigentlichen grossen Wanderung, 
ja sie geht schon bis in die Zeit der Einführung 
des Christentums im Lande zurück. In unserer Periode 
aber gewann sie eine besondere Bedeutung für die wirt- 
schaftliche Landeskultur. Besonders galt dies von dem 
Mönchsorden der Cistercienser, den der älteste Fürst 
dieser Periode Mieszko der Alte zuerst in das Land zog, 
indem er das Kloster Altenberge bei Köln bewog, in 
seinem Lande zwei Töchterklöster Lqd und Lekno an- 
zulegen, und sich verpflichtete, dass auch in Zukunft nur 
Kölner Bürgersöhne dort Aufnahme finden sollten. Grade 
in seiner Tätigkeit für die Landeskultur unterschied sich 
der Orden der Cistercienser von dem älteren Orden der 
Benediktiner, dem die bereits bestehenden älteren Klöster 
des Landes angehörten. Sie gaben nicht, wie diese, in 
beschaulicher Ruhe sich geistlichen Übungen, der Seel- 
sorge und gelehrten Studien hin, sondern sie schlugen 
ihren Sitz in unwirtlichen Einöden und dichten Wäldern 



Die Epochen der Posener Landesgeschichte. II 

auf und kultivierten sie durch deutsche von ihnen ange- 
siedelte Bauern unter ihrer sachverständigen Leitung. Auf 
den jährlich stattfindenden Generalkapiteln des Ordens 
in Citeaux in Frankreich tauschten die Brüder ihre 
wechselseitigen Erfahrungen aus, und wie sie die Samen 
und Reiser der Nutzpflanzen von Land zu Land 
trugen, wurden sie für die Völker, unter denen sie sich 
ansiedelten, selbstlose Lehrer der Bodenbestellung und, 
wenn es sich so fügte, durch ihre gefüllten Scheuem 
Retter bei Misswachs und Hungersnot. An ihnen hatten 
die deutschen Bauern, die etwa seit 1210 in das Land 
strömten, den besten Rückhalt. Jede Cisterciensergründimg 
jener Zeit — imd es entstanden ausser den schon genannten 
Klöstern noch die Klöster Priment, Biesen, Paradies, 
Owinsk, Korono wo, war ein Kolomsationsunternehmen 
grossen Stils. Bei der Gründung eines jeden Klosters 
setzte der Stifter als selbstverständlich voraus, das es 
„neue Menschen herbeirufen werde". Die andern Orden, 
so wie die Weltgeistlichkeit und endlich auch der Adel 
folgten für ihre Besitzungen dem von den Cisterciensem 
gegebenem Beispiel, ja die Fürsten schenkten sogar aus- 
wärtigen deutschen Klöstern weite Landstrecken in Gross- 
polen, um sie zu kolonisieren. So gab Wladislaus Odonicz 
dem Cistercienserkloster Leubus in Schlesien bei Nakel 
ein ungeheures Gelände, in „welchem seit Menschen- 
gedenken keine Kultur gewesen", um dort deutsche Ein- 
wohner anzusiedeln. — Seit dem Jahre 1240 etwa begann 
dann auch die Einwanderung des deutschen Bürgerstandes. 
Diesen Teil des Kolonisationswerks nahmen die Fürsten 
selbst in die Hand. Hatte sich eine genügende Menge 
Deutscher angesammelt, um eine Stadt zu gründen, so 
verhandelten sie durch einen Bevollmächtigten mit dem 
Fürsten um Hergabe des Grund und Bodens imd über die 
Bedingungen der Ansiedlung. Ihr Bevollmächtigter hiess 
der Stadtgründer (locator), der Vertrag, den er in ihrem 
Namen mit dem Fürsten abschloss, die Gründungsurkunde, 
und eine Anzahl von Städten in unserer Provinz ist in 
der glücklichen Lage, diese Gründungsurkunde noch heute 



12 Adolf Warschauer. 

ZU besitzen. Der wichtigste Inhalt dieser Verträge ist 
immer die Enthebung vom polnischen und die Verleihung 
des deutschen (Magdeburgischen) Rechts, ausserdem die 
Festsetzung des zu zahlenden Grundzinses, die Verleihung 
von Zollfreiheit, eines Jahrmarktes u. s. w. Die neue 
Stadt wurde dann nach einem durchaus feststehenden 
Plane gebaut. Die Mitte bildete ein viereckiger Marktplatz, 
auf dem das Rathaus errichtet wurde. Vom Markte aus 
gingen die Strassen. Das Ganze wurde mit Wall und Graben 
umschlossen. Stand schon eine polnische Ansiedlung da^ 
so kümmerte man sich um diese grundsätzlich nicht, 
sondern baute die deutsche Stadt daneben; selbst 
bei Posen und Gnesen geschah dies. Die älteste so ent- 
standene Stadt in unserer Provinz scheint Gnesen gewesen 
zu sein (vor 1243), man scheint eben gewillt gewesen zu sein, 
der alten Landeshauptstadt durch Ansiedlung deutscher 
Bürger wieder zur Blüte zu verhelfen. Die Kolonialstadt 
Posen wurde 1253 gegründet. Im ganzen verdanken 
etwa 60 Städte dieser Periode ihre Entstehung. In der 
zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts unternahmen es auch 
schon Klöster und etwas später auch adlige Grossgrund- 
besitzer, Städte mit deutschen Kolonisten anzulegen. 

Was das Land dieser ganzen Kolonisationsarbeit 
verdankt, kann kaum hoch genug angeschlagen werden. 
Mit Zauberschnelle lichteten sich die Wälder und wurden 
die Sümpfe ausgetrocknet, erhoben sich Klöster, Dörfer 
und Städte; Handel und Handwerk blühten empor: 
Bürgerfleiss und Bürgerfreiheit, früher im Lande ganz un- 
bekannt, hatten ihren Einzug gehalten. 

Mit den Deutschen scheinen auch die Juden in 
grosser Menge eingewandert zu sein und sich mit ihnen 
in den neu erbauten Städten niedergelassen zu haben. 
Den Fürsten waren sie willkommen, weil sie Geld in das 
Land brachten und für den Schatz beliebig besteuert 
werden konnten. Einer der Fürsten dieser Periode, 
Boleslaus der Fromme, gab ihnen 1264 ein Privilegium, 
das ihre gesellschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse 



Die Epochen der Posener Landesgeschichte. 13 

regelte. Noch 5 Jahrhunderte später konnte man an 
ihrem Idiom ihre deutsche Abstammung erkennen. 

E i n Stand aber ist nicht mit den Deutschen in unser 
Land eingewandert, nämlich der deutsche Adel, die Ritter. 
Während in den Nachbarländern Pommern, Preussen und 
Schlesien ganze Länderstrecken an zugewanderte deutsche 
Rittergeschlechter zu Lehen vergeben wurden, vermieden 
dies die polnischen Herzöge durchaus, vielleicht weil das 
Lehnswesen dem polnischen Staatsrecht voUkonunen 
fremd war. So blieb der vornehmste weltliche Stand fast 
ganz polnisch, und grade hier stehen wir vor einer der 
wichtigsten Ursachen, weshalb unsere Provinz nicht 
wie die Nachbarländer durch die mittelalterliche deutsche 
Einwanderung vollständig germanisiert worden ist. 

Diese zweite Periode unserer Landesgeschichte 
endigt mit dem Tode des letzten selbständigen Fürsten 
von Grosspolen Przemislaus IL, der im Jahre 1296 durch 
Meuchelmord fiel, ohne männliche Nachkommen zu hinter- 
lassen. Das nächstverwandte Mitglied der kleinpolnischen 
Linie Wladislaus Lokietek vereinigte Grosspolen mit 
seinem Stammlande und war so wieder im Stande, ein 
grosses pohlisches Reich zu errichten. So wurde unsere 
Provinz wieder ein Teil eines grösseren poUtischen 
Ganzen, wie sie es in der ersten Periode gewesen war. 
Aber sie war nicht mehr, wie damals, der Mittelpunkt des 
Staates, vielmehr verschob sich der Schwerpunkt der 
poHtischen Bedeutung auf die kleinpolnische Hälfte, und 
Krakau wurde nimmehr die Hauptstadt des Reiches und 
blieb dies auch, als mit dem Sohne des Wladislaus Lokietek, 
Kasimir dem Grossen, das piastische Herrscherhaus aus- 
starb und nach einer langen von inneren Kämpfen er- 
füllten Zwischenzeit im Jahre 1386 das litthauische Ge- 
schlecht der Jagiellonen zur Herrschaft kam, unter dem 
Polen zu seiner höchsten politischen Bedeutung empor- 
stieg. Für unsere Provinz bildet diese Zeit der letzten 
Piasten und ersten Jagiellonen eine einheitliche, die dritte 
Periode ihrer Geschichte, die man als diejenige der 
Ausbildung ihrer provinzialen Stellung 




14 Adolf Warschauer. 

im polnischen Reiche bezeichnen kann, und die 
das 14. und 15. Jahrhundert, also die letzten beiden Jahr- 
hunderte des Mittelalters, umfasst. 

Auch der Hauptinhalt dieser Periode erschöpft sich 
in zwei Ketten von Tatsachen: die eine ist die mit der 
geänderten politischen Stellung des Landes in Verbindung 
stehende Umbildung seiner Verfassung, die andere ist der 
in Folge der Kriege mit dem Deutschen Orden zum Ent- 
stehen gelangende nationale Gegensatz zwischen Deutschen 
und Polen, der die gesellschaftliche und kulturelle Ent- 
wickelung des Landes in dieser Periode wesentlich be- 
einflusste. 

Grosspolen war, wie wir bereits erwähnt haben, 
wieder ein Teil des polnischen Reiches geworden, aber 
seine politische Selbständigkeit gab es darum doch nicht 
auf, seine Vereinigung mit Kleinpolen war kaum 
mehr als eine Personalunion und ist dies im gewissem 
Sinne bis zum Untergang des polnischen Reichs geblieben. 
In diesem Verhältnis liegt die tiefste Wurzel für das Ver- 
ständnis der späteren polnischen Verfassung, die man 
so ziemlich als das widersinnigste Rechtsgebilde anzusehen 
gewohnt ist, die aber der Ausdruck einer ganz folge- 
richtigen politischen Entwicklung ist. 

Grosspolen behielt sein eigenes Recht und bekam 
unter Kasimir dem Grossen ein eigenes Gesetzbuch. Die 
Landesärater durften nur mit Eingesessenen besetzt 
werden. Als mit dem Aussterben der Piasten das Reich 
zu einpm Wahlkönigtum wurde, und Adel und Geistlich- 
keit als Preis für die zu vergebende Krone sich einen 
wesentlichen Anteil an der Gesetzgebimg und Recht- 
sprechung ausbedingten, wählte jeder Landesteil seinen 
König besonders, und nur durch Vereinbarung fiel die 
Wahl auf dieselbe Persönlichkeit. In demselben Geiste 
bildeten sich die verfassungsmässigen Formen aus, in 
denen jeder Landesteil besonders seinen politischen Willen 
kundgab. Grosspolen hielt seine besonderen Landtage 
gewöhnlich in Schroda ab und gab sich hier seine Sonder- 
gesetze, Sollten Gesetze für das ganze Reich zu Stande 




Die Epochen der Posener Landesgeschichte. 15 

kommen, so konnte dies nur durch Verhandlungen der 
verschiedenen Landtage unter sich geschehen. Erst gegen 
Ende des 15. Jahrhunderts wurden die Landtage der 
beiden Reichshälften in eine höhere Einheit, den polnischen 
Reichstag, zusammengefasst, zu dem jeder Landtag von 
ihm gewählte Abgeordnete schickte. Freilich gab durch 
diese Vereinigung Grosspolen ebensowenig wie Kleinpolen 
das Recht seiner Selbstbestimmung auf, denn die Land- 
tage versahen ihre Abgeordneten mit Instruktionen, und 
von ihnen durfte keiner abweichen. So gab es im pol- 
nischen Reichstag keine Abstimmung, sondern nur eine 
Einigung, und giltige Beschlüsse konnten nur zu Stande 
kommen, wenn eine solche erzielt wurde. Dieser durch 
die geschichtliche Entwickelung erklärbare Konföderations- 
charakter des Staates wurde niemals überwunden und hat 
zu seinem späteren Untergang wesentlich beigetragen. 
Vorläufig aber lagen diese unheilvollen Wirkungen 
noch in weiter Feme. Nachdem das Land durch die 
Einfälle des Deutschen Ordens, der durch die Besetzung 
von Pommerellen mit Polen in Konflikt geraten war, unter 
Wladislaus Lokietek furchtbar gelitten hatte, gelang es 
ihm, unter Wladislaus Jagiello dieses gefährlichen Feindes 
Herr zu werden. In der Schlacht 'bei Tannenberg (1410) 
haben die Polen und Litthauer die Blüte der deutschen 
Ritterschaft niedergeschlagen und nach langem Kampfe im 
Jahre 1466 die Abtretung von Pommerellen erzwungen 
Grosspolen hatte hierdurch den lang ersehnten Ausgang 
nach der Meeresküste erhalten und war vor weiteren An- 
feindungen eines Grenznachbarn, der anderthalb Jahr- 
hunderte mit Schrecken und Zerstörung gedroht hatte, 
gesichert. Aber es hat teuer dafür bezahlt. Von den 
blutgetränkten preussischen Schlachtfeldern hatten die 
Polen den Deutschenhass mit heimgebracht, und die 
Furie der nationalen Zwietracht erhob in unserem Lande 
zum ersten Male ihr wutblickendes Haupt. Der letzte 
Piast, Kasimir der Grosse, hat die deutsche Einwanderung 
noch begünstigt und gefördert, und zahlreiche Städte und 
Dörfer verdanken seiner friedlichen Regierung ihre Ent- 



YvU 



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l6 Adolf Warschauer. 

Stehung. Unter Wladislaus Jagiello hörte die deutsche 
Einwanderung nicht nur vollständig auf, sondern die 
Polen fingen an, die unter ihnen lebenden Deutschen mit 
feindlichen Augen zu betrachten. Es fehlte nicht an 
allerlei Verdächtigungen, die sie der Verbindung mit dem 
Landesfeinde beschuldigten. So wurde der ganze Rat 
der Stadt Posen 1453 abgesetzt, weil gegen ihn die 
wahnsinnige Anklage erhoben wurde, an vier aufeinander 
folgenden Nächten durch Geld von den Feinden be- 
stochen die Stadt ihnen geöffnet zu haben. So wuchs 
Hass und Misstrauen zwischen dem polnischen Adel und 
dem deutschen Bürgertum empor und verdichtete sich 
alsbald zu gesetzgeberischen Massregeln. Es war dies 
um so folgenschwerer, als es ja gerade die Zeit war, in 
der die Grundlagen der polnischen Verfassung sich auf- 
bauten. Die Städter wurden von allen höheren militärischen 
und staatlichen Ämtern ausgeschlossen. Der Ankauf von 
Landgütern wurde ihnen untersagt und — was das wich- 
tigste war — sie wurden von der Teilnahme an den 
Landtagen, in denen die gesetzgeberische Gewalt lag, 
femgehalten, so dass sie allmälig die Fühlung mit dem 
politischen Leben der Nation verloren und Gesetzen 
unterworfen wurden, an deren Zustandekommen sie selbst 
keinen Teil hatten. Der im Jahre 1496 von dem Reichstage 
gefasste Beschluss, der dem Adel völlige Zollfreiheit für 
alle von und nach seinen Wohnsitzen geführten Erzeug- 
nisse und Waren zubilligte, war der erste Schritt auf dem 
später immer abschüssiger werdenden Pfade der rück- 
sichtslosen Interessenpolitik, durch welche der Adel den 
wirtschaftlichen Wohlstand der Städte vernichtete. 
Diesem nationalen Ansturm hat nur das deutsche Bürger- 
tum in den Städten an der schlesischen und branden- 
burgischen Grenze Stand gehalten, sonst begannen sich 
die grosspolnischen deutschen Bürger im 15. Jahrhundert 
zu polonisieren, sie übersetzten vielfach ihre deutschen 
Namen in's polnische, in den Protokollbüchem der städti- 
schen Behörden begann die deutsche Sprache zu ver- 
schwinden, und auf den Hauptkanzeln der Pfarrkirchen 



Die Epochen der Posener Landesgeschichte. 17 

machten die deutschen Prediger den polnischen Platz. 
Bestehen blieb jedoch die deutsche Rechtsverfassung der 
Städte, und es ist merkwürdig zu beobachten, wie manche 
Formen hier noch lange treu bewahrt wurden, die in 
Deutschland schon 4ange zerbröckelt waren. Noch 
weniger widerstandsfähig zeigte sich der deutsche Bauer. 
Die freiheitlichen Einrichtungen des deutschen Rechts, 
die noch unter Kasimir dem Grossen in" voller Blüte 
standen, verschwanden im 15. Jahrhundert unter der Land- 
bevölkerung nach und nach. Am Ende des Mittelalters 
war der polnische und der Nachkomme des eingewanderten 
deutschen Bauern schon eine gleichmässige Masse ge- 
worden, der das Recht der Freizügigkeit genommen und 
die in ihren Leistungen und Frohnden dem Grundherrn 
vollkommen Preis gegeben war. 

Ebenso wie für fast alle Kulturländer Europas beginnt 
mit dem 16. Jahrhundert auch für unsere Heimat eine 
neue Epoche: die der Reformation, nicht unvorbereitet 
allerdings auch bei uns: hat doch schon im 15. Jahrhimdert 
ein Sohn unserer Provinz, der Meseritzer Kastellan Johann 
Ostrorög, eine Schrift, Monumentum, ausgehen lassen, die an 
Kühnheit und Unabhängigkeit der Gedanken unter den 
sog. vorreformatorischen Schriften ihres Gleichen sucht ' /l jy 
Der von Luther ausgestreute Same ging in Grosspolen / Z' 

schnell und kräftig auf. Mit einer sonst nicht wieder be- 
obachteten Schnelligkeit änderten sich die Auffassungen 
und Ideen der Menschen. Fast plötzlich sehen wir die 
wirtschaftlichen und nationalen Interessen, die das 
15. Jahrhundert beherrscht hatten, in den Hintergrund 
treten imd Fragen religiöser, idealer und übersinnlicher 
Natur ihre Stelle einnehmen. Nicht nur die höheren 
Stände, sondern auch die Handwerker und Bauern er- 
örterten die religiösen Probleme mit Leidenschaft und 
Verständnis. Unter diesem Einflüsse überbrückte sich die 
Kluft, die sich unter der Nachwirkung der Preussenkriege 
in unserer Provinz aufgetan hatte, wieder. Willig nahm 
das Land wieder die von Deutschland aus einströmenden 
Anregungen auf. Nicht nur die deutsch gebliebenen 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die Prov. Posen. Jahrg. XIX. 2 






l8 Adolf Warschauer. 

Städte im Westen unserer Provinz und die Reste der 
deutschen Einwanderung in der bürgerlichen Bevölkerung 
überhaupt, sondern auch der polnische Adel und Bürger 
Hessen sich von den reformatorischen Ideen beeinflussen. 
1540 gab es in Posen schon eine polnische und eine 
deutsche lutherische Gemeinde. Der Erbe der Ordens- 
macht, der Herzog Albrecht von Preussen, wurde für den 
grosspolnischen Adel Freund und Berater in geistlichen 
Dingen. In Wittenberg studierten in manchen Semestern 
50^^ grosspolnische adlige Studenten, und 1554 war 
einer dieser jungen Edelleute, der spätere Posener Woiwode 
Stanislaus Görka, Rektor dieser Universität. Danzig und 
Regensburg trieben schon in den zwanziger Jahren einen 
regen Handel mit den Schriften Luthers und anderer 
Reformatoren in unser Land, für die nur polnisch 
sprechende Bevölkerung wurden sie übersetzt und in ganzen 
Wagenladungen verkauft. Allerdings gewann seit dem 
Ende der vierziger Jahre neben dieser von Deutschland 
ausgehenden religiösen Bewegung die aus dem böhmischen 
Slaventum entsprossene Sekte der Böhmischen Brüder, 
deren Glaubensbekenntnis dem Calvinismus nahe stand, 
in Grosspolen besonders unter dem Adel Anhänger, aber 
beide Bekenntnisse wirkten doch einträchtig zusammen 
und vereinigten sich sogar 1570 in dem Vergleich von 
Sendomir zu einem freundlichen Bunde. Es ist auch 
deutlich erkennbar, dass diejenigen Einflüsse, welche sich 
im 15. Jahrhundert zu Ungunsten des Verhältnisses der 
verschiedenen Stände entwickelt hatten, zwar noch fort- 
dauerten und in ihrer unheilvollen Kraft für die Zukunft 
nicht ertötet waren, aber durch die eigenartigen Ver- 
hältnisse gerade dieser Periode in ihrer Wirksamkeit viel- 
fach aufgehoben wurden. Die gleiche Überzeugung in 
religiösen Dingen und die gleiche Gefahr erzeugte zeit- 
weise eine Solidarität zwischen Adel und Bürgertum, die 
vorher nicht vorhanden war. Um einen Posener Schuh- 
macher aus der Gewalt des Bischofs von Posen zu be- 
freien, bewaffnete sich 1554 ein Teil des grosspolnischen 
Adels. Der Segen dieses Friedens von innen, der mit 



Die Epochen der Posener Landesgeschichte. 19 

einer langen Friedenszeit nach aussen hin zusammenfiel^ 
dazu die weise Wirtschaftspolitik der beiden letzten 
Jagiellonen, Sigismunds I. und Sigismund Augusts wirkten 
zusammen, um das 16. Jahrhundert zu einer Blütezeit (| 
sowohl der Landwirtschaft als der bürgerlichen Gewerbe^ 
ja sogar des Kunsthandwerks und der Kunst, wo deutscher 
und italienischer Einfluss zusammenwirkten, zu gestalten. 
Nun erfolgte ja gegen Ende des 16. Jahrhunderts^ 
wie in den andern Kulturländern, so auch hier, die Re- 
aktion des durch das Tridentiner Konzil und die 
Schöpfung des Jesuitenordens innerlich gekräftigten 
Kathohzismus gegen die religiösen Neuerungen, und sie 
hatte hier zu Lande völlig gewonnenes Spiel, als nach 
dem Aussterben der Jagiellonen den polnischen Thron 
der Jesuitsjizögling Sigismund III. aus dem Geschlechte 
der Wasa bestieg. Titer in ganz eigentümlicher Weise 
hat gerade diese allgemeine Reaktion, die ja über Deutsch- 
land die Schrecken des 30jährigen Krieges gebracht hat, . 
in unsere Provinz wieder unzählige deutsche Einwanderer- 
massen geworfen, deren Mächtigkeit derjenigen des 
13. Jahrhunderts nicht allzusehr nachstand. Besonders 
dicht war die Einwanderung aus Schlesien, wo 20 Jahre 
hindurch die kaiserlichen und schwedischen Heere ein- 
ander in der Aussaugung des Landes ablösten und die 
katholische Reaktion so heftig wütete, dass man Dragoner 
zu Zwangsbekehrungen abkommandierte. Während dieser 
Zeit nun genoss unsere Provinz noch den tiefsten Frieden. 
Dazu kam, dass der Sohn Sigismunds III., Wladislaus IV., 
dem Vater ganz ungleich einer der tolerantesten Fürsten 
seiner Zeit war, ein edler Schwärmer, der einmal sogar 
den Versuch gemacht hat, die katholische und evangelische 
Religion in ein Bekenntnis zu vereinigen. Man konnte 
deshalb in Grosspolen die Flüchtlinge ohne Schwierigkeit 
aufnehmen und tat es nicht nur aus Gründen der 
Menschlichkeit und Duldung, vielmehr sahen die Grund- 
herren in dem Zuzug der betriebsamen Neuankömmlinge 
ebenso ein Mittel, sich Einnahmequellen zu verschaffen^ 
wie es ihre Vorfahren vor vier Jahrhunderten getan 

2* 



L 



20 Adolf Warschauer. 

hatten. Sie warteten denn auch nicht, bis die Einwanderer 
kamen, sondern verbreiteten gedruckte Aufrufe, in denen 
sie zur Einwanderung in ihre Güter aufforderten und den 
Protestanten freie Religionsübung zusicherten, und zwar 
taten dies nicht nur Protestanten, sondern auch eifrige 
KathoKken. Durch diesen Zuzug gewann das deutsche 
Bürgertum in den Städten wieder neue Kraft, vielfach 
wurden neben die alten Städte neue Stadtteile gebaut, und 
eine grosse Anzahl neuer Städte konnte wieder gegründet 
werden, so im Jahre 1638 allein fünf Städte: Rawitsch, 
Obersitzko, Kahme, Schwersenz und Bojanowo. Es ist 
merkwürdig, wie man bei diesen Städtegründungen ohne 
weiteres an das mittelalterliche Beispiel anknüpfte, dessen 
Andenken noch keineswegs verschollen war. In dem 
Gründungsprivilegfium von Rawitsch heisst es ausdrück- 
lich, dass die Fremden in derselben Weise die Stadt er- 
bauen sollten, wie die Deutschen früher die Städte Posen, 
Krakau und Lemberg erbaut hatten. Besonders zahlreich 
waren die eingewanderten Tuchmacher, die diese Industrie 
in Grosspolen wieder zu neuer Blüte brachten. Damals 
wurden Rawitsch, Lissa, Schönlanke, Meseritz zu Mittel- 
punkten der Tuchindustrie für den ganzen polnischen und 
russischen Handel und versorgten sogar einen Teil von 
Asien mit ihren Produkten. 

Wie im Mittelalter ging auch in dieser Periode 
Hand in Hand mit der bürgerlichen eine bäuerliche Ein- 
wanderung aus den benachbarten deutschen Provinzen, 
und wie damals schuf sie auch nunmehr wieder eine 
Schicht freier Bauern unter der zur vollkommenen 
Hörigkeit und ungemessener Frohndienstpflicht herab- 
gesunkenen Landbevölkerung. Schon Ende des 16. Jahr- 
hunderts begann wieder die Ansiedlung deutscher Bauern 
auf bestimmte Kontrakte und mit gemessenen Verpflich- 
tungen, und zwar in der Nähe von Bromberg und Schulitz. 
Man nannte die Ansiedlungen Holländereien im An- 
schluss an Kolonien ähnlicher Art im Westen von 
Deutschland und in der Nähe von Danzig, wirklich be- 
teiligt aber haben sich Holländer nur in der ältesten Zeit, 




Die Epochen der Posener Landesgeschichte. 



21 



und zwar gerade im Netzedistrikt, wo es sich vielfach 
um Austrocknung von Sümpfen handelte. 

Diese ganze deutsche Einwanderung in der ersten 
Hälfte des 17. Jahrhunderts hat die Lücken wieder aus- 
gefüllt, die das 15. Jahrhundert durch die Entnationali- 
sierung unter der deutschen Bevölkerung des Landes ge- 
rissen hatte. Die Schicksale dieser Einwanderer aber unter- 
schieden sich wesentlich von derjenigen des Mittelalters. 
Die unruhigen von inneren und äusseren Kriegen erfüllten 
Zeiten und die vielfachen religiösen Unbilden, denen sie 
später ausgesetzt waren, haben ihnen manche Prüfungen 
gebracht. Sie blieben Fremde in der neuen Heimat und 
zeigten keine Neigung sich zu polonisieren. Dem Charakter 
jener Zeit entsprechend, in der der religiöse Gedanke 
den politischen überwog, zeigten sie gelegentlich 
Sympathien für die glaubensverwandten schwedischen und 
brandenbm-gischen Herrscher, und sie spielten eine nicht 
unwesentliche Rolle in der von dieser Zeit an beginnenden 
Geschichte der Auflösung des polnischen Staatswesens. 

Diese an fruchtbaren Keimen und Ansätzen so reiche 
vierte Periode unserer Landesgeschichte bricht jäh 1655 in 
dem Jahre, in dem die Schweden zum ersten Male in 
Grosspolen einfielen, ab. Die 120 Jahre, die nun bis zur 
Teilung des Reiches folgten, bilden den traurigsten Ab- 
schnitt unserer heimatlichen Geschichte. Unendlich war 
das Leid, welches äussere Feinde, schlimmer aber noch 
dasjenige, welches die inneren Zustände des polnischen 
Staates dem Lande antaten. Zwei grosse Kriege, der 
schwedische von 1655 — 57 und der nordische von 169& 
bis 170g brachten alle Schrecken der Verheerung über 
unsere Heimat Dem letzten Kriege folgte in den Jahren 
1709/10 die Pest auf dem letzten grossen Zuge, den 
sie durch Europa antrat Sie hat in unserer Provinz 
vielleicht ein viertel aller Menschen hinweggerafft In die 
Zeit zwischen den beiden grossen Kriegen fielen die bür- 
gerlichen Unruhen und Kämpfe, die durch den Plan des 
Königs Johann Kasimir, den Thronfolger bei seinen Leb- 
zeiten zu ernennen, verursacht und meist auf dem Bo'den 



I c . 



I • 



22 Adolf Warschauer. 

Grosspolens ausgekämpft wurden. In den Tagen jener 
Wirren hat der erwähnte König das prophetische Wort 
gesprochen: er sehe voraus, dass der Staat geteilt werden 
würde, Russland würde sich Reussens und Litthauens, 
Brandenburg Preussens und Grosspolens, Österreich 
Kleinpolens bemächtigen, wenn die Gefahr der Königs- 
wahlen nicht würde beseitigt werden können. Tatsächlich 
hat jede Königswahl in Polen nicht nur zu inneren Un- 
ruhen geführt, sondern auch die Gefahr eines europäischen 
Krieges heraufbeschworen. Selbst die Regierungszeit 
Johann Sobieskis, die durch die Siege über die Türken 
einen gewissen Glanz erhielt, konnte dem ärgsten Feinde 
seiner Nation, ihrer Verfassung, nicht im geringsten Ab- 
bruch tun. Der schon früher erwähnte konföderative 
Charakter des Staates hatte sich so verschärft, dass jeder 
einzelne Landbote durch sein Veto den Reichstag zer- 
reissen konnte, und da ein^Teil des Adels fortgesetzt im 
Solde auswärtiger Staaten stand, so wurde die Zerreissung 
der Reichstage die Regel. In ganz Europa erregten die 
Verhältnisse Polens Staunen und Abscheu. In der Zeit 
von 1718 — 64 kamen überhaupt nur 3 Reichstage zu 
Stande. Von der Rechtspflege urteilte der Reichstag von 
1726 selbst, dass auf dem Tribunale nicht die Gerechtig- 
keit, sondern das Verbrechen herrsche. Wenn, wie es 
1747 vorkam, die Konstituierung des Reichstribimals im 
Parteigezänk verhindert wurde, so ruhte mit der Ver- 
waltung auch die Rechtspflege und jede staatliche Auto- 
rität hörte überhaupt auf. Kamen Gesetze zu stände, so 
hatten sie gewöhnlich nur den Zweck, dem Adel auf 
Kosten der andern Stände bessere Lebensbedingungen 
zu schaffen. Die zügellose Agrarpolitik des polnischen 
Reichstages hatte auch nicht das geringste Verständnis 
für den imlösbaren Zusammenhang aller Erwerbszweige 
zur Erhaltung des nationalen Wohlstands. So wollte der 
Reichstag den einheimischen Kaufleuten verbieten, Waren 
über die Grenze zu führen, um die Preise im Inlande 
2u verbilligen. Als um die Mitte des 17. Jahrhunderts die 
Entdeckung der Peruanischen Silberminen die Preise aller 



Die Epochen der Posener Landesgeschichte. 23 

Waren in ganz Europa in die Höhe trieb, glaubte der 
Adel in Polen sich durch das törichte Gesetz helfen zu 
können, das dem einheimischen Kaufmann 7^0, dem 
Fremden 5%, dem Juden 3% als Höchstgewinn für seine 
Waren vorschrieb. Bessere Industrieerzeugnisse wurden 
überhaupt nicht mehr im Lande hergestellt. Man be- 
rechnete, dass Polen für seine Rohprodukte, wenn sie 
verarbeitet in's Land zurückkehrten, den dreifachen Preis 
zahlte, als es dafür erhalten hatte. Um gegen den unter- 
tänigen Bauern völlig freie Hand zu haben, schaffte der 
Adel einfach jedes Recht für ihn ab, so dass es für den 
Bauern überhaupt keine Möglichkeit gab, gegen seinen 
Herrn irgendwie aufzutreten. Ein polnischer Dichter jener 
Zeit aus unserer Provinz nennt die Unfreiheit der Bauern 
schwerer als die der heidnischen Sklaven. Man wollte 
bemerken, dass die Bauern, um ihr Elend nicht fort- 
zupflanzen, sich weigerten, Kinder zu zeugen. Mit Ver- 
wunderung erzählt ein vornehmer Pole, der nach Berlin- 
reiste, wie er jenseits der Grenze Dörfer mit schmucken 
Häusern, je einer Kirche und Schule angetroffen, und dass 
der verstorbene König in seinem Testamente das Wohl 
der Bauern seinem Sohne besonders ans Herz gelegt habe. 
Nun hatte freilich Grosspolen in der ersten Hälfte 
des 17. Jahrhunderts durch die grosse deutsche Einwan- 
derung neue Kräfte in sich aufgenommen, die durch die 
traurigen öffentlichen Verhältnisse nicht so leicht zu 
ertöten waren. Denkenden Köpfen entging es nicht, dass 
fast alles, was an bürgerlicher imd bäuerlicher Betrieb- 
samkeit Lebenskraft im Lande hatte, nicht der alten 
eingesessenen polnischen, sondern der protestantisch 
deutschen Bevölkerung angehörte. Der Posener Woiwode 
Stephan Garczynski hat im Jahre 1751 eine sehr interes- 
sante Schrift über die Anatomie des polnischen Staates 
geschrieben und sich hierüber ganz unverblümt aus- 
gesprochen: die dissidentischen Städte wachsen, die katho- 
lischen aber fallen. Welcher Unterschied, fragt er, sei 
wohl zwischen Kosten, das doch das Haupt eines Kreises 
und Sitz eines Grodgerichts sei, und den benachbarten pro- 



24 Adolf Warschauer. 

testantischen Städten Lissa, Schmiegel, Bojanowo und 
Rawitsch ; zwischen Dolzig, einer bischöflichen Stadt, und 
Punitz. Das protestantische Moschin liege ungünstig und 
das katholische Bromberg ausgezeichnet, und doch stehe 
Bromberg schlechter da als Moschin. Bei den Dissidenten 
wachse eben auch Kleines durch gute Ordnung, bei den 
Katholiken aber gehe durch Unordnung auch das Grösste zu 
Grunde. Einen ähnlichen Unterschied findet er zwischen 
der Lage der protestantischen Bauern und der polnischen 
Kmethen. Er berechnet den kontraktmässigen Zins der 
ersteren auf jährlich lo — 12 Taler, den Wert der Frohn- 
dienste der Kmethen aber auf etwa 81 Taler. „Was nützt 
es," meint er, „unter solchen Umständen in den Kirchen 
vor den heiligen Altären um Erhöhung der katholischen 
Kirche zu bitten?* 

Aber zwischen diesem wirtschaftlich kräftigsten Teil 
der Bevölkerung unserer Provinz und den eingesessenen 
katholischen Polen hatte sich durch die Parteinahme für 
und gegen die protestantischen Schweden in den beiden 
grossen Kriegen eine weite und unüberbrückbare Kluft 
aufgetan. Der Gegensatz war freilich kein nationaler, 
sondern durchaus nur ein religiöser, die gegenseitige Er- 
bitterung aber doch nicht weniger gross. Im Jahre 17 17 
wurde die Zerstörung aller seit 1674 besonders unter dem 
Schutze der Schweden errichteten Gotteshäuser be- 
schlossen. Kurze Zeit darauf erfolgte die Ausstossung 
des letzten protestantischen Landboten aus dem Reichstag 
und 1733 der Ausschluss der Evangelischen von der 
Teilnahme an allen gesetzgeberischen Körperschaften^ 
Gerichten und Ämtern. Das sog. Thomer Blutbad von 
1724 zeigte, dass der Fanatismus auch bis zum Blutver- 
giessen gehen konnte. 

Schwer, wie die Schuld, die das polnische Staatswesen 
auf sich geladen hatte, war dann auch die Sühne. Schon 
im siebenjährigen Kriege zeigte es sich, dass Polen auf- 
gehört hatte, eine politische Macht zu sein. Friedrich der 
Grosse und Katharina von Russland führten ihren Krieg, 
wo es ihnen nötig schien, auf dem Boden unserer Provinz 



Die Epochen der Posener Landesgeschichte. 25 

und verproviantierten sich hier, vielfach ohne für die Lie- 
ferungen zu bezahlen. Als der Fürst Sulkowski Friedrich 
dem Grossen verdächtig schien, Hess er ihn in Reisen ^^rV^vw 
ohne Weiteres mit seinem ganzen Hofstaate aufheben und 
nach Glogau bringen. Die Kaiserin Katharina aber nahm, 
als sie ihren früheren Liebhaber Stanislaus August Po- 
niatowski 1764 zum König von Polen gemacht hatte, eine 
Art von Oberhoheitsrecht über Polen in Anspruch, und 
als ein Teil der Nation sich dagegen empörte, da traten 
jene chaotischen vier Jahre lang dauernden Wirren und 
Bürgerkämpfe der Konföderation von Radom und Bar ein, 
die den Boden unserer Heimat mit Blut durchtränkten » 
und in denen Polen zu Grunde gegangen ist. ) 

In den Jahren 1772 — 75 nahm Friedrich der Grosse 
den Netzedistrikt in Besitz und 1793 sein Nachfolger den 
Rest der heutigen Provinz Posen. In der Zwischenzeit hat 
der unglückliche polnische Staat zwar versucht, durch einige 
organisatorische Massregeln die alten Zustände zu bessern, 
aber das Schicksal hat eine andere Hand, als diejenige, 
welche dem Lande die Wunden geschlagen hatte, bestellt, 
sie wieder zu heilen. 

Mit der preussischen Besitznahme, die die sechste noch 
bis in unsere Tage dauernde Periode unserer Landes- 
geschichte einleitet, beginnt wieder die positive Arbeit 
für das Wohl und das Gedeihen des Landes. Zum vierten 
Male in seiner Geschichte wurde das Land deutschen 
Einflüssen rückhaltslos geöffnet. Was zunächst Friedrich 
der Grosse für den Netzedistrikt geleistet hat, ist aller 
Welt bekannt Ist es doch, als ob er das Land, dass ihm 
keinen Tropfen Blut gekostet hat, sich hätte nachträglich 
durch seine Arbeit moralisch erobern wollen. Denn der 
Netzedistrikt war das Lieblingskind seines Alters; wie 
der Faust der Goetheschen Dichtung hat er sein reiches 
Leben damit geschlossen, eine Einöde in fruchtbares 
Gefilde zu verwandeln. Und wenn auch freilich in seinen 
beiden Nachfolgern sein Geist und seine Tatkraft nicht 
fortlebte, so haben doch auch sie in ehrlicher Arbeit ihm 
nachgetrachtet. Die Napoleonischen Wirren haben diese 




26 Adolf Warschauer. 

Bestrebungen nur für einige Jahre unterbrechen können. 
Die preussischen Beamten haben ruhig 1815 da wieder 
angefangen, wo sie 1806 aufgehört haben. Vor allem zog 
mit der preussischen Herrschaft Recht, Ordnung und 
Sicherheit in das Land ein, das die Segnungen einer 
geordneten Staatsleitung schon mehr als ein Jahrhundert 
hindurch entbehrt hatte. Der Bauer wurde durch die 
geniale Stein-Hardenbergsche Gesetzgebung zum freien 
Grundbesitzer, von den Städten kann man wohl das 
Wort des Tacitus anwenden, dass Preussen sie als 
hölzerne übernommen imd sie zu steinernen gemacht hat, 
denn bei der Besitznahme waren Ziegelhäuser in den 
Städten noch eine Seltenheit. Handel, Gewerbe und 
Industrie wurden von Grund aus neu eingerichtet, wenn 
es auch freilich trotz aller Anstrengungen nicht gelang, 
die Tuchindustrie im Lande zu halten. Die Tendenzen 
des 13. Jahrhunderts, aus Deutschland neue Arbeitskräfte 
in das Land zu bringen, sind wieder aufgelebt, und wie 
im 16. Jahrhundert überflutet jetzt wieder ein starker 
Strom deutschen geistigen Lebens befruchtend das Land. 
Wenn wir das Verhältnis unserer polnischen Mit- 
bürger zu dieser deutschen Kulturarbeit betrachten, so 
müssen wir diesen ganzen Zeitraum in zwei Perioden 
sondern, deren Grenze das Jahr 1830, der Ausbruch der 
Revolution in Russisch-Polen bildet. Vor dem genannten 
Jahre haben die Polen gern, willig und dankbar die dem 
Lande von der preussischen Regierung entgegen ge- 
brachten Wohltaten angenommen und beantworteten sie 
mit einem gewissen preussischen Patriotismus. Als aber 
in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in ganz 
Europa die grosse Nationalitätsidee zum Durchbruch kam 
als eine Reaktion gegen die völkeruntereinander wirbelnde 
Willkür Napoleons I., da sind auch, wenngleich spät, die 
Polen von ihr ergriffen worden. Seitdem hat sich in 
unserer Provinz der nationale Gegensatz verschärft und 
zu dem politischen Kampfe geführt, in dem wir noch heute 
stehen, und dessen einzelne Phasen zu beobachten hier 
ntchi unsere Aufgabe sein kann. 



Die Epochen der Posener Landesgeschichte. 



27 



Man hat vielfach die Geschichte die Lehrmeisterin 
der Menschheit genannt Man kann ihr diese Aufgabe in 
falschem so wie auch im richtigen Sinne zuweisen. Wer 
den Gang der Zukunft Zug um Zug aus den Tatsachen 
der Vergangenheit ablesen will, der wird leicht in die Irre 
gehen imd in die Irre führen. Nur der Vorwitz eines un- 
besonnenen Schülers wagt es, mit unheiligen Händen den 
Schleier der Zukunft zu heben. Richtig aber ist es, dass 
auch die Geschichte der Menschheit gewissen Gesetzen 
folgt und dass der Geschichtsfreund, der es versucht hat^ 
sich mit ihnen vertraut zu machen, mit klareren Augen 
in die Erscheinungen seiner Zeit wird sehen können, als 
derjenige, der nur diese kennt und dem das Heutige der 
alleinige Massstab für das Gestrige und das Morgige 
bildet. Und so werden auch wir, nachdem wir die Haupt- 
ideen, welche die ttausendjährige Geschichte unserer 
Heimat in den verschiedenen Perioden beherrscht haben, 
kurz haben an uns vorübergehen lassen, vielleicht durch 
zwei Erwägungen zu einer gewissen Zuversicht für die 
Beurteilung der jetzigen schwierigen Verhältnisse in 
unserer Provinz gelangen. Zunächst werden wir nicht 
annehmen dürfen, dass die scharfe, feindliche Scheidung 
der Nationalitäten in unserer Provinz eine immerdauernde 
sein werde. Wie wir gesehen haben, hat die Provinz 
eine ähnliche Zeit des Nationalitäten-Gegensatzes im 
15. Jahrhundert bereits durchgemacht; damals ist er durch 
das Emporsteigen der religiösen Idee der Reformation 
verdrängt worden. Alle leitenden historischen Ideen ge- 
hören eben nur gewissen Zeiten an, sie verschwinden 
und machen andern Platz, sie folgen hierin dem ehernen 
Gesetze der Vergänglichkeit, von dem alles Menschliche 
gelenkt wird. Und auch wir können wohl jetzt schon 
sagen, dass auch für uns moderne Menschen im Dämmer 
der Zukunft neue Ideen heraufziehen, von denen es 
scheinen will, als ob sie die jetzt noch feindlich einander 
gegenüber stehenden Nationen zur friedlichen gemein- 
samen Arbeit einigen werden. Und wenn dies geschieht^ 
dann können wir auf Grund der Lehren unserer Ge- 



tZ 






28 Adolf Warschauer. 

schichte ein Zweites erwarten: dann werden unsere 
pohlischen Mitbürger, wie zu allen Zeiten, in denen der 
nationale Gegensatz durch andere Ideen zurückgedrängt 
wurde, willig deutsche wirtschaftliche und geistige Über- 
legenheit anerkennen und die Interessen ihrer mit uns 
gemeinsamen Heimat ihren unerfüllbaren nationalen 
Tendenzen voranstellen. Den Deutschen aber können 
die Lehren der Geschichte in dem Bewustsein stärken, 
dass er dazu berufen scheint, immer wieder neue Kultur- 
elemente in dieses Land zu tragen und dass gerade in 
seiner positiven Arbeit das Heil des Landes ruht Und 
wir können mit Befriedigung sagen, dass gerade die letzte 
Zeit sich mehr und mehr mit diesem fruchtbaren Gedanken 
erfüllt hat, und dass die deutsche Arbeit unbeirrt von dem 
nationalen Gegensatz heute auf den Wegen wandelt, die 
die alte Überlieferung der Geschichte des Landes ihr 
vorgezeichnet hat, und so wird gewiss auch die Hoffnung 
nicht trügen, dass, wenn auch nicht unsere Generation, 
so doch unsere Söhne und Enkel den Samen, den diese 
Arbeit in das Land geworfen, in Frieden werden auf- 
gehen sehen. 







Zur Geschichte des Buchdrucks 
und Buchhandels in Lissa. 

Von 
Wilhelm Bickerich. 

|n jener Blütezeit, die durch den starken Zustrom 
von Flüchtlingen aus Böhmen (1628) und Schlesien 
1629 — 30) im dreissigjährigen Kriege herbeigeführt wurde 
und bis zur Zerstörung der Stadt im schwedisch -pol- 
nischen Kriege reichte, hat Lissa zwei Buchdruckereien 
in seinen Mauern beherbergt. Die eine, jedenfalls die 
älteste Buchdruckerei Lissas, hatte bereits eine ehr- 
würdige Geschichte hinter sich, als sie nach Lissa kam. 
In seiner Historia Revelationum ^) erwähnt Comenius bei 
einer Schilderung der späteren Geschicke der Seherin 
Christina Poniatowska, dass deren Gatten, dem neu- 
ordinierten Daniel Vetter, die Fürsorge für die aus 
Mähren nach Lissa überführte kirchliche Buch- 
druckerei übertragen worden sei. Die Buchdruckerei 
der Unität im SchJoss von Kralic bei Willimowitz in 
Mähren hatte ihr Johann der ältere von Zerotin mit 
grossem Kostenaufwand angelegt^. \n ihr ist u. a. die 
berühmte Kralitzer Bibelübersetzung, eine Übersetzung 
aus dem Grundtext mit fortlaufendem Kommentar, in 



S. 133. Vgl. Monatshefte der Comeniusgesellschaft 1893. 
S. 40 ff.: Vettere jam conjugato nobiscumque habitaturo cessit typo- 
graphei ecclesiastici (e Moravia huc translati) cura ad libros bonos^ 
pro tempore hoc necessarios, in lucem promovendum. Qua in re 
industriosom ille se praestitit. 

2) Nach Ball, Schulwesen der Böhm. Brüder, S. 79 hatte Z. 
eine ältere Buchdruckerei von Namiest nach Kralic verlegt. 



30 Wilhelm Bickerich. 

sechs Starken Bänden 1579 — 1593 erschienen, jenes 
klassische Meisterwerk der böhmischen Sprache, das 
recht eigentlich die böhmische Schriftsprache geschaffen 
und somit für Böhmen die gleiche Bedeutung gehabt hat 
wie für Deutschland die Übersetzung Luthers. „So lange 
die böhmische Sprache noch gesprochen wird,** sagt 
Gindely^), „so lange kann das Andenken an diese gross- 
artige Arbeit nicht erlöschen". Verfasst ist diese Über- 
setzung durch eine von der Unitätsleitung bestellte 
Kommission, der acht Gelehrte der Unität angehörten, 
darunter lun seiner hebräischen Kenntnisse willen Lucas 
Helic, der Sohn eines getauften Juden aus Posen. Die 
Kralitzer Druckerei war Eigentum der Unität, diese be- 
stellte stets einen ihrer Priester zum Leiter. Zur Zeit 
jener Bibelübersetzung, die in schöner Lateinschrift und 
auf festem Papier gedruckt ist, stand die Druckerei in 
Kralic unter der Leitung des Bruders Zacharias Solinus 
(Priester seit 1581, f 8. März 1596 in Kralic)*); durch 
seine Geschicklichkeit hatten ihre Leistungen eine früher 
nie erreichte Höhe erstiegen. Aus dieser Zeit stammen 
auch die prunkvoll ausgestatteten mit schönen Rand- 
arabesken versehenen, teilweise auf Pergament gedruckten 
böhmischen Gesangbücher der Unität. Auf einer Ver- 
sammlung der Priester und Diakonen aus Böhmen imd 
Mähren in Leipnik am 16. Juli 1592 wurde erwogen, 
dass die Kralitzer Druckerei für den Fall des Ablebens 
des Bruders Solinus ohne geeignete Leitung sei, es solle 
daher auf die Heranbildung eines tüchtigen Nachfolgers 
früh genug bedacht genommen werden; drei aus den 
Brüderpriestem, nämlich Polacek, Elam und Valenta 
wurden in Vorschlag gebracht®). Die Wahl scheint auf 
den Konsenior Wenzel Elam gefallen zu sein, den Re- 



1) Geschichte der Böhmischen Brüder S. 309. — Näheres über 
die Kralitzer Bibel bietet Czerwenka, Geschichte der evangelischen 
Kirche in Böhmen S. 500 ff. 

^ Totenbuch der Geistlichkeit der Böhmischen Brüder ed. 
Fiedler S. 290. 

3) Czerwenka a. a. O. S. 499. 



Zur Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 3^ 

genvolscius*) als tjrpographiae administrator bezeichnet, 
und der 1622 in Namiest gestorben ist, also ihr Ende im 
mährischen Vaterlande erlebt hat Über die Überführung 
der Druckerei nach Lissa haben wir keine näheren 
Nachrichten, vielleicht hat Karl von Zerotin sie bei seiner 
Übersiedlung nach Breslau bis dahin mitgenommen imd 
von dort aus gelegentlich weiter nach Lissa gesendet. 
Inwieweit sie bei dem Transport gelitten hat, wissen wir 
auch nicht, doch zeigen ihre späteren zahlreichen und 
teilweise sehr ansehnlichen Veröffentlichungen, insbe- 
sondere das deutsche Gesangbuch, dass sie jedenfalls 
wieder in einen würdigen, wenn auch, wie wir sehen 
werden, den Ansprüchen der in der Unität geleisteten 
Geistesarbeit nicht zureichenden Zustand versetzt worden 
ist. Vielleicht sind mit ihr dabei die Reste derjenigen 
Druckerei vereinigt worden, welche die polnische Unität 
einst in Samter besessen hat. Dort ist im Jahre 1561 
das polnische Gesangbuch der Brüder, Kancyonal braci 
czeskich, gedruckt worden, zu dem der berühmte böhmische 
Senior Blahoslaw 55 Lieder geliefert, auch das Register 
angefertigt hat^, ausserdem Wawrzynca Krzyszkow- 
skiego rozmowa czterech bratöw Waldenskich o pe- 
wno6ci zbawienia (Gespräch von 4 Waldensischen Brü- 
dern über die Gewissheit der Erlösung)^. Der Aus- 
druck des Regenvolscius*) lässt es freilich nicht sicher 
erscheinen, ob wirklich auch diese Druckerei nach Lissa 
überführt worden ist. Wenn dies geschehen ist, dann 
spätestens 1620, da in diesem Jahre der Gottesdienst der 



1) Systema historico-chronologicum ecclesiarum Slavonicarum 

s. 339. 

^ Gindely a. a. O. IT 472. — Wcmer-Steffani (siehe unten) 
gibt als Jahreszahl 1569 an. 

•) Wcmer-Steffani, Geschichte der evang. Parochien in der 
Provinz Posen S. 327 nach Raczynski „Wspomnienia Wielk." 

*) a. a. O. S. 118. Typographia Unit. Fratr. Maj. Pol. in usus 
ecclesiarum et scholarum ad recndendos pios libellos erecta fuit 
olim Szamotuly, tandem Lesnae. 




32 Wilhelm Bickerich. 

Brüder in Samter ganz aufgehoben worden ist, nachdem 
ihnen die Pfarrkirche schon 1594 genommen war*). 

Die frühesten Lissaer Drucke, welche uns bekannt 
sind, wohl die ersten, die aus der neuerrichteten Unitäts- 
druckerei hervorgegangen sind, datieren aus den Jahren 
1630 — ^32 und stammen meist aus der Feder des Comenius^ . 
Es sind dies folgende: 

1. Praxis pietatis To jest O Cwiceni se w Poboz- 
nosti praw6. Böhmische Übersetzung eines englischen 
Erbauungsbuches des Lewis Bayly, bishop of Bangor, an- 
gefertigt durch Comenius. Der erste Teil erschien Lissa 1630^ 
der zweite 1631 (spätere Ausgabe 1640). 

2. J. A. Comenii Janua ling^arum reserata. Lissa 
im Anfang des J. 1631. 

3. Historie o umuceni srmti päna nasseho Jezise 

Krista w Lesne 1631, eine Harmonie der Leidens- und 
der Auferstehungsgeschichte, angefertigt von Comenius. 

4. Ratio disciplinae ordinisque ecclesiastici in Uni- 
täte fratrum Bohemorum, die Kirchenordnung der Unität^ 
wie sie bereits auf der Synode in Zeravic in Mähren 1616 
festgestellt worden war und in Lissa 1632 gedruckt worden 
ist Auf der Synode zu Lissa 1632 lag das Buch schon 
halbgedruckt vor und ist noch in demselben Jahre fertig- 
gestellt worden. Comenius hat eine kleine Schrift über 
den Unterschied der kath. imd evang. Konfession bei- 
gefügt. 

Leiter der Druckerei in dieser Zeit seit der Über- 
führung nach Lissa, vermutlich wohl schon seit dem Tode 
Elams bis zum Jahre 1632 imd damit der erste Drucker 
Lissas ist der Unitätspriester Mathäus Krokocinsky ge- 
wesen^ über den uns nichts weiter bekannt ist, als dass 
er wölü im Jahre 1632 gestorben ist Unter den Dekrety 
der Synode der böhmischen Exulanten vom 6. Oktober 1632 



1) Kohte, Kunstdenkmäler III S. 48. 

3} Vergl. zum Folgenden die Bibliographie von Kvacala, Leben 
des Comenius Anhang II und Jos. Müller in den Monatsheften der 
Comcniusgesellschaft 1892 S. 19 ff. 




Zur Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 33 

zu Lissa findet sich nämlich folgender Beschluss^), der 
zugleich zeigt, welchen Wert die Unität noch im Exil auf 
ihre Druckerei legte: „Da Gott der Herr in den ver- 
gangenen Tagen Br. Mathäus Krokocinsky, den Buch- 
drucker, aus der Welt genommen, so wurde zum Im- 
pressor derselben Druckerei Br. Daniel Vetter erwählt, so 
dass er von diesem Augenblick an die Fürsorge für die- 
selbe übernehmen, alles unter Rechnung und Register 
bringen imd, wie es notwendig ist, um diesen Schatz der 
Unität sorgen solle, was er auch auf sich nahm. In- 
zwischen wurden ihm zur Vollendung der Unitätsordnung 
(d. i. der obengenannten Ratio disciplinae) und dessen, was 
mehr nötig sei, die Söhne Krokocinskys als Hilfsarbeiter 
belassen. Welche Aufgabe ihnen eigentlich zufalle, das 
zu bestimmen und zu unterscheiden, vertraute man dem 
Br. Mathäus Prokop in Lissa mit seinen Hilfsgenossen." 
Hiemach hatte der Senior Mathäus Prokop, „ein 
Mann von geradem aufrichtigem Herzen und ausge- 
zeichnetem Urteil", wie ihn Regenvolscius^ nennt, die 
Oberaufsicht über die Druckerei zu führen ganz im Ein- 
klang mit der Kirchenordnung ^ der Unität, die unter den 
Pflichten der Senioren nennt: „Die Fürsorge für die 
Druckerei der Unität liegt allen (d. i. Senioren) gleich- 
massig ob, die Aufsicht (inspectio) aber einem, der ganz 
in der Nähe wohnt." Nach dem Tode*) des Prokop 
hat wohl Comenius als der einzige am Ort wohnende 
Senior der böhmischen (nicht polnischen) Unität, zumal er 
zugleich deren Notarius war, die Aufsicht geführt. 



1) Cindely, Dekrety Jednoty Bratrskö, Prag 1865 S. 282. Die 
obige deutsche Übersetzung verdanke ich der Güte des Herrn 
Privatdozenten Dr. Jaroslav Bidlo zu Prag, auf dessen für die Kirchen- 
geschichte unserer Provinz bedeutsames Werk, das hoffendich bald 
in deutscher Obersetzung erscheinen wird, ich bei diesem Anlass 
hinweisen möchte: Jednota Bratrskä v prvnim vyhnanstvi, die 
Brüder-Unität im Exil, Teil II Prag 1903 (von 1561— 1572). 

*) a. a. O, S. 322. 

8) ed. Buddeus S. 17. 

^ 16. Febr. 1636 zu Lissa. 

Zeilschrift der Hist. Ges. fttr die ProT. Posen. Jahrg. XIX. S 



k. 



34 Wilhelm Bickerich. 

Der neue Drucker, Daniel Vetter, entstammte einem 
alten Unitätsgeschlecht, das eigentlich den Namen Strejc 
(Stregiciüs) führte^). Drei ältere Brüder hatten bereits im 
Dienst der Unität gestanden imd waren früh gestorben. 
Sogar ihr Vater schon — bei der Hochschätzung, welche 
das Coelibat in der alten Unität genoss, war dies ein 
damals noch seltener Fall von Fortpflanzung des geist- 
lichen Amtes in einer Familie — Georg Strejc war ein 
imi die Unität sehr verdienter Consenior gewesen^. Zwar 
hat er ihr auch einmal Ärgernis bereitet und auf der 
Versammlungen Leipnik®) 1591 eine Rüge erhalten, einmal 
weil er sich eigenmächtig ohne Erlaubnis der Senioren ver- 
heiratet, sodann weil er in Streitigkeiten mit den Lutheranern 
den damals noch gefürchteten Schein des Kalvinismus auf die 
Unität gebracht hatte. Doch war er auf der andern Seite einer 
ihrergelehrtesten, tüchtigsten und eifrigstenArbeiter. So hatte 
er die Maximilian IL überreichte Konfession mitverfasst, hatte 
Lieder gedichtet*) und die Psalmen in böhmischer Sprache 
nach französischen Melodien sangbar gemacht, auch Cal- 
vins Hauptwerk ins böhmische übertragen, vor allem aber 
war er einer der hauptsächlichsten Mitarbeiter an der 
Kralitzer Bibelübersetzung. Vielleicht ist der letztere Um- 
stand mitbestimmend gewesen für die spätere (1632) Be- 
stimmimg seines Sohnes Daniel zum Leiter der Druckerei 
in Lissa. Dieser hatte, als er nach Lissa kam, bereits 
ein bewegtes Leben hinter sich. In der kurzen Zeit des 
Winterkönigtums war er Hofmeister des böhmischen 
Kronprinzen gewesen und hatte sich dann nach Holland 
begeben, von wo aus er grosse Reisen gemacht haben 
muss. Wenigstens hat er in Gemeinschaft mit dem 
Mähren Joh. Salmon eine Beschreibung der Insel Island 
und zwar auf Grund eigener Kenntnis und Durch- 



1) Vgl. Regenvolscius a. a. O. S. 327 ff. 
*) t 1599 in Zidlohovice. 

8) Gindely, Geschichte der böhmischen Brüder II S. 325. 
*) Wackemagel, das deutsche Kirchenlied IV S. 459 ff. bringt 
7 Lieder von Georg Strejc zum Abdruck. 



k 



Zur Geschichte des Buchdrncks und Buchhandels in Lissa. 35 

Wanderung herausgegeben^). In Lissa gelang ihm, worum 
sich etliche vor ihm vergebens gemüht hatten, die Hand 
Christina Poniatowskas, der Pflegetochter des Comenius, 
zum ehelichen Bunde zu gewinnen. Bezüglich der inter- 
essanten Geschicke dieser berühmten Seherin, die Co- 
menius dxu'ch eine merkwürdige Verkettung von Umständen 
i. J. 1627 im Schloss zu Branna bei Hohenelbe in Nord- 
bohmen kennen gelernt hatte, wie auch ihres Vaters, 
eines den Leszczynski verwandten polnischen Edelmannes, 
können wir hier nur auf die einschlägigen Schilderungen 
Kvacalas^ verweisen. Gerade zu der Zeit, da unter dem 
Eindruck der Siegeszüge Gustav Adolphs ihr prophe- 
tisches Ansehen imter den Exulanten seinen Höhepunkt 
erreicht hatte, und auf derselben Synode in Lissa, auf der 
ihr Erwählter die pastorale Ordination empfangen hatte, 
wurde sie ihm feierlich vor versammelter Synode tamquam 
pupilla ecclesiae^ angetraut, sodass das übliche Abschieds- 
mahl der Synodalen sich zugleich zum Hochzeitsmahl ge- 
staltete. Nach Comenius ist sie eine wackere Hausfrau 
geworden, die ihrem Gatten in i2Jähriger glücklicher Ehe 
treu verbunden war.*) Dan. Vetter wurde wohl auch in be- 
sonderer Rücksicht auf seine Heirat und sein Verhältnis zu 
Comenius, mit dem er in einem Hause gewohnt zu haben 
scheint^), nicht zu einer auswärtigen Gemeinde entsandt, 
sondern zum Leiter der Druckerei bestellt, in welchem 
Amt er grossen Eifer bewies. Allerdings hatte er mit 
Schwierigkeiten im Zustand der Druckerei, insonderheit 
einem Mangel an Lettern zu kämpfen. So schreibt Co- 
menius an den Pastor Niclassius in Danzig in einem 
Briefe, darin er die Ausgabe verschiedener seiner Schriften 



1) Regenvolsciüs a. a. O. S. 337. 

^ Leben des Comenius und „des Comenius Aufenthalt in Lissa'S 
Zeitschrift der Hist Gesellschaft Posen, Jhrg. VIII. Über Ponia- 
towski vgl. Regenvolsciüs a. a. O. S. 335. 

s) Doch wohl einfach in Bezug auf ihre Verwaisung mit 
„Mündel** zu übersetzen, nicht, wie Kva^ala meint, „Augenstern*. 

^ t Juni 1644 anscheinend an Schwindsucht. 

^) nobiscumque habitaturo . . Comenius, Historia revel. S. 133. 



36 Wilhelm Bickerich. 

ankündigt*): „Es war der Wunsch des edlen Schutzherm, 
dass jenes alles hier in Lissa gedruckt werde. Indessen weil 
wir an einen Mangel an Typen leiden, und mein Sinn dahin 
steht, das dem Hünefeldt (einem Drucker in Danzig, der 1633 
für Polen Privilegium auf die Janua linguarum erhielt) ge- 
gebene Wort zu halten, werde ich ihm jene wichtigeren 
Werke zum Abdruck übersenden, während etliche kleinere, 
insbesondere meine deutschen Schriften für das niedere 
Volk, unserer Druckerei vorbehalten bleiben." Bei den 
letzten Worten hat Comenius gewiss an das „Informa- 
torium der Mutterschule" gedacht, das 1633 zuerst in 
Lissa erschienen ist Ausser mit Andres Hünefeldt*) hat 
Comenius von auswärtigen Druckern und Verlegern be- 
sonders mit Gottfried Gross in Leipzig und Wolfgang, 
später Michael Endter in Nürnberg in Verbindung ge- 
standen, bis er nach der Übersiedlung nach Amsterdam 
dortige Buchhändler bevorzugte. Doch scheint es Vetter 
gelungen zu sein, Abhilfe für die Lissaer Druckerei zu 
schaffen. So erschien bei ihm i. J. 1639 die sechste Aus- 
gabe des deutschen Gesangbuchs der Unität (mit 360 
Liedern böhmischer und 155 deutscher Verfasser) in Quart 
unter dem Titel: „Kirchengesänge, darinnen die Haupt- 
artikel des christlichen Glaubens kurz verfasset imd aus- 
gelegt sind, jetzt aber von newem durchsehen und ge- 
mehret Anno MDCXXXIX"»), während hinten steht: 
„Gedruckt zur Lissaw in Gross Pohlen durch Danielem 
Vetterum". Bereits 1634 waren die seit 1639 stets dem 
Gesangbuch beigefügten Lobwasserschen Psalmen von 
Vetter gedruckt worden. Ebenso sind später auch grössere 
und wichtigere Werke des Comenius von wissenschaft- 
lichem Charakter zuerst in Lissa bei Vetter erschienen, 
so 1649 Linguarum methodus novissima samt neuer Be- 
arbeitung des Vestibulum und der Janua. Ein Empf ehlungs- 

1) Korrespondence Komenskeho ed. Patcra S. 19. 

2) Einen interessanten Briefwechsel mit ihm enthält die Kor- 
respondence Komenskeho ed. Kvadala 11 S. 169 ff. 

8) Ein Exempl. in der Bibl. der Johanneskirche in Lissa. 



Zur Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 37. 



schreiben des Petrus Colborius^) in Leipzig sagt von 
diesen Büchern, dass sie „in 8vo zur Polnischen Lissa bey 
H. Daniel Vettero gedrucket und hier (in Leipzig) bei den 
Grossischen Erben zu finden seyen", und fordert zum 
Schluss auf, „wer Erinnerungen an diesen Büchern zu 
machen habe, der wolle sie entweder durch einen öffent- 
lichen Druck oder durch geheime Schrift ins Werk setzen 
und die Schrift nach der Polnischen Lissa an den Buch- 
drucker, H. Daniel Vettern, durch welchen sie weiter an 
H. Comenium bestellet werden wird, unbeschwert über- 
senden". Im gleichen Jahre 1648 erschien auch in Lissa 
der von Comenius herausgegebene Auszug aus Johannis 
Lasitii Historia. Von anderen Schriften des Comenius 
sind noch folgende zuerst in Lissa und zwar — ausge- 
nommen zwei mit entgegenstehender Angabe — jedem 
falls in der Kirchenoffizin oder bei Vetter gedruckt worden : 
I- 1633 Centrum securitatis, eine böhmische Erbau- 
ungsschrift. 

2. 1634 „zur Pestzeit" o Syrobe (Von der Ver- 
waisung), desgl. 

3. 1635 Na spis proti . 

4. 1637 Cesta pokoje, 
gegen Samuel Martinius in Pirna. 

5. 1637 De sermonis latini studio. 

6. 1638 Die Frage ob Christus sich selbst aufer- 
wecket: Gegen den Socinianer Scheffer. 

7. 1638 Conatuum pansophicorum dilucidatio . . . 
zunächst nur zur Mitteilung an Freunde gedruckt. 

8. 1649 O Wymitäni .... Däbelstvi (Von der 
Austreibung eines stummen und jedes anderen 
Teufels) Predigt in Lissa 1649 über das Evan- 
gelium am Sonntag Oculi. 

9. 1650 Kssafft Umirajfci Matky (Testament der ster- 
benden Mutter). 

10. 1655 B^J s Bohem Modlitbämi . . . (Gebetskampf 
mit Gott) Predigt in Kriegsgefahr über Ps. 31 1— is, 
am 24. Sept. 1655. 

^) Korrespondence Komensk^ho ed. Kva<5ala S. 140 u. 143. 



. und 
böhmische Streitschriften 



38 Wilhelm Bickcrich. 

11. 1655 Hystorya o tezkych protivenstvlch Cyrkve 
Ceske, die böhmische Ausgabe der Historia 
persecutionum. 

12. 1656 Januar. Evigila Polonia. 

13. 1656 Enoch. Predigt am 9. Januar 1656. 

14. Matuzal6m, Predigt beim Begräbnis des Conseniors 
Wenzel Lochar am 25. Januar 1656. 

Hingegen trägt die Leichenpredigt des Comenius auf 
den Grafen Raphael Leszczynski „Spiegel gutter Obrig- 
keit 1636" die Aufschrift: „Gedruckt zur Polnischen Lissa 
durch Wigandum Funck," über dessen Druckerei unten 
näher berichtet werden wird. Ebenso hat er 1649 ^^s 
Funccianis eine Metaphysik auf nxu* 5 Blättern heraus- 
gegeben, die schon 1678 so selten geworden war, dass 
sich auch unter den Verwandten des Comenius kein 
Exemplar mehr fand^). Vermutlich haben zu den be- 
treffenden Zeiten die Kräfte der ihm am nächsten 
stehenden Kirchendruckerei nicht ausgereicht, so dass er 
die des lutherischen Funck in Anspruch nahm. 

Natürlich war aber auch abgesehen von den offiziellen 
Aufgaben für die Kirche (Gesangbuch, Kirchenordnimg) 
Comenius nicht der einzige Autor, der die Druckerei 
benutzte. Neben ihm ragen imter den damaligen Schrift- 
stellern der Unität besonders 3 hervor: Johann Jonston, 
Johann Bythner und Georg Vechner. Johann Jonston, der 
berühmte Arzt und Polyhistor, liess seine Werke, auch die 
für den Gebrauch des Lissaer Gymnasiums bestimmte 
Historia civilis et ecclesiastica, meist nicht in Lissa erscheinen 
sondern in Leyden (dort 1633 die erste imd 1638 die zweite 
Ausgabe der genannten Historia), Jena, Brieg, Breslau, 
Frankfurt a. M. Von Lissaer Ausgaben seiner zahlreichen 
imd die verschiedensten Gegenstände behandelnden 
Schriften sind mir nur folgende und diese auch nur aus 
einer Handschrift der Breslauer Stadtbibliothek ^ bekannt 
geworden: 



1) Korrespondence Komenskeho ed. Kva<!fala II S. 158. 

2) Der Titcllautct: „Jonstoniana derer Jonston auss Schottland." 



Zur Geschiebte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 39 

Joh. Jonstoni, Poloni, Philosophi et Medici Lesnensis 
Horae Subcisivae seu rerum toto orbe ab universi exortu 
gestarum idea. Lesnae 1639. Dedic. lUustrissimo Comitum 
Leszcziniorum utriusque ordinis pari Andreae Abbati 
Premetensi, nominato episcopo Wendensi, et Johanni 
Palatinidae Brestensi Cujaviensi. 

Ejusdem Horarum subcisivarum pars secunda 
„Historiae Monarchiarum orientalium seu rerum ab excidio 
regni Judaici ad finem monarchiae Macedonicae gestarum 
ideam libris III exhibens. Lesnae 1639. Dedic. 111. Heroi 
Boguslao Comiti in Leszno, Palatinidae Belzensi.'^ Der 
Drucker ist nicht aufgeführt, wahrscheinlich war es Vetter, 
Johann Bythner^) (1602 — 1675), Sohn des ref. Seniors von 
Kleinpolen Bartholomäus B., Pfarrer in Mielencin, Dembnica, 
Kannin und Schokken, Senior der Unität in Grosspolen, 
bekannt als Vertreter der ref. Partei auf dem Thomer 
Religionsgespräch, hat i. J. 1655 seine selten gewordene 
„Postylle . . . w Lesznie u Daniela Vetterusa" drucken 
lassen. — Georg Vechner^ (159^^ — 1647), Doktor der 
Theologie, aus Freystadt in Schlesien, war einer der 
bedeutendsten Professoren an dem berühmten Beuthener 
Gymnasium, nach dessen Aufhebung er 1628 nach Lissa 
kam und dort i. J. 1639 die Ordination zum Predigtdienst 
der Unität empfing. Ohne ein bestimmtes Amt an einer 
Gemeinde zu bekleiden, vielmehr immer noch auf Wieder- 
herstellimg der Beuthener Anstalt hoffend, hat er als 
Privatmann in Lissa gelebt, offenbar häufig, besonders 
zur Festzeit, der deutschen Gemeinde der Unität gepredigt, 
vor aUem aber ist er ebenso wie sein Bruder David als 
Mitarbeiter des Comenius bei Durchsicht der Schriften 
desselben tätig gewesen^, bis er im Jahre 1646 die 
Berufung zum Pastor, Superintendenten imd Direktor des 
G3annasiums in Brieg annahm, welche Stellung er nur ein 
Jahr hat bekleiden dürfen. Eine Reihe von theologischen 

^) Regenvolscias a. a. O. S. 392. 

^ £bendortS.ii7 u.^Bo, vglKlopsch, Geschichte des berühmten 
Sehönaichschen Gymnasiums zu Beuthen S. 113 ff. 

*) BaU, das Schulwesen der böhmischen Brüder S. 212. 



40 Wilhelm Bickerich. 

Untersuchungen in lateinischer Sprache und deutschen Pre- 
digten^) zeugen von gründlicher Gelehrsamkeit, scharfer 
Denkart und warmer, milder Frömmigkeit. So stammen aus 
seiner Lissaer Zeit und smd meist entweder ausdrücklich 
oder doch wahrscheinlich bei Dan. Vetter gedruckt (2 bei 
Funck) folgende Schriften: 

1636 Regia animi Professio, eine Erklärung des loi sten 

Psalmes. Typis Funccian. 8. 
1639 Sinus Abrahae ad Luc. 16. 22. 8. 2te Aufl. 1646 
ex of f icina T3rpographicaDanielis Vettert, Gymnasii 
T5rpographi. 3te Aufl. ohne Druckort 1678, 

1639 Der Anfang des Evangelii Johannis von dem 
Worte, das da Gott war und Fleisch worden ist 
Lissa 8 (später: Holmiae et Upsaliae). 

1640 Austeritas Christi erga matrem . . . Joh. 2,4 in 8. 
(Neue Ausgabe Kopenhagen 1737). 

1640 Der hochnachdenkliche und sehr bewegliche 
Wamungs-Spruch Jesu Christi von der Sünde 
der Lästerung wider den heiligen Geist 
Pfingstpredigt, den Senioren der Unität (darunter 
Comenius) gewidmet 

1640 Dreyfache Straffung oder Überweisung der Welt 
Joh. 16,5 — 15. Predigt an Cantate . . bei Funck. 

1643 Synodalische Erinnerungspredigt bei Zusammen- 
kunft der vereinigten evangelischen Brüderschaft 
zu Lissa in Grosspolen, über Joh. 16, 7 in 4. 

1644 JSxoXo^p seu Palus Pauli (Pfahl im Fleisch) . . . 
ad II Cor. 12,7; 8 (bei Vetter). 

Auch 2 Leichenreden, die er in Lissa 1641 und 1644 
dem Büchsen- und Pulvermacher Martin Zugehör und 
(1641) dessen Ehegattin gehalten hat, sind gedruckt 
worden, die 2te (bei Funck) unter dem Titel: „Ob das 
Pulver- und Büchsenmachen bei einem Christen auch ver- 
antwortlich sei^)? 



1) Ein Sammelband befindet sich in der Bibliothek der Kreuz- 
kirche zu Lissa, die übrigen nach Klopsch a. a. O. S. 321 ff. 

«) Die erste ist erhalten in der Bibliothek der Johanniskirche 
in Lissa — beigefügt ist eine Reihe von Gedichten verschiedener 



Zur Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 4I 

Überhaupt sind nach der Sitte der Zeit bereits damals, 
wie später noch mehr, auch in der Unität eine Fülle von 
Gelegenheitsreden im Druck veröffentlicht worden. Ein 
Verzeichnis von „Predigten der Brüder aus der Unität" 
im Archiv der Lissaer Johanniskirche^) hat uns auch aus 
der Zeit 1633 — 1656 eine Reihe von Titeln aufbewahrt, so 
eine polnische Leichenrede auf Nikolaus Latalski vom Senior 
Daniel Mikolajewski (1633) desgl. auf Andreas Firley, auf 
den Woiwoden von Sendomir Pandlowski (1650), auf den 
Senior Thomas Wengierski (1653). Femer „Klage Jesu über 
Jerusalem imd Deutschland durch Martinum Gertichium, 
Seelsorger der deutschen Gemeinde der B. C. in der alten 
Kirche in Lissa" (1637, Boguslaw Leszczynski, Johann 
Schlichting und dem Senat in Lissa gewidmet), Reden 
bei der Eheschliessung des Nikolaus Latalski mit einer 
Broniewska durch Jan Bythner und Michael Hesperus 
(Pastor in Schokken) 1641, Nagrobek (Grabmal) Balthasara 
van Metteren Grafa van Luick przez Daniela Kalaiego 
past Szczepanowskiego (1654) — letztere beiden nach 
ausdrücklicher Angabe bei Dan. Vetter in Lissa gedruckt 
Besondere Hervorhebung verdient die Sammlung latei- 
nischer Klagelieder von den Professores et Praeceptores 
des aufgehobenen Beuthener Gymnasiums anlässlich der 
Beisetzung des unglücklichen Freiherm Johannes von 
Schoenaich^ in der alten d. i. ref. Kirche in Lissa 1642. 4 
(bei Dan. Vetter), die letzt*e öffentliche Kundgebung der 
berühmten Lehranstalt. 

Dem letzten Jahrzehnt der Vetterschen Druckerei 
entstammt noch eine kleine aber bedeutsame Schrift 
amtlichen Gepräges, nämlich: „General- und Special- 
Bekäntnüss . . . von den Evangelischen Reformierten Kirchen 
im Königreich Pohlen . . . durch Ihre Delegaten auff dem 
Colloquio zu Thom im Jahre Christi 1645 verfasset und 
übergeben .... Dem gemeinen Mann zum besten auss 

Verfasser, darunter von Joh. und Samuel Heermann, Joh. Jonston, 
der Dichterin Anna Memorata. 

1) A I 17. 

^ Der vollständige Titel bei Klopsch a. a. O. S. 193 ff. 



42 Wilhelm Bickerich. 

dem Lateinischen . . . übersetzt . . . Gedruckt zu Lissa bey 
Daniel Vettern 1650". Die Veröffentlichung dieser Über- 
setzung des Thomer Bekenntnisses in der Unitätsdruckerei 
zu Lissa ist wohl mit ein Beweis für die anderwärts näher 
zu begründende These, dass die Verschmelzung der Unität 
in Grosspolen mit der reformierten Kirche wesentlich aus 
dem Thomer Religionsgespräch herstammt. 

Ob die Druckerei im Laufe der Zeit in Vetters Eigen- 
tum übergegangen ist, mag dahingestellt bleiben. Die 
spätere Ausdrucksweise: ex officina Danielis Vetteri Gym- 
nasii Typographi scheint darauf hinzudeuten. Jedenfalls 
hat sie i. J. 1656 in der Zerstörung Lissas ihr Ende er- 
reicht. „Dieses Vetteri Officin ist im ersten Brande zer- 
schmolzen, und sind viel nützliche Schriften imd Dokumente 
zugleich mit in die Luft geflogen und verbrannt'*, heisst 
es in einem etwa aus dem Jahre 1750 stammenden Blatt: 
„Von der Lissnischen Buchdruckerey"^), das sonst wenig 
Kenntnis von dem Umfang und Ursprung der Vetterschen 
Druckerei verrät. Comenius erwähnt in dem Brief an 
den Buchhändler Montanus, dass sein kostbares Lexikon 
der böhmischen Sprache, das nach 3ojähriger Arbeit 
endlich im Jahre 1656 zum Druck befördert wurde, 
mitsamt der Druckerei und der ganzen Stadt Lissa in dem 
unverhofften Brande untergangen sei. Doch findet sich 
merkwürdigerweise noch in den späteren Protokollen des 
reformierten Presbyteriums 'die Erwähnung einer im 
Eigentum der Kirche befindlichen Buchdruckerei, woraus 
wohl zu schliessen ist, dass Reste der Vetterschen Offizin 
gerettet und lange Zeit verwahrt worden sind. Es heisst 
da unter dem 8. Dec. 1682: „i. Wurde deliberieret wegen 
des Cancionals, wie, wo und wann es zu drucken. Man 
kunnte aber auff keinen Schluss kommen. Und hat man 
es auff künftige Session aufgeschoben. (Das Gesangbuch 
ist im Jahre 1694 in Bter Ausgabe erschienen.) 2. Die 
Buchdruckerey soll dem Buchdrucker, so er das Gesangbuch 

1) Im Besitz der Raczynskischen Bibliothek zu Posen, sowie 
des Herrn Buchdruckereibesitzer Schmädicke in Lissa, der es im 
»Lissacr Anzeiger* 1900 veröffentlicht hat. 



Zur Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 43 

drucken wird, für 80 Rtth. gelassen werden." Vielleicht 
hat der unten zu nennende Michael Bück die Reste der 
Kirchendruckerei hernach noch käuflich erworben. 

Vetter selbst hat sich nach Schlesien gerettet und 
hat, in Brieg wohnend, das Hirtenamt an den in Schlesien 
zerstreuten Böhmen übernommen imd trotz vielfacher 
Kränklichkeit mindestens bis zimi Jahre 1669 versehen, 
wie ein Brief des greisen Comenius an Bythner vom 
6. Febr. 1669 beweist^). Im Jahre 1662 wurde er Hoch von 
Comenius zum Consenior vorgeschlagen, während derselbe 
früher gegen seine Wahl zu diesem Amte eine gewisse 
puerilitas, die ihm anhaftete, geltend gemacht hatte. Aus 
der Ehe mit Christina Poniatowska sind 3 Töchter und 
2 Söhne hervorgegangen; von den letzteren ist der jüngere 
Georg ^ im Jahre 1667 Pfarrer der Unitätsgemeinde 
in Nassenhuben bei Danzig als Nachfolger und auf 
Vorschlag des Petrus Figulus, des Schwiegersohnes des 
Comenius, geworden. 

Gleichzeitig mit Vetter oder der Unitätsdruckerei 
bestand die Offizin von Wigand Fimck, den das schon 
erwähnte Blatt vom Jahre 1750 irrtümlich für den ersten 
Buchdrucker Lissas hält, und von dem es berichtet: „Zu 
gleicher Zeit war in Glogau Joachim Funcke — der Name 
lautet richtig Fimck — Buchdrucker, welcher mutmasslich 
ein Bruder oder Anverwandter unsers Lissaischen Funckes 
mag gewesen seyn." In der von ihm selbst verfassten 
Vorrede zu dem bei ihm erschienenen Lobgesang Joh.Heer- 
manns auf die Buchdruckerkunst anlässlich ihres 200 jäh- 
rigen Jubiläums 1640 spricht Wigand Funck von seiner 
„geringen, defekten und durchplünderten Druckerey" und 
dem „bitteren exilium", darein er den Ehrenruhm der 
Buchdruckerkunst für seine Person mitnehmen wolle. 
Hieraus ist zu schliessen, dass er zu den aus Schlesien 
vertriebenen Glaubensflüchtigen gehört hat, wie denn 
seine Druckerei für die lutherische Kirche in Lissa und 



^) Korrespondence K. ed. Patera S. 193, 276 und 254. 
^ Schnaase, die böhmischen Brüder in Danzig S. 155. 




44 Wilhelm Bickerich. 

Umgebung eine ähnliche Bedeutung gehabt zu haben 
scheint als die sog. Vettersche Offizin für die Unität, nur 
mit dem Unterschied, dass die letztere direktes Eigentum 
des kirchlichen Verbandes war. Jene Vorrede zeigt 
zugleich eine sehr würdige und edle Auffassung seiner 
Kunst Er widmet das Büchlein „Georgio Bawmann^), 
Gregorio Rietschen und Henningio Köhlern, vornehmen 
Bürgern und Buchdruckern in Bresslaw und Leipzig**, in 
Erwiderung einer Jubiläumsschrift von Gregor Rietsch,^ 
preist „die edle Kunst, welche warlich in diesen letzten 
Zeiten, da so viel Rotten und Secten im Schwange gehen^ 
die getreweste Dienerin aller Menschen ist, welche uns 
die H. Schrift und nebenst derselben viel schöner geist- 
reicher Bücher als hellescheinende Liechter vorleget", weiter- 
hin die Vorsehung Gottes, der, ehe er das „hochheilige 
Werk der recht-christlichen Reformation vorgenommen» 
zuvor Ihm eine solche Werckstadt erfunden, durch welche 
sein heiliges und auss der Finsternis hervorgesuchtes 
seeligmachendes Wort mit kräfftiger Gewalt möchte er- 
hallen und erschallen", und kann die Betrachtung nicht 
zurückhalten, wie es geworden wäre, wenn solche Kunst schon 
zu Davids oder Salomos Zeiten gewesen wäre, und wieviel 
„herrlicher Predigten unsres Erlösers und seiner Apostel 
wir entraten müssen", darum, weil jene Kunst damals noch 
gefehlt hat. Betrübt darüber, dass „dieses hochherrliche 
Werck .... von vielen nur zu des Teuffels Wegen und 
zu allerhand Lügen und Schandpossen gebraucht wird," 
schliesst er mit dem Vorsatz: „Doch wer böse ist, der 
sey immerhin böse. Wir wollen uns mühen, dass wir der 
göttlichen Warheit und dieser Kunst Würdigkeit nach- 
jagen, hiegegen mögen alle Hudler und Sudler an jenem 
Tage von diesem ihrem bösen Vornehmen Rechenschafft 
geben*'. /Vis ein Mann von Bildung zeigt sich Funck auch, 

1) G. ßaumann war Inhaber der hochangesehenen, 1538 von 
Andreas Winkler gegründeten Stadtbuchdruckerei in Breslau. Bei 
ihm sind viele Werke Joh. Heermanns erschienen. Vgl. Lorck, 
Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst, I S. 145. 

^ Bedeutender Verleger in Leipzig 1624— 1643 vgl. LorckS. 147 




Zur Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 45 

wenn er bei dem Tode des ältesten Sohnes des Statt- 
halters Schlichting 1639 zu einer bei ihm gedruckten 
Sammlung von Trostgedichten (darunter Beiträge von 
J. Heermann, Martin Opitz und Comenius) auch selbst 
ein deutsches Gedicht beisteuert^). 

In welchem Masse die Funcksche Druckerei zu 
kirchlich-erbaulichen Zwecken der neugegründeten luthe- 
rischen Gemeinde in Lissa benutzt wurde, ergibt sich 
aus mehreren Sammelbänden von Gelegenheitsreden, 
die sich in der Bibliothek teils der dortigen Kreuzkirche 
teils der Stadtbibliothek in Breslau befinden und die 
Jahre 1635 — ^^55 umfassen. Es sind daraus folgende 
besonders hervorzuheben: 

1. „Initiatio Templi Novo-Lesnensis Einweyhung der 
New Lissawschen Kirchen" von Michael Maronius, dem 
ersten Geistlichen der Gemeinde, ein Jahr nach der am 
I. Advent 1635 erfolgten Einweihung herausgegeben. 

2. Heptas sacrarum, eine Erbauungsschrift von dem- 
selben Maronius. 

3. Die bei des Maronius Tod (1642) von seinem 
Diakonus Albinus gehaltene Leichenrede. 

4. Die Antrittspredigt des neuen Geistlichen Joh. 
Holfeld (1642). 

5. Bonus pastor gregis Christi, Leichenrede auf Joh. 
Heermann gehalten von Joh. Holfeld (1647). 

Ausserdem sind in den genannten Bänden noch 
eine lange Reihe von Reden anlässlich von Todesfällen 
teils in den angesehenen lutherischen Bürgerfamilien wie 
z. B. Stange, Wäber, Knappe, Polluge, Liehren, Henniges, 
Biberstein, Rehner, Jander, Heintze, Jacob von Augspurg 
(Apotheker, aus Olmütz gekommen), Heyssig, Curtius, 
teils in Familien des schlesischen Adels z. B. von Nie- 
belschütz, von Dyherm (letztere Rede ist allerdings bei 
Daniel Vetter gedruckt). Auch eine Reihe Fraustädter, 
mehrere in der schlesischen Nachbarschaft z. B. vom 
Pfarrer Amhold in Gr. Tschirne gehaltene Reden, ja 



^) Monatshefte der Comenius-Gesellschaft 1903 S. 36. 




46 Wilhelm Bickerich. 

sogar solche aus Brieg (bei der Beerdigung des Landes- 
hauptmanns Melchior von Senitz 1644) ^^^ Crossen 
(Pastor Kolckwitz) sind bei Funck in Lissa gedruckt 
Besondere Erwähnung gebührt noch der „Christlichen 
Valet und Letz-Predigt", welche Joh. Mende nach Auf- 
hebung des evangelischen Gottesdienstes in Guhrau zu 
Alten-Guhrau am 25. November 1637 imter freiem Himmel 
gehalten imd noch im gleichen Jahr in Lissa zum Druck 
befördert hat^). 

Von bedeutenderen Autoren scheint ausser der ge- 
legentlichen Benutzung durch Comenius und Vechner 
nur Johannes Heermann sich der Funckschen Druckerei 
bedient zu haben. Dieser berühmte Liederdichter hatte 
wegen anhaltender Kränklichkeit sein Pfarramt in Koben 
(bei Rauten in Schlesien) aufgeben müssen und war seit 
Oktober 1638 nach Lissa übergesiedelt, wo ihm Graf 
Boguslaw Leszcz3niski eine Baustelle geschenkt hatte. 
Die Mehrzahl seiner Liedersammlungen und Trostschriften, 
auch soweit sie in der Lissaer Zeit verfasst sind, hat 
freilich auch Joh. Heermann auswärts, namentlich in 
Breslau (sein Nachlass ward hingegen in Nürnberg ver- 
öffentlicht), erscheinen lassen, sei es, weil dies für den 
Absatz günstiger war, sei es, weil die Kräfte der Funckschen 
Druckerei nicht zureichten. In letzterer sind gedruckt 
und verlegt ausser dem schon erwähnten „Ehrenruhm 
der edlen Buchdruckerkunst" (1640) noch folgende Schriften 
Heermanns :^ 

1. In Not bet allzeit. 1641. 4. 

2. Sechserley Sonntags-Andachten. 1641. 

3. Bawgedanken oder Fünfferley Häuser. 1642. 4. 

4. Parma, contra mortis arma (der dritte Teil seiner 
Leichenpredigten). 1644. 



*) Ehrhardt, Kirchen- und Predigergeschichte des Fürstentums 
Gros-Glogau 1783 S. 264 und S. 293, desgleichen des Fflrstentums 
Crossen S. 676. 

^J Mit Ausnahme von Nr. 3 — 4 im Besitz der Stadtbibliothek 
zu Breslau. 




Zur Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 47 

5. Dormitoria (der vierte Teil seiner Leichen- 
predigten). 1644. 

6. Anagrammata, Literatis quibus patria est Coebe- 
nium scripta et inscripta... Ohne Jahreszahl. 4, (Von 
Wackemagel nicht aufgeführt). 

Miterwähnt sei hier eine von dem Notarius in Herrn- 
stadt Caspar Hofman verfasste und bei Funck in Lissa 
erschienene kleine Lobschrift in Anagrammen „Triga 
theologica" auf das theologische Dreigespann Joh. Heer- 
mann, Vincenz Stephani, den ersten evang. Pastor in Ra- 
witsch, und Christophorus Albinus, Diakonus in Lissa, 
ohne Jahreszahl. 

Über die späteren Geschicke Funcks und seiner 
Druckerei fehlen uns sichere Nachrichten. Nach jenem 
schon erwähnten alten Blatt „Von der Lissnischen Buch- 
druckerey* wäre anzunehmen, dass er seine Offizin an 
einen gewissen Johann Kuntze um 1652 verkauft hätte, 
denn es heisst dort: „Herr Johann Kuntze, von 1652 
bis 1662, muss die Druckerey notwendig eigentümlich 
besessen haben, denn er ist mit derselben hernach von 
Lissa nach Steinau gezogen, allwo er seine Offizin 
eröffnet, muss sie aber nicht lange behauptet haben, denn 
es hat bald ein anderer Buchdrucker Nahmens Rösner 
ihm in Steinau succedirt." Vermutlich bei ihm ist die 
Leichenrede Albrecht Güntzels „der wohlthätige Jojada**^ 
auf den Bürgermeister Philipp Held sen. 1655 erschienen*). 

Sollte die Zerstörung Lissas am 29. April 1656 
nicht auch der Funck-Kimtzeschen Druckerei den Unter- 
gang gebracht haben, so war sie jedenfalls die Ursache 
ihrer Verlegung. Die Stadt hat damals sowohl in ihrem 
materiellen Wohlstand wie in ihrem geistigen Leben 
einen Schlag erhalten, von dem sie sich erst unter 
preussischer Herrschaft langsam und vielleicht bis heute 
nicht ganz erholt hat Der Brand Lissas, dieser Zierde 
Grosspolens, durch die Polen selbst herbeigeführt, war 
wie ein Signal zu den kommenden Stürmen und be- 



*) Wemcr-Stcffani a. a. O. S. 197. 



48 Wilhelm Bickcrich. 

leuchtete grell die ganze Unsicherheit, in der evangelischer 
Glaube und deutscher Bürgersinn im polnischen Reiche 
sich befanden. Kein Wunder, dass nicht wenige der 
geflüchteten Bewohner den Mut zur Rückkehr verloren 
und in der Fremde ansässig wiu-den. Immerhin erlebte 
die Stadt durch den Fleiss und die Tatkraft derer, die 
langsam sich wieder in ihren Trümmern gesammelt 
hatten, eine wachsende Nachblüte, die freilich auch kaum 
ein halbes Jahrhundert währen sollte. Zunächst musste 
die Stadt einer Druckerei entbehren, und man benutzte 
in dieser Zeit benachbarte schlesische Offizinen. So ist 
die Leichenrede, welche Joachim Gülich, reform. Prediger in 
Lissa, dort dem am 14. Juli 1664 verstorbenen schlesischen 
Kartographen und Notarius Jonas Scultetus^) gehalten 
hat, unter dem Titel Mors justorum bei Johann Kuntze 
in Steinau gedruckt. Um 1670 erhielt Lissa auch 
wieder eine Druckerei durch Michael Bück, über dessen 
Herkunft wir nichts wissen. Dieser, „ein sehr fleissiger, 
akkurater und berühmter Mann, schaffte seine Druckerei 
aus Holland an", wie jenes alte Blatt sagt Gegen Ende 
des I7ten Jahrhimderts hatte die Verbreitung holländischer 
Ausgaben in Deutschland den Sinn für schöne Drucke 
geweckt, und man fing an, sich Matrizen aus Holland 
kommen zu lassen^. So scheint Bucks Druckerei auf 
der Höhe der Zeit gestanden zu haben. Anfänglich hatte 
er Gottfried Güntzel zum Kompagnon, der aber bald die 
Offizin in Oels von seinem dortigen Eidam Johann Sejrfert 
annahm, um auch diese 1686 an Bockshammer zu ver- 
kaufen und dann in die Baumannsche Druckerei in Breslau 
einzutreten. Auch Bück drohte einmal Konkurrenz, doch 
wurde sie durch die Obrigkeit abgewehrt, denn die 
Stadt konnte nicht mehr wie in ihrer Blütezeit zwei Druk- 
kereien beschäftigen. Jenes Blatt sagt darüber: „Nach- 



1) Über ihn Klopsch a. a. O. S. 287 ff. Danach sind des Scol- 
tetas Landkarten unter dem Titel ^Mappa SUesiaca'' ohne Jahres- 
zahl in Amsterdam bei Petrus Schenk und Gerhard Valk erschienen. 

^ Lorck, Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst I, 
S. 161. 



Zur Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 49 

gehends bekam Johann Christoph Wilde, ein guter Freund 
Herrn Michael Bucks, da er sähe, dass Bück viel Arbeit 
hatte, Appetit, sich auch in Lissa mit seiner Buchdruckerei 
zu setzen, allein weil sich beide dadurch ruiniert hätten, 
haben es Se. Excell. Graf Boguslaus und Raphael 
Leszczynski durchaus nicht erlaubt, daher wandte sich 
Wilde in die Königliche Stadt Fraustadt und eröffnete 
darin seine Offizin; er musste sich aber wegen einer 
Streitigkeit, woran er gar keinen Anteil hatte, nach 
Schlichtingsheim begeben, ward auch von dem Herrn 
Baron von Schlichting, als einem sonderbaren Gönner der 
Buchdruckerkunst, mit vieler Freude aufgenommen und 
mit herrlicher Freiheit begnadet. Unser Bück, welcher in 
grossen Gnaden bei seiner Gnädigsten Erb-Herrschaft 
stand und von deroselben auf alle ersinnliche Art und 
Weise in seiner Kunst gefördert und oft deswegen auch 
sogar durch mündliche Nachfrage begnadigt wurde, bekam 
von Sr. Excell. Graf Boguslaw und Raphael Leszczjoiski 
ein herrliches Privilegium, kraft dessen sich auf den ganzen 
Provinzen Sr. Excellenz kein Buchdrucker setzen durfte, 
mit zugleich beigesetzter Konfirmation, femer einen Buch- 
laden zu führen, welches Privilegium man schriftlich nebst 
eigenhändiger Unterschrift und Siegel in Händen hat." 
Hiemach hat Bück „einen Buchladen** d. h. eine Sorti- 
mentsbuchhandlung in Lissa geführt, wie sie damals mehr 
und mehr aufkamen. Die Trennung von Buchdruck, Buch- 
verlag und Buchhandel, wie sie sich schon seit dem Ende 
des 15. Jahrhundert angebahnt hat, ist an kleineren Plätzen 
erst spät durchgedrungen, in Lissa erst im 19. Jahr- 
hundert. Bucks eigener Verlag ist freilich kaum umfang- 
reich gewesen, bot vielmehr meist erbauliche Gelegenheits- 
schriften, wie Leichen- und Hochzeitspredigten und ent- 
sprechende Gedichte auf Ereignisse in den angesehenen 
Bürgerfamilien von Lissa, auch von Fraustadt, bezüglich, 
ganz ähnlich wie früher zu den Zeiten von Daniel Vetter 
und Funck, nur dass die Reden noch länger, schwülstiger 
sind, und der Druck meist in Folio, nicht in Quart erfolgt 
ist. Aus den in den Kirchenbibliotheken zu Lissa und 

Zeitschrift der Hist. Ges. fOr die Prov. Posen. Jahrg:. XIX. 4 



50 Wilhelm Bickcrich. 

im Posener Staatsarchiv (Depositum der Johanniskirche) 
aufbewahrten Schriften dieser Art verdienen vielleicht die 
Leichenreden auf den (luth.) Pastor Samuel Hentschel 
(t 5. Febr. 1690), sowie auf den Kaufherrn und Bürger- 
meister Gottfr. Held jun. (f 24. Sept 1692) und den Se- 
kretär und Notar der Stadt Christ Hölcher (f 19. Febr. 1693) 
eine Hervorhebung, während Adam Sam. Hartmanns 
Predigten^) anlässlich des Todes des Seniors J. Bythner 
und des Konrektors Daniel Gleinig beide 1689 bei Joh. 
Christoph Wild in Fraustadt erschienen sind. An Schriften 
von allgemeinerer Abzweckung und Bedeutung sind 
aus Bucks Verlag vor allem die Lieder von Abraham 
von Kiesel (geb. 1635 in Fraustadt, f 1702 in Jauer, 
Pfarrer in Ulbersdorf, Zedlitz, Driebitz und Jauer) zu 
nennen, die unter dem Titel „Vergiss mein nicht oder 
Jesus-süsse Andachten" zuerst im Jahre 1675 ^^^ Bück 
erschienen sind, sowie desselben Schrift ^^O: „Zwei Diskurse 
vom Alter des Glases und der Mohren ihrer Schwärze** 
aus dem gleichen Jahre, femer die achte Ausgabe des deut- 
schen Gesangbuches der Unität 1694^), sowie „Biblisches 
Spruch-Büchlein, der lieben, evangelisch-lutherischer Schule 
zugetanen Jugend in Lissa zu Nutz, nach denen Buchstaben 
im A B C von Johann Benjamin Kretschmer, alldort ver- 
ordneten Lehrer, in etliche Ordnungen eingeteilet", während 
Sam. Hentschel, Prediger der Kreuzkirche in Lissa, seine 
„Kleine Hauspostille für kranke und betrübte Personen^ 
absonderlich diejenigen, die am Gehör Mangel haben", 
i. J. 1690 in Wittenberg und Frankfurt bei Schuhmacher 
veröffentlicht hat. Ein politisch-satirisches Flugblatt*) an- 
lässlich der Wahl August des Starken zum König von 
Polen mit dem Titel „die unglückliche Witwe, aber nun 
glücklich-vermählte Krön Pohlen" trägt ohne Angabe des 



1) Erwähnt in Wemcr-Steffani, Geschichte der evang. Paro- 
chieen S. 188. 

2) S. J. Ehrhardt a. a. O. S. 253. 

3) Nach der Vorrede zur zehnten Ausgabe, Lissa 1760. 
^) in der Bibliothek der Johanniskirche zu Lissa. 



Zur Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 5^ 

Druckers die Aufschrift: „Gedruckt zur polnischen Lissa 
im Jahre 1697." 

Bück starb im Jahre 1701 im Alter von 85 Jahren 
und erhielt einen würdigen Nachfolger in Benjamin 
Friedrich Held. Die Familie Held, zu den Guhrauer Exu- 
lanten gehörig, war in Lissa schnell zu grossem Ansehen 
gelangt imd hatte in der Blütezeit der Stadt ihr in Philipp 
Held dem älteren einen sehr verdienten Bürgermeister 
gestellt B. F. Held war ein Enkel dieses Bürgermeisters 
und Sohn eines luth. Konrektors, „ein Mann von alter 
deutscher Treue und Redlichkeit", wie ihm sein Nachfolger 
Presser in dem erwähnten Blatt bezeugt. Nachdem er bei 
Bück in Lissa die Kunst erlernt, hat er im Jahre 1696 am 
26. August in der Baumannschen Druckerei „sein Postulat ver- 
schenkt", d. h. unter den üblichen, mit einem guten Schmaus 
endenden Feierlichkeiten^) die Lossprechung zum Gesellen 
erlangt, und zwar zugleich mit Heinrich Adolphi, späterem 
Buchdrucker in Greifswald, dann in Freystadt, und mit 
Johann Christoph Wätzold, späterem Drucker in Liegnitz. 
Unter seiner Leitung behielt die Druckerei denselben Cha- 
rakter wie unter seinem Vorgänger. In die Reihe der 
Gelegenheitsschriften — darunter Reden und Gedichte 
anlässUch des Todes des reform. Pastors Joachim Gülich 
(t 1703 Okt. 27, einstiger Gegner von Dan. Ernst Jablonski) 
und des Grafen Raphael Leszczynski (t 1703) — fügen 
sich jetzt auch kleine Festprogramme und Einladungen 
des G5minasiums (z. B. zur Rektoratsrede Samuel Arnolds, 
zum 150 jährigen Jubiläum der Anstalt, zu Aufführungen 
der Schüler u. dergl.) ein, wie Held auch besonders die 
Schulbücher für die Lissaer Anstalt gedruckt und verlegt 
hat Bei ihm erschien femer 1706 ein Gebetbuch Samuel 
Arnolds imter dem Titel „Heilige Übungen eines bätenden 
Christen", eine Übersetzung und Zusammenstellung polni- 
scher und englischer Gebete, die heute noch in Lissa mehrfach 
gebraucht wird. Doch nahm sein Besitz ein schnelles 



1) Eine Beschreibung dieser auch Deposition genannten 
Handlung z. B. bei Lorck a. a. O. S. 165. 



52 Wilhelm Bickcrich. 

Ende. Am 29. Juli 1707 wurde Lissa zum zweitenmal, 
diesmal durch ein russisches Streifkorps, eingeäschert. Es 
gelang Held, wenigstens einen Teil seiner Typen nach 
Tschimau zu retten, während die Presse und die ganze 
übrige Offizin in Lissa verbrannte; er selbst begab sich nach 
Breslau, wo er „in der berühmten Baumannschen, itzo Herrn 
Grasses Buchdruckerey seine Kunst als ein Mitglied dortiger 
Gesellschaft fortsetzte, auch allda des Lissaischen Stadtkochs 
imd Konditors hinterlassene Tochter, die sich in Breslau 
ebenfalls aufhielt, heyrathete". Witwer geworden und an 
Taubheit leidend ist er dann i. J. 1741 wieder nach Lissa 
zurückgekehrt, um sich zur Ruhe zu setzen. Dort ist er 
auch am 14. Febr. i744amSchlagfluss, 71 Jahie alt, gestorben. 

Von 1707 — 1716 hat die zum zweitenmal so schwer 
betroffene Stadt eine Druckerei entbehrt In dieser Zeit 
nahm man im Bedarfsfalle seine Zuflucht zu der Offizin 
in Schlichtingsheim, deren Begründung durch Johann 
Christoph Wild oben erzählt ist. Als deren Inhaber er- 
scheint 1718 Johann Gottfried Haase und später (1739) 
Gottfried Bömer; sie hat noch 1745 bestanden, wie die 
in ihr gedruckte kleine Festschrift: „Hundertjährige Jubel- 
Freude der Evangelischen Kirchen in der Stadt Schlichtings- 
heim*)" beweist. Diese Druckerei hatte grossen Ruf und 
diente den Evangelischen bis tief nach Schlesien hinein, 
wo sie damals unter hartem Druck standen, z. B. auch 
denen in der Stadt Glogau, wie vielfach Titel von Schriften 
zeigen, die Ehrhardt in seiner Presbyterologie des evan- 
gelischen Schlesiens anführt. Kein Wunder, dass sie auch 
von Lissa aus noch nach 17 16 benutzt wurde. Für unsere 
Provinzialgeschichte kommen aus dem Verlag in Schlichtings- 
heim, abgesehen von einer Reihe von Gelegenheitsschriften, 
Leichenreden und dergL folgende Werke in Betracht: 

1693 „Singularia quaedam Polonica", eine kleine Ge- 
schichte des polnischen Reiches, verfasst von Nicolaus 
de Chwalkowo Chwalkowski. 



1) Ueberfeld, Nachrichten über die evgl. Kirche in Schlichtings- 
heim S. 74. 



Zur Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 53 

1739 „Frommer Christen seufzende Seele und sin- 
gender Mund", Gebetslieder zu den Evangelien imd 
Episteln (nach der Vorrede früher schon unter dem Titel 
„Gebet und Singelust" erschienen), von Zacharias Herr- 
mann ^), luth. Pastor in Lissa und Senior der Augsburger Kon- 
fession in Grosspolen (1643 — 17 16), der neben Herberger, 
Heermann und Kiesel zu den namhaften evangelischen 
Kirchenliederdichtem unserer Provinz zählt Auch das 
„Enchiridion", ein Katechismus und Gebetbüchlein für die 
reform. Gemeinde in Lissa, 1713, ist vermutlich in Schlichtings- 
heim gedruckt 

Im Jahre 1716 kam Michael Lorenz Presser auf schrift- 
liches Ersuchen des Magistrats nach Lissa und beschaute die in 
Tschimau verwahrten Lettern aus der Heldschen Druckerei^ 
die aber „in grösster Konfusion alle unter einander in 
Fässer geworfen waren, so dass man wenig oder nichts 
betrachten konnte". Dennoch kaufte er die Typen und 
brachte nach eigener Versicherung über 8 Wochen zu^ 
ehe er eine kleine Ordnung treffen konnte. „Wie abge- 
nutzt und schlecht diese Lettern ausgesehen, kann die erste 
Arbeit auf die Tit Eydner und Rudolphische und auf 
die Tit Kosiorowski und Trajanische Hochzeit be- 
zeugen. Er hat sich alsobald angelegen sein lassen, die 
Druckerei zu bessern, sodass von den ehemaligen Typen 
sehr wenige noch vorhanden sind". Aus Thüringen 
stammend, 1675 ^^ Leubingen als Sohn des Leinwebers 
Johann Pr. geboren, hatte er in Eisenach bei Johann 
Caspar Bachmann die Kunst erlernt, am 30. März 1701 in 
Bremen bei Hermann Brauer „postuliert", dann in „Bremen^ 
Rudolstadt, Oldenburg, Hamburg, Kiel, Rostock, Greifs- 
wald, Stettin, Stralsund, Weissenfeis, Zittau, Dresden und 
Läuban konditioniert", somit anscheinend reiche Erfahrungen 
gesammelt. In der Tat zeigen die Drucke der Offizin, 
unter seiner und seiner Söhne Leitung bei Einführung 
kleinerer Schriftgattung Klarheit und Regelmässigkeit, auch 



^) Ober ihn und seine Lieder vgl. Evangelisches Jahrbuch für 
die Provinz Posen 1862, S. 113 ff. 



54 Wilhelm Bickerich. 

wendet er mannigfache Verzierungen zu Anfang und 
Schluss der Bücher und ihrer einzelnen Teile an; in seinen 
Gesangbüchern ist der Anfangsbuchstabe bei jedem Liede 
in grossem verziertem Druck ausgeführt. Unter dem 
26. März 1744 bestätigt ihm der Reichsgraf Alexander 
Joseph von Sulkowski das einst Bück gewährte Privileg. 
Vorher hat er zeitweilig eine Konkurrenz an dem Ver- 
leger Joh. Gottfr. Cundisius gehabt, bei dem 1739 unter 
dem Titel „Andächtiges Seelen -Vergnügen" ein Gesang- 
und Gebetbuch der luth. Kirche mit Vorrede des General- 
seniors Thomas herausgekommen ist. Bald nach 1750 ist 
M. L. Presser gestorben und die Druckerei in die Hände 
seiner Söhne Samuel Gottlieb (geb. 1720) und Michael 
Lorenz (geb. 1726) übergegangen, von denen der erste 
1740 in Lauban bei Nicolaus Schill postuliert und dann 
schon zu Lebzeiten des Vaters die Leitung der Lissaer 
Druckerei übernommen hatte, während der jüngere 1750 
in Glogau bei Wolfgang Michael Schweickhardt postuliert 
und dann in der Hofbuchdruckerei von Gäbert in Berlin 
konditioniert hatte. Aus der Presserschen Offizin sind 
folgende Schriften allgemeiner Bedeutung hervorgegangen: 

1729 eine neue Auflage des Enchiridion oder des 
Katechismus für die reform. Gemeinde. Nach dem im Archiv 
der Gemeinde vorhandenen Vertrag vom 3. Mai 1729 hat das 
Presbyterium den Katechismus in eigenen Verlag genommen 
und den Drucker verpflichtet, „keine Exemplaria zum 
Nachtheil der Kirche vor sich zu drucken, viel weniger 
dergleichen zu verkauffen". Das zu einer Auflage von 
2000 Stück in Querduodezformat erforderliche Papier von 
6 Ballen hat die Gemeinde auf eigene Kosten angeschafft 
und zwar zum Preise von 7 rtt pro Ballen, wovon jedoch 
6 rtt. nach beendetem Druck von dem Druckerlohn 
decourtiret werden sollten. Dieser Druckerlohn betrug 
für das erste Hundert Exemplare i rtt. pro Bogen, für das 
zweite und dritte Hundert ebenso Va rtt. und für die 
übrigen Hunderte bis zur verabredeten Vollzahl Vs rtt 
pro Bogen. 

1748 das Gebetbuch Sam. Arnolds in neuer Auflage. 



Zur Geschichte des Bachdrucks und Buchhandels in Lissa. 55 

1750 Honor cum gloria seu Panegyris, eine dem 
Grafen A. J. Sulkowski und dem Palatin Petrus Sapieha 
anlässlich der Vermählung des letzteren mit der Komtesse 
Johanna Sulkowska gewidmete Lobrede auf die beider- 
seitigen Geschlechter, verfasst von Valentin S. K. Wenda, 
Professor der Philosophie „in Aula Rydzynensi" d. h. in 
der Piaristenschule zu Reisen. 

1750 Primitiae phisico-medicae ab iis, qui in Polonia 
et extra eam medicinam faciunt, coUatae, Vol. I. Die späteren 
Bände dieser physikalisch-medizinischen Zeitschrift sind 
1750 und 1753 in Züllichau erschienen. Als Herausgeber 
nennt sich Gottlob Ephraim Herrmann, Arzt in Bojanowo 
(t 1780), doch war die eigentliche Seele dieses Unter- 
nehmens Ernst Jeremias Neifeld^) (geb. 18. Januar 1721 in 
Zduny), seit 1745 Arzt und Provinzialphysikus für die 
Sulkowskischen Güter in Lissa. 

1751 Joh. Gottfr. Axt's Analecta Freystadiensia 
(Chronik von Freystadt), herausgegeben von seinem Eidam 
G. Foerster. 

1756 Foerster, G., Einige gesammelte Nachrichten 

von der Erbauung und den . . . Schicksalen der 

Stadt Lissa in Grosspolen. 

1760 die zehnte und letzte Ausgabe des deutschen 
Gesangbuchs der böhmischen Brüder und zwar unter dem 
Titel: „Gesangbuch zum Gebrauch der ref. Gemeinde 
in Lissa und der übrigen deutschen Gemeinden der Unität. 
Neue vermehrte Auflage". 

1767 „Vermehrte Sammlung geistlicher Lieder zum 
Gebrauch der evang. luth. Gemeinde zu Lissa, herausge- 
geben von Joh. Caspar Langner** dazu im Anhang ein 
Gebetbuch — anscheinend im Selbstverlag der luth. Ge- 
meinde, aber mit dem Vermerk „gedruckt mit Presserischen 
Schriften". 

1769 Neue Ausgabe des Enchiridion (s. oben). 



^) Ober ihn berichtet näheres sein Schwiegersohn Konsistorialrat 
D. Georg Christian Arnold zu Warschau in der Schrift: „Physiker 
in Lissa nach Jonstons Tode (1675 — 1775)- Warschau 1821". 



56 Wilhelm Bickcrich. 

1771 „Paedia grammaticae oder Kurzer Unterricht 
der Gründe zur Lateinischen Sprache. Nach der Lehrart 
Joh. Rhenii zum Gebrauche des Lissnischen Gymnasii, 
zuerst verfertigt von J. S. Ch. Jetzt aber verbessert und 
mit verschiedenen Zusätzen vermehrt, von neuem aufge- 
legt". Nach der Vorrede konnte das Buch auf einen langen 
Gebrauch im Lissaer Gymnasium zurücksehen. Verfasser 
ist jedenfalls Johann Serenius Chodowiecki, 1691 — 1702 
Conrektor und Rektor am Lissaer Gymnasium. 

1777 Powinosci przystQpuj^cych do stolu bozego 
(Pflichten betr. heilige Kommunionsfeier). 

Es ist bezeichnend für den tiefen Stand des geistigen 
Lebens Lissas im 18. Jahrhundert, dass kein Mann von 
Ansehen und Ruf in ihm die Feder geführt hat, und kein 
Werk in dieser Zeit aus seinen Mauern gegangen ist, das 
eine mehr als lokale Bedeutung gehabt imd über die 
Grenzen der Stadt oder höchstens der nächsten mit ihr 
zusammenhängenden kirchlichen Verbände hinaus gewirkt 
hätte. Der einzige Schriftsteller, der hierfür in Betracht 
käme, der oben genannte Arzt Neifeld, liess seine zahl- 
reichen Abhandlungen „von der Absonderung der Säfte", 
„von Altwasser Sauerbrunnen*', „von der goldenen Ader", 
„Ratio medendi morbis circuli sanguinei" meist in Züllichau, 
Glogau imd Breslau erscheinen. Um so mehr blühte die 
Gelegenheitsschrift zu persönlichen und familiären Zwecken 
mit ihrer oft recht überschwänglichen und fragwürdigen 
Lobrednerei. Unter den Drucken dieser Art, wie sie in 
grosser Fülle (ein starker Sammelband befindet sich in 
der Bibliothek der Johanniskirche) aus der Presserschen 
Zeit vorhanden sind, tritt die kirchliche Rede seit etwa 
1720 mehr zurück, um kürzeren oder längeren Glück- 
wimsch- oder Trauergedichten, sei es in deutscher, sei 
es in lateinischer oder polnischer Sprache Platz zu machen. 
Doch sind unter den noch gedruckten kirchlichen Reden 
zu nennen die mit grossem Holzschnitt (P. Busch sculpsit 
Berolini 1741) geschmückte Leichenrede auf den Kauf- 
herrn Joh. Jacobsen in Lissa (1741) und die bei dem 
Begräbnis des Fürstordinaten August Sulkowski vom 



Zar Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 57 

Rektor der Piaristenschiüe zu Reisen am 28. Januar 1786 
gehaltene Gedenkrede unter dem Titel: Mowa miana 
na pogrzebie .... Augusta Sulkowskiego .... przez 
Atanazego Jozefa Pomorzkantta (im Besitz des Lissaer 
Gsonnasiums). 

Streitigkeiten, welche in der Unität i. J. 1778 über 
die Verwendung der Collektengelder ausbrachen, ihren 
tieferen Grund in einem Zwiespalt zwischen dem polnischen 
Adel und der deutschen Bürgerschaft hatten, aber diu-ch 
persönliche Eifersüchteleien und Ränke noch stark ver- 
bittert wiu-den, führten zu folgenden Druckschriften, 
die beide ohne Angabe des Druckortes, vermutlich aber 
in Lissa erschienen sind: 

„Rechtfertigimg des Königl. Pohln. und der durchl. 
Republique Armee bestellten General-Stabs-Medici A. E. 
Wolff wegen der diu-ch ihn seit etwa zwey Jahre ver- 
walteten Collektengelder für die Evangelisch-Reformirten 
Kirchen in Gross-Pohlen. Im Juli 1778" und 

„Abgenötigte Antwort des Königl. Pohl. Hofraths 
und des Evangelisch-Reformirten Presbyterii zu Lissa in 
Gross-Pohlen Mitgliedes Herrn Samuel Gottfried Leissners 
auf die wider ihn von .... Abraham Emanuel Wolff .... 
ausgestreuten Anschuldigungen. Im August 1778." 

Erwähnenswert aus der Presserschen Zeit dürfte noch 
sein, dass in dem kleinen Schwetzkau, dicht bei Lissa, 
um 1784 eine Druckerei bestanden haben muss. Wenigstens 
trägt eine Schrift „Erläuterung zu dem 18. Teil des Magazins 
für die Historie und Geographie von Büsching**, welche 
die Bemühungen des Generalleutnants v. d. Goltz für die 
Dissidenten in Polen vom luth. Standpunkt aus verteidigt, 
den Vermerk, „Gedruckt zu Schwetzko in Gross-Polen 1784". 

Nach dem Tode Samuel Gottlieb Pressers, der seit 
1770 als alleiniger Inhaber der Druckerei erscheint, hat 
seine Witwe dieselbe fortgeführt und sie dann vor ihrem 
wohl 1795 erfolgten Tode der luth. Kreuzkirche vermacht, 
auch ein Zeichen, wie damals die Kirche noch ganz im 
Mittelpunkt des geistigen Lebens der Stadt stand. Doch 
ist anzunehmen, dass die Druckerei bei dem vierten grossen 



58 Wilhelm Bickcrich. 

Brande Lissas am 2. Juni 1790 auch wesentlich gelitten 
hat, zumal nur 9 Bürgerhäuser damals stehen geblieben 
sind. Immerhin hat die Kreuzkirche die Druckerei über- 
nommen und an den Buchdrucker Karl Wilhelm Mehwald 
verpachtet, wie ein vom Magistrat zu Lissa ausgefertigtes 
Kautionsinstrument vom 5. Januar 1796 bezeugt, in dem der 
Goldschmied Joh. Gottlob Cundisius sich mit seinem Grund- 
stückfür Mehwald verbürgt. Bei diesem ist i798des Comenius 
Januae latinitatis vestibulum in einer editio novissima, 
revisa et aucta mit der Vorrede vom 4. Jan. 1633 erschienen^ 
wohl für den Gebrauch am Lissaer G5minasium, an dem an- 
scheinend das Vestibulum an zwei Jahrhunderte als Schul- 
buch benutzt worden ist. Weitere Werke aus Mehwalds 
Verlag sind mir nicht bekannt geworden, ebensowenig, wie 
lange die Druckerei noch im Besitz der Kreuzkirche be- 
standen hat. Offenbar hat sie nur einen bescheidenen 
Wirkungskreis gehabt, wie dies bei den traurigen Zuständen 
in der schwergeprüften Stadt nicht anders möglich war. 
Nachdem sich Lissa unter dem Schutz und der Für- 
sorge der preussischen Herrschaft wieder etwas erholt hatte^ 
kam auch das geistige Leben der Stadt von neuem in Fluss. 
Ein Zeichen hierfür war die im Januar 1826 erfolgte 
Gründung der Güntherschen Buchhandlung in Lissa, wohl 
der ältesten unter den bestehenden deutschen Buch- 
bandlungen unserer Provinz. Die Firma wurde zunächst 
als eine Filiale der 1790 eröffneten neuen Güntherschen 
Buchhandlung in Glogau gegründet, aber bereits am 
I. Januar 1832 durch eine Auseinandersetzung der Brüder 
Günther selbständig gemacht, wobei die Lissaer Firma 
ihrem bisherigen Leiter Ernst Wilhelm Günther verbUeb^ 
während die Glogauer Handlung seinem Bruder Fritz ge- 
fiel und später an C Flemming überging. Der Grtlnder 
des Geschäfts, ein umsichtiger weitblickender Mann, fügte 
bald der Sortimentsbuchhandlung einen ziemlich umfang- 
reichen Verlag und eine eigene Buchdruckerei hinzu, in 
der auch Steindruck ausgeführt wurde. Letztere besteht 
noch heute als die Buchdruckerei des Lissaer Tageblatts, 
der Firma O. Eisermann gehörig. Von 1840 — 1849 besass 



Zur Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels in Lissa. 59 

Günther eine Filiale in Gnesen. Seit den dreissiger Jahren 
gab er die erste Zeitung Lissas unter dem Titel „Gemein- 
nütziges Wochenblatt für das Grossherzogtum Posen" 
heraus. Die bei ihm 1842 und 1844 zuerst erschienenen^ 
noch jetzt in Gebrauch befindlichen kath. Gebet- imd Ge- 
sangbücher für die Erzdiözese Posen und Gnesen, das 
polnische vom Erzbischof von Dunin unter dem Titel 
Ksis^ka do Naboienstwa 1842, das deutsche von Stanislaus 
Chr. Vinc. Sydow, stellten bei ihrer Einführung derartige 
Anforderungen an die Druckerei, dass deren Personal 
vermehrt wurde, und dass auch die Buchbinder in Lissa 
damals zahlreiche Gehilfen neu einstellen mussten. Günthers 
Verlag war besonders reich an polnischen Publikationen^ 
darunter zwei Zeitschriften, Przyjaciel ludu 1834 — 1850 und 
Szkölka niedzielna (Sonntagsschule, für Landleute) 1837 — 53, 
femer Dlugosz, Dzieje Polskie przet p. Bomemann Gustawa 
2 tomy. 1841, Mala Encyklopedya Polska, przez S. P. 
Tom I 1841, Tom II 1847 (kleine poln. Encyklopädie) imd 
eine lange Reihe von Schriften zu praktischem Gebrauch 
in Kirche oder Schule oder einschlägige Tagesfragen be- 
handelnd. Wesentlich denselben Charakter trug sein Verlag 
auch nach der deutschen Seite, darunter war der erste 
Versuch einer historischen Zeitschrift für die Provinz unter 
dem Titel: „Provinzialblätter für das Grossherzogtum Po- 
sen**, die leider nur einen Jahrgang (1846) erlebt haben, 
ferner Katechismen von Pflug (1827) und Soyaux (1828), 
von denen der letztere mit stark rationalistischem Gepräge 
unter dem Namen „Rawitscher Katechismus** bekannt und 
im Süden der Provinz verbreitet war, des Direktors J. Chr. 
von Stöphasius „Beiträge zur praktischen Pädagogik und 
Homiletik** (1827), sowie „Neun Kanzelvorträge, zum Besten 
der Elementarschulen in Lissa herausgegeben** (1829), Pre- 
digten von Soyaux (1828) u. a. In Lissa, aber nicht bei 
Günther, sondern „in Kommission bei E. Löwenthal** er- 
schien 1834 „Glaubensbekenntnis eines protestantischen 
Laien an seine katholischen Kinder und Freunde'*, lehr- 
reich für die damals in Laienkreisen gegenüber dem 
Wiedererwachen des konfessionellen Bewüstseins herr- 



6o Wilhelm Bickerich. 

sehenden Stimmungen. Besondere Erwähnung verdienen 
auch die zahlreichen Schriften desBataill. Arztes a.D.Dr.Joh. 
Metzig in Lissa, der als Polenfreund und Kandidat für das Ab- 
geordnetenhaus unermüdlich für Stiftung einer polnischen 
Universität und Gleichberechtigung beider Sprachen in den 
betreffenden Provinzen agitierte. Von den 15 mir bekanntge- 
wordenen Schriften Dr. Metzigs sind die ersten aus den Jahren 
1848 — 1849 bei Günther in Lissa erschienen, die späteren 
hingegen in Hamburg, Berlin und Posen. 

Bei dem am 28. März 1860 erfolgtem Tode Ernst 
Günthers konnte der Verlagskatalog 10 Oktav-Seiten 
deutsche und 14 Oktav-Seiten polnische Schriften ver- 
zeichnen. Der Verlag wurde später (1866) von dem 
Schwiegersohn Günthers, C. Alberts, zuerst nach Breslau, 
dann am i. Januar 1871 nach Leipzig überführt Die 
Sortimentsbuchhandlung dehnte sich unter der Leitung des 
anderen Schwiegersohnes, Friedrich Ebbecke, in Zweig- 
geschäften nach Bromberg und Posen aus. Das Stamm- 
geschäft in Lissa ist seit 1894 im Besitz des Herrn Oskar 
Eulitz, der in rastloser Mühewaltung wieder einen ansehn- 
lichen Verlag besonders für pädagogische Schriften und für 
Landkarten geschaffen hat und ihn zu einer Posener Lehr- 
mittel-Anstalt in grossem Stil auszubauen sucht. Neben 
dieser Buchhandlung besitzt Lissa zur Zeit noch 2 Sortiments- 
geschäfte, femer 4 Druckereien, in denen ausser dem amt- 
lichen Kreisblatt zweiTageszeitungen, der „Lissaer Anzeiger** 
(seit 1880) imd das „Lissaer Tageblatt" (seit 1884), erscheinen. 

Wie in der Geschichte grosser Länder, so zeigt es sich 
auch in dem Entwicklungsgang einer Stadt wie Lissa, dass 
Buchdruck und Buchhandel die Gradmesser des geistigen 
Lebens sind, das mit ihnen steigt und fällt. Darum behält 
zumal für die Bürger Lissas die Mahnung ihr Recht, mit der 
einst ihr edler Mitbürger Johannes Heermann seinen,, Ehren- 
Ruhm der edlen Buchdrucker-Kunst" geschlossen hat: 

Und Du, wer Du auch seist, halt alle die in Ehren, 
Die Gottes Ehr* und Ruhm durch diese Kunst vermehren. 
Das werte Drucker- Volk. Wer sie nicht lieben will. 
Der ist nit liebenswert und hält von Gott nicht viel. 





Zehn Posener Leichenpredigten 

der 

Marienkirchen-Bibliothek zu Frankfurt a. d. O» 

Von 
Arno Bottichen 

^eichenpredigten befinden sich — bis vor kurzem 
fast versteckt und wenig beachtet — in Privat- 
und Bibliothekbesitz. Sie an das Tageslicht ge- 
zogen und grösserer Beachtung und Verwertung em- 
pfohlen zu haben, ist das Verdienst der Genealogie, der 
Familienforschung, weil die Leichenpredigten einen Ab- 
schnitt mit Angaben über den Lebensgang des Verstor- 
benen und tiber die Vorfahren desselben enthalten. Wohl 
die bekannteste und grösste Sammlung von Leichen- 
predigten haben die fürstlich und gräflich Stolbergschen 
Bibliotheken und Archive in Stolberg und Wernigerode; 
sie ist aber schwer zu benutzen, da zu ihr nur ein hand- 
schriftliches Verzeichnis an Ort und Stelle vorhanden ist. 
Im Interesse allgemeiner Nutzbarmachung haben erst 1898 
Dr. Edmund Lange ein alphabetisch geordnetes Ver- 
zeichnis der in der Greifswalder Universitätsbibliothek 
befindlichen, unter dem Namen Vitae Pomeranorum zu 
einer Sammlung von 190 Bänden vereinigten Leichen- 
predigten in den „Baltischen Studien" und 1902 Gymnasial- 
professor Nohl ein ebenso geordnetes Verzeichnis der etwa 
2500 Leichenpredigten in der Bibliothek des grauen Klosters 
in Berlin in der Vierteyahrsschrift des Berliner Vereins 
^Herold" veröffentlicht. Und der Verfasser dieses Aufsatzes 
hat ein gleiches Verzeichnis zu den etwa 1000 Leichenpre- 
digten der alten Marienkirchenbibliothek zu Frankfurt a. O. 
angefertigt, das ebenfalls in der genannten Vierteljahrsschrift 



02 Arno Bottichen 

erscheinen wird; er hat dadurch lediglich sein durch län- 
gere als zwanzigjährige Beschäftigung mit der eigenen 
Familiengeschichte gewonnenes und behaltenes al^emeines 
Interesse für Familienforschung betätigen wollen und 
hatte bereits vorher versucht, dieses Interesse durch einen 
in der Berliner Zeitschrift ,,Die Woche" (1902 Nr. 31) 
unter der fragenden Überschrift „Woher stamme ich?** 
veröffentlichten Aufsatz in weitere Kreise zu tragen. 

Von der Familiengeschichte lässt sich die Orts- 
geschichte nicht trennen. Leichenpredigten sind daher 
auch eine Quelle der Ortsgeschichte, oft auch der all- 
gemeinen Geschichte und nicht weniger des allgemeinen 
und theologischen Geschmacks. Von diesen Gesichts- 
punkten aus ist es vielleicht nicht unangebracht, an dieser 
Stelle von den Leichenpredigten zu erzählen und Aus- 
züge aus ihnen zu bringen, die von Personen handeln, 
die in der Provinz Posen geboren oder gestorben sind, 
oder dort gewohnt oder sich aufgehalten haben. Dass 
in Frankfurt sich solche Leichenpredigten befinden, erklärt 
sich dadurch, dass es üblich war, sie nicht nur drucken 
zu lassen, sondern auch unter Verwandten und Bekannten 
und Pastoren auszutauschen, und dass grade letztere es wohl 
waren, die die Leichenpredigten nach und nach selbst 
sammelten und den öffentlichen Büchersammlungen, 
Bibliotheken zuführten, und dass grade die Marienbiblio- 
thek in Frankfurt, die sich noch jetzt „Haupt- und Han- 
delsstadt" nennt und damals noch durch Universität und 
Messe viele und weitreichende Beziehungen besass, Leichen- 
predigten aus den Gegenden von Strassburg und Kolmar 
i. E. bis Königsberg i. Pr., von Stralsund bis Nürnberg 
und von Hamburg bis Brieg besitzt. 

Zum besseren Verständnis der nachfolgenden Aus- 
züge noch einige Worte über Bedeutung und allgemeinen 
Inhalt der Leichenpredigten. 

Die Leichenpredigten bilden eine eigenartige Lite- 
ratur aus der Zeit der beiden Jahrhunderte nach der 
Reformation; sie sind auch eine Errungenschaft der Re- 
formation selbst, die in den Mittelpunkt jeder bis dahin 



Zehn Posener Leichenpredigten. 63 

fast ausschliesslich liturgisch gestalteten, kirchlichen oder 
gottesdienstlichen oder religiösen Feier die erklärende 
und belehrende priesterliche Rede*) setzte. Damit soll aber 
nicht gesagt sein, dass es nicht auch katholische Leichen- 
predigten gibt; sie gehören aber meist einer späteren 
Zeit an; z. B. hat die Bibliothek des historischen Vereins 
in Marienwerder Leichenpredigten eines um 1720 leben- 
den Jesuiten Heintze. Die Leichenpredigten bestehen in 
der Regel aus Anfangs- oder Schlussgebeten oder aus 
einem von beiden und aus vier verschieden geordneten 
Teilen: der eigentlichen (Kanzel-) Predigt, den Per- 
sonalien des Verstorbenen (Personalia, Lebenslauf, Cur- 
riculum vitae, Ehrengedächtnis, Ehrensäule, Memoria pie 
defuhcti; Danck- und Grab-Mahl Prosopographie), der 
Abdankunksrede (Stand-, Trauer- oder Trostrede, Pa- 
rentatio) und den Nachrufen (Epicedien), die den Ver- 
storbenen die Berufsgenossen (bei Professoren und Stu- 
denten auch die Tischgenossen), Bekannte, Freunde, 
Gönner und (meistens an letzter Stelle) die Verwandten 
in neuen und alten Sprachen und in den verschiedensten 
dichterischen Formen gewidmet haben. Ihre Eigenart 
hängt auch mit jener Zeit des Humanismus zusammen, 
als deutsche Gelehrte aus Italien, wo durch glänzende 
Höfe und reiche Städte Kunst und Wissenschaft gefördert 
wurden, Liebe und Begeisterung für das künstlerische 
und wissenschaftliche Altertum nach Deutschland gebracht 
hatten, und zeigt sich insbesondere in der Überladung 
mit Zitaten aus alten Schriftstellern und mit altsprachlichen 
Ausdrücken und in der Latinisierung und Gräzisierung 
der Eigennamen durch Anhängung von Endungen oder 
durch vollständige Übersetzung (z. B. Textor- Weber, 
Faber-Schmied, Gynaecopolis-Fraustadt). 

Die nun folgenden Auszüge der Leichenpredigten sind 
der Zeitfolge der Sterbejahre nach geordnet und beginnen 
jedes Mal mit einer verkürzten, sonst wörtlichen Wieder- 
gabe des so charakteristischen Titels. Auch andere Stellen 



1) praedicare, öffentlich ausrufen, verkünden, erklären. 



64 Arno Bottichen 

sind wörtlich wiedergegeben nicht nur zur Darstellung 
damaligen Stils und damaliger Orthographie, sondern 
auch, weil das in ihnen Erzählte erst durch wörtliche 
Wiedergabe die rechte Bedeutung und Würdigung erhält 

I. 

Christliche Leichvermanung bey dem Adelichen Begräbniss 
der Edlen .... Frauen Hedwig geborene Gladissen aus dem 
Hause Gladisgorb von Reusen, des Edlen .... Junckern Johannsen 
von C zweck, Erbgesessenen vor der Schleve . . . Ehegemals, Ge- 
halten Auff der seeligen Frauen selbst eigene anordnung und ihres 
hochgeliebten Junckern bitt aus dem Edlen Trostsprfichlin Joh. am 
19. cap. . . . Durch Valerium Herbergern liebhabem und Diener 
Jesu Christi in Frauenstad. Gedruckt zur Liegnitz durch NicoL 
Schneider A. C. 1602. 

2. 

Hertz-schmachten und Hertz-Trost Assaphs und aller Kinder 
Gottes auss dem LXXm Psalm v. 25. 26 Bey Volckreicher Leich- 
bestattung der weiland Wol Erbaren Viel Ehr, Sitt- und Tugend- 
reichen Frauen Dorothea Elisabetha geborene Roth in des Wol 
Ehrenvesten, Vor Achtbaren und Hochgelahrten Herrn M. Gothofredi 
Textoris p. t. wolverordnetcn Rectoris der Schulen zu Fraustadt 
Hertzgeliebten Ehegattin: Welche im Jahr Christi 1653 ^^^ 3^* Novembr. 
umb XI Uhr zu Mittage sanfft und Seelig eingeschlaffen und den 
28. ejusd. in Ihr Ruhkämmerlein ansehlich vergleitet worden. 
Einfaltig betrachtet und auff Begehr zu Papier gebracht durch 
Johannem Heynium Prediger bey dem Kripplein Christi daselbst 
Gedruckt zur PoL Lissa durch Wigandum Funck. 

Die Verstorbene war geboren am 22. Dezember 1628 und die 
Tochter des „Vornehmen Bürgers und Handelsmanns Stephan Rothe, 
dessen . . . Leben so wol zur Freystadt alss zu Posen, wo Er 3. 
Jahr, und alhier zu Fraustadt, wo Er 10. Jahr alss Exul, Innwohner 
und Bürger gelebt, zur Genüge bekannt ist* Die Mutter war die 
Tochter des Syndikus Kasper John in Freistadt In Freistadt war 
auch der Grossvater Samuel Rothe Prokonsul und Notarius. Die 
Eltern Hessen sich Erziehung und Ausbildung der Tochter sehr an- 
gelegen sein, lywolwissende, das an gutter Aufferziehung auch bey 
dem Weiblichen Geschlecht nach des Chrysostomus Meynung so 
viel gelegen, dass, wenn sie recht unterwiesen sind, sie nicht aJlein 
erhalten werden, sondern auch die Männer, welche Sie heyraten 
sollen, und nicht die Männer aliein, sondern auch die Kinder und 
Kindeskinder.* Sie heiratete 1649 ihren hinterlassenen Ehemann 
Textor, starb aber schon nach vierjähriger Ehe und hat Kinder nicht 
hinterlassen. Sie war eine „Taberna morborum, zugleich aber auch 
ein Exemplum patientiae.* Gegen ihre Leiden half auch nichts das 
„warme Bad in Hirschberg* und die Wissenschaft und Kunst des 



Zehn Posener Leichenpredigten. 65 

Fraustädter Physic. Ord. Procons. und Scholarcha Adam Henning und 
des Fflrstlich Liegnitz*schen Leibarztes Wolfgang Gast. Die Stand- 
rede hält Andreas Gryphius. Nachrufe sind der Leichenpredigt 
nicht beigegeben. Die Verstorbene hatte einen Bruder Samuel, 
der damals Student war. 

Der Name Textor war ein sehr verbreiteter; nach anderen 
Leichenpredigten stirbt 1643 in Gross-Ka'uer in Schlesien der 
Prediger Gottfried Textor, der 1594 als Sohn des Predigers 
Zacharias Textor in Bertzdorf geboren war und vier Söhne: 
Zacharias, Pfarrer zu Mose, Gottfried, Kand. d. Theol., Konstantin 
und Benjamin hinterliess, und stirbt 1684 die Ehefrau des Kaiser- 
lichen Regierungsrats Gottfried Textor auf M e r s i n e im Ftlrstentum 
Wohlau; letzterer ist wohl derselbe, der 1668 einen Stations-Sermon 
auf die Freifrau Esther von Canitz geb. Freiin von Schönaich auf 
Urskau hält. 

3. 

Christliche und Schriftmässige Seelen-Sorge liess den Worten 
Davids Psalm 31 v. 6 und Christi unseres Heylandes Luc. 23 v. 46 . . . 
Bey Christlicher und Volckreicher Sepultur des weiland Ehrenvesten 
und Wolbenahmbten Hei ren Sigismund L ü b i s c h , gewesenen f ümeh- 
men Bürgers und Handelsmannes in der Gräfflichen Stadt Lissa, 
Welcher in dem HERREN Selig verschieden den ig. Januarii und 
hernach den 29. Januarii in Jahr Christi 1655 in sein Ruhebetüein 
auff dem Pfarr-Kirchhoff daselbsten ist eingesencket worden . . . 
dargestellet . . . von M. Alberte Günzelio bey «der Evangelischen 
Gemeine der Augsp. Confession dieser zeit Pastore in Lissa. Ge- 
druckt zur Pol. Lissa durch Wigandum Funck. 

Der Verstorbene war geboren 1584 am 15. Mai und der Sohn 
des aus Ol mutz stammenden Wenzel Lübisch, damals Hofeschreiber 
zu Bansen im Fürstentum Glogau, dann in Glogau selbst, und der 
Dorothea Härtel. Er besuchte die Schule zunächst in Glogau und 
dann in Freistadt, wo er beim StadtphysicusKaspar Fierling unter- 
gebracht war, und war darauf in Glogau beim Rechtsgelehrten 
Johann Franke und beim Stadtschreiber Peter Ladislaus 
Schreiber und beim Hans Balthasar von Pusch auf Gross- 
schwein und Gräditz Schreiber und Amtmann. 161 1 heiratete er 
die Witwe Rosine Neutzling, geb. Goltz in Räuden Fürstenthum 
Wohlau. „Als Er nun zum Räuden biss ins dritte Jahr sesshafft 
gewesen, hat Er sich von dar nach Stein au begeben, in Meinung 
seine Nahrung und Handel desto besser fortzustellen, allwo er auch 
6 Jahr in guttem Wohlstande, hemacher aber bey schwerer Krieges- 
Einquartierung, Contribution und Plünderung in die 18 Jahr ge- 
wohnet. Ob auch gleich An. 1632 die Stadt Steina durch die 
Soldaten in Brand gestecket und zu gründe verterbet, hat er sich 
doch nicht ohne seinen grossen Schaden noch zwey Jahr alldar auff- 
gehalten; Worauf f Er endlich genothdränget worden, sich in die Cron 

Zeitschrift der Hist. Ges. fOr die Prov. Posen. Jahrg. XIX. 5 



66 Arno Bottichen 

PohleD zu begeben, da er Anfänglich zum Reisen in die 6 Jahr ge- 
wohnet, hemacher aber An. 1640 alihier in Lissa sich gesetzet, weil 
Ihm vornehmlich dieser Ort wegen gutter Kirchen und Regiments- 
Ordnung wolgef allen, welches Er unterschiedlicher gegen Fremden 
und Einheymischen ohne Heucheley hochgerOhmt/ Von seinen 
zwei Söhnen und fünf Töchtern aberlebten ihn nur drei Töchter 
Elisabeth, Sabine und Rosine, die mit dem Ratsverwandten und 
Handelsmann Christoph Schröer in Steinau und den Bürgern und 
Handelsmännern Johann Thlanen und Abraham Urban in Lissa 
verheiratet waren. Auch seine Frau war schon vor ihm gestorben. 
Eine Standrede unter dem Titel „Ehren-Säule^ hält ihm Kaspar 
Heuschel Theolog. Cultor. 

4- 

Der wolthätige Jojade Auss den Worten der wunderschönen 
Grabschrifft so der Heilige Geist demselben gleichsam selbst ge- 
stellet hat, 2 Chron. 24 v. 15 16 ... . Bey christlicher, Adell- und 
Volckreicher Sepultur des weiland .... Herrn Philippi Heldes 
gewesenen Wolverordneten auch Hochverdienten Bürgermeisters in 
der Gräfflichen Stadt Lissa, Welcher .... den 9. Martij ver- 
schieden und den ... 18. Martij im Jahr des HERREN 1655 ^^~ 
Selbsten in der Kirche Augsp. Confession in sein darzu bereitetes 
Schlaff- und Ruhe-Kämmerlein Christlich ist beygesetzet worden, . . . 
dargestellet und allen Frommen Regenten zum Exempel gewiesen . . . 
von M. Alberto Günzelio bey der Evangelischen Gemeine der 
Augsp. Confession dieser zeit Pastore in Lissa. Gedruckt zur Pol. 
Lissa durch Wigandum Funck. 

Der Verstorbene war geboren 1589 in Guhrau, wo sein 
Vater Senior der Fleischhauer und sein Grossvater Stadt- 
vogt gewesen war; seine Mutter war die Tochter des dortigen 
Bürgermeisters Jähner. „Schon sobald er nur hat reden können, 
wurde er in die damals zum Guraw sehr wolbestellte Schule gethan, 
darinnen Er zwar nur biss zum 13. Jahr seines Alters verblieben, 
aber in solcher zeit dermassen proficiret, dass Er nicht allein seine 
Fundamenta Pietatis sondern auch einen ziemlichen Anfang Latinitatis 
geleget und sonderlich eine perfection Arithmetices et Musices 
davon getragen, welches letztere Ihme denn sonderUch so lieb und 
angenehm gewesen, dass Er nicht alleine seine besondere Lust an 
der Music gehabet und alle seine liebe Söhne für alle andern selbige 
erlernen lassen, Sondern hat auch Selbsten wie zum Guraw also 
auch hier in Lissa dem Choro Musico persönlichen beygewohnet 
und denselbigen mit seiner von Gott verliehenen schönen, hellen 
und klaren Alt-Stimme freiwillig zieren helffen.** Den Eltern gehorsam 
verliess er die Studien um ein Handwerk zu lernen und wählte das 
„löbliche Tuchmacher-Handwerk", das er bei den Meistern Georg 
Schade und Kaspar Goldammer in Guhrau erlernte und in dem er 
sich zwei Jahre von 1606 an auf der Wanderschaft in Thorn und 



Zehn Poscner Leichenpredigten. 67 

In Preussen vervollkomnete. Schon in Guhran hatte er ^unter- 
schiedene Ehrenämpter mit Ruhn und Lobe verwaltet. Ob Ihnen 
nun zwar zur zeit dero Anno 1628 ergangene Bäpstischen Reformation 
mehr Dignitäten angetragen worden, hat Er doch viel lieber alle 
seine unfahrenden Gütter und stattliche Nahrung in Stiche gelassen, 
als dem vielfältigen Begehr nach zu einer andern Religion sich 
accomodiren wollen. In erwegung dessen hat Er sich noch selbiges 
Jahr von dannen weg und anhero nach Lissa gewendet, doch solcher 
^estalt, dass man Ihn (wie noch etlichen wenigen beschehen) mit guttem 
schrifftlichen Testimonio dimittiret und weg ziehen lassen." Nach- 
•dem er das Bürgerrecht in Lissa erbeten und erhalten hatte, folgten 
ihm bald nicht nur sein (nach Namen und Stand nicht besonders 
bezeichneter) Bruder, sondern auch andere Freunde und Bürger 
von Guhrau. Er machte sich auch sesshaft und kauffte sein „itziges 
<doch damahls nicht so gebawtes) Hauss." „Anno 1631 hat Ihn der 
Hoch- und Wolgeborene Fürst und Herr Herr Raphael Graff zu der 
Lissa, Woiwoda zu Belss, des Fürstenthumbs Czattoriscko in Reussen, 
und der Herrschafften Romanowa, Wlodowa, Boronowa etc. Erb- 
Herr, zum Regierenden Bürger-Meister constituiret und durch den 
Wolgeborenen Herrn Herrn Johann George Schlichting von 
Bauchwitz, der Königlichen Maytt in Polen und Schweden Obersten 
Land-Richter Frawstädtischen Kreysses, dero Maytt. und dero König- 
reich ZoUgefälle General-Administratorem, Unter-Hauptmann zu 
Kaiisch, vollmächtigen Stadthalter der Graffschafft Lissa, wie auch 
in Reissen, Saborowa und Demmitsch, auff Schlichtingsheim, Gurschen, 
Ottendorff, Wirtzenssky, unsern Gnädigsten Herrn, confirmiren und 
installiren lassen." Zu diesem Amte ist er dann wiederholt, zu- 
nächst nach drei Jahren durch „unsern Gnädigsten Erb-Herm den Hoch- 
Wolgeborenen Graffen und Herrn Herrn Boguslav Leszinski, dero 
Königlichen Maytt. in Pohlen und Schweden Obersten Reichs- 
Schatz-Meister, Generain in Gross-Pohlen, Hauptmann auff Sembor, 
Meseritz, Ostera, Osieck etc., auff Lissa, Radczimin, Przigodzitz, 
Reissen, JSaborowa und Demmitsch Erbherrn*, erwählet worden, 
welches „hohe Ampt Er doch vielmehr mit thränenden Augen als 
vermeinter Frewde" versehen. 

Die letzten Jahre seines Lebens war er sehr leidend. Er 
hatte drei Mal geheiratet: 1609 Hedwig Nieschelck, Wittwe des 
Handelsmanns Hempel in Guhrau, 1696 Dorothea Köler, Wittwe 
des Handelsmanns Wäber in Guhrau, 1644 Anna Reinhold, Wittwe 
des Oberpfarrers Melchior Maronius in Lissa. Die letzte Ehe war 
kinderlos; aus den beiden anderen Ehen hatte er fünf und drei 
Kinder, von denen sieben ihn überlebten, vier Söhne: Philipp, 
Abraham, Friedrich, Gottfried, die Bürger und Tuchmacher in Lissa 
waren, und drei Töchter: Katharina, Regina und Dorothea, die in 
Lissa an den Bäckermeister Friedrich Teichmann, Tuchmacher 
Kaspar Hänning und Ratsverwandten, Kirchenältesten und Han- 
^delsmann David Hänning verheiratet waren. 



68 Arno Bottichen 

5- 

Imvafi novtoßQoiofij Periclitantium ac Pereuntium in Aquis Idea, 
Regula, Solatium. Der ins Meer gesunkene Jonas alss ein Ebenbild, 
Regul und Trost derer im Wasser-Gefahr-Ausstehenden und Unter- 
gehenden, Nach den Geistreichen Worten seines Gebethes C. ü 
V. 3—9 .... bey angestallten Leich-Begängnüs des Wailand .... 
Hr. Jacobi Rudolphi. Ihrer Königl. Mayt in Schweden hochver- 
ordneten Secretarii, Welcher den 3. December 1660 auff den Schwe- 
dischen See-Ktlsten nebst andern Schiff-bruch erlitten und erbärmlich 
jedoch Selig untergegangen. In der Kirchen Augsburgischer Con- 
fession in Lissa am Sonntag Judica 1661 betrachtet. . . von Jeremia 
Gerlachio Pastore in Schlichtingsheim. Zur Ols druckts Jo- 
hann Seyffert. 

Der Verstorbene war geboren am 23. Juli 1624 in Thorn; 
die Eltern waren der Kantor Jacob Rudolph und Anne Gesner, 
Tochter eines dortigen Predigers. Den Vater verlor er noch im Ge- 
burtsjahr durch die Pest Er besuchte das .^berühmbte Gynmasium'^ 
in Thorn und dann die Universität Königsberg. „Weil Er aber 
als ein Studiosus Juris den Statum Curiae Poloniae zu begreifen sehr 
begierig war, als hat Er sich auf Rath gutter Freunde nach Posen 
in Gross Pohlen begeben und allda nicht allein bey der Cantzelley 
seine nützlichen Verrichtungen, sondern auch bey Ihrer Gross- 
mächtigen Gnaden des Seeligen Herrn Wojewoden Posnanski Hoch- 
adlichen Kindern die Information auf sich genommen und mit grossem 
Ruhm verrichtet.* 1645 machte er im Gefolge des „Herren 
Kostka, Starosta Lippinsky'' die Gesandschaft mit, als der König^ 
„die annoch regierende Königin aus Franckreich abgeholet." Dann 
hat er sich vier Jahre lang bey Ihrer Gnaden dem Hochwohlgebo- 
renen Herrn, Herrn Johann Georg von Schlichting aus Buko- 
wiec, Königlich Fraustädtischen Landrichter und Administratoren der 
Graffschaft Lissa, vor einem Secretarium gebrauchen lassen . . . und 
sich so wol verhalten, dass Er hierrauff zu einem Bedienten in 
der Land-Kantzelley und Königlichen Einnehmer der Zollgefälle zur 
Fraustadt constituirt worden. 1652 heiratete er Susanne Dlugosch^ 
die Tochter eines Ratsverwandten und Handelsmannes in Lissa. 
Er legte seine Ämter nieder und pachtete die Güter Reisen und 
Dommitsch. „Nach dem unverhofften Feindlichen Schwedischen 
Einfall in diese liebe Cron" Hess er sich verleiten, Secretarius und 
Translator bei dem General Wittenberg und dann beim Könige von 
Schweden selbst zu werden. „Welchen Dienst Er hernach gar gerne 
wieder quittirt hätte, wenn nur die offt begehrte Dimission wäre 
zu erlangen gewesen." Von diesem Dienst wurde er erst durch 
einen frühen Tod befreit. BettlS^gerig krank ging er auf der Rück- 
reise von Schweden im Gefolge des Grafen von Schlippenbach 
„destinirten Schwedischen Legati nach Pohlen" mit dem Schiff bei 
heftigem Sturmwetter unter. Der Unfall ist sehr eingehend, lebhaft 



Zehn Poscner Leichenpredigten. 69 

und anschaulich beschrieben. £r hinterliess einen Sohn und eine 
Tochter. 

6. 

Speculum Aetemitatis Ein Spiegel der Ewigkeit, darinnen die 
Triamphirende Kirche gezeiget wird, Aus der Offenbarung Joh. cap.VII. 

Bey volckreichen Begräbnisse des Weiland Herrn Samuelis Kal- 

denbachii Med. D. dieser Stadt und des Schwibusischen Krayses 
wolbestalten Physici Ordinarii und berühmten Practici, welcher im Jahre 

Christi 1664 den 23. October N. S. zu Meseritz in Fohlen 

verschieden und den 26. October auff unsem Gottes-Acker . . bey- 
gesetzet worden. Dargestellet . . . von M. Johanne Rollio Pfarren der 
Augsb. Conf ess. zugethanen Gemeine daselbst. Frankfurt Gedruckt 
bei Johann Ernsten Acad. Typogr. 

Der Verstorbene war geboren am 20. Oktober 1634 in Me- 
seritz, wo sein Vater Johann Kaldenbach Bürger und Schuhmacher 
war; auch seine Mutter Anna Gärtner scheint eine Einheimische ge- 
wesen zu sein. Er besuchte die Stadtschule und die Schulen in 
Stettin, wo er aber „in Ermangelung eines bequemen Hospitii'^ nur 
kurze Zeit blieb, in Pyritz und Frankfurt und von 1652 ab auch 
<iie Universität in Frankfurt, wo er als Schüler Hospitimn beim 
Apotheker und Consul Adam Seile und als Student „Tisch und 
Stube" beim Professor Ursinus hatte. Das theologische Studium 
vertauschte er bald mit dem medicinischen, weil er „darzu unge- 
schickt wegen der geschwinden Sprache befunden." 1660 wurde ihm, 
nachdem er de peste solemniter disputiret, der Gradus Doctoris con- 
feriret; noch in demselben Jahre heiratete er, nachdem er sich als 
Arzt in Landsberg a. d. Warthe niedergelassen hatte, Anna Eli- 
sabeth Polisius, die Tochter des Frankfurter Universitätsprofessors. 
Ex amore patriae ac suorum siedelte er aber bald nach Meseritz 
über, wo er gleich Physicus Ordinarius und 16^ auch „Medicus 
Ordinarius der Herren Stände des Schwibusischen Kreyses* wurde. 
Er erlag schon früh einem Leiden, das ihn bereits in Pyritz be- 
fallen und gegen das er vergeblich die Hilfe des Dr. Gail in Star- 
gard angerufen hatte. Die Standrede hält der aus Fraustadt stam- 
mende Diakon Christian Besold in Meseritz. Einen Nachruf in la- 
teinischen Hexametern widmet ihm der Rektor der Frankfurter 
Schule M. Johannes Moll er. Er hinterlies einen Sohn Melchior 
Benjamin. Die Leichenpredigt ist auch gewidmet einem Mathäus 
Hoffmann Jurisconsulto, Ihrer Königl. Maj. in Pohlen Secretario, 
Fümehmen Freysassen, wie auch Raths -Herrn in Meseritz. 

Seine Frau folgte ihm schon nach zwei Jahren nach ; sie starb 
in Frankfurt; die Leichenpredigt hielt der dortige Prediger Johann 
Christian Lud ecke. 

7- 
Jesus der von Edom und Bezra mit röthlichen Kleidern kom- 
mende Kelter-Tretter Auss dem LXIII Cap. Esaiae dargestellet in 



^0 Arno Bottichen 

einer Christi. Leich- und Ehren-Predigt der .... Frauen Christinen 
Lindner in geborenen £ der in Tit Herrn M. Abraham Lindners 
Treu-verdienten Rectoris der Stadt-Schulen bezw. Kripplein Christi 
in der Königlichen Fraustadt gewesenen Hertz- und Ehe-Liebsten. . . . 
von Georg Schramm P. daselbst. Gedruckt zu Lissa durch Mi- 
chael Bücken 1673. 

Die Verstorbene war geboren am 24. Juli 1639. Ihr Vater war 
der M. Michael Eder, Prediger und Scholarch in Franstadt; die Mutter 
war Barbara Juliane Vechner, Tochter des Bürgers und Handels- 
mannes Georg Vechner in Fraustadt, dessen Onkel Johannes Vechner 
Diakon in Fraustadt gewesen war. 1655 verheiratete sie sich. Ihr 
Leben verlief äusserlich ruhig. Sie litt an Ohnmächten, von denen 
auch der ^^Hochgelehrte Herr Gottlieb Georg Schramm Medicinae D. 
und vornehmer berühmter Practicus allhier, Ihr geehrtester H. Ge- 
vatter* sie nicht befreien konnte. Sie starb am 12. Mftrz 1672 und 
hinterliess sechs Kinder, darunter die Söhne Christian und Johann 
Ernst Eine Trauerrede mit dem Titel „Gotdiebender Christen 
Bluttrünstiges Streit-Gemählde* hält M. Johannes Lehmann, Diakon 
in Fraustadt Beigegeben ist ein einstimmiger Cantus, Nachrufe von 
dem aus Fraustadt stammenden Johannes Rohrmann, Konrektor 
in Fraustadt, ihrem Sohne Johann Ernst und von einem Johannes 
Grätz und einige Gedichte zur Feier der zweiten Heirat des 
Wittwers mit Katharine Ludwig, Tochter „Domini Friderici Ludo- 
vici Deputati Regii in Urbe Regia Gynaecopoli," unter ihnen eins 
von Pastor David Gottfried Arnhold in Neu-Bojanowo. 

8. 

Das Königliche Priesterthum Nach der Würde und dem 
Ruhm Auss der Würde und dem Ruhm Auss der Offenbahrung 
S. Johannis Cap. I vers. 5. 6. Bey Christlich - Priesterlicher Be- 
Erdigung des weiland .... Herrn M. David Grotkens Treu- 
verdienten Seelen-Hirtens Alt-D r i b i t z e r Heerden. In einer Leichen- 
predigt den 25. Junii des 1674 Jahres erkläret .... von David 
Kiesel, Pfarren in Schlichtingsheim. In der Hoch-Greffl. Stadt 
Lissa gedruckt durch Michael Bücken 1675. 

Der Verstorbene war geboren am 12. Dezember 1624 in 
Fraustadt, wo sein Vater Bürger, Kaufmann und Ältester des 
Schuhmacher- Hand Werks war; seine Mutter war Dorothea geb. 
Kuntzendorff. Bis zum 19. Jahre besuchte er Schola Patriae,, 
dann das „damahls florirende Gymnasium" in Thorn, wo er „vom 
Diakon und Professor Logices Michael Brikner an den Tisch und 
Information genommen* wurde. Nach „abgelegter gebräuchlicher 
Valediction* ging er auf die Universität Königsberg. Dort blieb er 
bis nach Beendigung des dreissigj ährigen Krieges. 1649 ging er nach 
Leipzig und dann nach Wittenberg, wo er am 22. April 165a 
in Magistrum Philosophiae promoviret. 1652 erhielt er die schon 
längst durch Tod des Pastors Kaspar Bau mann erledigte Pfarre 



Zehn Posencr Leichenpredigten. 7^ 

in Ah-Dribitz, nachdem er in Liegnitz nach gehahenem Examme 
vom Konsistorium ordinirt worden war. Dieser Gemeinde hat er 
dann treu bis an seinen Tod gedient; für sie schrieb er auch eine 
^deutliche und dem gemeinen Mann leichte Erklärung** des 
Lutherischen Katechismus nach Art des später eingeführten Frank- 
furter Katechismus. Ausserdem war er der Verfasser einer Schrift 
über die „Ordnung der Christlichen Glaubens- Artikel*', eines Gebet- 
buches und vieler bei seinem Tode noch ungedruckter Kirchen- 
lieder. 1652 hatte er sich in Rawitsch mit Anne Albinus, 
Tochter des verstorbenen Diakonen Christoph Albinus in Lissa 
verlobt, mit der er noch in demselben Jahre in Fraustadt getraut 
wurde. 1670 starb seine Frau, und 1672 heiratete er Eva Marie 
Fuchs in Schlichtingsheim, Tochter des verstorbenen Pastors 
in Salzbrunn. Er hinterliess aus erster Ehe drei 16, 14 und 
12 Jahre alte Kinder Gottlob, Elisabeth und Dorothea und aus 
zweiter Ehe ein einjährigss Kind David; Gottlob befand sich damals 
bei einem Vatersbruder in Fraustadt Nachrufe widmen ihm 
Pastor Abraham Kiesel, Prediger Gottfried Bleyel in Albersdorf 
und Samuel Reiche „Schlicht. Seh. R.** 

9- 

Coelestis Fidelium Ecclessiae Doctorum Gloria Treuer Kirchen- 
Lehrer Himmlische Ehre und Herrlichkeit Auss dem Propheten 

Daniel am XIII. Cap. v. 2. 3 Bey dem . . . Leich-Begängnis 

des .... Herrn M. Johannes RoUii, Gewesenen Wohlverordneten, 
Treufleissigen Pastoris der Evangelischen Gemeine zu Meseritz in 
Gross-Pohlen und Con-Senioris der vereinigten Kirchen unveränderter 
Augspurgischen Confession, Welcher am Tage Lucae des Evangelisten 
d. 18. October N. St. Anno 1678 . . . diese arge Welt gesegnet . . . 
erklähret von M. Jacobo Saurio Sverino-Pol. itzo P. im Ampt-Lago. 
In Guben gedruckt bey Christoph Grubern. 

Der Verstorbene war geboren 1628 inGross-Glogau, wo 
sein Vater Jacob Konrektor und sein Grossvater Hans Bürger 
und Riemer war; die Mutter hiess Ursula Buchner, deren Vater 
Buchhändler zuerst in Glogau, dann in Fraustadt war. „Weil aber 
bald die Reformation erfolget, haben seine liebe Eltern mit Ihm 
dass Exilium im halben Jahr seines Alters bauen müssen. Als nun 
sein seeliger Hr. Vater gnädige Demission von dem (Tit.) Hr. Hr. 
Graff von Dohnau zu Gr. Glogau erhalten, hat er sich in solchem 
Exilio nach Steinau an der Oder begeben.** Dort wurde der 
Vater zuerst Kantor und „hernach wegen seines fleisses und 
Dexterität im Dociren anno 1631 zum Ludimoderatore erhoben und 
befestiget" und, da er die Stadtschule immer mehr zu Ansehen und 
Ehren brachte, deren Director und Inspector. Der Vater hatte auch 
den Sohn so gut unterrichtet, dass dieser schon 1645 auf die 
Universität Frankfurt gehen konnte. 1647 ging er nicht nach 
Wittenberg, wo die „vornehmen Theologi als Doct. Martini, Röber 




72 Arno Bötticher. 

und Lyferus allbcreit schwach waren und hemachen im Herrn ent- 
schlicffen, sondern nach Leipzig, wo er zwei Jahre blieb. Dann 
war er ein Jahr lang Informator oder Ephorus der Söhne des Amts- 
Kastners in Cottbus und ein weiteres Jahr „bei seiner Mutter in 
Fraustadt* (der Vater war schon 1645 gestorben), wo er Privat- 
studien trieb und sich im Predigen übte. 1651 ging er noch einmal 
nach Frankfurt und promovirte dort Er war kurze Zeit Rektor 
inWrietzen an der Oder und wurde dann vom Bürgermeister 
Gebier „wegen der treuen und gutten Meriten des Vaters* nach 
Meseritz gerufen, wo er zunächst Substitut und, nachdem er in 
Cüstrin ordinirt war, Nachfolger des Predigers Daniel Haltsius 
wurde. 1653 heiratete er Barbara Chrysander, Tochter des 
Bürgermeisters Kaspar Chrysander in Meseritz. 1666 war nicht nur 
für die Stadt, die durch einen grossen Brand innerhalb der Ring- 
mauer bis auf wenige Häuser zerstört wurde, ein Unglücksjahr; 
RoUius verlor in diesem Jahre zwei Kinder durch den Tod, darunter 
einen sechs Wochen alten Knaben, den in der Wiege hegend die 
Eltern aus Stadt und Brand getragen und gerettet hatten. Schon 
vorher hatte die Familie nicht nur wegen des Schwedischen Krieges 
und wegen der Pest, sondern auch weil man RoUius selbst nach 
dem Leben trachtete, nach Crossen in das Exilium gehen müssen. 
Von längerer Krankheit, in der ihn der Stadtphysicus Jacob 
Theisner in Meseritz und der Stadtphysicus Johann Joachim 
Cöler aus Züllichau behandelten, wurde er durch einen Schlag- 
anfall erlöst. Er hinterliess drei Söhne Theodor, Johannes und 
Samuel, von denen die beiden älteren Theologie und Medizin 
studierten, und eine Tochter, Anna Barbara, welche mit dem 
Prediger EUas Feige inBretz verheiratet war; er hatte auch einen 
Bruder Theodor, der „Medic. D. und Pract. Pro-Consul der Stadt 
Hayn* war. Ausserdem sind noch genannt, jedoch ohne Angabe 
der Beziehung zum Verstorbenen: Jacob Künzel, Königl. Poln. 
Sekretair und Ratsverwandter in Meseritz, und Martin Winter, Rats- 
verwandter und Handelsmann in Fraustadt Die Abdankungsrede 
hält David Rosenberg, Prediger der Gemeinde Bauch witz und 
Lagowitz. Der Rede sind zahlreiche Nachrufe beigegeben; von 
den Verfassern sind zu nennen: Pastor und ^ Rektor Ägidius 
Strauch; Johannes Herde, Archidiakon in Breslau; Simon Weisse, 
Prediger in Thorn; Samuel Schelgvigivs, in Athenaeo Gedan. 
S. S. Theol. P. P. extraord. et Philos. primae ac Pract ord. itemque 
Bibliothecarius; Rektor Andreas Kleemann in Guben; Pastor 
Daniel Greve in Kai zig; Pastor Andreas Wenzel in 
Schweinert; Georgius Chilek Teschin: Pastor oHm in Einsiedel 
H Ungarn 5, p. n. ab ExiUo Rector Birnbaum; Pastor und Inspektor 
Lüdeke in Frankfurt; Adam Seile, Pastor in Züllichau; 
Kaspar Genge, Diakon in Crossen; Kaspar Magirus, Pastor in 
Kuniiz; Johannes Redwitz, Notar in Fraustadt; Michael 



Zehn Posener Leichenpredigten. 73 

Liefmann, jetzo nach seinem Ungarischen Exilio Ober-Pfarr in 
Birnbaum und der vereinigten Augspurgischen Kirchen in Gross- 
Pohlen Con-Senior; Melchior Benjamin Kaldenbach Philiater und 
Zacharias Hansel, Nachfolger des verstorbenen Rollius. 

10. 

Das Herrliche Erb- und Lehn-Gut treuer Kämpffer Jesu Christi. 
Unter dem Bilde des von Gott belehnten und Himmlisch gekrönten 
Samuels. Nach Anleitung der schönen Abschieds-Worte des H. Apo- 
stels Paulus 2. Tim. 4 V. 6 — 8 . . . bey . . . Leichbestattung des weyland . . . 
Herrn Samuel Lehmanns, Hoch-verdienten Bürgermeisters und 
Rathsverwandteh bey der Königl. Stad Meseritz... wie auch Aren- 
datoris der beyden Starostay Dorf f schafften Rogsen undBeytel... 
betrachtet... am 25. maji Anno 1679 von M. Zacharia Hensel, 
Wratislav. Sil. Evangelischer Kirchen zu Meseritz in Gross Pohlen 
Ober-Pfarrern und Inspector. Guben gedruckt bey Christoph 
Grubern. 

Der Verstorbene war geboren zu Meseritz am 16. Februar 
1626. Vater und Grossvater waren die Bürger und Kürschner Georg 
und Matthäus Lehmann in Meseritz; der Vater war zugleich Arenda- 
tor zu Schar tzig. Die Mutter war die Bürgerstochter Anna Krieger 
aus Reppen. Bei seiner Taufe wurde er „mit dem schönem 
Nahmen Samuel in das Stammbuch des Lebens eingezeichnet, 
alssbald wurde er in den elenden und schmertzensvollen Weysen- 
stand gesetzet" Seine Vormünder Bürgermeister Valentin Böttchen 
und Bürger und Stadtältester Christian Kintzel „hielten Ihn in 
guter Disciplin und Chrisdichen Tugenden." 12 Jahre alt kam er 
auf die Schule in Posen; er hat „sich fleissig in der Polnischen 
Sprache geübet, dass er dieselbe im reden und schreiben recht- 
fertig gebrauchen könne." Er neigte aber mehr zum Handwerk als 
zum Studium und ergriff das Handwerk seiner Vätter, das er beim 
Kürschner und Rauchhändler Heinrich Hancke in Posen vier Jahre 
lang erlernte. Dieser hätte ihn gern auch noch länger behalten; 
aber „ein edles Gemüthe, sagt Seneca, hat nicht genung in seiner 
Vater-Stad zu bleiben, er sucht auch anders wo sein Glück und wil 
wo möglich der gantzen Welt sich zu treuen Diensten darstellen. 
Zu dem Ende hat der seelige Herr Bürgermeister nach Warschau 
sich erhoben und zu Hofe bei Ihre Königl. Maj. Vladislav IV einen 
Winter über sich aufgehalten. Nach dem Ihnen aber das wüste 
Hof-Leben kein Vergnügen geben können, hat Ihn das Verlangen 
frembde örter und Sitten zu sehen in andere Länder geführet.'' 
Er ging nach Thorn und Danzig und von da zur See nach 
Lübeck und Hamburg. „Und wie er ferner seine Reise in 
Holland fortzusetzen willens gewesen, ist Ihm, wie gar offters 
geschehn, das Unglück dermassen nahe getreten, dass er gar 
wenige Hoffnung seines Lebens übrig behalten. Nicht allein 
hatte den Seligen der grausame Seesturm befallen, dass er dem 



74 Arno Böttichcr. 

Tode schon gleichsam im Rachen gestecket, sondern ward auch 
von denen aus der Vestung Stade kommenden Schweden feind- 
lich angefallen and gefänglich mit seinen anderen Reisegef ehrten 
eingebracht, darauf Er nicht allein von dem Commendanten Kriege- 
dienste anzunehmen gezwungen, sondern auch mit ziemlichen Un- 
gemach ein gantzes Jahr darinnen behalten worden/ Er setzte 
seine Reise nach Glückstadt, Friesland und Amsterdam fort 
und ging dann über Schweden nach Reval und Riga. In „Wilde 
in Littauen* machte er den Einzug König Wladislaus IV. und 
dessen Gemahlin mit und ging dann im Gefolge der verwitweten 
Königin nach Warschau, wo er beim Königl. Sekretär und „der 
Preussischen Stäflte wolbestallten Agenten* Elias Hoff mann blieb. 
1649 ging er zur Krönung des Königs Johann Kasimir als Be- 
diensteter des Grosskanzlers Ossolinsky nach Krakau, von wo er 
in Gesellschaft des Notars Christian Jacob i aus Fraustadt nach 
Haus zurückkehrte. Auf Rat und Zureden der Verwandten und 
Freunde unterlies s er die Rückkehr nach Krakau in den 
Ossolinskyschen Dienst; er nahm vielmehr „die väterlichen Güter 
in Besitzung.** Am 16. November 1649 wurde er mit Ehsabeth 
Jacobi, Witwe des Stadtschreibers Adam Schwartzrock in 
Meseritz getraut. Als ihm diese 1677 starb, heiratete er, „weil seine 
weittläufftige Wirthschafft bey diesen dranckseligen Zeiten länger 
unfern zu bleiben. Ihm nicht zugeben wollen" Hedwig Gebhardt, 
die Wittwe des Ratsverwandten, Kirch- und Handelsmanns Georg 
Walter aus Rawitsch. „Seine öffentlichen Ehren- Ampter be- 
treffend ist Er wegen seiner Geschicklichkeit von E. E. W. Rath 
allhier Anno 1651 zum Ackerältesten gesetzet, folgendes Anno 1653 
in den Gerichts-Stuhl befordert, wie denn auch Anno 1657 von 
Ihro Hochgräfliche Gnaden Herrn Lelsczynski damahligen Cron- 
Schatzmeister als unseren gnädigen Herrn Starosten in den Raths- 
Stand erhoben und zugleich wegen seiner Activität zum Bürger- 
meister dieser Stadt verordnet worden. Und wiewohl Er dieses 
beschwerliche Ampt insonderheit wegen der damaligen Schwedischen 
Unruhe von sich abzulehnen zu dero Hoch-Gräflichen Gnaden biss 
nach Br esslau gereiset, mit demütigst abgelegter Supplication Ihn 
hiermit zu verschönen, hat sich es doch nicht anders wollen thun 
lassen, als dass Er solch mühsames Ämpt seinen Schultern müsste 
gehorsamst aufbürden lassen; welchem Er auch auffs rühmlichste 
vorgestanden und desswegen nachgehends zum öfftem mit selbigen 
beleget worden.« Er starb anscheinend an der Gelbsucht und hinter- 
Hess Söhne und Töchter, die aber nicht namentlich genannt sind. 




Der Streit 
der Schuhmachergewerke zu Meseritz und Schwerin 

im siebzehnten Jahrhundert. 

Von 
Karl Andersch. 

fn Zacherts Chronik der Stadt Meseritz^) wird unter 
den „innerlichen Stadt-Prozessen und Streitigkeiten" 
auch eines Prozesses gedacht, welchen das Meseritzer 
Schuhmachergewerk mit dem Schweriner Gewerk führte, 
und darüber folgendermassen berichtet: Anno 1673 ent- 
stand ein Streit zwischen dem Gewerk der Schuhmacher 
und einem E. Rath. Es hatte dieses Gewerke bereits zu- 
vor einen Prozess mit den Schuhmachern in Schwerin ge- 
führet, dass es ihnen nicht freystehen solte, weder am 
Jahrmarkte noch Wochenmarkte ihre Schuhe in Meseritz 
zu verkaufen. Das Schwerinsche Gewerk aber hat sich 
allezeit in diesem Stücke dem Meseritzischen stark wider- 
setzet, so dass, da die Sache bey einem E. Magistrat 
beyder Städte nicht konnte abgetan werden, sie endlich 
vor den Hof gelangte. Hierzu gab zufälliger Weise Ge- 
legenheit Mich. Kaldenbach, Mitmeister dieses Gewerkes. 
Er stund im eignen Prozess zu Hofe mit einem E. Rath 



1) Zacherts Chronik der Stadt Meseritz. Nach der Original- 
handschrift herausgegeben von Adolf Warschauer, Posen I883, S. 82, 
83. Ober die Person des Verfassers vgl. daselbst Einleitung, S. 2, 3, 
und Dr. Danysz, die katholische Pfarrkirche und der Magistrat in 
Meseritz von der Reformation bis 1744, nach dem Archi^^ der 
katholischen Pfarrkirche dargestellt. (Wissenschaftliche Beigabe zu 
dem Jahresbericht des Königlichen Gymnasiums zu Meseritz 
für 1885 (86), S. 4, 5. 



^6 Karl Andersch. 

und reisete oft nach Warschau. Sie comniittirten ihm des 
Gewerkes Klagen, dass ein E. Rath demselben nicht nach 
Schuldigkeit assistirte, sondern ihre Privilegien zu kränken 
und zu rächen suchte. Der Rath ward deshalb citirt und 
erschien zugleich mit denen Schweriner Schuhmachern. 
Jene bewiesen ihre Unschuld, diese wandten vor, Meseritz 
und Schwerin wäre eine Starostey, und weil sie denen 
Meseritzem nicht wehreten, auf ihre Jahrmärkte zu kommen^ 
so würde ihnen auch zugesprochen werden, deren Me- 
seritzer Jahrmärkte zu besuchen. Mittlerweile gingen aller- 
hand Insolentien unter beyden Gewerken vor. Als die 
Schweriner auf den Meseritzer Jahrmarkt kamen und ihre 
Schuhe auslegten, platzten die Meseritzer zu und nahmen 
ihnen die Schuhe und trugen sie auf die Probstey, welches 
aber ohne Schläge nicht abging. 

Desselben Prozesses wird auch von Wuttke^) ge- 
legentlich seiner geschichtlichen Nachrichten über Schwerin^ 
unter Hinweisung auf Zachert^) Erwähnung getan. Diese 
Schilderung ist ungenau. Lediglich eine wortgetreue Ab- 
schrift derselben bringt Wilhelm Schulz in einem Aufsatze 
„Schwerin a. W. in Wort und Bild" ®) — allerdings ohne 
Quellenangabe. 

Eine ausführlichere Darstellung dieser, verschiedene 
Jahrzehnte hindurch währenden Streitigkeiten beider Ge- 
werke befindet sich in einem Protokollbuche*) der 



*) Städtebuch des Landes Posen, von Heinrich Wuttke. Leipzig 
1864, S. 450. 

2) Welcher jedoch fälschlich „Zappert" citirt wird. 

3) In Nr. 10 vom 8. März 1896 der „Familienblätter, Sonntags- 
beilage der Posener Zeitung". 

^) Dasselbe enthält, in 4 to, ia8 Blätter; 42 Seiten sind un- 
beschrieben, eine ganze Anzahl nur teilweise beschrieben. Es ist 
dem Gewerk vom Meister Georg Schwarzschuster 1651 geschenkt, 
in diesem Jahre auch die erste Eintragung bewirkt worden. Es ent- 
hält, ohne dass bei den Eintragungen die chronologische Reihenfolge 
innegehalten wird, von verschiedener Hand ein Meisterverzeichnis 
aus dem Jahre 1652, ein Verzeichnis der verstorbenen Meister von 
1653 bis 1710 vollständig, ein Verzeichnis der Handwerksmeister 
und sonstigen Innungsbeamten von 1620 bis 1824, verschiedene die 



Der Streit der Schuhmachergewerke zu Meseritz u. Schwerin. 77 

Schweriner Schuhmacherinnung; sie rührt von einem 
Schweriner Gewerksmitgliede her, welches wiederholt zur 
Beilegung des Streits mitgewirkt hat, und dürfte, indem 
sie Kunde gibt einerseits von einem hartnäckig, und zwar 
nicht immer mit lauteren Mitteln geführten gewerblichen 
Konkurrenzkampfe damaliger Zeit, andrerseits von der 
zähen Ausdauer beim Geltendmachen und bei der Ver- 
folgung wohl erworbener Rechte, auch sonst nach anderen 
Richtungen hin des Interessanten manches enthält, wohl 
der Mitteilung wert sein. 

Verfasser ist, wie die Einleitung ergibt, der Meister 
Simon GauU, „Rathssverwandter wie auch des Löblichen 
Gewerks der Schuster geschworener Handtwerks Meister"^); 
da er als solcher von 1678 bis 1682 fungirte, ist in diese 
Zeit die Niederschrift der Darstellung zu verlegen, welche 
nebst Einleitung folgendermassen lautet^;: 

Weil es den ein löblicher Gebrauch imd ein altes 
Recht ist, auff das man, was denckwürdig ist, in Schriefften 
verfasset (wird)^), auff das die Nachkommenden auch 
Wissendtschafft davon haben mögen, alss hat ess H. Simon 
Gaull, Rathssverwandter, wie auch des löblichen Gewerks 

Innung angehende innere Angelegenheiten, insbesondere Kaufver- 
träge, versehen mit den Unterschriften der Kontrahenten, Innungs- 
beamten und der als Beisitzer deputirten Magistratspersonen, Ver- 
zeichnisse tkber Einnahme und Ausgabe, beginnend 1775, endlich die 
unten wiedergegebene Darstellung. Dieselbe nimmt dort etwas über 
13 Seiten ein. Die Handschrift ist durchaus leserlich. 

1) Die Handwerksmeister (Vorsteher der Gewerke oder In- 
nungen) wurden vom Magistrate eingesetzt und hatten ihm einen 
Eid zu leisten. — Simon Gaull ist in dem bereits genannten „Ver- 
zeichniss, welche Meister in diesem 1652. Jahr seindt vorhanden ge- 
wesen**, enthalten; ausserdem bringt das Protokollbuch folgende No- 
tizen über seine Person: „Anno 1678 ist H. Simon Gaull Rathsver- 
wandter tzum * Handtwerksmeister verordnet worden irndt vier Jahr 
lang verwaltet", und „Anno 1683 ist H. Simon Gaull in dem Herrn 
selig eingeschlaffen". 

2) Die Orthographie des Verfassers ist durchweg beibehalten, 
die Interpunction jedoch des besseren Verständnisses halber viel- 
fach ergänzt. 

3) Steht im Text. 



78 Karl Andersch. 

der Schuster geschworener Handtwerks Meister, (es) ^) vor 
gut angesehen, das es möchte in Schriefften verfasset 
werden, wie es sich mit dem Process, welches das Ge- 
werck der Schuster von Schwerin mit den Gewerck der 
Schuster in Meeseritz (geführt hat)^, verlauf fen hat; weil 
er auch gute Wissendschafft darvon hat und er auch stetz 
hat reysen müssen; welcher Rechts-Process über elff- 
himdert Floren gekostet hat, und solches aufgeschrieben hat. 
Anf englich weil Meseritz undt Schwerin eine Sta- 
rostey ist undt die beyde Stete vor Zeiten undt vor langen 
Jahren zusammen auff die Jahrmarkte gezogen sindt; weil 
aber Anno 1590 Schwerin von zwey böse Buben ist in 
die Asche geleget worden®), — darvor sie auch ihr Lohn 
empfangen haben — , haben sie solche Zeit in Acht ge- 
nommen, weil ihnen damahlss unser Gewerck hat nicht 
kund Wiederstand thun, hat das Gewerck zu Meseritz 
ihre Privilegie bei dem Könige Sigismundo*) Anno 1592 
confirmiren lassen und haben damals diesen Punct per 
Appendix hinanschreiben lassen, das das Gewerck der 
Schuster nicht solten ihre Wahren von Schwerin in Mee- 



1) Steht im Text. 

2) Fehlt im Text. 

3) Nach einer vorliegenden handschriftlichen Chronik der 
Stadt Schwerin, welche von den verstorbenen ehemaligen Schweriner 
Bürgern Karl Becker und Erasmus Lassen auf Grund von Akten- 
material, privatschriftlichen Aufzeichnungen und eigenen Erlebnissen 
in den vierziger Jahren zusammengestellt ist, 4 to, 409 Seiten, brannte 
am 31. März 1590 die ganze Stadt Schwerin ab. Ein Zollbeamter 
(Zöllner) Sebastian Trzebinski war mit einem Tischler David Fitzer 
in Streit geraten und gab letzterem eine Ohrfeige. Hierüber er- 
bittert ging Fitzer nach Hause und beredete seinen Gesellen Gregor 
Kautzen, ihm bei der geplanten Brandstiftung behilflich zu sein. Sie 
steckten einen dürren Reisighaufen beim Zöllner in Brand, das 
Feuer nahm überhand, und es brannte die ganze Stadt ab. — Nach 
dem Brande fiel der Verdacht gleich auf den Tischler, er wurde 
festgenommen, verhört und da er die Tat leugnete, auf die Folter 
gebracht, wo er auch bald bekannte, das Feuer aus Rache angelegt 
zn haben. — Über den vorliegenden Schuhmacherstreit enthalt die 
Chronik nichts. 

^) Sigismund III. regierte 1586 — 1632. 




Der Streit der Schuhmachergcwerke zu Meseritz u. Schwerin. 79 

seritz mehr feil haben und verkauffen; und solches haben 
sie durch ein Schreiben unter des Raths Insiegel dem 
Gewerck zu Schwerin absagen und verbieten lassen, mit 
ihren Wahren nicht mehr hin zu kommen bey Verlust der 
Wahren; welches Schreiben auch noch an itzo in der Ge- 
werksslade vorhanden ist^). 

Ob schon nachmalss unterschiedliche Mittel und 
Wege sindt vorgeschlagen worden, solches wiederumb zu 
erlangen, hat es nicht fruchten oder geschehen können; 
biss hernach Ihr grossmächtigen Gnaden Fürste Bogoslaus 
Lesszinsky, der Cronschatzmeister, vnser Staroste ist 
worden^: Alda hat ein Gewerck in Schwerin den wohl- 
gelahrten und in Rechten wolgeübten H. Johann Herrhoff'), 



^) Jetzt nicht mehr vorhanden. 

2) Im Jahre 1633. Zachert, a. a. O. S. 21—23, berichtet von 
ihm gelegentlich der Aufzählung der „Namen derjenigen Starosten, 
so hier gewesen**: ,,Anno 1633 Boguslaus de Leszno Leszczynski, 
Graf von Lissa, der Kron-Schatzmeister und General von Grosspolen. 
Er kaufte dem Czamikowski (Boguslaus o Czamikow Czamikowski, 
Woiwoda Kaliski und General von Grosspolen, welcher die Starostei 
seit 1623 besass, dieselbe für 15000 Fl. ab, war reformirt, fiel aber 
wegen seiner ersten Gemahlin ab, Anna von Dönhoff. Nach dieser 
heyrathete er Catharinam Joh. von Radzivil, verwittbete Weiherin, 
Herrn Weihern von Schlochau Wittwe. Dieser Herr hielt einen 
sehr propem Einzug: des ersten Tages 4 Fahnen Fussvolk und i 
Compagnie Cavallerie, des andern Tages die ganze Bürgerschaft. 
Von der Stadt ward er mit einem Präsente von 1500 Fl. beschenket" 

3) Auch Herhoff, Heroff und Heraff geschrieben. In der 
letzten Schreibweise findet sich sein Name in zwei der von Sza- 
stecki veröffentlichten Schweriner Urkunden; dem Vergleich der 
Stadt mit den Schweriner Juden vom Jahre 1641, (ego Johannes 
Heraff notarius Skwirsynensis), und der Urkunde vom i. Mai 1643, 
in welcher Bestimmungen über die Wahl der MagistratsmitgUeder 
getroffen werden, (Joannes Heraff n. p. et Sverinensis civis). Vgl. 
Urkundliches zur Geschichte der Stadt Schwerin an der Warthe 
von J. Szastecki, im Programm der höheren städtischen Knaben- 
schule, Schwerin a. W. 1883, S. 17, 13. Von einer Episode aus dem 
Leben Herrhoffs weiss Zachert, S. 108, 109, folgendes zu berichten : 
„Anno 1657 wurde Schmidt und der Notarius Joh. Herrhoff zu 
Schwerin auf den Landtag nach Schroda geschickt. (Schroda war 
seit 1631 Sitz der regelmässigen Staatsversammlungen von Gross- 
polen am Montag nach dem Matthäustage — 21. September. Vgl. 



8o Karl Andersch. 

Stadtschreiber in Schwerin wie auch Notarius publ. Ce- 
sariae, zu ihren Advocaten angenommen, welcher zu Ihr 
Exelent H. N. SchHchting^) gereyset vnd ihn hierüber 
Rahtss gepfleget, welcher geantwortet hat, das Anno 1635 
bey Krönung des Königs Vladislai^) von der gantzen Adel- 
schafft wehre gewilliget und statuiret worden, das ein 
jeder mit seiner Wahren, nicht allein Chrysten sondern 
auch Juden, sol es frey stehen, auf öffentlichen Jahrmarckt 
ihre Wahren feil haben undt zu verkauf fen, bey 1000 Marck 



Wuttke, Städtebach S. 447). Als sie zurück reisten und bei Mlodaw 
nah bei Posen kamen, tiberfiel sie auf dem Felde ein Edelmann 
Severin KQSzicki nebst zweien seiner Unterthanen aus diesem Dorfe 
auf eine mörderische Weise. Schmidt und sein Kutscher wurden 
gleich niedergehauen, Herhoff aber entkam, obgleich verwundet, und 
versteckte sich im Felde. Den Wagen, die Pferde und das Geld 
behielten die Räuber. Nachdem aber der Notarius Herhoff nach 
Hause gekommen und diese Begebenheit erzählet hatte, Hess der 
Herr Siaroste Leszczinski diesen K^szicki aufs Tribunal citiren. Er 
erschien aber nicht. Anno 1658 wolte er sich mit den Erben des 
Erschlagenen güttlich vertragen, schob die Schuld auf zweyen seiner 
Unterthanen, die er exlradiren wollte. Der Stadt versprach er vor 
seine Person 2000 Fl. zur Strafe zu erlegen, und dass er zugleich 
12 Wochen in dem Thurm in Posen sitzen wolle. Dieser selbst an- 
gebotene Vertrag aber ward von K^szicki nicht gehalten, darauf er- 
folgte 1663 die Bannition. Hierauf verlor er sich von seinem Dorfe, 
ohne dass man weiss, wo er geblieben ist. (Dieser Vorfall ist auch 
von Wuttke, S.a20, erwähnt). 

1) Zachert erwähnt ihn unter den S. 21 — ^23 verzeichneten Gu- 
bcmatoren des Schlosses nicht; augenscheinlich ist daselbst S. 22 
eine Lticke vorhanden. Es ist jedenfalls der dort S. 47 genannte 
Fraustädtische Landesälteste Hr. George Schlichting, der, wie Zachert 
sich ausdrückt, „ein Mignon von dem Herrn Starosten Leszczynski 
war", und angeblich die beiden 1652 für die Meseritzer evangelische 
Kirche angeschafften Glocken, welche auf Betreiben des Probstes 
Nochowicz wieder abgenommen werden mussten, nach seinem Gute 
Schlichtingsheim geschafft hat. Das „N" im Text bedeutet wohl no- 
bilis. Über die Familie derer von Schlichting, welche damals an 
der Westgrenze Grosspolens verschiedene Güter, u. a. auch Prittisch, 
besassen — ihr Stammgut war Bauch witz (Bukowiec) — , und ener- 
gische Verfechter der Reformation waren, Agl. Danysz, a. a. O. 
S. 16. A. 

2) Wladislaus IV. 1632— 1648. 



Der Streit der Schuhmachergewerke zu Meseritz u. Schwerin. 8l 

Straffe; welcher Punkt zu finden ist in des Reichss Con- 
stitution Anno 1635 am 41 Blat. 

Alss aber ein Gewerck von Schwerin mit einem 
Recommendation Schreiben Von einem E. E. W. W. Raht 
an ein E. E. W. W. Raht in Meeseritz sind gezogen, 
bithenlich angehalten, dass sie möchten wie vor Alters 
die Jahrmarkte frey haben, ihre Wahre zu verkaufen, 
welches auch ein Gewerck von Schwerin gethan und bey 
Hofe angesucht; aber es ist limitiret worden und nach 
Posen gewiesen worden. 

Da wier sie den in Posen im adlichen Recht an- 
geklaget haben, da haben wier das Lucrum und Con- 
tumation über sie erhalten, undt wardt uns von unsem 
Advocaten gerahten, das wier solten unsere Wahren 
feil haben. 

Weil wir aber unser Herberge bey Meister Sigmundt 
Schmieden hatten und imser Schustützen aussetzen, wie 
gebräuchlich, nahmen die Schuster unser Stützen und 
schmiessen sie auf die öffentliche Strasse, und wanten 
vor, das wier die Oberstelle haben wolten. Da hat H. 
Mathias KintzeP) die Protestation, so in Schriefften ver- 
fasset war, auff den Markte publice verlesen. Nachmahlss 
nahmen wier unser Stützen vndt hatten vor H. Christoff 
Bösen unser Wahre feil. 

Da wier den guten Marckt hatten, da kahmen aber- 
mahl die Schuster undt nahmen unser wahre allesampt 
und trugen sie in unsere Herberge in die Stube herein, 
da unss den viel Volck in die Stube nach folgeten und 
kaufften uns in der Stube ab. 

Unter dessen aber erhalten die Schuster ein Decret 
zu Hofe, das wier nicht sollten mehr zu Meeseritz feihl 
haben, sondern mit der Wurtzel alda ausgerottet sein. 



1) Nach dem Protokollbuche ist „Anno 1645 H. Mathias 
Kintzel Gerichtassessor tzum Handtwerksmeister verordnet worden 
vndt dasselbige verwaltet drei vndt dreissig Jahr." Er starb 1682. 
Der hier in Rede stehende Vorfall fällt also wahrscheinlich in das 
Jahr 1645 oder später, andrerseits vor den 9. Oktober 1654, vgl. 
weiter unten. 

Zeitschrift der Hist. Ges. fQr die Prov. Posen. Jahr^. XIX. 6 



82 Karl Andersch. 

Vnd solches Decret spareten sie, bis wier nach Meeseritz 
zu Markte kamen: kamen die Schuster allesampt mit 
ihren Advocaten, der Nahmens Fritze hiess, und legten 
uns alda diesen Decret vor unsem Advocaten auf den Tisch. 

Alss aber vnser Advocat diesen Decret durchlesen 
hatte, sprach er: „Ich gebe meinem Gnädigsten Könige 
und Herrn seinen Schriefften ihren gebührlichen Respect"^ 
und küsste ihn und legte den Decret auf sein Haupt und 
sprach weiter: „Weil ihr diesen Decret habet sine citatinis 
erhalten und uns darzu nicht geladen, als protestire ich 
solennissime dawider", und zu uns sprach er alssbaldt: 
„Ihr Schuster von Schwerin, leget ewer Wahren aus vnd 
verkauffet sie, und so euch jemandt wierd wollen Gewalt 
daran thun, zahlet sie nur; ihr werdet sie so theuer nicht 
verkauf fen, alss sie euch bezahlen solten." 

Da wolten die Meeseritzer Schuster gar aus der Haut 
fahren, das wir auf dieses Decret nicht parieren wolten. — 

In dieser Zeit aber führeten wir unser Recht zu 
Posen stetz fort und erhielten die Bandition über der 
Stadt Raht und Schuster. Als aber ein E. E. W. W. 
Raht zu Meseritz sahen, das wier hatten die Bandition 
über sie erhalten, schlugen sie sich ins Mittel vndt 
schrieben ein Schreiben an den Raht bey uns und bähten, 
das wier möchten dahin kommen, ob die Sache kunte 
gütlich gehoben werden: Da den Titul. H. George 
Kintzel, als unser H. Burgermeister, und H. Johan 
Herhoff, unser Advocat, item H. Mathias Kintzel, Gerichts- 
assessor und Handwercks Meister, und Meister Georg 
Schwartzschuster und Simon GauU, des Gewerckss 
Schreiber (hinüberreisten ^). Auf der Meeseritzer Seiten 
aber wahren der H. Bürgermeister Baltzer Gabler, H. 
Mathias Hoffmann, H. Erasmus Günter und H. Crisander^), 

1) Fehlt im Text. 

'-*) Dieselben werden von Zachert wiederholt erwähnt. Von 
Hoffmann insbesondere, welcher S. R. M. Secretarins war, berichtet 
Zachert, dass er das sogenannte Stadtgut der Stadt als Legat hinter- 
liess, ebenso seine „Bibliotheque, so aus juridicis, philosoph. et 
historicis libris bestund." S. 29. 



Der Streit der Schuhmachcrgc werke zu Meseritz u. Schwerin. 83 

und Meister Samuel Netisch und Heinrich Teubner, beide des 
Gewerckss der Schuster Handtwerckss Meister; da uns den 
im Anfang die Schuster 400 fl. bahres Geldes boten zu geben, 
wen wir den Jahrmarkt in Meeseritz wolten fahren lassen. 
Aber wier wolten nicht, sondern drungen fest darauf, das wir 
wolten den Jahrmarkt erhalten. 

Endlich gelanget es dahin, das wier mit Consens 
unsers H. Bürgermeisters ihnen 200 fl. versprachen zu 
geben innerhalb vier Wochen, welches auch geschah; 
da uns dan ein E. E. W. W. Raht 50 fl. darzu verehret 
hat. Die Hern von Meeseritz sagten uns auch 50 fl. zu, 
aber es hat sich so lange verzogen, biss wir endlich 
nichtss bekommen; welcher Contract unter uns geschah 
anno 1654 den 9. Octobris mitten in der Nacht, da den 
die Obrigkeit von beyden Städten frölich darüber wahren, 
das auch H. Erasmus Günter, Bürgermeister^), mit diesen 
Worten herausbrach: „Haec est dies, quem fecit dominus, 
exultemus et laetemur in ea!" — 

Nachwahlen ward von beyden Gewercken einer nach 
Posen geschicken, alda diesen Contract in das Posenische 
Landbuch einzucorporiren, da den von uns gewesen ist 
Meister Michael Säur, Amptss Geschwomer inSchwerin, 
und von Meseritz ward geschickt Meister Martin Hintze. 

Alss aber anno 1655 ^^^ schwedische Krieg in Pohlen 
anging, das alles nicht zum rechten Stande gelangen 
konte, biss hernach anno 1657, da wolten die Schuster 
zu Meeseritz von keinen Vertrag nicht wissen, auch von 
keinem Gelde nicht wissen, biss sie endlich durch Schriff- 
ten und Zeigen überwiesen worden; da musten sie es 
endlich gestehen. Samuel Matisch ward gefraget im Raht- 



^) Nach der der Stadt Meseritz von König Sigismund III. 1595 
erteilten Urkunde, welche bei Zachert, S. 36 ff. und Wuttke, 8. 371, 
K. dB, abgedruckt ist, sollte es dem Starosten freistehen, jährlich 
zwei von den acht lebenslänglichen Magistratspersonen zu Bürger- 
meistern (magistri civium oder proconsules) zu wählen, welche ab- 
wechselnd halbjährlich regieren sollten. 

Im Verzeichniss von 1652 (vgl. oben) werden zwei Meister 
dieses Namens aufgeführt; der ältere starb 1663, der andere 1687. 

6» 



84 Karl Andersch. 

hause, wo er der Schwerinischen Schuster ihr Geldt ge- 
lassen hatte; antwortet er: „ich habe mich in der Ein- 
quartirung^) darmit gerettet"; undt nachmahlss, als er 
seine Stelle vom Hause hat verkauffet, hat er das Geldt 
dem newen Handwerckssmeister überantwortet, nemlich 
Christoff Sawade. Da fraget der H. Bürgermeister: „Sa- 
wade, wo habet ihr der Schweriner Schuster ihre Geld 
gelassen?" — Da hat er geantwortet: „Wier haben es 
unsern Advocaten Quassnowsky gegeben. 

Auf dieses hat sie der H. Bürgermeister mit Worten 
hart gestraffet und gesaget: „Seidt ihr solche Leute, das 
ihr Geldt von den Schwerinern nehmet und hernach 
wolt ihr es leugnen? — Es haben auch beyde Altmeister 
vor den Meseritzer Stadtbuch gestanden nebest uns, 
nemlich Samuel Netisch und Lorentz Fritzsche, auf unser 
Seite H. Johann Heroff, H. Mathias Kintzel, H. Simon 
GauU, und gebeten, das der Contract möchte incorporiret 
werden, undt nach etlicher Zeit haben sie es geleugnet, 
auch vor den Meseritzer Stadtgericht darüber geschworen. — 

Nachmals aber, alss solches vor E. E. W. W. Raht 
ist kommen, haben die H. des Rahtss zu uns herüber 
geschrieben. Weil aber H. Herhoff und H. Mathias Kintzel 
unpässlich waren, ist H. Simon Gaull und Michael Säur, 
Tomas Kintzel^ hinübergereiset und im Recht dagestan- 
den, da er*) es den ihnen unter Augen gesaget, das sie 
von beyde Parten, hat er solchen Vertrag in das Stadt- 
buch einzuschreiben*). 



1) In den Jahren 1656—1662, femer 1665, 1669, 1670 und 1672 
hatte Meseritz wiederholt und schwer unter den Durchmärschen 
und Einquartierungen schwedischer, polnischer und kaiserlicher 
Truppen zu leiden, das Nähere bei Zachert, S. 89—93. 

2) Im Meisterverzeichniss von 1652 ist er nicht erwähnt; er 
starb 1675 „den Sonntag nach Judica". 

3) Nämlich der weiter unten erwähnte Meseritzer Stadtschreiber 
Jacob Kintzel. 

*) Der Verfasser ist hier aus der Construction gefallen. Der 
Sinn ist wohl der: er, der Stadtschreiber, habe auf Bitten beider 
Parteien, nämlich der Meseritzer und Schweriner Gewerksvertretcr, 
den Vertrag in das Stadtbuch eingeschrieben. 



Der Streit der Schuhmach ergc werke zu Meseritz u. Schwerin. 85 

Auch hat ein E. E. W. W. Raht mit ihrem Buche 
solches bewiesen. Alss solches geschehen, hat sie Titul. 
H. Jacobus KintzeP), alss damaliger Stadtschreiber, der 
solches geschrieben hatte, diese beyde Männer vor gott- 
lose, gottesvergessene Leite, ja vor leichtfertige, meineidige 
Leite angeklaget, welche nicht würdig in der Stadt zu 
leiden weren. 

Nachmahlss aber, alss sie unterrichtet worden, wen 
und wie es geschehen were, besonnen sie sich, es were 
wahr; es sindt aber diese beyde Männer in diesem Jahre 
beyde in vier Wochen gestorben. 

Nachmahl wider sindt die Schuster auffs new wider 
uns rebellisch gewest, und hat sich einer hierzu brauchen 
lassen, nemlich Michel Kalbach ^), der ist mit den pol- 
nischen Cantor ungestümer Weise in unser Herberge 
eingefallen und unser Wahren hinweggenommen und in 
die catolische Kirche^) getragen und hernach aus die 
grosse Kirche in die Hospitahl Kirche*) geschleppt. 

Weil aber der H. Decanus von Bendschen^) die 
Commende über die Spital Kirche®) hatte, ist H. Simon 
Gaull zu im geschicket, aber nichtss ausgerichtet 



^) Derselbe ist identisch mit dem von Zachert mehrfach 
(S. 25, 5a, 63, 82) erwähnten Jacob Kintzel, Secretarius S. R. M. 
und Notarius pubUcus; im Jahre 1674 judex. Vgl. auch Danysz, a. a. 
O. S. 13. A. 

2) Jedenfalls der von Zachert erwähnte Michael Kaldenbach; 
vgl. oben im Anfange. 

3) Nämlich die jetzt noch existierende Pfarr- oder Schloss- 
kirche. Vgl. über diese Zachert, S. 24; Landrichter Kade, Gründung 
und Namen von Stadt und Schloss Meseritz, 1894, S. 15. 

*) ^Die andere Kirche — sagt Zachert S. 24, 25 — ist in der 
Vorstadt, die Hospital- oder St. Nikolai-Kirche genannt. Der Restau- 
rator ist Nicolaus Nochowicz, Praeposit. Medericens. Anno 1609.* 
Vgl. auch Danysz, a. a. O. S. 7; Kade, a. a. O. S. 15, 16. Sie ist 
heute nicht mehr vorhanden. ^ 

*) Meseritz gehört auch jetzt zum Decanat Bentschen. 

*) Nach Danysz, a. a. O., wurde 1641 mit Zustimmung Wla- 
dislaus IV. die Kirche in Kainscht sammt der Filiale in Nipter mit 
der Nikolaikirche (Hospitalkirche) vereinigt, diese aber zu einer 
PTarrkirche erhoben. Danysz lässt es dahingestellt, ob an der Ni- 



86 Karl Andersch. 

Aber nachmahlss haben wier ihnen eine Citation 
vor dem H. Official zu erscheinen gegeben nach Posen, 
da den uns H. Bürgermeister Jacobus Arendt gedienet 
hat, der^) den befohlen, die Schuhe alsbaldt heraus- 
zugeben; da den J. G. der Schlossherr seine Calasse 
anspannen lassen, auch selbst in Perschon mitgegangen 
undt die Schuhe auf der Calasse auf Schloss führen 
lassen und sie uns daselbst wiederumb zugestelt. Die 
Schuster aber haben vor diese Gewalt einen E. E. W. W. 
Raht in Meseritz loo fl. müssen Strafe geben. — 

Zu der Zeit wardt zu Meseritz eine Commission 
zwischen dem Raht und der Gemeine^) gehalten; da uns 



kolaikirche schon im 17. Jahrhundert Pfarrer angesteUt wurden; 
nach Zachert, S. 39, hatte anno 1693 »^ic St. Nikolaus-Kirche ihren 
besonderen Probst". 

1) Der Offizial. 

2) Es ist hier wahrscheinlich die katholische Gemeinde ge- 
meint. Damals dauerten noch die Streitigkeiten zwischen dem 
Probst und dem wohl ausschliesslich evangelischen Rat an. Danysz, 
S. 21, berichtet darüber: 1671 wird (katholischer) Pfarrer in Meseritz 
Casimir Lewicki. Wie seine Vorgänger beginnt auch Lewicki seine 
Tätigkeit mit Processen. . . . Auf seinen Antrag ergeht auch schon 
167 1 ein Mandat an den Magistrat wegen Reparatur der Kirche, 
gleichzeitig wird auch eine Commission zur Führung des Prozesses 
ernannt. Der Prozess, Über dessen Verlauf wir nicht unterrichtet 
sind, scheint mehrere Jahre gedauert zu haben. . . . Andrerseits 
erwähnt Zachert, S. 81, eine Commission, welche 1674 zur Schlichtung 
eines Streits zwischen dem Meseritzer Bürger David Hellmann und 
dem Rate eingesetzt war, . und welcher unter anderen auch die 
beiden im Texte genannten Äbte angehörten, nämlich »Joh. Cas. 
Opalinski, abbas Bledzensis", und „Malabowski, Abt im Kloster 
Ober*'. Diese tagte vier Wochen, und es wurden die Herren 
Commissarien alle Tage auf das Beste tractiret, sodass, wie Zachert 
mit einer gewissen Wehmuth bemerkt, „diese Commission sehr viele 
Bürger ruinieret" hat. — Es ist sehr wohl möglich, dass diese letzt- 
genannte Commission anfänglich zur Schlichtung des Streits zwischen 
dem Rat und der katholischen Gemeide bezw. dem Probst berufen 
war und — in Unterbrechungen — bereits seit 1671 tagte, und dass 
sie nebenbei noch andere gerade vorhandene Sachen, wie die An- 
gelegenheit Hellmanns gc^en den Rat, erledigte, eine Vermutung, 
welche durch die Darstellung im Texte an Wahrscheinlichkeit ge- 
winnt. — Unser Schuhmacherprozess, dessen Schlussjahr weder 



Der Streit der Schuhmachergewerke zu Meseritz u. Schwerin. 87 

den J. G. der H. Apt von Bleese^) hies, unser Recht 
auch zu Meseritz an suchen; aber der H. President als 
J. G. der H. Apt aus dem Ober Kloster verabschiedete 
uns nach Königliche Hoffgerichte. 

Nach diesen haben sie uns eine Citation nach Hoffe 
geleget; weil aber damahl polnische Einquartirung bey 
uns war, haben wir durch J. G. den H. Wojewoden 
seinen Kosaken an unsem Advocaten, des Nahmens H. 
Johannes Szadkowsky geschrieben, welcher anstadt unser 
alda geantwortet hat. 

Nachmal als wir wiederumb zu Markte kamen, 
kamen die Meseritzer Schuster alle semptlich unter unser 
Schue, als wier albereit ausgehangen hatten, undt kamen 
vor H. Simon Gaullen Stand und sprachen, aus was vor 
Macht wier da feil hatten, und warumb wir nicht zu 
Warschaw gestanden wehren. 

H. Simon GauU aber beantwortete ihnen also: „Auff 
Befehl Ihr Grossmächtige Gnaden des H. Woje>yoden 
haben wir feil, und das wir nicht perschönlich gestanden 
haben, ist die Ursach wegen der wirklichen Einqvartirung; 
aber unser Advocat hat schon anstatt unser geantwortet. 

Auff dieses haben sie mit Ungestüm unser Wahren 
herunder gerissen, aber unsere Meister haben sich tapfer 
gewehret und sie bey die Haare und Koppe genommen 



bei Zachert noch im Text angegeben ist, ist, wenn man die Zeit- 
angabe Zacherts mit der Textdarstellung vergleicht, jedenfalls im 
Jahre 1674 beendet worden. 

1) Biesen, 12 km SW. von Schwerin, im jetzigen Kreise 
Schwerin, und Obra, in der Wollsteiner Gegend, waren beide 
Cisterciensenklöster. Nach Warminski, Urkundliche Geschichte des 
ehemaligen Cistercienser-Klosters zu Paradies, Meseritz, 1886 S. 16, 
war letzteres im Jahre 1237 vom Mutterkloster Wongrowitz, Kloster 
Biesen im Jahre 1282 vom Mutterkloster Dobrilugk (in Branden- 
burg) gestiftet worden; nach Wuttke, a. a. O. S. 270, letzteres 
bereits 1260. — Beide Klöster sind in Folge des Edicts König 
Friedrich Wilhehns III. vom 30. October 1810 eingezogen, die ehe- 
maligen Biesener Klostergüter zur Kgl. Domäne Althöfchen (ehe- 
malige Residenz des Abtes) und der Kgl. Oberförsterei Schwerin 
umgewandelt worden. 



88 Karl Andersch. 

und sie wacker abgeschlagen; doch sind ihnen die Schuhe 
gefolget (worden)^), da sie sie den zu ihrem Handtwerck 
getragen. 

Aber H. Simon Gaull und Davidt Säur 2) sind alss- 
bald zum H. Burgermeister gegangen und wider solche 
Gewaldt protestiret undt geklaget, und seindt beyde alss- 
bald dageblieben bis auf den 3ten Tag. 

Da haben die Schuster müssen auf Befehl eines 
E. E. W. W. Rahts die Schuhe ins Rahthauss bringen 
und unser Unkosten zahlen; auch sind unsere Schuhe mit 
Ruhm überantwortet worden. Dem Raht aber haben sie 
müssen im puncto loo polnische Marckt vor diese Gewalt 
Straffe geben. 

Aber vier Wochen nach diesem haben sie uns aber- 
mahl eine Citation durch den Wozner®) geleget, innerhalb vier 
Wochen zu Warschau vor dem Rechte zu stehen bey 
tausend Ducaten Straffe und bei Verlust aller unser 
Güter; da der H. Simon Gaull ist von einem löblichen 
Gewerck abgefertiget worden und in Gottes Nähme nach 
Warschaw gereyset, alda dm-ch göttlicher Hülfe und 
Gnade das Recht erhalten, wie solches im Decret zu er- 
sehen ist. 

Zu dieser Reyse hat uns Ihr Grossmächtige Gnaden 
der H. General alss Grosscantzler, wie auch Ihre gross- 
mächtigen Gnaden der H. Wojewode Peter Obpalynsky*) 
Recommandation-Schreiben an den H. Untercantzler H. 



1) Steht im Text. 

^) Im Meistcrverzeichniss von 1652 enthalten; starb 1676. 

5) Wozner, polnisch-deutsche Form für Wozny, der Ge- 
richtsbote. 

*) Petrus de Bnin Opalinski, General von Grosspolen, war seit 
1668 Meseritzer Starost, als Nachfolger Leszczynskis. Er war der 
Bruder des damaligen Abts von Biesen, Johann Casimir Opalinski. 
In dem erwähnten Rechtsstreite zwischen Hellmann und dem 
Meseritzer Rathe stand er, obwohl nicht direkt beteiligt, auf Seite 
des letzteren, während der Abt für Hellmann Partei nahm, sodass, 
wie Zachert bemerkt, „deswegen unter denen beyden Brüdern 
Opalinski grosse Jalusie entstund." Zachert, S. 14, 82, 144. 



Der Streit der Schuhmachergewerke zu Meseritz u. Schwerin. 89 

Andraeae Oltschoffsky (gegeben)^), welche Schrifften uns 
sehr zu Nutze gekommen sein. 

Hiermit schliesst die Darstellung des Verfassers. 

Das Decret des Kgl. Hofgerichts zu Warschau, auf 
welches er sich am Schlüsse beruft, ist nicht mehr vor- 
handen, doch finden sich bei Zachert^) nähere Nach- 
richten über den Ausgang des Prozesses. Er berichtet: 
Da mm der Hof decretirte, so verspielten die Meseritzer 
Schuhmacher das Recht sowohl mit einem E. Rat als 
mit den Schwerinern. Dem Rate musste ein jeder 
Schuhmacher 10 Thr. Strafe erlegen, dameben mussten 
sie den Schwerinern vor die ihnen weggenommenen 
und imter des Probstes Leute ausgeteilte Schuhe 
gutkommen imd sie bey ihren Jahrmarktbesuchungen 
ungekränkt lassen. 

Mit dem erwähnten königlichen Decret ist der Streit, 
welcher so lange angedauert, als beendet anzusehen. 
Zwar wollten, wie Zachert berichtet, „etliche Meister, 
sonderlich die alten, mit den Schwerinern aufs Neue an- 
setzen**, indem sie vorwandten, ihr von Sigismund III. er- 
teiltes Privilegium würde sie schützen; doch wollten die 
jungen Meister nicht darin willigen, sondern begaben sich 
dieses Rechtes und reisten auf den Schweriner Jahrmarkt, 
während die Schweriner nach Meseritz kamen. „Die 
alten Meseritzer Meister aber, sagt Zachert, wollten durch- 
aus nicht nach Schwerin." 

Im Laufe von wenigen Jahren müssen die gegen- 
seitigen Beziehungen sich jedoch erheblich gebessert 
haben, wie aus folgendem im Protokollbuche nieder- 
geschriebenen Beschlüsse erhellt: Anno 1681 den 4. Majy 
hat ein löblich Gewerck der Schuhmacher von Meeseritz 
bey den Gewerck der Schuhmacher in Schwerin an- 
gehalten und gebehten, weil der Jahrmarckt in der Fasten 
alle Zeit den Sonnabend vor Judica gefeilig ist, das man 



1) Fehlt im Text. 
2)S. 83. 



90 Karl Andersch. 

ihnen möchte zugeben, das sie mit ihren Wahren möchten 
den Sontag Judica feil haben. Solches hat ihnen ein 
Gewerck in Schwerin aus nachtbahrlicher Freund- 
schaft zugeben; aber die andre Jahrmarckte sollen sie 
alle Zeit halten auf den Tag, wen der Jahrmarckt fellig 
ist Zu mehren Krafft dessen ist solcher Schein ihnen 
übergeben und mit des Gewerckss Insiegel corroborieret 
worden und mit der beyde Handtwerckssmeister Unter- 
schrifft bestetiget 





Des Landgrafen Friedrich von Hessen 
Todesritt von Posen nach Kosten. 

Von 
Oswald Collmann. 




'ie ersten Jahre von Johann Kasimirs Regierung 
waren bekanntlich mit blutigen und verlust- 
reichen Kriegen ausgefüllt. Zwar wurde das 
damalige „Grosspolen", und somit auch unsere Provinz 
Posen, von den Kämpfen mit den Kosacken und dem sich 
aus ihnen entwickelnden Kriege mit den Moskowitern 
weniger als die südöstlichen Teile des ausgedehnten Rei- 
ches berührt, — hatte aber dafür in dem 1655 ausge- 
brochenen schwedischen Kriege nicht nur den ersten 
feindlichen Ansturm, sondern auch alle Leiden einer län- 
geren Okkupation zu erdulden. 

Am 21. Juli 1655 überschritt der erste Teil des 
schwedischen Heeres unter dem Feldmarschall Wittenberg 
bei Heinrichsdorf die polnische Grenze. Dort hatte das 
grosspolnische Aufgebot unter den Woiwoden von Posen 
und Kaiisch Stellung genommen, aber statt dem Feind 
mannhaft entgegen zu treten, schlössen sie am 25. Juli 
die Kapitulation von Tisch ab, kraft deren sie den Träger 
der schwedischen Krone Karl Gustav als ihren König 
und Herrn anerkannten und ganz Grosspolen mit allen 
festen Plätzen den Schweden übergaben, allerdings 
unter der Bedingung, dass die Privilegien des Adels und 
der Geistlichkeit respektiert, die Steuern nicht erhöht 
und nicht anders als in der bisherigen Weise eingetrieben, 
und dass die Schweden sich überhaupt gegen die Be- 
wohner des Landes menschlich und redlich benehmen 
würden. 



92 Oswald Collmann. 

Die Schweden drangen nun ungehindert vor, und 
während Karl Gustav mit seiner Hauptmacht auf War- 
schau losrückte, besetzten seine Unterfeldherren den 
grössten Teil Grosspolens, insbesondere auch die Haupt- 
stadt Posen. 

Aber die Schweden hielten nicht die in dem Vertrag 
von Usch gegebenen Versprechungen, sondern bedrückten 
und misshandelten die Bewohner des Landes so sehr, 
dass diese schliesslich zu den Waffen griffen. Die An- 
fänge dieses grosspolnischen Aufstandes und seine ersten 
Erfolge werden nun gewöhnlich, und zwar besonders 
ausführlich von Jarochowski^), folgendermassen dargestellt: 

„Der erste Platz, an dem die Aufständischen ihre 
Kräfte versuchten, war die befestigte Stadt Kosten. In 
dem dortigen Schlosse, dessen Platzkommandant der 
Schwager Karl Gustavs, der hessische Landgraf Friedrich; 
war, befand sich eine Besatzung von 400 Schweden. Die 
Bauern der umliegenden Dörfer mussten ihnen Lebens- 
mittel, Futter und Holz liefern. Die Abwesenheit des 
Landgrafen, der sich in der Umgegend mit Jagen ver- 
gnügte, benützend, rückte eine Abteilung des polnischen 
Adels unter der Führung des Starosten von Bomst, 
Christoph 2egocki, heran und schickte einen Bauer mit 
einer für die schwedische Besatzung bestimmten Fuhre 
Reisholz in die Burg. Das Schlosstor wurde dem Bauer 
unbedenklich geöffnet, aber mitten auf der Zugbrücke ging, 
wie durch Zufall, von dem Holzwagen ein Rad los, so 
dass weder die Brücke aufgezogen, noch das Tor ge- 
schlossen werden konnte. Jetzt brach die polnische 
Schlachta aus ihrem Hinterhalt hervor, drang in das Innere 
der Burg ein und überwältigte nach kurzem Widerstände 
die Besatzung^). Als nun der Landgraf — ohne Ahnung 



1) K. Jarochowski, Wielkopolska w czasie pierwszcj wojny 
szwedzkiej . . . Poznan, 1884. (Wydanic drugie). 

2) Diese Geschichte hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit 
Walter Scotts Erzählung von der Eroberung der schottischen Burg 
Linlithgow (oder Lithgow) durch die Anhänger des Königs Robert 
Bruce. Vgl. W. Scott, A Child's History of Scotland. 



Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt. 93 

von dem Vorgefallenen — mit einigen Begleitern zu 
Pferd von der Jagd zmtlckkam, vertrat ihm der Adel 
auf der Brücke den Weg und forderte ihn auf sich 
zu ergeben. Aber der Landgraf, statt sich der Über- 
macht zu fügen, wollte sich widersetzen und griff zur 
Waffe. Es fielen einige Schüsse, und der Landgraf sank 
tot vom Pferde**. 

Obwohl die Einnahme von Kosten diu-ch 2egocki 
auf den weiteren Verlauf des Krieges einen nennenswerten 
Einfluss nicht ausgeübt hat, so muss doch der mora- 
lische Eindruck dieser schwedischen Niederlage, erhöht 
durch die Kunde von dem Tode eines dem König Karl 
Gustav so nahestehenden hohen Offiziers, ein sehr starker 
gewesen sem. Dies lässt sich u. a. auch aus einer Schrift 
erkennen, die unter dem Titel „Der im schwedischen 
Krieg von Chr. 2egocki durch die Verteidigung der Re- 
ligion, des Königs und der Freiheit gepflückte Lorbeer- 
kränz***) im Jahre 1661 in Posen gedruckt worden ist 
Es ist eine in den üblichen schwülstigen Ausdrücken 
verfasste Lobschrift auf die Tugenden und Verdienste 
des oben erwähnten Starosten von Bomst. Unter diesen 
Verdiensten steht die „Besiegung** des Landgrafen von 
Hessen in erster Reihe, sie ist in den Augen des Ver- 
fassers, Albert Kasimir Pilecki, offenbar der höchste 
Ruhmestitel des von ihm Gefeierten. So sagt er z. B. 
mit Anspielung auf den Habicht (accipiter) in dem Wap- 
pen der ^egockis: „Gewiss, tapferster Held, auch wenn 
du die Kunst, die Köpfe der Barbaren unter die Füsse 
zu treten, nicht schon von den sehr kriegerischen Trä- 
gem des Habichtwappens (ab accipitrinis) ererbt hättest, 
so würdest du sie doch deinen Nachkommen in dem 
zu Boden getretenen Haupt des Landgrafen von Hessen 
überliefert haben** 2). 



1) Laurea Zegociana in hello suecico per... Christophonim 
Zegocki a religione, rege, libertate dcfensis decerpta. 

2) „Profecto, fortissime heroum, calcandi artem barbarorum 
capita, si a pugnacissimis olim non accepisses Accipitrinis, tarnen 
Postens in Landsgraffij Hassiae capite calcato tradidisses'^... 



94 Oswald Collmann. 

In dem Lobe, welches der Menschlichkeit 2egockis 
gespendet wird, liegt sogar eine wenn auch vielleicht 
unwillkürliche Anerkennung der tapferen Haltung seines 
Gegners. Zur Erklärung der Randbemerkung „Er (d. h. 
iegocki) hat den Landgrafen gefragt ob er ihm das Le- 
ben schenken solle" enthält nämlich der Text die Worte: 

„Du wolltest dem Landgrafen (nur) sein Gift, nicht 
das Leben rauben. Du hättest ihm weiter zu leben gern 
gestattet, wenn er durch seinen Widerstand (obluctans) 
nicht abgelehnt hätte, sich in deines Sieges Hand zu 
geben". — Und noch deutlicher weiter unten: „Er wäre 
am Leben geblieben, wenn er sein Leben deiner Milde 
und nicht seinem Schwert anheim gestellt hätte" ^). 

Dies Lob, wenn es ein solches sein soll, wird dann 
freilich durch schwere Beschuldigungen wieder aufgewo- 
gen: „Wisset, ihr Katholiken, dass die rächende Strafe 
<Jer Räuber nicht ausbleibt, und dass die Götter nicht 
säumig sind im Belohnen der Tugenden. Für das eine 
möge der besiegte Landgraf, für das andere der sieg- 
reiche ^egocki als Beweis dienen"...^ „Wer wäre wohl 
würdiger, von der Burg der Königin (d. h. Czenstochau*) 
die Gold und Silber verprassenden Schweden abzuwehren 
als der Mann, der sie auch von der Burg des Königs (d. h. 
Kosten) vertrieb, nachdem er ihre Gier nach polnischem 
Blut in dem Landgrafen von Hessen ausgelöscht hatte" *). 

^) Virus Landsgraffio, non ivitam adimere animus tibi erat 
Non invitus ei vivere concederes, dummodo ille in victoriae tuae 
manus obluctans ire non negaret. . . . Vixisset, si clementiae tuae, 
«t non gladio, vitam suam commendasset. 

^ Discite, Catholici, non claudam (esse) poenam ultricem 
praedonum, nee segnes virtutum praemiatores divos — utriusque 
documentum victus Landsgraffius Hassiae, victor Christophorus 
^egocki. 

8) Zegocki war von Johann Kasimir zum Kommandanten der 
dortigen Schlosswache ernannt und dadurch mit der ehrenvollen 
Aufgabe betraut worden, die in Czenstochau weilende Königin Marie 
Louise zu beschützen. 

^) Nam quis eo dignior ut a Castro reginae helluones argenti 
«urique Suecos abigeret, quam qui et a Castro regis, exstincta in 
Landsgraffio Hassiae cruoris Polonici cupidine, abegit? 



Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt. 95 

Die zuletzt angeführten beiden Stellen der Schrift 
des A. K. Pilecki enthalten, wie wir sehen, neben dem 
Lob des Siegers schwere Vorwürfe für den „Besiegten*, 
tind es drängt sich daher die Frage auf: War denn der 
Landgraf Friedrich von Hessen wirklich ein solcher Wü- 
terich, dass man seinen Tod als die gerechte Bestrafung 
eines Räubers bezeichnen durfte? 

Nun — ein Heiliger war der Landgraf sicherlich 
nicht Dass er, als jüngstes von den 13 Kindern Moritz 
des Gelehrten, Landgrafen von Hessen-Kassel, keine be- 
sonders sorgfältige Erziehung erhalten hat, wie sie gerade 
bei seinem Temperament sehr nötig gewesen wäre, das 
bezeugt u. a. der Geschichtschreiber Hessens, Chr. von 
Rommel, indem er von ihm sagt: „In den letzten Jahren 
seines Vaters vernachlässigt, erhielt er in Eschwege (sei- 
nem Wohnort) den Beinamen „Der tolle Fritz" imd be- 
hielt, wie sein (eigener) Bruder Ernst in seiner hand- 
schriftlichen Lebensbeschreibung erzählt, zeitiebens ein 
toUes Wesen«!). 

Andrerseits müssen damals die Schweden in Gross- 
polen überhaupt und insbesondere in Kosten übel ge- 
haust haben. Dafür sei hier nur ein Zeugnis angeführt: 
In einem Aufsatz über das Wappen der Stadt Kosten^) 
macht der verstorbene Posener Sanitätsrat Dr. Klemens 
Köhler u. a. folgende Mitteilungen: „In den Akten des 
städtischen Amts von Kosten findet sich nirgends eine 
Erwähnung des Wappens (der Stadt) oder eines Ab- 
drucks desselben in einem Siegel. Der erste schwedische 
Krieg, der über die Stadt Kosten grosses Unglück und 
Verwüstung brachte, verursachte auch die fast vollständige 
Vernichtung der älteren Akten: Die Schweden ver- 
nichteten oder konfiscierten alles, was niu* irgend einen 
Wert darstellte. Sogar die Haspen imd Angeln rissen 
sie von den Türen ab, (die Siegel von den Akten) — 



1) V. Rommel, Neuere Geschichte von Hessen. 1837. Bd. II, S. 345. 
^ Köhler, Herb miasta Kodciana na pieczqciach wyobralony. 
(„Wiadomosci numizmatyczno-archeologiczne", tom III.) 



K 



96 Oswald Collmann. 

nicht etwa, um die polnische Siegelkunde kennen zu 
lernen, sondern um auch dieser geringen Menge des zu 
den Siegeln verwendeten Wachses sich zu bemächtigen. 
Zur Stütze dieser Behauptung führen wir eine Stelle aus 
dem Revisionsbericht ^) des Kostener Starosten vom 
Jahre 1661 an: „Die Einwohner wiesen einige den Bürgern 
der Stadt verliehene Privilegien vor, aber die Schweden 
hatten sie zerkratzt und die Siegel von ihnen abgerissen". 

Wenn also der Landgraf Friedrich wirklich damals 
Platzkommandant von Kosten gewesen ist, so wird es 
nicht möglich sein, ihn von der Verantwortung für diese 
Ausschreitungen frei zu sprechen. 

Aber ist es denn, wird man fragen, irgendwie 
zweifelhaft, dass er damals in Kosten als Platzkommandant 
gewaltet hat? Für die meisten, welche in neuerer Zeit 
über diese Dinge geschrieben haben, für Moraczewski 
nicht weniger als für Jarochowski und Köhler, ist es im 
Gegenteil eine ganz feststehende Tatsache. Sie stützen 
sich dabei auf keine geringere Autorität als die des 
Vespasian von Kochowski^, dem sie denn auch seine 
Schilderung jener Vorgänge mehr oder weniger wörtlich 
nacherzählt haben. Und daraus kann man ihnen kaum 
einen Vorwurf machen, denn Kochowski hat damals selbst 
an den Kämpfen gegen die Schweden als Soldat teil- 
genommen. Er ist sogar (1656) in einem Gefecht in der 
Nähe von Gnesen verwundet worden und zwar, wie er 
im zweiten Buch seiner „Liryki" selbst erzählt, für den 
von ihm in der Gnesener Kirche bewiesenen Skeptizis- 
mus (za okazane w ko^ciele gnietoier^skim niedowiarstwo). 
Von einem solchen Manne darf man aber doch wohl er- 
warten, dass er diese Neigung zur Kritik auch bei der 
Schilderung der Ereignisse seiner eigenen Zeit betätigt 
haben wird. Geben wir daher zunächst Kochowski 
das Wort! 



\i Nach einer im Besitz des Verf. (Dr. Köhler) befindlichen 
Handschrift. 

^} Kochowski, Vesp., Annalium Poloniae ab obitu Vladislai IV. 
cliraacter II. Cracoviae. 1683. 



> 



Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt 97 

In dem zweiten Teile oder „Climacter**, wie er es 
nennt, seines Geschichtswerkes drückt er sich über jene 
Vorgänge folgendermassen aus: „Nachdem auf solche 
Weise zu Tyszowce die Konföderation der Stände ab- 
geschlossen war, brach der Hass gegen den schädlichen 
„Schutz*' (der Schweden) bald in offenen Feindseligkeiten 
aus . . . und zwar zuerst in Grosspolen, wo die 
schwedischen Präfekten in den Burgen und Städten 
gewalttätig oder allzuherrisch gegen den Adel verfuhren. 
Die Hauptstadt Posen hielt Claudius Rholambus besetzt, 
Kosten der Landgraf von Hessen . . . , es gab ebenso 
viele Herren wie Biu-gen, und je mehr Herren, desto un- 
ersättlichere". . . 

Nach Aufzählxmg der dem Lande durch die Schweden 
auferlegten Lasten imd von ihm geforderten Leistungen 
fährt Kochowski folgendermassen fort: „Zu diesen Lasten 
musste der Adel der Umgegend beitragen, wie es den 
Präfekten beliebte, und die Steuern, die früher, wenn 
auch niur einer dagegen war, von den Landtagen nicht 
beschlossen werden durften ^), die wurden jetzt, wo alle 
dagegen waren, imter (dem Vorwand) des „Schutzes" 
erpresst Die, welche sich des alten Zustandes erinnerten, 
empfanden solche Dinge bitter, und zuerst bekannte sich 
Peter OpaliAski, der Woiwode (palatinus) von Podlachien, 
offen als Feind der Schweden, nachdem er durch sein 
Wort und Beispiel den Adel Grosspolens zu den Waffen 
gerufen hatte. Nach ihm machte sich Christoph 2egocki, 
der Starost (praefectus) von Bomst, mit mehr Kühnheit 
als Kräften (majore ausu quam viribus) an ein denk- 
würdiges Unternehmen. Die Stadt Kosten ist 7 Meilen 
von Posen entfernt; sie war mit einer Besatzung von 
400 Schweden belegt, und hier hatte Friedrich, der Land- 
graf von Hessen, seinen Wohnsitz genommen, (domicilium 
fixerat). Friedrich war durch die Ehe der Schwestern 
mit dem König Karl (Gustav) verschwägert und bekleidete 



*) Das sogen, liberum veto! 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die ProT. Posen. Jshrf . XIX. 



98 Oswald Collmann. 

in der Verwaltung der Provinzen Grosspolens fast die 
Stellung eines Vizekönigs. Diesen, welcher, wie man er- 
fahren hatte, sich in Sicherheit wiegte, häufig in der Um- 
gegend mit einem Jj^dgefolge umherschweifte und sich 
eines Anschlags nicht versah (incuriosum doli), greift 
2egocki mit (Hilfe) folgender Kriegslist an . . . ." 

Hierauf folgt nun die Erzählung von der Eroberung 
Kostens imd der Erschiessung des Landgrafen ungefähr 
in denselben Ausdrücken, wie ich sie oben nach 
Jarochowskis polnischer Bearbeitung wiedergegeben habe. 

Dieser Darstellung haben sich dann noch zwei andere 
neuere Schriftsteller angeschlossen, Moraczewski ^) und 
der bereits genannte Dr. Klemens Koehler^). In einem 
Punkte jedoch, nämlich hinsichtlich des Datums, stimmen 
sie unter einander nicht überein, denn während Jarochowski 
sagt: „Der Anfang des Frühjahrs 1656, genauer der 
Zeitraum zwischen Ostern und dem Feste des heiligen 
Stanislaus ®), ist der Augenblick des Aufstandes Gross- 
polens", möchte Dr. Köhler den Ausbruch schon in die 
Mitte des Dezember 1655 verlegen. Wegen der Wichtig- 
keit der Zeitbestimmung müssen wir auf diesen Punkt 
näher eingehen. Was Jarochowski zu seiner Auffassung 
veranlasste, war erstens der Umstand, dass zur allgemeinen 
bewaffneten Erhebung des grosspolnischen Adels eigentlich 
doch erst die am 29. Dezember 1655 abgeschlossene 
Konföderation von Tyszowce den Anstoss gegeben hat, 
und zweitens wohl auch die Wahrnehmung, dass Kochowski 
die Erobenmg Kostens unter den Ereignissen des Jahres 
1656 anführt Jarochowski übersah, dass dies wahr- 
scheinlich ein blosser Zufall und aus der Anlage von 
Kochowskis Geschichtswerk zu erklären ist. Nachdem er 
nämlich im I. Buche des zweiten „Climacter" seines 
Werkes die Ereignisse des Jahres 1655 berichtet hat, 
geht er im II. Buche dazu über, die wichtigsten Vorgänge 
von 1656 zu erzählen. Zu diesen gehört auch der Auf- 

1) Moraczewski, Dzieje rzeczypospolitej polskiej. 
8) Koehler, Krzysztof iegocki. Poznan 1897, 
^ d. h. dem achten Mai. 



Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt. 99 

Stand in Grosspolen, der deshalb erst hier im Zusammen- 
hange erzählt wird, obwohl seine Anfänge weiter zurück- 
reichen. 

Wenn nun andrerseits Dr. Koehler sich für die 
Mitte Dezember des Jahres 1655 entscheidet^), so stützt 
er sich dabei zwar auf einen neueren Historiker, Mora- 
czewski, aber er setzt sich damit doch in Widerspruch 
zu einem Zeitgenossen des Landgrafen, dem berühmten 
Pufendorf *), der in ganz bestimmter Weise den 24. Sep- 
tember 1655 als den Todestag des unglücklichen Fürsten 
nennt. 

Seine Ablehnung des von Pufendorf gegebenen 
Datums begründet Dr. Koehler in folgender Weise: „Das 
Jahr 1655 . . . trug sich mit blutigen Schriftzügen in imsre 
Geschichte ein . . . Der Schwede rückte in die (ihm durch 
den Vertrag von Usch) geöffneten Städte und begann 
furchtbare Verheerungen. Im Rauben und Morden wett- 
eiferten die Andersgläubigen®) mit den Schweden. Wer 
konnte, entwich nach Schlesien, ... um das Leben zu 
retten. Über diesen Zufluss von Fremden in seinen 
Ländern besorgt, erliess der (Deutsche) Kaiser am 
18. September ein Reskript, durch das er (von den be- 
treffenden Ortsbehörden) ein genaues Verzeichnis der 
Personen, ihres Standes und sonstigen Verhältnisse ver- 
langte. Es liefen denn auch aus den einzelnen Ortschaften 
Berichte*) ein, und ihnen verdanken wir die Kunde, 
dass unser Christoph 2legocki am 29. September in 
Grünberg war.* 

„Da nun* — folgert Dr. Koehler — „der oben ange- 
führte amtliche Bericht vom 29. dieses Monats die An- 
wesenheit 2egockis in Grünberg vermerkt, so konnte 



1) Koehler, Krzysztof ^egocki. Poznaö 1897 (Odbitka z 
Kuryera Poznaöskiego). 

2) Pufendorf, De rebus a Carolo Gustavo, Sueciae rege, gestis 
commentariorum libri Vn . . . Norimbergae, 1696. 

3) D. h. die Evangelischen. 

^) Mosbach, Wiadomodci do dziejöw polskich z archiwum 
prowincyi Slnskiej. Wrodaw, 1860. 

7* 



lOO Oswald Collmann. 

er nicht, wie Pufendorf es behauptet, am 24. September 
in Kosten sein.* 

Diese Angaben sind freilich scheinbar mit einander 
nicht zu vereinigen. Glücklicherweise aber bietet sich 
ims ein ziemlich einfacher Ausweg aus diesem Lab}rrinth 
von widersprechenden Behauptungen. 

Es ist kein andrer als der uns bereits bekannte Alb. 
Cas. Pilecki, der uns den Ariadnefaden liefert Dass wir 
uns hier seiner Führung anvertrauen dürfen, ergibt sich 
aus dem Umstand, dass er bei Chr. 2egocki Hauslehrer 
war, domesticus moderator filii ejusdem, wie er sich auf 
dem Titelblatt seines oben erwähnten Panegyricus selbst 
nennt Daraus folgt doch, dass er durchaus in der Lage 
war, sich über jene Vorgänge genau zu unterrichten, und 
dass, in Anbetracht der Bedeutung, die er der „Besiegung" 
des Landgrafen beilegte, daher auch seine Zeitangaben 
volles Vertrauen verdienen. Nun drückt er sich darüber 
(Absch. VIII des Panegyricus) folgendermassen aus: 

,yLegebamus nos in primo tuo ad aetemitatem 
vestibulo, Christophorum 2egocki . . . fulminis et non 
Caesaris in morem quarto nonas Octobres Costenum 
venisse, vidisse, Hassiae principem vicisse.** 

Und daneben am Rand steht noch überdies: „Anno 
dni 1655. 4. Octobr." 

Zu der von Mosbach mitgeteilten Tatsache, dass 
2egocki noch am 29. September in Grünberg war, steht 
dieses Datum nicht im Widerspruch; denn wenn er 
Grünberg etwa am 30. September verlassen hat, so kann 
er gar wohl 3 bis 4 Tage später vor Kosten erschienen sein. 

Aber wie reimt sich der 4. Oktober mit dem von 
Pufendorf gegebenen Datum des 24. September? Auf die 
einfachste Weise von der Welt, eine so einfache, dass man 
eigentlich nicht begreift, wie Dr. Koehler, der die Angabe 
des Pilecki doch auch kannte, nicht selbst auf diese 
Lösung gekommen ist. 

Pufendorf datiert noch nach dem alten Kalender. 
Bekanntlich fand der von Gregor XIII. 1582 eingeführte 
und nach ihm benannte verbesserte Kalender in den 



Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt. lOl 

katholischen Ländern sehr bald, in Polen schon 1586, 
Eingang, während dagegen die evangelischen deutschen 
Reichsstände sich erst im Jahre 1700 zur Annahme dieser 
Reform bequemten. Dass insbesondere Pufendorf noch 
an dem alten Stile festhält, ergibt eine Vergleichung 
irgend eines seiner Daten mit der heute dafür üblichen 
Zeitbestimmung. Der Unterschied zwischen dem alten 
und dem neuen Stil betrug damals 10 Tage, und so 
finden wir deim z. B. die Schlacht bei Warschau, die 
nach unserer jetzigen Zeitrechnung am 28., 29. u. 30. Juli 
1656 geschlagen wm-de, bei Pufendorf auf den 18., 19. u. 20. 
verlegt 

Wenn also Pufendorf als Todestag des Landgrafen 
den 24. September 1655 nennt, so ist das durchaus gleich- 
bedeutend mit dem 4. Oktober des Hauslehrers Pilecki. 

An diesem Tage also hat der Landgraf vor Kosten 
seinen letzten Atemzug getan. Wann ist er denn nim 
nach Kosten gekommen, wie lange hat er dort seiner 
„Gier nach polnischem Blute** (Pilecki) fröhnen können? 

Darüber geben uns die polnischen Quellen keinen 
Aufschluss. Dass er vorher einige Zeit in der Stadt 
Posen verweilt hat, bezeugt die Chronik^) der hiesigen 
Benediktinerinnen, nach der Jarochowski folgendes mitteilt: 

„Vor Ostern eben dieses Jahres (1656) Hessen die 
Schweden . . . alle Priester und Ordensleute, deren es in 
Posen noch 60 gab, zusammenrufen Und vertrieben sie 
alsbald sämtlich aus der Stadt . . . Schon vorher war 
auf Anstiften von Posener Lutheranern und Deutschen in 
dem Kloster der Benediktinerinnen, die der heimlichen 
Aufbewahrung von Waffen beschuldigt waren, eine strenge 
Revision vorgenommen worden. Etwas später erfolgte 
diirch eine Lutheranerin eine ähnliche Denunziation gegen 
die Nonnen, dass sie Bewaffnete (bei sich) versteckt 
hielten. Diesmal nahm der Königliche Schwager, der 
hessische Landgraf Friedrich selbst, mit dem Platz- 

^) Die Zeitangaben dieser Chronik bedürfen einer genaueren 
Prüfung, die ich mir für später vorbehalten muss. Vergl. auch die 
Anmerkungen Seite 105. 



I02 Oswald Collmann. 

kommandanten Duderstädt und dem Kommissar Weismann 
die Haussuchung vor, wenn auch allerdings in ange- 
messener Weise (w przyzwoity sposöb) u. s. w." 

^Vor Ostern 1656.** — ^^Schon vorher." — „Etwas 
später* — mit solchen Zeitangaben ist nichts anzufangen. 
Wir müssen uns deshalb, wenn wir über des Landgrafen 
Aufenthalt in diesemLande etwas Genaueres erfahren wollen» 
nach einer anderen Quelle umsehen. Eine solche gefunden 
zu haben, verdanke ich der gütigen Unterstützimg der 
Beamten des Königlichen Staatsarchivs zu Marburg. 

Dort befindet sich ein mit IX B 2521 signiertes ge- 
drucktes Heft, betitelt „Personalia**, das eine kurze Lebens- 
beschreibung des Landgrafen enthält Ein Teil dieses 
Heftes ist auch noch in einer gleichzeitigen Abschrift vor- 
handen, aus deren Begleitsbrief hervorgeht, dass diese 
Personalien als Unterlage gedient haben für den Geist- 
lichen, der in Eschwege bei der endgültigen Beisetzung 
der sterblichen Reste des unglücklichen Fürsten am 
24. September 1657 die Leichenrede gehalten hat. 

Die Zeitangaben in diesem Heft sind durchweg nach 
dem alten Kalender gemacht 

Danach war der Landgraf am 9. Mai 161 7 zu 
Eschwege geboren. Von 1631 — 1636 hatte er als 
hessischer Offizier mehrere Feldzüge mitgemacht 1640 
in den schwedischen Dienst getreten, hatte er sich unter 
Torstensohn in dem Treffen vor Wolfenbüttel ausgezeichnet 
und 1642 an der Hauptschlacht bei Leipzig teilgenommen. 
Im Januar 1646 war er nach Schweden gereist und hatte 
sich im September desselben Jahres zu Stockholm mit 
Eleonore Katharine, Tochter des Johann Kasimir, Pfalz- 
grafen bei Rhein, und Schwester des späteren Schweden- 
königs Karl Gustav, vermählt Von der Königin Christine 
zum Generalmajor ernannt, stand er mit 10 Kompagnien 
zu Pferd, 2 Regimentern zu Fuss und 1500 Musketieren 
in Westfalen, als der Friede von Münster und Osnabrück 
seinen kriegerischen Taten vorläufig ein Ende machte. 

Soweit geht auch das handschriftliche Exemplar der 
„Personalia". Die weiteren Ereignisse seines Lebens 



Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt. I03 

werden dann in dem gedruckten Bericht in folgender 
Weise erzählt: . . . ^Nachdem die jetzige Königl. Majestät 
zu Schweden, Ihrer Fürstl. Gnaden Herr Schwager König 
Carolus Gustavus, anno 1655 mit deren Arm6e nach 
Pohlen gangen, haben Ihre FürstL Gnaden den Vorsatz 
gehabt, sich zu Ihrer Majestät in fernere Kriegsdienste zu 
begeben, deswegen Sie sich mit notwendigen Leuten ver- 
sehen, sich kostbar mundirt imd den 3. Septembris 
allhier zu Eschwege, als Sie von allen fürstlichen An- 
gewandten Abschied genommen, auf den Weg begeben, 
da denn Ihrer Fürstl. Gnaden . . . Frau Gemahlin ihren herz- 
geliebten Herrn bis nacher Weimar und Dessau begleitet, 
allda Ihre Fürstl, Gnaden völligen Abschied genommen 
und so forters' nach Pommern und Pohlen ihren Weg 
fortgesetzt". 

„Als Ihre FürstL Gnaden nun nach Posen kommen 
haben Sie daselbst vernommen, dass Ihre KönigL Majestät 
zu Schweden mit dero Arm6e schon weit gegen Warschau 
verrucket und wegen grosser Unsicherheit dieselbe zu 
erreichen nicht vermocht, Ihr auch sich weiter fort- 
zubegeben missrathen worden, deswegen Sie Sonntags 
den 23. ejusdem zu Posen, nachdem Sie dem öffentlichen 
evangelischen Gottesdienst daselbst selbigen Morgens erst 
andächtig beigewohnt, sich uff gemacht in Meinung*) sich 
wieder in Pommern zu begeben. Als Sie selbigen Tags 
3 Meil Wegs gereist, haben Sie die Nacht bei einem Edel- 
mann logirt, sich des Morgens frühe nemblich den 24. ge- 
dachten Monats Septembris uffgemacht, zuvorderst 
im Feld öffentliche Betstunde halten lassen und damit 
auf Costian, unterwegs mit Singung etlicher Psalmen an- 
haltend, fortgereist und jezuweilen Ihre Sterbensgedanken 
auf dieser ganzen Reise verspüren lassen. Und als Sie 
nahe bei Costian kommen, haben Sie Ihren Secretarium 
und Sattelknecht vorangeschickt, um dem schwedischen 
Commandanten in Costian Ihrer Fürstl. Gnaden Beikunft 
anzukündigen, welche aber nicht wieder ziullckkommen 



1) D. h. in der Absicht. 



I04 Oswald Collmann. 

[seind], dieweil sich eben in selbiger Stadt dieses Unglück 
begeben, dass die Pohlen auf die schwedische Garnison 
daselbst einen Anschlag gemacht und in der vorher- 
gegangenen Nacht denselben auch zu Werk gerichtet, 
die schwedische Garnison darin niedergehauen und die 
Stadt verschlossen. Dahero weil die Vorangeschickten 
von den Pohlen mit List ein- imd nicht wieder heraus- 
gelassen worden, [hat] niemand erfahren können, was 
es in der Stadt vor eine Beschaffenheit habe". 

„Als nun Ihre Fürstl. Gnaden mittags zwischen lo 
und II Uhren vor die innerste Pforte der Stadt kommen, 
seind Sie abgestiegen, vermeinend, bei guten Freunden 
zu sein und die schwedische Garnison noch darin zu 
finden, da dann unvermuthet zwei Schüsse aus der Stadt 
geschehen und dadurch leider Ihre Fürstl. Gnaden einzig 
und allein also getroffen, dass Sie davon gefallen und 
todt blieben, imd ob sich wohl die beiwesenden Officierer 
und Bediente [haben] bctoühen wollen, Ihre Fürstl Gnaden 
zu salvieren und davon zu bringen, so seind aber zugleich 
die Pohlen so stark ausgefallen, und [haben] die Bediente 
samt der Convoy mit Schiessen und grosser Gewalt ab- 
getrieben, und ob sie sich zwar im Feld wider gesetzt 
xmd zu Scharmutziren angefangen, [haben sie] doch nichts 
ausrichten können, sondern sich wiederumb nacher Posen 
begeben müssen . . . und haben danach Ihre Fürstl. Gnaden 
in dieser mühseligen Welt gelebt 38 Jahre 4 Monate und 
15 Tage «^) 

Mit dieser Darstellung stimmt auch der von Pufen- 
dorf — natürlich in viel kürzerer Form — gegebene Bericht 
inhaltlich vollkommen überein. 

Wir haben sonach für das Datum des 24. September 
bezw. 4. Oktober 1655 drei gewichtige Zeugnisse: 

1. Die Textstelle nebst Randbemerkung des Haus- 
lehrers Pilecki, 

2. Die Aussage Pufendorfs, 



*) Gerechnet vom 9. Mai 1617 — 24. September 1655, wobei 
der Geburts- und der Sterbetag nur als i Tag gerechnet wurden. 



Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt. 105 

3. Die Angabe der „Personalia", welche, unter den 
obwaltenden Umständen, fast den Wert einer, wie wir 
heute sagen würden, standesamtlichen Beurkimdung hat. 

Wir sind nun an dem Punkte angelangt, wo wir aus 
den gemachten Feststellimgen die erforderlichen Schlüsse 
ziehen können. 

1. Der Handstreich des 2egocki hat schon drei 
Monate vor dem Abschluss der Konföderation von Ty- 
szowce stattgefunden. Dass dadurch das Verdienst, wel- 
ches sich Chr. 2egocki damals um die Sache seines Va- 
terlandes erworben hat, nicht geschmälert, sondern, im 
Gegenteil, noch erhöht wird, hat wohl auch Pilecki her- 
ausgefühlt und deshalb das Datum, welches er sonst bei 
der Erwähnung der Taten ^egockis nicht angegeben hat, 
gerade hier so nachdrücklich hervorgehoben. 

2. Aber wie hoch man auch den moralischen 
Erfolg anschlagen mag, vom militärischen Standpunkt be- 
trachtet war es gleichwohl ein vorzeitiges Unternehmen. 
Als solches wird es eigentlich schon durch Kochowskis 
Bemerkung „majore ausu quam viribus" und weiter 
durch den Umstand charakterisiert, dass 2egocki sich in 
Kosten nicht halten konnte, sondern diese Stadt der 
Rache der Schweden so bald preisgeben musste. 

3. Der Landgraf ist bis zum 23. September 
(= 3. Oktober) in Posen gewesen. Da er am 3. September 
(= 13. September) aus Eschwege abgereist war und bis 
Dessau von seiner Gemahlin begleitet wurde, — was 
nicht gerade dazu beigetragen haben wird, seine Reise 
zu beschleunigen — , so kann er kaum vor dem 13. Sep- 
tember (= 23. September) nach Posen gekommen sein^). 



1) Auf S. 140 und 141 der Chronik der Posener Benediktinerinnen 
wird berichtet: 

„Nach der Abreise der Frau Äbtissin und einiger Schwestern 
rückten an eben diesem Tage der heil. Anna (= a6. Juli) gleich 
nach dem Mittagessen die Schweden (in Posen) ein. . . Am andern 
Tage zogen der Kommandant, der Kommissarius und ein anderer 
älterer (Mann) ein*. . . Einige Tage später (Po tym w kielka dni) kamen 
der königl. Schwager und auch der königl. Sekretär und der 



lo6 Oswald Collmann. 

Er hat sich also nur 9 bis 10 Tage in der Hauptstadt 
Grosspolens aufgehalten. Wie er sich während dieser Zeit 
in Posen aufgeführt hat, darüber ist ja nichts Genaueres 
bekannt. Aber das Urteil Jarochowskis, dass „diesmal" 
die Haussuchung bei den Nonnen „in angemessener 
Weise" vorgenommen wurde, und die Tatsache, dass der 
Landgraf sie gegen die Ausschreitungen der schwedischen 
Soldateska zu schützen versprochen hat, gestattet doch 
den Schluss, dass er im ganzen ein Mann von humaner 
Gesinnung war. 

3. Am 23. September (=» 3. Oktober) von Posen 
abgereist, hat der Landgraf die Nacht zum 24. September 
(== 4. Oktober) auf einem Edelhof, vielleicht in Bendlewo, 
zugebracht. Am andern Morgen ist er vor dem ver- 
schlossenen Tor von Kosten erschossen worden. Er hat 
also das Innere dieser Stadt nie betreten und trägt daher 
auch keine Schuld an dem, was dort etwa von den 
Schweden verübt worden ist. 

Insbesondere kann der nach Pufendorf (II, § 36) am 
30. September (=« 10. Oktober) unternommene Rachezug 
der Schweden gegen Kosten nicht auf sein Konto gesetzt 
werden. Bei dieser Gelegenheit werden die Schweden 
dann auch die städtischen Archive^) zerstört haben, eine 
Handlungsweise, die nur dann verständlich wird, wenn 
man als ihren Beweggrund nicht die Habgier der 
Schweden, das Verlangen nach dem zu den Siegeln ver- 
wendeten Wachs annimmt, sondern ihre Rachsucht, 



Kanzler und Radziejowski an und konfiszierten (odebrali) die ganze 
Artillerie der Stadt . . .* 

Nun hat Karl Gustav am 15. August neuen Stils die polnische 
Grenze überschritten und ist erst am 21. August in Gnesen ein- 
gerückt. Wenn also der Landgraf wirklich schon „einige Tage" 
nach dem 26. Juli nach Posen gekommen wäre, dann hätte er doch 
den Anschluss an das schwedische Hauptheer noch sehr leicht er- 
reichen können! 

1) Die Angabe ist jedenfalls zum mindesten übertrieben, denn 
das Königl. Staats- Archiv zu Posen enthält eine ganze Anzahl städti- 
scher Vogt- und Schöffenbücher, auch Originalurkunden des 16. 
und 17. Jahrhunderts. 



Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt. 107 

d. h. den Wunsch, die Einwohner für die dem Chr. 
^egocki gewährte Unterstützung^) zu bestrafen. 

4. Der Landgraf hat sich auch vor Kosten als ein 
tapferer Soldat benommen. Dies bezeugt nicht nur Pi- 
lecki durch die (bereits oben angeführten) Stellen des 
§ II seiner Lobschrift, es ergibt sich auch aus der kurzen 
Bemerkung Kochowskis: „auch jener (d. h. der Land- 
graf) greift zum Schwert und versucht, den plötzlichen 
Angriff abzuwehren" 2). 

Diese Anerkennung aus dem Munde der Gegner 
ist aber um so wertvoller, weil späterhin das Charakter- 
bild des Landgrafen auch in dieser Beziehung der schmach- 
vollsten Entstellung ausgesetzt gewesen ist^). 

Dem aufmerksamen Leser werden sich, wenn auch 
hoffentlich keine Zweifel an der Richtigkeit meiner Schluss- 
folgerungen, so doch vielleicht noch einige Fragen auf- 



1) Wenn Jarochowski in seiner mehrfach erwähnten Schrift 
(S. 61) sagt: »Als die Aufständischen einige Tage nach diesem 
Treffen nach Kaiisch abrückten, marschierten Schweden von der 
Posener Besatzung nach Kosten und metzelten die an dem Vorfall 
gänzlich unschuldigen Einwohner des Städtchens nieder („wy- 
rzn^li niewinnych calkiem w tym wypadku mieszkancöw miasteczka), 
so setzt er sich damit in Widerspruch zu Kochowski, der jene Un- 
terstützung unumwunden zugiebt: Factum dehinc ut... Poloni... 
sine sanguine (d. h. ohne eigene Verluste) ac tumultu oppido poti- 
rentur, juvantibus oppidanis, qui praesidiarios intra hospitia com- 
pulsos ac dedititios in potestate ac custodia retinuerant. Climacteris 
n lib. 2, pg. 103. 

Danach hatten die Kostener Bürger die schwedischen Sol- 
daten in ihren Quartieren überfallen tmd gefangen genommen. 

2) „Corripit et ille ensem, subitamque vim reprimere tentat". 

3) Vgl. Wanda Dobrzepolska, Krzysztof Zegocki czyU oswo- 
bodzenie Koäciana. Poznan, 1877. — In dieser „historischen** (!) Er- 
zählung von der Befreiung Kostens wird der Landgraf nicht nur als 
ein Mensch gekennzeichnet, der „ohne Gefühl, ohne Mitleid, ohne 
jede edlere Empfindung, ohne Ehre und Glauben, nur nach Sättigung 
seiner schmutzigen Begierden und Leidenschaften strebte, der durch 
seine Grausamkeit und Habgier selbst die schlimmsten unter den 
schwedischen Anführern überbot", sondern er wird auch — sowohl 
mit Worten wie durch die ihm zugeschriebene Handlungsweise — 
als ein elender Feigling charakterisiert! 



Io8 Oswald Collmann. 

drängen, und zwar zunächst wohl diese: Wer war denn 
nun eigentlich der Besiegte von Kosten? denn von einem 
Siege über den Landgrafen kann doch im Ernst nicht 
die Rede sein. 

Darüber gibt Pufendorf (ü, § 36) folgende Auskunft: 

„Diese Stadt (Kosten) hielten 200 Mann schwedisches 
Fussvolk unter dem Oberstwachtmeister (praef ectus vigiliun) 
Forbes besetzt Diese wurden von einigen Abteilimgen 
polnischer Adliger unversehens überfallen und bis auf 
den letzten Mann niedergemacht^)". — Der Oberst- 
wachtmeister Forbes war also der von 2egocki Besiegte. 

Die zweite Frage dürfte wohl so lauten: Wie verhält 
es sich eigentlich mit den von Kochowski berichteten 
und ihm von anderen Schriftstellern nacherzählten Jagd- 
ausflügen des Landgrafen? 

Von diesen Jagdausflügen erwähnt Pufendorf nichts, 
und die Schilderung, welche die „Personalia* von dem 
Todesritt des Landgrafen geben, widerstreitet direkt dieser 
Behauptung. 

Gleichwohl möchte ich die Erzählung von der Jagd des 
Landgrafennichtfür eine blosse „ Jagdgeschicbte** halten. Der 
junge Fürst war, wie wir jetzt sagen würden, ein grosser 
Sportsmann, und so ist es denn wohl denkbar, dass das Ge- 
folge, mit dem er von Posen her angeritten kam, mehr einem 
Jagdzuge glich als einer militärischen Eskorte. Daraus mag 
sich dann diese Überlieferung gebildet haben. 

Diese Auffassung stützt sich auf eine Mitteilung 
Rommels, des Geschichtschreibers von Hessen, der in 
Bd. I seines Werkes sagt: „Seiner in Eschwege zurück- 
gebliebenen Gemahlin imd seinen drei noch unversorgten 
Töchtern hinterliess er zwei Lehngüter im Herzogtum 
Bremen imd Verden, die ihm von der Königin Christine 
geschenkt worden waren, aber unter dem Nachfolger Karl 



1) Aus dieser Bemerkung Pufendorfs ziehe ich den Schluss, 
dass in dem oben angeführten Satze Kochowskis: „factum dehinc 
ut Poloni . . . sine sanguine ac tumultu oppido potirentur", der Aus- 
druck „sine sanguine" in dem Sinne von „ohne eigene Verluste" 
verstanden werden muss. 



Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt 109 

Gustavs durch eine schwedische Reduktionskommission 
ohne alle Entschädigung wieder eingezogen wurden; 
femer (hinterliess er) ein mit Diamanten besetztes Porträt 
seines königlichen Schwagers, einen von englischen 
Pferdeliebhabern sehr gerühmten Marstall und eine treff- 
liche Anzahl wohl abgerichteter Falken/' 

Doch wir beschäftigen uns hier schon mit dem 
Nachlass des Landgrafen und haben ihm ja noch nicht 
einmal ein ordentliches Begräbnis zu Teil werden lassen! 

In dieser Beziehung ist es ihm leider noch recht 
schlecht ergangen. ,,Nach jenem Unglück bei Kosten 
waren seine Begleiter, unter denen sich auch ein Graf 
von Nassau befand, nach Posen zurückgeflohen. Die von 
Karl Gustav zur Abholung des Leichnams des Prinzen 
abgesandten Boten wurden (von den Polen) gefangen. 
Man fand endlich — nach dem blutigen Rachezug der 
Schweden gegen Kosten — seinen in einer Leimgrube 
verborgenen Körper, welcher eine Zeit lang zu Lissa in 
einer evangelischen Kirche beigesetzt, erst nach zwei 
Jahren zur väterlichen Heimat zurückgebracht und in der 
Hauptküche zu Eschwege beerdigt wurde. ** 

Dieser Bericht Rommels ist noch in einigen Punkten 
zu ergänzen. 

Ende April 1656 erschienen die Polen vor Lissa, um 
die evangelischen Einwohner dieser Stadt dafür zu züchtigen, 
dass sie es mit den Schweden gehalten hatten. Nachdem 
sie die schwache schwedische Besatzung zersprengt hatten, 
drangen die Polen am 28. April in die Stadt ein ^). „Diese 
wurde nicht geschont, die Wohnungen und Läden wurden 
geplündert; ausserdem schändete man (zbezczeszczono) 
auch die in der tschechischen Kirche (d. h. in der Kirche 
der böhmischen Brüder) befindliche Leiche des hessischen 
Landgrafen Friedrich, eines schwedischen Heerführers, 
der vor anderthalb Jahren (przed pöltora rokiem)^ bei 
Kosten gefallen war." 

^) Karwowski, Kronika miasta Leszna. Poznan, 1877 pg. 28. 
2) Wenn diese Angabe richtig wäre, müsste der schwedisch- 
polnische Krieg schon im Herbst 1654 begonnen haben. 



HO Oswald Collmann. 

Die Zerstörung von Lissa, welche unter den ob- 
waltenden Umständen als ein Ausbruch des religiösen 
Fanatismus erschien, erregte in der protestantischen Welt 
Aufsehen und Entrüstung. Allgemein bedauerte man den 
Untergang dieses Sitzes gelehrter Bildung. Für die land- 
gräfliche Familie von Hessen verband sich mit diesem 
Bedauern aber noch eine rein persönliche Sorge, da sich 
ihren Gliedern die Frage aufdrängen musste: „Was mag 
aus der Leiche unseres imglücklichen Verwandten ge- 
worden sein?" 

Um hierüber Gewissheit zu erlangen und, wenn 
möglich, ihre Überführung nach Hessen in die Wege zu 
leiten, hat sich einer von Friedrichs Brüdern, der Land- 
graf Hermann zu Rothenburg, schon bald nach der Zer- 
störung Lissas an eine in der Nähe des Kriegsschau- 
platzes lebende Verwandte seines Hauses, die Gemahlin 
des Herzogs Christian von Wohlau^), gewendet Ihre 
Antwort — datiert Ohlau, den i6. Juni 1656 — befindet 
sich bei den auf den Landgrafen Friedrich bezüglichen 
Akten des Marburger Archivs und lautet in der Haupt- 
sache wie folgt: 

„ . . . Belangend nun unsre liebe Leiche, deren Zu- 
stand Ew. Fürstl. Gnaden von mir ... zu wissen begehren, 
ist selbe ja Gott Lob noch vorhanden und durch etzliche 
fromme Leute von unseres Hofpredigers Herrn Ursini 
Befreundeten errettet worden... Nachdem diese ehrliche 
Leute nichts als ihr kümmerliches Leben zur Beute be- 
halten, (haben) sie sich deshalb desperat gewaget, durch 
ihre so grausam wütende Überwinder durchzustehlen und 
in die in vollem Brand stehende Kirche zu dringen, den 
lieben und so erbärmlich zugerichteten, halb zerfallenen 
Körper mit grosser Mühe und Beschwer in einen neuen 



1) Christian war der vorletzte Fürst aus dem Piastischen Hause 
Liegnitz-Brieg-Wohlau. Da seine beiden Brüder, Ludwig IV. von 
Liegnitz und Georg EI. von Brieg, ohne männliche Erben vor ihm 
starben, so vereinigte er (1664) alle drei Fürstentümer, um sie 1672 
seinem einzigen Sohn Georg Wilhelm zu hinterlassen. Mit diesem 
letzteren (f 1675) erlosch der Stamm der Piasten. 



Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt. Ill 

Sarg zu bringen, worauf sie ihn an einem heimlichen 

Ort, den niemand als 4 Personen wissen, verwahret, als 
so ganz . . . verarmte Leute der Hoffnimg lebend, dermal 
einst einer dankbaren Belohnung zu geniessen, welche 
ihre Treue und Gutwilligkeit auch allzuwohl verdienet, 
und ist nun schon der gewesene Lissnische Stadtvogt*), 
als der autor dieses guten Werkes, bereits von uns hier 
vorangeschicket, dem übermorgen, . . , meines Gnädigen 
Herrn (Gemahls) Leibdragoner auf ein 20 Pferd folgen 
werden, die liebe Leiche von da in eins unsrer Städt- 
chens, Hermstadt genannt, so nur 5 Meilen von der Lissa 
lieget, bei der Nacht zu bringen, allwo sie hernach . . . 
ohne einige weitere Gefahr bis zu der Abholung sein 
kann . . ." 

Dieser Bericht wird noch durch ein anderes Schrei- 
ben ergänzt, welches, aus Crossen vom 26. Juni 1656 
datiert, von einem gewissen „Ruland, Pfaff" an den Land- 
grafen Hermann gerichtet ist: 

. . . Ew. Fürstl. Gnaden berichte (ich) hiermit unter- 
thänig, dass ich am verwichenen Montag nachmittag umb 
2 Uhr allhier ankommen (bin) und Ew. Fürstl. Gnaden 
Schreiben sobald Ihrer Churfürstl. Durchlaucht 2) (habe) 
überreichen lassen. Folgenden Dienstag umb 9 Uhren 
haben Ihre Churfürstl. Durchlaucht mich fordern lassen, 
and (ich) habe (nun)^ was Ew. Fürstl. Gnaden mir an- 
befohlen, vollends mündlich vorgebracht, worauf Ihre 
Churfürstl. Durchlaucht mir noch folgendermassen be- 
richtet, dass der Landrichter, Herr Schlichting, nach seiner 
Ausflucht aus Polnisch Lissa allhier gewesen, umständlich 
und ausführlich berichtet, dass er nach dem Brande er- 
fahren, dass die Polen das fürstliche Körper aus dem 
Sark geworfen, selbiges ganz ausgezogen, den Sammet, 
womit der Sark bekleidet (gewesen), ganz herausgerissen, 

1) Johannes von Schlichting, Statthalter („administrator", s. 
Comenius, Lesnae excidium) des Boguslaus LeszczyÄski, des Grund- 
herrn der Stadt Lissa und des sie umgebenden Landgebiets. — 

2) Elisabeth Charlotte, Tochter Friedrichs IV. von der Pfalz, 
Witwe des Kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg. 



112 Oswald Collxnann. 

und das Körper also liegen lassen, worauf er, Herr Schlich- 
ting, etliche Tage hernach zwei Mann hineingeschickt, 
das Körper wieder in den blossen Sark legen lassen und 
in ein Gewölbe, welches er vor seine Kinder hat machen 
lassen, zwei Ehl tief vergraben und beisetzen lassen. 
Dieweil nun kein Mensch anitzo in Lissa, auch in Frau- 
stadt über 4 (?) Mann nicht seind, auch uff 6 Meilen keine 
schwedische Garnison, (dieweil) dass auch die Polen 
stetig da herumstreifen, also dass sich niemand darumb 
darf sehen oder blicken lassen, wird die Ablangung^) 
Anstand haben müssen, bis etwa die schwedischen Völ- 
ker da herumb kommen. Und weil vermutlich Herr 
Schlichting noch zu Cüstrin sein soll, habe ich mich re- 
solviret, heute von hier und nach ihm zu^ zu reisen, um 
fernerer Nachricht bei selbigem mich zu erholen" 

Zur Erklärung dieses Briefes dürfte folgendes zu 
bemerken sein. Nicht allein aus Gründen des Gefühls, 
sondern auch wegen der grossen Kosten, die mit dem 
Transport einer fürstlichen Leiche auf so weite Entfernung 
notwendigerweise verbunden waren, musste den Ange- 
hörigen vor allen Dingen daran liegen. Gewissheit da- 
rüber zu erlangen, ob die in Lissa befindliche Leiche 
auch wirklich die des Landgrafen Friedrich war. Deshalb 
war, wie es scheint, der Schreiber des obigen Briefes von 
dem Landgrafen Hermann abgeschickt worden, um bei 
einem Augenzeugen jener Vorgänge, wenn irgend 
möglich bei einem der Männer, die bei der Bergung der 
Leiche mitgewirkt hatten, die nötigen Erkundigungen 
einzuziehen. Wie wir aus einem der folgenden Briefe 
ersehen werden, ist es dem Pfarrer Ruland damals nicht 
gelungen, alle Zweifel an der Echtheit der Lissaer Leiche 
zu zerstreuen. 

Inzwischen waren von Ohlau aus die Massregeln 
zur Abführung der Leiche nach Hermstadt ins Werk gesetzt 
worden. Der nächste Brief der Fürstin Luise, (datiert 



1) d. h. die Abholung. 

2) d. h. ihm entgegen. 



Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt. II3 

Ohlau, den 28./18. Juli 1656) hat den Zweck, dem Land- 
grafen Hermann die Namen der bei der Rettung der 
Leiche beteiligten Lissaer und ihre Ansprüche auf Ent- 
schädigung mitzuteilen. Zu dem Brief gehören als Einlage 
zwei Blätter von schriftktmdiger Hand, denen folgendes 
zu entnehmen ist: „Bei Zerstörung und Einäscherung der 
Stadt ist genannte fürstliche Leiche aus dem Sarge zwar 
ausgeworfen worden von den Polen, aber nachfolgends 
wieder von gewissen Personen eingesarget, wiederum in 
die Kirche versenket worden, welches . . . mit grosser 
Gefahr und Dransetzung Leibes und Lebens geschehen 
durch nachfolgende Personen: Die ersten waren Martin 
Woyde, ein Zimmermann, und dessen zwei Brüder, die 
andern David Stock und David Leisnitzer, alle beide Lissler, 
endUch Melchior Just, ein Schuster, wie wohl etliche mehr 
dabei gewesen, welche dem ersten, Martin Woyde, bewusst 
(sind). Diese haben auch die . . . Leiche wieder aus der 
Erde ausgegraben, als sie nacher Hermstadt ist bei- 
gesetzet und von daraus (d. h. von Lissa aus) abgeführet 
worden". 

An diese Aufzählimg schliessen sich einige Bitten 
„. . . Weil die Geistlichkeit das ihre in allerwege gethan, 
. . . dass ja derselben nicht vergessen werde, und dass 
auch einmal die itzo zwar eingeäscherte reformierte Kirche 
bedacht werde. Dass sonderlich oben genannte Personen, 
so ihnen die Beförderung der landgräflichen Leiche 
(haben) angelegen sein lassen, mit einigem Gratial möchten 
begnadet werden . . . Sollte es aber Gott also dirigieren, 
dass auch der ganzen reformirten Gemeine von Ihrer Kgl. 
Majestät in Schweden einige Gnade wiederfahren möchte, 
also wollen sie auch hiermit um gnädige Intercession 
angehalten haben, sich unterdessen aller Gnaden und 
Vorschubs getröstende . . ." 

Bezugnehmend auf dieses Schriftstück sagt nun die 
Fürstin Luise in ihrem Briefe vom 28./18. Juli 1656: . . . 
Ew. Fürsd. Gnaden werden aus Inliegendem, welches 
auch eine Lissnische Hand aufgesetzet, zu ersehen haben, 
was es vor eine eigentliche Meinung und Beschaffenheit 

Zeitschrift der Hist. Ges. fOr die ProT. Posen. Jahrg^. XIX. 8 



114 Oswald Collmann. 

mit bewussten Leuten hat. Weil demnach zu ihrem 
Recompens ein nicht geringes erfordert werden würde, 
wollen Ew. Fürstliche Gnaden mich gnädigst vor 
entschuldigt halten, dass vermöge ^) dero gnädigem Befehl 
ich anitzo nicht solches zu avanciren vermag, weil auf 
letztvergangene Johannis, zur Befriedigung meiner 
Creditores, ich mich ziemlich desboursiret, imterdessen 
aber, was etwa an Unkosten den guten Leuten drauf 
gangen, und was vor Verehrung^ wegen der Abfuhr nach 
der Hermstadt (hat) geschehen müssen, habe ich schon 
gut gemacht, und ist solches nur mn ein Dutzend Dukaten 
zu thun gewesen^), welche ich aber nicht wieder 
begehre . . ." 

Post scriptum. Den 13. dieses Stili novi seind Ihre 
Majestät, meine gnädigste Königin*), Gottlob, wieder zu 
Besteigung dero Throns glücklich nach War^w angelanget. 
Der General Wittenberg nebst anderen vornehmen 
schwedischen Cavallieres sind noch alleweil dar^) im Arrest, 
dürften auch wohl bis zu endlichem Anschlag des Krieges 
dar verharren. Die Weichsel hat sich sehr ergossen 
und also die grosse Brücken fortgeführet, verhindert dero- 
wegen, dass keine Partie zur andern kommt, würde sonst 
verhoffentlich ehestens das ander von diesem tragödischen 
Lied zu hören sein®)." 

Die Herzogin ahnte sonach nicht, dass, während sie 
dieses schrieb, die dreitägige Hauptschlacht bei Warschau 
bereits begonnen hatte. 

^) d. h. gemäss. 

2) d. h. Trinkgelder. 

3) d. h. es hat sich nicht billiger machen lassen. 

*) Marie Loaise, die Gemahlin des Johann Kasimir. 

S) d. h. dort, in Warschau. 

®) Nicht sowohl infolge dieser Überschwemmung, als „propter 
moras Brandenburgici tractatus" (Pufendorfj kam das schwedisch- 
brandenburgische Heer nicht zeitig genug, um das von den Polen 
unter Johann Kasimir belagerte Warschau zu entsetzen: am 21. Juni 
(= I. Juli st. n.) 1656 musste sich Wittenberg mit der schwedischen 
Besatzung den Polen ergeben. Er wurde mit den anderen hohen 
Offizieren und Beamten nach ZamoSd gebracht und soll dort noch 
vor dem Ende des Krieges gestorben sein. 



Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt. II5 

Die Angelegenheit der Abführung der Leiche scheint 
dann wieder Monate lang geruht zu haben. Erst unter 
dem 22./12. Februar 1657 macht Herzog Christian von 
Ohlau dem Landgrafen Hermann bezüglich der dortigen 
politischen Lage im allgemeinen und des bei dem Transport 
der Leiche zu beobachtenden Verhaltens im besonderen 
folgende Mitteilungen: 

„Belangende nun die Affaires in Preussen und Polen, 
so ist nicht ohne^), dass selbige sich wieder durch den 
Marsch des Ragotzi in^ Polen ziemlich verändert (haben), 
auch man deswegen in hiesigen Ohrten^ von Ihrer 
Kaiserl. Majestät auf alles*) genau Acht zu haben Ordre 
bekommen, wie dann etliche Regimenter allbereit, da^) es 
not thun sollte, alle Stunden in Bereitschaft stehen, um 
die Grenzen gegen Polen damit zu besetzen. Weilen aber 
neulicher Zeit eine Botschaft^ an Ihre Kaiserl. Majestät 
nach Wien kommen (ist), imd Ihre Kaiserliche Majestät 
vor gewisss versichert (hat), dass sein Herr nicht das 
Geringste wieder sie zu tentiren im Sinne hätten''), sondern 
bloss die polnische Krone, so Ihnen schon längst von den 
Ständen angeboten worden, suchten, als halte ich davor, 
weil auch itzo alles stille, es werde dieser Krieg gestillet 
sein. Sonsten lieget zu Grossglogau nur ein Commendant 
namens Oberst du Mers . . . Zur Liegnitz wtlrde sich 
nur bei Sr. Liebden meinem Bruder Herzog Ludwigen 
anzugeben®) sein, welcher doch über selbigen Commen- 
danten zu gebieten hat (und) schon in einem imd andern 
Ew. Liebden abgeschickten Leuten beizuraten wissen 
würde. Zur Hermstadt, wo die fürstliche Leiche stehet, 
ist niemand von Soldaten mehr, also würde es da gar in 
nichts difficultet geben, verlange nur nochmals schleunigen 

i) d. h. so ist etwas Wahres daran. 

2) = nach. 

*) d. h. hierorts. 

*) d. h. auf alle Vorgänge jenseits der Grenze. 

5) = wofern. 

®) = ein Gesandter. 

') Plnr. majestatis: Ihre Fürstl. Gnaden Georg U. R&köczy. 

®) = zu melden. 

8» 



Il6 Oswald Collmann. 

Bericht, wenn und zu welcher Zeit eigentlich das Werk soll 
vor die Hand genommen werden, damit zu ein und 
anderm ich zeitliche Anstalt machen könne . . /' 

Endlich, im Mai 1657, erschien, unter Führung eines 
Herrn von Boyneburg, eine hessische Abordnung in Ohlau, 
um die weitere Beförderung der Leiche zu übernehmen. 
Aus diesem Anlass hat dann die Herzogin Luise noch 
folgendes an den Landgrafen Hermann geschrieben: Ohlau, 
den 15./5. Mai 1657. . . . „Ew. Liebden thue ich hiermit 
unterthänigste Reverentz und bin über die Ankunft dero 
Abgeordneten nicht wenig erfreut worden. Danke es dem 
lieben Grt>tt von Herzen, dass vermöge Ew. Gnaden treuer 
Sorgfalt es doch nun endlich so weit gediehen, dass die 
liebe Leiche zu ihrem rechten Ruhekämmerlein gelangen 
und der hohen fürstlichen Interessenten Gemüther gleich- 
falls auch ihre Beruhigung darob überkommen werden . . . 
Bitte darbei Ew. Gnaden demütigst, Ihnen um Gotteswillen 
keine weiteren Scrupel machen zu lassen, als wenn es 
etwa nicht die rechte Leich sein sollte, habe dessentwegen 
(dem) Mr. Bo)aieburg alle möglichen Assecurationes gethan, 
welcher sie Ew. Gnaden hinwiederumb thuen wird; habe 
sonsten (d. h. übrigens) die 150 Rthlr. von ihm wohl 
empfangen^) . . . Was sonsten etwa hier unsere Nouvelles 
seind, wird Mr. Boyenburg alles berichten können; kann mir 
einbilden,^) wie abgeschmackt, schlecht und butt^ ihm 
alles hier vorkommen muss. Wenn uns aber der liebe 
Gott nur den Frieden erhalten wollte, hätten wir ihm 
doch vor seiner uns erzeigte Wohlthat herzlich zu danken, 
scheint ja aber, dass die Leute unseres Hofes blind seind 
oder werden wollen, so augenscheinlich zu ihrem Unter- 
gang zu rennen; hoffe noch immer das Beste, und dass 
die Rechte des Herrn alles wenden kann, anders würden 
wir armen Schlesier in Kurzem scaco matto werden. . ." 

Die Versicherungen der Herzogin hinsichtlich der 
Identität der Leiche scheinen ihre beruhigende Wirkung 

1) Nämlich als „gratial* für die Lissaer Bürger. 

2) d. h. vorstellen. 
^ d. h. dumm. 



Des Landgrafen Friedrich von Hessen Todesritt. II7 

nicht verfehlt zu haben. Jedenfalls wurden die durch 
Herrn von Bojoieburg aus Hermstadt abgeholten sterb- 
lichen Reste am 24. September 1657, also genau zwei 
Jahre nach dem Tode des Landgrafen Friedrich, in dem 
Erbbegräbnis der Familie zu Eschwege feierlich beigesetzt 
Was endlich die in dem obigen Schreiben ange- 
deutete Befürchtung anbetrifft, dass die Parteinahme des 
Kaisers Leopold I. für Johann Kasimir die Leiden eines 
Krieges über Schlesien bringen würde, so bewahrheitete 
sie sich glücklicherweise nicht Denn nachdem Georg II. 
Räköczy durch die in Polen eingedrungenen kaiserlichen 
Truppen zurückgetrieben und gezwungen worden war, 
dem Bündnis mit Schweden zu entsagen, wandte Karl 
Gustav seine Waffen nicht gegen die österreichischen 
Erblande, sondern er verliess im Juli 1657 Polen, um sich 
zunächst auf Dänemark zu stürzen, das der Kaiser zum 
Krieg gegen Schweden bewogen iiatte. 





Der grosse Brand von Posen 
am 15. Aprü 1803. 

Von 
Rodgero Prtimers. 



^alb Posen liegt in Asche. Der grösste Teil der 
Judenstadt und Breiten Strasse, die ganze Grosse 
und Kleine Gerberstrasse und der Graben sind 
niedergebrannt. Die Flamme wütet noch. Der Schaden 
ist nicht zu berechnen. 

Mit solch lapidarer Kürze meldet die Südpreussische 
Zeitung vom i6. April des J. 1803 das entsetzliche Un-* 
glück, welches die Stadt Posen durch den am Tage 
vorher ausgebrochenen Brand betroffen hatte. 

Am Nachmittage gegen 4 Uhr kam in einem kleinen 
nahe an der Stadtmauer belegenen und mit Schindeln 
gedeckten Judenhause ^) Feuer aus, das bald so um sich 
griff, dass alle Anstalten zum Löschen vergeblich wurden. 

Da, wo das Unglück seinen Anfang nahm, standen 
eine Menge hölzerner Wohnungen dicht in einander ge- 
baut, mit Ecken und Winkeln, die den Feuerspritzen den 
Zugang schwierig machten. Die Arbeiter mussten die 
Spritzen verlassen, wegen des Menschengedränges konnte 
man nicht einmal einige Häuser niederreissen, und so ver- 
zehrten die wütenden Flammen bis zum 16. April in der 
Frühe 276 Häuser. 



*) Wir folgen hier einem Berichte der Posener Kriegs- und 
Domänenkammer vom 16. April 1803 an das General-Direktorium zu 
Berlin. Geh. Staats-Archiv zu Berlin; Gen. Dir., Südpreussen, Ort- 
schaften Nr. 1645 Vol. I. 



I20 Rodgero Prümers. 

Das ganze Judenviertel mit Ausschluss der linken 
Seite der Judenstrasse, die Dominikanerkirche mit ihren 
Türmen, die Schustei^asse, die Grosse und Kleine Ger- 
berstrasse, der grösste Teil der Breitenstrasse und der 
Graben mit dem dort befindlichen Hebammeninstitut lagen 
in Asche. Der Königliche Holzhof war ausgebrannt, die 
evangelische Kirche auf dem Graben jedoch gerettet 
Wenigstens 2,000,000 Taler an Häusern, Waren und 
Effekten hatte das Feuer verzehrt. Auch das Jesuiten- 
Colleg war bis 2 Uhr Nachts bei dem heftigen Winde 
in steter Gefahr, ein Raub der Flammen zu werden; der 
Kammer-Präsident von Haerlem fing schon selbst an zu 
räumen, liess seine Sachen wegschaffen imd gab Befehl 
zur Bergung der Kassen, als der Wind sich legte und 
dadurch eine günstige Wendung eintrat*). Durch das 
Wegreissen einiger Häuser^ gelang es dann, das Jesuiten- 
Colleg zu erhalten, wimderbarerweise auch die Wallischei- 
brücke. 

Die Kriegs- imd Domänenkammer traf sofort energi- 
sche Massregeln für die Sicherheit und Ordnung in der 
unglücklichen Stadt. Da das noch immer andauernde 
Feuer bei dem beständigen Winde die strengste Aufsicht 
forderte, zumal der grösste Teil der Kanäle unter der 
Erde brannte, so überliess man die Sorge für das Löschen, 
wie auch die Räumung der Strassen und Herstellung 
eines ungehinderten Verkehrs dem Magistrate. 

Die innere Glut der Brandstellen wurde aber erst 
zum Erlöschen gebracht, als seit dem 20. April kaltes von 
Regen begleitetes Wetter eintrat. 

Die in der Nähe wohnenden Domänen-Beamten, wie 
die Domänen wurden aufgefordert, schleunigst Leute mit 
Eimern und sonstigen Feuerlöschgeräten sowie Pferde 
und Wagen zu stellen. Die Kammer selbst liess sich die 
Unterbringung und Verpflegung der Verunglückten ange- 

1) Bericht des Kr. u. D. Rats Nöldechen vom 16. April 1803 
ebend. an v. Voss. 

2) Bericht von Haerlems vom 16. April 1803 im Geh. St.-A. zu 
Berlin, Gen. Dir., Südpreussen, Ortschaften Nr. 1645 Vol. I. 



Der grosse Brand von Posen am 15. April 1803. ^^I 

legen sein und ernannte hinzu eine Kommission, regte 
auch allenthalben in der Nachbarschaft die Lieferung der 
nötigsten Lebensbedürfnisse an. Das Proviantamt wurde 
veranlasst, für die grosse Zahl der Abgebrannten Brod 
zu backen, das Militär, welches nicht in der Stadt bleiben 
konnte, auf Verlangen des General-Majors v. Zastrow in 
den nächsten Dörfern untergebracht. 

Dass sich die niedrigen Leidenschaften der Men- 
schen bei dem allgemeinen Unglück auch zeigen würden, 
war zu erwarten. Vieles wiu"de bei dem Rettungswerke 
gestohlen, und selbst in die Warthe versenkte Kisten und 
Chatouillen fanden die Eigentümer erbrochen am Ufer 
wieder, ihres wertvollen Inhaltes beraubt. Die Polizei tat 
aber ihre Pflicht. Nach acht Tagen hatte sie bereits 59 
dieser schmählichen Menschen hinter Schloss und Riegel 
gesetzt. Ein Schifferknecht, der gestohlene Sachen auf 
seinem Kahne verheimlichte, erhielt auf öffentlichem Markte 
20 Kantschuhiebe. Zwei Kähne mit Diebesbeute wiu'den 
einige Meilen imterhalb Posens angehalten, die Schiffer 
nach der Stadt zurückgebracht, mit 50 Kantschuhieben 
bewiUkommt imd an den Untersuchungsrichter abgeliefert, 
wie die Südpreussische Zeitung ihren Lesern zu berichten 
wusste. Aus ihr aber war diese Nachricht in die Spener- 
sche Zeitung vom 26. April übergegangen, und da hatte 
es der Minister v. Voss gelesen. Dies war ihm denn doch 
zu arg. „Dass — ergriffene Schiffer und Schifferknechte — 
schon vorläufig und bevor sie noch an das Inquisitoriat zur 
Untersuchung und Strafe abgeliefert worden, mit 20 — ^50 
Kantschuhieben bewillkommnet wojden, scheint mir we- 
nigstens mit der preussischen Justizpflege ganz unver- 
ständlich**, schreibt er erregt an den Justizminister von 
Gk)ldbeck, und dieser muss gleicher Ansicht gewesen sein, 
denn er forderte unverzüglich den Regierungs-Präsidenten ^) 
von Götze zur Erklärung auf, die bereits am 6. Mai er- 
folgte und sich dahin ausliess, dass die Kantschuhiebe 
und zwar 10 Rutenhiebe an ein Dienstmädchen und 20 



^) d. h. den Chef der Justizverwaltung in Südpreussen. 



122 Rodgero Prümers. 

Kantschuhiebe an einen Schiffer, auf Grund einer summa- 
rischen Untersuchimg und eines vom Stadtgerichte abge- 
fassten Erkenntnisses gegeben seien. Die Posener Kammer 
hatte sich sogar für Spiessrutenlaufen erklärt^). 

Aus einer Bekanntmachung der oben erwähnten 
Kommission erfahren wir femer, dass einige Personen, 
wahrscheinlich in wucherischer Absicht, ganze Häuser 
mieteten, andere Hauseigentümer den Abgebrannten eine 
ganz unbillige Miete abforderten. Daher wurde für sämt- 
liche verfügbare Zimmer ein nach der bisherigen Miete 
angemessener Preis festgesetzt^. 

Leider waren Reibereien zwischen der Kommission 
und der Stadtverwaltung nicht ganz zu vermeiden. Der 
Stadtdirektor Bredow beschwerte sich, dass die Kom- 
mission nicht mit dem Magistrate Hand in Hand gehe. 
Sie ziehe freiwillige Gaben ein und verteile sie, 624 Rtl. 
16 Gr. unter 474 Familien. Das betrage auf eine Familie 
etwa 8 Ggr. Unmöglich könne auch der kleinsten wesentlich 
damit geholfen sein, da an Lebensmitteln vieler Orten 
zur Zeit Überfluss sei imd jede Familie damit unentgelt- 
lich reichlich versehen werde. Die kleine Barschaft werde 
seines Erachtens für den Abgebrannten, der sich über 
sein Schicksal noch nicht gehörig gefasst habe, eine 
neue Quelle des Verderbens. Er vertrinke sie in soge- 
nannter Desperation und sei morgen noch übler dran 
als heute *^). 

Seitens des Königs erging an den Minister v. Voss 
der Befehl, „sofort für die ersten dringenden Bedürfnisse 
der Abgebrannten Sorge zu tragen, zunächst aber über 
die Unterstützung derselben ziun zweckmässigen Re- 
tablissement gutachtlich zu berichten"*). 



^) Geh. St-A. zu Berlin, Gen. Dir., Südpreussen, Ortschaften 
Nr. 1645 Vol. I. 

2) Südpreussische Zeitung Nr. 32 und 33. j 

3) Bericht vom 23. April 1803. ' 
*) Kab.-Ordre vom 21. April 1803 im Geh. St. A. zu Berlin, 

Gen. Dir., Südpreussen, Ortschaften, Nr. 1645 Vol. I (Original). 



Der grosse Brand von Posen am 15. April 1803. 123 

In Folge eines zweiten königlichen Schreibens vom 
28. April begab sich der Minister zwei Tage darauf nach 
Posen. Wie er sagte, sollte dort sein erstes Augenmerk 
sein, „vorzüglich die durch den Brand ruinierten Hand- 
werker zur Wiederaufnahme ihrer damiederliegenden 
Gewerbe möglichst in den Stand zu setzen und für die 
Stadt zu conservieren". Auch versprach er, zur Abhelfung 
der augenblicklichen Bedürfnisse die von dem Könige be- 
willigten 10,000 Rtl.*) nach den Umständen, jedoch mit 
aller Sparsamkeit zu verwenden. Weiter wusste er be- 
sonders die Tätigkeit des Bischofs Ignaz Raczynski zu 
rühmen, der nicht nur auf dem Dom überhaupt, wie auch 
in seinem Palais allen entbehrlichen Raum zur einst- 
weiligen Wohnung hergegeben, sondern auch die Geist- 
lichkeit durch einen Aufruf aufgefordert hatte, die Hülfs- 
bedürftigen in die Klöster aufzunehmen und Sammlungen 
zu veranstalten^. 

Aus dem Berichte der Posener Kammer entnehmen 
wir, dass die Kommission zunächst mittelst eines Vor- 
schusses von einigen hundert Talern, später aber allein 
aus den eingegangenen milden Gaben 592 der ärmsten 
notleidenden Familien mit 484 Talern 87,1 Gr. unter- 
stützte. Die völlig erwerbslosen Abgebrannten wurden 
-beim Abbrechen der Giebel und Schornsteine und dem 
Wegräumen des Schuttes gegen Tagelohn angestellt 
Dank des schon erwähnten Entgegenkommens der Geist- 
lichkeit waren in zwei Tagen nahezu 100 Familien unter 
Obdach imd derart untergebracht, dass sie einen ihrer 



^) V. Voss war sehr sparsam mit diesen Geldern umgegangen. 
Bis zam 4. Juli 1803 waren nur 3550 Rtl. ausgegeben. Eine 
Kabinets-Ordre von diesem Tage genehmigte die Verteilung des 
Restes an die abgebrannten Subaltembeamten. Der Präsident der 
Regierung von Goetze könne auf eventuellen Antrag des Justiz- 
ministers eine Gratifikation aus Justizfonds erhalten. Die Räte und 
Justiz-Kommissarien seien zu einer extraordinären Unterstatzung 
nicht qualifiziert Geh. St. A. zu Berlin, Gen. Dir., Südpreussen, 
Ortschaften, Nr. 1645 Vol. 3. 

^ Geh. St A. zu Berlin: Akta des Kabinets König Friedrich 
Wilhehns III. Rep. 89 Nr. iii Bl. 13. 



124 Rodgero Prümers. 

Zahl und ihrem Gewerbe entsprechenden Raum hatten. 
Die von den Bürger-Repräsentanten rekognoszierten Hand- 
werker erhielten Unterstützungen unter dem Namen von 
Vorschüssen zum Wiederanfang ihrer Gewerbe. Auf 
solche Art waren 94 Handwerker und gewerbetreibende 
Familien bis zum 3. Mai mit einem Aufwände von 
3028 Talern wieder in Tätigkeit gesetzt Ausserdem 
erhielten die vielen in der Schustergasse abgebrannten 
Schuster Vorschüsse an Leder im Werte von 5 — 10 Talern, 
auch wurde Handwerkszeug, das in Posen nicht zu be- 
schaffen war, auf Rechnung der Kommission verschrieben. 

Sie gab am 3. Mai ihren Auftrag in die Hände der 
Kammer zurück. Ihre Einnahmen hatten bis dahin 
5390 Taler 19 Gr. 10 Pf., ihre Ausgaben 3512 Taler 
8 Gr. 6 Pf. betragen. Dazu kam aber noch der in natura 
von den Erben des ehemaligen Domherrn Rogalinski 
überlieferte, zum Teil aus Pretiosen bestehende Nachlass 
desselben, der um Johanni d. J. versteigert werden und 
an die ärmsten Abgebrannten verteilt werden sollte. 
Sein Wert wurde auf 1200 Taler geschätzt. 

Das waren natürlich nur geringfügige Summen 
gegenüber dem ungeheuren Feuerschaden. Eine sum- 
marische Nach Weisung^) beziffert die Zahl der ab- 
gebrannten Personen in der Breitenstrasse und Neben- 
strassen auf 1542, auf dem Graben und der Gerberstrasse 
auf 1069, in der Judenstadt auf 2569, das sind im ganzen 
5180 Personen mit einem materiellen Schaden in Höhe 
von 1528 III Taler 21 Gr. Und wenn auch wirklich der 
angegebene Schaden den wahren Verlust um ein Drittel 
überstiege, wie v. Voss^) meint, so war er doch immer- 
hin sehr beträchtlich und ohne staatliche Beihülfe nicht 
zu ersetzen. In dieser Ansicht musste ihn auch der Not- 



1) Geh. St. A. zu Berlin, Gen. Dir., Südpreussen Ortschaften 
Nr. 1645 Vol. I. 

*) Geh. St. A. zu Berlin, Bericht des Ministers v. Voss vom 
12. Mai 1803 ^^ ^^^ Akten des Kabinets Friedrich Wilhelms m. 
(Rep. 89 Nr. in Bl. 15). 



Der grosse Brand von Posen am 15. April 1803. 125 

schrei bestärken, den die Repräsentanten der Bürgerschaft 
an ihn richteten^). Sie baten zum Wiederaufbau der 
Häuser und Werkstätten um 50 % Bauhülfsgelder. Femer 
möchte jedem erlaubt sein, den nötigen Bedarf an Dach- 
und Mauersteinen sich selbst anzuschaffen, wie und wo 
er es nur immer am wohlfeilsten finde, ohne verbunden 
zu sein, in diesem ausserordentlichen Falle seinen Bedarf 
von den Ziegeleien der Stadtkämmerei für einen höheren 
Preis zu decken. Femer möchte Feldbrand gestattet 
werden, wozu die Kämmerei den notwendigen Lehm un- 
entgeltlich hergeben solle. Die Ausfuhr des Bauholzes, 
welches in der Provinz zu mangeln anfange, müsse auf 
einige Zeit verboten werden. Die Brücke über den 
Graben nach St. Roch, die früher bestanden, sei wieder- 
herzustellen. Endlich führen sie aus: „Dass die hiesige 
Stadt und Bürgerschaft durch die Juden schon viele 
ähnliche und zur Zeit noch weit grössere Zerstömngen 
erlitten hat, beweisen die Stadtakten zur hinlänglichen 
Überzeugung. Aus dieser gehet hervor, wie im Jahre 
1447 ^i^ Gärberstrasse, im Jahre 1464 das Dominikaner- 
kloster, im Jahre 1539 der grösste Theil der Stadt mit dem 
Rathause und der St. Martin-Vorstadt, im Jahre 1590 
ebenfalls ein Theil der Stadt durch das in die Judenstadt 
ausgekommene Feuer in Asche gelegt worden ist Ausser- 
dem ist noch im Jahre 1633 ein Theil und zuletzt im 
Jahre 1764 die ganze Judenstadt allein mit der grössten 
Gefahr der Bürgerhäuser in Flammen aufgegangen, als 
welche Verwüstungen lediglich durch die unordenüiche 
Lebensart der Juden und ihren mit finsterem Aberglauben 
verknüpften Gewohnheiten vemrsacht worden sind. Da 
nun der grösste Theil der hiesigen Juden kein bestimtes 
Gewerbe treibet, sondern die meisten als Faktores von 
zufälligen Gewinn aus Aufträgen von andem, Schacherey 
imd Facienden leben, wozu sie eigentlich nach Cap. I 
§ 13 des neuen Juden-Reglements gar nicht zugelassen, 



1) Geh. St A. Berlin: Gen. Dir., Südpreussen, Ortschaften. 
Nr. 1645 Vol. I. Original vom 4. Mai 1803. 



126 Rodgero Prümers. 

ja in solchem Falle gar nicht geduldet werden sollen, so 
wäre es die grösste Wohlthat für die hiesige Stadt, wenn 
darin die Vorschrift des Juden-Reglements in Erfüllung 
gebracht und dabei auf Verminderung der starken Zahl 
hiesiger Juden Rücksicht genommen werden möchte, als 
wozu die ehemaligen geistlichen Städte die beste Gelegen- 
heit darbiethen, wenn selbige in diese Städte vertheilet 
werden möchten." 

Aus der Antwort des Ministers entnehmen wir, dass 
die Bürgerschaft allerdings hoffen dürfe, „den nieder- 
gebrannten Teil der Stadt auf eine solide, geräumigere 
und der allgemeinen Sicherheit entsprechende Weise 
baldigst" wieder hergestellt und das gestörte Gewerbe 
der Stadt von Neuem belebt zu sehen. Hierzu würde 
alles mögliche Entgegenkommen gewährt werden. Die 
vorgeschlagene harte Massregel gegen die Juden könne 
aber nicht genehmigt werden. „Die Juden sind einmal 
Einwohner und Unterthanen, denen der Staat Schutz wie 
den übrigen angedeihen lässt, und es liegt ganz ausser 
den Grundsätzen der Staats- Verfassung, sie zu Verstössen 
und von Orten, wo ihr Aufenthalt mit den Gesetzen nicht 
in Widerspruche stehet und sie durch vorhandene Ver- 
bindungen sich am besten erhalten können, nach andern, 
wo sie diese Vorteile erst mühsam wieder erwerben 
müssten, zu relegieren." Wenn sie wegen ihrer unordent- 
lichen Lebensart in Bezug auf Feuersgefahr besonders 
zu fürchten seien, so würde es doch hart sein, sie 
anderen Orten aufzudrängen. Der Grund für die 
häusliche Unordnung und Unreinlichkeit der Juden liege 
aber ohne Zweifel in dem beschränkten Räume, in 
welchem sie zusammengedrängt gewesen, und sie würden 
gewiss jene Fehler ablegen, wenn sie nicht in den 
Grenzen der bisherigen Judenstadt so übereng zusammen- 
gehalten würden, sondern man die gehegte Absicht aus- 
führe, ihnen beim Retablissement Gelegenheit zu geben, 
dass sie mit ihren Wohnungen sich in einem ihrer Zahl 
angemessenen Teile der Stadt ausbreiten könnten und 
Ordnung und Reinlichkeit lieben und üben lernten, 



Der grosse Brand von Posen am 15. April 1803. 127 

welches in ihrer bisherigen Lokalität unmöglich 
gewesen sei^). 

Dementsprechend waren dann auch die Vorschläge, 
welche v. Voss dem Könige unterbreitete: Aufhebung der 
zwecklosen Judenstadt und Anweisung von Bauplätzen 
für einen Teil der Bewohner in dem neuen Stadtteile, 
tiberhaupt Weiterauseinanderbauen, also Vergrösserung 
der Grundstücke und Verbreiterung der Strassen, soweit 
dies angängig war, ohne den Grundstücken die nötige 
Tiefe zu nehmen, Aufgaben der Grabenvorstadt für den 
Bau von Wohnhäusern — damit falle auch die Notwen- 
digkeit der Wiederherstellung der Warthebrücke nach 
St Roch — und Bewilligung von 40 % Bauhülfsgeldem 
mit 536000 Talern, oder, wie die Abgebrannten 
es wünschten, von 50 % mit 670000 Talern. Der 
König bewilligte 50 7o- Ausserdem verlangte v. Voss 
zur Vergütung des Wertes für den Grund und Boden, 
der zu den 162 zu verlegenden Bürgerstellen nötig war, 
zur Bezahlung einiger wegen der Strassen- Verbreiterung 
in der Altstadt wegzubrechender Gebäude, zur Planierung 
der neuen Strassen und Pflasterung, zur Anlage öffent- 
licher Brunnen, zur Erbauung einer massiven Brücke 
zwischen Altstadt und Graben, zur Bauaufsicht und zur 
Anschaffimg einer Prahmspritze und sonstiger Lösch- 
geräte 100 000 Tlr. Auch diese Forderung wiu-de vom 
Könige genehmigt^. Mit der Ausarbeitung der Pläne 
wurde der Kriegs- und Domänenrat Heermann betraut. 

Vom 15. Juni 1803 datiert das „Reglement für den 
Retablissements-Bau des am 15. April d. J. eingeäscherten 
Theils der Stadt Posen und deren gleichzeitige Erweite- 
rung." Sie ist gedruckt zu Posen bei Decker & Comp. 
Hauptgrundsätze desselben waren Massivbau, Aufgit^en 
der Grabenvorstadt, Auflösung des Judenviertels, Er- 
weiterung der Stadtgrenzen. 

i)\jeh. Staats-Archiv Berlin, Gen. Dir., Südpreussen, Ort- 
schaften. Nr. 1645 Vol. I. 

2) Geh. St. A. zu Berlin, Gen. Dir., Südpreussen, Ortschaften. 
Nr. 1645 Vol. 3 Bl. I. 



128 Rodgero Prümers. 

Zur Wiederherstellung der abgebrannten 276 Wohn- 
häuser wurden 50 % Bauhülfsgelder bewilligt, aber nur 
dann, wenn die Häuser massiv nach zweckmässigen und 
genehmigten Anschlägen errichtet wurden. Ausgeschlossen 
von der Bauhülfe waren Hinter-, Neben- und Wirtschafts- 
gebäude, auch selbst nach der Strasse belegene Be- 
wehnmgen. Für Umwandlung der Schindeldächer in 
Ziegeldächer wurden 25 % Hülfsgelder bewilligt 

Ausserdem kamen die Repräsentanten der Bürger- 
schaft noch mit der Bitte, da kein Bürger auf seiner Stelle 
bleibe, alo auch keiner die alten Fundamente benutzen 
könne, weshalb nur wenige wegen der hohen Kosten 
bauen könnten, noch 30 % aus dem Schulfonds oder 
ähnlichem zinsfrei oder gegen geringe Prozente auf 
mehrere Jahre zu leihen^). Das wurde nun freilich 
abgelehnt, doch muss sich später das Ministeriimi von der 
Notwendigkeit weiterer Unterstützxmg überzeugt haben, 
da besondere Beihilfen für schwierige Bauten, Fundamente 
und dergl. zugesagt wurden*). Ja, e3 wurden endlich sogar 
50 7o Beihilfe für die Fundamente, welche unter .10' gingen, 
gewährt *). 

Um den Betrieb einzelner Handwerke von derStrassen- 
front nach den Höfen zu verlegen, wurden z. B. den Bäckern 
und Schneidern besondere Beihilfen in Aussicht gestellt, 
wenn sie ihre Werkstatt im Hinter- oder Seitengebäude 
einrichteten. So erhielten dieSchmiede Leitgeberund Kunkel 
50 % der Kosten für Seitengebäude ersetzt*). 

Die Aufwendungen*^) der einzelnen blieben immer 
noch sehr hoch, da der Kalk sehr teuer war, und „öfters 

1) Eingabe vom 8. Juni 1804. Ebendas. Nr. 1645, Vol. 5. 

^ Ebendas. Vol. 10. Verfügung vom 18. Januar 1805. 

8) Kabinets-Ordre vom 14. März 1805 Ebendaselbst. Vol. 10. 

*) Ebendas. Vol. 11. 

^) Die Retablissements-Baukommission berechnete ein massives 
Gebäude von 40' Tiefe und 50^ Tiefe Länge, a Etagen hoch, mit 
gewölbtem Souterrain, die Plinthe aVa^ über der Erde, die I. Etage 10', 
die n. II' im Lichten, mit ordinärem Dache und doppeltstehendem 
Stuhle stelle sich auf 6314 Rtl., 13 Gr., 3 Pf., bei 60' Jjänge auf 
7576 Rtl., II Gr., 6 Pf., bei 70' Länge auf 8807 Rtl, 14 Gr., 9 Pf. 



Der grosse Brand von Posen am 15. April 1803. 129 

der dritte Theil vom Werthe der Materialien zu einem 
Gebäude für den Kalk angewendet werden muss." Auch 
•war der Mangel an Ziegeln schuld, dass die Ausführung 
der Bauten sich unliebsam verzögerte^). 

Die Strassen sollten eine Breite von 5, die kleineren 
von 4 Ruten haben. Die Plätze für die Wohnhäuser in 
der Altstadt erhielten durchweg eine Front von 50' Länge, 
eine Tiefe von 40 — 45'. Die Häuser selbst aber wurden 
in der früheren Ausdehnung erbaut, während die Hoftiefe 
sich nach dem verfügbaren Räume richtete. Nur für zWeF 
Etagen wurden Hilfsgelder bezahlt. Die Giebel durften 
nicht der Strasse zugewandt sein. 

Unter solchen Verhältnissen reichte der verfügbare 
Kaum in der Altstadt nur für 114 Häuser aus; für die 
Errichtung der übrigen 162 Häuser musste anderweitig 
Platz geschaffen werden, und der fand sich in vorzüglicher 
Weise in der bereits seit 1793 im Entstehen begriffenen 
Neustadt Hier sollten die Strassen jedoch 6 oder 5 Ruten 
breit sein, im übrigen aber die Bestimmungen für die 
Altstadt auch hier Anwendung finden. Enteignung der 
erforderlichen Grundstücke musste jeder sich gefallen lassen. 

Da der Bauplan auf vier Jahre angenommen wurde, 
— i. J. 1803 sollten 50 Häuser fertig gestellt werden — 
schien es angebracht, unter den Interessenten eine Reihen» 
folge festzusetzen und hierin zunächst Kaufleute, Brauer, 
Säcker und alle diejenigen, die zu ihrem Gewerbe vor- 
züglich Raum und feuersichere Werkstätten nötig hatten, 
zu berücksichtigen. Bei gleichen Ansprüchen entschied 
das Los. Allerdings konnte jemand auch früher mit dem 
Bau beginnen, durfte aber auf Zahlimg der Baugelder 
«rst rechnen, wenn die Reihenfolge an ihn kam. Ausgezahlt 
vrurden die Hilfsgelder zu je einem Drittel bei Beginn 
des Baues, wenn das Haus unter Dach war und nach 
Beendigung und Abnahme des Baues. 

Eine besondere Kommission zur Ausführung und 
Beaufsichtigung dessen Vorschriften wurde eingesetzt 



^) Ebendas. Vol. 12. 

Zeitschrift der Hist. Ges. für die ProY. Posen. Jahrg. XIX. 



130 Rodgero Prümcrs. 

Sie bestand aus dem Kriegs- und Steuerrat v. Timroth^ 
dem Stadt- und Polizeidirektor Flesche, einer noch zu 
bestimmenden Justiz-Person, dem Polizei-Inspektor Tatzler 
und einem noch zu ernennenden Bau-Beamten. Letztere 
Stellung wurde dem Bauinspektor Triest mit dem Titel 
eines Oberbaudirektors und 3 Rthl. Diäten neben seinen 
bisherigen Bezügen übertragen^). Zu den Aufgaben der 
Kommission gehörte es, die Reinigung der Baustellen von 
Schutt und Steinen zu besorgen, die zu erweiternden und 
neu anzulegenden Strassen, Plätze und Baustellen abzu* 
steken und anzuweisen, für Herbeischaffung des Materials 
Sorge zu tragen, es zu revidieren und jährlich den Plan 
für den Retablissementsbau vorzulegen. Auch stand ihr 
die Untersuchung und Entscheidung aller vorfallenden 
Streitigkeiten zu. Die Appellation von ihrem Ausspruche 
ging an die Kammer und in weiterer Instanz an das 
Provinzial-Finanz-Departement Betrafen die Streitigkeiten 
aber blos jura privatorum, „so sollen selbige an das ordent- 
liche Gericht verwiesen werden, wobey jedoch der Kom- 
mission und nicht dem Kläger die Wahl des Fori frei stehen 
soll. Ueber alle in diesem Reglement vestgesetzten Gegen- 
stände soll aber gar kein Prozess gestattet werden". 

Es war eine überaus schwere Aufgabe, die zu lösen 
war; denn die Interessen befanden sich in schärfstem 
Widerstreite. Jeder wollte eine Baustelle in der Altstadt 
haben, keiner hatte Zutrauen, dass er in der Neustadt auch 
seine Nahrung finden wtlrde. Sie müssten ja armselige 
Bettler werden. Das drückt sich auch in der Taxe aus*),, 
die durch die Posener Kammer zwei Jahre später vor- 
geschlagen und vom Minister genehmigt wurde. 

Nach ihr galten die Grundstücke auf der Altstadt 
für die I. Klasse, ingleichen für die Breite-, Gerber-,. 
Grosse Juden-, Schlosser- und Schuhmacherstrasse 
12 Rthl. für die QR, in der übrigen Gegend 10 Rthl., 
auf der Neustadt in der Wilhelm- und Friedrichstrasse>. 

1) Ebendas. Vol. 3. Bestallung vom 9. Juli 1903. 
*) Geh. St. A. Berlin, Gen. Dir., Südpreussen, Ortschaften. 
1645. Vol. 10. Bl. a8. Taxe vom 2. Mftrz 1805. 



I 



Der grosse Brand von Posen am 15. April 1803. I31 

am Neuen Markte^), Berliner Strasse, Magazinstrasse und 
in dem von der Berliner Strasse nach dem Markte 
führenden Zuge 5 Rthl., von Kuhndorf ^ nach der Berliner 
Strasse und in den Strassen von der Berlinerstrasse 
nach Sl Martin 4 RthL, von St. Martin nach den 
neuen Gärten^) 3 RthL, in den neuen Gärten bis zu den 
Benediktiner-Nonnengärten 2 RthL, von da ab bis zum 
Ende der Stadt i RthL Die Gegend, welche zur Fischerei 
gehörte und nun zur Gerberstrasse gezogen werden 
sollte, wurde dagegen auf 10 RthL ftlr die [JR geschätzt 

Selbst die Verlosung der Bauplätze erwies sich als 
nicht so einfach, wie sie wohl gedacht war. Der 
Minister hatte entschieden, dass die Ouvriers, Handel 
und Gastwirtschaft treibenden Personen in allen Gegenden 
der Alt- und Neustadt möglichst auf die passendsten 
Stellen verteilt, und den Bauenden die Vorteile, welche 
mit ihren ehemaligen Grundstücken verbunden gewesen, 
soweit es die Umstände zuliessen, wieder zugewandt 
würden. Die Kommission aber war der Meinung, nur 
die Lage des abgebrannten Grundstückes könne für die 
Verlosimg in der Neustadt massgebend sein. Das Gewerbe 
oder sonstige Eigenschaft des Eigentümers sei gar nicht 
zu berücksichtigen, da derjenige, der von den Einkünften 
eines Hauses in der Breiten Strasse gelebt habe, ohne 
einen anderen Erwerbszweig gehabt zu haben, die 
gerechtesten Ansprüche habe, um ein Grundstück in 
bester Lage der Neustadt losen zu dürfen. Hiervon aus- 
gehend hatte sie die oben erwähnte Klassifizierung vor- 
genommen, und das Generaldirektorium konnte sich 
diesen Gründen nicht verschUessen*). 

Einen Vorschlag aber lehnte es zunächst doch ab, 
und das war die sofortige Einbeziehimg des jüdischen 
Begräbnisplatzes in den Bauplan, obgleich in der Gegend 

^) Der jetzige Königsplatz. 
^ Die jetzige Königstrasse. 
^ d. h. untere St Martinstrasse and Petriplatz. 
^ Geh. St. A. Berlin, Gen. Dir., Südprenssen, Ortschaften. 
Nr. 1645. Vol. 8. 

9» 



132 Rodgero Prfimcrs. 

der verlängerten Friedrichstrasse bis zum Königsplatz 
schon lange keine Beerdigung mehr stattgefunden. Im 
Prinzip freilich war die Enteignung des ganzen Terrains 
schon vorher angenommen. Durch Kabinets-Ordre vom 
10. März 1804 war festgesetzt, dass der jüdische Friedhof, 
welcher etwa den Raum zwischen der Theaterstrasse, Frie- 
drichstrasse und Wilhelmsplatz bis unterhalb der Linden- 
strasse einnahm, für öffentliche Zwecke nutzbar gemacht 
würde ^), trotz aller Einwendungen der jüdischen Gemeinde, 
welche zunächst religiöse Bedenken geltend machte und, 
als hierauf keine Rücksicht genommen wurde, wenigstens 
das Eigentum des Platzes für sich retten und ihn selbst 
bebauen wollte. Ein neuer jüdischer Begräbnisplatz 
wurde zwischen dem Wege nach Buk und Stenschewo 
von den Bauer Cinskischen Erben, vier Morgen gross, 
zum Preise von 120 Rthl. für jeden Morgen erworben. 
Eines eigentümlichen Vorschlages müssen wir hier 
noch gedenken, der von dem Maurermeister Schil- 
dener ausging. Er meinte nämlich, „Vorurtheile und 
Bigotterie dürfte die hiesige jüdische Nation bey der 
bereits geschehenen Aufhebung des Begräbnissplatzes 
derselben in die Verlegenheit setzen, einen zweckmässigen 
Gebrauch von den auf diesen Gräbern befindlichen 
Leichensteinen machen zu können, indem diese nicht der 
Gemeinde, sondern denenjenigen zugehören, die solche 
haben setzen lassen. Diese also oder deren Erben würden die 
Steine nach sich